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Fünf Tage in
Oldenburg
Persönliche Eindrücke
von der Kinderbuchmesse 2008
Von Andreas Hartmann
Oldenburg, im November 2008
Da
ich selbst keine Termine auf der Kinderbuchmesse (KIBUM) in Oldenburg
hatte, ist dies fast so etwas wie ein Urlaubsbericht. Kurzurlaub auf der
KIBUM in Oldenburg – für mich passt das gut zusammen: Es ist
inspirierend und erholsam zugleich. Der Charme der Oldenburger
Kinderbuchmesse liegt für mich in ihrer „unprofessionellen“ Gestaltung.
Das ist jetzt aber bitte nicht mit dilettantisch zu verwechseln! Im
Gegenteil. Die Messe ist sorgfältig organisiert, das Programm mit
Verstand zusammengestellt. Doch man spürt einfach sofort, dass die KIBUM
eine unkommerzielle Publikumsmesse ist. Und ich hoffe, dass dies auch so
bleibt. Es
gibt keine riesigen Messehallen, in denen man sich beim Verlaufen
gegenseitig auf die Füße tritt. Gedränge entsteht nur hin und wieder
durch die Kinderscharen, die zu bestimmten Zeiten durch die Räume
wieseln. Aber genau so sollte es auf einer Kinderbuchmesse ja auch sein:
nicht eine Messe über Kinderbücher, sondern eine Messe für Kinder. Und
für mich als beginnenden Schriftsteller, der hin und wieder zweifelt, ob
die Stunden am Schreibtisch nicht besser am Fließband verbracht worden
wären (um Geld zu verdienen), gibt es keinen ermutigenderen Anblick als
Kinder, die sich von den Regalen mit den aktuellen Kinderbüchern nicht
losreißen wollen und laut und nachdrücklich ihre Eltern bitten, noch
bleiben zu dürfen. Oder Kinder, die in Kissen gekuschelt ihren Eltern
lauschen, die ihnen aus dem reichhaltigen Geschichtenschatz vorlesen.
Es
wird noch gelesen, und zwar mit Lust! Diese Tatsache lässt mein Herz
höher schlagen, und die Erinnerung an Oldenburg ist oft eine Quelle der
Ermutigung, mit dem Schreiben weiterzumachen. Und wo könnte man sich so
umfassend und in so angenehmer Atmosphäre über das Schaffen der Kollegen
informieren?
Schwerpunkt der Messe war in diesem Jahr die niederländische Kinder- und
Jugendliteratur. Den Besuchern aus beiden Ländern bot sich die
hervorragende Möglichkeit, sich einen Überblick über die Literatur des
Nachbarlandes verschaffen, zudem gab es deutsch-niederländische
Schreibworkshops, die unter den Teilnehmern für regen Austausch sorgten.
Großen Spaß hat mir auch das Programm der KIBUM bereitet. Es gab ein
abwechslungsreiches Programm aus Lesungen, Kinder- und Jugendtheater und
auch den einen oder anderen Vortrag für Erwachsene. Abwechslungsreich,
aber nicht erschlagend: Ich spüre bei Festivals, Messen oder ähnlichen
Veranstaltungen oft eine nachdrückliche Unlust, mich mit dem
Veranstaltungsprogramm auseinanderzusetzen, aus Angst, auf jeder Seite
des Programmhefts weitere, möglicherweise wichtige Programmpunkte zu
entdecken. Dabei hat der Tag doch nur 24 Stunden! Die Planung meiner
Tage in Oldenburg verlief dagegen angenehm schmerzfrei. Die Lesungen
finden in kleinen, fast privaten Räumen statt, und die Kinder haben
dabei Gelegenheit, die Autoren nach Herzenslust auszufragen – ein
Angebot, dass sie dankbar annehmen. Hier in Oldenburg sitzt man wirklich
mitten unter seiner Zielgruppe.
Einige meiner persönlichen Programmhighlights:
Dienstag, 11.11. Guus Kujier: Wir alle für immer zusammen,
Oldenburger Staatstheater. Ein Theaterstück nach dem gleichnamigen
Jugendbuch. Nicht nur, dass die 11-jährige Polleke die Irrungen und
Wirrungen ihrer ersten Liebe verkraften muss: Ihr Vater ist ein
Tunichtgut, und Ihre Mutter fängt eine Affäre mit Pollekes Klassenlehrer
an. Die Geschichte wurde bunt und quirlig, teils mit wildem Humor, aber
auch mit leisen, nachdenklichen Szenen erzählt. Das Publikum jedenfalls
war während der gut 70 Minuten immer ganz dabei.
Autorenlesung im Rahmen der Verleihung des Kinder- und Jugendbuchpreises
der Stadt Oldenburg. Diese Veranstaltung ist einer meiner wenigen
Kritikpunkte an der diesjährigen KIBUM. Die Lesung von Gabi Kreslehner,
diesjährige Gewinnerin des KIBUM-Preises, sowie der nominierten Autoren
Thorsten Nesch und Ann Carthrin Raab wirkte doch ein wenig wie eine
Veranstaltung für Literaturexperten. Hier hätte ich mir für die
Vorstellung der Autoren durch die Laudatorinnen mehr Pfiff gewünscht und
dass sich die Fragen zu ihren Texten und zu ihrem Schaffen mehr an der
Perspektive des jugendlichen Publikums orientiert hätten. Allerdings gab
Thorsten Nesch beim Lesen seiner sympathisch-rotzigen Geschichte richtig
Gas, was für große Heiterkeit bei uns Zuhörern sorgte.
Donnerstag, 13.11. Kein Wort zu viel, Literaturperformance von
Bart Moeyaert. Was für eine Spannung dieser Mensch erzeugen kann,
nur mit seiner frei erzählten Lebensgeschichte. Der Belgier erzählte
(auf Deutsch!) aus seinem Leben, temporeich, lustig, nachdenklich, laut,
leise. Trotz seiner erkältungsgeschwächten Stimme schlug er zwei
Schulklassen in seinen Bann (und dies war bereits sein zweiter Auftritt
an diesem Tag!). Wir hingen regelrecht an seinen Lippen. „Du fragst dich
jetzt vielleicht: Wann erzählt er endlich über seine Bücher? Das habe
ich bereits getan. Ich bin mein Land, meine Familie, mein Leben. Und das
alles steckt in meinen Büchern.“ Ich habe bisher noch keines von
Moeyaerts Büchern gelesen. Doch das werde ich schleunigst nachholen!
(Wir raten besonders zu "Brüder" von Bart Moeyaert (siehe die Rezension
in "Das Eine Buch" und "Empfehlungsliste" - Anmerkung der Red.
Familie und Cartoons, Vortrag von Renate Alf. Mit viel Humor
berichtete Frau Alf aus ihrem Familienleben und der Erziehung der vier
Kinder, Schlüsselszenen ihres Alltags präsentierte sie pointiert als
Cartoonzeichnungen. Ihr Bericht machte Mut, sich nicht von den
unzähligen Erziehungsratgebern verunsichern zu lassen und eigene Wege zu
suchen. Für mich baldigen Familienvater war es ein interessanter und
unterhaltsamer Vortrag.
Und
immer wieder schlurfte ich gemütlich durch die Buchregale, schmökerte
hier, steckte da die Nase hinein, las dort ein wenig. Oder genoss eine
Lesestunde der ehrenamtlichen Vorleser.
Tief
beeindruckt hat mich auch die ständige Ausstellung „Worte hinter Mauern
– Literatur aus dem Jugendknast“. Die Autorin Miriam Günter besuchte
Jugendstrafanstalten, um den inhaftierten Jugendlichen Literatur
nahezubringen und sie gleichzeitig zum Schreiben zu animieren. Deren
Texte geben einen kleinen Eindruck ihrer Gefühlswelten, Hoffnungen und
Ängste. Fernab von pädagogischer Draufsicht.
Ergänzt und abgerundet wurde das Angebot mit einem Multimediaraum, in
dem man Lernprogramme, Lernspiele oder DVD-ROMs ausprobieren konnte, die
teils auf Grundlage von Kinderbüchern (z. B. den drei Fragezeichen)
entstanden.
Es
ist auch allgemein wunderschön zu sehen, wie die ganze Stadt zu dieser
Messe beiträgt: Das Staatstheater führt Jugendstücke auf und bietet eine
Führung durch das Theaterhaus an. Bibliotheken und Jugendzentren richten
Veranstaltungen aus oder stellen ihre Räume zur Verfügung. Und das alles
erfolgt ohne große Gesten, ohne prätentiöses Gehabe.
Dazu
kommt der norddeutsche Charme, den Oldenburg auf mich ausübt. Vielleicht
liegt es daran, dass ich im sehr schnellen Berlin aufgewachsen bin: Die
Überschaubarkeit der Stadt und vor allem ihr Tempo verzaubert mich immer
wieder. Im Vergleich zu meiner inneren Uhr geschieht hier alles etwas
gelassener. Die Veranstalter haben Spaß daran, einem bei Fragen
weiterzuhelfen. Es wird schon mal ein Auge zugedrückt, wenn man sich für
eine Veranstaltung mit Voranmeldung nicht rechtzeitig angemeldet hat.
Kurz
und gut: Ich war wieder begeistert. Einer so herzlichen Veranstaltung
wünsche ich noch mehr Presse, noch mehr Aufmerksamkeit. Während in
diesem Land seit der ersten PISA-Studie von allen Stellen beschworen
wird, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche lesen, ist es im
Vergleich dazu nämlich interessant, wie wenig Platz Kinder- und
Jugendliteratur in der Öffentlichkeit eingeräumt wird. Schlagen Sie nur
einmal Literaturbeilagen in Zeitungen auf, und zählen Sie die
vorgestellten Kinderbücher ...
Die
KIBUM macht kein Tamtam, sie macht Angebote. Sie stellt Kindern und
Jugendlichen Räume, Bücher und Autoren zur Verfügung. Sie stellt
Literatur in einen Zusammenhang: Man kann Bücher vorlesen oder auf der
Bühne inszenieren. Damit schafft man es nicht in die Schlagzeilen oder
gar ins Fernsehen. Aber vielleicht weckt und nährt es ja die Lust der
jungen Leser, in die Welt der gedruckten Seiten einzutauchen. Mir macht
es vor allem Hoffnung und Mut. Ich wünsche der KIBUM, dass sie in ihrer
weiteren Entwicklung ihren ganz eigenen Reiz behält und nicht auf
Effekte schielt, sondern weiterhin vor allem auf die Kinder und
Jugendlichen schaut.
Der Reporter ist Kinderbuchautor und
hat "Der Herr der Wolken" (Rowohlt Verlag) veröffentlicht.
Und rutschen hin und her, weil alles so
aufregend ist: Die Kinderbuch-Lesungen beim Poetenfest 2008 in Erlangen
Von Tordis Schuster (Text und Photos)
Nürnberg, im August 2008
Rauschende Baumwipfel, Vogelgezwitscher,
ein Stück Kuchen auf der Picknickdecke und einfach nur zuhören: Das
Erlanger Poetenfest, das dieses Jahr zum 28. Mal im Erlanger
Schlossgarten stattfindet, erfreut sich großer Beliebtheit, nicht nur
weil man dort umsonst und draußen das allerneueste vom Buchmarkt
vorgelesen bekommt, sondern weil hier zwischen Kaffeetischen und
Baumwipfeln die hohe Literatur nicht ganz so elitär daherkommt, wie sie
es sonst tut. Keine Leselampe, kein Rotweinglas und keine abgeschlossene
Bühne, hinter der der Autor nach getaner Arbeit verschwindet. Es macht
nichts, wenn man seine ganz persönliche Frage an den Autor nicht am
Neben- und Diskussionspodium los wird, denn bestimmt begegnet man dem
Autor später noch am Würstchenstand.
Der
Schlossgarten ist nur einer der vielen Veranstaltungsorte des Erlanger
Poetenfests. Allein dort lesen über 30 Autoren - sicher ist für jeden
Geschmack etwas dabei. Hat man sich doch einmal geirrt und langweilt
sich nach ein paar Seiten, nimmt man den Klappstuhl oder die Decke und
rutscht einfach einen Baum weiter.
Das „Junge Podium“, die Bühne für Kinder-
und Jugendbuchautoren, befindet sich ganz hinten im Park, neben der
Kinder-Druckwerkstatt und der Vorleseecke (das Bild zeigt sie bei der
Lesung von Herbert Schirneck). Hier sitzen die jungen ZuhörerInnen auf
Bierbänken, reservieren stolz die Plätze für ihre Eltern und rutschen
hin und her, weil alles so aufregend ist: Schließlich kommen gleich
Leute, die richtige Bücher geschrieben haben.
Saskia
Hula, 1966 geboren, Lehrerin aus Wien, macht den Anfang. Sie liest ihr
neues Bilderbuch „Hermann hört Stimmen“ (Residenzverlag, St. Pölten
2008) mit sehr viel Humor: Der arme Hermann hat es schwer, denn er kann
einfach nichts tun, ohne dass er andauernd die Stimmen seiner Eltern,
des Zahnarztes („Kaubonbons sind schlecht für die Zähne!“) oder des
Nachbarn hört („Ich habe mein Leben lang kalt geduscht!“) So geht’s
nicht weiter, denkt Hermann und beschließt, nun immer das Gegenteil
dessen zu machen, was von ihm erwartet wird. Die Kinder ziehen mit,
Saskia Hula stellt genau die richtigen Fragen. Doch ihr Buch wirkt
sprachlich manchmal etwas befremdlich: Kann man jemanden zum Beispiel
„rasend ernst nehmen“? Bei ihrem nächsten Buch „Windig und Wolkenbruch“
(Residenz, St. Pölten 2007) haben auch die Erwachsenen viel zu lachen:
Wolfgang Windig ist der mutigste aller Feuerwehrmänner und betreibt in
seiner Freizeit vom Bungeejumping bis Wildwasserfahren alles, was nur
irgendwie gefährlich ist. Das geht so lange gut, bis er einen Brief von
seinem ganz persönlichen Schutzengel Laurenzius Eusebius Wolkenbruch
erhält, der sich beschwert: Er habe keine Lust mehr, andauernd Windigs
Leben zu retten und bräuchte dringend Urlaub. Herr Windig sieht das ein
und gibt ihm frei. Ob das gut geht? Ein sehr humorvolles, kindgerechtes
Buch.
Hartmut
el Kurdi (Jahrgang 1964, bekannt als Schauspieler, Regisseur und
Kolumnen-Autor) alias „Johnny Hübner“ stürmt die Bühne. Er ist Mitglied
des „Mobilen Geschichten-Rettungskommandos“ und hat gemeinsam mit den
Kindern einen ganz schwierigen Fall zu lösen: Olga, ein kleines Mädchen,
ist doch tatsächlich beim Lesen einer furchtbar blutrünstigen
Piratengeschichte mitten in die Handlung gerutscht! Mit Hilfe der
Kinder, die kräftig mitsingen und schreien dürfen, gilt es, Olga zu
retten. Hartmut el Kurdi präsentiert ein Ein-Mann-Theaterstück, spielt
fünf Personen gleichzeitig, zaubert immer wieder aus irgendwelchen
Taschen und versteckten Orten genau die benötigten Utensilien hervor.
Die Kinder hängen an seinen Lippen, lachen und kreischen - solange bis
Olga gerettet ist und Herr Hübner sich mit den beruhigenden Worten
verabschiedet: „Falls euch einmal das gleiche passiert, keine Angst, ich
hau euch da schon wieder raus!“ („Johnny Hübner greift ein“. Ein mobiles
Theaterabenteuer. UA Volkstheater Rostock 2006)
Der nächste Autor, Hubert Schirneck, 1962
geboren, wirkt im Gegensatz dazu wie ein ruhiger Pol inmitten des
Poetenfest-Treibens. Er liest aus seiner Kindergeschichten-Sammlung „Die
grüne Nudelsuppe spielt Geige“ (Jungbrunnen, Wien, 2008), in der die
vier Freunde Der Kurze, Der Lange, Der Breite und Der Schmale einiges an
Alltags-Problemen zu bewältigen haben. Zuerst hat Der Kurze seine gute
Laune verloren und es gilt sie wieder zu finden, doch selbst die Herren
im Fundbüro meinen „Gute Laune haben wir hier nicht!“. Dann hat Der
Lange beschlossen, an einem Tag nur Unsinn zu reden, zum Beispiel „Kirimbuluktu“,
„Die Wuzlisoße liegt im Kleiderschrank“ oder „Hänsel und Gretel sitzen
im Katzenklo“ und seine Freunde versuchen verzweifelt, ihn wieder gesund
zu machen. Obwohl Schirneck wenig inszeniert, reichen seine ruhigen
gelesenen Worte aus, um die Kinder zum Lachen zu bringen. Seine
Geschichten leben von Wortspielen und sind gut strukturiert, was sie
nachvollziehbar für Kinder macht. Nur manchmal vermisst man feine,
konkrete Details.
Tobias
Elsäßer, Jahrgang 1973, hat seine Gitarre mitgebracht, denn er schreibt
nicht nur Bücher, sondern auch Musik für Jugendliche. Leider kann sein
erstes gesungenes Werk „Glück“, das die Hektik des Alltags beschreibt,
nicht überzeugen: Textlich nichts Neues oder Originelles, auch keine
besondere Melodie, die aufhorchen lässt. Sein zweites Lied „Dann muss
ich denken“ kommt besser an. Sehr interessant ist, dass Tobias Elsäßer
ein bisschen aus dem Alltag des Schriftstellers erzählt und aus dem
Nähkästchen plaudert, bevor er mit seinem Jugendroman „Vielleicht
Amerika“ (Patmos/Sauerländer Düsseldorf 2008) loslegt, in dem die
Protagonistin Julie aus ihrem ernüchternden Alltag ausbrechen will, um
ein Jahr nach Amerika zu gehen. Vielleicht, so denkt sie sich, findet
sie dort auch etwas über ihren Vater heraus, über den ihre depressiven
Mutter aus unerklärlichen Gründen nicht reden will. Ein
gesellschaftskritischer Entwickungsroman voller Jugendslang, sehr
energiegeladen gelesen, Elsäßer schreit beinahe ins Mikro. Das ist nicht
immer angenehm zum Zuhören, aber auf eine Art und Weise passt alles
zusammen, ergibt eine Einheit. Sein zweites Buch „Ab ins Paradies“
(Patmos/Sauerläner, Düsseldorf 2007) behandelt das Thema Tod auf eine
sehr jugendgerechte Art und Weise: Fabians Opa ist gestorben und er
möchte, da es dessen letzter Wunsch war, seine Asche ins Meer schütten.
Weil niemand dafür Verständnis hätte, trampt Fabian „zusammen mit Opa“
Richtung Meer und lernt dabei die siebzehnjährige Alice kennen. Manchmal
mag die Jugendsprache nerven (kaum eine Seite, die nicht ohne „Lass doch
den Scheiß!“ oder „beschissen“ auskommt), lässt den Leser aber ganz nah
an die Protagonisten Fabian und Alice herantreten, die beide ihre
Probleme und Geheimnisse haben und, so cool oder verschlossen sie auch
sind, sich nach und nach öffnen. Insgesamt ist das Buch eine gelungene
Komposition aus Reflexionen über den Tod, philosophieren über
Gerechtigkeit, Freiheit und Freundschaft.
Den
Abschluss bildet der 1943 geborene Werner J. Egli, vielen Jugendlichen
durch seine spannenden „Insiderbücher“ bekannt. Man merkt es sofort:
Hier ist ein Profi am Werk, sein ganzes Auftreten ist gelassen, er weiß,
wie man mit dem Publikum in Kontakt tritt. Egli erzählt ein paar
Anekdoten aus seinem Leben, es wirkt, als würde er jeden Zuhörer einzeln
anlächeln. Schließlich wendet er sich an zwei etwa zwölfjährige Mädchen:
Das, was er nun lesen wird, ist kein Kinderbuch. Die Mädchen stehen auf
und gehen.
„Kämpfe oder stirb auf Raten“ (Ueberreuter,
Wien 2008) handelt von einer RAF-Zelle, die den Sohn eines
Großindustriellen als Geisel genommen hat. Erzählt wird aus der Sicht
des sechzehnjährigen Patrick, Mitglied der Gruppe. Werner J. Egli liest
ein Kapitel, in dem die „Operation“ in den letzten Zügen ist und Patrick
den etwa gleichaltrigen Gefangenen bewachen und über dessen Schicksal
entscheiden muss, ihn notfalls umbringen soll. Wenn Egli liest, kann man
nicht weghören. Vor Spannung wagt kaum jemand zu atmen, genau wie
Patrick, der feststellt, wie laut die Stille sein kann, für den Sekunden
wie Stunden vergehen, er hingerissen ist zwischen Machtgefühlen und
Mitleid. Kein Laut ertönt, obwohl der Autor leise liest, an den
richtigen Stellen Pausen macht. Das Publikum, Erwachsene und Jugendliche
sind beeindruckt, die Geschichte scheint völlig real, erschreckend, gut.
Doch Gott sei Dank, so denkt bestimmt der ein oder andere, lesen die
beiden Mädchen, die der Autor in weiser Voraussicht weggeschickt hat,
nun Ronja Räubertochter in der Vorleseecke unter Bäumen, die leise im
Wind rauschen.
Die Reporterin ist Kinderbuchautorin ("So
geht's Marie! Schulkind-Geschichten") und Dozentin für Kreatives
Schreiben im Bereich Kinderliteratur.
Was danach kommt
Was nach Wolf Erlbruch kommt
(60. Geburtstag Juni 2008)
(librikon) Zwar hat es bei Günter Grass
funktioniert, erstmal. Aber seine eigene Bedeutung feiern durch
selbstinszenierte Kanonisierung, das setzt auch abnickendes Publikum
voraus. Jenes aber geht flöten, wenn die Bedeutung dann doch nicht so
weit reicht. Was bei Grass Lübeck, ist bei Erlbruch Wuppertal; eine
willfährige Stadt, dankbar, da jemanden zu haben, der sich als Sohn der
Stadt begehen lässt. Wolf Erlbruch ist von Wuppertal zu dem gemacht
worden, was er heute ist, er hat dort seinen Hausverlag, er hat dort
seine Stiftung, er hat dort seine Professur.
Bekannt geworden ist der Illustrator mit
den Collageelementen, die in künstlerischer Hinsicht hinter die
Künstlerkinderbücher der zwanziger Jahre zurückfallen. Es hat
psychopathische Züge, wie die Eltern seine Bücher feiern. Laue Späße von
Erwachsenen, die sich im langweiligen Geist der gehobenen Mittelklasse
aufgehoben fühlen, werden in
einem Buch wie „Der Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf
gemacht hat“ durchs Dorf gejagt. Die Bücher von Erlbruch verschenken
Themen für Kinderbücher (nur zwei Ausnahmen: „Nachts“ und „Der Bär auf
dem Spielplatz“), sie verschenken gestalterische Chancen, verweigern
sich jeder Neuausrichtung; Erstarrung. Doch Erlbruch zieht, und das
einen Karren, der verdammt im Sand stecken geblieben ist. Bilderbücher
verkaufen sich nicht gut, ohne Namen und Kontakte ist es schwer,
Illustrator zu werden, und Originelles wird sofort vom uniformen Leben
im Kombiformat zerhäckselt.
So wie dort "Träume nicht dein Leben, lebe
deinen Traum" gemimt wird, mimt Erlbruch Kunst, und deshalb ist
er im Populärfeuilletongeschmacks so wohlgelitten. Dass er kein
Anliegen hat, weit entfernt von Künstlertum ist, mag ein Vorteil sein.
Für die Bilderbuchszene, die nichts mehr brauchte als Menschen, die
ihren Namen nutzen, um für die künstlerische Freiheit der nächsten
Generation zu kämpfen, die Menschen brauchte, die wieder Ideen,
Urteilsvermögen in die Öffentlichkeit bringen, die dem Siegeszug der
Gebrauchskultur die Stirn bieten und Nachwuchsillustratoren die Tür
aufhalten, selbst, wenn deren Bücher die Auflage eines Briefes haben,
für die Bilderbuchszene sind diese Leerstellen besonders bitter.
Stattdessen übernehmen die Erlbruch-Schüler unübersehbar die Staffel.
Doch das Ende dieser Geschmacksrichtung wird kommen wie es bei Janosch
kam, und es wird sehr, sehr spannend, was und wer danach ins Bilderbuch
stürmt.
Hoch
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Glückliche Auswahl
Das Goethe-Institut lässt Kinderbücher vom
Deutschen ins Arabische übersetzen
(librikon) Kinderliteratur vom Deutschen
in andere Sprachen zu übersetzen, steht nicht unbedingt vor den großen
stilistischen Herausforderungen. Es sind vielmehr kulturelle Fragen, die
beantwortet werden müssen: Wie nämlich lesen Kinder in anderen
Kulturkreisen, was in Mitteleuropa mitten aus dem Leben der Kinder
gegriffen ist? Normalerweise geht das Fallbeil vor den wenig verkauften
Büchern nieder; Verlage verkaufen Lizenzen, Lizenzen werden gekauft von
Erfolgsbüchern. Wer Kinderliteratur als Kulturtransfer übersetzen lässt,
der muss andere, dezidierte Antworten geben. Das Goethe-Institut hat mit
Unterstützung der Bosch-Stiftung ein Übersetzungsprojekt gestartet: Elf
Bücher werden derzeit ins Arabische, fünf weitere wurden 2003/04
übersetzt, und darüberhinaus hat sich das Goethe-Institut noch für „Momo“
von Michael Ende stark gemacht und es übertragen lassen. Schon das weist
darauf hin, wie glücklich die Auswahl ist.
Dabei hatten die Namen der Experten, die
mit dem Auftrag betraut wurden, eine Liste mit 20 Vorschlägen zu
erarbeiten, auf den ersten Blick nicht sehr vielversprechend geklungen.
Es ist die übliche Nomenklatura in Deutschland, die in der Jury des
Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises nach den immergleichen
Kriterien Bücher nach oben schiebt, es sind die, die am Absturz der
deutschsprachigen Kinderliteratur beteiligt sind, weil sie Preise
zwischen immergleichen Verlagen hin- und herschieben, die die Abwendung
des lesenden Publikums erst nicht bemerkt und dann ignoriert haben. Es
sind aus Deutschland die Repräsentanten, zu denen die lebhafte
Nachwuchsszene Sicherheitsabstand hält.
In den Ländern, in denen die übersetzten
Kinderbücher dann gelesen werden sollen, hatten sich auch Gruppen
zusammengefunden; in Ägypten, Algerien, Libanon und Syrien setzten sich
Verleger, Übersetzer, Illustratoren, Mütter und Kinder hin und gaben ihr
Plazet. Es war kein Stochern im Dunkeln, es gab Auswahlkriterien: Keine
religiös gefärbten oder missionierenden Bücher, keine erste Liebe, keine
körperlichen Annäherungen unter Jugendlichen, kein Alkohol, keine
Drogen, keine Kriminalität. Wegen dieser klaren Kriterien lässt sich die
Auswahl sehen. Mit „Frau Meier die Amsel“, „Die kleine Hexe“, „Die Biene
Maja“, „Die Konferenz der Tiere“ und dem erwähnten, quasi mit „Wild
Card“ ausgestatteten „Momo“ werden nun Kinderbuchklassiker des 20.
Jahrhunderts übersetzt; allein dafür hat sich der bewundernswert
engagierte Einsatz von Bosch-Stiftung und Goethe-Institut schon gelohnt.
Das stimmt dann milde, wenn man an die flachen Stellen der Liste („Herr
der Diebe“, „Die wilden Fußballkerle“, „Der Regenbogenfisch“) gelangt.
Dazwischen erfreut „Schreimutter“. Es schmückt die Bücher, dass sie nun
in Deutschland und im arabischen Raum Kindern vorgelesen werden können,
und es ist ein verbindender Gedanke, dass Kinder die Möglichkeit haben,
dieselben Bücher zu kennen.
Eine echte Schweinerei:
Das Ferkelbuch ist nicht jugendgefährend
Von Andrea Livnat
Vergangene Woche entschied die
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien über einen Antrag des
BMFSFJ, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
welches beantragt hatte das Buch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das
kleine Ferkel" in die Liste der jugendgefährdenden Medien aufzunehmen.
Das zuständige sogenannte 12er-Gremium gelangte zur Auffassung, "dass
das Buch, da vorliegend alle drei Religionen gleichermaßen angegriffen
werden, nicht als antisemitisch einzustufen ist. (...) Dass in dem Buch
Religionskritik geübt wird und dessen Inhalt möglicherweise das
religiöse Empfinden der Gläubigen der drei dargestellten Religionen
verletzt, war für die Bundesprüfstelle nicht entscheidungserheblich, da
dies keinen Tatbestand der Jugendgefährdung darstellt."
Zunächst einmal, diese Entscheidung ist
richtig, so wenig mir das Buch auch zusagt. Es gibt dazu allerdings
einiges zu sagen, denn die Sache mit dem Ferkelbuch ist eine große
Schweinerei. In einem Land, in dem man an jedem größeren Kiosk die
Nationalzeitung kaufen kann, möchte man ein schlechtes Satirewerk wegen
antisemitischer Tendenzen indizieren lassen? Da schwingt sich das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf einmal
zum Gralshüter auf, meint Antisemitismus entdeckt zu haben und das Werk
sofort aus dem Verkehr ziehen zu müssen? Auch die katholische Kirche
zeigte sich besorgt und sah die Darstellung der Rabbiner im Buch dem
Nazi-Hetzblatt "Stürmer" ähnlich. Antisemitismus ist halt doch ein gutes
Zugpferd, scheint man sich überlegt zu haben.
Schade, dass die Bundesprüfstelle bemüht werden musste, um
festzustellen, dass das Buch nicht antisemitisch ist. Natürlich ist es
das nicht, und natürlich darf so ein Buch nicht verboten werden, denn
das wäre tatsächlich ein nicht zulässiger Eingriff in die Meinungs- und
Glaubensfreiheit. In einer Demokratie muss man eben mit Dingen leben,
die einem nicht gefallen, auch wenn man ein Bundesministerium ist.
Gerade die Meinung der Andersdenkenden ist es doch, die geschützt oder
doch zumindest toleriert werden soll. Oder werden hier Maßstäbe
angelegt, die auch die fundamentalistische Empörung über die dänischen
Mohammed-Karikaturen rechtfertigen könnten?
Doch was sagten eigentlich die Juden
selbst dazu? Die bezieht man im BMFSFJ ja eher ungern mit ein, wenn es
um Wertedebatten geht. Und so scheint sich dafür auch diesmal niemand zu
interessieren, denn wenn ein Deutscher Antisemitismus wittert, dann hat
der Jude nichts mehr zu sagen. Stephan J. Kramer, Generalsekretär des
Zentralrates erklärte jedenfalls deutlich, man könne der Begründung des
Ministeriums nicht folgen, schließlich würden alle drei Weltreligionen
verleumdet.
Seltsam auch, dass sich das Ministerium
auf einmal so ins Zeug legt. Zu einem anderen Buch, das tatsächlich
antijüdische Vorurteile der widerlichsten Sorte bestätigt, hört man
offiziell noch immer nichts aus dem Ministerium. So im Falle des Buches:
"Woher kommt Judenhass? Was kann man dagegen tun? Ein Bildungsprogramm"
herausgegeben von Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V. und Tacheles
reden! e.V., deren Arbeit, die Grundlage des Buches ist, jahrelang durch
das Ministerium gefördert wurde. Darin wird die uralte Behauptung "Die
Juden haben Christus umgebracht" in einer ausdrücklichen
"Richtigstellung" bestätigt. Die kritische Rezension bei haGalil löste
eine Flut erboster Reaktionen und bösartiger Diffamierungen aus, denen
weder die Herausgeber noch die Geldgeber, das BMFSFJ, etwas
entgegensetzen wollten. Eine sachliche und themenbezogene Diskussion,
die vielleicht einmal mehr Gelegenheit geboten hätte, mit diesem
Grundstein judenfeindlichen Denkens aufzuräumen wurde so leider
versäumt.
Warum dieses Schweigen des BMFSFJ auf der einen Seite, bei
gleichzeitigem medienwirksamen Aktionismus auf der anderen?
Das Ferkelbuch hat auf jeden Fall einen
Haufen Werbung ganz kostenlos bekommen. Schade, denn es ist mit Abstand
das Dämlichste, was ich seit langem gelesen habe.
Dass man es hier mit einem Buch zu tun
hat, das vor allem provozieren will, lässt schon der Titel vermuten.
Denn warum sonst muss ausgerechnet ein Schwein, das sowohl für Juden als
auch Muslime als unreines Tier gilt, auf die Suche nach der Wahrheit
gehen? Provokation oder schlichte Unwissenheit?
Komischer Effekt, wie uns Autor Michael Schmidt-Salomon in einer
68-seitigen Verteidigungsschrift, die auf seiner Webseite einsehbar ist,
wissen lässt. Ein Eichhörnchen hätte eben nicht dieselbe komische
Wirkung erzielen können. Wer aber die Provokation, die, wie
Schmidt-Salomon selbst schreibt, evident ist, für plump hält, "der
sollte sich überlegen, ob es nicht vielmehr plump, oder besser:
hochgradig infantil und wahnhaft wäre, wenn sich Gläubige tatsächlich
durch eine niedliche Darstellung eines Mitglieds der (im Übrigen
ungewöhnlich intelligenten) Säugetierfamilie Suidae provoziert fühlen
würden."
Damit ist nun eigentlich schon alles gesagt. Schmidt-Salomon hält
nämlich Religionen für "kulturelle Schatzkammern der Menschheit, die
sowohl Sinnvolles, Humanes, als auch Sinnloses, Inhumanes, enthalten."
Es sei die große Aufgabe der Aufklärung, das Eine vom Anderen zu
trennen. Aufklärung scheint überhaupt das Lieblingswort des Autors zu
sein. So weit ist ja auch alles noch schön und gut, und es spricht auch
wirklich nichts gegen ein Buch für Kinder und Jugendliche, dass
satirisch-kritisch die Existenz Gottes und die drei großen
Weltreligionen hinterfragt. Schade nur, dass bei all dem intellektuellem
Blabla, das Ergebnis derart dümmlich geraten ist.
Die Geschichte ist schnell erzählt: das kleine Ferkel und der kleine
Igel leben glücklich, bis sie eines Morgens ein Schild sehen, auf dem zu
lesen ist: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!" Weder Ferkel noch
Igel kennen Gott, also machen sie sich auf die Suche nach ihm. Der Fuchs
berichtet von den verrückten Menschen, die sich darüber streiten, in
welchem der großen Häuser auf dem Tempelberg Gott wohne. Ferkel und Igel
machen sich auf den Weg dorthin, wo sie Kirche, Moschee und Synagoge
vorfinden, mit einem Irrgarten am Eingang. Satire mit dem Zaunpfahl.
Vor dem ersten Haus, der Synagoge, treffen sie einen Rabbi, der ihnen
sagt, dass diese "zu dieser Feierstunde", was auch immer damit gemeint
sein soll, nur von Juden betreten werden dürfe, Jude sei, wer eine
jüdische Mutter hat. Beides ist so gesagt Quatsch. Auch hier
Provokation? Oder schlichte Unwissenheit?
Dass der Gott der Juden ganz schön zornig werden kann, illustriert der
Rabbi mit der Geschichte der Sintflut, die das Ferkel "ja sowas von
gemein" findet. Mit ein paar klugen Fragen "entwaffnen" Ferkel und Igel
den Rabbi und fragen sich, wer so blöd ist, an eine solche Geschichte zu
glauben. Ja, ja, soll sich der Leser denken, die älteste monotheistische
Religion ist wirklich simpel gestrickt, mit ein zwei Fangfragen hat man
sie gleich entlarvt.
Vor dem nächsten Haus, der Kirche, treffen die beiden Tierchen auf einen
fetten Priester mit bunten Gewändern, der sie ins Innere der Kirche
begleitet, wo im Gegensatz zu ihm graue, ausgemergelte Gestalten beten
und Jesus am Kreuz hängt. Die Christen kommen dann fast noch schlechter
weg, denn als das kleine Ferkel sich an den ausgelegten Plätzchen labt,
erklärt der Priester, dass das der Leib des Herrn ist. "Das sind
Menschenfresser!", erklären Ferkel und Igel und machen sich aus dem
Staub.
Mit dem Mufti in der Moschee stellt das kleine Ferkel entsetzt fest,
dass er sich als Muslim 35 mal die Woche waschen müsste. Vielleicht hat
das Mohammed ja nur erfunden, schlägt das Ferkel vor, worauf er sich den
Zorn der Gläubigen zuzieht und mit dem Igel flüchten muss, nur um vor
der Moschee auf den wütenden Rabbi und den Priester zu treffen. Die
Flucht gelingt schließlich, weil sich die drei Religionsvertreter
untereinander zu streiten beginnen.
Zurück zu Hause, analysieren Ferkel und Igel, dass ihnen, solange sie
von Gott noch nichts wussten, nur eines anders war: sie hatten keine
Angst. Der kleine Igel fasst zusammen: "Die Leute vom Tempelberg sind
wirklich verrückt. Ich glaub' ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht
gibt! Und wenn doch, dann wohnt er bestimmt nicht in diesen
Gespensterburgen!"
Die letzte Doppelseite ziert ein P.S., das erklärt, dass auch Rabbi,
Mufti und Pfaffe, wie wir nur "nackte Affen" sind, illustriert mit
nackten Männern, Frauen und Kindern aller Hautfarben und Altersgruppen,
denn, wir ahnen es, "wer wirklich aufgeklärt ist, der braucht sich
seiner Nacktheit nicht zu schämen."
Dass der Rabbi einer Stürmer-Karikatur entstiegen sein sollte, ist für
mich nicht nachvollziehbar. Viel bedenklicher sind einige der
Erklärungen, die Schmidt-Salomon in seiner Verteidigungsschrift zu den
Seiten mit dem Rabbi liefert. Zunächst einmal handelt es sich nicht um
eine Synagoge, lässt uns Schmidt-Salomon wissen, sondern um nichts
anderes als den Tempel, jenes Allerheiligste, das vor gut 2000 Jahren
zerstört wurde. Jener Tempel, der erst in messianischer Zeit wieder
entstehen wird. Warum es eine einfache Synagoge nicht tut, lässt uns der
aufgeklärte Autor allerdings nicht wissen.
Richtig wild werden die Ausführungen dazu, warum Ferkel und Igel den
Tempel nicht betreten dürfen. Das Judentum sei im Gegensatz zu
Christentum und Islam keine missionarische Religion. Stimmt. Aber lieber
Herr Schmidt-Salomon, trotzdem dürfen Nicht-Juden in die Synagoge (wie
der Tempel im Buch dann aber doch bezeichnet wird)! Hier wird ein Bild
transportiert, das durchaus sehr bedenklich ist, nämlich dass die Juden
unter sich bleiben wollen, keine Nicht-Juden dulden und somit nicht
tolerant anderen gegenüber sind.
"Kinder interessieren sich für solche theologischen Unterschiede
weniger", lässt uns der Autor wissen. Aber das ist noch lange kein
Grund, sie mit falschen Informationen zu bedienen.
Eine jüdische Mutter sei bekanntlich das Kriterium dafür, ob man als
Jude geboren ist, was "eine rein ethnische Kategorisierung, keine
religiöse" sei. Richtig. Ein Großteil der Juden weltweit "sei auch nicht
im religiösen Sinne "jüdisch", man darf diese beiden Ebenen nicht
unzulässig miteinander vermischen!", fährt Schmidt-Salomon fort. Was?
Soll das heißen, nur reinblütige Juden, die auch religiös leben, dürfen
in die Synagoge? Es gibt auch religiöse, sowie nicht-religiöse Juden,
die keine jüdische Mutter haben, sondern konvertiert sind. Aber das ist
ja auch eigentlich ganz egal, denn wie gesagt: in die Synagoge dürfen
neben Juden mit und ohne jüdischer Mutter auch Nicht-Juden. Nur Schweine
wird man dort wohl nicht so gerne sehen.
Auch mit Kant, Feuerbach und anderem philosophischen Gepäck wird das
Ganze nicht besser. Im Gegenteil, die intellektuellen Erklärungsversuche
quälen einen noch mehr. Und alles im Sinne der Aufklärung.
Fazit: Noch dämlicher als das Buch war nur der Antrag des Ministeriums,
der nun abgelehnt wurde, was dem Autor Gelegenheit zum Feiern gibt:
"Anschlag auf Meinungsfreiheit gescheitert".
Und so bleibt nur das wirkungsvollste Mittel gegen das Buch zu
empfehlen: nicht kaufen!
Die Autorin
lebt in Tel Aviv und ist
Chefredakteurin des Internetmagazins hagalil.com.
Rätsel bleiben
Gudrun Schurys gelungene
Wilhelm-Busch-Biografie
Von Friedhelm Sölter
„Sich Buschs Leben beschreibend zu nähern
ist ein Wagnis.“ – Und doch hat sie es getan. Im Jubiläumsjahr gut auf
halber Strecke zwischen 175. Geburtstag (15. April 2007) und 100.
Wiederkehr des Sterbens (9. Januar 2008) legt Gudrun Schury eine mehr
als 400 Seiten starke Biografie des Zeichners und Malers, Dichters und
Denkers aus dem kleinen niedersächsischen Bauerndorf Wiedensahl vor.
„Frisch gewagt, ist halb gewonnen!“, sagt der Volksmund. Der heute in
Bamberg lebenden Literaturwissenschaftlerin, die sich erfolgreich auch
schon anderen Vielschreibern wie Goethe oder Karl May genähert hat, ist
mehr als das Halbe gelungen.
Die umfassende Beschäftigung mit Leben und
Lieben, Schaffen und Scheitern des Heinrich Christian Wilhelm Busch,
Erstgeborener des nach Wiedensahl eingeheirateten Krämers Johann
Friedrich Wilhelm Busch und seiner Frau Henriette Dorothee Charlotte,
liest sich durchweg unterhaltsam, setzt allerdings in vielen Passagen
doch voraus, dass man sich etwas über den Klassiker „Max und Moritz“
hinaus mit dem Protagonisten beschäftigt hat – oder es will.
Das Buch wechselt dabei in Anlehnung an
Modest Mussorgskis Klavierzyklus „Bilder einer Austellung“ (1874) stetig
zwischen der „Promenade“, der detaillierten und bisweilen etwas zu
Detail verliebten Beschreibung des kurvenreiches Lebensweges eines der „unzweifelbaren
Genies der deutschen Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts“
(Spiegel-Autor Joachim Kalka) und „Bildern“. Darin gelingt es der
Autorin immer wieder, auch mit vordergründig nicht auf der Hand
liegenden Fragen und bisweilen hoch spekulativen eigenen Antworten den
Künstler zu enträtseln. Und es ehrt Gudrun Schury, wenn nach solcherlei
fein abgeleiteter und argumentativ durchaus schlüssiger Bewertungen des
Künstlers und mehr noch des Menschen Busch der hier verplattete Hinweis
folgt, es könnte alles aber auch ganz anders gewesen sein.
Gekonnt arbeitet diese Biografie heraus,
dass Wilhelm Busch deutlich mehr zu bieten hatte und hat als seine
Bildergeschichten von den Anfängen bei den Münchner Bilderbogen bis zum
verhinderten Dichter„Balduin Bählamm“. Hier stehen die malerischen
Arbeiten, die Busch selbst immer vor der Welt verstecken wollte, weil er
sich mit Blick auf seine großen flämischen Vorbilder für gescheitert
hielt, auf einer Stufe. Hier wird der Dichter gewürdigt, hier findet
Auseinandersetzung mit dem schriftstellerischen Prosawerk statt. Und
hier wird gar die Sammlung und Herausgabe von Märchen und Sagen der
Heimat nicht mit einem Satz abgetan.
Gudrun Schury gelingt es, etwas mehr zu
erhellen von der komplexen Figur zwischen Bienenstock und Bankiersgattin
in Frankfurt, zwischen Prosit in München und Pfarrwitwenhaus. Doch auch
die Biografin kann – gottlob – nicht alle Fragen des Autors enträtseln,
den sie schon nach einer halben Seite „querköpfig“ nennt. In diesem Wort
schwingt in der niederdeutsch-hannöverschen Heimat Wilhelm Buschs auch
heute noch immer ein gewisser Respekt mit. Dazu kommt das
vorweggenommene Fazit der eigenen sehr umfangreichen Recherchen in allen
Busch-Orten: „Den authentischen Busch wird es also nicht geben“.
Dennoch macht es Spaß, dieses Buch zu
lesen, sich neue Sichtweisen auf Busch zu erlesen. Doch die Verklärtheit
wird bleiben, wie es schon der Titel „Ich wollt ich wär ein Eskimo“
andeutet. Ein elegisches Zitat aus einem Brief Wilhelm Buschs im Winter
1875 an Johanna Kessler.
Weit deutlicher als in vielen anderen
Versuchen, das Rätsel um den Mann zu lösen, dessen „Sprikker“ heute in
jeder zweiten Festrede zu Fixpunkten werden, gebührt Gudrun Schury die
Anerkennung, die mehr als 40 Jahre, die Wilhelm Busch in seinem
Geburtsort in Elternhaus, Pfarrhof und Pfarrwitwenhaus verbrachte, ins
rechte Verhältnis zu stellen zu den Zwischenstationen von Mechtshausen
bis München, von Antwerpen bis Ebergötzen. Wilhelm Buch war und ist
Wiedensahler.
Gleichzeitig legt Gudrun Schury als
Herausgeberin eine Sammlung von hundert Busch-Gedichten in neuer
Reihung und Zusammenstellung vor. Dabei wird der persönliche Geschmack
deutlich. Der Leser findet nicht unbedingt alle Klassiker. Und doch ist
der Querschnitt mit den laut Schury „hundert bewegendsten und bissigsten
Gedichten gelungen. So feiert das „Lied eines versimpelten Junggesellen“
hier fröhliche Urständ wie „Dorenkat / Für Leib- und Seelenschmerz
probat“ oder die „buschige“ Wendung im titellosen Liebesgedicht „Ich
wusste, sie ist in der Küchen . . .“
Gudrun Schury: Ich wollt, ich wär ein
Eskimo – Das Leben des Wilhelm Busch, gebunden, 412 Seiten,
Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-351-02653-0, 24,95 Euro
Wilhelm Busch: Hundert Gedichte, gebunden,
185 Seiten, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-351-03217-3, 12,50 Euro.
Prinzessinnen und Drogensucht
Fragen an die Illustratorin Aylin Gillvuz
Librikon: Wie ist die Idee zu „Spieglein,
Spieglein“ entstanden?
Aylin Gillvuz: Die Arbeit zu „Wie
die Prinzessin zur Erbse kam“ war abgeschlossen und wir wollten beide
das Prinzessinnen-Emanzipations-Thema noch einmal aufgreifen, das
ursprünglich in anderer Form auch für „Wie die Prinzessin zur Erbse kam“
geplant war. In dem neuen Buch sollten auf jeden Fall sehr bekannte
Prinzessinnen die Protagonistinnen sein, die alle eine Last tragen, die
kennzeichnend für unsere aktuelle Gesellschaft sind. Wir haben also
diskutiert und ein Netz gesponnen, in denen diese Prinzessinnen leben.
Es hat unglaublich Spaß gemacht, Figuren mit Problemen zu belegen…..
Bei dem Buch sollte das Bild im
Vordergrund stehen und der Text minimalistisch sein. Schnell waren
Probleme wie Essstörung oder etwa Drogensucht den Prinzessinnen
zugeordnet. Wir wollten keine Geschichte erzählen, sondern Begegnungen
und Portraits aufzeigen.
Librikon: Welche Leser, welche
Kunstfreunde haben Sie für das Buch im Auge?
Aylin Gillvuz:
Wir konnten uns von Anfang an gut vorstellen, dass Buch in der
Sekundarstufe I und II als Schullektüre einzusetzen. Immerhin sind
Märchen ein wichtiges Gut unserer Literatur und diese werden in der
Schule auch diskutiert. Die Märchen bleiben gleich, aber eine
Gesellschaft verändert sich, wie man bei "Spieglein, Spieglein" deutlich
sehen kann.
Wir haben keine bestimmten Kunstfreunde
oder Leser im Auge. „Spieglein, Spieglein..“ soll für alle
interessierten Personen sein. Ob Kunstfreund, Leser, Mädchen oder Hund….
Librikon: Können Sie erzählen, wie
Sie die Collagen angefertigt haben? Lag der Text vor? Wie haben Sie die
Materialien gefunden, woher kam die Inspiration?
Aylin Gillvuz:
Die Collagen wurden aus den unterschiedlichsten Materialien angefertigt.
Das meiste Material stammt aus Magazinen, Frauenmagazinen. Solche
Magazine setzen Frauen unserer Zeit unter enormen Druck, beispielsweise
wunderschön oder etwa „perfekt“ zu sein. Die Nutzung von gerade diesen
Zeitschriften als Materialien ist als Kritik zu verstehen. Der Text
entwickelte sich ca. parallel zu den Zeichnungen.
Librikon: In „Spieglein, Spieglein“
werden Figuren aus bekannten Märchen zitiert. Natürlich fallen einem
beim Lesen immer mehr Märchen und Prinzessinnen ein. Welche Bedeutung
haben für Sie und die Autorin, Mirjam Gille, gerade diejenigen, die
Eingang in das Buch gefunden haben?
Aylin Gillvuz:
Diese Prinzessinnen zählen für uns zu den bekanntesten Prinzessinnen der
Weltliteratur. Wir haben überlegt, welche Prinzessin Einzug in das Buch
finden kann und das konnten nur die Prinzessinnen, die einfach überall
bekannt sind und deren „Geschichte“ die LeserInnen auf jeden Fall
kennen. Ohne ein Vorwissen, kann das Buch auch verstanden werden.
Natürlich haben die Prinzessinnen im Buch eine große Bedeutung für uns,
immerhin haben sie uns die Inspiration zu diesem Buch gegeben…
Das Buch "Spieglein, Spieglein" ist im
Dezember 2007 im Gillvuz Verlag erschienen.
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