Zirkus Tornado oder
Wie Ingebrigt das Fürchten verlernen sollte
Nagel
und Kimche 2007
176
S., 14,90.-
ISBN 978-3-312-00977-0
Aus der Begründung:
„Zirkus Tornado“ macht aus
„der Zirkuswelt“ ein Sujet, bei dem es um
Vergeblichkeit, Versagens- und viele andere Ängste und den Umgang
damit geht. Die kleine Theatertruppe, die Aufführungen einstudiert,
laut ankündigt, scheitert, alles Ungemach abwendet, es immer
wieder zusammen versucht, setzt ein großes Thema in passende
Kinderbilder um. Verlierer, die um ihr Versagen wissen; Blessuren,
die sie davontragen; Gefühle, die helfen, sie wieder aufzurichten –
„Zirkus Tornado“ bringt genuin literarische Bewegtheiten ins
Kinderbuch.
Das
Autorenduo, Hanne und Klaus Hagerup, scheut sich
nicht, bekannte Details der Zirkuswelt zu verwenden, um sie
zunächst durch ständige Wiederholung – Anbringen der Werbeplakate,
Kartenverkauf, Ansagen der Nummern -, dann durch das stetige
Misslingen in ein neues Licht zu rücken. Eine Geschichte um
Übeltaten und Detektivarbeit ist darin verwoben und zeigt sich
ebenfalls in fremdem, frischem Gewand.
Die einfachen, überlegten
Aussagesätze wechseln sich mit aufgeregter Rede ab: Die Autoren sind
stilistisch auf ganz eigenen Pfaden unterwegs, und in diesem Stil
schwingen die Empfindungen der Leser mit. „Zirkus Tornado“ trifft
Kinder, weil es die täglich zelebrierte Welt der Sieger hinter sich
lässt und der von ihnen erfahrenen Welt eine Stimme gibt. Das ist
auch der gedankliche Bogen, der das gemeinsame Gespräch von Kind und
Erwachsenem über das Buch so wundervoll begleiten kann.
Ab
8
Bart Moeyaert:
Brüder
Hanser 2007
166 S., 14,90.-
ISBN-13: 978-3446207905
Aus der Begründung:
„Brüder“ von Bart
Moeyaert ist nur vordergründig ein Buch über eine große Familie und die
Kindheit in ihr. Der belgische Autor hebt den schweren Deckel, der auf
Familiengeschichten leigt, nicht, um die üblichen komischen Anekdoten zu
erzählen oder die Leser von einem Idyll, das kein Leck hat, zu
überzeugen. Er erzählt vom Zusammenleben. Dabei werden die feinen Fäden,
die die Menschen miteinander verbinden, die Fäden, die mal untrennbar,
mal brüchig sind und mal schnell reißen, sichtbar gemacht.
Bart Moeyart
hat dafür mit hohem literarischem Geschick den noch mit allen offenen
Nerven für Gefühle ausgestatteten Jüngsten der Familie als wahre,
identifikationsfähige Hauptfigur erstehen lassen. Sieben Brüder: Darin
liegt schon der Anklang an tragische Märchenkonstellationen, an tiefe
Verbindung und grausame Trennung.
Der Jüngste durchlebt eine Kindheit,
die wir als glücklich bezeichnen müssen, und unter ihrer Oberfläche
pulsieren dennoch die Konflikte, die das Leben von Anfang an begleiten.
Tiefe Ängste und purer Spaß: Beides stellt der Autor, von seinem mit
sicherer Hand ausgeführten Stil getragen, gekonnt nebeneinander. Ein
Buch, das nicht verliert, wenn man seine Passagen lesevergnügt vorliest.
Empfehlungsliste:
Bilderbuch 2008
Die empfohlenen Bücher:
Ab
3
Martine
Murray:
Henrietta
Fischer 2007
92 S., 10,90
ISBN 978-3-596-85220-8
Aus der Begründung:
Henrietta ist eine Bilderbuch-Type. Sie hat ihre
konsequent eigene Sicht der Dinge und erlaubt Eltern nur, wenn sie ihr
etwas erlauben. Sie ist ein echtes Kind, mit dem Wunsch nach ganz viel
Schokoladenkuchen, nach Unordnung und Matsch überall, nach Spielen, wo
und wie es Spaß macht.
Sie ist kein Kind von Erwachsenen Gnaden, und das
macht Henrietta zu einer Heldin, wie man sie aus Bilderbüchern der
sechziger Jahre kannte (in der Literaturgeschichte des Bilderbuchs
zeitlich nach
der großen Strenge und vor der von Erwachsenen erzwungenen Infantilität
und damit Pseudo-Freiheit). Heute aber ist „Henrietta“ einzigartig, eine
Wohltat für die kleinen Zuhörer und die Vorlesenden, die beide
gleichermaßen die ehrliche Fröhlichkeit des kleinformatigen Büchleins spüren.
Durch
kinderlogisch gereihte Sätzen, durch eine lebenszugewandte Sprache,
durch wild gesetzte, tanzende Buchstaben und Bilder, die für ihre
Lebendigkeit keinen anderen Farbzusatz als rot benötigen – durch all das
hat die Australierin Martine Murray ein auf den ersten Blick
unauffälliges, beim genaueren Hinsehen aber literarisch und
gestalterisch unabhängiges Kleinod geschaffen.
Ab
4
Crockett Johnson:
Der Zauberstrand
Hanser 2007
68 S., 14,90.-
ISBN: 978-3-446-20855-1
Aus der Begründung:
„Der Zauberstrand“ von Crockett Johnson
(1906 bis 1975) stellt fast schmerzhaft unter Beweis, dass selbst das
Bilderbuch keinen Hochglanz, keine überdrehten Zusatzgimmicks, ja nicht
einmal Buntheit benötigt.
In pappkartonfarbenen, schwarz umrandeten
Bildern erzählt der amerikanische Autor eine Geschichte voller
Unglaublichkeiten, die durch die wie selbstverständlich dahingezeichnete
Umsetzung so wirklich werden, wie Kinder sie täglich erleben. Die
Figuren - nur als Umrisse in den Bildern festgehalten - werden in dem
Text, der den Anspruch der Kinder, eine
richtige Geschichte erzählt zu bekommen, ernst nimmt, bunt und
lebendig.
Sprache und Bild wirken hier im Vergleich zu anderen
Bilderbüchern wie vertauscht, und für die Betrachter und Vorleser ist
„Der Zauberstrand“ die Chance, mit den Kindern „vorzuempfinden“, was
Literatur alles kann. Es ist ein erster, wichtiger Schritt zur Schulung
des Geschmacks.