(librikon) Ein Junge hat genug vom
einfachen, vorgezeichneten Hirtenleben in der Mongolei. Er zieht los.
„Fall nicht auf den hinein!“, möchten die Kinder (von 8 bis 14) ihm
immer wieder zurufen, aber der Junge würde sowieso nicht hören. Jedes
große Abenteuer entsteht aus Unbedarftheit. Die Suche nach dem richtigen
Weg, sie spricht den jungen Zuschauern aus der Seele.
Der schwedische Regisseur Renè Bo Hansen
kommt aus dem Dokumentarfilm. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der
Mongolei; einer seiner Film behandelt die Nöte der mongolischen
Straßenkinder. Seine Idee, die Tradition der Jagd mit einem Adler zum
Filmthema zu machen, führte ihn zu seinem Hauptdarsteller Bazarbai
Matyei, der sich selber spielt. Er hat einen Adler und nimmt ihn mit auf
seine Fahrt ins Ungewisse; der Adler hilft ihm an dem Wendepunkt der
Geschichte, der Rettung seines älteren Bruders.
Bazarbai Matyeis Laienschauspiel fordert
den westlichen Zuschauer heraus. Seine sparsame Mimik hat nichts mit den
expressiven Gesichtsausdrücken der bekannten, amerikanisch geprägten
Filmindustrie zu tun. In diese effektfreie, nach einem anderen Zugang zu
den Gefühlen verlangende Darstellung muss man sich erst hineinfinden.
Kein Nachteil: Kindern gelingt das.
Die Handlung des Films ist zwar nicht
gradlinig, aber in den einzelnen Strängen trudelt sie kein Mal. Kein
einziges angeschnittenes Thema wird überfrachtet; kein Mythenkitsch rund
um den Adler nach europäischen Wünschen, kein Sozialdrama aus dem
städtisch-verwahrlosten Milieu, keine große erste Liebe, für die man
alles stehen und liegen lässt, keine auf Atemberaubung angelegten
Landschaftsaufnahmen, wie sie die Konsumenten in den zerrütteten
Industriestaaten so mögen, um sich im Kinosessel zurücklehnen zu können
und ein bisschen verlorene Heimatfilm-Gefühle über sich strömen zu
lassen. Nichts davon. Ein guter Film, der in den Worten und Bildern
seiner mongolischen Darsteller von der fernen Mongolei und den nahen
Gefühlen Heranwachsender erzählt.
(librikon) Das Moor hat seine gefährliche
Symbolkraft auch für Zuschauer, die nicht wissen, was ein Moor ist. In
„Elina“ wird Kinderaugen von der ersten Szene an die filmische
Möglichkeit des Erahnens vorgeführt. Die titelgebende Hauptfigur, ein
Mädchen, das der finnischen Minderheit in Schweden angehört, läuft ins
Moor, besser: über das Moor. Alle im Dorf wissen, dass Elina sich
auskennt, das sie weiß, wo sie ihren Fuß hinsetzen kann, und wenn eine
Kuh zu versinken droht, dann Elina sagen, wie der Bauer sie retten kann.
Für Elina bedeutet das Moor wohltuende Einsamkeit, Ruhe und Freiheit, um
mit ihrem vor kurzem verstorbenen Vater zu sprechen. Elina weiß, dass er
dort ist, dass er mit ihr spricht und dass er hilft. Er hat ihr die Wege
durch das Moor gezeigt, mit ihm war sie immer hier.
Doch die Außenwelt will nicht, dass Elina
ins Moor geht. Die Mutter hat Angst um sie und es ihr verboten. In der
Schule herrscht der Ton der fünfziger Jahre, man will die Finnen im
Lande zu Schweden machen. Die Direktorin kämpft diesen Kampf sogar mit
der Begründung, man wolle sie doch zu Wohlstand und Teilhabe führen.
Deutschen Kindern von heute kommt der
Druck, der in dieser Schule herrscht, sehr bekannt vor; sie verstehen
zwar die historischen Hintergründe nicht, warum Elina rebelliert, damit
ihr Klassenkamerad Anton Finnisch sprechen darf, aber sie verstehen die
Dramatik, die aus Mächtigen und Ohnmächtigen entsteht, sehr gut. Weil
sie diese Art der Macht kennen, weil hier über die auch bei ihnen
täglich gespürte Lüge, man wolle nur ihr Bestes und unterdrücke sie
darum, erzählt wird. Durch ihre Courage wird ihnen Elina zur Heldin, mit
der sie gezittert haben, die sie auch abbringen wollten (mit
Zwischenrufen: „Lass das doch, Elina, mach’ es doch einfach wie die
anderen Kinder!“) und für deren Erfolg –als alle Kinder sich ihr
anschließen- sie ihr spannungsentladenden Applaus spenden.
„Elina“ braucht zwei Gebäude, eine Straße
und einen Ausschnitt Landschaft, um die großen Konflikte, die schon
Kindern begegnen, zu entrollen. Es braucht Schauspieler und deren
Gesichter, denen man den schnellen Wandel von Böse zu Gut abnimmt, und
„Elina“ hat, neben der Hauptdarstellerin Natalie Minnevik und dem jungen
lustigen Lehrer aus der Stadt, Henrik Rafaelsen, Bibi Andersson (ja, die
Bibi Andersson) als Direktorin mit dem Mienenspiel der schrecklichen
Staatsmacht. Der Regisseur konnte Verzicht bei seinen Mitteln üben, weil
er ein Thema hat. Klaus Härö ist 1971 bei Helsinki geboren, „Elina“ ist,
man mag es kaum glauben, sein Spielfilmdebut. auf Ruhig und unabgelenkt
folgen die zuschauenden Kinder dem Geschehen, sei verzweifeln nicht,
leben jedoch mit, und die ersten Gespräche nach dem Film drehen sich für
Zuschauer ab 11 um Freiheitskampf, für die jüngeren um den gestorbenen
Vater. Würde ihnen der Vater auch noch dann helfen, wenn er nicht mehr
lebt? Elinas Mutter muss ihr am Ende, am Grab des Vaters –Kinodramatik
ohne Kitsch!- sagen, Dass sie es war, die dem Vater beigebracht hat,
über das Moor zu gehen. Er hat es von der Mutter gelernt! Und dann
konnte er es erst Elina beibringen!
„Elina“
Nach dem Roman von Kerstin Johansson i
Backe
Spielfilm, 85 Minuten
Finnland / Schweden 2002
Regie:
Klaus Härö
Darsteller: Bibi Anderson, Natalie Minnevik, Marjaana Maijala, Henrik
Rafaelsen
(librikon) Die Urtümlichkeit des Pferdes
und das nicht von Gier entstellte Empfinden des Mädchens: Sie wirken
beide fremd in dieser Welt. Daraus entwirft der Regisseur Gunnar Vikene
Szenen, die die öde, undramatische, realistische Gegenwart als
Schauplatz haben, aber in denen die große Tragik nicht unterdrückt
werden kann. Das Mädchen - beziehungslos zum Großvater, der plötzlich
als kranker Mann vom Land weg in die enge Stadtwohnung und dann ins
Altersheim muss, in einer lieblosen, zwischen Beton und nur
übriggebliebenen Grasstückchen erkämpften Kindheit. Die anderen Kinder
sind dünner und können viel mehr. Da liegt die Lüge nah: „Ich bin eine
tolle Reiterin!“ Nie musste das bewiesen werden, aber nun begegnet das
Mädchen dem Schicksal eines Pferdes, Trigger nennt sie es nach dem Pferd
des Großvaters; Trigger soll geschlachtet werden. Erwachsene lassen sich
besiegen, aber wie ein Pferd retten, wenn man gar nicht mit Pferden
umgehen kann?
Die Bilder aus „Rettet Trigger!“ sind
kräftig. Die Blicke von Pferd und Mädchen, als sie sich auf den Gleisen
im Tunnel entgegenkommen! Der Sprung über die Brücke hinunter auf den
Parkplatz! Und die Gefühle dahinter: Die heftige innere Umschlungenheit
mit dem zuerst so unnahbaren Großvater, als er im Sterben liegt. Es ist
das große Kino für Kinder.
Spielfilm, 78 Min.
Norwegen / Schweden / Dänemark 2006 (DVD
2008)
Regie: Gunnar Vikene
Darsteller: Ann-Kristin Somme, Sven Volter,
Anneke von der Lippe