In den Tower Hamlets im
Londoner East End wird für Mülltrennung geworben. Die Banner hängen an
Bushaltestellen, in Parks, an Brückenübergängen und vor dem Sainsbury´s-Supermarkt. Sie sind weiß und breit und Kinder lächeln auf ihnen.
Kinder mit – wie sagt man das jetzt – sehr verschiedenen ethnischen
Hintergründen. Dann steht darauf: “if we can recycle more, so can you”.
Und diese Kinder mit den
sehr verschiedenen ethnischen Hintergründen sehen aus, als fänden sie recyceln
fast vergnüglich, als wüssten sie ganz genau über den Kreislauf von Müll und
Konsumprodukten Bescheid. Diese Banner hängen auch vor dem Fitnessstudio, in dem
man seinen ethnischen Hintergrund bei der Anmeldung angeben muss. Hier im
Fitnessstudio-Pool wird morgens Schwimmunterricht abgehalten.
Neben mir auf den schwarzen
Holzbänken ziehen sich Mädchen rosa Badeanzüge auf dunkle Haut. Sie sprechen
Bengali oder eine der anderen 400 Sprachen, die es hier auf den Schulhöfen gibt.
Manche tragen Neopren-Leggins, die ihnen bis zu den Knöcheln gehen, und gelbe
Badekappen, die auch schon gegen ein Kopftuch getauscht werden. Es werden Locken
eingedreht, man hilft den Freundinnen beim In-den-Badeanzug-Kommen, wenn eine
das mit den gekreuzten Trägern nicht verstanden hat, und wechselt mit der
Lehrerin schnell in Englisch, wenn sie „Ladies!“ ruft.
Manchmal, wenn sich ältere
Schwimmerinnen gerade ausziehen, leitet eine Lehrerin ihre Kinder auch in einen
anderen Raum weiter, damit die nicht zu viel nackten Körper sehen. Sie stellt
sich mit ausgestreckten Armen vor ihre Schützlinge, sagt „Sorry, I´m so sorry“
zu mir und lächelt verspannt. In den Männerumkleidekabinen gehe es ähnlich zu,
wurde mir erzählt.
Im Pool dann, der
vielleicht zehn Meter in der Länge hat, stehen zwanzig Schulkinder, denen das
Wasser bis zur Brust reicht. Mädchen auf der einen, Jungen auf der anderen
Seite. Und von den drei Bademeistern des Schwimmbades stützt sich einer auf das
Geländer am Kinder-Pool und sieht den beiden „Swimmteachern“ zu, wie sie Jungen
und Mädchen in Wasserbewegungen einweisen. Sie paddeln die kurze Seite des Pools
entlang, mit weisem Styropor in der Hand, und spritzen, dann setzen sie die
Schwimmbrillen auf und versuchen richtig zu atmen als Vorbereitung zum Kraulen
und sehen so aus, als würden sie das Kreisen in der Wasserenge hier genießen
oder es zumindest als aquarinen Spielplatz akzeptieren. Manche ältere Kinder und
Mädchen im Kopftuch sitzen auf der grünen Tribüne an der Seite.
Diese Tribüne wird am
Wochenende von Müttern besetzt, die sich privaten Schwimmunterricht leisten
können. Sonntags, auch eher morgens, eilt eine Frau im cremefarbenen Kostüm mit
Mädchen in der einen und Blumenstrauß in der anderen Hand die blauen
Noppenbahnen entlang, die ausgelegt sind, damit man nicht ausrutscht. Das
Mädchen trägt einen Badeanzug in türkis, mit Rüschen am Beinausschnitt, und die
hellbraunen Locken kringeln sich um ihre Ohren vor Aufregung. Es wurde eine
extra Bahn abgetrennt im großen Becken, auf der sie allein schwimmen kann. Sogar
die Sportschwimmer sehen etwas neidisch herüber, weil das Mädchen so viel Wasser
für sich hat.
Zur Ehre dieser eigenen
Bahn auf den nassen Schultern streckt sie dann die Fingerspitzen beim
Rückenkraulen besonders energisch und erlaubt sich nur selten, wenn die
Bauchmuskulatur genügt, um sie über Wasser zu halten, einen Seitenblick zur
Tribüne, wo die Mutter in Creme und Weiß sitzt und ätherisch lächelt. Dann, nach
einigen Runden und intensiven Wasserzirkeln, legt das Mädchen die Hände an die
weiße Beckenleiter und sieht fast so erlöst aus wie die Kinder mit den
verschiedenen ethnischen Hintergründen auf den Recycling-Plakaten, weil sie nun
auch über etwas Bescheid weiß.
Kreise ziehen
Der Geruch von Salt and Vinnegar
In vier Teilen -
Teil II
Von
Silvia Overath, London
Die
Straßen sind geflutet von Kindern in Uniformen. Magere Mädchen in langen
schwarzen Hosen halten im Laufen ein Mobiltelefon an die Halskuhle. Sie treffen
auf Gruppen von Jungen in blauen Jumpers, die die Sportbeutel am Unterarm
schwingen lassen. Wenn ich morgens meine Müslimilch in einem der kleinen
pakistanischen Läden kaufe, stehen dort schon die Schülerinnen in dunklen Socken
unter blauen Röcken. Sie kaufen Chips, um acht oder neun Uhr. Und ein Mädchen,
dessen Rocksaum mehrere Handbreit über dem weißen Knie liegt, nimmt gleich zwei
40-Gramm Packungen "Salt and Vinnegar". Der Verkäufer legt Chips und
Lakritzekaustange oder Marsmandelriegel in eine kleine Plastiktüte, die entweder
in der Minihandtasche mit Klickverschluss verstaut wird oder nun locker am
Handgelenk pendelt beim Weitergehen. Chips, die hier Crisps heißen, sind
Standard im Alltag.
In Windsor, wo die
Queen residiert, steht eine Familie am Ausgang des Schlosses, und die Mutter
verteilt den Nachmittags-Snack an ihren Mann, die Großeltern, das Kind: Aus der
großen Plastikchipspackung nimmt sie die kleinen 40-Gramm-Päckchen und gibt sie
herum. Das Kind, ein Junge, hat die Salt and Vineggar-Version bekommen (manche
von den großen Verpackungen enthalten gemischte Sorten). Und dann steht die
Familie im Kreis, beschützt von der Festung der Monarchin, und isst. Das Kind
krümelt Essiggeschmack auf seinen Pullover mit Fußballschriftzug.
Der Salt and
Vinnegar-Geruch schwebt hier in der Untergrundbahn, der Tube, und zieht sich
durch die Toiletten an der Uni, er ist im Pub, in den Haaren der Kinder im
überfüllten Bus, wenn sie abends nach Hause fahren, und die Chips -Verpackungen
wehen zwischen Taubenkot auf der Straße und dem nächsten Mülleimer, den es
vielleicht irgendwo gibt.
Abends, im letzten
Kiosk, steht ein Vater mit Tochter vor der Chips- und Süßigkeitenauslage. Die
Verkäuferin hat schwarze Haare, die wie Schiefer glänzen, und fährt mit
falschen Nägeln die Regale entlang. Was das Kind denn gerne hätte? Das Mädchen
hat schon eine Packung Gummibärchen und eine Tafel Karamellschokolade an die
Brust gedrückt. „This!“ sagt es und zeigt auf den Happy Hippo Snack. Der Vater
widerspricht, das sei ein bisschen viel Schokolade. Weniger Zucker ist besser,
bestätigt die Verkäuferin, und dann sagt sie: Schau, wie wäre es mit Chips? Das
ist etwas Gesundes. Ja, Chips, sagt der Vater. Das Mädchen maunzt. Aber dann
begreift es: Entweder die Chips oder gar nichts mehr. Sie verlassen den Laden,
das Mädchen die bunten Plastikverpackungen balancierend.
„I don´t understand“,
sagt meine dänische Mitbewohnerin später in der Küche, wieso geben sie ihren
Kindern so viel Ungesundes? Wie wir das denn in Deutschland mit Obst und Gemüse
hielten? „Fünfmal am Tag ist die Empfehlung“, sage ich. Ja, in Dänemark seien es
„sechs am Tag“, sagt sie und fragt, ob ich ihre neuen Karamellkekse probieren
möchte. „Just snacking“, nennt sie das. Snacking ist
nur
abends erlaubt, besonders wenn wir "Organic Cider" getrunken haben, aus der Tube
steigen und der allerletzte Kiosk noch offen hat. Dann lecken wir uns den
Essiggeschmack von den Fingern, bevor wir nach Hause gehen.
Kreise ziehen
Kunstzirkel
In vier Teilen -
Teil III
Von
Silvia Overath, London
Auf dem
Museumsboden sitzt eine Traube von Kindern im Halbkreis. Blau-weiß menschliche
Irritation, wenn man einen Raum betritt und plötzlich nach unten schaut. Die
Museumspädagogin der National Gallery erklärt im weichen Kostüm, was seinerzeit
so los war, als Paris sich für die schönste Frau entscheiden musste und es mit
drei Göttinnen vor sich vielleicht ein wenig schwer hatte. Ihr Englisch schmiegt
sich fast schon an die nackten Ellenbogen des Ölbildes und sie fragt, warum Amor
so seltsam gekleidet sei. „Was macht er da? Denkt einmal nach.“ Ihr Publikum
streckt die Arme und einer sagt „Der ist verkleidet“. Die Dame nickt. „Yes“,
sagt sie „und warum macht er das wohl?“. Der Junge schaut die Venus von unten
an: „Because it is fun?“, fragt er. Und die Frau sagt nochmal „Yes“ und lächelt
ihm zu mit einem Blick, dem alles Lehrerhafte fehlt. Dann führt sie die Gruppe
zum nächsten Bild (Sie gehen blau-weiß, hintereinander in Zweierpaaren, so wie
sie wohl auch morgens durch das Tube-Gate gegangen sind und einem das Wort
„Gänsemarsch“ einfallen könnte) und lässt sie sich setzten, als wolle sie hier
mit ihnen ein Picknick abhalten, nur heute eben mit visuellen Snacks.
Die großen Museen
in London sind frei, und gerade diskutiert der „Guardian“ die Idee auch an einem
Wochentag die Theater für Studenten kostenlos zu machen. London ist sozial. Für
Filme gibt es nicht nur eine Altersbegrenzung, sondern auch den netten Hinweis:
„Contains strong language“. Die Museen sind belebt und unter der Woche sitzen
ältere Schüler in engen Hosen, mehrfarbig im Halbkreis auf den Böden. Sie
versuchen, die Lippenkurve einer rothaarigen Schauspielerin in der National
Portrait Gallery nachzuzeichnen. Vielleicht besucht jemand noch kurz David Beckham, der als Kurzfilm im Untergeschoss hängt. Er kann, beim
Schlafen
gefilmt, angesehen werden, wie er tonlos atmet. (Die jungen Männer der
königlichen Familie sind da zurückhaltender in Uniform oder schwarz-weiß
aufgenommen). Ein Londonführer-Geheimtipp ist das „Museum of Childhood“ im East
End – eine Spielzeugsammlung, von Schaukelpferden, Kleidermoden, Puppenhäusern,
Rennbahnen und einem Tanzbärenpuppen-Paar hinter Glas. Einer der Bären trägt
einen Maulkorb, der andere eine goldene Trommel. Im Eingang eine Notiz, zu „Malias
Geburtstagsparty“ gehe es ins Untergeschoss.
Es gibt eine Chill-out-area für
Kinder unter drei Jahren, wo Farben in eine Höhle projiziert werden. Daneben
warten Knautschtiere hinter einem Plastikzaun auf Liebe. Auf einem Stück weißen
Untergrund stehen zwei große Schaukelpferde, als wollten sie tausend und einer
Nacht entgegen schweben. Auf einem blauen Untergrund liegt ein schiffförmiger
Sandkasten. Vor dem Sandkasten ein paar Mütter und verstreute Schuhe, Socken und
Jeanshosen. In dem Sandkasten haben zehn Kinder Körperkontakt und graben wie am
Meer ihre nackten Füße zum Holzgrund durch.
Ich denke, dass man von außen die
Züge hört und die Mütter hier auch nicht wissen, wie man sich ans Meer
imaginiert. Im Cafébereich, wo es Karotten-Apfel-Muffins gibt und Fairtrade
Getränke und Eiscreme, sitzt ein Junge im gestreiften Pullover vor einem
orangenen Smoothie und winkt seiner großen Schwester zu, die die Rampe zu einem
höheren Level wie aufgezogen im Kreis immer hoch- und wieder runterrennt. Er
schlägt seine roten Lederschuhe gegen den Holzklappstuhl und krächzt „Hey“ .
Seine Schwester hat graue Schuhe, die weit nicht so schön wie seine sind, aber
sie kann in ihnen laufen und „Hello!“ rufen. Er lacht ihr bewundernd entgegen
und dann lacht er mich an, weil seine Schwester hinter mir stehen geblieben ist.
Kreise ziehen
Sonderkreis im Schnee
Des
Kreises letzter Teil
Von
Silvia Overath, London
In
der Nacht, als es anfing, in London zu schneien, waren die Strassen still. Kurz
vor Mitternacht überquerte ein Fuchs die Roman road im East end. Zehn Minuten
später ließ sich ein Junge auf einem Snowboard von seinem Freund durch den
Schnee schieben und zog somit die ersten Bahnen auf dem Gehweg.
Am
Morgen waren diese Bahnen vereist. Am Morgen, als die Stadt im Begriff war, sich
in einen weißen Spielplatz zu verwandeln, stand an der Roman Road dann ein
Mädchen in einem rosa Anorak, wartete neben seiner Mutter in der Schlange, dass
der Geldautomat frei würde und sah sich die halbvereisten Bürgersteige an. Sie
ließ die Arme hängen, als wäre der Anorak eine ungeheure Last und als würde der
Nieselschnee ihren Körper nach unten ziehen. Sie sah aus, wie ein bezuckertes
Marshmallow Und anscheinend musste sie sehr viel sprechen, weil dieses rosa
Kleidungsstück die Kontrolle über ihren Körper übernommen zu haben schien und
sie sich beständig versichern musste, noch anwesend zu sein.
„Warum gehen die auf der
Strasse“, quietschte sie und atmete aufgebracht den Menschen entgegen, die
bewusst den Trottoir verließen . „Es ist leichter auf der Strasse zu laufen“,
sagte die Mutter, „weil da nicht so viel Schnee und Eis ist“. Das Mädchen
nickte, drehte ihre Handgelenke ein wenig, als würde das, was weiter unten
folgte, die Hand im Handschuh, nicht zu ihr gehören und müsse abgeschüttelt
werden. „Auf Eis laufen ist nicht so leicht?“ wiederholte sie, um nicht
schweigen zu müssen in dieser glatten Eiswelt. „Und wenn die Busse kommen“ fiel
ihr ein, wobei der Gedanke sie beinah zu erregen schien. „Was machen die
Menschen auf der Strasse, wenn der Bus kommt?“ Die Mutter suchte nach ihrer
Geldkarte: „Die Busse kommen nicht. Heute fährt nichts, du hast ja auch
schulfrei, weil es geschneit hat.“ Das rosa Mädchen sah an sich herab, versuchte
die Arme, wie gegen großen Widerstand etwas zur Seite zu heben „Deshalb trage
ich auch diese Jacke? Weil es heute geschneit hat“ die Mutter nickte, nahm
Kleinigkeiten aus ihrer Handtasche zwischen die Zähne und versicherte, dass dies
eine Schneejacke sei, speziell weich aber Eisfest. Und nur bei besonderen
Gelegenheiten zu tragen. Die Tochter hatte es geschafft, ihre Arme ganz zur
Seite zu erheben und schien mit diesen Worten in der eigenen Pracht, dieser
Weichheit und Eisfeste anzukommen.
Dann fixierte sie die Frau,
die vor ihnen am Geldautomaten stand. „Schau mal, die da hat keine Jacke“ sagte
sie und zappelte vergnügt, so dass Schnee von ihrem rosa Anorak hinab rieselte.
Die Frau lächelte und sagte, dass sie um die Ecke wohnte und gerade keine Jacke
brauche. Das Mädchen nickte, als ob sie verstünde und sagte dann zur Mutter „Sie
kann dann ja nicht so lang wie ich draußen bleiben. Weil sie keine weiche, warme
Jacke hat.“
Damit ging sie zwei Schritte auf die nächste eingefrorene Erhebung zu. Sie
lehnte sich etwas nach vorne und rutsche zögernd ihren eigenen privaten
Minihügel herunter. Dann sah sie sich nach der Mutter um und begann sich erst
einmal und dann noch einmal auf der gefrorenen Strasse, wo heute keine Busse
fuhren, zu drehen. Wie eine Eisläuferin in rosa Watte gepackt, die langsam
begann, ihre
Kreise
zu ziehen.
Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun
Ich stehe in einer Stadt
mittleren Einkommens und hoher gefühlter Schulden. Die Schornsteine rauchen, die
Menschen heizen, kaufen ein, fahren Auto. Aber sie wissen nicht mehr, wohin mit
ihrem Geld. Sie sind froh, Steuern zu zahlen, um schon mal ein wenig von den
bald wertlosen Scheinchen los zu sein. Glück ist auch, dass der Industrielle am
Ort, der Bewunderte der Marktwirtschaft, Unterstützung vom Staat will. Damit ist
er den Menschen auf der Straße, die auch nichts anderes wollen, nähergerückt.
Überhaupt spürt man ein neues Gefühl der Verbundenheit. Die Arbeitsagentur hat 3
Milliarden in einem Jahr geschluckt, um erstmal die Pensionskasse der eigenen
Mitarbeiter zu füllen. Das ist die Solidarität, die die Leute sich auch von
ihrem Arbeitgeber wünschen. Nun hätten sie Argumente, wenn es ihren Arbeitgeber
noch lange gäbe.
Alle
zusammen stehen sie in dieser Stadt am Kiosk und geißeln die Jongleure
imaginärer Finanzen, die, kaum geflogen, in Politikerkostümierung neu erstanden
sind. „Wir sind das Volk der ungedeckten Schecks“, erklärt mir Analyst Eins, er
steht am Kiosk, aber seit neuestem gilt sein Wort mehr. Ich frage nach. „Die
Kurve ist eindeutig. Wir sind in der aufschwingenden Bettelphase. Alle wollen
was, und als nächstes resigniert, wer nichts bekommt.“ Doch auch bei diesem Talk
gibt es Einspruch. „Quatsch!“, ruft Analyst Zwei, „der Indikator Verfügbares
Geld weist eindeutig darauf hin: Ein Land ohne Rohstoffe, das seit Jahrzehnten
sein Tafelsilber verscherbelt, das auf einem Haufen Schulden und noch einem
größeren Haufen Wohnmobilisten sitzt, kann natürlich nicht Höchstsummen zur
Verfügung stellen, denn es sind durchweg die o.g. ungedeckten Schecks. Wenn die
auffliegen, ist Deutschland dran; Staatsbankrott.“
Alle weichen zurück. Analyst
Zwei hat das böse Wort ausgesprochen! Früher war es verboten, die Front
abzustecken, damit das Zurückweichen der Wehrmacht nicht auffliegt. Wenigstens
flüstern hätte er es doch können! Analyst Zwei ist selber etwas schockiert, er
schaut sich hektisch um. Da bringt Analyst Eins Ruhe in die Situation: „Das
wichtigste ist nun, wirklich kompetente Bankiers einzusetzen, nicht sie üblichen
Pleitegeier der staatlichen und privaten Bruchbanken. Fachleute, die sich mit
dem Verwalten und Vermehren des Geldes anderer auskennen!“ Es ist ganz ruhig,
niemand sagt etwas. Alle wissen, was die Menschen seit Wochen denken und nicht
zu denken wagen. Doch ich darf an diesem kühlen Abend am Kiosk Zeuge sein, wie
es endlich ausgesprochen wird: „Wir müssen die Experten heranholen. Headhunting
in der Schweiz und Liechtenstein!“ Stilles Nicken. Sie wissen es schon lange.
Doch bevor einer der Politiker zugibt, dass der Feind der einzige Freund ist,
der im Kapitalmarktstrom helfen kann, lassen sie uns alle untergehen. Analyst
Zwei zupft mir am Ärmel. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und raunt in mein
Ohr: „Ich habe Unterlagen für Sie! Ich übergebe Sie Ihnen am Wochenende.
Parkplatz, Bundesstraße.“
Ich habe einen Informanten!
Und ich bin Journalist! Ich gebe Informationen weiter, auch wenn mein Verleger
das nicht will. „Lösen Sie keine Panik aus, Mann! Ich habe mein Geld noch nicht
in Sicherheit gebracht!“, hat er mir gesagt. „Denken Sie an die Kinder!“
Und genau an die denke ich.
Viele von ihnen in dieser Stadt schlafen noch nicht. Sie liegen wach und wägen
das Für und Wider des Staatsbankrottes ab. Bald, so sagen es ihnen die Eltern,
hat der Staat kein Geld mehr für Beamtenpensionen, dann keines mehr für
Beamtengehälter, für Lehrer, für Schulen … kein Cent wird mehr da sein für
Kreide… die Kinder denken an die letzte Stunde Wirtschaftslehre, an den letzten
Klassenspiegel an der Tafel, mit Kreide geschrieben… „Heißt Staatsbankrott, dass
die verhasste Schule schließt?“ Kinder wollen Antworten.
Analyst Zwei hat sie.
Das böse
Wort in dieser Stadt
Newsticker: Staatsbankrott in Deutschland
Teil 2
Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun
Der Typ
stieg aus seinem Landrover. Letzte Woche wirkte er noch so solide. Jetzt war er
doch nur einer dieses üblichen Gestalten, wie sie eben alle sind, die Agenten.
Wenn er vom BND ist, fliegt er gleich auf. Wir hatten einen von denen mal bei
uns in der Redaktion. Haben wir auf 1000 Meter gerochen, von welchem
Geheimdienst der war.
„Ich bin nicht beim BND“, sagte er. „Auch nicht in dessen
Kinderabteilung?“, auch ich fragte jetzt direkt. „Nein, die schnüffeln in den
Familien und nehmen sich dann der Kinde ran, Umpolung und so. Ich will nichts
mit Kindern…“ „Ich auch nicht“, fiel ich ihm ins Wort.
„Zur Sache?“ „Zur
Sache!“, sagte er. Doch in dem Moment fuhr ein LKW vorbei. Theo gegen den Rest
der Welt stieg aus und blickte zu uns rüber.
„Mach ne Fliege“, rief ich, „hier
ist nicht Bundesrepublik!“ Dieser Satz stimmte mich traurig. Doch der Agent
kannte keine Sentimentalität. „Beamtenpensionen“, flüsterte er mir zu. „Hier!“
Er reichte mir einen schmalen Aktenordner. Ich schlug ihn auf. Zahlen tanzten
vor meinen Augen. „Deutschland ist bankrott. Das kann ja kein Mensch je zahlen!“
„Right!“, said Fred. „Wer hatte das vor mir schon in den Händen?“ „So gut wie
keiner. Nur die Jungs von der Zürcher Zeitung. Den deutschen Journalisten genügt
die Bundespressekonferenz zur Recherche…“ „Was macht das?“ „Für die
Liechtenstein-CD…“ „Nee, Fred, ich zahle andere Preise als deutsche Behörden.“
„Na, ich habs nur versucht, weil die ja alles zahlen!“ „Alles außer
Sozialleistungen, alles außer dem, was den Menschenhelfen würde, ein
selbstbestimmtes Leben zu führen…“
„Zum staatlichen Bankrott kommt auch der
menschliche!“, rief Fred aus dem Fenster. Er fuhr an mir vorbei und griff sich
den Aktenordner.
Weg waren
beide. Ich stand einfach da. Nun muss ich handeln. In der nächsten Woche.
Das böse
Wort in dieser Stadt
Newsticker: Staatsbankrott in Deutschland
Teil 3
Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun
LONDON Nun bin ich als
Experte in Sachen Staatsbankrott. Einer der wenigen. Eben darum hören die
Staatsbankrotteure auf mich. Ich bin Consulter. Ich bin derzeit in London. Ich
sagte: Frau Merkel oder ich, und sie wählten mich. Jetzt ziehe ich den Karren
aus dem Dreck. Euch da draußen muss ich sagen – Informationssperre. Von mir hört
ihr nichts mehr.