home

impressum

das librikon

suche

 

Librikon

 
 
 
             

 

magazin für kinderbuchkultur

 

 

 

 

 

 

 

Eine Frage der Kultur

 

 

 

Feuilleton

 

 

 

Vermischtes

 

 

 

Politik

 

 

 

Wirtschaft

 

 

 

Empfehlungsliste

 

 

 

Willkommen ...

 

 

 

Das Eine Buch

 

 

 

Gerechtigkeit für ...

 

 

 

Freiheit für ...

 

 

 

Evergreens

 

 

 

Leserfragen

 

 

 

Lesen im Grünen

 

 

 

Tipps zum Thema

 

 

 

Werk und Sein

 

 

 

Jugend liest

 

 

 

Freies Geleit

 

 

 

Comics

 

 

 

Bewegte Bilder

 

 

 

Auf der Waagschale

 

 

 

Wider die Leseförderung

 

 

 

Titelseite

 

 

 

Nachbarskinder

 

 

 

Buch von Wert

 

 

 

Hilfe, mein Kind liest...

 

 

 

Einspruch!

 

 

 

Eine Frage der Kultur

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oase im allgemeinen Getriebenwerden

Meine Freundinnen und ich, Singles und Familien

Von Franz Xaver Ganghofer

 

Tag für Tag bin ich auf Freunde angewiesen. Meine Familie ist ein derart einnehmender Teil meines Lebens, dass ich viel zu wenig zu anderem komme. Wären da nicht meine Freunde und Freundinnen, die immer wieder Besucher bei mir sind, die immer wieder Ideen für kleine Unternehmungen haben und mich rausholen. Ich habe seit jeher mich eher mit Frauen angefreundet als mit Männern, und so unternehme ich auch heute am liebsten etwas mit meinen guten Freundinnen. Das funktioniert auch: Sie sind alle kinderlos geblieben und haben Zeit und Gedanken für mich. Meine Frau ist das Gegenbeispiel: Ihre besten Freunde – auch alles Männer- haben Kinder wie sie; die sehen sich so gut wie nie, und der Aufwand, sich loszueisen, um ein paar Bier trinken zu gehen, ist einfach zu hoch. Am schönsten allerdings ist es auch für mich, wenn meine Freundinnen einfach bei uns vorbeischauen. Sie spielen ein bisschen mit den Kindern, und die genießen es, einen Erwachsenen mit einem ganz anderem Leben vor sich zu haben. Mit denen kann man ja auch ganz anders reden! Und ich genieße es, aus meiner Kücheneinsamkeit herausgeholt zu werden und trotzdem um sie beneidet zu werden: Für mein Leben, das auf Zeithaben für die Kinder, auf Wohlbefinden, auf Ruhe und nicht auf wirtschaftliches Vorankommen, nicht auf das allgemeine Getriebenwerden ausgerichtet ist, beneidet zu werden. Das ist die Oase, die ich sein möchte. Wir leben zusammen, Singles und ich, und verstehen nicht, was sich da draußen in diesem Land für unterschiedliche Lebensvorstellungen so angefeindet wird.

 

 

 

 

Bildung muss gar nicht weh tun: Der Alltag in einer (fast) normalen Großfamilie

Ein Selbstbericht

 

Lernen zuhause ist sehr spannend. Man weiß nie vorher so genau, was einen am neuen Tag so erwartet. So ist es richtig schwierig, zu beschreiben, wie unser Alltagsleben als Homeschoolers aussieht.

Morgens gibt es keine Hektik, denn wir alle genießen das Frühstück und die Zeit davor, falls man rechtzeitig aufgestanden ist. Unser Ältester (Boris*, 10 Jahre) steht am liebsten schon vor den anderen auf und setzt sich zu seinen Vögeln in den zimmergroßen Käfig, am besten noch mit einem Buch zum Thema angeln. Der Zweite (Steffen, 9 Jahre), bleibt am liebsten bis zum Rausschmiss im Bett und hängt seinen philosophische Gedanken nach. Anton (noch 6 Jahre), der Dritte, wird als erster vom Hunger in die Küche getrieben und hilft notfalls sogar mit, damit es schneller etwas zu essen gibt. Nach dem Frühstück gibt es Dienste zu erfüllen. Die beiden kleinen Mädchen (Prisca, noch 3 Jahre und Pia, 2 Jahre alt) haben noch kein festes Programm, aber Anton hat Küchendienst; Steffen und Boris wechseln sich ab mit Mülleimer raustragen und fegen. Dann werden die Tiere gefüttert: Wir haben Zwerglöwenkopfkaninchen, die zu unserem Glück drei Junge bekommen haben und 5 Nymphensittiche. Nicht selten faszinieren die Tiere unsere großen Jungens so, dass man sie daran erinnern muss, auch noch andere Dinge ins Auge zu fassen. Als nächstes ist nämlich bei uns das Instrumenteüben dran. Boris spielt Klavier und Gitarre, Steffen übt sich im Trompete blasen, Gitarre spielen und flöten und Anton hat ebenfalls mit Flöten begonnen. Das Musizieren funktioniert bei uns so wie auch alle anderen Dinge: Es wird meist mehr Zeit mit Improvisieren oder Ausprobieren verbracht als mit dem eigentlichen Üben. So vergeht die Zeit wie im Nu.

Wenn wir dann ein bisschen weiter in unseren spannenden Büchern gelesen oder gearbeitet haben, ist es schon später Vormittag und alle sind etwas geschafft. Nun beginnt der freiere Teil des Tages. Wir glauben, dass Lernen etwas Tolles ist. Das ganze Leben ist voll von Lernen. Besonders viel Spaß macht es ja, wenn man das lernen darf, was einen gerade interessiert oder was man gut kann. So dürfen die Jungen in Anschluss oft etwas machen, was sie gerade interessiert. Manchmal habe ich (die Mutter Christine) etwas geplant. Falls die Jungen fragen, ob sie etwas anderes machen dürfen, gehe ich meistens sofort oder später auf ihre Ideen ein. In der eigenverantwortlichen Zeit wird bei uns viel gemalt und gebastelt. Dabei gibt es gewisse Phasen, in der bestimmte Tätigkeiten boomen: Fahrzeugquartette selber herstellen, aus Holzresten etwas schreinern, aus Pappe Autofahrgestelle und Karosserien herstellen und durch vorhandene Räder und Achsen fahrbar machen, Insektenlarven sammeln und beobachten, Fußball spielen, lesen, Atlanten studieren, ...

In den Wintermonaten, wo man nicht so viel raus kann, konzentrieren wir uns ein bisschen mehr auf den Erwerb von Grundlagenwissen, besonders in den Fächern Deutsch und Mathematik. Allerdings macht den Kindern das Lernen aus Schulbüchern meist so wenig Freude, dass wir es auf das Minimum begrenzen. Das Einmaleins kann man ja auch durch ein tägliches Akkordrechnen mit Erfolgskurven lernen, was viel mehr Spaß macht als die Päckchen im Mathebuch durchzurechnen.

Überhaupt ist Lernen im Alltag erstaunlich durchschlagend, im Gegensatz zum geführten Lernen, wo oft nur der Lehrende meint, die Schüler wüssten nun mehr. Wenn man ein aktives abwechslungsreiches Leben führt, werden unheimlich viele Themenfelder abgedeckt und Techniken unbewusst so ganz nebenbei erlernt. In Prozentzahlen zu denken ist für Jungen normal, wenn man sich viel mit Maßen und Größenverhältnissen beschäftigt, man braucht dann auch nicht viel Übung, um mit kg, cm und l zurechtzukommen.

Die schriftliche Division ist dagegen eine eher theoretische Angelegenheit, die man begreifen und üben muss. Dafür gibt es hier das Hocherlebnis, eine Technik, die man nur widerwillig gelernt und geübt hat, dann doch verstanden zu haben und zu beherrschen, sodass plötzlich der Frust dem Stolz und der Befriedigung weichen muss.

Unsere Kinder wollen die Welt verstehen. Ihr innerer Drang, die Rätsel des Lebens und des Daseins zu lösen, ist ein genialer Motor der Wissensaneignung. Noch wichtiger aber ist für uns das Miteinander, die beziehungsmäßige Seite des Lebens. Wir wollen echte Gemeinschaft haben, also uns gegenseitig tief kennen mit allen Wünschen, Sehnsüchten, Sorgen und Ängsten und uns gegenseitig tragen und helfen bei den unzähligen Macken, die jeder so hat und der Schuld, die wir uns ständig aufladen. Das bedeutet, dass wir uns viel unterhalten, oft diskutieren, unsere Emotionen ausdrücken und versuchen, Qualitätszeiten zu haben, wo man etwas richtig Schönes miteinander macht.

Wir haben schon unzählige Kuchen und Plätzchen zusammen gebacken, Besuche vorbereitet, gebastelt, Lieder gedichtet und gemütliche Abende verbracht. Am meisten, meine ich, lernen Kinder durch gute Vorbilder. So versuche ich als Mutter, die ich die meiste Zeit zu Hause bin, das vorzuleben, von dem ich meine, dass meine Kinder es in der Zukunft brauchen werden. Ordnung halten lernen ist einer dieser Tugenden, genauso wie die Schriftsprache zu nutzen (also keine Aufsätze zu einem festen Thema schreiben, sondern die Schrift nutzbar machen für Kontakte z.B. in Briefform oder Erlebnisse schriftlich festhalten, sich in der Familie Liebesbeweise schreiben oder einen Text für eine Geburtstagsfeier dichten ...) Dass Lesen und Schreiben wertvoll sind, merkt man bei uns am überfüllten Bücherregel und daran, dass wir viel vorlesen.

Aber was ist die Theorie ohne Praxis!? Wenn unser Papa zuhause ist, wird sehr viel hergestellt. Da lernen die Jungen von selber, handwerkliches Geschick auszuprägen -zumindest hoffen wir das. Ob es das Umbauen unseres Wohnhauses ist oder das Bauen von Hasenställen, Spielburgen oder Möbeln - es macht großen Spaß, sinnvolle Dinge mit eigener Hand herzustellen und schön werden zu lassen. Unser Ältester, Boris, hat uns alle mit seiner Tierbegeisterung angesteckt. Aber er ist uns allen weit voraus. Sein Auge und Gehör sind durch sein Interesse so geschult, dass er Dinge wahrnimmt, die der Normalsterbliche übersieht. So hat er schon viele Larven gefangen und bei ihrer Verwandlung zugesehen. Er weiß, wo es welche Schmetterlinge und Käfer gibt und kann anhand von Vogelstimmen bzw. ihrer Flugbewegung die jeweilige Art ausmachen.

Zensuren und Noten sind Fremdwörter bei uns, da wir es nicht nötig finden, die Kinder an allgemeinen Standards zu messen. Jeder Mensch ist so individuell. Außerdem merkt man in so einem kleinen Rahmen wie hier bei uns zuhause schnell, worin man gut ist und wo die Schwächen liegen, ob man sich anstrengt bzw. worin andere gleichaltrige Kinder besser sind als man selbst.

Da die Kinder nicht ständig mit vielen Menschen zusammenkommen, sind sie offen für Kontakte und Begegnungen, wobei es keine große Rolle spielt, wie alt die Person ist, mit der sie auf Tuchfühlung gehen. Sie haben keine Hemmungen, sich mit Erwachsenen zu unterhalten und anzufreunden, schätzen es aber auch, wenn sie Gleichaltrige als Freunde gewinnen, und besonders gefragt sind natürlich ältere Vorbilder, die meine Kinder vor allem in unserer recht umfangreichen Großfamilie und im näheren Bekanntenkreis finden.

Da nicht so viel Zeit- und Termindruck herrscht, haben wir Zeit, viele Dinge zu tun, die andere kaum schaffen wie an Wettbewerben teilnehmen (wir mögen gern „erlebter Frühling“ von der NABU), an Naturführungen und Besichtigungen teilnehmen, ausgedehnte Besuche machen und spontane Gelegenheiten nutzen. Wenn ein Mähdrescher vor unserem Haus arbeitet, stehen die Kinder selbstverständlich daneben und schauen zu, werden Nymphensittichbabys geboren, passen die Jungen einen Moment ab, wo weder Weibchen noch Männchen auf dem Gelege sitzen, um einen Blick auf die wunderschönen kleinen Eier zu werfen.

Homeschooling ist also kinderleicht. Wir fühlen uns wie geschaffen dafür, aber natürlich gibt es auch Tage, an denen man sich in etwas hineinknien muss, an denen nichts läuft und wir uns alle gegenseitig neu motivieren müssen. Das lernende Leben mit den eigenen Kindern ist eine sehr erfüllende Angelegenheit. Man kann alle eigenen Gaben und Fähigkeiten einsetzen und selber haufenweise dazulernen. Dinge, die falsch laufen, kann man berichtigen. Man ist verantwortlich für alles - muss aber nicht alles selber wissen oder können - das ist befreiend und antreibend zugleich.

Leider mussten wir dafür unsere schulfreien Lern- und Lebensbeziehungen in Deutschland verlassen und hier in Dänemark erst neue Kooperationen mit gleichgesinnten Familien aufbauen. In unserem Heimatland mangelt es ganz offensichtlich an Toleranz. Für die Freiheit - jedenfalls hat sich das Auswandern gelohnt.

 

*alle Namen geändert

 

Unterstützung für Homeschooling findet man beim Verein Schulbildung in Familieninitiative (im WorldWideWeb: homeschooling.de)

 

 

 

 

“Welche Farbe hat das A?”

Der Zugang zur synästhetischen Wahrnehmungswelt kommt nicht ganz automatisch

Ein Interview mit Marc Jacques Mächler, Experte für Synästhesie

 

Librikon:

Was versteht man unter Synästhesie? Wie äußert sie sich, woran und wann erkennen Synästhetiker diese Fähigkeit bei sich selber? Wie individuell ist Synästhesie? Haben Synästhetiker das Gefühl anders zu sein?

 

Marc Jacques Mächler:

Das Wort Synästhesie kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Zusammen wahrnehmen. Synästhetische Aspekte findet man in der Musik, Literatur oder auch in der Architektur. Im psychologischen Zusammenhang redet man von genuiner Synästhesie, welche angeboren ist und von welcher ich nun sprechen werde.

Wenn jemand Musik hört, dann gelangt der akkustische Stimulus durchs Ohr ins Gehirn und wird dort ans “Hörzentrum” gesendet und die Person nimmt einen Klang wahr.

Bei einem Synnie (umgangssprachlich für Synästhetiker) läuft das ein wenig anders: Zwischen dem “Hörzentrum” und anderen Sinnesarealen wie sehen, riechen, tasten oder schmecken können neurologische Verbindungen bestehen, welche diese Zentren aktivieren können. Wenn ein Synästhetiker etwas hört, entstehen beispielsweise Sinnesverschmelzungen wie “Hören ruft Farben hervor”.

Synästhesie hat verschiedene Facetten: Farbige Buchstaben, Zahlen, Wochentage, welche auch ein Geschlecht oder einen Charakter haben können; farbige Musik mit spezifischen Formen und Gerüchen; oder auch Gerüche, die Farben hervorrufen. Es sind alle möglichen Verbindungen der Sinne denkbar.

Synästhesie ist aber eher etwas Subtiles. Die synästhetischen Farben stören im Alltag nicht, da sie mit dem geistigen Auge wahrgenommen werden. Es gibt viele Menschen, die Synästhesie haben, die das aber gar nicht wissen oder nicht bemerkt haben:

Manche Menschen wissen, dass bei ihnen etwas anders ist, sie getrauen sich aber nicht, jemanden davon zu erzählen. Andere denken, dass das mit den Farben bei allen so ist. Wiederum andere haben sich einfach noch nie bewusst mit Fragestellungen wie “Welche Farbe hat das A?” auseinander gesetzt.

Meistens braucht es einen Input von Freunden oder durch einen Bericht in den Medien, dass Synnies diese Fähigkeit erkennen. Meistens sind sie sehr erleichtert, wenn sie erfahren, dass es dafür einen Namen gibt.

Die synästhetische Wahrnehmung ist im Allgemeinen sehr individuell. So sieht der eine die Zahl 3 immer grün, ein anderer immer rot. Es wurde aber gezeigt, dass gewisse Farben in Kombination zu Buchstaben häufiger genannt werden als andere. So sehen Synnies das A am häufigsten rot.

Manche Menschen mit Synästhesie haben sehr wohl das Gefühl anders zu sein. Manche fühlen sich dabei sehr speziell. Meiner Meinung nach sind Synästhetiker Menschen wie alle anderen auch. Sich wegen Synästhesie als “etwas besseres zu fühlen“ sehe ich als total falsch an. Leider wird Synästhesie in den Medien oft übertrieben dargestellt und das ganze Thema aufgebauscht. Neuere Studien zeigen, dass Synästhesie relativ häufig vorkommt. Von einem seltenen Phänomen zu reden, ist eine überholte Vorstellung. Für mich selber ist es normal, Synästhesie zu haben. Gewiss genieße ich meine Wahrnehmung, doch fühle mich nicht anders.

 

Librikon:

Wie sollten sich Eltern, deren Kind die Fähigkeit der Synästhesie besitzt, dazu stellen. Sollten sie sie als Gabe erkennen, die man sogar fördern kann?

 

Marc Jacques Mächler:

Eltern, die Synästhesie bei ihren Kindern feststellen, sollten sich zuerst selber mal überlegen, ob sie nicht auch Synästhetiker sein könnten. Synästhesie ist vererblich, oft von der Mutter auf die Kinder.

Danach sollte man immerfort den Dialog suchen und die Kinder mit Fragen wie “Wie nimmst du das wahr?” oder “Welche Farbe hat diese Wahrnehmung für dich?” fördern. Außerdem sollte man den Kindern klarmachen, dass das etwas ganz Normales ist, was andere auch haben. Der Zugang zur synästhetischen Wahrnehmungswelt kommt nicht ganz automatisch. Kinder sind noch speziell offen für ihre Umwelt und wenn sie in dieser Zeit offen mit Synästhesie umgehen und befreit darüber nachdenken können, ist das sicherlich ein Vorteil.

 

Librikon:

Kann aus Unkenntnis Synästhesie unterdrückt werden und dann verkümmern? Kann es durch Nicht-Erkennen von Synästhesie zu Problemen in der Entwicklung des Kindes kommen?

 

Marc Jacques Mächler:  

Durch Unkenntnis kann Synästhesie sehr wohl unterdrückt werden. Speziell, wenn ein Kind beim Versuch, über die synästhetische Farbenwelt zu sprechen, auf Ablehnung oder Unverständnis. Synästhesie an sich verschwindet nicht einfach so, aber der Zugang dazu kann erschwert werden, wenn damit negative Erlebnisse assoziiert werden.

Ich bin überzeugt, dass eine Förderung der Synästhesie bei Kindern deren Entwicklung sehr positiv beeinflussen kann. Dies kann sich in verschiedenen Bereichen wie Lernen, Kreativität oder einfach in der Fähigkeit, verschiedene Wahrnehmungen bewusst zu erleben, ausdrücken.

 

Librikon:

Gibt es spezifische Schullaufbahnen und Interessensgebiete, die sich für Synästhetiker empfehlen?

 

Marc Jacques Mächler:

Es hat sich gezeigt, dass der Anteil an Synästhetikern in Universitäten oder Kunstschulen überdurchschnittlich hoch sein kann. Es ist aber nicht möglich, Interessensgebiete oder Fähigkeiten von Synästhetikern zu verallgemeinern. Manche sind ausgesprochen kreativ, andere überhaupt nicht; manche sind sehr gut in Mathe, andere haben ihre liebe Mühe mit diesem Fach. Deswegen ist eine Empfehlung für eine Schullaufbahn oder einen Beruf an dieser Stelle nicht angebracht.

 

Librikon:

Gibt es Literatur zu diesem Thema? Welche Lektüre empfehlen sie Eltern von Synästhetikern?

 

Marc Jacques Mächler:

Es gibt reichlich Literatur zu diesem Thema. Diese finden sich in diversen Büchern und wissenschaftlichen Publikationen. Leider gibt es (noch) kein Buch für Kinder, das die genuine Synästhesie behandelt. An neuerer Literatur empfehle ich Alexandra Dittmar (Hrsg.) - Synästhesien. Roter Faden durchs Leben? Sachbuch, Patricia Duffy - Jeder blaue Buchstabe duftet nach Zimt Sachbuch, Jamie Ward (einer meiner Lieblingssynästhesieforscher) -  The Frog who Croaked Blue: Synesthesia and the Mixing of the Senses (August 2008) oder synaesthesia.com

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

Marc Jacques Mächler betreibt die Webseite synaesthesie.ch

 

 

 

 

Nicht untertan sein

Ein Blick in die Tradition des Berufes „Grundschullehrerin“

Von Martina Müller

 

Der Beruf „Grundschullehrerin“ hat eine lange Tradition als wichtige gesellschaftliche Stütze. Die Grundschullehrerin galt als eine der „sitzengebliebenen“ Frauen, die mann- und kinderlos waren und sich selber durchbringen mussten. In männlicher Außensicht war sie unglücklich und altjungferlicher.

Unter Frauen jedoch war die Sicht anders. Mütter schätzten hoch, dass jemand seine Zeit aufwenden konnte, um die Kinderschar mit mehr als dem Notwendigen auszustatten. Dass die Grundschullehrerin arbeiten musste, bedeutete auch auch, dass sie arbeiten durfte. Verheiratete Frauen erkannten das auch als Freiheit, die sie nicht hatten. Natürlich stand kein emanzipatorisches Bestreben hinter der Lehrerinnentätigkeit, und das gerade verband die Frauen miteinander. Sie ordneten sich einander zu, nicht über. Zwischen Lehrerinnen und Müttern gab es ein gutes Gleichgewicht, dessen Grundlage gemeinsame Ziele waren. Wer auf der Suche nach einer Zukunft ist, braucht sich dieser Tradition nicht zu schämen. Sie kann helfen, die heutigen Probleme zu lösen.

Der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft, in der sich der Mensch als gut behandelnder, weil bezahlender Kunde fühlt, hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen stattgefunden. Da sticht alles andere -wie eben das Schulwesen- für die Familien unangenehm hervor. Man möchte sich gut behandelt fühlen, nicht untertan sein. Mütter und Grundschullehrerinnen könnten da auf gute historische Zusammenhänge verweisen und betonen, dass sie ein Miteinander schaffen können, wenn man sie ließe.

Die Grundschullehrerin braucht vor allem eine Eigenschaft – sie muss das Herz am rechten Fleck haben. Die Forderung nach stärkerer Akademisierung der Ausbildung wird ähnlich wie der Numerus clausus wirken; die charakterlich Ungeeignetsten ergreifen den Beruf. Was in der Geburtshilfe vor Jahrhunderten geschehen ist, wird nun auch im Grundschulbereich durchexerziert – die menschlich enge Verbindung von Müttern und Lehrerinnen wird durchschnitten zugunsten von männlich geprägtem und staatlich determiniertem Behördenwildwuchs.

Je mehr Zwänge und Störungen, desto schwieriger wird es, sich gemeinsam dagegenzustemmen. Der Boom von Privatschulen ist Ausdruck des Verlangens nach einem friedlichen, vernünftigen Umgang, der Wunsch vieler Familien nach einem gemeinsam mit Lehrkräften organisierten Lernalltag zuhause, das Kämpfen gegen Überbelastung der Schüler und Stress der Lehrer in öffentlichen Schulen, das alles weist in die Zukunft eines Berufes, der gegenwärtig seiner Wurzeln beraubt wird.

 

 

 

 

Suchmaschine für Kinder: fragnichtfinn.de

Ein Kommentar von Martina Müller

 

Eine Suchmaschine, die für Kinder geeignete Seiten filtert und nur solche anbietet, ist mit „fragfinn.de“ ins Netz gegangen. Sie ist unter Getöse von Regierungsvertretern freigeschaltet worden und hat damit einen Vertrauensvorschuss, besonders auch für den Schulunterricht. Die Staatsbeteiligung suggeriert Qualitätssicherung – in Wahrheit können Medienkonzerne ungehindert Einfluss auf "fragfinn.de" ausüben. Erst ein Blick auf die Namen, die diese Seite ermöglicht und unterstützt haben, lässt Zweifel an dem Vorhaben aufkommen.

Jedem privaten Suchmaschinenbetreiber würde es davor grauen, sich eine Phalanx von Computerfirmen und Zeitschriftenverlagen an Bord zu holen. Die Bundesregierung jedoch setzt fröhlich ihr Logo neben die Werbung gewinnmaximierender Wirtschaftler. Doch dass dort nicht Ethik, sondern geldwerte Interesse im Vordergrund stehen, kann auch ohne viel Recherche bemerkt werden. Ein Wirtschaftsunternehmen darf selbstverständlich nicht bei der Entscheidung daran beteiligt sein, welche Seiten Kinder besuchen dürfen, wenn die Bundesregierung dafür ihren Namen gibt. Statt der Gewaltkontrolle, die wünschenswert wäre, gibt es so Gedankenkontrolle. Denn natürlich werden nur Seiten mit erwünschten politischen bzw. unternehmenspolitischen Meinungen angezeigt. Bei „fragfinn.de“ geht es gar nicht um einen Inhaltsfilter, hier ist damit zu rechnen, dass vor allem Konkurrenzprodukte unterdrückt werden.

Unfassbar: Konzerne an einer unabhängigen Suchmaschine zu beteiligen! Die Erzeugnisse der Konzerne entsprechen nicht den Vorstellungen, was unter Jugendschutz zu rechnen ist. Der direkte Zugriff auf Schülerinnen und Schüler darf nur der Schule obliegen. Lehrer und Eltern sollten dem guten Grundsatz folgen, nur mit den Kindern gemeinsam am Computer zu surfen. Und die Bundesregierung muss sofort ihre aus Steuergeldern mitfinanzierte Unterstützung entziehen. „Fragnichtfinn.de“ ist die einige Antwort auf diese mindestens dümmliche Ungeheuerlichkeit.

 

 

 

 

Nicht das, was der Staat will

Ein Interview über Tagesmütter

 

Librikon:

Sie betreiben eine Webseite, mit der Sie Tagesmütter und interessierte Familien zusammenbringen möchten. Welche Berufe haben Ihrer Erfahrung nach Tagesmütter gelernt? Spielt das eine Rolle für die Bücher, mit denen die Kinder bei Tagesmüttern aufwachsen?

 

Laufstall:

Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Klar ist, dass die Lebensläufe der Tagespflegepersonen so verschieden sind, wie es eigentlich breit gefächerter schon nicht mehr geht. Viele Mütter (es gibt auch einige Väter, die Anzahl ist jedoch fast vernachlässigbar) gehen ab der Geburt meist ihres ersten Kindes, der Tätigkeit als Tagespflegeperson nach, um einerseits zu Hause bei ihrem Kind bleiben zu können, was oft ohne einem kleinen Zubrot nicht möglich ist, andererseits um auf diese Weise ihrem Kind geschwisterähnliche Gesellschaft zukommen zu lassen. Somit reicht der soziale Status bei Tagesmüttern von der pausierenden Studentin über Frauen mit den üblichen mittelständigen Berufen bis hin zur Ärztin oder Richterin. Oft sind es natürlich Frauen mit einer erzieherisch- pädagogischen Ausbildung die auf diese Weise ihrem Wunsch mit Kindern zu arbeiten, ohne sich dabei jedoch in eine Abhängigkeit eines Arbeitgebers zu begeben, nachkommen können. In diesem Umfeld sind auch die Personen zu finden, die wirklich ganz professionelle, fast Kita-ähnliche Tagespflegestellen einrichten. Wir können natürlich nur vermuten, dass die Ausbildung und das soziale Umfeld der Tagesmütter Einfluss darauf nimmt, was und ob überhaupt in der Tagespflege „vor“-gelesen wird.

 

Librikon:

Bei Tagesmüttern stehen die Erziehungsideale, die sie von sich aus mitbringen, im Vordergrund. Gibt es eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen der Eltern und der Tagesmütter?

 

Laufstall:

Diese Frage betrifft nicht nur die Tagespflege, sondern man erkennt bei allen Institutionen, die sich mit Kindern beschäftigen, wie unterschiedlich sich die Eltern um die Entwicklung ihres Kindes kümmern. Da ist es für manche Tagesmutter manchmal schon recht frustrierend, wenn sie den ganzen Tag mit Ausflügen, Basteln und Singen sich wirklich aufopfernd für die Kleinen bemüht hat und abends beim Abholen die Eltern noch nicht mal interessiert, was es zum Mittagessen gab, geschweige denn, ob es irgendwelche Entwicklungssprünge bei ihrem Kind gab. Gott sei dank sind nicht alle Eltern so, aber wir beobachten eine Diskrepanz, die leider eher in entgegen gesetzte Richtung zeigt. D.h. viele Eltern möchten eigentlich nur eine Beaufsichtigung ihres Kindes, die Tagespflegeperson dagegen muss (und will) jedoch dem inzwischen gesetzlich geforderten erzieherischen Förderauftrag nachkommen.

 

Librikon:

Kinder, selbst Kleinkinder, werden einem - wenn auch für sie zukünftigen- marktwirtschaftlichem Druck ausgesetzt. Glauben Sie, Tagesmütter können als eine Art Insel der ruhigen, konkurrenzfreien Kindheit fungieren?

 

Laufstall:

Wir hoffen, dass sich die Tagespflege zu mehr als nur einer Insel für eine ruhige und konkurrenzfreien Kindheit entwickelt, sondern neben allen staatlichen Einrichtungen, als gleichberechtigtes Betreuungsangebot, wirklich allen Eltern zur Verfügung steht, ohne dass bei der Auswahl die Kosten für die Eltern eine Rolle spielt. Es darf kein Privileg der Reichen sein, sein Kind individuell von einer Tagesmutter betreuen zu lassen, um es vor der „Massenabfertigung“ zu verschonen.

 

Librikon:

Staatliche Einrichtungen unterliegen verstärkt dem Druck, Kinder zu kontrollieren und die Eltern nicht mehr als ersten Ansprechpartner anzunehmen. Das stört viele Eltern und hat nichts mit einem „Freibrief zu Vernachlässigung“ zu tun. Sehen Sie in den Tagesmüttern die Chance, dem Kinderleben Privatheit zurückzugeben?

 

Laufstall:

Unbedingt! Wir verstehen gar nicht, warum die Familienministerin den Schwerpunkt der Kinderbetreuung für Unterdreijährige so sehr auf Krippenplätze und Tageseinrichtungen fixiert hat. Sämtliche Argumente, die in den erhitzten Pro- und Kontra- Diskussionen gegen eine außerhäusliche Betreuung ins Feld geführt wurden, werden in der Kinderbetreuung in häuslicher Tagespflege null und nichtig. Da die Tagespflege inmitten eines ganz normalen Haushalts, mit in der Regel maximal 5 Tageskindern stattfindet, geht es privater ja schon gar nicht mehr. Aber ganz offensichtlich ist das nicht das, was der Staat will. Eltern sollten sich viel stärker gegen diese Entwicklung zur Wehr setzen.

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

Die Fragen beantwortete Jörg Mielczarek von laufstall.de

 

 

 

 

Mein prämierter Herd

Ein Nachruf von Franz Xaver Ganghofer

 

Mit "Unworten" sollen ja wohl Denkweisen gegeißelt werden, die sich in Sprache niederschlagen. Da hat’s nun für diesmal meinen Herd und mich erwischt. Ich bin Vater, widme mich der Hausarbeit und nebenbei bin ich für Librikon zuständig für Alltagsberichte in Sachen Hausfrau (als die ich mich bezeichne; das gönne ich mir). Mein Herd also, der strahlt Wärme aus, wäre ja auch noch schöner. Dazu kommt Geborgenheit, weil ich am Herd stehe und gutes Essen zubereite, und zusammen sorgen mein Herd und ich dann für lustige Geselligkeit. „Herd“ ist also schon etwas Wunderbares, und was soll an dem Wort „Prämie“ schlecht sein? Prämiert sind mein Herd und ich nämlich auch, jeden Abend wieder, wenn ich beim Lammrücken sitze und mit meiner Familie ratsche. Also, „Herdprämie“ – das passte von Anfang an gut zu unserem Leben. Für mich war die nunmehr zum Unwort des Jahres ernannte „Herdprämie“ ein guter Grund zu sagen: Danke für das Kompliment für meine Küche und mein Familienleben!

Aber – Geld dafür nehmen möcht’ ich noch lange nicht! Das sollen die tun, die staatstreu sind und dem Staat gern die Kinder geben, als Schüler, Kanonenfutter, Rentenzahler, was auch immer. Ich will mein Leben leben, ohne dass mir Staat und Bürokratie hineinpfuschen. Ich weiß, was mir mein privates Glück, das meine Kinder mir diktieren und niemand sonst, wert ist. Subversiv ist die Hausfrau! Deswegen mochte ich ja das Wort „Herdprämie“. Schade. Ich hätte es gern weiterbenützt.   

 

 

 

 

Fünfe grade sein lassen

Nicht pochen, beharren, versteifen: Aber manierlich essen

Ein Interview mit Franziska von Au, Knigge-Autorin

 

Librikon:

In Ihrem Buch „Der kulinarische Knigge. Gute Umgangsformen bei Tisch“ sind auch Stichpunkte aufgelistet, was ein Kind in welchem Alter können sollte. Viele Eltern kämpfen beim Abendessen gegen verfallende Tischsitten durch die Ganztagsschulspeisung an und bei Kindern ab 12 gegen die Gepflogenheiten in der Clique. Nicht viel Zeit fürs Benimmlernen! Worauf sollten Eltern auf jeden Fall pochen?

 

Franziska von Au:

„Auf etwas pochen“ halte ich für grundfalsch. Nennen wir es besser „vorleben“ – denn wenn die Eltern das nicht tun und ihrem Nachwuchs damit spielerisch und ganz selbstverständlich gute Tischmanieren beibringen, steht das Ganze auf sehr unsicheren Beinen. Mit Zwang erreicht man gar nichts. Woher sollen es die Kleinen denn lernen – wenn nicht vom Vorbild der Eltern (und das ist auch bei Alleinerziehenden der Fall)?! Und das übrigens schon von klein auf, also lange vor Kindergarten und Schule.

Bitte und Danke sind ein absolutes Muss, ebenso wie Entschuldigen, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Der Umgang mit Messer und Gabel sollte etwa im Schulkindalter selbstverständlich sein. Dass man nicht rülpst und pupst und nicht schlürft und schmatzt, dass man sich nicht mit ungewaschenen Fingern an den Tisch setzt, sich beim Husten und Niesen die Hand vor den Mund hält, dass man eine Serviette benutzt – all dies sollte für Kinder ab Abc-Schützen-Alter der Normalfall sein.

Klar: Ab beginnender Pubertät kann es (muss es aber nicht) zu Revoluzzerverhalten kommen. Andererseits kann man Kindern von Anfang an Gelegenheit geben zu erkennen, und zwar auf ganz praktische Weise, warum Tischmanieren eine gute Sache sind. Wer hin und wieder als Eltern mal ein „Essen ohne Benimm“ veranstaltet, macht seinem Nachwuchs schnell klar: Manierliches Essen hat seine Vorteile. Und das Gegenteil – also Essen mal nur mit den Händen, Soße vom Teller lecken, „Essen wie der Familienhund“ – ist eine gute Lernmethode. Auch wenn man nachher die Kleinen erst mal in die Wanne stecken und die Waschmaschine anwerfen muss. Selbst „Essen à la Knigge“, also auf „extra feine Art“ macht Kindern Riesenspaß: wenn man es spielerisch herüber bringt. Es liegt also in der Hand der Eltern – und zwar von klein auf, da entsprechendes Vorbild zu sein.

Ich kann das durchaus beurteilen: Meine beiden Neffen (jetzt 18 und 20 Jahre) haben von klein auf gelernt, „manierlich“ zu essen. Durch das Vorleben der Eltern bzw. der allein erziehenden Mutter und innerhalb der Familie. Weder Schule noch Peergroup konnten das ausmerzen. Wobei ich nicht ausschließen will, dass innerhalb der Gruppe, bei McDonald oder beim Pizzaessen nicht so ganz „fein“ gespeist wird. Zuhause bei Tisch und im Restaurant aber immer.

 

Librikon:

Nicht immer, aber oft korrelieren Bildungsstand und Manieren. Weniger Kinder und noch weniger mit „gepflegtem Bürgertumshintergrund“, das trägt schon heute zu Tischsitten im Sinkflug bei. Wird in Deutschland in einigen Jahren das gehobene Speisen, das von Kindesbeinen an beherrscht werden muss, ausgestorben sein?

 

Franziska von Au:

Das denke ich nicht. Ich finde auch nicht, dass man ganz allgemein von weniger guten Tischsitten sprechen kann. Zum einen werden „gute Manieren“ ja gerade seit einigen Jahren wieder „modern“ (es gibt Seminare mittlerweile auch für Kinder und Jugendliche) und zum anderen kann man alles noch als Erwachsener nachholen und lernen. Entweder durch Lektüre, durch Seminare – oder hin und wieder auch durch Abschauen von anderen. Wobei das durchaus Gefahren birgt: Denn viele Erwachsene wissen nämlich auch nicht, wie man sich bei Tisch gesittet benimmt. Da genügt ein aufmerksamer Blick in die Runde oder an den Nachbartisch im Restaurant.

Was verstehen Sie außerdem unter „gehobenem Speisen“? Dass man bereits als Kind mit Hummerzange und Kaviarlöffel umgehen können muss? Muss man nämlich nicht. Muss man auch als Erwachsener nicht unbedingt. Man muss (oder besser: sollte) allerdings so viel Selbstbewusstsein haben, ohne Scheu den Kellner ums Filetieren eines Fischs oder der Wachtel zu bieten, bevor man ein Schlachtfeld auf dem Teller hinterlässt. Dasselbe gilt übrigens fürs Aufbrechen von Austern und Hummer, für das Verspeisen einer Languste oder von anderen „schwierigen“ Gerichten.

 

Librikon:

Wer in den 70er Jahren Kind war, erinnert sich: Familien mit vier, fünf Kindern gehörten durchaus zum gewohnten Bild in feinen Restaurants und guten Hotels. Heutzutage gleicht es einem Spießrutenlauf, überhaupt mit vielen Kindern in einem Speiselokal mit weißen Tischdecken Platz zu nehmen. Stattdessen setzen sich als Benimmhöllen angelegte Familienrestaurants durch. Raubt nicht die Handlung der anderen, sich tipptopp benehmenden Gäste dem Nachwuchs die Chance, am lebendigen Gourmettisch zu lernen. Sollte ein Essknigge nicht gar darum ergänzt werden, wie man sich Müttern und Kindern gegenüber im Restaurant respektvoll verhält?

 

Franziska von Au:

Ich bin nicht der Meinung (und kann mich auch nicht daran erinnern), dass in den 70er Jahren Familien mit vier oder fünf Kindern in gehobenen Restaurants und Hotels „der Normalfall“ waren. Zu dieser Zeit waren die Auswirkungen des Pillenknicks schon deutlich spürbar – und außerdem, denke ich, ist es für eine sechs-, siebenköpfige Familie auch zu dieser Zeit nicht gerade einfach gewesen, sich ständigen Aufenthalt in feinen Restaurants und guten Hotels leisten zu können.

Wenn Kinder gute Tischmanieren haben, wird auch ein Besuch im feinen Speiselokal nicht zum Spießrutenlauf! In Deutschland nicht, und im Ausland sowieso nicht: Denn in vielen Ländern gibt es bei Tisch eben keine Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. Ein Familienessen – auch und vor allem im Restaurant – mag zwar oft ein festliches Ritual sein. Aber niemals eine steife Angelegenheit, bei der man immer ängstlich nach dem Nachbartisch schielt, ob sich auch ja nur kein anderer Gast durch die eigenen Kinder belästigt fühlt. Wie Sie vielleicht wissen, lebe ich in Portugal; hier ist es – wie in allen südlichen Ländern – absolut üblich, dass Kinder sowohl mittags wie abends bei Tisch im Restaurant dabei sind. Kinder von klein auf, und auch Teenager. Das ist hier eine absolut akzeptierte Sache, da gab es auch niemals irgendwelche Diskussionen darüber.

Wenn Sie den „Neuen Knigge“ und auch den „Kulinarischen Knigge“ lesen, wissen Sie: Gegenseitiger Respekt und gegenseitige Achtung sind meine Grundanliegen. Und eben nicht das unbedingte Beharren auf steifen, althergebrachten und vielleicht überholt scheinenden Regeln, die für ein Kind nicht nachvollziehbar sind. Das bedeutet eben auch, dass Gäste, die meinen sich bei Tisch tipptopp benehmen zu können (was aber oft gar nicht unbedingt der Fall ist), Verständnis dafür haben müssen, dass ein Drei- oder Vierjähriger nicht unbedingt ein 10-Gänge-Menü durchsteht, ohne mal zu quengeln. Und das heißt außerdem, dass Eltern nicht ständig in Habachtstellung verharren müssen, wenn ihr Kind mal unruhig ist und vielleicht auf Entdeckungsreise geht.

Ich darf Ihnen eine Szene schildern, die ich selbst hier in Portugal erlebt habe: Eines der Kinder im Restaurant am Nebentisch war ziemlich wild, still sitzen konnte die vielleicht Sechsjährige einfach nicht. Also räumte die Kleine den Tisch ab. Zuerst die Teller, dann die Bestecke, dann die leeren Schüsseln. Alles trug sie zum Abwasch direkt in die Küche. Keiner fühlte sich gestört, die Gäste an den Nachbartischen freuten sich und sahen zu, wie das Mädchen die Welt entdeckte und sich eroberte. „Pass auf,“ sagte sogar einer der Kellner, „du hast die Servietten vergessen, minha filha!“ Dasselbe in Deutschland? Kaum vorstellbar, dass sich nicht etliche Gäste gestört gefühlt hätten, dass sich nicht einige beschweren würden…

 

Librikon:

In Kinderbüchern ist das steife Essen bei Tisch ein Symbol für Qual und Ausbruchswunsch. Man denke nur an Erich Kästners Pünktchen, wenn sie mit dem Direktor, ihrem Vater, zu Tische sitzt! Stattdessen – sich frei und schnell was reinschieben, das steht für Unabhängigkeit und Spaß. Was wäre Ihr Traum von Tischsitten im Kinderbuch?

 

Franziska von Au:

Früher lernte man Tischsitten, indem man mit Büchern unterm Arm aufrecht und mit angelegten Ellbogen saß, indem man Kinder strafte und kujonierte. Kinder mussten bei Tisch stehen oder saßen an einem extra Tisch, um nur ja nicht die Erwachsenen zu stören. Dass dies eine falsche – weil eben zu Ablehnung und zum Empfinden von Qual führende – Methode war, ist wohl jedem einsichtig, der so aufwachsen musste. Ich selbst bin nicht mehr so aufgewachsen, und ich denke auch nicht, dass das heute noch üblich und vor allem praktikabel ist. Kinder lernen von Klein auf vom „Abschauen“, also vom Vorbild der Eltern, von der Familie. Wenn es da also im Argen liegt ...

Ich habe Erich Kästners Buch nicht mehr komplett in Erinnerung, aber glauben Sie wirklich, dass es heute noch zu den allgemein von Kindern gelesenen Büchern gehört?

Nehmen Sie lieber „Pippi Langstrumpf“ als Vorbild  – auch hier lernen die Kinder, und zwar „vom Gegenteil“. So sehr sie fasziniert sind von der wilden Pippi, die alles darf und alles kann – im Grunde sind Kinder (und übrigens auch Jugendliche) heilfroh, wenn sie Grenzen gesteckt und aufgezeigt bekommen. Gegen die kann (und muss) man zwar rebellieren – aber das ist gut so. Denn nur wer Grenzen kennt und sie hin und wieder überschreitet, weiß, was sie wert sind.

Dasselbe gilt für Tischmanieren. Wer das gute Benehmen bei Tisch kennt – und hin und wieder mal alle Fünfe gerade sein lassen darf (siehe meine Beispiele oben), wird um so eher erkennen, dass manierliches Speisen seinen Sinn hat. Und dass es eben nicht nur starre unsinnige und nicht nachvollziehbare Regeln sind, sondern dass sie ihren Sinn haben. Und fürs das Zusammenleben, für gegenseitige Rücksichtnahme eben unerlässlich sind. Ich habe dies übrigens alles in meinem “Knigge für Kinder“ auch niedergeschrieben. Im reinen „Kulinarischen Knigge“ war da einfach zu wenig Platz dafür. Der kurze Anriss, den Sie jedoch erwähnten, war mir gerade deshalb wichtig.

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

Von Franziska von Au ist "Der kulinarische Knigge. Gute Umgangsformen bei Tisch" im Südwest Verlag erschienen. Der Ratgeber hat 144 Seiten und kostet 12,95.-

 

 

 

 

Ausgleichssport

Im unrepräsentativen Text: Das Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“

 

(jw) Bisweilen sitzen selbst junge Reiter nicht nur auf Pferden, sondern auch einmal vor Bildschirmen. Bei dem Ausgleichssport  zu verteidigen! Das Interesse an dem Vierbeiner mit dem Schweif daran lässt deswegen noch lange nicht nach, und da beginnt das Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“ in den Fokus zu rücken. Pferdenarr bleibt Pferdenarr: Bei dieser CD-Rom besteht eine gewisse Suchtgefahr, weil das Spiel echt Spaß macht. Die Animation ist gut, der Ehrgeiz wird geweckt. Nicht alles konnte ich testen: Die Funktion, mit Freunden zu reiten, zum Beispiel nicht, weil ich, sollte ich Freunde haben, sie den Stall ja nicht verlassen.

Doch zurück zum Spiel: Sehr verbesserungswürdig sind die Übersetzungen aus dem Englischen. Zum Teil wird gar nicht übersetzt, was aber ja modern und im allgemeinen Sprachgebrauch mittlerweile üblich ist. Zum Teil wird einfach der totale Schrott übersetzt. Beispiele für Pferdekennerinnen: Statt Rückwärtsrichten Zurückhalten, statt starkem Trab gestreckter Trab.

Die Kommentare (gesprochen und geschrieben) von Lucinda Green kommen anfangs noch abwechslungsreich daher, im weiteren Spielverlauf geht einem das Gerede auf den Geist, weil es nichts nützt und nur nach dem Zufallsprinzip abgewechselt wird.

Ein paar Aspekte sind leider realitätsfern, aber technisch wahrscheinlich sonst zu aufwendig. So kann man zum Beispiel auch nach der hundertsten Verweigerung immer noch weiter reiten. Mein Gott!

Ein bißchen Pädagogik ist auch dabei, weil man sein Pferd regelmäßig pflegen und streicheln muß, sonst funktioniert es einfach nicht. Und durch fleißiges Üben verbessert man sein Pferd und natürlich die eigene Fingerfertigkeit (bei der Dressur muß man auf den Pfeiltasten virtuos herumkloppen, beim Springen und im Gelände auf A für links und D für rechts, gelegentlich W für vorwärts und schneller und S für rückwärts und langsamer).

Im Librikon Korrespondentenbüro, das die Experten für Pferdethemen beherbergt, wird das Spiel über den beruflich notwendigen Elchtest hinaus und weit nach Dienstschluß gespielt und gespielt und gespielt.

 

Die CD-Rom kostet 19 Euro und hat keine Altersbeschränkung.

 

 

 

 

Ohne Vorbehalte, voller Vertrauen

Ein Interview mit Dr. med. Brigitte Holzgreve von der swissmom-Redaktion  

 

Librikon:

Auf Ihrer Website werden – anspruchsvoll aufbereitet – monatlich Themen rund um Schwangerschaft und Geburt behandelt. Wie kommen Sie zu den Themen bzw. die Themen zu Ihnen?

 

Dr. med. Brigitte Holzgreve:

Auf zweierlei Wegen: Erstens haben unsere UserInnen die Möglichkeit, ein Mail an info @ swissmom.ch zu schicken, wenn sie die Antwort auf ihre Frage nicht finden konnten. So erfahren wir sehr direkt, wo unsere Informationen noch Lücken haben oder nicht eindeutig genug ausgedrückt sind. Zweitens gibt es das swissmom-Forum (www. swissmomforum.ch), in dem täglich tausende von Beiträgen geschrieben werden. Wenn man die Themen dort verfolgt, sieht man auch sehr schnell, was Schwangere und junge Eltern interessiert. Unsere „Monatsthemen“ auf der Startseite sind so gewählt, dass sie für die Mehrzahl der UserInnen relevant sind. Ca. alle 15 Monate kann sich dann auch einmal ein sehr wichtiges Thema wiederholen.

 

Librikon:

Nehmen Sie auch kontrovers diskutierte Fragen auf? In Deutschland werden derzeit die „Technisierung“ der Geburt und die steigende Zahl an Kaiserschnitten debattiert. Wie stehen Sie, wie steht swissmom dazu?

 

Dr. med. Brigitte Holzgreve:

swissmom ist in der Schweiz die einzige Informationsplattform, die von allen Fachgesellschaften (d.h. Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen, Mütterberaterinnen, Stillberaterinnen, Apothekern usw.) vorbehaltlos empfohlen wird. Bei kontroversen Fragen versuchen wir, die Meinung der Fachleute zu vertreten - was nicht immer einfach ist, denn auch dort gibt es unterschiedliche Meinungen.

 

Librikon:

Die Beiträge in swissmom.ch sind fachmännisch, aber nicht unverständlich für Laien. Wer sind Ihre Autoren?

 

Dr. med. Brigitte Holzgreve:

Unser Redaktionsteam besteht aus Fachleuten, die viel Erfahrung in der Beratung von werdenden und jungen Eltern mitbringen und unterschiedlichste Berufsgruppen umfassen. Das reicht von der Ärztin über die Hebamme bis zur Lehrerin und Juristin.

 

Librikon:

Glauben Sie, dass in den Arztpraxen und Krankenhäusern „an den Frauen vorbeigeredet“ wird?

 

Dr. med. Brigitte Holzgreve:

Ich glaube, das grösste Problem ist oft der Zeitmangel in der Praxis und auch eine gewisse Einschüchterung durch die Autorität der Fachleute. Da traut man sich gar nicht, „dumme“ Fragen zu stellen – was im Schutze des anonymen Internets aber gar kein Problem ist.

 

Librikon:

In Kinderbüchern wird das Thema „Kinderkriegen“ oft behandelt. Welche Aspekte werden Sie für kleine Leser in den Vordergrund rücken?

 

Dr. med. Brigitte Holzgreve:

Kinder wissen genau, wieviel sie wissen wollen und blocken ab, wenn sie überfordert sind. Wichtig ist, dass sie immer vertrauensvoll fragen können, wenn sie wieder neugierig geworden sind. Es gibt viele sehr gute „Aufklärungsbücher“, die dies ganz behutsam erfassen. In Kinderbüchern sehe ich ausserdem den wichtigen Aspekt, ein älteres Kind darauf vorzubereiten, dass ein Geschwisterkind in die Familie kommt, mit allen Auswirkungen auf seine eigene Stellung in der Familie.

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

swissmom.ch ist die größte Schweizer Internetplattform für alles rund ums Kinderkriegen und Kinderhaben, bietet ca. 2500 informative Seiten und verzeichnet pro Monat fast eine Million Besucher.

 

 

 

 

Wie Milch zu Kakao wird

Im unrepräsentativen Test: Der Sipahh-Trinkhalm

 

(librikon) Dem Text des Sipahh-Trinkhalmes war einiges vorausgegangen. Diskussionen um den Zusammenhang von Bildung und Nahrung zum Beispiel. Diskussionen darüber, wie industriegesteuert auch gesunder Genuss sein darf. Diskussionen darüber, ob Kindern „umerzogen“ oder mit dem Wissen um ihre „Soft-Drink-Welt“ erzogen werden sollten (siehe dazu untenstehendes Interview). Nicht allen in der Librikon-Redaktion war der Sipahh-Trinkhalm unbekannt. In Frankreich gibt es ihn in den großen Supermärkten bereits zu kaufen. Bald kommt wohl auch in Deutschland mit Sipahh ein Trinkhalm in die Läden, der eine Geschmacksrichtung (unter anderem zur Auswahl: Erdbeer, Banane, Schokolade), intensiv und süß, bereits integriert hat: Trinkt man mit diesem Halm Milch, wird die normale Kuhmilch zu Erdbeer- oder Bananenmilch. Unsere (zugegebenermaßen: im normalen Leben reichlich Milch trinkenden) Test-Kinder schüttelte es. Was wurde nur aus der schönen Milch? Also fragten wir an Fanta, Cola und Sprite gewöhnte Kinder. Es funktionierte. Sie mochten das Süßgetränk. Die Test-Eltern –in Ernährungsfragen streng- bevorzugten nur die Sorte „Schokoladenmilch“. Richtig: Kakao also. Da erweist sich der Sipahh-Trinkhalm als praktischer, bequemer Kakaospender. Ideal für unterwegs, oder wenn man es leid ist, das Nesquik-Pulver vom Boden aufzufegen.  

 

 

Aufgeweichte Konsumgewohnheiten: Milch und Lebensstil

Ein Interview mit der Ernährungsberaterin Regula Thut Borner vom Kompetenzzentrum Milch in Bern

 

Librikon:

Milch hat für Kinder unbestreitbare Vorteile, aber die Konkurrenz bei der Getränkewahl ist größer geworden. Nun gibt es einen Trinkhalm aus Plastik, in den Geschmackskügelchen (Erdbeere, Banane, Schokolade etc.) integriert sind, so dass man ein Glas Milch trinkt, es aber nach Bananenmilch schmeckt. Sollte man Soft-Drink-gewöhnte Kinder mit so etwas dort abholen, wo sie geschmacklich sind, oder sollte man sie „umerziehen“?

 

Regula Thut Borner:

Es gibt Kinder, die Milch nur aromatisiert mögen, andere wiederum lieben vor allem die Abwechslung. Nichts ist für den Kindermund so langweilig wie das ewig Gleiche.

Am besten sind natürlich frisch gemixte Milchdrinks mit Vollmilch oder Buttermilch und Saisonobst. Mit einem Stabmixer geht die Zubereitung ganz schnell. Süssen kann man mit Zucker, Birnendicksaft oder Honig nach Belieben.

Schneller geht es mit Fertigprodukten: zum Frühstück eignen sich vor allem Milchzusätze auf Malzbasis oder mit Kakao. Pulver hat den Vorteil, dass die Eltern die Dosierung vorgeben können.

Als Zwischenmahlzeit am Nachmittag kann zur Abwechslung auch ein Erdbeer-, Bananen- oder Schokoladen-Shake angeboten werden. Dazu passen Obststücke oder eine Scheibe Vollkornbrot mit Butter. Die Trinkhalme mit den Aromakügelchen kommen bei den Kindern sehr gut an. Die Basis ist Zucker, hinzu kommen Aromastoffe und Hilfsstoffe. Die Menge Zucker, die in einem solchen Trinkhalm steckt, ist im Vergleich zum hohen Nährstoffvorteil, den die Milch bietet, durchaus akzeptierbar. Ob solche Produkte auch ökologisch sinnvoll sind, müssen die Eltern selber entscheiden.

 

Librikon:

Wir haben Kinder befragt: Es gibt einen (wenn auch nur sehr kleinen und vermuteten) Zusammenhang zwischen Buchnähe und Milchtrinken. Glauben Sie, dass Milch ein Getränk ist, das in bestimmten Zirkeln mehr als in anderen getrunken wird?

 

Regula Thut Borner:

Es gibt Konsumstudien, die zeigen, dass Milchtrinkerinnen und Milchtrinker tendenziell gesünder essen, weniger Genussmittel konsumieren und mehr Sport treiben. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Familien, die auf eine gesunde Ernährung Wert legen, sich auch bei anderen Lebensstilfaktoren gesundheitsbewusster verhalten. 

 

Librikon:

Milch kommt in modernen Kinderbüchern selten vor, in älteren hingegen schon. Milch gehörte in das Leben der Kinder, weil ihre Herstellung im Alltag der Kinder gegenwärtig war. Glauben Sie, dass durch die industrialisierte Milchproduktion Milch aus dem Erleben und dann als Folge aus dem Geschmackserleben verschwunden ist?

 

Regula Thut Borner:

Die Nähe zu einem Produkt hat bestimmt einen Einfluss auf die Verwendung. Trotzdem hat nicht die Industrialisierung der Milchproduktion hauptsächlich die Konsumgewohnheiten verändert, sondern das gewachsene Lebensmittel- beziehungsweise Getränkeangebot, und die veränderten, hedonistischen  Lebens- und Berufsgewohnheiten. Noch vor 50 Jahren kannte man als Frühstücksgetränk für Kinder nur Milch. Die Familie frühstückte zusammen an einem Tisch, die Eltern bestimmten, was auf den Teller kam. Heute sind die Frühstücksgewohnheiten völlig anders: Orangensaft, Limonaden und Energy-Drinks verdrängen die Milch vom Frühstückstisch, viele Kinder essen morgens alleine oder gar nichts, die Eltern bestimmen häufig nicht mehr über den Speiseplan, sondern kaufen, was die Kinder essen wollen. Feste Konsumgewohnheiten, die früher Bestandteil einer ganz normalen  Ernährungserziehung waren, sind aufgeweicht worden und haben einer "Laisser-faire"-Haltung Platz gemacht. Das hat dort Vorteile, wo früher Zwang ausgeübt wurde, aber auch Nachteile, weil Eltern ihre Vorbildfunktion nicht mehr oder zu wenig wahrnehmen wollen.

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

Regula Thut Borner ist diplomierte Ernährungsberaterin HF und ist für die Schweizer Milchproduzenten SMP im Kompetenzzentrum Milch in Bern tätig.

 

 

 

 

Lasst die Kinder in Ruhe!

Ein freizeitpädagogisches Statement für das freie Spiel

Von Martin Baud, Bern

 

Es ist bekannt: Die starke Zunahme des Strassenverkehrs, der Missbrauch der Strasse als Parkraum, die Verdichtung der städtischen Ballungsgebiete, die Abnahme der Kinderzahlen und die Entdeckung der Kinder als Konsumenten (s. Kasten) haben in den letzten 30 Jahren dazu geführt, dass sich die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für viele Kinder massiv verändert haben.

 

Freizeit ist ein Produkt der industriell-bürgerlichen Epoche. Alle Versuche, sie nicht negativ zu definieren (als Nicht-Arbeitszeit) scheitern an der Tatsache, dass Nicht-Arbeitende durch Konsum für die Produktion tätig bleiben müssen.
Kinder (und auch Jugendliche) sind Nicht-Arbeitende und also zum Konsum verdammt. Ein Augenschein in Kinderzimmer bestätigt es.

 

Gerade wohl die stärkste Veränderung für die Kinder betrifft die Möglichkeit, sich in ihrem Wohnumfeld selbständig und unbeaufsichtigt zu bewegen, zu spielen und andere Kinder zu treffen. Das "freie Spiel", jenes Spiel, welches in sich und aus sich selber seine Regeln definiert, ist kaum noch zu finden.

Die Folgen sind Bewegungsmangel, Mangel an Kontakt mit Gleichaltrigen, exzessiver Fernseh- und Computerkonsum, Unselbständigkeit und Phantasielosigkeit.

Unsere Gesellschaft hat es geschafft: Kindheit ist keine Subkultur mehr. Wir organisieren die Kindheit.

Es geht also nicht darum, die Freizeit der Kinder (noch mehr) zu "verplanen", sondern ihnen den Raum für ihr eigenes Spiel zur Verfügung zu stellen.

 

 

 

 

Wo sind sie geblieben

Naturschutz statt Kindergetrampel?
Ein Interview mit Claudia Günther, 
Jugendbildungsreferentin der Naturschutzjugend Brandenburg ( NAJU) 
 

Librikon:

Ein Spaziergang durch den Wald mit Kindern ist oft erschütternd: Keine andere Familie, kein Kind, das über Stock und Stein und querfeldein tollt, kein Kindergeschrei. Für die Eltern der heutigen Kindergeneration war der Wald noch ein normaler Spielort. Haben die Umweltschützer, hat die Ökobewegung über allen Naturschutz hin vergessen, den Kindern die Natur zum Spielen zu lassen?

 

Claudia Günther:

Da ich mehrere Male in der Woche im Wald unterwegs bin, kann ich leider nur bestätigen, dass Wälder für Familien und Kinder scheinbar nicht mehr zu den Orten gehören, die man für Freizeitaktivitäten oft und gerne nutzt. Die Familien findet man am Wochenende oder nach Feierabend in den großen Einkaufscentern, in Freizeitparks und auf Jahrmärkten, in Spaßbädern oder in den Wohnungen und Häusern vor der Glotze oder Playstation. Ich glaube nicht, dass in irgendeiner Weise die Umwelt- und Naturschützer daran Schuld haben, dass es zu solcher Naturentfremdung gekommen ist. Ganz im Gegenteil- sie sind heute, gemeinsam mit einigen Förstern, wohl die Einzigen, die versuchen den Kindern den Lebensraum Wald mit allen Sinnen nahe zu bringen, ihn kennen zu lernen, zu erforschen und zu verstehen und natürlich zu schützen. Ich weiß auch nicht, ob der Wald früher begehrter und bespielter war als heute. Auf jeden Fall hat es die von Ihnen beschriebene Elterngeneration nicht geschafft, die in der Kindheit gemachten Erfahrungen und Erlebnisse in der Natur ausreichend an ihre Kinder weiterzugeben. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das die Sorge vor den vielen möglichen Gefahren, die im Walde auf Kinder lauern könnten und die sind leider oft nicht unberechtigt. Die Angst geht um - nicht nur vor dem bösen Mann, sondern vor freilaufenden Hunden, vor Zecken und dem Fuchsbandwurm. So wird der Waldspaziergang zur Tortur. Man darf die Blau- und Himbeeren nicht mehr vom Wegesrand naschen, Pilze werden seit Tschernobyl nur noch ungern und wenig gegessen, Büsche und Sträucher meidet man, weil man in ihnen Zecken vermutet, die Wege sind von Pferden zerritten und man muss sich, genau wie auf der Straße, ständig vor Hundehaufen und Pferdeäpfeln in Acht nehmen. Meist kommt noch dazu, dass die Wälder von Straßen zerschnitten sind und man ständig irgendeine Autobahn oder Straße als Begleitgeräusch bei sich hat. So verlieren nicht nur die Eltern schnell die Lust am Waldspaziergang. Und es ist doch auch so viel einfacher, die Kinder zu Hause vor den Fernseher oder Computer zu setzten. Denn auch dort laufen ja vereinzelt Sendungen über den Wald, da können sich die Kleinen alles genau ansehen. Die Zeit ist schneller und lauter geworden. Viele Eltern sind mit Job, Haushalt und Kindern völlig überfordert. In ihrer freien Zeit fehlt ihnen die Kraft, sich aufzurappeln und in den Wald zu gehen. Oft ist dieser auch noch ein gutes Stück vom Wohnort entfernt. Wozu soll man sich also noch selber auf die Socken machen. Leider ist auch viel Wissen um die Natur verloren gegangen und die meisten Eltern können auf den Fragen der Kinder im Wald gar nicht antworten. Das Schulwissen allein reicht dazu meist nicht aus oder ist längst vergessen. Das gleiche beobachte ich bei Kindergärtnerinnen. Auch sie scheuen sich oft vor Ausflügen in die freie Natur, da sie selbst nicht gut Bescheid wissen und oft die einfachsten Fragen nicht oder nur falsch beantworten können. (Wie heißt diese Blume? Ist der Pilz giftig? Was ist das für ein Baum? Wie lebt dieser Käfer? usw.) Und da es im Wald jede Menge zu entdecken gibt, gibt es auch dementsprechend viele Fragen. Wir Naturschützer lassen Kindern im Wald jede Menge Freiräume zum Spielen, lernen ihnen aber, dass man Rücksicht auf die Waldbewohner zu nehmen hat und den Wald auch immer so verlassen soll, wie man ihn vorfand oder gerne vorfinden möchte. Dazu gibt es ein paar Regeln, die aber den Kindern in keiner Weise den Spaß verderben.

 

Librikon:

Man kennt das bei Kindern: Dreimal, viermal wird eine Blume gepflückt, zuhause in ein Glas gestellt, das Kind sieht beim Verwelken zu und ist dann traurig, wenn die Blume weggeworfen wird. Beim nächsten Pflücken denkt es darüber nach. Werden Menschen, die keine Blumen und Tiere in der freien Natur kennen, sie auch nicht schützen können?

 

Claudia Günther:

Da ist sicher etwas Wahres dran. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel. Ich denke, dass Menschen, die die Wunder der intakten Natur einmal kennen gelernt haben, sich persönlich ganz anders um den Schutz und Erhalt kümmern und dafür einsetzten. Gerade im Natur- und Umweltschutz kann man ja auch vieles falsch machen und so ist es wichtig, gut Bescheid zu wissen. Nehmen wir nur das Beispiel der Entenfütterungen an den Seen und Teichen mit Brot. Sicher denken viele Leute, dass sie den Tieren damit etwas Gutes tun. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur die Gewässer werden vom absinkenden Brot stark verunreinigt, auch die Population der Wasservögel kommt durcheinander. Das Ergebnis sind dann meist viel zu viele Tiere an zu kleinen Gewässern. Oder denken wir an den kleinen Igel im Herbst, der gut gemeint im Keller eine Kiste zum überwintern bekommt. Dadurch kann er im nächsten Frühling erst mit der Quartiersuche beginnen, wenn sich die anderen Igel, die in ihrem Quartier überwintern, bereits paaren. Unser Igel wird auch wieder sehr spät Junge bekommen, die dann im Herbst zu klein sind und Hilfe brauchen usw. Es ist wichtig, dass wir an Hand der Natur ganz praktisch den Kindern die Naturkreisläufe beibringen und sie so lernen, dass der Tod zum Leben dazugehört und einer vom anderen abhängig ist. Leben entsteht und Leben vergeht und da sind wir dann noch mal bei dem Beispiel mit der Blume. Da  habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich denke, dass gerade Blumen auch zu unserer Freude wachsen und dass es zu jedem  fröhlichen Menschenleben dazugehört, hin und wieder Blumensträuße in der Natur zu pflücken. Ich glaube, dass Kinder gar nicht so traurig sind, wenn ihre Blume dann nach einigen Tagen verwelkt. Dazu ist unsere Gesellschaft zu kurzlebig. Wichtig ist es, den Kindern beizubringen, nur das abzupflücken, was man wirklich braucht. Das ist wohl eher ein Problem, dass heute oft achtlos was abgerissen und dann gleich wieder weggeworfen wird. Leider leben wir in einer Wegwerfgesellschaft und so haben wir Naturschützer alle Hände voll zu tun, Zeichen dagegen zu setzen.

 

Librikon:

Indoor-Spielplätze, Freizeitparks, Events, Ganztagsunterbringung – bleibt nicht viel Zeit und Raum für Kinder, die wohl ganz aus dem Stadtbild - und den Wäldern - verschwinden werden. Was würden Sie Eltern empfehlen, um bei Kindern die Liebe zu Tieren und Pflanzen zu wecken?

 

Claudia Günther:

„Gute Vorbilder sind die besten Wegweiser“

Fast alle Kinder sind von Natur aus tierlieb und gerne in der freien Natur. Ich kenne kaum ein Kind, das sich nicht irgendwann einmal ein eignes Haustier gewünscht hat und dafür gerne sorgen würde.

Ich weiß auch, dass Kinder schnell und leicht für gute Aktionen in der Natur zu begeistern sind und dann auch den Fernseher und das Handy völlig vergessen. Aber sie brauchen jemand, der sie auf die Spur schickt, ihnen die Welt und die Zusammenhänge kindgerecht erklärt und sie begleitet und anleitet. Leider sind viele Eltern dazu nicht in der Lage. Deshalb gibt es z.B. die Naturschutzjugend (NAJU). Ich würde diesen Eltern empfehlen, ihr Kinder zur NAJU zu schicken. In unseren Gruppen lernt man die Natur besser kennen, wird in ihr aktiv und hilft mit sie zu schützen, denn wir verstehen uns als Sprachrohr für Tiere und Pflanzen, deren Lebensräume bedroht sind.

 

Librikon:

Für viele Eltern beginnt die Gymnasialzeit des Kindes mit dem Schreck, dass auf dem Lehrplan das Fach „Biologie“ nicht mehr auftaucht. „Naturwissenschaften“ heißt es jetzt, und das wird häufig zusätzlich noch für „Computer“ genutzt. Was könnten Eltern tun, um ihren Kindern trotzdem die Grundlagen zu vermitteln? Zu welchen Büchern sollten sie greifen?

 

Claudia Günther:

Das ist nicht so ganz leicht zu beantworten. Es gibt sehr viele gute Bücher, aber das hängt ja auch immer mit der Interessenlage des einzelnen Kindes ab. Gerade in dem Alter gibt es schon richtig kleine Spezialisten, die sich z.B. gezielt  für Schmetterlinge oder Fledermäuse interessieren. Die Fachbücher sind jedoch oft so speziell, dass Kinder schnell die Lust verlieren, darin zu lesen. Wenn Eltern ihren Kindern Grundlagen vermitteln wollen, dann müssten sie zuerst zum Buch greifen und alters- und entwicklungsgerechte Literatur raussuchen. Dafür gibt es Büchereien und das Internet. Aber auch hier kann die NAJU helfen. Wichtig ist es, dass in Naturgeschichten die Fakten stimmen und Kinder nicht irgendwelche komischen Dinge beigebracht bekommen, die sie sich ein ganzes Leben falsch einprägen. Das ist immer dann der Fall, wenn Tiere und Pflanzen vermenschlicht werden und plötzlich Bienenvater und Bienenmutter gemeinsam ihr Bienenkind in der Wiege schaukeln.

 

Librikon:

„Leseförderung“ ist zur Zeit das große Schlagwort. Die Kinder sollen um der Zukunft willen lesen, nicht um ihrer Kindheit willen. Würden Sie sagen: Es gibt Wichtigeres für Kinder? Wald, Wiese, Vögel? 

 

Claudia Günther:

Ich finde schon, dass Lesen für Kinder ganz wichtig und schön ist. Kinder sollen aber auch um ihrer Kindheit willen lesen, damit sie die Welt und das Leben kennen lernen, Abenteuer bestehen und ihren Sprachschatz und ihr Wissen erweitern. Aber lesen ist eben nicht alles. Man kann seine Phantasie durch das Lesen anregen, man kann sich Wissen aneignen, aber dann kommt der Zeitpunkt, wo man aus der Lese- und Traumwelt in die Realität muss. Hier erst kann man all das selber kennen lernen und umsetzten, was in den Büchern halt nur beschrieben wird. Es ist wohl die gute Mischung von Lesen und praktischem Umsetzten und handeln. Sobald der Mensch einseitig wird, fehlt ihm ein wichtiger Teil. Auf jeden Fall sind Wald und Wiese, Vögel und Schmetterlinge, Regen und Sonne live erlebt für Kinder und für jeden Menschen spannender und schöner als das allerbeste Buch.

 

„Und horch, die Amsel singt so leicht,

sie predigt jedem Hörer:

komm in der Wirklichkeit Bereich.

Natur- sie sei dein Lehrer!“

 

Librikon:

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

 

Der Naturjugendschutzbund hat ca.3000 Mitglieder 
in Brandenburg, die zwischen 6 und 27 Jahre alt sind. 
Weiter Infos: www.naju-brandenburg.de

 

 

 

 

Wie man isst und trinkt, daran zweifelt niemand, ist eine Frage der Kultiviertheit – genau wie Lesen. Kinder, die von ihrer Ernährung her vernachlässigt werden, können nur schlecht zu Lesefutter finden. In den aktuellen Diskussionen werden einzelne Aspekte herausgegriffen, die man in größere Zusammenhänge setzen müsste. Zum Essen wie zu Lesen gehört Zeit, Ruhe, Gelassenheit, Freude, Ehrlichkeit sich selbst und seinem Geschmack gegenüber. Fünf Fragen an die Ernährungswissenschaftlerin Frau Dr. Anne Hatalak-Rauscher.

 

Librikon:

Die flächendeckende Ganztagsschule wird, so steht zu befürchten, eine ganze Generation von Kindern an eilig eingenommene vorgekochte Fertigkost gewöhnen. Welche Folgen hat das? Was können Eltern tun?

 

Dr. Anne Hatalak-Rauscher:

Fast Food und Hektik lassen unseren Geschmackssinn abstumpfen, auch der übermäßige Verzehr von Zucker, Salz und zugesetzten Aromastoffen lässt diesen verkümmern. Dazu kommt, dass industriell vorgefertigte Nahrungsmittel die Geschmacksvielfalt drastisch einschränken. Oft enthalten diese hochverarbeiteten Fertigprodukte weniger oder nur künstlich zugesetzte Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und machen sie damit ernährungsphysiologisch weniger wertvoll. Hektik, Lärm und eine ungemütliche Atmosphäre lassen Kinder schnell essen. Eltern können gemeinsam mit den Kindern und Lehrkräften der Schule Konzepte entwickeln, wie dies alles verbessert werden kann, durch die Gestaltung des Raumes, durch ansprechendes Geschirr und natürlich bei der Auswahl des Zulieferers der Mahlzeiten. Zu Hause kann eine unausgewogene Schul-Mahlzeit mit hochwertigen Lebensmitteln, viel Frischkost, liebevoll gekochten Gerichten und einer entspannten Atmosphäre ausgeglichen werden. Durch Zeit und Muße beim Essen werden alle Sinne angesprochen, die Sättigung wird bewusst erlebt, eine Esskultur mit Gesprächen und der Verfestigung der sozialen Kontakte ist erlebbar.

 

Librikon:

Sie fordern, beim Essen „alle Sinne“ anzusprechen. Warum und wie soll das geschehen?

 

Dr. Anne Hatalak-Rauscher:

Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme. Essen und Trinken hat sehr viel mit Gefühl und sich wohlfühlen zu tun. Es dient der Befriedigung einer Vielzahl von Gefühlen und Bedürfnissen, nicht nur des Hungers und Durstes. Wenn mit allen Sinnen gegessen und getrunken wird, können diese Bedürfnisse eher befriedigt werden. Nicht umsonst heißt es: Das Auge isst mit! Zeit und Muße sind Grundvoraussetzungen dafür. Intensives Riechen und Erschmecken der Mahlzeit fördert den Genuss. Schmecken und Tasten  mit verbundenen Augen, Duftmemories oder das gemeinsame Zubereiten von Mahlzeiten sprechen alle Sinne an und ermöglichen einen ganzheitlichen Umgang mit Lebensmitteln. Auch bei Genussreisen können diese Sinne erlebbar gemacht werden.

 

Librikon:

Wenig Geld für eine möglichst große Menge: Die Quantität steht bei vielen Einkäufen im Vordergrund, sparen und dabei mehr bekommen ist „common sense“ in der Konsumgesellschaft. Wie könnte man bei seinem Einkaufsverhalten ganz praktisch umsteuern?

 

Dr. Anne Hatalak-Rauscher:

Gutes Essen hat seinen Preis, bei der Nahrungsmittelproduktion kann nicht endlos gespart werden, ohne dass die Qualität leidet. Aber auch mit kleinem Budget können hochwertige Lebensmittel erstanden werden. Ein Einkaufszettel kann bei der Planung helfen, damit nicht zu viel erworben wird, das dann doch nur in den Müll wandert. Einkäufe von Großpackungen, Sonderangeboten, oder Lebensmittel, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen, schonen den Geldbeutel. Oft bietet sich ein Preisvergleich an, der erleichtert wird, durch die Preisangaben pro 100g oder 1kg, die auf den Preisschildern am Lebensmittel im Supermarkt vermerkt sein müssen. Beim Einkauf direkt beim Erzeuger fällt der Profit für den Zwischenhändler weg. Auch der Verzehr von saisonalen Produkten strapaziert den Geldbeutel nicht zu sehr, Erdbeeren im Winter sind einfach zu teuer. Zusammenfassen könnte man das mit dem Slogan: Qualität statt Quantität.

 

Librikon:

Geschmack ist etwas sehr Individuelles. Wie können bei Kindern die Grundlagen gelegt werden, sich und die eigenen Vorlieben kennenzulernen?

 

Dr. Anne Hatalak-Rauscher:

Die Geschmacksvorlieben werden schon in frühester Kindheit geprägt. Wer mit Fertigprodukten aufwächst, dem schmecken die frischen Varianten nicht. Dies sollte man sich klar machen und sein eigenes Essverhalten unter die Lupe nehmen. Aber auch später kann die Verknüpfung von Schmecken und Riechen mit Genuss und Wohlbefinden zu einem gewissen Grad erlernt werden. Sinnesschulungen, auch in Kita und Schule, unterstützen die Veränderungen bei den Nahrungspräferenzen. Außerdem sollte der Genuss von gesunden Lebensmitteln immer von positiven Gefühlen begleitet sein, also der Spaß und die Lust im Vordergrund stehen, nicht der erhobene Zeigefinger. Beim selbständigen Werkeln mit Brötchenteig oder Salatzutaten entwickelt sich ein gutes Verhältnis zu den Lebensmitteln, das Selbstgeschaffene will auch verzehrt werden. Entdeckergeist und Experimentierfreude muss gefördert werden.

 

Librikon:

Gibt es Nahrungsmittel, die Kinder grundsätzlich nicht zu sich nehmen sollten?

 

Dr. Anne Hatalak-Rauscher:

Außer Alkohol, schwarzem Tee und Bohnenkaffee, gibt es eigentlich nichts, was Kindern nicht auch probieren können. Auf Grund von Allergien müssen natürlich individuell manche Lebensmittel ausgeschlossen werden. Nach der Stillzeit empfiehlt es sich jeweils ein neues Lebensmittel einzuführen, um gleich eventuelle Intoleranzen feststellen zu können. Es ist nicht notwendig alle Geschmacksvariationen bei Babybrei durchzuprobieren, das verwirrt nur die Sinne. Salz und Zucker, Gewürze und Kräuter sind anfangs überflüssig, damit wird der eigentliche Geschmack überdeckt oder verfälscht.
Völlig unnötig sind spezielle Kinderlebensmittel, von den Milchschnitten, über Kinderbonbons oder Kinderwurst. Die Werbung möchte uns glauben machen, unseren Sprösslingen damit etwas Gutes zu tun. Leider sind sie oft reich an Fetten und isoliertem Zucker. Auch die Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist oft zu viel des Guten., die Versorgung damit wäre durch frische Lebensmittel vollständig gedeckt. Kinderlebensmittel müssen nicht unbedingt an die Bedürfnisse der Kinder angepasst sein; ein Kinderlebensmittel ist, was sich der Hersteller darunter vorstellt.

Was jedoch wichtiger als das „was“ ist, ist das „wie viel“. Obst und Gemüse, auch Brot und  Kartoffeln, Reis oder Nudeln, am besten in Vollkornvariation, dürfen öfter und in größeren Portionen auf den Tisch kommen; Fettes und Süßes, auch die süßen Limonaden dürfen als kleine Zugabe durchaus auch sein, aber eben nicht zum Sattessen. Das heißt eine Kugel Eis oder eine Hand voll Chips oder ein kleines Glas Limo am Tag sind erlaubt.

 

Die Diplom-Oecotrophologin Dr. Anne Hatalak-Rauscher, Jahrgang 1965, promovierte als EU-Stipendiatin in Norwich, Großbritannien.Mit einer Praxis für Ernährungsberatung machte sie sich 1997 in Lohr am Main selbständig. Ein besonderes Anliegen ist ihr die ganzheitliche, genussbetonte Ernährungserziehung, vor allem von Kindern. Weitere Schwerpunkte sind Esskultur, Ernährungsberatung bei Übergewichtigen und Allergikern, und Vorträge zu allgemeinen Ernährungsthemen.

 

 

 

 

"Der verlorene Kampf um die Wörter. Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt" Ein Interview mit Monika Gerstendörfer

 

Librikon:

Ihr Buch „Der verlorene Kampf um die Wörter“ ist ein Plädoyer für einen feinfühligeren Umgang mit Sprache bei Ausdrücken aus dem Bereich sexualisierter Gewalt. Solche Forderungen können, gerade in Bezug auf Wortwahl in Kinder- und Jugendbüchern, Erfolg haben, man denke nur an "Negerküsse", "Zigeuner" oder "Eskimos". Verlage und Autoren, die schwierige Themen in Büchern für Jugendliche angehen, sollten bemüht sein, eine angemessene Sprache zu verwenden. Bei welchen Begriffen empfehlen Sie genaues Hinsehen?

 

Monika Gerstendörfer:

Bei allen Begriffen, die rassistische und sexistische Inhalte transportieren. Dies gilt auch für den allgemeinen Umgangston, den ich ebenfalls zur Sprachführung zähle. Bekanntlich macht der Ton die Musik... Ebenfalls würde ich stereotype Szenen vermeiden. Wenn ich einen Satz lese wie „Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause“, dann frage ich mich, in welcher Zeit und auf welchem Planeten der Autor lebt? Es reicht eben nicht, eine feine literarische Feder schwingen zu können. Man muss von Autor/innen erwarten dürfen, dass sie politisch und gesellschaftlich bestens informiert sind. Das ist heutzutage einfacher denn je. Newsletter-Abos kommen kostenlos in den elektronischen Briefkasten. Es gibt eine Fülle ausgezeichneter Webseiten, die man regelmäßig besuchen sollte; Mailinglisten, wo man sich austauschen kann u.v.m. Je besser man informiert ist, desto wacher wird man, desto eher fallen Unwörter und sprachliche Entgleisungen auf. Natürlich erfordert das Zeit und Mühen. Aber so viel sollten uns Kinder und Jugendliche schon wert sein. Auch die Initiative „Unwort des Jahres“ von Professor Schlosser kann helfen; sowie die Lektüre von Songtexten der so gefeierten deutschen Skandal-Rapper, die vor Gewalt nur so strotzen. Um es metaphorisch auszudrücken: Ich verlange von Autor/innen, dass sie die Sprache nicht benutzen wie der Landschaftsmaler den mit Farbe getränkten Pinsel. Ich möchte, dass sie hinter die Leinwand schauen.

 

Librikon:

Die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenbüchern zerfließt immer mehr. Das beeinflusst den Inhalt der eigentlich für Kinder bestimmten Bücher. In Karla Schneiders „Die Geschwister Apraksin“ wird, neben vielen Gewalterfahrungen, am Rande und ohne drastische Worte eine Vergewaltigung mit Schwangerschaft als Folge bei einem 15-Jährigen Mädchen erwähnt. Pauschal gefragt: Sollte man das überhaupt thematisieren? Wenn ja, welche Begriffe und Sichtweisen sollte man meiden?  

 

Monika Gerstendörfer:

Zunächst zu den sich auflösenden Grenzen. Das halte ich für ein ganz großes Problem unserer Zeit. Es ist nicht zufällig, dass dann Grenzüberschreitungen der unterschiedlichsten Art immer „normaler“ werden. Spontan dachte ich bei dieser Frage auch an das bereits 1982 erschienene Buch von Neil Postman „Das Verschwinden der Kindheit“, und ich füge hinzu: ein Verlust der Jugendphase ist ebenfalls zu beobachten. Entwicklungspsycholog/innen müssten hier eigentlich laut „Stopp!“ schreien. Man darf Kinder in bestimmten Entwicklungsphasen nicht mit Themen oder Problemen konfrontieren, die sie überfordern. Überforderung ist das Gegenteil von Förderung. Ich gebe einem Kleinkind ja auch kein scharfes Chili con carne zu essen, weil das sein Verdauungssystem mehr als nur überfordern würde.

Zu dem von Ihnen erwähnten Buch. Ich denke, Kinder und Jugendliche haben das Recht auf Träume, auf Entspannung beim Lesen. Wir Erwachsenen lesen ja auch nicht nur Bücher über Gewalt oder all die Probleme dieser Welt. Träumen ist wichtig für die Entwicklung der Phantasie. An der mangelt es in unserer Zeit mehr denn je. Neil Postman sagte übrigens vor 25 Jahren bereits dies: „... es ist für die elektronischen Medien unmöglich, irgendwelche Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie Kindheit nicht geben.“ Da hat er Recht. Ich finde, dass Bücher mit Problemthemen eher pädagogisch und fachlich korrekt aufbereitet werden sollten. Also in ein anderes Genre platziert gehören. Belletristik-Autor/innen haben in der Regel keine Ahnung von Triggern (engl. Abzugshahn, Auslösereiz für die Erinnerung an Gewalterlebnisse); ja, sie wissen noch nicht einmal, wie viele Trigger sie über Begriffe oder Beschreibungen in ihre Bücher „einbauen“. Das kann fatal sein. Wenn nämlich ein Kind, das zu Hause Gewalt erdulden muss, so etwas liest, dann kann ein Wort, ein Satz, eine Episode des Buches all die traumatischen Erinnerungen über es geradezu hereinbrechen lassen. Und da man nicht davon ausgehen kann, dass sofort eine Traumatherapeutin zum Fenster hereinschwebt, um das Schlimmste abzuwenden, wird dieses Kind re-traumatisiert werden, wie wir das nennen. Das darf man nicht tun. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin dafür, dass auch Kinder informiert sind. Doch das ist meines Erachtens eine andere „Baustelle“. Auch hier werden also Grenzüberschreitungen vorgenommen. Wenn Kinder solche Bücher lesen, von denen sie eigentlich erwartet haben, dass sie sich daran erfreuen können, dann jedoch in seelische Nöte gestürzt werden, nehmen sie vielleicht nie wieder ein Buch zur Hand.

Und noch ein Wort zur Thematisierung einer Vergewaltigung ohne drastische Worte. Das Problem dabei ist, dass es kaum etwas Drastischeres gibt als eine Vergewaltigung. Die „Botschaft“ dieser Tat lautet zusammengefasst so: „Du existierst nicht!“ Unabhängig davon, ob kindliche oder jugendliche Leser/innen solches bereits erdulden mussten, muss die „eine Wahrheit“ angesprochen werden: eine Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt an sich, ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann. Es ist ein Frontalangriff auf unser Energiezentrum, ein lebensbedrohliches Trauma. Nichts, aber auch gar nichts, wird „danach“ wieder so sein wie es vorher war. Diese Tatsache wird über die Medien höchst selten vermittelt.

 

Librikon:

Sie sprechen von der „Abwertung von Weiblichkeit“ und „Sexualisierung der Kindheit“ und schreiben: „Immer mehr Mädchen versuchen, mit Make-up und Kleidung möglichst erwachsen auszusehen“. Mich selber erstaunt immer wieder, wie sehr Mode schon bei 11-Jährigen von öffentlichen Abbildern, wie es Kika-Moderatorinnen (zum Beispiel bei Piercings) oder auch Buchcover sind, bestimmt wird. Was halten Sie bei Jugendbüchern für eine gute Cover-, was für eine von Unbedachtheiten geprägte Cover-Gestaltung?

 

Monika Gerstendörfer:

Unbedacht ist, wenn man nicht mehr erkennen kann, ob das nun eine Frau, ein Mädchen oder ein Kind ist. Da haben wir erneut die Vermischungen und Verwischung von Grenzen. Bei manchen Mädchen hat man aufgrund der Schminke und der Kleidung das Gefühl, die kämen direkt vom Straßenstrich. So etwas macht mich traurig; und wenn es noch so „trendy“ ist. Das muss man auf Buchcovern nicht nachmachen, also nochmals abbilden und damit verstärken. Es ist auch nicht „cool“, sondern schlicht unverantwortlich. Meine Nichte erzählte mir im Alter zwischen 12 und 14 Jahren immer wieder, dass sie echt nicht wüsste, was noch lesen! Dabei ist sie eine Leseratte. „Da ist immer Sex oder was mit Verliebtsein drin. Aber das ist langweilig. Ich will das nicht lesen. Die zwingen das auf. Dürfen die das eigentlich? Warum gibt es nicht mehr Geschichten über Tiere?“ Da habe ich die Ohren gespitzt! Und wenn ich mich an meine eigene Kindheit erinnere, kann ich das nachvollziehen. Abenteuer- und Freundschaftsgeschichten waren meine Lieblingsthemen. Damals gab es noch genügend Titel dazu. Heutzutage bekommen sie als Autorin sofort eine Absage, wenn in ihrem Buch ein Kasperle, sprechende Bienen und Ameisen vorkommen. Das kann noch so spannend, lustig und phantasievoll sein. Die Lektor/innen werfen das sofort in den Papierkorb. Nicht realistisch genug...

 

Librikon:

Der abwesende Vater, der als „Spotlight“ im Kinderleben auftaucht, ist in der Kinderliteratur wie in der Wirklichkeit das normale. Langsam aber ändert sich das: In der „Vinni“-Reihe eines schwedischen Autors steht der Blick auf den Vater, den seine Tochter Vinni oft sieht (die Eltern sind geschieden, sie lebt bei der Mutter), im Vordergrund. Ebenso bei den „Willi Wiberg“-Bilderbüchern. Alle Bände dieser Reihen sind Bestseller. Wie aber soll man damit umgehen, wenn doch, wie Sie schreiben, das Böse, häufig von Männern ausgehend, aus unserer Mitte kommt und dort auch ständig existiert? Ist es nicht besser, Männer aus dem Kinderleben zu verbannen (wie etwa auch keine männlichen Kindergärtner zuzulassen)? Werden Kinder nicht noch wehrloser, wenn Männer auch noch die Kinderbücher dominieren und so Handlungsmaximen vorgeben?

 

Monika Gerstendörfer:

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Väter endlich mal auftauchen. Wenn die wirkliche Welt da zu „langsam“ ist, spricht nichts dagegen, wenn Väter in Kinder- und Jugendliteratur vermehrt auftreten. Das kann den Kindern nur gut tun. Dann ist es im von Ihnen erwähnten, spezielleren Fall aber so, dass Scheidungskinder in der Regel traumatisiert sind. Die Trennung der Personen, von denen sie abhängig sind, ist für sie ein ungeheuer einschneidendes Erlebnis, das sie ihr Leben lang begleitet. Insbesondere, wenn die Eltern einen Rosenkrieg führen. Von daher dürften positive Gegenbeispiele bei betroffenen Kindern, von denen es wegen der hohen Scheidungsrate ja immer mehr gibt, gut ankommen. Das gilt nicht für die Kinder, wo der Vater während der Ehe Gewalt gegen die Mutter und/oder gegen sie selbst ausgeübt hat. Für solche Kinder ist es unglaublich erleichternd, wenn der Vater eben nicht mehr auftaucht, denn das ist ja der Mann, vor dem sie schreckliche Angst haben. Gleichwohl wünschen sich alle Kinder einen liebevollen Vater und natürlich eine liebevolle Mutter. Manche träumen ihre ganze Kindheit diesen Traum, und ich finde, dass Träumen erlaubt sein muss. Wenn man es durch Kinderbücher schaffen könnte, dass Kinder den Wunsch entwickeln, später eine Familie aufzubauen, in der alle respektvoll miteinander umgehen, dann wäre das wunderbar! Damit ist Ihre zweite Frage angesprochen: Männer dürfen nicht „verbannt“ werden. Im Gegenteil. Die Frage ist jedoch: welche Männer(vorbilder)?

 

Librikon:

Es erscheint demnächst ein Buch zum Thema Stalking: „Du gehörst mir allein“ von der deutschen Redakteurin Patricia Mennen. Dort wird ein Lehrer von einer Schülerin verfolgt. Halten Sie diese Konstellation für „aus dem Leben gegriffen“?

 

Monika Gerstendörfer:

Ja und nein. Ja, weil es vorkommen kann. Nein - aus diesem Grund: Wenn man solch ein brisantes – zugleich noch nicht etabliertes – Thema angeht, dann sollte man genügend Hintergrundwissen haben. Dazu gehört auch die Kenntnis über die Statistiken. Also wer betreibt Stalking hauptsächlich? M.a.W.: die Täter-Opfer-Verteilung bzgl. Geschlechts- Alterszugehörigkeit usw. Um es provokant auszudrücken: Ich kann auch das allererste Buch über Schwäne schreiben, in dem ausschließlich schwarze Schwäne vorkommen... Wenn sich Autor/innen vorgenommen haben, reale Probleme zum Inhalt ihrer Bücher zu machen, dann sollten sie auch die realen Verhältnisse widerspiegeln. Wohlgemerkt! Ich spreche hier nicht von „political correctness“ o.ä. Ich meine diesen Trend zur (unbewussten) Verfälschung, zur Ungleichgewichtigkeit – wie wir es aus den Medien ja gewohnt sind. Das halte ich definitiv für Hirnwäsche.

 

Librikon:

Zur Zeit haben Jugendbücher mit Geschichten über Magersucht Bestselleraussichten. Sollten sich die Autoren vorab mit Gewalterfahrungen auseinandersetzen?    

 

Monika Gerstendörfer:

Auf jeden Fall! Ich habe als Studentin der Psychologie – das dürfte um die 30 Jahre her sein – eine Untersuchung zu Anorexie und Bulimie gemacht und dazu Therapeut/innen dieser Klientel interviewt. Eine Psychotherapeutin und Ärztin sagte mir allen Ernstes: „Ach, ich finde es ja eigentlich toll und beneidenswert, dass die so dünn sind.“ Ich war fassungslos. Wie soll diese Frau eine solch lebensbedrohliche Krankheit heilen können? Ähnliches gilt für Autor/innen. Sie müssen haarscharf aufpassen, was sie da für Botschaften verbreiten. Es ist eine Gratwanderung, die sorgfältig bedacht sein sollte. Ich würde ein solches Buch Testleser/innen meiner Zielgruppen geben und mir ihre Meinung anhören. Ich mache das mit allen meinen Büchern, Artikeln und Kurzgeschichten so. Meine Nichte war in jungen Jahren schon eine höchst nützliche und kritische Testleserin. Sie weiß längst, was ein Manuskript ist. Das habe ich ihr erklärt, und dann sagte sie manchmal: „Aber auf Seite x hast Du ganz schön viele Tippfehler drin.“ Oder Inhaltliches: „Also ich finde das ja nicht besonders logisch, was Du auf Seite y geschrieben hast. Kannst Du das nicht besser schreiben?“

Und wenn ich darf, dann würde ich am Schluss noch gerne eine Sache ansprechen. Ich meine das schöne Wort ‚Muße’. Dieses Wort kennen viele schon gar nicht mehr; geschweige denn das Gefühl... Ich wünschte mir, dass gerade in der Belletristik für Kinder und Jugendliche die Muße wieder eine Chance zur Heimkehr bekommt.

 

Monika Gerstendörfer, Jahrgang 1956, ist Diplompsychologin, Menschenrechtlerin und freie Autorin. Sie studierte angewandte Sprachwissenschaft, Psychologie und Psycholinguistik; arbeitete zunächst in der Wissenschaft (IBM Science Center, Universität Heidelberg) und seit nunmehr 15 Jahren in Menschenrechtsorganisationen (Terre des Femmes e.V., Deutscher Akademikerinnenbund, Forum Menschenrechte. Lobby für Menschenrechte e.V.), im "Observatory against Violence on Women" der EWL (Europäische Frauenlobby, Brüssel), im Europarat (Straßburg); und als Sachverständige bei Anhörungen auf EU-, Bundes- und Landesebene. 2005 wurde sie mit den "1000 Women for Peace" für den Friedensnobelpreis nominiert.

 

Das Buch:  Gerstendörfer, Monika: Der verlorene Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung, Junfermann 2007. ISBN: 3-87387-641-8

19,50.-

Es ist für jeden zu empfehlen, der mit Bedacht Begriffe verwenden möchte - und für jeden, der für eine breitere Öffentlichkeit spricht oder schreibt.

 

 

 

 

Hoch

 

 

   
 

copyright by librikon