Markus Wallenborns Aufsatz über Erich
Kästner im Dritten Reich
Von Jan Fischer
Die Sache ist die: Es gibt nichts Unpolitisches, weil das, was
unpolitisch ist, dadurch, dass es unpolitisch ist, schon wieder eine
politische Aussage trifft. Man kann das gut an der Popmusik der 80er
Jahre sehen: Es gibt dort keine politischen Aussagen, es gibt dort
keinen Klassenkampf außer vielleicht Video killed the radio star, aber
ein kluger Analyst könnte auf den Gedanken kommen, dass dieses radikale
Nichtpolitischsein doch Politischsein ist, nämlich eine totale Abkehr
von der Politik, weil es dort nichts mehr gibt, weil alles verloren ist,
weil weder Kampf noch Engagement noch Sinn haben: Nichtpolitischsein ist
die verzweifelteste politische Aussage, die man machen kann, und
Eurodance die radikalste Erweiterung von Punk.
Das alles gilt für das Dritte Reich zwar etwas anders, aber ähnlich, und
natürlich noch einmal potenziert. Die Filmforschung, und auch die
Literaturforschung, hat sich schon immer interessiert für die populäre
Kultur des Dritten Reiches, nicht nur für die Propaganda, für die offen
formulierten Ideologieerziehungsmaßnahmen, sondern Die Feuerzangenbowle
und ihre Verwandten. Es waren Filme und Bücher, die sich Menschen
ansahen oder lasen, wenn sie nicht nur der tristen Welt der Kriegsjahre
entfliehen wollten, sondern auch der Propagandadauerbeschallung.
Natürlich wurden auch diese Filme und Bücher von einer
gleichgeschalteten Staatsmedienmaschinerie abgesegnet und produziert,
aber (meistens) mit keinen oder nur wenigen politischen Untertönen. Es
sind zu diesem Thema zahlreiche Bücher erschienen, eines davon heißt "Im
Pausenraum des Dritten Reiches. Zur Populärkultur im
nationalsozialistischen Deutschland", und darin findet sich der äußerst
anregende Aufsatz "Schreibtisch im Freigehege. Der Schriftsteller Erich
Kästner im Dritten Reich" von Markus Wallenborn, der sich mit Erich
Kästners ambivalenter Rolle in dieser Unterhaltungsmaschine des Dritten
Reiches beschäftigt. Denn obwohl, wie Wallenborn schreibt und wie auch
aus Kästners Tagebuch deutlich wird, Kästner ein Regimegegner war und
das Regime auch ein Kästnergegner, ging doch das Berufsverbot nicht so
weit, wie man das vermuten könnte. Kästner war tatsächlich der einzige
Schriftsteller, der anwesend war, als seine Bücher verbrannt wurden.
Kästner hatte „die Faust nur in der Tasche geballt“, wie er es später in
seinem Tagebuch ausdrückte. Wallenborn zitiert auch ein Epigramm
Kästners, Eine Mutfrage: „Wer wagt es,/ sich den donnernden Zügen
entgegenzustellen? / Die kleinen Blumen / zwischen den
Eisenbahnschwellen!“ und bemerkt dazu, dass die Blumen sich den Zügen
zwar entgegenstellen, aber die Züge ja nicht am vorbeidonnern hindern,
es auch unmöglich könnten, dies also kein Widerstand im eigentlichen
Sinne sei.
Man sollte meinen, ein Schriftsteller, dessen Bücher verbrannt werden,
sieht ein, dass er in dem entsprechenden Land unerwünscht ist, und
emigriert z.B. in die Schweiz, oder in die USA, und schreibt dort weiter
seine vom Regime unerwünschten polemisch-satirischen Spitzen. Nicht so
Kästner. Wallenborn ist in seinem Aufsatz ein wenig schwammig, was
Kästners Gründe dafür angeht. Man darf annehmen, dass durchaus Kästners
offenbar unerschütterlicher Patriotismus eine Rolle gespielt hat (gegen
das herrschende Regime eingestellt zu sein heißt ja nicht, dass man
aufhören kann, sein Land zu lieben), sowie, das erwähnt Wallenborn nur
am Rande, „seine [Kästners] kranke Mutter“. Kästner entschließt sich
jedenfalls zu bleiben. Und zu schreiben: „Das fliegende Klassenzimmer
(1933), Drei Männer im Schnee (1934), Emil und die drei Zwillinge
(1935), Die verschwundene Miniatur (1936), Doktor Erich Kästners
Lyrische Hausapotheke (1936), Georg und die Zwischenfälle (später: Der
kleine Grenzverkehr) (1938). Daneben Theaterstücke wie Das
lebenslängliche Kind (1934), Die Frau nach Maß (1938) und Seine Majestät
Gustav Krause (1940), Filmskripte wie das Drehbuch zu Der kleine
Grenzverkehr (1943) oder die Mitarbeit an dem Rühmann-Film Ich vertraue
Dir meine Frau an (1943) – und eben auch das Drehbuch zum
Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen.“
Das ist eine ganz schöne Menge für einen Schriftsteller, der mit
Berufsverbot belegt ist. Und obwohl, wie Wallenborn betont, einige der
Werke auf „kreative“ Publikationsmöglichkeiten angewiesen waren, war
Kästner doch die ganze Zeit in Deutschland, und hätte problemlos mundtot
gemacht werden können. Dass das nicht passierte liegt daran, dass er
sich auf Unterhaltungsliteratur und -filme verlegte. Und solange er das
tat, musste er nur hin und wieder kleine, eher ungefährliche
Machtdemonstrationen des Dritten Reiches über sich ergehen lassen. Das
mag auch daran liegen, dass im Dritten Reich Unterhaltungsware zwar
massenhaft produziert wurde, man aber vor einem riesigen
Qualitätsproblem stand: Die Feuerzangenbowle ist vielleicht eine
Ausnahme, ansonsten aber ist die schier endlose Reihe dieser
Unterhaltungsfilme und –bücher vor allem eines: künstlerisch mies. Die
meisten guten Filmemacher und Schriftsteller waren ja emigriert, da muss
einer wie Kästner gerade recht gekommen sein: Kästners Kompetenz,
schreibt Wallenborn, übersah selbst ein Goebbels nicht.
Und so lässt sich auch Kästners Rolle in der Kulturproduktion des
Dritten Reiches erklären: Wallenborn schreibt, Kästner hätte darauf
bestanden, sich nie auf Propagandafilme und –literatur einzulassen,
hätte aber kein Problem darin gesehen, unpolitische Unterhaltung zu
machen. Es war auch die Zeit, in der Kästner sich hauptsächlich auf die
ungefährlicheren Kinderbücher verlegte, und ein spannender Nebeneffekt
ist, dass, hätte Kästner nicht sein eingeschränktes Berufsverbot
bekommen, er vermutlich nie Bücher wie Das fliegende Klassenzimmer oder
Emil und die drei Zwillinge geschrieben hätte. Und so gesehen sind diese
Kinderbücher das vielleicht verzweifelteste politische Statement, dass
uns der Schriftsteller Erich Kästner hinterlassen hat: Es ist genau die
Tatsache, dass ein schon immer politischer Schriftsteller wie Kästner
sich darauf verlegen musste, bloß nichts Politisches zu schreiben, es
ist genau diese Leerstelle - die Stelle, an die sonst ganz andere Bücher
getreten wären - die viel darüber aussagen kann, wie nicht nur Kästner
sich vor dem Dritten Reich duckte, obwohl er es nicht wollte: Die Blumen
stellen sich den Zügen zwar entgegen, aber größer dürfen sie nicht
werden. Sonst reißt der Zug ihnen den Kopf ab.
Der
besprochene Beitrag von Markus Wallenborn findet sich im Sammelband "Im
Pausenraum des Dritten Reiches. Zur Populärkultur im
nationalsozialistischen Deutschland" (Peter Lang Verlag)
Was wir
unseren Kinder vorwohnen
„Einmauern, um
Freiheit zu bewahren“
Ulf Jonaks hervorragender Essayband
(librikon)
Worin leben wir mit unseren Kindern? In was für Häusern führen wir ihnen
vor, wie eine offene Gesellschaft die Welt sieht? Die Frage stellt sich
natürlich oft, wenn man die Neubausiedlungsghettos sieht, in denen
Kinder in nutzlosen Gärten, vor Fertighäusern ohne Individualität
stehen. Dort zieht sich zurück, wer ohne Wurzeln und ohne Naturbezug
sich seinen Platz nicht zu formen weiß. Und man riecht förmlich den
schalen Geruch der Zukunft, der hinter den Wällen, neben Kreisverkehr
und Discounter, modert und wertlose Immobilien, isolierte Bewohner und
kulturentfremdete Heranwachsende enthält. Die Verbarrikadierung der
Kleinbürger, sie ist eine Inszenierung von Menschen, die mit sich und
anderen nichts mehr anfangen können und sich deshalb ihr eigenes
Gefängnis errichten.
Hier setzt Ulf Jonak an. Seine
aufregenden, zum Denken animierenden Essays, versammelt in „Arche_tektur.
Getarnte Häuser oder Vom auffälligen Leben im Geheimen“ schildern zwar
nicht die Zustände des Kinderlebens, aber er analysiert für uns, wie von
ganz oben, von den Superreichen und den Architekturerschaffern, es
herunter tröpfelt, bis es ganz unten eine Pfütze ergibt: In „Im Auge des
Panopticons“ geht der Architekturtheoretiker Jonak dem Kontrollwahn auf
den Grund, die totale, gewünschte Kontrolle, hinter der sich die
Beobachteten selber verbarrikadieren. Die Träume der offenen, von großen
Fenstern geprägten Architektur sind ausgeträumt, seit das Bauhaus am
dräuenden Nationalsozialismus, am Überwachungsstaat kaputtging. Es gilt
bis heute: „Misstrauisch wird eine nichtkonforme Lebensweise beobachtet:
„Die meisten sehnen sich nach ihrer eigenen Hölle“. Demjenigen der nicht
mitmacht, stehen Probleme ins Haus.“ Nach draußen, in die freie Welt,
wie für die Vorfahren normal, das ist vorbei; wir simulieren uns vor
Flimmerkisten, was es zu erleben gäbe.
Jonaks Essays sind locker
miteinander verknüpft und geben ein Gesamtbild ab: Ausscheren undenkbar,
Belauern, Konformität rund um den Grill, abgestecktes Plaudern, über
allem die gemeinsame Angst vor der unsicheren Zukunft, bloß keine
Eindringlinge! Das Paradox ist virulent: Es mauert sich ein, wer seine
Freiheit bewahren will, wie Jonak im Essay „Luft, Licht und Sonne“
feststellt. Ein Titel, der melancholisch stimmt. War man doch auf der
Flucht aus der Enge früher im freieren Stadtleben gut aufgehoben,
attestiert Jonak für heute: „Stadtleben gleicht heute für viele eher
einer Freiheitsberaubung.“
Je mehr Furcht vor anderen, mit ihnen
lebenden Menschen haben, desto mehr Konjunktur haben Architekten wie Rob Krier, der wehrhaft umrandete Retortenstädte erdenkt. Nicht nur die
„kollidierenden Parallelgesellschaften, möchte man Jonak bei diesem
einen Gedanken ins Wort fallen, sind es, die die anderen nicht ertragen
möchten; jede Familie erlebt in den Städten Ablehnung und Einsperrung,
muss Kinder in Zimmern festhalten und sieht sich mit den monströsen, zum
Schutz der Mehrheitsbewohner und als Vorteil für die Kinder verdrehten
Idee konfrontiert, die sich „Ganztagsbetreuung“ nennt und doch nur
Ungestörtheit für die erwachsenen Stadtbewohner meint. Kinder haben noch
diese Offenheit, die für die nach Verkapselung (Essay „Babylon“)
gierende Welt eine Bedrohung ist.
Ulf Jonak, der als Professor an der
Universität Siegen lehrt, geht es natürlich nicht um Kinder; diese
Richtung haben wir selber uns beim Lesen gegeben, wie jeder, von welcher
Seite er auch kommt, sich an der Gedankenvielfalt, an dem
Weitumspannenden der Essays erfreuen kann. Eine Leseliste voller
Literatur des 20. Jahrhunderts, auf die Jonak verweist, kann man sich nebenher auch noch
erstellen. Ein Buch, das geistig in Bewegung setzt.
Ulf
Jonak:
Arche_tektur: Getarnte Häuser oder Vom auffälligen Leben im Geheimen
Passagen Verlag 2008
245 S., Euro 27,90
ISBN 978-3851658354
Erfolgreich, aber nicht korrupt
Tomi Ungerer, das Museum, der Werkkatalog
Von Ricarda Hochländer
Welcher Kindbuchautor bekommt schon ein
eigenes Museum? Keiner. Außer Tomi Ungerer. Welcher Kinderbuchautor kann
neben der Abteilung mit Kinderbuchillustrationen auch eine mit Erotica
bestücken? Keiner. Außer Tomi Ungerer. Der, das sei vorweg genannt,
damit keine Zweifel aufkommen, keinen erotischen Kinderkram
zusammenphantasiert hat. Dazu an dieser Stelle nur so viel: Er ist
offensichtlich nicht homosexuell. (Einer der Männer also, die noch ein
Glück für seine Frau sein dürften.) Tomi Ungerer, das müsste nach dieser
Einleitung schon klar geworden sein, wäre heute unmöglich. Das ist
deswegen eine bittere Erkenntnis, weil er wegen seiner geistigen und
künstlerischen Freiheit im heutigen Europa unmöglich wäre. Während sich
zentnerschwere Buchseiten mit Fantasywelten eine Pseudo-Freiheit
erarbeiten, haben Ungerers Figuren nie etwas anderes gekonnt als alle
anderen auch – nur das in Unabhängigkeit.
Der Katalog zum Museum Tomi Ungerer in
Straßburg lässt seine Helden Revue passieren, von den drei Räubern bis
zu Monsieur Racine. Straßburgs Luft einzuatmen, macht Ungerer
erklärbarer; die Eigenarten des Elsaß –natürlich bis hin zu den
Häuserfronten im „großen Liederbuch“ (1975) bieten Möglichkeiten, die
eine Monokultur effektiver zu unterdrücken versteht. Die Beiträge im
Katalog von Thérèse Willer berichten vom Aufwachsen und von Einflüssen
im Elsaß, die Tomi Ungerer geprägt haben. Die Autorin bleibt ruhig und
nüchtern, die muss die Bedeutung Ungerers und das Museum nicht
hochschreiben, braucht keine Selbstbeweihräucherung, mit der heute so
viele Museen um ihre Existenz fechten. Das Tomi-Ungerer-Museum, das
scheint in Straßburg oder in Paris niemand aus der Bürokratie
anzuzweifeln. Gut so! Thérèse Willer schwatzt keine Zusammenhänge
herbei, die es im Werk Ungerers nicht gibt, er bleibt Mensch mit
künstlerischem Schaffen. Es schimmert durch, dass er irgendwann das „Fuck-off-Money“
hatte, um zu machen, was er wollte, dass ihn nicht – und das ist der
Unterschied zu vielen bekanten Namen von heute- Geldgier und
Anerkennungswahn trieben. Tomi Ungerer erlaubt sich, erfolgreich ohne
korrupt zu sein. Auch darin setzt er Maßstäbe.
Museum
Tomi Ungerer:
Werkkatalog zur Ausstellung Musée de
Strasbourg
Diogenes 2007
247 S., 39 Euro
ISBN 978-3257020946
Mehr Zeit für das
einzelne Buch
Von Martin Kolozs, Verleger Kyrene-Verlag,
Innsbruck
Seit der Gründung
des Kyrene.Literaturverlags sind fünf Jahre vergangen, in denen ich
nicht nur Bücher, sondern auch viele Erfahrungen gemacht habe.
Meine erste
Einsicht lautet: die Arbeit des Verlegers muss in Abstimmung mit der
Autorin/dem Autor geschehen, weil das Buch – als Ergebnis dieser
Zusammenarbeit – von beiden in der Öffentlichkeit vertreten werden muss.
Dieser wichtige
Grundsatz galt vom ersten Tag meiner Verlegertätigkeit an, und auch wenn
es nicht immer möglich war, sich daran zu halten, und Enttäuschungen
erlebt wurden – wofür ich mich entschuldige -, bin ich dennoch der
Überzeugung, dass ohne ihn kein Erfolg egal welcher Art beschieden ist.
Meine zweite
Einsicht lautet: die Gestaltung des Programms darf sich nicht an den
Trends des Buchhandels orientieren, weil diese zumeist nur von sehr
kurzer Dauer sind. Die Auswahl muss nach der literarischen Qualität
getroffen werden, nicht aufgrund rein marktwirtschaftlicher
Überlegungen, die uns die schier unüberschaubare Bücherflut beschert
haben.
Besser hat es 1983
Siegfried Unseld gesagt: „Nicht alles Neue ist gut, aber alles Gute ist
immer neu.“ Womit er das so genannte „Weiße Programm“ des
Suhrkamp-Verlags ankündigte, das „aus dem Kreis der Novitäten-Regel
ausbrechen“ sollte, um ein deutliches Zeichen zu setzten gegen den
Druck, jedes Jahr Neuerscheinungen zu bringen.
Auf der Frankfurter
Buchmesse wurden alleine im vergangenen Jahr siebentausend neue Romane
vorgestellt. Das wären für einen interessierten Leser rund zwanzig
Bücher pro Tag – wer kann und soll das alles lesen?
Daher lautet meine
dritte Einsicht: der Kyrene.Literaturverlag wird verstärkt mit der
Qualität seiner schon erschienen Bücher werben und Buchhandel wie Leser
davon überzeugen, nicht ausschließlich nach dem „aktuellen Angebot“ zu
fragen. Weiters wird die Anzahl der Neuerscheinungen reduziert, um mehr
Zeit für das einzelne Buch und dessen Autorin/Autor zu haben, was
wiederum die Gesamtzufriedenheit sichert.
Der neue
Internationale Jugendbuchpreis: Institutionalisierte Wahlfälschung?
Ein Kommentar von Lennart Ragmann
Ab kommendem Jahr wird der Internationale
Jugendbuchpreis auf der Buchmesse in Leipzig vergeben. Schüler sollen,
sekundiert von Lehrern und Bibliothekaren, ihre Lieblingsbücher nennen,
aus denen dann eine „Shortlist“ erstellt wird, die dann unter großem
Rummel präsentiert wird. Daran gäbe es einiges zu kritisieren. Zum
Beispiel, dass Minderjährige nur in die Hände bekommen sollten, was
Erwachsene für sie auswählen, und dass auch die Bücher, die sie
empfehlen, nicht einfach ungeprüft weiterempfohlen werden können. Und
daran wird sich ja auch gehalten: Ich nehme mir ein Wahlvolk, dass
ersichtlich nicht wählen kann und entscheide dann selbst, dass ich
gewählt werde. Die in Standesorganisationen verbundenen
Kinderbuchverlage handeln insofern rational, wenn sie nun - wie
vom Verein Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen geplant- überlegen,
wie sie diese Shortlist beeinflussen können. Ein erstes Treffen mit
Oliver Zille, dem Leiter der Leipziger Buchmesse, ist anberaumt. Die
Fragen, die in diesem Gespräch erörtert werden –wie nämlich nur
bestimmte Verlage, nur bestimmte Bücher aufgenommen werden – sind
Vorbereitungen dazu, wie so gefiltert werden kann, dass es zu den
gewünschten Ergebnissen kommt. Diese Shortlist öffnet der
institutionalisierten Wahlfälschung Vorschub. Gerade Leipzig sollte sich
sperren gegen jede Einflussnahme, sollte öffentlich machen, wenn Kultur
zur Geisel gemacht wird, sollte lieber auf ein neues Event wie diese
Shortlist verzichten. Das wird natürlich nicht geschehen.
Wenn aber nur 1 Cent an öffentlichem Geld in eine Veranstaltung fließt,
die jeder demokratischen Regel widerspricht, gehört es sich aus
politischer Hygiene, diesen neuen Jugendbuchpreis gar nicht zu
verleihen.
Hält Diskriminieren zusammen?
Migrationshintergrund: "Wir sind die
einen, das sind die anderen"
Von Martina Müller
Es scheint eine der Hauptaufgaben der
Politik geworden zu sein, die Bürger unter Begriffe, unter
diskriminierende Stempel zu bündeln. Je griffiger, desto schöner für die
Presse. „Migrationshintergrund“ gehört dazu. Es entspringt dem Denken:
Wir sind die einen, das sind die anderen. Das ist eine Wortwahl, die nur
darauf zielt, Menschen zu sortieren und zu stigmatisieren. Schlau an
ihnen ist lediglich, dass viele glauben, ohne diese Worte – die es
Jahrzehnte nicht gab und nicht brauchte – könne man plötzlich nicht mehr
diskutieren. „Prekariat“ ist auch so ein Fall. Und am furchtbarsten wird
diese Diktion, wenn zwei Begriffe für eine Gruppe zusammenfallen.
Dann
sind wir beim „jugendlichen Straftäter“, der angeblich alles ist, nur
nicht „so wie wir.“ Aber was das „Wir“ eigentlich umfasst, da schlingern
die politischen Redner ja selber. Denn während die stromlinienförmige
Allgemeinheit tatsächlich immer kleiner wird, schafft der politische Mainstream ständig neue Außenseiter. Um das glaubhaft zu vermitteln,
muss auf ihre Erkennungsmerkmale hingewiesen werden. Mütter, die mit
vier Kindern unterwegs sind, kennen wahre Spießrutenkäufe. Junge Frauen
mit Kopftuch werden verachtend angestarrt. Lärmende Jugendliche müssen
mit Reaktionen umgehen, die sie unverhältnismäßig in Richtung
Gesetzesbruch rücken. Familien werden mit geistiger Armut gleichgesetzt
und mit (natürlich abwertend gemeint) "Hartz IV". Dunkelhaarige
- und da ist er dann wieder, der "Migrationshintergrund"- sind mit
dem Vorurteil konfrontiert, sie würden morgens vor Spielkonsolen
hängen und abends Straftaten begehen.
Das Klima der
Intoleranz, des Denunzierens, der Ausgrenzung verstärkt sich und wird
immer mehr Gruppen erfassen, wenn wir das Paradox nicht endlich
zulassen, dass durch mehr und unterschiedlichere Lebensweisen wieder ein
„Wir“ wächst. Einschränkung, Anpassung, Gleichmacherei
dürfen keine Ziele mehr sein – sind es für jüngere Leute ja schon
deswegen nicht, weil die Gesellschaft in ihrer Feindlichkeit gar kein
Ziel sein kann. Wir müssen Familien, Kindern, Jugendlichen die Freiheit
zurückgeben, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Oase
im allgemeinen Getriebenwerden
Meine Freundinnen und ich, Singles und
Familien
Von Franz Xaver Ganghofer
Tag für Tag bin ich auf Freunde
angewiesen. Meine Familie ist ein derart einnehmender Teil meines
Lebens, dass ich viel zu wenig zu anderem komme. Wären da nicht meine
Freunde und Freundinnen, die immer wieder Besucher bei mir sind, die
immer wieder Ideen für kleine Unternehmungen haben und mich rausholen.
Ich habe seit jeher mich eher mit Frauen angefreundet als mit Männern,
und so unternehme ich auch heute am liebsten etwas mit meinen guten
Freundinnen. Das funktioniert auch: Sie sind alle kinderlos geblieben
und haben Zeit und Gedanken für mich. Meine Frau ist das Gegenbeispiel:
Ihre besten Freunde – auch alles Männer- haben Kinder wie sie; die sehen
sich so gut wie nie, und der Aufwand, sich loszueisen, um ein paar Bier
trinken zu gehen, ist einfach zu hoch. Am schönsten allerdings ist es
auch für mich, wenn meine Freundinnen einfach bei uns vorbeischauen. Sie
spielen ein bisschen mit den Kindern, und die genießen es, einen
Erwachsenen mit einem ganz anderem Leben vor sich zu haben. Mit denen
kann man ja auch ganz anders reden! Und ich genieße es, aus meiner
Kücheneinsamkeit herausgeholt zu werden und trotzdem um sie beneidet zu
werden: Für mein Leben, das auf Zeithaben für die Kinder, auf
Wohlbefinden, auf Ruhe und nicht auf wirtschaftliches Vorankommen, nicht
auf das allgemeine Getriebenwerden ausgerichtet ist, beneidet zu werden.
Das ist die Oase, die ich sein möchte. Wir leben zusammen, Singles und
ich, und verstehen nicht, was sich da draußen in diesem Land für
unterschiedliche Lebensvorstellungen so angefeindet wird.
Statt Fairness: Öffentliche Rüge
Wie die deutsche Staatskulturmaschine
versucht hat, den Karl-May-Nachlass im Preis zu drücken
Von Randy Kling
Ein Verkäufer setzt seinen Preis fest, ein
Käufer überlegt, ob er ihn zu zahlen gewillt ist. Dann sieht man, ob man
überein kommt. Wenn nicht, muss der Verkäufer sich um andere Käufer
bemühen.
So ist es ganz normal. Scheint aber der
Käufer sich einzubilden, im Namen des deutschen Staates zu handeln, darf
er beginnen, den Verkäufer zu diffamieren. Er beschimpft seine
Preisvorstellungen als utopisch. Nun gut. Dann holt er die Keule heraus
und versucht, für das angebotene Gut den Status des Staatskulturgutes zu
reklamieren. Klingt gut: Da stimmen alle mit ein. Das neue, weder
kultur- noch ökonomienahe Politproletariat, das sich solcher Themen gern annimmt, erhebt den
neopatriotischen Besitzanspruch auf Privatbesitz.
Das wäre dann Enteignung. Die zweite
Enteignung, in diesem besonderen Fall deutsch-deutscher Rettung des
eigenen Hab und Gut. Denn der Verkäufer hat sein Erbe, den
Karl-May-Verlag mitsamt handschriftlichem Nachlass von Karl May,
angetreten, nachdem sein Vater aus der DDR nur Bewegliches mitnehmen
konnte und alles andere in dem Menschen und ihr Werk verachtenden
Unrechtsstaat zurücklassen musste. Vater und Sohn haben mit eigenem
unternehmerischem Risiko den Unterhaltungsromancier Karl May verlegt und
zu Recht daran verdient. Sie haben immer so klug gehandelt, dass Karl
May nicht in Vergessenheit geriet und schließlich, heutzutage, noch
immer und wieder als Kollektivkultur herhalten kann. Was hätten die
DDR-Funktionäre wohl aus diesem Besitz gemacht? Karl May erfuhr keine
Wertschätzung, aber der Umgang mit ihm war der einer totalitären
Staatskultur. Keine Auseinandersetzung, keine kritische Textkunde. Die
vertriebene Verlegersfamilie hingegen ermöglichte einen anderen Umgang
mit Karl May, von dem die Literaturwissenschaft eines freien Landes
profitiert hatte. Die Früchte dieser Leistung sollen nun nicht geerntet
werden dürfen? Diffamiert wurde ein Herr, der, nie im Konflikt mit dem
Gesetz, ein Stück DDR-/Bundesrepublik-Geschichte geschultert hat. Nun,
im fortgeschrittenen Alter, möchte er seine (seine) Dinge ordnen.
Plötzlich kommt bei seinen Verhandlungspartnern der alte Reflex aus
totalitärer Zeit hervor: Wer nicht dem Staat willenlos gibt, der wird
öffentlich gerügt, fast als ein Staatsfeind bezeichnet. Noch so viele
Gutachter können ins Feld geführt werden: Warum sollte jemand sich mit
einer Krume abspeisen lassen, wenn er einfach von anderen mehr bekommt?
Dann geht der Karl-May-Besitz eben nicht in Staatshände. Erstens: Es ist
Karl May… Zweitens: Wer weiß, was der Staat in Zukunft damit machen
würde. Bisher war Privatbesitz jedenfalls immer die bessere Lösung.
Probleme schaffen, um sie zu bekämpfen
Drum suche, wer sich an eine
Schirmherrin bindet
Von Lennart Ragmann
Der Verein Wellcome tut Gutes. Seine
ehrenamtlichen Mitglieder besuchen junge Mütter und nehmen ihnen für ein
paar Stunden Arbeit ab. Wer den Alltag mit einem Neugeborenen kennt,
weiß, wie sehr das helfen kann. Dazu lässt man die Vereinshelfer für ein
paar Stunden auch in sein Leben hinein. Auf Vertrauen. Es darf nur um
diese Stunden und nur um das Wohl der Mutter gehen. Alle anderen
Faktoren müssen draußen vor der Tür bleiben. Nun hat leider Frau Merkel
die Schirmherrschaft über den Verein übernommen. Sie ist sonst
Vorsitzende einer skrupellosen Ausspähregierung, unter der das Leben von
Familien Tag für Tag schwieriger wird. Die Denunzianten freuen sich
daran, dass Kinder leichter aus Familien herausgeholt werden können.
Prompt spricht Frau Merkel ausgerechnet bei der Feier des Vereins,
dessen Arbeit sei ein „gutes Beispiel von der Kultur des Hinsehens“. Es
gibt keine Kultur des Hinsehens. Anschwärzen ist damit gemeint. Gerade
auch in diesem sensiblen Bereich, in dem Fremde in die Wohnungen junger
Familien gehen, hat dieser Unbegriff nichts zu suchen. Er gefährdet die
Idee. Denn wer hilft, darf nicht schnüffeln. Eine Schirmherrin, die
Kindergeld kürzt, das Unterhaltsrecht zuungunsten der Kinder ändert, die
Steuerlast für Familien durch die Mehrwertsteuer erhöht, Elternrechte
zusammendampft, zerstört die Grundlagen des Familienlebens. Der schafft
die Probleme, die dann ehrenamtlich bekämpft werden. Und sich dann als
Retter gerieren? Nein danke zu einer solchen Schirmherrin!
Todesarten im Kinderbuch
Verschont die Kinder mit Eurer Angst!
Eine Stellungnahme von Lennart Ragmann
Todesarten im Kinderbuch, das hat
Konjunktur. Schließlich nähern sich immer mehr Erwachsene einem Alter,
in dem man sich mit diesem Thema auseinandersetzen muss. Indes: Sie tun
es einfach nicht. Sie sind die jungen Alten, glauben nur an die
Gesundheit und deren Apostel, gehen auf Reisen und verprassen das Geld,
dass sie für ihre Pflege bitter brauchen und liegen dann den Jungen auf
der Tasche. Aber das genügt natürlich nicht; sie wollen ihnen schon viel
eher auf der Seele liegen. Damit sie sie bloß nicht allein lassen, damit
sie Vergänglichkeit sehen und fürchten, die Erwachsenen könnten sterben.
Da ist es praktisch, sich die Schwächsten, Wehrlosesten, die Kinder im
Bilderbuchalter herauszugreifen und sie mit den eigenen Schwerenötereien
zu belästigen. Antworten haben diese Erwachsenen nämlich nie auf die
Fragen nach Tod und Weiterleben. Da müssten sich die Kinder schon an die
wenden, die keine Kinderbücher über das Sterben schreiben, die
hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Das Argument, Kinder gingen noch
unverkrampft mit dem Thema um, ist erstens Unsinn und wird zweitens
durch Bücher dazu schnellstens geändert. Aber in Relation zum
zahlenmäßigen Anstieg der Alten muss die morbide Stimmung einer
Sackgassen-Singlegesellschaft dringend auch auf Kinder übertragen
werden. Kinder sollten sich am Leben freuen, Sterben ist etwas für Alte.
Eine Gesellschaft ohne Jugend hat natürlich auch keine Themen, die dem
Alter dem Alter vorbehalten sind. Das wichtigste für Kinder nämlich, das
Vertrauen ins Leben, wird durch diese Bücher nicht vermittelt. Ihr Alten
und Altgebliebenen, verschont die Kinder mit Eurer Angst!
Mein Lieblingsfeind Karl May. Eine
Rezension in zehn Folgen
Teil 2:
Tunte Karl May. Blutsbrüderschaft in
Zeiten von Aids
Von Randy Kling
Mir war dieses Gedödel um die
Blutsbrüderschaft immer suspekt. Schon als Junge erschien es mir
Ausdruck einer pervertierten Körperlichkeit zu sein, sich selbst zu
verletzen, um vor anderen irgendetwas zu beweisen. Das hatte so etwas
Soldatisches. In einem guten Buch macht das der Held höchstens vor sich
selber und für sich selber. Und er macht es vor allem ohne diese
Karl-May-Symbolik! Auf die können gerade die indianischen Kulturen, die
für Symbolisches Tanz und Gesänge haben, verzichten, dachte ich mir
schon als Junge. Als ich dann größer wurde und Sexualität in meine
Karl-May-Rezeption einbeziehen konnte, merkte ich, dass die Liebe von
Winnetou und Old Shatterhand, besiegelt durch eben jene
Blutsbrüderschaft in „Winnetou I“, genau die sexuellen
Unterdrückungsmerkmale trägt, wie man sie als junger Mann fies findet.
Im Zeitalter von Aids kann man natürlich Blutaustausch sowieso nicht
empfehlen – aber für Schwärzung dieser Textstellen bin ich dennoch
nicht; ich will ja auch nicht wegen des Rauchverbots die Friedenspfeife
verbieten.
Die
konnten meine Abneigung gegen die Blutsbrüderei und mein Intellekt nun
endlich rauchen: Der hervorragende Beitrag „Der Germanen liebster
Blutsbrüder“ von Peter Bolz in dem Sammelband „Karl May – imaginäre
Reisen“ ist für mich als Mann nun mittleren Alters die wissenschaftliche
Bestätigung des flauen Gefühls, den dieses hanebüchene Ritual bei mir
erzeugt hatte. Bolz schreibt: „Fazit: Eine „Blutsbrüderschaft“, wie sie
in Karl Mays Winnetou geschildert wird, gab es weder bei den Apache noch
bei irgendeiner anderen Indianergruppe Nordamerikas, und es gab zu ihr
auch niemals eine konkrete historische Parallele.“
1 : 0 für mich, Karl May!
Lesen Sie demnächst: Mein Lieblingsfeind
Karl May. Eine Rezension in zehn Folgen. Teil 3: „„Frauen, Männer,
Squaws, Uschi Glas und Brez’n. Karl May in deutschen Schlafzimmern“
Das Buch:
Johannes Zeilinger, Sabine Benek (Hg.):
"Karl May. Imaginäre Reisen"
Vice Versa Verlag 2007, 360 S., 36.-
ISBN-13: 978-3939825449
Siehe auch unten:
Der Rezension erster Teil: "Geltungssucht,
Massenwahn, Totalitarismus"
Mein Lieblingsfeind Karl May. Eine
Rezension in zehn Folgen
Teil 1: Geltungssucht, Massenwahn,
Totalitarismus
Von Randy Kling
Erfolg zieht magisch an. Da wird nicht
viel Federlesens gemacht. Wer es geschafft hat, der ist anziehend. Ein
bisschen Glanz müsste ja auch auf das kleine Anhängerchen fallen. Da
wird dann nicht genau hingeschaut, an wen man sich klammert.
Intellektuelle – genauso oft geltungssüchtig wie andere Menschen auch,
genauso oft geldbedürftig wie andere Menschen auch – hängen sich gern an
einen Toten dran, das ist feiner und schützt vor Vorwürfen, man renne
wie das gemeine Volk Boulevard und Trash hinterher.
Das war die allgemeine Einführung über
die, die sich mit Karl May beschäftigen. Karl May, das ist mein
erklärter Liebingsfeind. Eben darum habe ich den Auftrag, das
Katalogbuch „Karl May. Imaginäre Reisen“ –eine wahre Fundgrube- zu
rezensieren, mit Begeisterung angenommen. In dem Buch kommt fast alles
zur Sprache, was mich an Karl May abstößt. Wie oben zu lesen auch die
Karl-May-Apologeten.
Für
eine langweilige Sachbesprechung ist das nichts, ich nehme mir in zehn
Folgen die Beiträge vor. Den einzigen, den ich mit wirklicher Zustimmung
gelesen habe, empfehle ich als Start in das ganze Thema: „Heldisches
Geschehen, nacherzählt. Rezeption und Medienwechsel 1933 bis heute“.
Thomas Kramer von der Humboldt-Universität kann bei seinem Thema ja
nicht anders als deutlich sagen, in was für schmutzigen Händen die
Bücher Karl Mays Gefallen fanden: „…und dann –deutsche Jungens, hört
her! – dann kommt eine ganze Reihe Bände von – Karl May!“. In Hitlers
Schlafzimmer fanden sie Platz. „Cowboy Mentor of the Führer“, sagte
Klaus Mann über Karl May.
Schön widerlich, wie die unheimlich
kritischen 68er Heidegger als Nazi brandmarkten, derweil sie Karl May
ganz in Ruhe weiterlasen. Na ja, der ist ja auch leichter zu verstehen,
und so nahm in den 1980er Jahren die DDR Karl May als großen Deutschen
in Anspruch. Nicht jeder Trivialautor hat soviel Anziehungskraft auf
totalitäre Regimes, und da hätten wir gern von Thomas Kramer (auf dessen
Beitrag ich noch einige Male zurückgreifen werde) mehr Grundsätzliches
gehört.
Das hätte vielleicht bedeutet, die DDR als
Reich der Unterdrückung des freien Wortes zu brandmarken, und das ist ja
seit einiger Zeit in Deutschland streng verboten. Es war ja nicht alles
schlecht, muss auch jeder Westdeutsche mittlerweile pflichtschuldigst
sagen. Dabei: Es gibt nichts Gutes im Schlechten. Schon deswegen
hinterlässt Karl May nichts anderes als einen schlechten Geschmack.
Lesen Sie demnächst: Mein Lieblingsfeind
Karl May. Eine Rezension in zehn Folgen. Teil 2: „Tunte Karl May.
Blutsbrüderschaft in Zeiten von Aids“
Das Buch:
Johannes Zeilinger, Sabine Benek (Hg.):
"Karl May. Imaginäre Reisen"
Vice Versa Verlag 2007, 360 S., 36.-
ISBN-13: 978-3939825449
Weg mit dem Rauchverbot für Lucky Luke!
Kinderschutz, der keiner ist, ist
Kindergefährdung
Von Ole de Vries
Ein echter Cowboy ohne Zigarette? Aber ja!
Lucky Luke musste mit dem Rauchen aufhören. Dagegen ist ja im Grunde
nichts einzuwenden. Im Grunde – doch bei jedem Weiterdenken gelangt man
dazu, das Rauchverbot zu verbieten.
Entstanden ist der Wechsel von Kippe zu
Grashalm im Mundwinkel aus dem Willen, die Kinder schützen zu wollen vor
einem schädlichen Vorbild. Was für ein Fehlschluss! Schutz funktioniert
nicht, indem Kinder keiner rauchenden Comicfigur anschauen dürfen,
sondern, indem Kindern zu Stabilität verholfen wird. Hier sollen Kinder
in Wahrheit vor dem Erwachsenenwerden, vor selbständigen Entscheidungen
geschützt werden: Ein Sechsjähriger greift nicht zur Zigarette! Die
Angst ist ja wohl eher, dass er es mit 16 tut.
Aber ist ein rauchender Comiccowboy die
Ursache für spätere Raucherkarrieren? Natürlich nicht. Das weiß jeder.
Der Hase liegt ganz woanders im Pfeffer.
Lucky Luke wird ohne Rauchen zu einer
unglaubhaften Figur, sein Reiz gerade für Jungs (die durch ihn zum Lesen
kommen könnten) liegt auch in seinem Wahrzeichen, der Zigarette im Mund.
Doch die Selbstverpflichtung, eine Art „good governance“ des Verlages,
verlangt nach einer Zigarettenethik, die es so, abgesplittert von Ethik,
nur noch im schiefen Begriff „Wirtschaftsethik“ gibt. Und aus der Ecke
kommt das Rauchverbot für Lucky Luke auch: Aus der Gedankenkürze eines
Managements, das in Konzernstrukturen, nicht aber in kulturellen
Zusammenhängen denkt. Unter Managern grassiert schon lange der
Gesundheitswahn als Sinnersatz (und oft als: Kindersatz). Unter die
verschlägt es nur, wer sich in Fitness-Clubs abstrampelt, während
selbständig denkende Menschen darüber nur den Kopf schütteln und einen
weiten Bogen um die Management-Etagen machen.
Die Fitness-Herren müssen Feinde der
Lucky-Luke-Kultur sein! Freiheit war ihnen immer fremd. Was sie verpasst
haben, soll nun auch kein anderer haben dürfen – schon gar nicht die
Kinder anderer Männer. Im Gefolge hängt sich dann an Politikern und
Pädagogen dran, was eilfertig keinen Trend von Erfolgreichen verpassen
will. Wir müssen davon ausgehen, dass Menschen mit Mut, mit echtem
Verantwortungsbewusstsein Lucky Luke weiterrauchen lassen würden. Lucky
Luke beim Rauchen zu sehen, ist nicht schädlich; schädlich ist es zu
suggerieren, ohne Zigaretten in Comic und Kinderliteratur würde ein Kind
nicht auf die Idee kommen zu rauchen. Kinderschutz, der keiner ist, ist
Kindergefährdung. In diesem Sinne empfehlen wir heiß die Bände 43 und 44
von Lucky Luke, die - neu aufgelegt - den Helden nur auf dem Cover mit
Grashalm zeigen und innen noch immer das gute, überzeichnete
Cowboyleben, wie es eben war. Mit Zigarette!
Der Sündenfall des Bilderbuchmuseums
Sponsorenglück gegen Kindeswohl
Eine Aufforderung von Lennart Ragmann
Vor –mindestens- zwei Gruppen sollte
Sponsoring Halt machen: Zum einen vor Kindern, weil sie Werbebotschaften
ohne Schutz und Gegenwehr ausgeliefert sind. Zum anderen vor den
Illustratoren, die am Markt ohne Chance sind, weil sie sich mehr um
Kunst als um Ökonomie kümmern.
Das Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf,
in dem die Ausstellung „Piraten entern Burg Wissem“ stattfindet, hat
Kinder als Besucher und Künstler als Auszustellende (es müssten gerade
auch verborgene, nicht marktgängige dabei sein; müssten!). Beiden wird
jetzt gezeigt, wo der Hammer hängt: Bei den acht Sponsoren. Allesamt
privatwirtschaftliche Firmen, die mit Produkten für Kinder ihr Geld
verdienen. Allesamt Firmen, für deren Produkte nur Verkaufskriterien,
niemals künstlerische Aspekte eine Rolle spielen.
Wer für eine Ausstellung in einem
Bilderbuchmuseum Spielzeughersteller zahlen lässt, soll wissen, dass
viele Eltern Kinderbücher noch immer als Bücher und nicht als Spielzeug
wahrnehmen. Bilderbücher führen Kinder später zu Texten und nicht zu
Computerspielen. Das wissen Spielzeugfirmen und legen lieber eine andere
Saat.
Wer für eine Ausstellung in einem
Bilderbuchmuseum gar Kinderbuchverlage zahlen lässt, soll wissen, dass
viele Eltern von staatlichen Kulturinstitutionen Unabhängigkeit
verlangen. Unabhängigkeit ist ein (nicht in Bezug auf Geld) teures Gut,
das man nicht einfach wiedergewinnt, indem man Zusammenhänge leugnet.
Wir zweifeln an, dass ein von Steuergeldern finanziertes Museum –das
übrigens kein Spielzeugmuseum für Piratenschiffnachbauten ist- überhaupt
Sponsorengelder braucht. Ein Privatmuseum, ja, das kann sich alles
finanzieren lassen (und wird es am Ende nicht einmal tun?).
Kultur ist Steuermittel wert, aber nur,
wenn sie das durch Unabhängigkeit und auch magere Jahre beweist. Gut,
die üblichen Einwände der Staatskulturmaschinerie, wir hören sie. Die
Armen! Freiheit in der geistigen Entscheidung gilt ihnen nichts (viele
Kulturschaffende, die ihr Geld selbst erwirtschaften müssen, wären gern
so frei!), stattdessen sind die leeren Kassen schuld, dass dem Auftrag
eines solchen Museums der Dolchstoß aus den eigenen Reihen versetzt
wird. Ein gesponsertes Bilderbuchmuseum? Wofür? Für wen? Ein von
Produzenten aus der einschlägigen Branche gesponsertes Bilderbuchmuseum?
Hätte es nicht wenigstens Heidelberg Zement sein können?
Falsche Nähe! Ein Bilderbuchmuseum hat
sich alle auf Abstand zu halten, die Geld mit Bilderbüchern verdienen.
Immer und zu jeder Gelegenheit. Ist das anders, braucht ein solches
Museum kein Mensch mehr.
Ausgleichssport
Im unrepräsentativen Text: Das
Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“
(jw) Bisweilen sitzen selbst junge Reiter
nicht nur auf Pferden, sondern auch einmal vor Bildschirmen. Bei dem
Ausgleichssport zu verteidigen! Das Interesse an dem Vierbeiner
mit dem Schweif daran lässt deswegen noch lange nicht nach, und da
beginnt das Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“ in den Fokus
zu rücken. Pferdenarr bleibt Pferdenarr: Bei dieser CD-Rom besteht eine
gewisse Suchtgefahr, weil das Spiel echt Spaß macht. Die Animation ist
gut, der Ehrgeiz wird geweckt. Nicht alles konnte ich testen: Die
Funktion, mit Freunden zu reiten, zum Beispiel nicht, weil ich, sollte
ich Freunde haben, sie den Stall ja nicht verlassen.
Doch zurück zum Spiel: Sehr
verbesserungswürdig sind die Übersetzungen aus dem Englischen. Zum Teil
wird gar nicht übersetzt, was aber ja modern und im allgemeinen
Sprachgebrauch mittlerweile üblich ist. Zum Teil wird einfach der totale
Schrott übersetzt. Beispiele für Pferdekennerinnen: Statt
Rückwärtsrichten Zurückhalten, statt starkem Trab gestreckter Trab.
Die Kommentare (gesprochen und
geschrieben) von Lucinda Green kommen anfangs noch abwechslungsreich
daher, im weiteren Spielverlauf geht einem das Gerede auf den Geist,
weil es nichts nützt und nur nach dem Zufallsprinzip abgewechselt wird.
Ein paar Aspekte sind leider
realitätsfern, aber technisch wahrscheinlich sonst zu aufwendig. So kann
man zum Beispiel auch nach der hundertsten Verweigerung immer noch
weiter reiten. Mein Gott!
Ein bißchen Pädagogik ist auch dabei, weil
man sein Pferd regelmäßig pflegen und streicheln muß, sonst funktioniert
es einfach nicht. Und durch fleißiges Üben verbessert man
sein Pferd und natürlich die eigene Fingerfertigkeit (bei der Dressur muß man auf den Pfeiltasten virtuos herumkloppen, beim Springen und im
Gelände auf A für links und D für rechts, gelegentlich W für vorwärts
und schneller und S für rückwärts und langsamer).
Im Librikon Korrespondentenbüro, das
die Experten für Pferdethemen beherbergt, wird das Spiel über den
beruflich notwendigen Elchtest hinaus und weit nach Dienstschluß
gespielt und gespielt und gespielt.
Die CD-Rom kostet 19 Euro und hat keine
Altersbeschränkung.
Lasst die Kinder in Ruhe!
Ein
freizeitpädagogisches Statement für das freie Spiel
Von Martin
Baud, Bern
Es ist
bekannt: Die starke Zunahme des Strassenverkehrs, der Missbrauch der
Strasse als Parkraum, die Verdichtung der städtischen Ballungsgebiete,
die Abnahme der Kinderzahlen und die Entdeckung der Kinder als
Konsumenten (s. Kasten) haben in den letzten 30 Jahren dazu geführt,
dass sich die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für viele Kinder
massiv verändert haben.
Freizeit ist ein Produkt der industriell-bürgerlichen
Epoche. Alle Versuche, sie nicht negativ zu definieren (als
Nicht-Arbeitszeit) scheitern an der Tatsache, dass Nicht-Arbeitende
durch Konsum für die Produktion tätig bleiben müssen.
Kinder (und auch Jugendliche) sind Nicht-Arbeitende und also zum
Konsum verdammt. Ein Augenschein in Kinderzimmer bestätigt es.
Gerade wohl die stärkste Veränderung für die Kinder betrifft die
Möglichkeit, sich in ihrem Wohnumfeld selbständig und unbeaufsichtigt zu
bewegen, zu spielen und andere Kinder zu treffen. Das "freie Spiel",
jenes Spiel, welches in sich und aus sich selber seine Regeln definiert,
ist kaum noch zu finden.
Die Folgen sind Bewegungsmangel, Mangel an Kontakt mit
Gleichaltrigen, exzessiver Fernseh- und Computerkonsum,
Unselbständigkeit und Phantasielosigkeit.
Unsere Gesellschaft hat es geschafft: Kindheit ist keine
Subkultur mehr. Wir organisieren die Kindheit.
Es geht also nicht darum, die Freizeit der Kinder (noch
mehr) zu "verplanen", sondern ihnen den Raum für ihr eigenes Spiel zur
Verfügung zu stellen.
Karl May und die infantilisierten
Erwachsenen
Aufgedeckt von Martina Müller
Karl May ist schon länger in aller Munde –
naja, in mancher Munde. Was jetzt seinen Höhe- (hoffentlich:
Schluss-)punkt in einer großen Karl-May-Ausstellung im Deutschen
Historischen Museum in Berlin findet, entspringt einer Gruppe von
Menschen, die durch intellektuelle Spitzfindigkeit den heutigen Lesern
Skrupel nehmen will. Man schmunzelt halt über Karl May wie dereinst über
deutsche Schlager, während man die Persiflage von Guildo Horn hört –
insgeheim hatte man sich ja nur nicht getraut, zu den
Originalschmonzetten zu greifen. Durch Ironie gebrochen – so wagen es
nun auch die belesenen Männer, mit ihrer Leidenschaft ans Licht zu
gehen. Aber es ist keineswegs eine Geschmacksverirrung der
Allgemeinheit, die nun noch mit viel Aufwand mit einer Ausstellung
gefüttert wird. Es ist eine ganz spezielle Gruppe, die sich mit ihrer
Karl-May-Euphorie in die Öffentlichkeit drängt, es sind Männer, weniger,
dann aber schon ältliche Frauen, beide gern kinderlos. Karl May feiern
sie natürlich nicht als Autor für Kinder. Nein: Das Ganze ist Ausdruck
einer an sich selbst vorgenommenen Infantilisierung der Erwachsenen,
derselben, deren Lebensplanung zeitgleich aus Kindern kleine Erwachsene
macht. Diese Pervertierung zu zeigen, dazu dient Karl May heute. Und nur
dafür lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Thema.
Ihr seid gestrig! Geht!
Plädoyer für den Generationswechsel
Von Lennart Ragmann
Es war eine finstere Stunde für die
Kinderliteratur, als Politik und Pädagogik sie entdeckt und vereinnahmt
haben. Aus Versehen, aber nicht ganz unschuldig haben die siebziger
Jahre der Umerziehung der Kinder –ja, der Kinder, nicht der Eltern- Tür
und Tor geöffnet. Die Bücher für junge Leser wurden Werke voll
politischen Impetus’, und nie mehr konnte sich auch die gute
Kinderliteratur davon freistrampeln. „Heiter ist die Kunst“, sagt
Schiller, und keine papiergewordene Prügelstrafe für Kinder, deren
Eltern ein Gewissen entdeckt haben.
Die einzige Flucht vor diesen Ansprüchen
war Fantasy, und dieses Genre hatte Hunderte begabter Nachwuchsautoren
durch die ihm immanente Trivialität aufgefressen. Bleiben zwei Dutzend
guter Schriftsteller, deren Werke jenseits der Norm liegen und denen die
Anerkennung verweigert wird. Sie müssen in Deckung bleiben, solange sich
die unfreien Aussageerzwinger gegen den Nachwuchs stemmen. Doch die
Verlage mit dem Alleinvertretungsanspruch der Agitprop-Autoren, die sich
schon durch ihre Themen unantastbar machen wollen, sind am Schwimmen wie
alle. Adieu!
Zweifelhaft: Kunstbuchreihe für Kinder
Eine Aufforderung von Lennart Ragmann
Es gibt ein paar Aufrechte, die sich
weigern, die deutschen Fußballstadien mit ihren für Privatunternehmen
werbenden Namen zu nennen. Es muss für diesen Kommentar erlaubt sein,
den Marketingstrategen einen Strich durch die Rechnung zu machen, wenn
sie den guten Namen ihrer Zeitungen (manchmal auch: Kasblätter) nehmen,
um Buchreihen an den Mann zu bringen. Damit fällt jetzt nämlich wieder
die „XY-Zeitung“ auf, die eine Kunstbuchreihe für Kinder herausbringt.
Warhol und Picasso und so. Wieder so ein Fall, bei dem niemand auf den
Aufruf von meinen Kollegen und mir gehört hat: Lasst endlich die Kinder
in Ruhe! Nun gut. Jeder, der Zeitungsreihenbücher kauft, muss wissen,
dass die sich von Reader’s Digest in Inhalt und Qualität nicht
unterscheiden, dass sie wirklich nur für ganz, ganz schlichte zwecke
geeignet sind. (z.B. Malerarbeiten)
Nun gut. Aber jetzt das: Die „XY-Zeitung“
kooperiert dabei mit dem Prestel Verlag. Verlage leben von Geist und
Glaubwürdigkeit, oder? O Prestel, wie groß ist die Not? Ein Name zieht
sich da selber in den Abgrund, mit einer zudem grottenhäßlichen
Buchreihe; man kann es kaum mit ansehen. „Von denen haben wir gute
Spiele, gute Bücher im Schrank?“, fragt mich die Heranwachsende, und ich
schäme mich für das Ja. Heranwachsende: Deretwegen ja schreibe ich diese
Aufforderung. Denn hier gerät mit einer solchen Reihe die nächste
Generation in Gefahr: Die nächste Generation von Künstlern. Es mag
Eltern stolz machen, wenn ihr Kind einen Warhol sieht und vernehmlich
„Warhol“ ruft, aber Künstler werden nur aus Menschen, die Kreativität
entwickeln, die frei Eindrücke sammeln durften. Kinder, die sich für
Formen und Farben begeistern, bekommen nun so eine Reihe vorgesetzt und
sollen Kunstwissen in sich hineinstopfen! Zumal jeder vernünftige
Erwachsene weiß, dass ein gewisses Kunstverständnis Reife voraussetzt –
versickert einmal wieder unbrauchbares Wissen im Nürnberger Trichter.
Einmal wieder ein Stück verlorene Kindheit, das mit Pinsel, Farben,
Matsch, Schaufel, Blättern, Schnecken, Regenwürmern erfüllt gehört. Die
Kindheit des Künstlers, geformt von einer zweifelhaften Kinderbuchreihe?
Da gibt es nur eine Rettung: Finger weg!
Niemand schweigt
Eine Hymne von Nicole Grundmann
Noch immer hallt es nach, das Diktum von
der „ausgefallenen Generation“ an Kinderbuchautoren. Der Jurychef
ausgerechnet des deutschen Jugendliteraturpreises hatte es gesprochen,
und seither habe ich gelesen, recherchiert und nachgefragt. Kommt nach
Mirjam Pressler, Klaus Kordon, Karla Schneider, Christine Nöstlinger
wirklich nichts mehr? Die Antwort ist: Und was da kommt! Dass überhaupt
jemand je denken konnte, ab Jahrgang 1960 sei das große Schweigen
ausgebrochen, liegt an der Zweiteilung der Kinderliteratur: Die eine
Richtung, die stromlinienförmige, kunstlose, die wird vom Buchhandel
hochgepeitscht, empfohlen, wie wild an den Mann gebracht. Der Conaisseur
echter Literatur, der nicht nur bedrucktes Papier haben möchte, hat sich
schüttelnd abgewendet. Allein, der Buchhandel und die
institutionalisierten Jurys führten ihre Existenz weiter. Solange es nur
ging. Derweil –die andere Richtung- drängten sich Literaten in die
verschiedensten Verlage, deren Werke vielleicht sogar davon
profitierten, dass ihnen Chancen verweigert werden. Beate Kirchhof,
Peter Meires Picolin, Peter Schwindt, Kristina Dunker,
Tordis Schuster, Navid Kermani, Martin Ebbertz. Die deutschsprachige
Kinderliteratur war selten so reich bestückt wie heute.
Kleine mutige
Revolutionen: Ein Buch aus Madagaskar
Von
Tordis Schuster
„Madagaskar – Tage
unseres Lebens“ ist das literarische Werk von neun Jugendlichen, die
der Jugendbewegung des „ATD Vierte Welt“ von Antananarivo, der
Hauptstadt von Madagaskar, angehören. Die deutsche Autorin Nasrin Siege
hat sie ermutigt, ihre Geschichten zum Thema „Der Alltag in unserer
Gesellschaft“ nieder zu schreiben. Sie und Lucas Rodwell verwirklichten
mit den Jugendlichen gemeinsam dieses Buch, von den Geschichten bis hin
zur Illustration und dem Layout. Es ist beim Verein „Hilfe für Afrika“
beziehbar, sein Kauf ist eine Spende.
Keine Angst! „Madagaskar – Tage unseres
Lebens“ berichtet nicht trocken über einen frustrierenden Alltag in
Armut, der nur abschreckt und ein schlechtes Gewissen macht.. Nein,
dieses unauffällige Büchlein ist anders. Es bringt uns, die Menschen der
„ersten Welt“ sensibel näher an die „vierte Welt“ von Madagaskar. Die
Stimme der Armut, nämlich Jugendliche aus Madagaskar, erzählt selbst von
ihren persönlichen Sorgen, von Existenznöten, von Betrug und Trauer, von
wunderbaren Freundschaften, Familientraditionen und Familienliebe. Die
kleinen autobiografisch geprägten Geschichten und Theaterstücke gewähren
einen authentischen, sehr persönlichen Einblick in die Armenviertel von
Madagaskar, der - da er so voller Hoffnung steckt und von so viel Mut in
schlimmsten Verhältnissen erzählt - eben nicht nur betroffen, sondern
auch glücklich macht.
Wenn die Jungen und Mädchen aus Madagaskar
von Pubertäts-Sorgen und Freiheitsbestreben erzählen, wenn sie nicht
wissen, wann es an der Zeit ist, sich zu verlieben, dann ist man ihnen
ganz nah, denn diese Gedanken machen sich auch Jugendliche in
Deutschland. Man lächelt mit ihnen, wenn sie Theorien über die Liebe
aufstellen: Fitia, 16, ist zum Beispiel fest davon überzeugt, dass das
Mittel schulischen Erfolgs sei, auf die Liebe zu verzichten. Sie ist
sich im klaren darüber, was Schule für sie und ihre Familie bedeutet,
nämlich die Chance, aus der Armut auszubrechen. Und sie ist bereit,
dafür Opfer zu bringen. Bei Fitia hat es schließlich funktioniert, sie
ist heute Oberärztin und hat zudem einen netten Mann gefunden.
Auf der anderen Seite leiten und begleiten
uns die Jungen und Mädchen in eine dem reichen Deutschland unbekannte,
arme Welt und erzählen uns von ihren Träumen, von ihrem starken Willen
zur Verbesserung ihrer Situation, vom Nicht-Aufgeben und davon, wie es
ist, unter miserablen Umständen sein Leben selbst in die Hand nehmen zu
wollen. Man beginnt, Fitia und ihre Freunde nicht nur zu verstehen,
sondern sie auch zu bewundern für ihre Kraft und Ausdauer. Sie geben nie
auf, sie kämpfen um ihr kleines Glück und vor allem auch um das ihrer
ganzen Familie.
Diese
Geschichten handeln von kleinen mutigen Revolutionären, die ihre Leser
teilhaben lassen an ihrem Leben, an ihren Gedanken und Gefühlen. Hier
wird Jugendlichen eine Stimme gegeben, die ohne dieses Büchlein
wahrscheinlich ungehört geblieben wäre. Ein höchst unterstützendwertes
Projekt und eine Bereicherung, die nachdenklich macht und gleichzeitig
ermutigt.
Tordis Schuster ist
Kinderbuchautorin. Ihr wunderschönes Buch „So geht’s Marie!
Schulkind-Geschichten“ ist im Autumnus Verlag erschienen.
Die ganze Wahrheit:
Vermischung der Interessen. Oder: Wie die Kinderbuchreihen der Zeitungen
wirklich von den Lesern aufgenommen werden
Aufgedeckt von Lennart Ragmann
Die Wirklichkeit findet mal wieder nicht
in den Feuilletons statt. Urteile über Bücherreihen wie die „Süddeutsche
Zeitung Junge Bibliothek“ und die „Zeit Kinder-Edition“ mit
Kinderbüchern kann man dort nicht lesen.
Aber man kann sie überall hören: Keiner
kann diese Bücher mehr sehen, und die meisten haben von Anfang an
gewusst, was da jetzt zu Grabe getragen wird. Die Vermischung von
Kulturteilen der Zeitungen und Werbung für das eigene Produkt hat mit
journalistischer Unabhängigkeit nichts zu tun. Da wird Woche für Woche
wertvoller Platz geraubt, um lang und breit Kinderbücher zu loben, die
Geld in das eigene Verlagshaus schleusen sollen. Was soll man dann noch
von den Wertungen halten, die andere Kinderbücher dort erfahren? Das ist
die Infizierungsregel: Eine Vermischung der Interessen trägt Zweifel in
alle Artikel.
Das war es, was mir gesagt wurde, als ich
im Café in Mitte saß und nichtsahnend eine Kinderbuchempfehlung aus der
Zeitung ausschneiden wollte. Ich knüllte sie zusammen und warf sie weg.
Von da an hielt ich die Augen und Ohren auf. Die Zeitungen schreiben,
dürfen ja nicht schreiben, was diese Bücherreihen anrichten.
Bei einer Sitzung erzählte ich nebenbei,
dass ich ein Buch aus der SZ Junge Bibliothek geschenkt bekommen hätte.
Alle schütteln den Kopf. Wie kann man ein so scheußlich aussehendes
Buch, das das Design eines Tages trägt, nur verschenken? Ich dachte, der
Vorwurf ginge an mir vorbei, ich war doch nur der Beschenkte! Doch das
war es gerade – wem schenkt man so etwas? Damit wurde mein Geschmack,
meine Urteilskraft angezweifelt. Ich konnte nicht anders, das Buch
musste weg. Der Blick in den Altpapiercontainer war vernichtend; alle
anderen im Haus hatten ihre „Zeit“- und SZ-Bücher auch schon
weggeschmissen. Gibt Kreise, da liest man das nicht. Aber man läse gern
gute, unabhängige Zeitungen.
Pressekonferenz, ein Verwalter der
Kinderliteratur vertritt, für Kinder seien ja diese Zeitungsbücherreihen
da, die könnten kompensieren, was Verlage nicht böten. Nun kann man
Kindern ja viel vorsetzen, aber nicht mitdenkenden Eltern. München,
Marienplatz, im Buchladen. Der Vater verharrt kurz vor einer der Reihen,
die Mutter zieht ihn sofort weiter. „Alles B-Bücher“, sagt sie, und sie
hat ja recht. Die zwei verirrten besseren Kinderbücher hat sowieso schon
jeder. Warum tun Verlage das ihren Autoren an? Für einen Schleuderpreis
in den Geistesramsch. Hoffen wir, es ist eine interne Subventionierung.
Die Bücher, die der Verwalter der Kinderliteratur vermisst, sind ja alle
da, das wirtschaftliche Risiko, sie zu veröffentlichen, eben auch. Aber
wahrscheinlich ist es eher die Versuchung, Zeug an den Mann zu bringen,
das sich vorher nicht verkaufte, und man hat doch noch viele andere,
wirklich gute Bücher von den Autoren im Programm, die vielleicht danach
wieder zu verkaufen wären. Ein gutes Haar kann man an diesen Büchern
lassen – den Preis. Auf eine abstoßende Weise festgelegt von
Marketingstrategen, mit denen über wirkliche Preise von Büchern nicht zu
diskutieren ist; Preise also, die etwas für Leute sind, die den Media
Markt ihr zweites Zuhause nennen. Seitdem macht es wieder richtig Spaß,
über Preise von Kinderbücher zu sinnieren und möglichst teure zu kaufen.