Für
einen Satiriker ist eine Nachbetrachtung auf Guttenberg eine miese
Aufgabe. Der Mann ist ja personifizierte Satire Ich habe mich nur breit
schlagen lassen, weil ich der einzige Satiriker in ganz Europa bin, der
CSU-Mitglied ist. Darum weiß ich auch so viel über den Zusammenhang von
Kindern und Guttenberg. Man kränkt Kinder hoffentlich nicht, wenn man
sagt, dass Guttenberg sich super verkleidet hat. Der hat seine Maskerade
zur Perfektion gebracht; einmal so ein Cowboy sein! Der ist der beste
von allen, den Weg freigeschossen, den Sheriff in den Schatten gestellt,
ein klasse Western, der dann auch endet wie er enden muss: Ein Verräter
lässt den Helden straucheln. Im echten Kinderleben heißt das Verpetzen.
Das hat einer aus der CSU übernommen, der hat den guten Tipp gegeben,
mal genauer in Guttenbergs Doktorarbeit zu schauen. Den Rest kennen wir.
Der Guttenberg ist gemeuchelt wurden, ich schwör: Nicht von mir! Ich
weiß es nur, wie es halb München weiß. Ich hätte keinen Grund gehabt,
ich musste immer so lachen über den Ministermimen, mir fehlt was. Nicht
so vielen meiner Parteikollegen. Die CSU atmet auf. Kinder, Petzen lohnt
sich, lautet die Botschaft. Das darf nicht sein. Ich als Mann der Ehre
erklär mich bereit: Ich verrate den Verräter. Mailt mir.
Ist Oma tot oder im Urlaub?
Teil 2
Meine
Mutter war mit mir in der Buchhandlung. „Das Kind kennt seine Oma nicht.
Haben Sie dafür Bücher?“, fragte sie die Buchhändlerin. „Ist die Oma
immer auf Mallorca oder fährt sie nur mehrere Monate durch Italien?“,
wollte sie wissen, um besser beraten zu können. „Na ja, mal so, mal so.“
„Und wen sie da ist, findet sie: Was Kinder heutzutage alles haben..?“
Meine Mutter nickt. „Also, wir haben hier „Oma macht Urlaub“, ein
Sachbilderbuch, das Kindern erklärt, was Urlaub außerhalb Deutschlands
ist. Oder hier „Oma hat ein Ferienhaus und wir nur eine kleine
Mietwohnung“. Das gibt auch Tipps, wie man Oma im Ferienhaus helfen
kann, damit man ein paar Wochen im Sommer darein darf.“ Mutter schaute
es sich mit Interesse an. Mein Blick fiel auf „Oma hinterlässt
Staatsschulden“. Ich nahm es in die Hand. Darin stand, dass ich Omas
Schulden noch abzahle, wenn sie lange nicht mehr da ist und dass ich sie
so immer in Erinnerung behalte. „Aber Oma ist doch nie da, und ich kann
mich sowieso nicht an sie erinnern!“ „Darum sorgt sie ja dafür, dass Du
Dich später an sie erinnern kannst!“ Das verstand ich nicht. War das
jetzt wieder „Philosophieren mit Kindern“? Das habe ich immer mittwochs.
Da geht es auch um Omas Tod. Und dass sie auch da ist, wenn sie tot ist.
Dass sie was hinterlässt. Ich muss an Omas hässliches Haus denken. An
ihr Wohnmobil. Ich will nicht, dass sie was hinterlässt! Dann ist es
doch besser, sie ist im Urlaub.
Teil 3 am nächsten
Mittwoch:
Oma ist Vandalin. Sie hinterlässt nur verbrannte Erde. Denn
Oma beklatscht Sarrazin. Welchen Urlaub für die ausländerfeindliche Oma?
Passende Kinderbücher für den Gabentisch!
Ist Oma tot oder im Urlaub?
Teil 1
Bilderbücher
mit schwierigen Themen, das ist ja Standard für unsere Kleinen. Wir
habens ja schwer, seit wir nicht mehr in Ruhe Kinderschokolade essen
dürfen, weil es da irgendwo echte Kinder gibt und uns unsere
Kinderlosigkeit vorwerfen wollen. Denn machen wir uns nichts vor, egal
ob mit Kindern oder ohne Kinder, wer in den sechziger oder siebziger
Jahren geboren ist, der hat ein Recht auf Dauerkindheit, und die paar
Themen, die dabei stören, die kann man ja nun mal wirklich den Kindern
aufbrummen. Der blöde Tod gehört dazu, denn irgendwann erwischt es Oma
und Opa. Die haben zwar alles schon überstanden, was früher eigentlich
elektrischer Stuhl bedeutete, Schlaganfälle, Krebse, die legen sich
jetzt selektive Altersdemenz zu, damit es nicht mehr schmerzt, dass die
Enkelkinder in miesen Verhältnissen aufwachsen, derweil Oma und Opa aus
dem Eigenheim mit dem Hymermobil nach Südeuropa flüchten. Dazu gibt es
natürlich kein Kinderbuch; wer will das historisch Singuläre schon zum
Thema machen – „Enkel werden für sinnloses Zeitkaputtkriegen von Oma
ausgehungert?“ Andererseits braucht solche Bücher auch niemand. Wer mit
Kindern von heute die zahlreichen Bücher zum Thema „Frisch tote
Großeltern“ (in Pädagogendeutsch: Wie man mit Kindern das Fortsein der
Großeltern thematisieren kann“) anschaut, muss sich als erstes eine
Antwort auf die Frage einfallen lassen: Und meine Oma? Ist sie jetzt tot
oder im Urlaub?
Opa kann nicht mit Geld umgehen
Wenn
Opa kommt, kriege ich natürlich die Krise. Mein Opa sieht ein bisschen
wie Westerwelle aus. Und seine Körpersprache drückt auch aus, dass er
sich Westerwelle irgendwie verwandt fühlt. Findet auch meine Mutter.
Dann zückt Opa sein Portemonnaie und will mir Geld zustecken. Opa steckt
dauernd Leuten Geld zu, und meine Mutter sagt, sie findet es sehr
freundlich, dass Opa ihr Geld zusteckt, das sie vorher für ihn
erarbeitet hat. Deswegen geht ihr das Danke auch nicht über die Lippen.
Wenn Opa dann seinen Zwanziger herausgezogen hat, sage ich auch nicht
danke, ich komme nicht dazu. Opa hält mir einen Vortrag darüber, dass
ich lernen muss mit Geld umzugehen. Haushalten. Nicht verschulden. Opa
redet von Dingen, von denen er nun wirklich keine Ahnung hat. Ich lass
mir ja auch nicht von nem Nazi Pazifismus ans Herz legen. Ich glaub auch
nicht, dass Opa sich selber glaubt. Opa ist immer froh, wenn er bei uns
raus ist. Er hat wohl ein bisschen Angst, dass meine Mutter mit uns
Kindern gemeinsam gegen ihn vorgeht. Damit muss er rechnen. Deshalb
flüchtet er sich in den nächsten Wellnessurlaub. Doch wir werden ihn
aufstöbern. Alle, die nicht mit Geld umgehen können, müssen irgendwann
auftauchen. Opa ist mein Wounded Knee, sagt Mutter immer. Keine Ahnung,
was sie meint. Was mit Indianern. Opa liest gern Karl May. Und er schaut
gern Western. Da schließt sich wohl der Kreis zu seinem Aussehen.
Diagnose: Zeitpsychose
Teil 3: Zum Turboturboabi
Nun habe ich
schreiben und lesen gelernt, es verbindet sich mit dem Gefühl, von
anderen Kindern in schlecht nachgeahmten, aber mit viel Kraft ausgeübten
Kampfsportsprüngen in den Bauch getreten zu werden. Das dient dem
Zusammenhalt der Gesellschaft und der sozialen Kompetenz, die habe ich
also auf dem Schulhof erworben. Zur selben Zeit findet dieselbe
Gesellschaft, jedes Kind müsse unbedingt ein eigens Zimmer haben, in dem
es dann allein spielen und schlafen kann. Und muss. Denn die Eltern
liegen zu zweit. Angst, wie man hört, haben sie keine vor der
Dunkelheit. Aber wir Kindern. Wir liegen ja auch allein in der
Dunkelheit.
Nun soll alles
anders werden auf dem Gymnasium. Die anderen Kinder haben winzige
Regale, und wenn darauf ein paar Bücher lauern, dann gelten diese Kinder
als belesen. Alle hassen die Schule, und wir haben keine Zeit, uns
gegenseitig gut zu finden, weil wir ja Konkurrenten sind. Eine neue Idee
der Pädagogen: Schüler benoten gegenseitig ihre Aufsätze. Damit man sich
richtig untereinander im Wettbewerb befindet. Freundschaft kommt nicht
auf in unserer Generation, wir sind alle Gegner im großen Rennen um
einen Platz in dieser Gesellschaft. Da ist sie wieder, die soziale
Kompetenz. Eines dieser Lügenworte der Erwachsenen, das genau das
Gegenteil meint. Unsoziale Kälte, einsame Kämpfer. Das ist die
Atmosphäre, in der wir die Schulen besuchen sollen, und damit das
auszuhalten ist, werden wir unter Druck gesetzt, nicht nachdenken, bloß
nicht zögern, turboturboabitur. Ab und zu hungert sich eines der Mädchen
zu Tode, ab und greift einer der Jungs zur Knarre und schießt um sich,
das wissen die Erwachsenen, sie sind schuld daran, deshalb unterdrücken
sie jede Diskussion darüber. Wer wird schon gern als das bezeichnet, was
er ist, ein Schreibtischmörder? Wir, die wir überlebt haben, haben zu
nichts Lust. Was zwingt uns weiter? Die Tricks der Greise. Aber die
werden schwächer, je erwachsener auch wir werden. Und nach der ganzen
Hetze wehren wir uns. Hände in den Schoß mit 20.
Diagnose: Zeitpsychose
Teil 2:
In der Grundschulnotaufnahme
Ich werd weiter
gehetzt. Nichts mit geruhsam Schreiben und Lesen lernen, es geht ums
Ganze bei uns, sagen sie uns, und das jeden Tag. Da sitzt vorne keine
nette junge Lehrerin mit einer Gitarre auf dem Schoß, so wars noch bei
den Herren und Damen Eltern, so sie aus dem Westen sind, bei uns gibt’s
Drill von vorne und hinten nur Chaos. Ich werd gepiesackt von den Jungs
in der Reihe hinter mir, dumme Sprüche, und dann gibt’s noch Kopfnoten
darüber, wie mein Charakter ist. Der Charakter ist irgendwie, das weiß
ich nicht und werde es wohl nie ergründen können, und ich weiß ja, dass
das denen allen auch gleich ist, ich soll einfach nur ein nützliches
Mitglied der Gesellschaft werden, wie es früher schon auf den Kolchosen
hieß. Mensch egal, Hauptsache das Kollektiv. Das machen sie hier jetzt
auch mit uns, nur mit dem Vorzeichen, dass sie nicht wissen, für welche
Gesellschaft der Mensch egal sein soll, und dass das Kollektiv klein,
sehr klein ist. Wir sollen nämlich einer kleinen Gruppe dienen, sollen
nicht für uns und die Menge, sondern für ein Viertle Profiteure alles am
Laufen halten. Wir haben es verstanden. Wir traben einfach mit. Es geht
also alles seinen sozialistischen Gang.
Diagnose: Zeitpsychose
Teil 1: In der Kindergartenförderungsanstalt
Ich bin 25. Geboren 2002. Meine Eltern fanden die Frühförderung wichtig,
und ich bekam Kopfhörer auf. Stimmen schallten in mein Ohr, in mein
Hirn. Dann kam die Kinderbetreuungsanstalt. Dort förderten mich
weitegebildete FH-Erzieherinnen. Ich lernte Englisch-Brocken – es sind
nicht dieselben Englisch-Brocken, die ich heute kann. Ich war im
Musikkarussell, da sollte man viele Instrumente kennenlernen. Und für
mein Gleichgewicht machte ich Gymnastikübungen. Die restliche Zeit wurde
ich außerhalb der Institutionen weitergefördert. Ich war in einem Kurs
für Naturwissenschaften, in einem für Experimente und für Frühschach.
Dann kam die Schule. Ich war fünf. Ich musste Antworten geben. In meinem
Kopf drehten sich die Uhrzeiten. Halb sieben, acht, zwölf, sechzehn Uhr
nach Hause, irgendwas bedeuteten diese Uhrzeiten, aber ich konnte sie
nicht zuordnen. Und ab da, wenn ich das Wort Zeit höre, halte ich es
nicht aus, nichts halte ich aus.
Nun sitze ich im Sandkasten und baue eine Burg. Meine Kommilitonen haben
mir grade mein Lieblingsförmchen weggenommen. Die Psychologen haben die
Kameras auf uns gerichtet. Nachher folgt die Analyse. Die soll mich fit
für den Arbeitsmarkt machen. Auf dem war ich noch nie. Da kann ich nicht
hin. Das ist was mit Uhrzeiten. Die haben eine Bedeutung, aber ich kenne
sie bis heute nicht. Sie haben etwas damit zu tun, dass den Alten die
Zeit wegläuft. Ich lauf vor denen weg, aber sie halten mich fest und
sagen, ich bin ihnen etwas schuldig und ich schreie, ich will raus aus
diesem Land. Aber sie sagen nein, erst muss ich meine gute Ausbildung
zurückzahlen, danach ist immer noch Zeit…. Ahahah! ZEIT…
Zwang und Langeweile
Zwang gebiert Langeweile. Und zwar zwangsweise. Darum ist Schullektüre
etwas so Langweiliges, dass man sich sein Lebtag schüttelt, wenn man an
Brecht, Siegfried Lenz, Dürrenmatt oder Peter Handke denkt. Da sind halt
die billigen Auguste, die im Zwangssystem Erfolge feierten. Wobei Handke
noch genug Saft hatte, sich so zu sträuben, dass man Jahre später doch
noch mal vorsichtig anfing, über ihn nachzudenken und versuchte, die
assoziierte Ödnis zu verdrängen. Lesezwang ist einfach das Ende des
Buches, und jeder weiß ja, dass Lesen an sich nicht der Knaller an
körperlichem Abenteuer ist. Früher, ja da war rumsitzen du was im Kopf
erleben dem Lesen vorbehalten, aber heute sind ja fast alle Tätigkeiten
so gestrickt, und man weiß: Wer rumsitzt, sitzt rum und Man weiß nicht,
was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht nichts. Darum dürfen Tätigkeiten
nicht mehr Tätigkeiten sein, sondern werden in Events verwandelt. Eine
Pressemeldung, in der Fußball, ohne mit der Wimper zu zucken, als
Leseförderung bezeichnet wird, sagt ja nichts anderes als: Fußballlernen
ist Lesenlernen. Also ist Fußballspielen lesen. Wow! Erwachsene sind
schon dolle Dinger. Verdrehen alles so, dass es für sie passt. Wollen
mit Kindern Fußballspielen oder Musik machen oder Bilder malen oder
Wirtschaft beibringen – alles Lesen. Überhaupt Wirtschaft beibringen! Da
können sie richtig was lernen von den Großen! Leistungsbezogen,
zielgerichtet zu handeln zum Beispiel. Und dauernd über Geld nachdenken.
Da probieren die Erwachsene wieder diesen Verdreher: Geld wäre etwas
Spannendes. Dabei ist Geld ja gerade deswegen so öde, weil es, wenn es
nicht das Ergebnis einer erfüllenden Tätigkeit ist, nur mit Zwang zu tun
hat. Später Geldverdienen ist also Leseförderung, das wird bald auch
eine Pressemeldung hergeben. Dabei sind Geld und Lesen wie Schullektüre
und Lesen; sie haben nichts gemein. Bis auf eines: Zwang gebiert
Langeweile.
Zugreinigung
Die PR-Prosa der „Stiftung Lesen“
Von Jan Fischer
Dieser
Kommentar wird in einem Zug geschrieben, zwischen Tür und Angel, oder
besser: Zwischen Mannheim und Berlin. Gerade knipst ein Schaffner
Fahrtkarten ab, durch das Lautsprechersystem wird der „Kollege von der
Zugreinigung“ ausgerufen, er solle zum Wagen Nummer sieben kommen.
Nun verbieten sich
ja Witze über die Deutsche Bahn. Es ist nur so: Dieser Tage flatterte
hier eine Pressemeldung der Deutschen Bahn auf die Schreibtische:
„DB-Vorstandsvorsitzender Grube engagiert sich im Vorstand der Stiftung
Lesen“ war die Überschrift, und die Unterüberschrift begann mit: „Grube:
‚Lesen vermittelt geistige Mobilität’“. Was soll man denn da anderes
machen als Witze?
Nun ist es ja nicht so, dass wir prinzipiell gegen lesende Kinder oder
Leseförderung eingestellt wären, im Gegenteil. Mit „Lesen fördert die
geistige Mobilität“ gehen wir auch noch mit, obwohl ein Wort wie
„Mobilität“ eher der Sphäre des Waren- und Dienstleistungsverkehrs
entnommen ist, als dass es mit so etwas lustvollem wie Lesen in
Verbindung gebracht werden könnte. Zumindest sind wir froh, dass die
Presseabteilung der Deutschen Bahn sich nicht so etwas ausgedacht hat
wie „Lesen ist die Bahncard 100 im Streckennetz des Wissens“.
Inzwischen ist der Kollege von der Zugreinigung fertig, tatsächlich ist
es ein Schwarzer Reinigungsfachmann, der stoisch und schweigend wie im
Hause von Scarlett O’Hara ein paar Scherben vom Boden aufgefegt hat.
Möglicherweise sind dies schon die ersten Auswirkungen der
„Service-Offensive“, mit der die Bahn ihre Kundenfreundlichkeit erhöhen
möchte, wie Herr Grube jüngst verlautbaren ließ.
Man könnte es sich nun einfach machen, sagen, die „Stiftung Lesen“ wäre
nichts als eine zu Tode durchpädagogisierte und außerdem stocksteife
PR-Maschine, in die alle möglichen Menschen Geld stecken, weil sie
zeigen wollen, dass sie nette Menschen sind, das ganze in einer schönen
Paralellsetzung beenden und sagen: Ja, das ist dann ja wohl auch eine
Zugreinigung, eine Zugimagereinigung, die Grube gerne vornehmen möchte.
Natürlich, das
kalte Gruseln kommt einen wenn man in offiziellen Verlautbarungen der
Stiftung liest, wie z.B. die Auftaktveranstaltung des
Medienerzieher/innen Clubs - kurz: mec – so gelaufen ist: „Acht
Kinder der Konsultationskita Medien ‚Haus des Kindes’ aus
Stadecken-Elsheim erstellten während der Tagung mit Unterstützung einer
Erzieherin und zwei Referentinnen einen Trickfilm. Der wurde am
Nachmittag allen Gästen vorgeführt und erntete viel Applaus. Ebenso ihr
Gedicht, das sie sich extra für die mec-Eröffnung ausgedacht haben:
‚Computer,
Fernsehen, Medienwelt, das ist es, was uns
kids gefällt.
Doch wichtig ist’s,
das zu verstehen
und RICHTIG damit umzugehn.
Der mec erklärt uns
WIE und WAS,
er macht uns medienfit – und SPASS!!’“
Oder wenn man in
der Pressemitteilung auf dem Schreibtisch Sätze liest wie: „Die
Lektürevorliebe des passionierten Technikers Grube sind ‚Bücher, die
dazu anregen, über den technologischen Fortschritt von morgen oder
übermorgen nachzudenken.’“
Aber hier ist eine Unterscheidung fällig: Während Grube vermutlich
tatsächlich seine persönliche Zugreinigung betreibt, und möglicherweise
die „Stiftung Lesen“ auch eine schwerfällige PR-Veranstaltung ist, in
der Politik und Wirtschaft enger mit Verlagen, Buchhandel und
Literaturvermittlung verzahnt sind als gut wäre, die außerdem noch
inflationär öffentlichkeitswirksame Preise wie den Vorlesepreis und
Preise für Lesescouts usw. usf. von irgendeinem B-Politiker vergeben
lässt, so kann man immerhin sagen: Die „Stiftung Lesen“ bringt Bücher in
Altenheime, Kinderheime, überhaupt zu Kindern. Und auch wenn die
operative und repräsentative Ebene dieser Stiftung durchweg gruselig und
unsympathisch sind, so ist schwer zu sagen, ob sich das auch am
Bodensatz fortsetzt: Der Zugreiniger ist schließlich nicht der Scarlett
O’Hara-Sklave, sondern jemand, der mit einem nicht so tollen Job Geld
verdient und abends zu seiner Familie zurückkehrt. Es liegt durchaus im
Bereich des Möglichen, dass er glücklich ist. Genauso wie unten in der
Hierarchie der „Stiftung Lesen“ die engagierten Pädagogen und
Pädagoginnen vor den Kindern sitzen und alles versuchen, sie für Bücher
zu begeistern. Es möglicherweise sogar schaffen. Auf jeden Fall aber
hart arbeiten. Dass sie in einem schwerfälligen Reinigungsvehikel
stecken, deren PR-Abteilung so schreckliche Texte darüber verfasst,
dafür können sie nichts.
Was ist ein guter Vater?
Kleine Geschichte der Bundesrepublik
Teil 3 und Schluss: „Gleich bis zum Mundgeruch“
Der größte
Zusammenhalt aber ist die Gleichmacherei. Das ist Bundesrepublik pur:
Selbst Rebellion hat sich anzupassen an den Allgemeinheitsgeschmack.
Wohnen, Essen, Kleidung, Wissen, Sprache – alles muss gleich sein, sonst
setzt’s was. Und was! Geprügelt werden für Anderssein, unter
begeisterter öffentlicher Anteilnahme, für diese Praxis rennen
Zeitzeugen in Massen herum. Die die übrig blieben, beäugen sich
gegenseitig, verspotten jede kleinste Abweichung des anderen. Das hatte
Integrationskraft! Jeder, der nicht BR-normal war, wurde
zwangsangepasst. Wenn ich nicht auf die Art schwul sein will, auf die
man heute schwul ist, was ist dann mit mir? Eingemeindung ist der
historische Schlüsselbegriff, Vaterschaft ist auf bundesrepublikanisch
gleichmachen bis zur Unkenntlichkeit. Eine große Pampe Einheitlichkeit,
erzwungen, gleich bis zum Mundgeruch. Gute Väter? Sind anders.
Was ist ein guter Vater?
Kleine Geschichte der Bundesrepublik
Teil 2: „Grüße aus dem Schuldenturm“
Aus eigener Hände Kraft, was für eine hübsche kleine Ideologie! Das
Patriarchat der Bundesrepublik war natürlich ganz kleinlaut, aber über
das bisschen Geld, das ihnen als Machtmittel zur Verfügung stand, ließ
sich manche Autorität wiederbegründen. Nun hatte man ja reichlich
gezeigt, wohin das führt, wenn man etwas anderes als Geld will, da
passte es ganz gut, sich als neuer Staat kurzerhand zu einigen: Es geht
nur ums Geld, und das verbindet uns jetzt auf neue Art alle miteinander.
Plopp, hatte die Bundesrepublik ihren Gründungsmythos – lasst uns
zusammen reich sein, und die Väter verteilen für Euch das Geld und damit
das Land! Dummerweise hatten die neuen Patriarchen für dieses neue Ideal
keine Etikette beigebracht bekommen, denn Hackenzusammenschlagen nützte
nun nichts mehr. Also begründeten sie gleich eine zweite Säule der
Bundesrepublik: Alles mitmachen, was nach noch mehr Geld riecht. Für
Geldhaben gibt es ja keine Altersbegrenzung wie bei vielen anderen
Tätigkeiten, und daher machten sich die alten Väter schön reich und
sahen zu, die Gichtgriffel immer auf dem Portemonaie zu haben. Und dabei
zu sahen auch die Kinder. Erarbeiten konnten die Väter ihre immer
höheren Ansprüche natürlich nicht, das weiß ja jeder. Zu übernehmen gibt
es seither die schöne bundesrepublikanische Tradition: Schulden
vermachen. Dauerhafter als Erz!
Gute Väter? Machen nicht nur ihre Schulden selber.
Was ist ein guter Vater?
Kleine Geschichte der
Bundesrepublik
Teil 1: „Stiefväter des Grundgesetzes“
Ein guter Vater hat sich das Grundgesetz ausgedacht. Das heißt: es waren
ja die Mütter und Väter des Grundgesetzes. Heute wären zwar keine Mütter
mehr dabei, weil heute die Mütter beim Discounter an der Kasse sitzen
und die restliche Zeit Kinder unterm Rad, durch Hermann-Hesse- Schulen
quälen. Das ist deren gesellschaftlicher Auftrag, in den vierziger
Jahren war das natürlich ganz anders. Da waren die Mütter beteiligt an
den großen Entscheidungen. Leider sind Mütter nur dann angesehen, wenn
sie Grundgesetze und ähnliches gebieren, wenn es Kinder sind, hält sich
das Ansehen für die Mütter schon sehr in Grenzen. Aber beim Grundgesetz,
wow! Der Nachwuchs hat ja gutgetan, und wo er Ärger macht, wird er
einfach mal kurzerhand ein wenig eingeschränkt, ein Grundrecht hier, ein
Grundrecht da – eben wie bei echten Kindern. Warum nur verteidigen die
Mütter ihr Kindlein, das Grundgesetz, nun nicht wie die Löwinnen? Hat es
nachher doch nur Väter? Die sind ja schwach, wenn ihre eigenen
Machtansprüche flöten gehen könnten, das wissen wir ja von all den von
ihren Vätern weggesperrten Königssöhnen. Also ist da niemand, der das
kleine Grundgesetz gegen seine Väter verteidigen kann. Grundgesetze
haben nämlich eine längere Aufzuchtszeit als Menschen, mit 60 sind sie
noch lange nicht erwachsen. Deswegen feiert sich die Bundesrepublik
Deutschland viel zu früh, das Kind ist nicht aus dem gröbsten raus.
Nehmen wir es also an die Hand und führen es mal durch das Land, in dem
es gediehen soll. Da möchte es sich gleich von der Hand losreißen und zu
anderen Leuten rennen, weg von den Stiefvätern, die es nur malträtieren.
Da gibt es welche, die sehen so nach Freiheit und Würde aus, denkt es
und sieht mit Schrecken in die verzerrten Gesichter, die gerade seine
Geburtstagsparty vorbereiten wollen. Da setzt es sich hin und weint. Es
zählt hier nichts, nur ausgenutzt wird es. Es stützt sich auf Wer nur
ist sein richtiger Vater? Stammt es aus einer Samenspende? Einer
eingefrorenen womöglich? Von 1940? Der soziale Vater kümmert sich auch
auch! Sagt einer von den Zeugungsunfähigen, man kann auch ohne
biologischen… Das Grundgesetz zittert. Hat es vielleicht doch wenigstens
eine Mutter?
Aber das ist ja nicht das Thema. Die Frage war: Ein guter Vater, was ist
das? Einer, der seine Kinder selber zeugt. Mehr dazu in Teil 2.
Angst essen Gummibärchen auf
Subversive Gerichte Teil 2 und Ende
Heute:
Deichlamm
Ortstermin
Restaurant. Es ist still im Speiseraum. Drei Paare; flüstern sie noch
oder schweigen sie schon? Ein Einzelmann. Er ist Schäfer und verkauft
seine Felle auf einem Supermarkt-Parkplatz. Die Kapitäne der Landstraße
mit ihren Wohnmobilen kaufen bei ihm. Es ist Frühjahr, da legt man sich
gern ein Fell unter. Er nickt freundlich. Er hat den Kindern heute schon
kleine Fellstücke geschenkt. Für ihn ist es eine Dienstreise. Die Paare
feiern ihren Urlaub. Wir nehmen Platz. Der größte Tisch, die einzigen
Kinder, das einzige vernehmbare Tischgespräch. Dann die Bestellung.
Heimlich, die Kinder haben sie heute noch angelockt und zu füttern
versucht. Deichlämmer. Wir essen Deichlamm. Alle essen das jetzt. Aber
wir bestellen verschlüsselt. Auf dem Teller erkennt man auch noch
nichts. Erst beim Bezahlen, die gestörten Paare sind längst weg, der
Schäfer würde noch eine Pfeife rauchen, wenn er dürfte, aber er darf
nicht und ist darum auch schon weg. erbebt es im Raum. Die Kellnerin
zählt die Speisen auf. Die Kinder blicken uns an. "Oh, wie süß! habt Ihr
gerufen, und jetzt das!", werfen sie uns vor. An diesem Abend spüren wir
noch deutlicher als sonst, wie hart das Leben als Eltern ist.
Wann gehen wir wohl das nächste Mal
essen?
Angst essen Gummibärchen auf
Subversive Gerichte Teil 1
Heute:
Frische Scholle
Nur ein
konsumierendes Kind ist ein gutes Kind. Ein Kind, das angeblich schon
frühkindlich gebildet werden muss, ist schon früh als Konsument
deklariert und verwendbar. Familien, die kaum Zeit füreinander haben,
sind leichter in ihre Einzelteile zu zerlegen und die Einzelteile
leichter zu verwerten. Da liegt die Scholle als Anschauungsobjekt nahe.
An ihr kann man Kindern gut erklären, mit welchen Erwachsenen sie
zeitweise ein Land teilen müssen. Scholle ist ein subversives Gericht.
Scholle darf nicht sein.
Zunächst müssen die
Eltern Zeit haben, sie frisch vom Fischerboot weg zu kaufen. Das Kind
braucht auch Zeit, um den Duft des Meeres zu riechen und zuzusehen, wie
der junge Fischer sein Netz im Boot sortiert. Eine Stunde lang.
Entknoten, weiterziehen, entknoten, weiterziehen. Der
Acht-Stunden-Schultag ist nervtötender, erkennt das Kind.
Die Scholle wird
gewogen. Zerlegt und nass in eine Tüte getan. Das Kind nimmt sie nicht
in die Hand. Es wird nicht mitessen. „Meine Scholle ess ich nicht!“,
sagt es. Die Eltern verstehen das sofort. Was für eine
Disziplinlosigkeit! Das Kind hat recht.
Zuhause wird das
Kochbuch gewälzt. Wie nimmt man die Scholle aus? Alle Hände stinken.
Aber es gelingt. Aus der Pfanne kommt eine leckere Scholle, lecker für
die Eltern. Das Kind isst nur die Bratkartoffeln. Was für ein
Haustyrann! Das Kind gehört unter Kinder, das ist es, was die
Ellbogigsten der ganzen Gesellschaft verlangen. Die Einsamsten, die
Sozialkompetenz mit Unterdrückung gleichsetzen. Andere unterdrücken.
Nach dem Essen
können die Eltern dem Kind die Welt erklären. Die Politiker, die
Pädagogen, die Marketingstrategen, die Richter, alle, die sich am
Kindeswohl selber gesundstoßen. Um das Kind selber geht es nur den
Eltern. Darum gab es heute Scholle.
Und was gibt es kommenden Mittwoch?
Neue
Gesetzesvorhaben
Zu
paraphieren: Das Single-Gesetz
Der Staat muss schützen, das ist klar, und zwar vor allem die Bürger vor sich
selber.
Dafür gibt es Gesetze, immer neue, man weiß nicht, wo sie wohnen, am Ende der
Straße vielleicht, aber sie sind mitten unter uns.
Traurig unbeachtet von der rührenden Fürsorge sind bisher die Singles. Wir
müssen etwas gegen deren Verwahrlosung tun! Also erarbeiten wir zur Zeit einen
Gesetzesvorschlag, der Abhilfe schaffen könnte. Zunächst bieten wir
Ganztagsbetreuung an. Das bringt die Kreaturen erstmal weg von der Konsole, die
ins Internet und damit auf schädliche, wenn nicht pornographische Seiten führt.
Damit schaden die Singles schließlich auch anderen.
Was aber wird nach 16 Uhr, wenn selbst die beste Ganztagsbetreuung durch
geschultes, fortgebildetes Personal endet? Wir müssen verfolgen, was die Singles
dann tun.
Viele sind auffällig. Die Männer könnten nun in wirkliche Rotlichtbezirke gehen.
Die Frauen verplempern unser Steuergeld (sie sollten lieber für ihr kinderloses
Alter zurücklegen und dann nicht der Allgemeinheit zur Last fallen) für
ungesunde Ernährung. Die meisten Singles essen viel zu oft Fastfood. Wie soll
unser Gesundheitssystem das auffangen?
Und dann erst das Urlaubsverhalten! Singles sind überdurchschnittlich oft allein
im Auto unterwegs und fordern Staus heraus, was die Marktwirtschaft wichtige
Zeitressourcen kostet. Sie sitzen überdurchschnittlich oft im Flugzeug und
stören dort Familien durch ihr unsoziales Verhalten.
Überhaupt die Sozialkompetenz! Warum haben sie die eigentlich in den Schulen
nicht gelernt? Dafür extra klammert man sich doch heute an die Schulpflicht,
wegen der Sozialkompetenz, derweil da draußen ein Heer von Zivilversagern ihr
Single-Dasein direkt mit dem Abitur begann.
Glasklar: Wir brauchen ein Singleschutzgesetz. Da könnte sich doch auch der
Kinderschutzbund, der ja für alles ist, was ihm bei schwindenden Kinderzahlen
neue Aufgaben zuführt, einsetzen. Singles waren doch auch mal Kinder! Singles
sind ja große Kinder! Wenn wir erst den Zutritt zu ihren Wohnungen haben, ich
versprech’s Ihnen, werden wir es merken.
Unser
Ausflug in den Boulevardjournalismus ist uns teuer zu stehen gekommen.
Abgestraft! Von den eigenen Lesern. Die wollen mehr Niveau. Schade. Aber
da ist es wieder, und leider auch gleich berechtigt: Wir verweigern
Fertigprodukte, wir basteln selber. Aber was? Halloween-Masken? Nein, da
schneiden wir die Augen immer rund aus, und das darf nicht sein, die
müssen eckig sein. Alte europäische Tradition. Laternen? Da warten wir
brav auf November, auch wenn es Ostseeorte gegen soll, in denen man sich
im August zum Laternelaufen auf dem Sky-Parkplatz trifft (Sky ist ein
Supermarkt und so hübsch gelegen wie das heute so ist). Neue europäische
Tradition. Bleibt ein Drachen. Als erstes gehen die Eltern einkaufen und
laufen sich die Füße platt, um passende Holzstäbe zu kriegen. Bei
Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wo und wie das gelungen ist
(wird nächsten Mittwoch geschildert). Die Kinder verbringen die Zeit
währenddessen damit, beim TV-Sender kika-Fragen zu beantworten. Muss die
Schule renoviert werden? Eben so Fragen, die Kinder von sich aus richtig
interessieren ("Sollte die Schule nachts von einem Amokläufer angezündet
werden?" 95,8 Prozent: "Ja. Der Rest hat die Frage nicht verstanden.")
Na - die nach dem Taschengeld und ob es den Kindern hoch genug ist, die
ist ganz kindgerecht, zugegeben. ("Kriegst Du genug Geldgeldgeld?" 95,8
Prozent: "So wenig wie die Eltern haben." Der Rest nimmt sich das Geld
direkt aus dem Portemonaie der Eltern. Ist wie bei radikalen Parteien -
an den Rändern begegnet man sich.) Was das in einer Politkolumne zu
suchen hat? Dass die Ergebnisse von kika der Kanzlerin übergeben werden.
So macht man ehrliche Kinderpolitik. An dieser Stelle muss jede
ernsthafte Satire enden. Kotz.
Kastanien
nerven
Teil 1
Man soll das
Unvermeidliche hinnehmen und den Jahreszyklus in seine Erziehung mit
einbeziehen, natürlich. Herbst wäre ja eigentlich eine wunderschöne
Zeit, wäre da nicht dieser einsetzende Weihnachtsstress. In den
Ausbeuterläden, in denen ausgebeutete Arbeitskräfte ausgebeuteten
Käufern zwischen Waren, produziert von ausgebeuteten Industriearbeitern
und produziert aus ausgebeuteten Tieren, begegnen - unten sind alle
Lebewesen gleich hilflos; dort liegen seit Wochen die Spekulatius. Dabei
gibt es ja noch die Kastanienzeit. Sie ist zwischengequetscht, na gut,
aber zum Sammeln und Streichholzmännchen drausmachen, dafür reichts. Und
nun stehen da schon die ersten Streichholzmännchen auf den Tischen. Es
werden immer mehr, und wir haben aus ihnen einen kleinen Bundestag
aufgebaut. Das Streichholzmännchen, das Schwesterwelle mimen soll,
flehte und fluchte, aber wir wurden nicht weich. Das ist seine Rolle.
Schließlich müssen auch andere Liberale spielen, gut, obwohl wir, als
wir Schwesterwelles erste Rede unter dem programmatischen „Freiheit ist
die Bekämpfung der anderen, Entschuldigung, die weitere Verarmung der
anderen“, die überhaupt nicht lustig war, fertig hatten, da tat uns das
Streichholzmännchen doch leid. Übrigens haben die Männchen auch ein
Privatleben, und wir sind, anders als die deutschen Boulevardzeitungen,
völlig hinter Sensationen her. Sie, lieber Leser, werden doch auch nicht
etwa gedacht haben, wir langweilen sie mit Bundestagsdebatten? Nein, was
unter den Stühlen hängt, das interessiert uns.
Neues aus Else III und Ende
Lale wird psychodelisch und will emigrieren
Es war Daniels’ Haufen, in den ich trat. Ich musste die Schuhe vor der
Tür ausziehen und dann in unserer Dusche abspritzen. Das ist ganz normal
in diesem Land, eine häufige Tätigkeit von den zeitknappen, von
Kanalisation umgebenen Menschen. Ich war drin, das war jetzt das
wichtigste. Zu meinem Leidwesen war mein Mann auch schon da. Er stand in
der Küche und suchte nach etwas Essbarem. „Die Nahrungsmittel sind zu
schlecht“, sagte er und meinte irgendetwas. Ich verzieh ihm sofort. Er
war den ganzen Tag mit den Menschen von hier umgeben, nicht gerade
Satzkünstler, und sie waren alle zu dick. „Ich meine, man sollte die
Menschen essen lassen, was sie möchten. Wenn man sich einmischt, dann
operiert man im Endeffekt doch nur mit der Angst.“ Das sagte ich. Lange
nicht mehr so einen Satz gesagt, und schon gar nicht in diesem
Fertighaus. Ich sah aus dem Fenster. Geschmacklich waren alle Häuser um
uns herum genauso daneben. Ich glaube, die Genehmigungen für solche
Dinger geben Leute, die sie chic finden. Mein Mann war vielleicht
sprachlos. Wie man die Menschen hier bevormunden könnte, das waren seine
einzigen Gedanken, und nun kam ich mit so was! Ich ging zum Bücherregal,
ich hatte ja schon die Kinderbücher von zuhause geholt. Zuhause, das ist
in meiner Generation da, wo man aufgewachsen ist, niemand will da je
wieder hin, aber man bezeichnet es in der Ortsangabe als Zuhause. Ich
griff „Fünf Hunde erben eine Million“ heraus, allerdings die Neuausgabe,
die ich von einer Freundin kürzlich geschenkt bekommen hatte. Hans
Traxler, Titanic, Satire, wie nötig ist sie jetzt, war immer alles
Realsatire? Es hatte etwas Psychodelisches, in Else so viele Gedanken
nacheinander zu haben. Mein Mann musste wieder in die Praxis, und ich
wollte zum Volkswirt. Es muss sich etwas tun bei mir. Ich muss dieses
Land hinter mir lassen, ich muss in die innere Emigration, und dann
passiert etwas.
Neues aus Else II
Lale besucht die Deutschland-AG und will zum Gedenkstein
Und dann war da
noch der Schweiger. Heute würde man zwar eher sagen: der Raucher. Und so
habe ich ihn auch kennengelernt, in einem Winkel, den das einzige
äußerlich schöne Gebäude von Else, die Magdalenenkirche, bot, stand er
und rauchte. Ich sah die Rauchschwaden erst nach den Kinderwägen, die
sich dort sammelten. In der Mitte stand der Schweiger, und um ihn herum
standen Mütter, die genüsslich an Zigaretten zogen. Diese Mütter kannte
ich nicht, sie waren naturgemäß nicht mehr in den
Geburtsvorbereitungskursen, und andere Mütter kannte ich nicht. Dann
schnippten sie die Kippen weg und gingen in verschiedene Richtungen
davon. Der Schweiger zündete sich noch eine an. Ich stellte mich zu ihm.
Näher betrachtet hatte er etwas Feminines, ich vermutete, er ist eine
Transe.
Dieser Ort begann
mich zu interessieren. Vorerst jedoch musste ich in das Preisrätsel-Haus
zurück. Ich lief an der Praxis meines Mannes vorbei, winkte blöd seinem
Fenster zu, bog um die Ecke und verschwand im Töpferladen. Dort gab es
Nippes in unvorstellbaren Ausmaßen, mein Mann kannte sogar eine, die
lebte vom Nippes-Basteln, und die Nippes-Verkäuferin lebte davon, alle
halbe Jahr in die Großstadt zu fahren, dort in den Billigläden Zeugs zu
kaufen und hier teuer weiterzuverkaufen. Ich nannte den Laden
Deutschland-AG. Heute war nur eine da, die Erbin, sie hatte sogar
irgendwann mal woanders gelebt, aber sich in Else aufspielen, das ist
dann schon besser. Ich dachte an meinen Plan. Ich werde im Frühjahr
Blumen niederlegen, am Gedenkstein zur Aufhebung der Leibeigenschaft.
Meine Blumenniederlegung, das war mein Hauptthema der letzten Wochen,
ich werde eine große Sache daraus machen, und mein Mann wird dann erst
wissen, was es bedeutet, etwas nicht mehr hören zu können.
Nun aber verlangte
der Nippes-Laden meine ganze Aufmerksamkeit. Die Erbin gehörte zur Seite
gedrängt, mein Bauch machte es möglich. Es gelang, kein Wort musste ich
mit ihr sprechen. Ich nickte der Nippes-Verkäuferin zu. Sie wusste
bescheid, ich wollte in den hinteren Raum, dort hatte sie zwei Sessel,
die waren wohl von irgendeiner Haushaltsauflösung übriggeblieben. Ich
hatte Glück. Der Volkswirt war da. Er hatte im Winter nichts zu tun,
weil er als Bademeister arbeitete, und er hatte vor langer Zeit in
Thessaloniki Volkswirtschaftslehre studiert. Mit dem wollte ich mich
unterhalten. Zwar endeten unsere Gespräche immer abrupt, weil jemand
dazu kam, und der Volkswirt sagte: „Darauf müsste ich genauer
rekurrieren!“ Aber es war trotzdem gut, denn der Volkswirt war
Märchenfachmann, und diesmal debattierten wir, warum dieses Weichei von
Königssohn Rapunzel eigentlich nicht gleich mitnahm und stattdessen
jedesmal lächerlich geringe Mengen an Seide mitbrachte, um sie
irgendwann zu befreien. „Das ist Unentschlossenheit oder böser
Vorsatz!“, fand auch der Volkswirt, Rapunzel in Freiheit würde ihn
wahrscheinlich überfordern, aber Freiheit zu predigen, das klang gut.
„So wie Marktwirtschaft predigen, aber nur sich selbst solange Vorteile
verschaffen wie möglich, und wenn nicht mehr möglich, doch lieber direkt
ganz ununternehmerisch Geld bekommen, und dann sind die einen, die unten
kämpfen müssen, doch ein bisschen mehr marktwirtschaft als die
anderen!“, legte der Volkswirt drauf, und wäre nicht die Erbin, die von
Mieten von Hartz-IV-Empfängern, also von Staatsknete lebt, gekommen, ich
hätte Rapunzel verstanden.
Neues aus Else I
Lale Hangmann lebt in Pleitedeutschland und gewinnt ein Fertighaus
Am Anfang bat ich
meinen Mann, den Lesezirkel aus seinem Wartezimmer mitzubringen. Ich
wollte mir die Abende vertreiben, an denen ich die x-te Apfelschorle
trank, weil ich schwanger war und das erste Mal seit nicht nur gefühlten
16 Jahren abends keinen Alkohol trinken durfte. Mein Mann und ich
kannten uns noch nicht lange, und er dachte, ich interessiere mich
wirklich für Illustrierte. Deswegen bedankte ich mich brav bei ihm und
hatte nun ein neues Abendprogramm. Ich machte die Preisrätsel mit. Dafür
verachtete ich mich natürlich selber, wie ich meine Adresse freiwillig
an Adresshändlern abgab, aber ich dachte mir, bei meiner Adresse auch
egal. Ich war durchs Schwangerwerden in Else gelandet, und hier war
schon lange alles egal. Die Menschen und das, was sie taten, spielte
einfach überhaupt keine Rolle, Else war ein Ort, der froh sein konnte,
wenn die Landesregierung Erbarmen zeigte und Lernbehinderte hier lernen
ließ.
Angst vor
Arbeitslosigkeit hatte hier auch keiner, in Else gab es seit Jahren nur
Krise oder Leute, die sich aus dem System und seinen Subsystemen
ernährten. Aber Else lag tief im Westen, die Leute kannten seit
Jahrzehnten nur Konsumieren als Lebensinhalt. Deswegen waren sie zum
Großteil sehr, wirklich sehr dick und blieben im Freibad in der Rutsche
hängen. Gut für meinen Mann, dachte ich erst noch, hat er schöne viele
dauerkranke Patienten. Diesen Gedanke bereute ich eines Tages tief. Dazu
später.
Ich machte also das
Preisrätsel mit, bei dem man ein Fertighaus gewinnen konnte. Ich gewann
es. „Der Hauptgewinn geht an Lale Hangmann in Else.“ So stand es in der
Illustrierten, die mir plötzlich noch schmieriger als vorher vorkam.
Mein Mann hatte als einer der wenigen in Else Geld, da waren sonst nur
noch zwei Lehrer, die ein bisschen was gespart hatten, der Zahnarzt, der
von der Volksbank, der geerbt hatte, und der Undefinierbare. In Else
kann man etwas über Deutschlands Kasten lernen! Das hatte ich nun noch
gerade vor mir, als mein Mann die Doppelparzelle im Neubaugebiet kaufte.
Elses Stadtväter hatten sich nämlich einen Trick ausgedacht, um ihre
Haushaltskasse aufzubessern: Sie wollten mehr Bürger haben, um damit die
Pro-Kopf-Verschuldung zu senken. Damit spart man das Abzahlen. Darum gab
es nur in Else so superkleine Parzellen, die sich jeder leisten konnte.
Das gewonnene Haus war nun so groß, dass wir zwei Parzellen kauften. Ich
wusste es noch nicht: Aber damit war klar, wir würden im Neubaugebiet
geschnitten werden, von Typen, die nicht mal den Weg zur nächsten
Pommesbude alleine finden. Daran, dass unser Haus hässlich war, störte
sich niemand, auch in der Behörde nicht, die das Scheusal genehmigen
musste. Die hatten gerade ein anderes Haus abgelehnt. „Wir wollen nur
Normales“, sagte der Bauheini, der meinen Mann noch aus der Schulzeit
kannte und daher fand, er könnte auch mir aus seiner Gedankenwelt
erzählen.
Nur Normales! Nun
saß ich da, alle um mich herum hatten diese hässlichen Fertighäuser, bei
denen nur gilt, Hauptsache neu, und finden sie chic. Ein Glück, dass das
alles eine billige und trotzdem überteuerte Aneinanderreihung von Wänden
ist, das Geld nicht wert, auf dem die Schuldscheine gedruckt sind. Ach,
dachte ich, Geld hat etwas verdammt Ehrliches, auch wenn die Leute
Tricks ersinnen, um ihren miesen Besitz aufzuplustern. Ich sah aus dem
Fenster. Draußen ging Fleisch-Schröder vorbei, der Schlachtermeister,
der neben uns gebaut hatte und bevor das Haus fertig war, schon
Bewegungsmelder angebracht hatte. Er führte seine zwei Bernersenn-Hunde
aus. Jack und Daniels hießen sie. Jack machte auf den Bürgersteig. Einen
riesigen Haufen. Nur Normales.