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Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

Und der Abwasch bleibt liegen

Gespräche über Kinderbücher und alles andere in einer Kulturwissenschaftler-WG

Teil I

 

Von Jan Fischer

 

Beim Frühstück finde ich Mitbewohnerin J. in der Küche.

„Ich muss doch“, sage ich, „diese Kolumne schreiben, über Kinderbücher und so, weißt schon.“ J. blickt verwirrt von ihrem Kaffee auf. „Und?“, fragt sie. „Na, sage ich, „du schreibst doch Kinderbücher.“ „Ein Kinderbuch“, sagt sie, „Ich habe nur eines geschrieben. Und du schreibst über Kinderbücher“ „Ich brauche ein Thema“, sage ich, hilflos mit den Armen rudernd. „Googles doch“, sagt sie.

Ich klappe den Laptop auf, und gebe „Kinderbuch“ bei der Google-News-Suche ein.

 „Das ist ja schrecklich“, sage ich. „Hmm?“, sagt J. „Na hier, Ingo Schulze hat ein Kinderbuch geschrieben, 'Der Herr Augustin'“. „Na und? Alexa Hennig von Lange hat auch eines. Und wir mögen Ingo Schulze“, sagt sie. „Ach, der ist egal“, sage ich, „aber hier: Die 'Welt' bespricht das, und sie schreiben, dass sies gut finden, wenn jetzt, ich zitiere, 'große Schriftsteller' Kinderbücher schreiben, und schlagen allen Ernstes vor, Günther Grass solle auch mal eines machen.“ „Und?“, sagt J. „Na, stell dir doch mal vor,  dieses Grass'sche Hardcore-Nazi-Zeug, als Kinderbuch, der liebe freundliche Opa entpuppt sich als SS-Killermaschine, und im Hintergrund versinkt im Abendrot die Gustloff.“

J. trinkt einen Schluck Kaffee.

„Ist doch gut“, sagt sie, „da hast du doch dein Thema“. „Nein, nein“, sage ich, „in der Email steht, ich soll mit 'spitzer Feder gesellschaftspolitische Themen' anpacken, oder so. Das ist ja jetzt nur Literatur, das ist ja nicht gesellschaftspolitisch.“

Wir schweigen, und ich trinke noch eine Tasse Kaffee. Hibbelig klicke ich auf einen weiterführenden Link.

„Das ist doch was“, sage ich. „Sprachtest für Kinder im Vorschulalter. Das soll jetzt irgendwie standardisiert werden, und Pflicht für alle“ „Für alle?“, fragt J. „Naja“, sage ich, „das geht natürlich vor allem Richtung Ausländer. Hier steht: 'Jedes Kind zählt.' Das hat ein Mensch namens Tillich gesagt. Der macht irgendwas mit Politik in Dresden.“ „Hat das was mit Diskriminierung zu tun?“, fragt J. „Eher nicht“, sage ich, „ist ja für alle. Man fällt ja nur durch, wenn man die Sprache wirklich nicht kann. Die wollen eine Kooperation mit der Wirtschaft.“ „Deutsch lernen mit Thyssen-Krupp?“ „So was in der Art“, sage ich, „und jetzt?“ „Wir versuchen in Ruhe zu frühstücken?“ sagt J. „Genau“, sage ich eifrig und schmiere ein Nutella-Brot, „jetzt muss ich das nur noch verbinden, Ingo Schulze, Sprachtest für Kinder, Wirtschaft mischt sich ein, und presto kollumno.“ „Und wie willst du das machen?“, fragt J. „Weiß nicht“, sage ich, Ingo Schulze schreibt im Auftrag von Thyssen-Krupp oder so einem Texte für den Sprachtest, die die ausländischen Kinder dann lesen müssen? Bin ich wohl eher dafür oder dagegen?“ „Denk nochmal nach“, sagt J., „Der Kaffee ist alle. Ich gehe jetzt an den Computer. Du bist dran mit dem Abwasch.“ „Och Mann“, sage ich. „Du bist ein Idiot“, sagt der Küchentisch. „Ruhe“, sage ich, „du kommst erst in der nächsten Folge. So viel Personen gleichzeitig, das verwirrt den Leser.“

 

Der Autor studiert Kulturjournalismus. Demnächst erscheint sein Essay „Von zwei Welten. Lose Notizen zum Verhältnis von Kinder- und Erwachsenenbüchern“ in der Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur im Autumnus Verlag.

 

 

Und der Abwasch bleibt liegen

Gespräche über Kinderbücher und alles andere in einer Kulturwissenschaftler-WG

Teil II

 

Von Jan Fischer

 

Aus dem Zimmer von Mitbewohnerin M. kommen Kinderlieder. Ich stehe auf und klopfe an ihre Tür. „Ich sollte doch in dieser Folge drankommen“, ruft der Küchentisch mir nach. Ich beachte ihn nicht. „Was ist das denn?“, frage ich M. Vielleicht glaubt sie wieder, dass sie schwanger ist. Das passiert in der WG manchmal.

“Kimya Dawson“, sagt sie. Kimya singt gerade von sieben hungrigen Tigern, die in ihrer Unterwäsche sind,  während im Hintergrund etwas passiert, das sich anhört wie Kinder, die auf Kochtöpfen herumzuklöppeln. „Normalerweise“, sagt M., „macht Kimya Dawson was anderes.“ „Das machen Leute immer wieder“, sage ich, und beginne zu dozieren, „in meiner Kolumne diese Woche, da geht es genau darum, diese Leute, die normalerweise was anderes machen, und dann plötzlich anfangen, was für Kinder zu machen“. Kimya scheint mittlerweile das Problem mit den sieben Tigern überwunden zu haben. Im nächsten Lied geht es ums Pipimachen.

„Weißt du“, frage ich M. „noch jemanden, der so was macht? Also diese Kindersache“ „Googles doch“, sagt M. „Geht nicht“, sage ich, „mit meiner eigenen Inkompetenz habe ich schon letzte Woche kokettiert. Diese Woche muss was rumkommen.“ „Naja“, sagt M. und öffnet auf ihrem Computer irgendein Celebrity-Blog, „hier, diese Soulfrau, Dionne Warwick, die hat auch gerade ein Kinderbuch gemacht.“ Ich lese den Artikel ganz. Das Buch ist autobiographisch, und handelt von einem Mädchen namens Little D., das entdeckt, dass es singen kann. Offenbar hat noch nie jemand davon gehört.

„Naja“, sage ich, „ich hätte gerne so was wie, ich hab letzte Woche gelesen, dass diese Häftlinge, in Leipzig, glaube ich, ein Kinderbuch gemacht haben, 'Wir treffen uns im Traum', heißt das, ich habs nicht gelesen, aber dazu wollte ich einen zynischen Kommentar schreiben, weißt du?“ M. nickt.

„Und dann, sage ich, „wollte ich das ganz smooth überleiten in so eine Initiative von Heinz Hoenig, Heinz der Stier heißt die, da grillt er zusammen mit seinem Sohn und irgendwelchen anderen B-Promis für Kinder und vermutlich auch für den Weltfrieden. Dazu schreibe ich, dass er das eigentlich nur fürs Image macht, nicht für Kinder, obwohl das natürlich unfair ist. Aber das wäre auch nur eine Vorbereitung gewesen für den letzten Tiefschlag, weil nämlich demnächst ja auch Weltkindertag ist, da geht’s darum, die Kinder auf die Welt vorzubereiten, das ist deren Thema dieses Jahr, da ist eine Feier am Potsdamer Platz, da müssen die Kinder so Gehirnjoggingzeug machen, und irgendwelche Übungen für die Motorik, das hört sich für mich eher nach Drill an. Und natürlich nach einer Selbstbeweihräucherungskampagne für die Politik. Das ist sowieso total surreal, Schirmherr ist Frank-Walter Steinmeier, und Enie van de Meiklokjes moderiert die ganze Sache, kannst du die die beiden auf einer Bühne vorstellen?“

M. ist mittlerweile eingeschlafen. Ich rüttele sie wach.

„Weißt du“, sage ich, „so sollte das in etwa aussehen, wie soll ich denn da noch eine Dionne Warwick einbauen? Das geht irgendwie nicht.“ „Du bist der Schreiber“, sagt M., „Ich muss jetzt los. Es gibt Leute, die arbeiten was richtiges.  Kannst du heute noch abwaschen? Da ist wieder was zusammengekommen.“ „Na gut“, sage ich.

Ich setze mich wieder an den Küchentisch und streichele ihn versöhnlich. Um meine Beine streicht unser homosexueller Kater P. „Du auch noch?“, sage ich.

 

Der Autor studiert Kulturjournalismus. Demnächst erscheint sein Essay „Von zwei Welten. Lose Notizen zum Verhältnis von Kinder- und Erwachsenenbüchern“ in der Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur im Autumnus Verlag.

 

 

Und der Abwasch bleibt liegen

Gespräche über Kinderbücher und alles andere in einer Kulturwissenschaftler-WG

Teil III

 

Von Jan Fischer, Palermo

 

Der Kater schnappt nach mir, der Küchentisch auch. Meine Mitbewohnerinnen M., J. und, neu in dieser Folge, L. stehen um mich herum. Sie haben diese Kolumne im Internet gefunden.

„Hör auf“, sagt M., „Lügen über uns zu verbreiten.“ Sie wollen, dass ich schreibe, dass nichts von dem, was ich über sie geschrieben habe wahr ist.

„Was ist wahr?“, sage ich, „was ist Lüge? Ich bin doch Dekonstrukti – aua“ L. hat mir mit einem stumpfen Gegenstand in den Nacken geschlagen.

„Nein, ernsthaft“, sage ich, „das hier ist doch ein toller Einstieg für die Kolumne, es geht um Wahrheit und Lüge, wisst ihr? –au. Hör auf, das tut weh.“

„Schaut doch mal“, sage ich, und entferne einen Katzenzahn aus meinem Knöchel, „hier, die Bundesregierung hat eine neue Internetseite für Kinder: regierenkapieren.de. Da kann man sich doch mal fragen, was da so verbreitet wird? Wo hört die Information auf? Wo beginnt die Propaganda? Warum sagt Angela Merkel in der Videogrußbotschaft tausend Mal das Wort Kinder?“ „Das“, sagt M., „stimmt vielleicht, aber du sollst aufhören uns als Vehikel für deine Kolumne zu benutzen. Wenn du über uns schreibst, dann so, wie wir sind. Ich bin gar nicht so grantig wie in der letzten Folge.“ M. hält ein Nudelholz in der Hand.

„Schau“, sage ich, „das sind kleine Lügen, im Dienst der Sache. Ihr seid Figuren. Hier, George W. Bush, der hat auch eine Internetseite für Kinder: whitehouse.gov/kids. Da kann man einen virtuellen Gartenrundgang mit Mrs. Beazley, seiner schottischen Terrierdame machen. Ist das was wir unter politischer Bildung für Kinder verstehen wollen?“ Ich stelle rethorische Fragen,  während ich versuche, dem Stifthagel auszuweichen, den J. auf mich wirft.

„Du“, sage ich zu ihr, „solltest es doch besser wissen. Ich meine, kann es denn das sein? Diese Autoren aus aller Welt, die haben einen Brief geschrieben, an die UN, weißt du, was die darin fordern? Bildung für alle. Das fordern die. Die wollen, dass Kinder lesen. Was ja gut ist. Aber gibt es ein patherischeres Mittel als dazu einen Brief an die UN zu schreiben? – au.“ Das war wieder L. Der Schlag in den Nacken. Sie hat ja recht. Ich will hier meinen Hals aus der Schlinge ziehen, und beginne völlig absurde Positionen zu vertreten. Aber etwas muss da doch dran sein. Was zum Beispiel kann es bedeuten, dass Kinder sich mit Managern treffen, im Rahmen der sogenannten Kinder Business Week, und die Manager verraten dort ihre „Erfolgsgeheimnisse“? In einer paranoideren Linken Weltsicht wäre es Gehirnwäsche. Schönfärberei. Aber wahrscheinlich stimmt das überhaupt nicht. Wer weiß das schon? Man müsste -

„Wir haben“, reißt mich M.s Stimme aus meinen Gedanken, „eine Entscheidung getroffen. Wir werfen dich raus.“ Pepe maunzt. Der Küchentisch lacht hämisch.

„Außerdem“, sagt L., „hast du nie den Abwasch gemacht.“

Ich versuche, das mit Fassung zu ertragen. Es ist schwer. Meine Mitbewohnerinnen werfen mich raus. Ich wähle Sizilien als mein Exil.

 

 

Und der Abwasch bleibt liegen

Gespräche über Kinderbücher und alles andere in einer Kulturwissenschaftler-WG

Großes Finale - Doppelfolge

 

Von Jan Fischer, Palermo

 

„Weißt du“, sage ich zur Freundin L.J., die mich in meiner Stammgelateria in meinem sizilianischen Exil besucht, „diese Woche habe ich keine Lust, das Internet umzugraben nach irgendwelchen Meldungen über Kinderbücher oder Kinder oder Politik mit Kindern!“

„Das ist gut“, beginnt sie sich zu ereifern, Arbeitsverweigerung als Statement über den desolaten Zustand der Welt, und vor allem der Welt für Kinder, und außerdem: Jetzt, wo du hier bist, und nicht mehr nach Hause darfst, da hat doch wenigstens der Untertitel keinen Sinn mehr, oder? Und abwaschen musst du hier auch nicht.“ Sie schleckt aufgeregt an ihrem Zitroneneis. „Guck“, sagt sie, „hier sind Zitronenschalenstücke drin“. Ich löffele bedächtig den Zuckersatz vom Boden meiner Espressotasse.

„Nein“, sage ich, „ich dachte mehr an, schau, wir drehen das Konzept einfach mal: Anstatt die Medien zu beobachten, wie sie irgendwas für sie Relevantes über Kinder usw. beobachten, mache ich meine eigenen Beobachtungen. Ich bin jetzt als Kulturforscher hier.“

„Und du erforschst was?“, fragt L.J. „Der Ansatzpunkt ist klar“, sage ich, „du kennst doch das Klischee, Italiener – Bambini hier, bambini da, für den Anfang könnte ich mich fragen, was da dran ist“ Wir sehen uns auf der Terrasse der Gelateria um. Es ist kein Kind hier. Nur ein verzweifelter, indisch aussehender Rosenverkäufer dreht seine Runden.

„Gut“, sage ich, „ich stelle einfach mal eine Theorie auf: Was wir, als Deutsche, von Italienern wissen, wissen wir entweder von Goethe oder wir wissen es von Reiserzählungen, von irgendwelchen Bekannten. Die sich meistens in Touristenstädten rumtreiben. Es könnte doch so sein: Die Italiener mögen gar keine Kinder und die in den Touristenstädten, die wollen den Touristen was verkaufen. Das geht doch am besten über die Kinder. Die quengeln dann, oder die ganzen stolzen Mütter und Väter sind einfach gerührt, dass sich jemand um ihre Kinder so sehr sorgt und kümmert, da lassen die auch gerne mal ein bisschen mehr Trinkgeld da.“ „Gute Theorie“, sagt L.J., und wie willst du die beweisen?“ „Gar nicht“, sage ich, „muss ich ja auch nicht. Ich stelle erstmal nur auf. Ist ja eine Kolumne.“ „Dann“, sagt L.J. „stelle ich mal die Gegentheorie auf: Vielleicht sind Italiener unglaublich großherzige Menschen und helfen einfach gerne jedem, und mögen ganz besonders Kinder. Ist ja auch normal: Kinder sind niedlich. Das ist ja die einzige Überlebensmöglichkeit, die die Evolution ihnen mitgegeben hat. Kindchenschema und so“. „Dann“, sage ich, „hängen wir jetzt erstmal in der Luft.“ „Hast du nicht gesagt“, sagt L.J., „dass du diese Woche eine Doppelfolge machst? Als Finale?“ „Ja“, sage ich, und bestelle auch noch eine Kugel Zitroneneis, „wir blenden jetzt auch sofort in den Werbeblock“

„Sag mal“, fragt L.J. später am Tag, während sie ihre Haare im Marmorwaschbecken meiner Exilvilla wäscht, „wirst du nicht ein bisschen arg selbstreferentiell, mit Werbeblock, und jetzt schreibst du noch nicht mal über Kinderbücher oder Kinder, oder so, sondern nur über uns und unsere halbgaren Theorien?“ “Hast schon recht“, sage ich, „ich hab die Metaschraube vielleicht ein bisschen hart angedreht, aber da komme ich ja jetzt nicht mehr so einfach raus.“ „Du musst doch nur in ein Internetcafé gehen, ein bisschen rumgooglen, fertig“ „Ja, sage ich, „aber das ist doch so teuer. Weißt du, dass hier ist ja auch gar kein Marmorwaschbecken in einer Exilvilla, das ist ja nur ein siffiges Emailleteil auf einem Campingplatz, und das Wasser ist noch nicht mal warm.“ L.J. sieht mich verwirrt an.

„Ich weiß“, sagt sie. Wir gehen zurück zum Zelt und beobachten, wie eine Großfamilie mit zwei Wohnmobilen anrückt und sich ausbreitet. Ein kleines Mädchen springt aus einem der Wagen, winkt uns zu und setzt sich auf einen weißen Klappstuhl. Sie beginnt zu lesen. Ein Junge, vielleicht zwölf, nimmt sein Handy heraus und beginnt, Klingeltöne abzuspielen. Das Mädchen sagt ihm, er soll leise sein. Es gibt Streit, den die Eltern versuchen zu schlichten, während sie Vordächer aus ihren Wohnwagen ausfahren.

„Weißt du“, sage ich zu L.J., „das hier bringt doch nichts. Zu laut. Kein Internet. Wer soll denn da eine Kolumne schreiben?“ „Du“, sagt sie. Ich nehme mein Handy und wähle die Nummer meiner WG. J. geht ran.

„J.“, sage ich, „Tut mir leid. Ich komme zurück. Ich kann hier nicht arbeiten, ich produziere nur selbstreferentielles, komisches Zeug, das niemand lesen will, und weißt du was? Diesmal wasche ich auch ab. Wirklich. In ein paar Tagen bin ich wieder da. Sag dem Tisch Bescheid.“ L.J. seufzt. Die Familie neben uns hat begonnen, lautstark Uno zu spielen.

ENDE

 

 

Der Autor studiert Kulturjournalismus. Demnächst erscheint sein Essay „Von zwei Welten. Lose Notizen zum Verhältnis von Kinder- und Erwachsenenbüchern“ in der Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur im Autumnus Verlag.

 

 

 

 

Hoch

 

 

 

 

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass Agrammatismus in den besten Familien vorkommt. Erwiesenermaßen ist er aber bis zum Lebensalter von sechs Jahren verschwunden. Leider werden nun aber die Sprachtests für Vierjährige eingeführt. Da könnte es unangenehme Überraschungen geben, denn es sind die deutschen Prüfer, die bisweilen ihren Agrammatismus noch nicht überwinden konnten, was die Kinder aber voraussichtlich erst merken, wenn sie sechs sind und ihn überwunden haben. Die dafk hat an einem der Tests als Beobachterin teilgenommen und musste enorme Fälschungsversuche konstatieren. Die Prüferin hatte noch nie in ihrem Leben das Wort „Ich“ korrekt ausgesprochen. Es bleibt bei der niemals und durch keinen Politiker sowie gekauften Wissenschaftler auszuhebelnden Realität, dass nur, wer zunächst seine Muttersprache beherrscht, zu den Höhen anderer Sprachen vordringen kann. Die frühenglisch geplagten deutschen Kinder können nun leider gar nichts mehr, und dank des Prüfungsstress als Vierjährige werden sie auch psychologische Barrieren beim Lernen aufbauen. Wie wir den etwas schwer verständlich formulierten Zielen entnehmen konnten, lautet das Ziel: Die guten Chancen der türkischsprachigen Kinder auf wirkliche Zweisprachigkeit sollen durch diese Tests zerstört werden, um die schlechten Chancen der anderen Kinder zu verbessern. Es könnte zu erreichen sein. Fazit: Ein guter Beitrag zu Ausgleich und  Gerechtigkeit.  

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass die Vorbemerkung des Übersetzers vom (wundervollen) „Kleinen Nick“ langsam Kultstatus einnimmt. Übertragt es nicht in den Deutschunterricht, so redet nur der kleine Nick! sagt er uns und spricht damit die Formel aus, die alle Eltern deutschbegabter Kinder, die von den als Deutschlehrer verkleidete Büroklammern schlechte Noten bekommen, weil sie Talent haben, weil sie alles können, nur nicht das Schema erfüllen (vielleicht: nicht erfüllen können). Dass der Übersetzer fortfährt und sagt, da den Nick und seine Freunde überall geben könnte, habe er die Namen übersetzt, d.h. ihnen andere Namen gegeben, das ist natürlich nur dem Geist der Zeit, als der erste „Kleine Nick“ erschien, geschuldet. Heute würde man nie mehr Namen verändern, in einem Buch aus Frankreich hieße niemand unbedingt Nick, und man würde Otto auch nicht nach Norderney fahren lassen. Nicht nur, weil Kinder heute mehr Horizont haben, sondern auch, um das Buch besser unter die Leute zu bringen. Das Timbre eines anderen Landes ist gewünscht und kommt gut an. Man sieht das bei den Kinderbüchern aus Australien, die mehr und mehr den Weg nach Deutschland finden. In ihnen haben die Kinder selbstverständlich englische Namen, und Jane und John reisen natürlich nach Canberra, und nicht Sabine und Klaus nach Bonn. Allerdings wird es manchmal, da hat der Übersetzer vom „Kleinen Nick“ schon recht, auch mal schwer, sich noch zurechtzufinden als Kind. Da bedarf es einiger, recht langweiliger und witzloser Erklärungen, wer die Mannschaft „Tigers“ ist, die in dem (wundervollen) australischen Kinderbuch „Henrietta“ vorkommt. Erleichtert ist man dagegen, wenn am nächsten Abend das (wundervolle) Vorlesebuch „Ayda, Bär und Hase“ ist. Da steht der 1. FC Köln drin und da ist der 1. FC Köln gemeint. Ganz leicht.

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass in den Kinderbüchern noch die alte, gute Arbeitswelt herrscht. Ab und zu lässt sich zwar erahnen, dass Vater oder Mutter ihr Brot als Area Sales Manager oder als Online Business Project Manager verdienen, aber genannt werden diese, die nie versiegende Phantasie der Erwachsenen beweisenden Berufsbezeichnungen nie. Es ist, im Gegenteil, alles klipp und klar, und selbst die Ausübung des Berufes folgt noch den echten Standesregeln. Hire and fire bei Meister Eder? Nein! Projektsteuerung in Detektivin Waldmeisters Hutmacherei? Hilfe! Evaluation von Professor Tibatongs Forschungsleistungen? Petersson und Profit Center? Zum Glück kein Wort davon! Die Berufswelt hat sich weit entfernt von den Kinderbüchern, was nicht der Kinderliteratur, sondern der Berufsausübung zu denken geben sollte. Überall kann sich eben kein Kind, kein Urmel, keine Katze wohlfühlen. Pumuckl bei Webmaster Eder? Das tut uns nicht einmal ein Event Manager an.

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass die Verkleinerungsform für zeitgenössische Kinderbuchfiguren praktisch nicht mehr verwendet wird. Starke Mädchen, Jungs schon gar nicht, enden nicht auf -chen. Die Hamburger Elise-Averdiek-Schule, die es nicht mehr gibt, wurde zum Beispiel noch nach einer Kinderbuchautorin benannt, also nach Elise Averdiek, bei der die Hauptfiguren noch Lottchen und Mariechen hießen. Das wäre ja egal, nur kann man die piefigen Bücher aus anderen Gründen nicht mehr lesen. Insgesamt kann man über -chens ja auch wunderbar hinwegschauen, haben wir ja auch all die Jahre getan (Peterchens Mondfahrt, Kerlchens wundersame Reise, Gretchen Sackmeier und auch das Anettchen aus den Meffi-Büchern). Aber heute? Tut sich doch kein Dichter mehr an, eine Heldin, die ein das vor dem -chen führen muss. Streng genommen müsste das "Kinderbuch in gerechter Sprache" auch das Mäd-chen endlich in Ordnung bringen. Bestehen bleiben dürfte allerdings das -chen, wenn es eine Gruppe bezeichnet, vielleicht auch eine Kleingruppe, denn verlieren wollen wir natürlich nicht das doppelte Lott 

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass „Pixi“ eine echte Gattungsbezeichnung ist, also etwa wie „Tempo“ oder „Q-Tips“. Der Name ist zum Oberbegriff geworden. Allerdings, nicht überall stimmt diese Wahrheit. Haben Sie schon einmal versucht, bei Aldi nach Q-Tips zu fragen? Es gibt zwar Q-Tips in deren Sortiment, aber diesen Namen dafür, den kennt da niemand. Stellt sich die Frage: Wie fragt man danach? Hilft nur beschreiben, und schon ruft’s aus Aldi: „Ach so, Ohrstäbchen!“ Ohrstäbchen! Wäre beinahe verloren gegangen gegen das unschöne Q-Tips. Aber wie findet man nun das andere Wort für Pixi? Bei Aldi nachfragen? (Wie gut, dass eines der besten Pixi-Bücher „Hol Milch!“ heißt. Wenigstens kaufmannsladenkompatibel.) Bei Aldi gibt es ja nur ab und zu Kunstbände, keine Pixi-Bücher. In Buchhandlungen? Die kennen nur den Begriff Pixi, die verbildeten. Getackerte Bilderbücher? Hugendubler schauen verständnislos. Aber ein anderes Wort außer dem Markennamen? Less is more, hat Mies van der Rohe gesagt. Mit Pixi-Büchern hatte der natürlich nichts zu tun, er war ja nicht Per Hjald Carlsen, der die Pixi Bücher 1953 nach Europa holte. Und den Namen ganz langweilig übersetzte (allerdings auch das Format, 10 mal 10 cm, schützte). A Pixie Book hieß das erste gute Stück davon, 1948 in Kanada herausgegeben. Das gibt es doch nicht – weltweit Pixie, Pixi etc.! Aber nichts, was es nicht gibt, und natürlich gibt es einen neutralen Gattungsoberbegriff: Etuibüchlein. So schön wie Ohrstäbchen und auch so funktional. Da, wo man es reinstecken kann. Etuibüchlein! Adieu, pixi!

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass vierzig Jahre auch bei Standards für Übersetzungen eine lange Zeit sind. „Der kleine Nick“ hat zum Glück denselben Übersetzer, heute wie in den sechziger Jahre, Hans-Georg Lenzen. Doch wie heute lektoriert wird, das hat sich geändert. Die alten „Nicks“ haben eine viel anarchischere Kommasetzung, da werden die Schlangensätze einfach übernommen und durch nichts getrennt und gegliedert; wenn Nick mit seinem miesen Fleißheft nach Hause muss und bummelt, wie es nur geht, dann steht da kein Komma, nirgends. In den neuen Nicks ist das ganz anders, da wird Lesehilfe gesetzt, wem Lesehilfe gebührt. Neben den Kommata gehören dazu auch Absätze, die die wörtliche Rede optisch vom Rest absetzen. Es wird leichter für die, die mit dem Kleinen Nick groß und über ihn alt geworden sind. Für junge Leser ist Charme verlorengegangen.

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass jenes, was Kinderbücher von anderen Büchern unterscheidet, nicht beim Lesen von Kinderbüchern zu merken ist. Man bemerkt es eventuell auch gar nicht beim Lesen. Untersuchungsobjekt der Studie „Die Unkorrumpierbarkeit des Kindes“ (die genauso wenig erstellt wurde wie es (dafk) gibt) war der Kinofilm „Bullitt“ mit Steve McQueen. Bullitt, Spezialpolizist, lässt den karrieresüchtigen Politiker auflaufen, er ist unabhängig, sein Charakteristikum ist Ehrlichkeit. Unfähig, sich anzupassen, schweigt er lieber und handelt in seinem Rahmen. Viel geht schief, aber die miese Außenwelt kann ihn nicht verdrehen. Die Aussagekraft besticht wieder, nach all den Jahren, in denen die Scheußlichkeiten der Politwelt überall hoffähig wurden. Und da sind die Implikationen für das Kinderbuch. Kinder lassen ständig auflaufen. Sie haben den größten Part an Zukunft, leben aber ohne Zukunftsgier. Sie tun, was sie zu tun haben. Das macht die Kinderliteratur derzeit so attraktiv für Erwachsene. Während sie Wirtschaft und Wasser predigen, spüren sie doch die Kraft der Unabhängigkeit, wie Kinder sie haben. Gespenster in Kinderbüchern machen Kindern Angst. Echte Helden in Kinderbüchern Erwachsenen: Kinder sind Bullitt. Zittert schon mal.     

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass die Spezies „Onkel“ eine lange Tradition in der Kinderliteratur hat. Der Onkel, das war der gute, etwas täppische ältere Alleinstehende, der für Kinder Zeit, Nerven und Spaß hatte, der oft näher an den Kindern als an den Erwachsenen war. Max und Moritz zeigten ihre größte Bösartigkeit in ihren harmlosestem Streich – Maikäfer in Onkel Fritzens Bett. Kästners Kinder genießen es im „35. Mai“, dass es den Onkel Ringelhuth gibt. Der hilft, baut Brücken zur Erwachsenenwelt, der tut gut. Der „Onkel Tobi“ aus den gleichnamigen Büchern dann scheint das vorläufige, traurige Ende dieser Tradition zu sein. Denn den guten, alten Onkel, Hagestolz und Junggeselle, hilfsbereit, einfühlsam und irgendwie wohltuend anders als die Eltern, den gibt es im Kinderbuch nicht mehr, der ist der Wirklichkeit zum Opfer gefallen, in der es ihn jetzt zuhauf gibt. Ersetzt haben die Literaten ihn bis dato nicht. Ein Charakter, der fast gänzlich aus dem Kinderbuch verschwunden ist. Wir vermissen ihn.

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

dass die Sprache im Kinderbuch schneller veraltet als in allen anderen Literaturgattungen. Kinderbücher möchten eben näher am Kind sein, da bedient man sich der Modebegriffe der Zeit. Doch auch die erzählenden Werke, die sich einer vermeintlich zeitlosen Sprache verschrieben haben, geraten schneller als früher in die Gefahr, nur noch mit worterklärenden Fußnoten gelesen werden zu können. Der Wortschatz der Kinder verändert sich durch Computergames und Indoor-Spielplätze eben sehr. Das Barometer dafür sind die lächerlich veralteten Poesiealben – die natürlich nicht an sich veraltet sind. Aber sie wurden ersetzt durch vorgefertigte, mit Fragen und Zeilen für die Antworten versehene Scheußlichkeiten, die zwar nicht geschmackloser als das nunmehr aus der Poesiealbenwelt vertriebene „In allen vier Ecken…“ sind, aber doch in seinem Grundsatz dümmer: „Ich habe Sinnloses, also bin ich.“ Dass da selbstverständlich nicht nach dem Lieblingsbuch, sondern nach Games gefragt wird, ist nur logisch. Was getan wird, ist keiner Rede wert. Alles Substantive! Ihrer Anzahl nach haben sie sich  im Gebrauch der Kinder nicht verändert, es sind nur andere geworden. Aber Verben! „Das kleine Gespenst“ von Otfried Preußler ist bekannt als Buch für kleine Leser. Das ist gut so. Doch Größere, mit der allseits zu diagnostizierenden Verbenschwäche, können es nicht mehr erklärungslos erfassen. Allein ein Satz wie: „Heulen und fauchend stob es von einer Ecke des Rathausplatzes zur anderen.“ Stob? Hä? Ein reges Leben führen nur noch die Wörter, die käufliche Waren bezeichnen. Also Bücher wie "Das kleine Gespenst" - bald nur noch mit Textapparat.

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass, Literatursprache sich dadurch auszeichnet, dass sie nicht in aller Munde ist. Die Kinderbücher sind da in einem gewissen Dilemma, denn natürlich wollen sie von Kindern verstanden werden. Kinder sollen schon das Gefühl haben, diese Sprache ist ihre Sprache, ohne dass da ein Erwachsener verkrampft so tut, als könnte er wieder Kindsein. Literarisch und nah; schwierig! Aber ein Wort fällt immer wieder auf, weil es locker eine Brücke baut. Kein Kind sagt es im Alltag, aber jedem Kind ist es nah: „Verflixt“ ist es natürlich. Gerade begegnet es uns in „Die Inselschüler – Gefahr im Watt“ (vorgestellt in der Rubrik „Wider die Leseförderung“). Es begeistert seit James Krüss’ Zeiten, dieses kleine Wort aus der Literatursprache, weil es ein Beispiel ist von: Kinderliteratursprache. Ein recht junges Wort: Erst seit dem 19. Jahrhundert ist es, nun ja, gebräuchlich; ein Euphemismus von „verflucht“. Ein Schimpfwort, das keines ist, aber doch eine Situation beschreibt, die eine Schimpfkanonade verdient hätte. Kein Schulhof hört dieses Wort heutzutage, aber es ist lebendig. Selbst bis zu Titeln reicht es: „Verflixt, das Klassofon ist weg!“, zum Beispiel. Es hätte also allemal einen Eintrag im Lexikon der Kinderliteratursprache verdient. Das wird ein Fest der Querverweise. Alle Verflixte bitte melden!

 

 

(dafk) Die agentur für kinderbuchsprache meldet,

 

dass in den Kinderbüchern Bilder entworfen werden, die uns ein Leben lang begleiten – und mit der Realität nichts, rein gar nichts zu tun haben. Karl May hat nie einen Indianer von nahem gesehen, geschweige denn wäre er dazu in der Lage gewesen, sich ein differenziertes, wissenschaftlich fundiertes Bild zu machen. Generationen von Kindern tragen dennoch sein Indianerbild mit sich, es gibt Nähe, und für viele kommt irgendwann der Tag, an dem sie zu Tony Hillerman greifen. Gibt es das? Von der vorurteilsgeprägten Phantasie eines Kinderbuchautors in die gelebte Wirklichkeit eines Erwachsenenautors? Otfried Preußlers „Starker Wanja“ wurde zu einer  Zeit in Deutschland gelesen, als kaum jemand die Gelegenheit hatte, sich vorbehaltlos mit der russischen Literatur zu beschäftigen. Der starke Wanja verband die Stereotypen mit einer kraftvollen Erzählung, und schon waren für Abertausende von Kindern die Grundlagen gelegt für die Dostojewskij-Lektüre gelegt. Eine gewisse Basisqualität muss das Ausgangsbuch allerdings haben. Sonst funktioniert’s nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
 

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