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Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

Kreise ziehen

In vier Teilen - Teil I

Von Silvia Overath, London

 

In den Tower Hamlets im Londoner East End wird für Mülltrennung geworben. Die Banner hängen an Bushaltestellen, in Parks, an Brückenübergängen und vor dem Sainsbury´s-Supermarkt. Sie sind weiß und breit und Kinder lächeln auf ihnen. Kinder mit – wie sagt man das jetzt – sehr verschiedenen ethnischen Hintergründen. Dann steht darauf: “if we can recycle more, so can you”.  

Und diese Kinder mit den sehr verschiedenen ethnischen Hintergründen sehen aus, als fänden sie recyceln fast vergnüglich, als wüssten sie ganz genau über den Kreislauf von Müll und Konsumprodukten Bescheid. Diese Banner hängen auch vor dem Fitnessstudio, in dem man seinen ethnischen Hintergrund bei der Anmeldung angeben muss. Hier im Fitnessstudio-Pool wird morgens Schwimmunterricht abgehalten.

Neben mir auf den schwarzen Holzbänken ziehen sich Mädchen rosa Badeanzüge auf dunkle Haut. Sie sprechen Bengali oder eine der anderen 400 Sprachen, die es hier auf den Schulhöfen gibt. Manche tragen Neopren-Leggins, die ihnen bis zu den Knöcheln gehen, und gelbe Badekappen, die auch schon gegen ein Kopftuch getauscht werden. Es werden Locken eingedreht, man hilft den Freundinnen beim In-den-Badeanzug-Kommen, wenn eine das mit den gekreuzten Trägern nicht verstanden hat, und wechselt mit der Lehrerin schnell in Englisch, wenn sie „Ladies!“ ruft.

Manchmal, wenn sich ältere Schwimmerinnen gerade ausziehen, leitet eine Lehrerin ihre Kinder auch in einen anderen Raum weiter, damit die nicht zu viel nackten Körper sehen. Sie stellt sich mit ausgestreckten Armen vor ihre Schützlinge, sagt „Sorry, I´m so sorry“ zu mir und lächelt verspannt. In den Männerumkleidekabinen gehe es ähnlich zu, wurde mir erzählt.

Im Pool dann, der vielleicht zehn Meter in der Länge hat, stehen zwanzig Schulkinder, denen das Wasser bis zur Brust reicht. Mädchen auf der einen, Jungen auf der anderen Seite. Und von den drei Bademeistern des Schwimmbades stützt sich einer auf das Geländer am Kinder-Pool und sieht den beiden „Swimmteachern“ zu, wie sie Jungen und Mädchen in Wasserbewegungen einweisen. Sie paddeln die kurze Seite des Pools entlang, mit weisem Styropor in der Hand, und spritzen, dann setzen sie die Schwimmbrillen auf und versuchen richtig zu atmen als Vorbereitung zum Kraulen und sehen so aus, als würden sie das Kreisen in der Wasserenge hier genießen oder es zumindest als aquarinen Spielplatz akzeptieren. Manche ältere Kinder und Mädchen im Kopftuch sitzen auf der grünen Tribüne an der Seite.

Diese Tribüne wird am Wochenende von Müttern besetzt, die sich privaten Schwimmunterricht leisten können. Sonntags, auch eher morgens, eilt eine Frau im cremefarbenen Kostüm mit Mädchen in der einen und Blumenstrauß in der anderen Hand die blauen Noppenbahnen entlang, die ausgelegt sind, damit man nicht ausrutscht. Das Mädchen trägt einen Badeanzug in türkis, mit Rüschen am Beinausschnitt, und die hellbraunen Locken kringeln sich um ihre Ohren vor Aufregung. Es wurde eine extra Bahn abgetrennt im großen Becken, auf der sie allein schwimmen kann. Sogar die Sportschwimmer sehen etwas neidisch herüber, weil das Mädchen so viel Wasser für sich hat.

Zur Ehre dieser eigenen Bahn auf den nassen Schultern streckt sie dann die Fingerspitzen beim Rückenkraulen besonders energisch und erlaubt sich nur selten, wenn die Bauchmuskulatur genügt, um sie über Wasser zu halten, einen Seitenblick zur Tribüne, wo die Mutter in Creme und Weiß sitzt und ätherisch lächelt. Dann, nach einigen Runden und intensiven Wasserzirkeln, legt das Mädchen die Hände an die weiße Beckenleiter und sieht fast so erlöst aus wie die Kinder mit den verschiedenen ethnischen Hintergründen auf den Recycling-Plakaten, weil sie nun auch über etwas Bescheid weiß.

 

 

Kreise ziehen

Der Geruch von Salt and Vinnegar

In vier Teilen - Teil II

Von Silvia Overath, London

 

Die Straßen sind geflutet von Kindern in Uniformen. Magere Mädchen in langen schwarzen Hosen halten im Laufen ein Mobiltelefon an die Halskuhle. Sie treffen auf Gruppen von Jungen in blauen Jumpers, die die Sportbeutel am Unterarm schwingen lassen. Wenn ich morgens meine Müslimilch in einem der kleinen pakistanischen Läden kaufe, stehen dort schon die Schülerinnen in dunklen Socken unter blauen Röcken. Sie kaufen Chips, um acht oder neun Uhr.  Und ein Mädchen, dessen Rocksaum mehrere Handbreit über dem weißen Knie liegt, nimmt gleich zwei 40-Gramm Packungen "Salt and Vinnegar". Der Verkäufer legt Chips und Lakritzekaustange oder Marsmandelriegel in eine kleine Plastiktüte, die entweder in der Minihandtasche mit Klickverschluss verstaut wird oder nun locker am Handgelenk pendelt beim Weitergehen. Chips, die hier Crisps heißen, sind Standard im Alltag.

In Windsor, wo die Queen residiert, steht eine Familie am Ausgang des Schlosses, und die Mutter verteilt den Nachmittags-Snack an ihren Mann, die Großeltern, das Kind: Aus der großen Plastikchipspackung nimmt sie die kleinen 40-Gramm-Päckchen und gibt sie herum. Das Kind, ein Junge, hat die Salt and Vineggar-Version bekommen (manche von den großen Verpackungen enthalten gemischte Sorten). Und dann steht die Familie im Kreis, beschützt von der Festung der Monarchin, und isst. Das Kind krümelt Essiggeschmack auf seinen Pullover mit Fußballschriftzug.

Der Salt and Vinnegar-Geruch schwebt hier in der Untergrundbahn, der Tube, und zieht sich durch die Toiletten an der Uni, er ist im Pub, in den Haaren der Kinder im überfüllten Bus, wenn sie abends nach Hause fahren, und die Chips -Verpackungen wehen zwischen Taubenkot auf der Straße und dem nächsten Mülleimer, den es vielleicht irgendwo gibt.

Abends, im letzten Kiosk, steht ein Vater mit Tochter vor der Chips- und Süßigkeitenauslage. Die Verkäuferin  hat schwarze Haare, die wie Schiefer glänzen, und fährt mit falschen Nägeln die Regale entlang. Was das Kind denn gerne hätte? Das Mädchen hat schon eine Packung Gummibärchen und eine Tafel Karamellschokolade an die Brust gedrückt. „This!“ sagt es und zeigt auf den Happy Hippo Snack. Der Vater widerspricht, das sei ein bisschen viel Schokolade. Weniger Zucker ist besser, bestätigt die Verkäuferin, und dann sagt sie: Schau, wie wäre es mit Chips? Das ist etwas Gesundes. Ja, Chips, sagt der Vater. Das Mädchen maunzt. Aber dann begreift es: Entweder die Chips oder gar nichts mehr. Sie verlassen den Laden, das Mädchen die bunten Plastikverpackungen balancierend.

„I don´t understand“, sagt meine dänische Mitbewohnerin später in der Küche, wieso geben sie ihren Kindern so viel Ungesundes? Wie wir das denn in Deutschland mit Obst und Gemüse hielten? „Fünfmal am Tag ist die Empfehlung“, sage ich. Ja, in Dänemark seien es „sechs am Tag“, sagt sie und fragt, ob ich ihre neuen Karamellkekse probieren möchte.  „Just snacking“, nennt sie das. Snacking ist nur abends erlaubt, besonders wenn wir "Organic Cider" getrunken haben, aus der Tube steigen und der allerletzte Kiosk noch offen hat. Dann lecken wir uns den Essiggeschmack von den Fingern, bevor wir nach Hause gehen.

 

 

Kreise ziehen

Kunstzirkel

In vier Teilen - Teil III

Von Silvia Overath, London

 

Auf dem Museumsboden sitzt eine Traube von Kindern im Halbkreis. Blau-weiß menschliche Irritation, wenn man einen Raum betritt und plötzlich nach unten schaut. Die Museumspädagogin der National Gallery erklärt im weichen Kostüm, was seinerzeit so los war, als Paris sich für die schönste Frau entscheiden musste und es mit drei Göttinnen vor sich vielleicht ein wenig schwer hatte. Ihr Englisch schmiegt sich fast schon an die nackten Ellenbogen des Ölbildes und sie fragt, warum Amor so seltsam gekleidet sei. „Was macht er da? Denkt einmal nach.“ Ihr Publikum streckt die Arme und einer sagt „Der ist verkleidet“. Die Dame nickt. „Yes“, sagt sie „und warum macht er das wohl?“. Der Junge schaut die Venus von unten an: „Because it is fun?“, fragt er. Und die Frau sagt nochmal „Yes“ und lächelt ihm zu mit einem Blick, dem alles Lehrerhafte fehlt. Dann führt sie die Gruppe zum nächsten Bild (Sie gehen blau-weiß, hintereinander in Zweierpaaren, so wie sie  wohl auch morgens durch das Tube-Gate gegangen sind und einem das Wort „Gänsemarsch“ einfallen könnte) und lässt sie sich setzten, als wolle sie hier mit ihnen ein Picknick abhalten, nur heute eben mit visuellen Snacks.

Die großen Museen in London sind frei, und gerade diskutiert der „Guardian“ die Idee auch an einem Wochentag die Theater für Studenten kostenlos zu machen. London ist sozial. Für Filme gibt es nicht nur eine Altersbegrenzung, sondern auch den netten Hinweis: „Contains strong language“. Die Museen sind belebt und unter der Woche sitzen ältere Schüler in engen Hosen, mehrfarbig im Halbkreis auf den Böden. Sie versuchen, die Lippenkurve einer rothaarigen Schauspielerin in der National Portrait Gallery nachzuzeichnen. Vielleicht besucht jemand noch kurz David Beckham, der als Kurzfilm im Untergeschoss hängt. Er kann, beim Schlafen gefilmt, angesehen werden, wie er tonlos atmet. (Die jungen Männer der königlichen Familie sind da zurückhaltender in Uniform oder schwarz-weiß aufgenommen). Ein Londonführer-Geheimtipp ist das „Museum of Childhood“ im East End – eine Spielzeugsammlung, von Schaukelpferden, Kleidermoden, Puppenhäusern, Rennbahnen und einem Tanzbärenpuppen-Paar hinter Glas. Einer der Bären trägt einen Maulkorb, der andere eine goldene Trommel. Im Eingang eine Notiz, zu „Malias Geburtstagsparty“ gehe es ins Untergeschoss.

Es gibt eine Chill-out-area für Kinder unter drei Jahren, wo Farben in eine Höhle projiziert werden. Daneben warten Knautschtiere hinter einem Plastikzaun auf Liebe. Auf einem Stück weißen Untergrund stehen zwei große Schaukelpferde, als wollten sie tausend und einer Nacht entgegen schweben. Auf einem blauen Untergrund liegt ein schiffförmiger Sandkasten. Vor dem Sandkasten ein paar Mütter und verstreute Schuhe, Socken und Jeanshosen. In dem Sandkasten haben zehn Kinder Körperkontakt und graben wie am Meer ihre nackten Füße zum Holzgrund durch.

Ich denke, dass man von außen die Züge hört und die Mütter hier auch nicht wissen, wie man sich ans Meer imaginiert. Im Cafébereich, wo es Karotten-Apfel-Muffins gibt und Fairtrade Getränke und Eiscreme, sitzt ein Junge im gestreiften Pullover vor einem orangenen Smoothie und winkt seiner großen Schwester zu, die die Rampe zu einem höheren Level wie aufgezogen im Kreis immer hoch- und wieder runterrennt. Er schlägt seine roten Lederschuhe gegen den Holzklappstuhl und krächzt „Hey“ . Seine Schwester hat graue Schuhe, die weit nicht so schön wie seine sind, aber sie kann in ihnen laufen und „Hello!“ rufen. Er lacht ihr bewundernd entgegen und dann lacht er mich an, weil seine Schwester hinter mir stehen geblieben ist.

 

 

Kreise ziehen

Sonderkreis im Schnee

Des Kreises letzter Teil

Von Silvia Overath, London

 

In der Nacht, als es anfing, in London zu schneien, waren die Strassen still. Kurz vor Mitternacht überquerte ein Fuchs die Roman road im East end. Zehn Minuten später ließ sich ein Junge auf einem Snowboard von seinem Freund durch den Schnee schieben und zog somit die ersten Bahnen auf dem Gehweg.

Am Morgen waren diese Bahnen vereist. Am Morgen, als die Stadt im Begriff war, sich in einen weißen Spielplatz zu verwandeln, stand an der Roman Road dann ein Mädchen in einem rosa Anorak, wartete neben seiner Mutter in der Schlange, dass der Geldautomat frei würde und sah sich die halbvereisten Bürgersteige an. Sie ließ die Arme hängen, als wäre der Anorak eine ungeheure Last und als würde der Nieselschnee ihren Körper nach unten ziehen. Sie sah aus, wie ein bezuckertes Marshmallow Und anscheinend musste sie sehr viel sprechen, weil dieses rosa Kleidungsstück die Kontrolle über ihren Körper übernommen zu haben schien und sie sich beständig versichern musste, noch anwesend zu sein.

 „Warum gehen die auf der Strasse“, quietschte sie und atmete aufgebracht den Menschen entgegen, die bewusst den  Trottoir verließen . „Es ist leichter auf der Strasse zu laufen“, sagte die Mutter,  „weil da nicht so viel Schnee und Eis ist“. Das Mädchen nickte, drehte ihre Handgelenke ein wenig, als würde das, was weiter unten folgte, die Hand im Handschuh, nicht zu ihr gehören und müsse abgeschüttelt werden. „Auf Eis laufen ist nicht so leicht?“ wiederholte sie, um nicht schweigen zu müssen in dieser glatten Eiswelt. „Und wenn die Busse kommen“ fiel ihr ein, wobei der Gedanke sie beinah zu erregen schien. „Was machen die Menschen auf der Strasse, wenn der Bus kommt?“ Die Mutter suchte nach ihrer Geldkarte: „Die Busse kommen nicht. Heute fährt nichts, du hast ja auch schulfrei, weil es geschneit hat.“ Das rosa Mädchen sah an sich herab, versuchte die Arme, wie gegen großen Widerstand etwas zur Seite zu heben „Deshalb trage ich auch diese Jacke? Weil es heute geschneit hat“ die Mutter nickte, nahm Kleinigkeiten aus ihrer Handtasche zwischen die Zähne und versicherte, dass dies eine Schneejacke sei, speziell weich aber Eisfest. Und nur bei besonderen Gelegenheiten zu tragen. Die Tochter hatte es geschafft, ihre Arme ganz zur Seite zu erheben und schien mit diesen Worten in der eigenen Pracht, dieser Weichheit und Eisfeste anzukommen.

Dann fixierte sie die Frau, die vor ihnen am Geldautomaten stand. „Schau mal, die da hat keine Jacke“ sagte sie und zappelte vergnügt, so dass Schnee von ihrem rosa Anorak hinab rieselte. Die Frau lächelte und sagte, dass sie um die Ecke wohnte und gerade keine Jacke brauche. Das Mädchen nickte, als ob sie verstünde und sagte dann zur Mutter „Sie kann dann ja nicht so lang wie ich draußen bleiben. Weil sie keine weiche, warme Jacke hat.“

Damit ging sie zwei Schritte auf die nächste eingefrorene Erhebung zu. Sie lehnte sich etwas nach vorne und rutsche zögernd ihren eigenen privaten Minihügel herunter. Dann sah sie sich nach der Mutter um und begann sich erst einmal und dann noch einmal auf der gefrorenen Strasse, wo heute keine Busse fuhren, zu drehen. Wie eine Eisläuferin in rosa Watte gepackt, die langsam  begann, ihre Kreise zu ziehen.

Ende

 

 

Hoch

 

 

 

 

 

Das böse Wort in dieser Stadt

Newsticker: Staatsbankrott in Deutschland

Teil 1

 

Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun

 

Ich stehe in einer Stadt mittleren Einkommens und hoher gefühlter Schulden. Die Schornsteine rauchen, die Menschen heizen, kaufen ein, fahren Auto. Aber sie wissen nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Sie sind froh, Steuern zu zahlen, um schon mal ein wenig von den bald wertlosen Scheinchen los zu sein. Glück ist auch, dass der Industrielle am Ort, der Bewunderte der Marktwirtschaft, Unterstützung vom Staat will. Damit ist er den Menschen auf der Straße, die auch nichts anderes wollen, nähergerückt. Überhaupt spürt man ein neues Gefühl der Verbundenheit. Die Arbeitsagentur hat 3 Milliarden in einem Jahr geschluckt, um erstmal die Pensionskasse der eigenen Mitarbeiter zu füllen. Das ist die Solidarität, die die Leute sich auch von ihrem Arbeitgeber wünschen. Nun hätten sie Argumente, wenn es ihren Arbeitgeber noch lange gäbe.

Alle zusammen stehen sie in dieser Stadt am Kiosk und geißeln die Jongleure imaginärer Finanzen, die, kaum geflogen, in Politikerkostümierung neu erstanden sind. „Wir sind das Volk der ungedeckten Schecks“, erklärt mir Analyst Eins, er steht am Kiosk, aber seit neuestem gilt sein Wort mehr. Ich frage nach. „Die Kurve ist eindeutig. Wir sind in der aufschwingenden Bettelphase. Alle wollen was, und als nächstes resigniert, wer nichts bekommt.“ Doch auch bei diesem Talk gibt es Einspruch. „Quatsch!“, ruft Analyst Zwei, „der Indikator Verfügbares Geld weist eindeutig darauf hin: Ein Land ohne Rohstoffe, das seit Jahrzehnten sein Tafelsilber verscherbelt, das auf einem Haufen Schulden und noch einem größeren Haufen Wohnmobilisten sitzt, kann natürlich nicht Höchstsummen zur Verfügung stellen, denn es sind durchweg die o.g. ungedeckten Schecks. Wenn die auffliegen, ist Deutschland dran; Staatsbankrott.“

Alle weichen zurück. Analyst Zwei hat das böse Wort ausgesprochen! Früher war es verboten, die Front abzustecken, damit das Zurückweichen der Wehrmacht nicht auffliegt. Wenigstens flüstern hätte er es doch können! Analyst Zwei ist selber etwas schockiert, er schaut sich hektisch um. Da bringt Analyst Eins Ruhe in die Situation: „Das wichtigste ist nun, wirklich kompetente Bankiers einzusetzen, nicht sie üblichen Pleitegeier der staatlichen und privaten Bruchbanken. Fachleute, die sich mit dem Verwalten und Vermehren des Geldes anderer auskennen!“ Es ist ganz ruhig, niemand sagt etwas. Alle wissen, was die Menschen seit Wochen denken und nicht zu denken wagen. Doch ich darf an diesem kühlen Abend am Kiosk Zeuge sein, wie es endlich ausgesprochen wird: „Wir müssen die Experten heranholen. Headhunting in der Schweiz und Liechtenstein!“ Stilles Nicken. Sie wissen es schon lange. Doch bevor einer der Politiker zugibt, dass der Feind der einzige Freund ist, der im Kapitalmarktstrom helfen kann, lassen sie uns alle untergehen. Analyst Zwei zupft mir am Ärmel. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und raunt in mein Ohr: „Ich habe Unterlagen für Sie! Ich übergebe Sie Ihnen am Wochenende. Parkplatz, Bundesstraße.“

Ich habe einen Informanten! Und ich bin Journalist! Ich gebe Informationen weiter, auch wenn mein Verleger das nicht will. „Lösen Sie keine Panik aus, Mann! Ich habe mein Geld noch nicht in Sicherheit gebracht!“, hat er mir gesagt. „Denken Sie an die Kinder!“

Und genau an die denke ich. Viele von ihnen in dieser Stadt schlafen noch nicht. Sie liegen wach und wägen das Für und Wider des Staatsbankrottes ab. Bald, so sagen es ihnen die Eltern, hat der Staat kein Geld mehr für Beamtenpensionen, dann keines mehr für Beamtengehälter, für Lehrer, für Schulen … kein Cent wird mehr da sein für Kreide… die Kinder denken an die letzte Stunde Wirtschaftslehre, an den letzten Klassenspiegel an der Tafel, mit Kreide geschrieben… „Heißt Staatsbankrott, dass die verhasste Schule schließt?“ Kinder wollen Antworten.

Analyst Zwei hat sie.

 

 

Das böse Wort in dieser Stadt

Newsticker: Staatsbankrott in Deutschland

Teil 2

 

Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun

 

Der Typ stieg aus seinem Landrover. Letzte Woche wirkte er noch so solide. Jetzt war er doch nur einer dieses üblichen Gestalten, wie sie eben alle sind, die Agenten. Wenn er vom BND ist, fliegt er gleich auf. Wir hatten einen von denen mal bei uns in der Redaktion. Haben wir auf 1000 Meter gerochen, von welchem Geheimdienst der war.

„Ich bin nicht beim BND“, sagte er. „Auch nicht in dessen Kinderabteilung?“, auch ich fragte jetzt direkt. „Nein, die schnüffeln in den Familien und nehmen sich dann der Kinde ran, Umpolung und so. Ich will nichts mit Kindern…“ „Ich auch nicht“, fiel ich ihm ins Wort.

„Zur Sache?“ „Zur Sache!“, sagte er. Doch in dem Moment fuhr ein LKW vorbei. Theo gegen den Rest der Welt stieg aus und blickte zu uns rüber.

„Mach ne Fliege“, rief ich, „hier ist nicht Bundesrepublik!“ Dieser Satz stimmte mich traurig. Doch der Agent kannte keine Sentimentalität. „Beamtenpensionen“, flüsterte er mir zu. „Hier!“ Er reichte mir einen schmalen Aktenordner. Ich schlug ihn auf. Zahlen tanzten vor meinen Augen. „Deutschland ist bankrott. Das kann ja kein Mensch je zahlen!“

„Right!“, said Fred. „Wer hatte das vor mir schon in den Händen?“ „So gut wie keiner. Nur die Jungs von der Zürcher Zeitung. Den deutschen Journalisten genügt die Bundespressekonferenz zur Recherche…“ „Was macht das?“ „Für die Liechtenstein-CD…“ „Nee, Fred, ich zahle andere Preise als deutsche Behörden.“ „Na, ich habs nur versucht, weil die ja alles zahlen!“ „Alles außer Sozialleistungen, alles außer dem, was den Menschenhelfen würde, ein selbstbestimmtes Leben zu führen…“

„Zum staatlichen Bankrott kommt auch der menschliche!“, rief Fred aus dem Fenster. Er fuhr an mir vorbei und griff sich den Aktenordner.       

Weg waren beide. Ich stand einfach da. Nun muss ich handeln. In der nächsten Woche.

 

 

Das böse Wort in dieser Stadt

Newsticker: Staatsbankrott in Deutschland

Teil 3

 

Direkt aus dem Krisengebiet berichtet unser Korrespondent Henry Braun

 

 

LONDON Nun bin ich als Experte in Sachen Staatsbankrott. Einer der wenigen. Eben darum hören die Staatsbankrotteure auf mich. Ich bin Consulter. Ich bin derzeit in London. Ich sagte: Frau Merkel oder ich, und sie wählten mich. Jetzt ziehe ich den Karren aus dem Dreck. Euch da draußen muss ich sagen – Informationssperre. Von mir hört ihr nichts mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   
 

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