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Eine Frage der Kultur

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleiner Simpl

 

I bin a Cowboy

 

Für einen Satiriker ist eine Nachbetrachtung auf Guttenberg eine miese Aufgabe. Der Mann ist ja personifizierte Satire Ich habe mich nur breit schlagen lassen, weil ich der einzige Satiriker in ganz Europa bin, der CSU-Mitglied ist. Darum weiß ich auch so viel über den Zusammenhang von Kindern und Guttenberg. Man kränkt Kinder hoffentlich nicht, wenn man sagt, dass Guttenberg sich super verkleidet hat. Der hat seine Maskerade zur Perfektion gebracht; einmal so ein Cowboy sein! Der ist der beste von allen, den Weg freigeschossen, den Sheriff in den Schatten gestellt, ein klasse Western, der dann auch endet wie er enden muss: Ein Verräter lässt den Helden straucheln. Im echten Kinderleben heißt das Verpetzen. Das hat einer aus der CSU übernommen, der hat den guten Tipp gegeben, mal genauer in Guttenbergs Doktorarbeit zu schauen. Den Rest kennen wir. Der Guttenberg ist gemeuchelt wurden, ich schwör: Nicht von mir! Ich weiß es nur, wie es halb München weiß. Ich hätte keinen Grund gehabt, ich musste immer so lachen über den Ministermimen, mir fehlt was. Nicht so vielen meiner Parteikollegen. Die CSU atmet auf. Kinder, Petzen lohnt sich, lautet die Botschaft. Das darf nicht sein. Ich als Mann der Ehre erklär mich bereit: Ich verrate den Verräter. Mailt mir.

 

 

 

Ist Oma tot oder im Urlaub?

Teil 2

 

 

Meine Mutter war mit mir in der Buchhandlung. „Das Kind kennt seine Oma nicht. Haben Sie dafür Bücher?“, fragte sie die Buchhändlerin. „Ist die Oma immer auf Mallorca oder fährt sie nur mehrere Monate durch Italien?“, wollte sie wissen, um besser beraten zu können. „Na ja, mal so, mal so.“ „Und wen sie da ist, findet sie: Was Kinder heutzutage alles haben..?“ Meine Mutter nickt. „Also, wir haben hier „Oma macht Urlaub“, ein Sachbilderbuch, das Kindern erklärt, was Urlaub außerhalb Deutschlands ist. Oder hier „Oma hat ein Ferienhaus und wir nur eine kleine Mietwohnung“. Das gibt auch Tipps, wie man Oma im Ferienhaus helfen kann, damit man ein paar Wochen im Sommer darein darf.“ Mutter schaute es sich mit Interesse an. Mein Blick fiel auf „Oma hinterlässt Staatsschulden“. Ich nahm es in die Hand. Darin stand, dass ich Omas Schulden noch abzahle, wenn sie lange nicht mehr da ist und dass ich sie so immer in Erinnerung behalte. „Aber Oma ist doch nie da, und ich kann mich sowieso nicht an sie erinnern!“ „Darum sorgt sie ja dafür, dass Du Dich später an sie erinnern kannst!“ Das verstand ich nicht. War das jetzt wieder „Philosophieren mit Kindern“? Das habe ich immer mittwochs. Da geht es auch um Omas Tod. Und dass sie auch da ist, wenn sie tot ist. Dass sie was hinterlässt. Ich muss an Omas hässliches Haus denken. An ihr Wohnmobil. Ich will nicht, dass sie was hinterlässt! Dann ist es doch besser, sie ist im Urlaub.

 

Teil 3 am nächsten Mittwoch:

Oma ist Vandalin. Sie hinterlässt nur verbrannte Erde. Denn Oma beklatscht Sarrazin. Welchen Urlaub für die ausländerfeindliche Oma? Passende Kinderbücher für den Gabentisch!

 

 

Ist Oma tot oder im Urlaub?

Teil 1

 

Bilderbücher mit schwierigen Themen, das ist ja Standard für unsere Kleinen. Wir habens ja schwer, seit wir nicht mehr in Ruhe Kinderschokolade essen dürfen, weil es da irgendwo echte Kinder gibt und uns unsere Kinderlosigkeit vorwerfen wollen. Denn machen wir uns nichts vor, egal ob mit Kindern oder ohne Kinder, wer in den sechziger oder siebziger Jahren geboren ist, der hat ein Recht auf Dauerkindheit, und die paar Themen, die dabei stören, die kann man ja nun mal wirklich den Kindern aufbrummen. Der blöde Tod gehört dazu, denn irgendwann erwischt es Oma und Opa. Die haben zwar alles schon überstanden, was früher eigentlich elektrischer Stuhl bedeutete, Schlaganfälle, Krebse, die legen sich jetzt selektive Altersdemenz zu, damit es nicht mehr schmerzt, dass die Enkelkinder in miesen Verhältnissen aufwachsen, derweil Oma und Opa aus dem Eigenheim mit dem Hymermobil nach Südeuropa flüchten. Dazu gibt es natürlich kein Kinderbuch; wer will das historisch Singuläre schon zum Thema machen – „Enkel werden für sinnloses Zeitkaputtkriegen von Oma ausgehungert?“ Andererseits braucht solche Bücher auch niemand. Wer mit Kindern von heute die zahlreichen Bücher zum Thema „Frisch tote Großeltern“ (in Pädagogendeutsch: Wie man mit Kindern das Fortsein der Großeltern thematisieren kann“) anschaut, muss sich als erstes eine Antwort auf die Frage einfallen lassen: Und meine Oma? Ist sie jetzt tot oder im Urlaub?

 

 

Opa kann nicht mit Geld umgehen

 

Wenn Opa kommt, kriege ich natürlich die Krise. Mein Opa sieht ein bisschen wie Westerwelle aus. Und seine Körpersprache drückt auch aus, dass er sich Westerwelle irgendwie verwandt fühlt. Findet auch meine Mutter. Dann zückt Opa sein Portemonnaie und will mir Geld zustecken. Opa steckt dauernd Leuten Geld zu, und meine Mutter sagt, sie findet es sehr freundlich, dass Opa ihr Geld zusteckt, das sie vorher für ihn erarbeitet hat. Deswegen geht ihr das Danke auch nicht über die Lippen. Wenn Opa dann seinen Zwanziger herausgezogen hat, sage ich auch nicht danke, ich komme nicht dazu. Opa hält mir einen Vortrag darüber, dass ich lernen muss mit Geld umzugehen. Haushalten. Nicht verschulden. Opa redet von Dingen, von denen er nun wirklich keine Ahnung hat. Ich lass mir ja auch nicht von nem Nazi Pazifismus ans Herz legen. Ich glaub auch nicht, dass Opa sich selber glaubt. Opa ist immer froh, wenn er bei uns raus ist. Er hat wohl ein bisschen Angst, dass meine Mutter mit uns Kindern gemeinsam gegen ihn vorgeht. Damit muss er rechnen. Deshalb flüchtet er sich in den nächsten Wellnessurlaub. Doch wir werden ihn aufstöbern. Alle, die nicht mit Geld umgehen können, müssen irgendwann auftauchen. Opa ist mein Wounded Knee, sagt Mutter immer. Keine Ahnung, was sie meint. Was mit Indianern. Opa liest gern Karl May. Und er schaut gern Western. Da schließt sich wohl der Kreis zu seinem Aussehen.

 

 

Diagnose: Zeitpsychose

Teil 3:  Zum Turboturboabi

 

Nun habe ich schreiben und lesen gelernt, es verbindet sich mit dem Gefühl, von anderen Kindern in schlecht nachgeahmten, aber mit viel Kraft ausgeübten Kampfsportsprüngen in den Bauch getreten zu werden. Das dient dem Zusammenhalt der Gesellschaft und der sozialen Kompetenz, die habe ich also auf dem Schulhof erworben. Zur selben Zeit findet dieselbe Gesellschaft, jedes Kind müsse unbedingt ein eigens Zimmer haben, in dem es dann allein spielen und schlafen kann. Und muss. Denn die Eltern liegen zu zweit. Angst, wie man hört, haben sie keine vor der Dunkelheit. Aber wir Kindern. Wir liegen ja auch allein in der Dunkelheit.

Nun soll alles anders werden auf dem Gymnasium. Die anderen Kinder haben winzige Regale, und wenn darauf ein paar Bücher lauern, dann gelten diese Kinder als belesen. Alle hassen die Schule, und wir haben keine Zeit, uns gegenseitig gut zu finden, weil wir ja Konkurrenten sind. Eine neue Idee der Pädagogen: Schüler benoten gegenseitig ihre Aufsätze. Damit man sich richtig untereinander im Wettbewerb befindet. Freundschaft kommt nicht auf in unserer Generation, wir sind alle Gegner im großen Rennen um einen Platz in dieser Gesellschaft. Da ist sie wieder, die soziale Kompetenz. Eines dieser Lügenworte der Erwachsenen, das genau das Gegenteil meint. Unsoziale Kälte, einsame Kämpfer. Das ist die Atmosphäre, in der wir die Schulen besuchen sollen, und damit das auszuhalten ist, werden wir unter Druck gesetzt, nicht nachdenken, bloß nicht zögern, turboturboabitur. Ab und zu hungert sich eines der Mädchen zu Tode, ab und greift einer der Jungs zur Knarre und schießt um sich, das wissen die Erwachsenen, sie sind schuld daran, deshalb unterdrücken sie jede Diskussion darüber. Wer wird schon gern als das bezeichnet, was er ist, ein Schreibtischmörder? Wir, die wir überlebt haben, haben zu nichts Lust. Was zwingt uns weiter? Die Tricks der Greise. Aber die werden schwächer, je erwachsener auch wir werden. Und nach der ganzen Hetze wehren wir uns. Hände in den Schoß mit 20.

 

 

Diagnose: Zeitpsychose

Teil 2: In der Grundschulnotaufnahme

 

Ich werd weiter gehetzt. Nichts mit geruhsam Schreiben und Lesen lernen, es geht ums Ganze bei uns, sagen sie uns, und das jeden Tag. Da sitzt vorne keine nette junge Lehrerin mit einer Gitarre auf dem Schoß, so wars noch bei den Herren und Damen Eltern, so sie aus dem Westen sind, bei uns gibt’s Drill von vorne und hinten nur Chaos. Ich werd gepiesackt von den Jungs in der Reihe hinter mir, dumme Sprüche, und dann gibt’s noch Kopfnoten darüber, wie mein Charakter ist. Der Charakter ist irgendwie, das weiß ich nicht und werde es wohl nie ergründen können, und ich weiß ja, dass das denen allen auch gleich ist, ich soll einfach nur ein nützliches Mitglied der Gesellschaft werden, wie es früher schon auf den Kolchosen hieß. Mensch egal, Hauptsache das Kollektiv. Das machen sie hier jetzt auch mit uns, nur mit dem Vorzeichen, dass sie nicht wissen, für welche Gesellschaft der Mensch egal sein soll, und dass das Kollektiv klein, sehr klein ist. Wir sollen nämlich einer kleinen Gruppe dienen, sollen nicht für uns und die Menge, sondern für ein Viertle Profiteure alles am Laufen halten. Wir haben es verstanden. Wir traben einfach mit. Es geht also alles seinen sozialistischen Gang.

 

 

Diagnose: Zeitpsychose

Teil 1: In der Kindergartenförderungsanstalt

 

Ich bin 25. Geboren 2002. Meine Eltern fanden die Frühförderung wichtig, und ich bekam Kopfhörer auf. Stimmen schallten in mein Ohr, in mein Hirn. Dann kam die Kinderbetreuungsanstalt. Dort förderten mich weitegebildete FH-Erzieherinnen. Ich lernte Englisch-Brocken – es sind nicht dieselben Englisch-Brocken, die ich heute kann. Ich war im Musikkarussell, da sollte man viele Instrumente kennenlernen. Und für mein Gleichgewicht machte ich Gymnastikübungen. Die restliche Zeit wurde ich außerhalb der Institutionen weitergefördert. Ich war in einem Kurs für Naturwissenschaften, in einem für Experimente und für Frühschach. Dann kam die Schule. Ich war fünf. Ich musste Antworten geben. In meinem Kopf drehten sich die Uhrzeiten. Halb sieben, acht, zwölf, sechzehn Uhr nach Hause, irgendwas bedeuteten diese Uhrzeiten, aber ich konnte sie nicht zuordnen. Und ab da, wenn ich das Wort Zeit höre, halte ich es nicht aus, nichts halte ich aus.

Nun sitze ich im Sandkasten und baue eine Burg. Meine Kommilitonen haben mir grade mein Lieblingsförmchen weggenommen. Die Psychologen haben die Kameras auf uns gerichtet. Nachher folgt die Analyse. Die soll mich fit für den Arbeitsmarkt machen. Auf dem war ich noch nie. Da kann ich nicht hin. Das ist was mit Uhrzeiten. Die haben eine Bedeutung, aber ich kenne sie bis heute nicht. Sie haben etwas damit zu tun, dass den Alten die Zeit wegläuft. Ich lauf vor denen weg, aber sie halten mich fest und sagen, ich bin ihnen etwas schuldig und ich schreie, ich will raus aus diesem Land. Aber sie sagen nein, erst muss ich meine gute Ausbildung zurückzahlen, danach ist immer noch Zeit…. Ahahah! ZEIT…

 

 

Zwang und Langeweile

 

Zwang gebiert Langeweile. Und zwar zwangsweise. Darum ist Schullektüre etwas so Langweiliges, dass man sich sein Lebtag schüttelt, wenn man an Brecht, Siegfried Lenz, Dürrenmatt oder Peter Handke denkt. Da sind halt die billigen Auguste, die im Zwangssystem Erfolge feierten. Wobei Handke noch genug Saft hatte, sich so zu sträuben, dass man Jahre später doch noch mal vorsichtig anfing, über ihn nachzudenken und versuchte, die assoziierte Ödnis zu verdrängen. Lesezwang ist einfach das Ende des Buches, und jeder weiß ja, dass Lesen an sich nicht der Knaller an körperlichem Abenteuer ist. Früher, ja da war rumsitzen du was im Kopf erleben dem Lesen vorbehalten, aber heute sind ja fast alle Tätigkeiten so gestrickt, und man weiß: Wer rumsitzt, sitzt rum und Man weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht nichts. Darum dürfen Tätigkeiten nicht mehr Tätigkeiten sein, sondern werden in Events verwandelt. Eine Pressemeldung, in der Fußball, ohne mit der Wimper zu zucken, als Leseförderung bezeichnet wird, sagt ja nichts anderes als: Fußballlernen ist Lesenlernen. Also ist Fußballspielen lesen. Wow! Erwachsene sind schon dolle Dinger. Verdrehen alles so, dass es für sie passt. Wollen mit Kindern Fußballspielen oder Musik machen oder Bilder malen oder Wirtschaft beibringen – alles Lesen. Überhaupt Wirtschaft beibringen! Da können sie richtig was lernen von den Großen! Leistungsbezogen, zielgerichtet zu handeln zum Beispiel. Und dauernd über Geld nachdenken. Da probieren die Erwachsene wieder diesen Verdreher: Geld wäre etwas Spannendes. Dabei ist Geld ja gerade deswegen so öde, weil es, wenn es nicht das Ergebnis einer erfüllenden Tätigkeit ist, nur mit Zwang zu tun hat. Später Geldverdienen ist also Leseförderung, das wird bald auch eine Pressemeldung hergeben. Dabei sind Geld und Lesen wie Schullektüre und Lesen; sie haben nichts gemein. Bis auf eines: Zwang gebiert Langeweile.

 

 

Zugreinigung

Die PR-Prosa der „Stiftung Lesen“

Von Jan Fischer 

 

Dieser Kommentar wird in einem Zug geschrieben, zwischen Tür und Angel, oder besser: Zwischen Mannheim und Berlin. Gerade knipst ein Schaffner Fahrtkarten ab, durch das Lautsprechersystem wird der „Kollege von der Zugreinigung“ ausgerufen, er solle zum Wagen Nummer sieben kommen.

Nun verbieten sich ja Witze über die Deutsche Bahn. Es ist nur so: Dieser Tage flatterte hier eine Pressemeldung der Deutschen Bahn auf die Schreibtische: „DB-Vorstandsvorsitzender Grube engagiert sich im Vorstand der Stiftung Lesen“ war die Überschrift, und die Unterüberschrift begann mit: „Grube: ‚Lesen vermittelt geistige Mobilität’“. Was soll man denn da anderes machen als Witze?

Nun ist es ja nicht so, dass wir prinzipiell gegen lesende Kinder oder Leseförderung eingestellt wären, im Gegenteil. Mit „Lesen fördert die geistige Mobilität“ gehen wir auch noch mit, obwohl ein Wort wie „Mobilität“ eher der Sphäre des Waren- und Dienstleistungsverkehrs entnommen ist, als dass es mit so etwas lustvollem wie Lesen in Verbindung gebracht werden könnte. Zumindest sind wir froh, dass die Presseabteilung der Deutschen Bahn sich nicht so etwas ausgedacht hat wie „Lesen ist die Bahncard 100 im Streckennetz des Wissens“.

Inzwischen ist der Kollege von der Zugreinigung fertig, tatsächlich ist es ein Schwarzer Reinigungsfachmann, der stoisch und schweigend wie im Hause von Scarlett O’Hara ein paar Scherben vom Boden aufgefegt hat. Möglicherweise sind dies schon die ersten Auswirkungen der „Service-Offensive“, mit der die Bahn ihre Kundenfreundlichkeit erhöhen möchte, wie Herr Grube jüngst verlautbaren ließ.

Man könnte es sich nun einfach machen, sagen, die „Stiftung Lesen“ wäre nichts als eine zu Tode durchpädagogisierte und außerdem stocksteife PR-Maschine, in die alle möglichen Menschen Geld stecken, weil sie zeigen wollen, dass sie nette Menschen sind, das ganze in einer schönen Paralellsetzung beenden und sagen: Ja, das ist dann ja wohl auch eine Zugreinigung, eine Zugimagereinigung, die Grube gerne vornehmen möchte.

Natürlich, das kalte Gruseln kommt einen wenn man in offiziellen Verlautbarungen der Stiftung liest, wie z.B. die Auftaktveranstaltung des Medienerzieher/innen Clubs - kurz: mec – so gelaufen ist:  „Acht Kinder der Konsultationskita Medien ‚Haus des Kindes’ aus Stadecken-Elsheim erstellten während der Tagung mit Unterstützung einer Erzieherin und zwei Referentinnen einen Trickfilm. Der wurde am Nachmittag allen Gästen vorgeführt und erntete viel Applaus.  Ebenso ihr Gedicht, das sie sich extra für die mec-Eröffnung ausgedacht haben:

 ‚Computer, Fernsehen, Medienwelt,
das ist es, was uns kids gefällt.

Doch wichtig ist’s, das zu verstehen
und RICHTIG damit umzugehn.

Der mec erklärt uns WIE und WAS,
er macht uns medienfit – und SPASS!!’“

Oder wenn man in der Pressemitteilung auf dem Schreibtisch Sätze liest wie: „Die Lektürevorliebe des passionierten Technikers Grube sind ‚Bücher, die dazu anregen, über den technologischen Fortschritt von morgen oder übermorgen nachzudenken.’“

Aber hier ist eine Unterscheidung fällig: Während Grube vermutlich tatsächlich seine persönliche Zugreinigung betreibt, und möglicherweise die „Stiftung Lesen“ auch eine schwerfällige PR-Veranstaltung ist, in der Politik und Wirtschaft enger mit Verlagen, Buchhandel und Literaturvermittlung verzahnt sind als gut wäre,  die außerdem noch inflationär öffentlichkeitswirksame Preise wie den Vorlesepreis und Preise für Lesescouts usw. usf. von irgendeinem B-Politiker vergeben lässt, so kann man immerhin sagen: Die „Stiftung Lesen“ bringt Bücher in Altenheime, Kinderheime, überhaupt zu Kindern. Und auch wenn die operative und repräsentative Ebene dieser Stiftung durchweg gruselig und unsympathisch sind, so ist schwer zu sagen, ob sich das auch am Bodensatz fortsetzt: Der Zugreiniger ist schließlich nicht der Scarlett O’Hara-Sklave, sondern jemand, der mit einem nicht so tollen Job Geld verdient und abends zu seiner Familie zurückkehrt. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass er glücklich ist. Genauso wie unten in der Hierarchie der „Stiftung Lesen“ die engagierten Pädagogen und Pädagoginnen vor den Kindern sitzen und alles versuchen, sie für Bücher zu begeistern. Es möglicherweise sogar schaffen. Auf jeden Fall aber hart arbeiten. Dass sie in einem schwerfälligen Reinigungsvehikel stecken, deren PR-Abteilung so schreckliche Texte darüber verfasst, dafür können sie nichts.

 

 

Was ist ein guter Vater?

Kleine Geschichte der Bundesrepublik

Teil 3 und Schluss: „Gleich bis zum Mundgeruch“

 

Der größte Zusammenhalt aber ist die Gleichmacherei. Das ist Bundesrepublik pur: Selbst Rebellion hat sich anzupassen an den Allgemeinheitsgeschmack. Wohnen, Essen, Kleidung, Wissen, Sprache – alles muss gleich sein, sonst setzt’s was. Und was! Geprügelt werden für Anderssein, unter begeisterter öffentlicher Anteilnahme, für diese Praxis rennen Zeitzeugen in Massen herum. Die die übrig blieben, beäugen sich gegenseitig, verspotten jede kleinste Abweichung des anderen. Das hatte Integrationskraft! Jeder, der nicht BR-normal war, wurde zwangsangepasst. Wenn ich nicht auf die Art schwul sein will, auf die man heute schwul ist, was ist dann mit mir? Eingemeindung ist der historische Schlüsselbegriff, Vaterschaft ist auf bundesrepublikanisch gleichmachen bis zur Unkenntlichkeit. Eine große Pampe Einheitlichkeit, erzwungen, gleich bis zum Mundgeruch. Gute Väter? Sind anders.

 

 

Was ist ein guter Vater?

Kleine Geschichte der Bundesrepublik

Teil 2: „Grüße aus dem Schuldenturm“

 

Aus eigener Hände Kraft, was für eine hübsche kleine Ideologie! Das Patriarchat der Bundesrepublik war natürlich ganz kleinlaut, aber über das bisschen Geld, das ihnen als Machtmittel zur Verfügung stand, ließ sich manche Autorität wiederbegründen. Nun hatte man ja reichlich gezeigt, wohin das führt, wenn man etwas anderes als Geld will, da passte es ganz gut, sich als neuer Staat kurzerhand zu einigen: Es geht nur ums Geld, und das verbindet uns jetzt auf neue Art alle miteinander. Plopp, hatte die Bundesrepublik ihren Gründungsmythos – lasst uns zusammen reich sein, und die Väter verteilen für Euch das Geld und damit das Land! Dummerweise hatten die neuen Patriarchen für dieses neue Ideal keine Etikette beigebracht bekommen, denn Hackenzusammenschlagen nützte nun nichts mehr. Also begründeten sie gleich eine zweite Säule der Bundesrepublik: Alles mitmachen, was nach noch mehr Geld riecht. Für Geldhaben gibt es ja keine Altersbegrenzung wie bei vielen anderen Tätigkeiten, und daher machten sich die alten Väter schön reich und sahen zu, die Gichtgriffel immer auf dem Portemonaie zu haben. Und dabei zu sahen auch die Kinder. Erarbeiten konnten die Väter ihre immer höheren Ansprüche natürlich nicht, das weiß ja jeder. Zu übernehmen gibt es seither die schöne bundesrepublikanische Tradition: Schulden vermachen. Dauerhafter als Erz!

Gute Väter? Machen nicht nur ihre Schulden selber. 

 

 

Was ist ein guter Vater?

Kleine Geschichte der Bundesrepublik

Teil 1: „Stiefväter des Grundgesetzes“

 

Ein guter Vater hat sich das Grundgesetz ausgedacht. Das heißt: es waren ja die Mütter und Väter des Grundgesetzes. Heute wären zwar keine Mütter mehr dabei, weil heute die Mütter beim Discounter an der Kasse sitzen und die restliche Zeit Kinder unterm Rad, durch Hermann-Hesse- Schulen quälen. Das ist deren gesellschaftlicher Auftrag, in den vierziger Jahren war das natürlich ganz anders. Da waren die Mütter beteiligt an den großen Entscheidungen. Leider sind Mütter nur dann angesehen, wenn sie Grundgesetze und ähnliches gebieren, wenn es Kinder sind, hält sich das Ansehen für die Mütter schon sehr in Grenzen. Aber beim Grundgesetz, wow! Der Nachwuchs hat ja gutgetan, und wo er Ärger macht, wird er einfach mal kurzerhand ein wenig eingeschränkt, ein Grundrecht hier, ein Grundrecht da – eben wie bei echten Kindern. Warum nur verteidigen die Mütter ihr Kindlein, das Grundgesetz, nun nicht wie die Löwinnen? Hat es nachher doch nur Väter? Die sind ja schwach, wenn ihre eigenen Machtansprüche flöten gehen könnten, das wissen wir ja von all den von ihren Vätern weggesperrten Königssöhnen. Also ist da niemand, der das kleine Grundgesetz gegen seine Väter verteidigen kann. Grundgesetze haben nämlich eine längere Aufzuchtszeit als Menschen, mit 60 sind sie noch lange nicht erwachsen. Deswegen feiert sich die Bundesrepublik Deutschland viel zu früh, das Kind ist nicht aus dem gröbsten raus. Nehmen wir es also an die Hand und führen es mal durch das Land, in dem es gediehen soll. Da möchte es sich gleich von der Hand losreißen und zu anderen Leuten rennen, weg von den Stiefvätern, die es nur malträtieren. Da gibt es welche, die sehen so nach Freiheit und Würde aus, denkt es und sieht mit Schrecken in die verzerrten Gesichter, die gerade seine Geburtstagsparty vorbereiten wollen. Da setzt es sich hin und weint. Es zählt hier nichts, nur ausgenutzt wird es. Es stützt sich auf Wer nur ist sein richtiger Vater? Stammt es aus einer Samenspende? Einer eingefrorenen womöglich? Von 1940? Der soziale Vater kümmert sich auch auch! Sagt einer von den Zeugungsunfähigen, man kann auch ohne biologischen… Das Grundgesetz zittert. Hat es vielleicht doch wenigstens eine Mutter?

Aber das ist ja nicht das Thema. Die Frage war: Ein guter Vater, was ist das? Einer, der seine Kinder selber zeugt. Mehr dazu in Teil 2.

 

 

Angst essen Gummibärchen auf

Subversive Gerichte Teil 2 und Ende

 

Heute:

Deichlamm

 

Ortstermin Restaurant. Es ist still im Speiseraum. Drei Paare; flüstern sie noch oder schweigen sie schon? Ein Einzelmann. Er ist Schäfer und verkauft seine Felle auf einem Supermarkt-Parkplatz. Die Kapitäne der Landstraße mit ihren Wohnmobilen kaufen bei ihm. Es ist Frühjahr, da legt man sich gern ein Fell unter. Er nickt freundlich. Er hat den Kindern heute schon kleine Fellstücke geschenkt. Für ihn ist es eine Dienstreise. Die Paare feiern ihren Urlaub. Wir nehmen Platz. Der größte Tisch, die einzigen Kinder, das einzige vernehmbare Tischgespräch. Dann die Bestellung. Heimlich, die Kinder haben sie heute noch angelockt und zu füttern versucht. Deichlämmer. Wir essen Deichlamm. Alle essen das jetzt. Aber wir bestellen verschlüsselt. Auf dem Teller erkennt man auch noch nichts. Erst beim Bezahlen, die gestörten Paare sind längst weg, der Schäfer würde noch eine Pfeife rauchen, wenn er dürfte, aber er darf nicht und ist darum auch schon weg. erbebt es im Raum. Die Kellnerin zählt die Speisen auf. Die Kinder blicken uns an. "Oh, wie süß! habt Ihr gerufen, und jetzt das!", werfen sie uns vor. An diesem Abend spüren wir noch deutlicher als sonst, wie hart das Leben als Eltern ist.

Wann gehen wir wohl das nächste Mal essen?

 

 

Angst essen Gummibärchen auf

Subversive Gerichte Teil 1

 

Heute:

Frische Scholle

 

 

Nur ein konsumierendes Kind ist ein gutes Kind. Ein Kind, das angeblich schon frühkindlich gebildet werden muss, ist schon früh als Konsument deklariert und verwendbar. Familien, die kaum Zeit füreinander haben, sind leichter in ihre Einzelteile zu zerlegen und die Einzelteile leichter zu verwerten. Da liegt die Scholle als Anschauungsobjekt nahe. An ihr kann man Kindern gut erklären, mit welchen Erwachsenen sie zeitweise ein Land teilen müssen. Scholle ist ein subversives Gericht. Scholle darf nicht sein.

Zunächst müssen die Eltern Zeit haben, sie frisch vom Fischerboot weg zu kaufen. Das Kind braucht auch Zeit, um den Duft des Meeres zu riechen und zuzusehen, wie der junge Fischer sein Netz im Boot sortiert. Eine Stunde lang. Entknoten, weiterziehen, entknoten, weiterziehen. Der Acht-Stunden-Schultag ist nervtötender, erkennt das Kind.

Die Scholle wird gewogen. Zerlegt und nass in eine Tüte getan. Das Kind nimmt sie nicht in die Hand. Es wird nicht mitessen. „Meine Scholle ess ich nicht!“, sagt es. Die Eltern verstehen das sofort. Was für eine Disziplinlosigkeit! Das Kind hat recht.

Zuhause wird das Kochbuch gewälzt. Wie nimmt man die Scholle aus? Alle Hände stinken. Aber es gelingt. Aus der Pfanne kommt eine leckere Scholle, lecker für die Eltern. Das Kind isst nur die Bratkartoffeln. Was für ein Haustyrann! Das Kind gehört unter Kinder, das ist es, was die Ellbogigsten der ganzen Gesellschaft verlangen. Die Einsamsten, die Sozialkompetenz mit Unterdrückung gleichsetzen. Andere unterdrücken.

Nach dem Essen können die Eltern dem Kind die Welt erklären. Die Politiker, die Pädagogen, die Marketingstrategen, die Richter, alle, die sich am Kindeswohl selber gesundstoßen. Um das Kind selber geht es nur den Eltern. Darum gab es heute Scholle.

Und was gibt es kommenden Mittwoch?

 

 

Neue Gesetzesvorhaben

Zu paraphieren: Das Single-Gesetz

 

Der Staat muss schützen, das ist klar, und zwar vor allem die Bürger vor sich selber.

Dafür gibt es Gesetze, immer neue, man weiß nicht, wo sie wohnen, am Ende der Straße vielleicht, aber sie sind mitten unter uns.

Traurig unbeachtet von der rührenden Fürsorge sind bisher die Singles. Wir müssen etwas gegen deren Verwahrlosung tun! Also erarbeiten wir zur Zeit einen Gesetzesvorschlag, der Abhilfe schaffen könnte. Zunächst bieten wir Ganztagsbetreuung an. Das bringt die Kreaturen erstmal weg von der Konsole, die ins Internet und damit auf schädliche, wenn nicht pornographische Seiten führt. Damit schaden die Singles schließlich auch anderen.

Was aber wird nach 16 Uhr, wenn selbst die beste Ganztagsbetreuung durch geschultes, fortgebildetes Personal endet? Wir müssen verfolgen, was die Singles dann tun.

Viele sind auffällig. Die Männer könnten nun in wirkliche Rotlichtbezirke gehen. Die Frauen verplempern unser Steuergeld (sie sollten lieber für ihr kinderloses Alter zurücklegen und dann nicht der Allgemeinheit zur Last fallen) für ungesunde Ernährung. Die meisten Singles essen viel zu oft Fastfood. Wie soll unser Gesundheitssystem das auffangen?

Und dann erst das Urlaubsverhalten! Singles sind überdurchschnittlich oft allein im Auto unterwegs und fordern Staus heraus, was die Marktwirtschaft wichtige Zeitressourcen kostet. Sie sitzen überdurchschnittlich oft im Flugzeug und stören dort Familien durch ihr unsoziales Verhalten.

Überhaupt die Sozialkompetenz! Warum haben sie die eigentlich in den Schulen nicht gelernt? Dafür extra klammert man sich doch heute an die Schulpflicht, wegen der Sozialkompetenz, derweil da draußen ein Heer von Zivilversagern ihr Single-Dasein direkt mit dem Abitur begann.

Glasklar: Wir brauchen ein Singleschutzgesetz. Da könnte sich doch auch der Kinderschutzbund, der ja für alles ist, was ihm bei schwindenden Kinderzahlen neue Aufgaben zuführt, einsetzen. Singles waren doch auch mal Kinder! Singles sind ja große Kinder! Wenn wir erst den Zutritt zu ihren Wohnungen haben, ich versprech’s Ihnen, werden wir es merken. 

 

 

 

 

Hoch

 

 

 

 

 

Kastanien nerven Teil 2 und Schluss

 

Unser Ausflug in den Boulevardjournalismus ist uns teuer zu stehen gekommen. Abgestraft! Von den eigenen Lesern. Die wollen mehr Niveau. Schade. Aber da ist es wieder, und leider auch gleich berechtigt: Wir verweigern Fertigprodukte, wir basteln selber. Aber was? Halloween-Masken? Nein, da schneiden wir die Augen immer rund aus, und das darf nicht sein, die müssen eckig sein. Alte europäische Tradition. Laternen? Da warten wir brav auf November, auch wenn es Ostseeorte gegen soll, in denen man sich im August zum Laternelaufen auf dem Sky-Parkplatz trifft (Sky ist ein Supermarkt und so hübsch gelegen wie das heute so ist). Neue europäische Tradition. Bleibt ein Drachen. Als erstes gehen die Eltern einkaufen und laufen sich die Füße platt, um passende Holzstäbe zu kriegen. Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wo und wie das gelungen ist (wird nächsten Mittwoch geschildert). Die Kinder verbringen die Zeit währenddessen damit, beim TV-Sender kika-Fragen zu beantworten. Muss die Schule renoviert werden? Eben so Fragen, die Kinder von sich aus richtig interessieren ("Sollte die Schule nachts von einem Amokläufer angezündet werden?" 95,8 Prozent: "Ja. Der Rest hat die Frage nicht verstanden.") Na - die nach dem Taschengeld und ob es den Kindern hoch genug ist, die ist ganz kindgerecht, zugegeben. ("Kriegst Du genug Geldgeldgeld?" 95,8 Prozent: "So wenig wie die Eltern haben." Der Rest nimmt sich das Geld direkt aus dem Portemonaie der Eltern. Ist wie bei radikalen Parteien - an den Rändern begegnet man sich.) Was das in einer Politkolumne zu suchen hat? Dass die Ergebnisse von kika der Kanzlerin übergeben werden. So macht man ehrliche Kinderpolitik. An dieser Stelle muss jede ernsthafte Satire enden. Kotz. 

 

 

Kastanien nerven

Teil 1

 

Man soll das Unvermeidliche hinnehmen und den Jahreszyklus in seine Erziehung mit einbeziehen, natürlich. Herbst wäre ja eigentlich eine wunderschöne Zeit, wäre da nicht dieser einsetzende Weihnachtsstress. In den Ausbeuterläden, in denen ausgebeutete Arbeitskräfte ausgebeuteten Käufern zwischen Waren, produziert von ausgebeuteten Industriearbeitern und produziert aus ausgebeuteten Tieren, begegnen - unten sind alle Lebewesen gleich hilflos; dort liegen seit Wochen die Spekulatius. Dabei gibt es ja noch die Kastanienzeit. Sie ist zwischengequetscht, na gut, aber zum Sammeln und Streichholzmännchen drausmachen, dafür reichts. Und nun stehen da schon die ersten Streichholzmännchen auf den Tischen. Es werden immer mehr, und wir haben aus ihnen einen kleinen Bundestag aufgebaut. Das Streichholzmännchen, das Schwesterwelle mimen soll, flehte und fluchte, aber wir wurden nicht weich. Das ist seine Rolle. Schließlich müssen auch andere Liberale spielen, gut, obwohl wir, als wir Schwesterwelles erste Rede unter dem programmatischen „Freiheit ist die Bekämpfung der anderen, Entschuldigung, die weitere Verarmung der anderen“, die überhaupt nicht lustig war, fertig hatten, da tat uns das Streichholzmännchen doch leid. Übrigens haben die Männchen auch ein Privatleben, und wir sind, anders als die deutschen Boulevardzeitungen, völlig hinter Sensationen her. Sie, lieber Leser, werden doch auch nicht etwa gedacht haben, wir langweilen sie mit Bundestagsdebatten? Nein, was unter den Stühlen hängt, das interessiert uns.

 

Neues aus Else III und Ende

Lale wird psychodelisch und will emigrieren

 

Es war Daniels’ Haufen, in den ich trat. Ich musste die Schuhe vor der Tür ausziehen und dann in unserer Dusche abspritzen. Das ist ganz normal in diesem Land, eine häufige Tätigkeit von den zeitknappen, von Kanalisation umgebenen Menschen. Ich war drin, das war jetzt das wichtigste. Zu meinem Leidwesen war mein Mann auch schon da. Er stand in der Küche und suchte nach etwas Essbarem. „Die Nahrungsmittel sind zu schlecht“, sagte er und meinte irgendetwas. Ich verzieh ihm sofort. Er war den ganzen Tag mit den Menschen von hier umgeben, nicht gerade Satzkünstler, und sie waren alle zu dick. „Ich meine, man sollte die Menschen essen lassen, was sie möchten. Wenn man sich einmischt, dann operiert man im Endeffekt doch nur mit der Angst.“ Das sagte ich. Lange nicht mehr so einen Satz gesagt, und schon gar nicht in diesem Fertighaus. Ich sah aus dem Fenster. Geschmacklich waren alle Häuser um uns herum genauso daneben. Ich glaube, die Genehmigungen für solche Dinger geben Leute, die sie chic finden. Mein Mann war vielleicht sprachlos. Wie man die Menschen hier bevormunden könnte, das waren seine einzigen Gedanken, und nun kam ich mit so was! Ich ging zum Bücherregal, ich hatte ja schon die Kinderbücher von zuhause geholt. Zuhause, das ist in meiner Generation da, wo man aufgewachsen ist, niemand will da je wieder hin, aber man bezeichnet es in der Ortsangabe als Zuhause. Ich griff „Fünf Hunde erben eine Million“ heraus, allerdings die Neuausgabe, die ich von einer Freundin kürzlich geschenkt bekommen hatte. Hans Traxler, Titanic, Satire, wie nötig ist sie jetzt, war immer alles Realsatire? Es hatte etwas Psychodelisches, in Else so viele Gedanken nacheinander zu haben. Mein Mann musste wieder in die Praxis, und ich wollte zum Volkswirt. Es muss sich etwas tun bei mir. Ich muss dieses Land hinter mir lassen, ich muss in die innere Emigration, und dann passiert etwas.

 

 

Neues aus Else II

Lale besucht die Deutschland-AG und will zum Gedenkstein

 

Und dann war da noch der Schweiger. Heute würde man zwar eher sagen: der Raucher. Und so habe ich ihn auch kennengelernt, in einem Winkel, den das einzige äußerlich schöne Gebäude von Else, die Magdalenenkirche, bot, stand er und rauchte. Ich sah die Rauchschwaden erst nach den Kinderwägen, die sich dort sammelten. In der Mitte stand der Schweiger, und um ihn herum standen Mütter, die genüsslich an Zigaretten zogen. Diese Mütter kannte ich nicht, sie waren naturgemäß nicht mehr in den Geburtsvorbereitungskursen, und andere Mütter kannte ich nicht. Dann schnippten sie die Kippen weg und gingen in verschiedene Richtungen davon. Der Schweiger zündete sich noch eine an. Ich stellte mich zu ihm. Näher betrachtet hatte er etwas Feminines, ich vermutete, er ist eine Transe.

Dieser Ort begann mich zu interessieren. Vorerst jedoch musste ich in das Preisrätsel-Haus zurück. Ich lief an der Praxis meines Mannes vorbei, winkte blöd seinem Fenster zu, bog um die Ecke und verschwand im Töpferladen. Dort gab es Nippes in unvorstellbaren Ausmaßen, mein Mann kannte sogar eine, die lebte vom Nippes-Basteln, und die Nippes-Verkäuferin lebte davon, alle halbe Jahr in die Großstadt zu fahren, dort in den Billigläden Zeugs zu kaufen und hier teuer weiterzuverkaufen. Ich nannte den Laden Deutschland-AG. Heute war nur eine da, die Erbin, sie hatte sogar irgendwann mal woanders gelebt, aber sich in Else aufspielen, das ist dann schon besser. Ich dachte an meinen Plan. Ich werde im Frühjahr Blumen niederlegen, am Gedenkstein zur Aufhebung der Leibeigenschaft. Meine Blumenniederlegung, das war mein Hauptthema der letzten Wochen, ich werde eine große Sache daraus machen, und mein Mann wird dann erst wissen, was es bedeutet, etwas nicht mehr hören zu können.

Nun aber verlangte der Nippes-Laden meine ganze Aufmerksamkeit. Die Erbin gehörte zur Seite gedrängt, mein Bauch machte es möglich. Es gelang, kein Wort musste ich mit ihr sprechen. Ich nickte der Nippes-Verkäuferin zu. Sie wusste bescheid, ich wollte in den hinteren Raum, dort hatte sie zwei Sessel, die waren wohl von irgendeiner Haushaltsauflösung übriggeblieben. Ich hatte Glück. Der Volkswirt war da. Er hatte im Winter nichts zu tun, weil er als Bademeister arbeitete, und er hatte vor langer Zeit in Thessaloniki Volkswirtschaftslehre studiert. Mit dem wollte ich mich unterhalten. Zwar endeten unsere Gespräche immer abrupt, weil jemand dazu kam, und der Volkswirt sagte: „Darauf müsste ich genauer rekurrieren!“ Aber es war trotzdem gut, denn der Volkswirt war Märchenfachmann, und diesmal debattierten wir, warum dieses Weichei von Königssohn Rapunzel eigentlich nicht gleich mitnahm und stattdessen jedesmal lächerlich geringe Mengen an Seide mitbrachte, um sie irgendwann zu befreien. „Das ist Unentschlossenheit oder böser Vorsatz!“, fand auch der Volkswirt, Rapunzel in Freiheit würde ihn wahrscheinlich überfordern, aber Freiheit zu predigen, das klang gut. „So wie Marktwirtschaft predigen, aber nur sich selbst solange Vorteile verschaffen wie möglich, und wenn nicht mehr möglich, doch lieber direkt ganz ununternehmerisch Geld bekommen, und dann sind die einen, die unten kämpfen müssen, doch ein bisschen mehr marktwirtschaft als die anderen!“, legte der Volkswirt drauf, und wäre nicht die Erbin, die von Mieten von Hartz-IV-Empfängern, also von Staatsknete lebt, gekommen, ich hätte Rapunzel verstanden.

 

 

Neues aus Else I

Lale Hangmann lebt in Pleitedeutschland und gewinnt ein Fertighaus

 

Am Anfang bat ich meinen Mann, den Lesezirkel aus seinem Wartezimmer mitzubringen. Ich wollte mir die Abende vertreiben, an denen ich die x-te Apfelschorle trank, weil ich schwanger war und das erste Mal seit nicht nur gefühlten 16 Jahren abends keinen Alkohol trinken durfte. Mein Mann und ich kannten uns noch nicht lange, und er dachte, ich interessiere mich wirklich für Illustrierte. Deswegen bedankte ich mich brav bei ihm und hatte nun ein neues Abendprogramm. Ich machte die Preisrätsel mit. Dafür verachtete ich mich natürlich selber, wie ich meine Adresse freiwillig an Adresshändlern abgab, aber ich dachte mir, bei meiner Adresse auch egal. Ich war durchs Schwangerwerden in Else gelandet, und hier war schon lange alles egal. Die Menschen und das, was sie taten, spielte einfach überhaupt keine Rolle, Else war ein Ort, der froh sein konnte, wenn die Landesregierung Erbarmen zeigte und Lernbehinderte hier lernen ließ.

Angst vor Arbeitslosigkeit hatte hier auch keiner, in Else gab es seit Jahren nur Krise oder Leute, die sich aus dem System und seinen Subsystemen ernährten. Aber Else lag tief im Westen, die Leute kannten seit Jahrzehnten nur Konsumieren als Lebensinhalt. Deswegen waren sie zum Großteil sehr, wirklich sehr dick und blieben im Freibad in der Rutsche hängen. Gut für meinen Mann, dachte ich erst noch, hat er schöne viele dauerkranke Patienten. Diesen Gedanke bereute ich eines Tages tief. Dazu später.

Ich machte also das Preisrätsel mit, bei dem man ein Fertighaus gewinnen konnte. Ich gewann es. „Der Hauptgewinn geht an Lale Hangmann in Else.“ So stand es in der Illustrierten, die mir plötzlich noch schmieriger als vorher vorkam. Mein Mann hatte als einer der wenigen in Else Geld, da waren sonst nur noch zwei Lehrer, die ein bisschen was gespart hatten, der Zahnarzt, der von der Volksbank, der geerbt hatte, und der Undefinierbare. In Else kann man etwas über Deutschlands Kasten lernen! Das hatte ich nun noch gerade vor mir, als mein Mann die Doppelparzelle im Neubaugebiet kaufte. Elses Stadtväter hatten sich nämlich einen Trick ausgedacht, um ihre Haushaltskasse aufzubessern: Sie wollten mehr Bürger haben, um damit die Pro-Kopf-Verschuldung zu senken. Damit spart man das Abzahlen. Darum gab es nur in Else so superkleine Parzellen, die sich jeder leisten konnte. Das gewonnene Haus war nun so groß, dass wir zwei Parzellen kauften. Ich wusste es noch nicht: Aber damit war klar, wir würden im Neubaugebiet geschnitten werden, von Typen, die nicht mal den Weg zur nächsten Pommesbude alleine finden. Daran, dass unser Haus hässlich war, störte sich niemand, auch in der Behörde nicht, die das Scheusal genehmigen musste. Die hatten gerade ein anderes Haus abgelehnt. „Wir wollen nur Normales“, sagte der Bauheini, der meinen Mann noch aus der Schulzeit kannte und daher fand, er könnte auch mir aus seiner Gedankenwelt erzählen.

Nur Normales! Nun saß ich da, alle um mich herum hatten diese hässlichen Fertighäuser, bei denen nur gilt, Hauptsache neu, und finden sie chic. Ein Glück, dass das alles eine billige und trotzdem überteuerte Aneinanderreihung von Wänden ist, das Geld nicht wert, auf dem die Schuldscheine gedruckt sind. Ach, dachte ich, Geld hat etwas verdammt Ehrliches, auch wenn die Leute Tricks ersinnen, um ihren miesen Besitz aufzuplustern. Ich sah aus dem Fenster. Draußen ging Fleisch-Schröder vorbei, der Schlachtermeister, der neben uns gebaut hatte und bevor das Haus fertig war, schon Bewegungsmelder angebracht hatte. Er führte seine zwei Bernersenn-Hunde aus. Jack und Daniels hießen sie. Jack machte auf den Bürgersteig. Einen riesigen Haufen. Nur Normales.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
 

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