Obwohl die Anzahl an Prinzessinnen in der
echten Welt dramatisch abnimmt, lässt sich das gleiche nicht von jungen
Mädchen, die eine Prinzessin sein möchten, sagen. Deren Zahl bleibt
konstant. Für Träume dieser Art eignen sich Bücher sehr, und darum geht
es früh los mit den Prinzessinnen in Bilderbüchern. Es gibt sie in
Legion. Nachdem sie Jahrzehnte lang auch das Leid echter Prinzessinnen
–untergeordnet der Etikette, im Zeremoniell gefangen- erdulden mussten,
bekamen sie in der Mitte des letzten Jahrhunderts verständnisvolle
Anverwandte um sich herum gestellt, die ihre Einsamkeit, ihre ins
Schicksal Geworfenheit zu lindern versuchten. Von da aus war es nicht
weit bis zum Selbständigwerden; die Prinzessinnen wurden nun auch
plötzlich „starke Mädchen“. Dem Genre tat diese an sich
genickbrecherische Wandel, der ja nichts anders besagte, als dass nun
alles geht: Prinzessin sein ohne Prinzessinnenmilieu, selbst diesen
Wandel steckte es mühelos weg. Prinzessinnen in Kinderbüchern sind
seither wieder die echtesten Heldinnen der Literatur geworden. Sie
können alles, sie dürfen alles, aber Prinzessinnen, das bleiben sie
trotzdem. Was für ein Versprechen.
Literatur (Auswahl): Meg Cabot: Plötzlich
Prinzessin, Kevin Bath: Verschwörung auf Castle Cant
ZWI
Zwillinge:
Zwillinge sind in der
Kinderliteratur eine reizvolle Konstellation, da sie Kindern, die keinen
Zwilling haben, den Traum eines ihnen ganz nahen, jede Fremdheit
überwindenden Menschen erfüllen. Jede Angst vor Alleinsein, vor
Einsamkeit, vor dem der Erwachsenenwelt Ausgeliefertsein schwindet mit
einem Schlag, wenn die Hauptfiguren Zwillinge sind. Und mehr noch: Das
Empfinden der eigene Gespaltenheit wird dadurch in ein so einfaches wie
für Kinder tragendes Bild umgesetzt. Mit solch guten => Vorzeichen
versehen, kommen Zwillinge in der Kinderliteratur also zum Einsatz, zu
was für einem Einsatz aber! Lustige Elemente von Verwechslungskomödien
sind garantiert, alles Tragische verteilt sich auf zwei Schulternpaare,
Idyllen von Freundschaft und Geschwisterglück paaren sich mit dem Freude
herauszustechen aus der Menge. In den letzten Jahren hat das
kinderliterarische Zwillingsaufkommen etwas nachgelassen, da in der
Realität Zwillinge häufiger werden; viele Kinder kennen Zwillingspaare
und sehen keine Exotik nicht mehr im Vordergrund. Die Suche nach
ähnlichen Mustern hat für die Kinderbuchautoren begonnen.
Literatur (Auswahl):
Erich Kästner: "Das
doppelte Lottchen"
FE
Fee:
Die Fee ist die
weibliche =>Identifkationsfigur im immer florierenden Genre der
Zaubereiliteratur. Hat der =>Zauberer, auch wenn er eine Figur mit
positiven Zügen ist, oft eine patriarchale Ausstrahlung, ist die Fee ein
zartes, aus ihrem Erscheinungsbild wirkendes Wesen, das durch sich und
in sich den anderen Menschen Licht und Lösung bringt und nicht durch
klare Anweisungen. In den =>Feerien der Kinderliteratur haben die Feen
keine dicken Bücher, aus denen sie dunkle Zaubersprüche lernen, sie
beherrschen auch kein Zauberhandwerk, sondern sie allein qua Fee zu
allem imstande, was die Handlung in die richtige Richtung lenken kann.
Im Kinderbuchschema gibt es daher auch nicht, wie bei Hexen und
Zauberern, die Fee, die sich irrt, falsch hext oder zaubert, eher
schwebt sie über der intriganten Welt und ist wie die Kinder Opfer böser
Machenschaften. Durch den Aufschwung von =>Fantasy haben sich auch bei
der Fee ihre literarischen Grundzüge verschoben, aber in diesen Fällen
hat sie nur aus mangelnder Originalität der Autoren ihre Bezeichnung Fee
behalten. Die Figur der Fee hat unter der Verwischung der Grenzen
gelitten und ist bis zur Unkenntlichkeit nur noch mit dem Etikett „Fee“
ausgestattet worden. Sie gehört daher zu den gefährdeten Arten. Ihr
literarisches Überleben ist nicht gesichert.
Literatur (Auswahl):
Amaryllis in: „Der Räuber Hotzenplotz“ von
Otfried Preußler; die Fee in "Pinocchio" von Carlo Collodi;
Feengestalten in nahezu jedem Fantasy-Roman
GE
Gespenst:
Das Auftreten eines
=> Gespenstes ist eines der wichtigsten Charakteristika der
Kinderliteratur in Abgrenzung zur Literatur für erwachsene Leser.
Gespenster bevölkern schon das =>Bilderbuch. Zum einen dienen sie dazu,
das Thema => Angst und die Ängste vieler Kinder vor Gespenstern zu
umreißen. Zum anderen sind sie beliebte => Hauptfiguren, die Gutes
vollbringen, überhaupt nicht gruselig sind und von den Kindern ins Herz
geschlossen werden können. Das versagende, viel zu liebe Gespenst ist
ein häufig anzutreffender Protagonist. Ihm ist oft eine große Karriere
in Bezug auf die Beliebtheit bei Kindern beschieden. Das Gespenst ist
literaturgeschichtlich gesehen kaum Entwicklungen unterworfen, es tritt
zwar durchaus in veränderter Umgebung auf, hat aber feste Grundmerkmale,
die von den Autoren individuell gefärbt werden. So wenig das Gespenst in
der Kinderliteratur Moden unterworfen ist, so wenig ist sein Ende
abzusehen. Gespensterbücher wird es weiterhin geben, und sie sind der
Kinderliteratur vorbehalten.
Literatur
(Auswahl):
Das kleine
Gespenst in: Otfried Preußler „Das kleine Gespenst“, das Schlossgespenst
in: Franz Hohler „Ein Schloss in Schottland“, Hui Buh in: Dirk Ahner
„Hui Buh – das Nachtgespenst“ (nach dem gleichnamigen Hörspiel)
HER
Herr, alleinstehender:
Der => alleinstehende Herr ist ein
traditionsreicher Protagonist in der Kinderliteratur. War es in den =>
erzieherisch motivierten Kinderbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts dem
Mann ohne eigene Kinder vorbehalten zu drohen und zu züchtigen,
wechselte er im 20. Jahrhundert seine innere Statur hin zu Gutmütigkeit
und Hilfsbereitschaft. Der => alleinstehende Herr ist als literarische
Figur im Kinderbuch vielfältig einzuarbeiten, da er aus einer den
Kindern fernen, schwer einschätzbaren Welt kommt und daher u.U. auch
Lösungen für schwerwiegende Probleme einfach herbeizaubern kann. Daraus
hervorgegangen ist der => alleinstehende Herr als => Freund der
Kinder, der sie einerseits an seinen Lebensweisheiten teilhaben lässt,
andererseits aber in Alltagsdingen unbeholfen ist und die Unterstützung
der Kinder benötigt. Dabei ist die erfolgreiche Hilfe für den =>
alleinstehenden Herrn oft ein Knotenpunkt, an dem sich die
Gesamthandlung entwirrt. Ein anderer Entwicklungsstrang ist der =>
alleinstehende Herr als liebenswerter Kauz, der sein Leben außerhalb
gesellschaftlicher Zwänge führt. In jüngerer Zeit erlebt der Topos =>
„Alleinstehender Herr“ eine Renaissance. Seine frühere => Exotik hat er
durch die veränderten Lebensumstände verloren, da Kinder von vielen
Menschen ohne eigene Kinder umgeben sind. Der => alleinstehende Herr
ist als Charakter dadurch stärker in den Vordergrund gerückt, meist
kommt erst im dritten oder vierten Kapitel ein Kind hinzu, das dann in
die Welt des => alleinstehenden Herrn eindringt. Die Assoziation durch
den Vorsatz „Herr“ des höflichen, gesitteten Mitbürgers weicht in
einigen Beispielen dem groben, aggressiven Mann, der nur noch als Herr
tituliert wird. Die Distanz, die Kinder aufgrund ihrer Erziehung zu
fremden Männern halten sollen, muss in Kinderbüchern durch literarische
Kunstgriffe überwunden werden. Häufig wird das Alleinstehendsein als
unliebsamer Zwischenzustand gesehen, der überwunden werden muss. Es gibt
eine Tendenz dazu, Kinderliteratur aus Erwachsenensicht zu schreiben,
was dem => alleinstehenden Herrn erneut bedrohliche Züge verleiht.
Siehe im Gegensatz dazu => alleinstehende
Frau
Literatur (Auswahl):
Onkel Fritz in: Wilhelm Busch „Max und
Moritz“; Pan Tau in: Ota Hofman: Pan Tau; der Nichtraucher in: Erich
Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“; Herr Bambert in: Reinhardt Jung „Bamberts
Buch der verscholllenen Geschichten"; Herr Jaromir in: Martin Ebbertz:
„Der kleine Herr Jaromir“; Herr Röslein in: Silke Lambeck: „Herr
Röslein“; Herr Egon in: Will Gmehling „Einen Luchs am Hals haben“; Herr
M. in: Jule D. Körber „Herr M. und die Sache mit sich selbst“