Tag für Tag bin ich auf Freunde
angewiesen. Meine Familie ist ein derart einnehmender Teil meines
Lebens, dass ich viel zu wenig zu anderem komme. Wären da nicht meine
Freunde und Freundinnen, die immer wieder Besucher bei mir sind, die
immer wieder Ideen für kleine Unternehmungen haben und mich rausholen.
Ich habe seit jeher mich eher mit Frauen angefreundet als mit Männern,
und so unternehme ich auch heute am liebsten etwas mit meinen guten
Freundinnen. Das funktioniert auch: Sie sind alle kinderlos geblieben
und haben Zeit und Gedanken für mich. Meine Frau ist das Gegenbeispiel:
Ihre besten Freunde – auch alles Männer- haben Kinder wie sie; die sehen
sich so gut wie nie, und der Aufwand, sich loszueisen, um ein paar Bier
trinken zu gehen, ist einfach zu hoch. Am schönsten allerdings ist es
auch für mich, wenn meine Freundinnen einfach bei uns vorbeischauen. Sie
spielen ein bisschen mit den Kindern, und die genießen es, einen
Erwachsenen mit einem ganz anderem Leben vor sich zu haben. Mit denen
kann man ja auch ganz anders reden! Und ich genieße es, aus meiner
Kücheneinsamkeit herausgeholt zu werden und trotzdem um sie beneidet zu
werden: Für mein Leben, das auf Zeithaben für die Kinder, auf
Wohlbefinden, auf Ruhe und nicht auf wirtschaftliches Vorankommen, nicht
auf das allgemeine Getriebenwerden ausgerichtet ist, beneidet zu werden.
Das ist die Oase, die ich sein möchte. Wir leben zusammen, Singles und
ich, und verstehen nicht, was sich da draußen in diesem Land für
unterschiedliche Lebensvorstellungen so angefeindet wird.
Bildung muss gar nicht weh tun: Der
Alltag in einer (fast) normalen Großfamilie
Ein Selbstbericht
Lernen zuhause ist sehr spannend. Man weiß
nie vorher so genau, was einen am neuen Tag so erwartet. So ist es
richtig schwierig, zu beschreiben, wie unser Alltagsleben als
Homeschoolers aussieht.
Morgens gibt es keine Hektik, denn wir
alle genießen das Frühstück und die Zeit davor, falls man rechtzeitig
aufgestanden ist. Unser Ältester (Boris*, 10 Jahre) steht am liebsten
schon vor den anderen auf und setzt sich zu seinen Vögeln in den
zimmergroßen Käfig, am besten noch mit einem Buch zum Thema angeln. Der
Zweite (Steffen, 9 Jahre), bleibt am liebsten bis zum Rausschmiss im
Bett und hängt seinen philosophische Gedanken nach. Anton (noch 6
Jahre), der Dritte, wird als erster vom Hunger in die Küche getrieben
und hilft notfalls sogar mit, damit es schneller etwas zu essen gibt.
Nach dem Frühstück gibt es Dienste zu erfüllen. Die beiden kleinen
Mädchen (Prisca, noch 3 Jahre und Pia, 2 Jahre alt) haben noch kein
festes Programm, aber Anton hat Küchendienst; Steffen und Boris wechseln sich ab mit Mülleimer raustragen und fegen. Dann werden
die Tiere gefüttert: Wir haben Zwerglöwenkopfkaninchen, die zu unserem
Glück drei Junge bekommen haben und 5 Nymphensittiche. Nicht selten
faszinieren die Tiere unsere großen Jungens so, dass man sie daran
erinnern muss, auch noch andere Dinge ins Auge zu fassen. Als nächstes
ist nämlich bei uns das Instrumenteüben dran. Boris spielt Klavier und
Gitarre, Steffen übt sich im Trompete blasen, Gitarre spielen und flöten
und Anton hat ebenfalls mit Flöten begonnen. Das Musizieren funktioniert
bei uns so wie auch alle anderen Dinge: Es wird meist mehr Zeit mit
Improvisieren oder Ausprobieren verbracht als mit dem eigentlichen Üben.
So vergeht die Zeit wie im Nu.
Wenn wir dann ein bisschen weiter in
unseren spannenden Büchern gelesen oder gearbeitet haben, ist es schon
später Vormittag und alle sind etwas geschafft. Nun beginnt der freiere
Teil des Tages. Wir glauben, dass Lernen etwas Tolles ist. Das ganze
Leben ist voll von Lernen. Besonders viel Spaß macht es ja, wenn man das
lernen darf, was einen gerade interessiert oder was man gut kann. So
dürfen die Jungen in Anschluss oft etwas machen, was sie gerade
interessiert. Manchmal habe ich (die Mutter Christine) etwas geplant.
Falls die Jungen fragen, ob sie etwas anderes machen dürfen, gehe ich
meistens sofort oder später auf ihre Ideen ein. In der
eigenverantwortlichen Zeit wird bei uns viel gemalt und gebastelt. Dabei
gibt es gewisse Phasen, in der bestimmte Tätigkeiten boomen:
Fahrzeugquartette selber herstellen, aus Holzresten etwas schreinern,
aus Pappe Autofahrgestelle und Karosserien herstellen und durch
vorhandene Räder und Achsen fahrbar machen, Insektenlarven sammeln und
beobachten, Fußball spielen, lesen, Atlanten studieren, ...
In den Wintermonaten, wo man nicht so viel
raus kann, konzentrieren wir uns ein bisschen mehr auf den Erwerb von
Grundlagenwissen, besonders in den Fächern Deutsch und Mathematik.
Allerdings macht den Kindern das Lernen aus Schulbüchern meist so wenig
Freude, dass wir es auf das Minimum begrenzen. Das Einmaleins kann man
ja auch durch ein tägliches Akkordrechnen mit Erfolgskurven lernen, was
viel mehr Spaß macht als die Päckchen im Mathebuch durchzurechnen.
Überhaupt ist Lernen im Alltag erstaunlich
durchschlagend, im Gegensatz zum geführten Lernen, wo oft nur der
Lehrende meint, die Schüler wüssten nun mehr. Wenn man ein aktives
abwechslungsreiches Leben führt, werden unheimlich viele Themenfelder
abgedeckt und Techniken unbewusst so ganz nebenbei erlernt. In
Prozentzahlen zu denken ist für Jungen normal, wenn man sich viel mit
Maßen und Größenverhältnissen beschäftigt, man braucht dann auch nicht
viel Übung, um mit kg, cm und l zurechtzukommen.
Die schriftliche Division ist dagegen eine
eher theoretische Angelegenheit, die man begreifen und üben muss. Dafür
gibt es hier das Hocherlebnis, eine Technik, die man nur widerwillig
gelernt und geübt hat, dann doch verstanden zu haben und zu beherrschen,
sodass plötzlich der Frust dem Stolz und der Befriedigung weichen muss.
Unsere Kinder wollen die Welt verstehen.
Ihr innerer Drang, die Rätsel des Lebens und des Daseins zu lösen, ist
ein genialer Motor der Wissensaneignung. Noch wichtiger aber ist für uns
das Miteinander, die beziehungsmäßige Seite des Lebens. Wir wollen echte
Gemeinschaft haben, also uns gegenseitig tief kennen mit allen Wünschen,
Sehnsüchten, Sorgen und Ängsten und uns gegenseitig tragen und helfen
bei den unzähligen Macken, die jeder so hat und der Schuld, die wir uns
ständig aufladen. Das bedeutet, dass wir uns viel unterhalten, oft
diskutieren, unsere Emotionen ausdrücken und versuchen, Qualitätszeiten
zu haben, wo man etwas richtig Schönes miteinander macht.
Wir haben schon unzählige Kuchen und
Plätzchen zusammen gebacken, Besuche vorbereitet, gebastelt, Lieder
gedichtet und gemütliche Abende verbracht. Am meisten, meine ich, lernen
Kinder durch gute Vorbilder. So versuche ich als Mutter, die ich die
meiste Zeit zu Hause bin, das vorzuleben, von dem ich meine, dass meine
Kinder es in der Zukunft brauchen werden. Ordnung halten lernen ist
einer dieser Tugenden, genauso wie die Schriftsprache zu nutzen (also
keine Aufsätze zu einem festen Thema schreiben, sondern die Schrift
nutzbar machen für Kontakte z.B. in Briefform oder Erlebnisse
schriftlich festhalten, sich in der Familie Liebesbeweise schreiben oder
einen Text für eine Geburtstagsfeier dichten ...) Dass Lesen und
Schreiben wertvoll sind, merkt man bei uns am überfüllten Bücherregel
und daran, dass wir viel vorlesen.
Aber was ist die Theorie ohne Praxis!?
Wenn unser Papa zuhause ist, wird sehr viel hergestellt. Da lernen die
Jungen von selber, handwerkliches Geschick auszuprägen -zumindest hoffen
wir das. Ob es das Umbauen unseres Wohnhauses ist oder das Bauen von
Hasenställen, Spielburgen oder Möbeln - es macht großen Spaß, sinnvolle
Dinge mit eigener Hand herzustellen und schön werden zu lassen. Unser
Ältester, Boris, hat uns alle mit seiner Tierbegeisterung angesteckt.
Aber er ist uns allen weit voraus. Sein Auge und Gehör sind durch sein
Interesse so geschult, dass er Dinge wahrnimmt, die der Normalsterbliche
übersieht. So hat er schon viele Larven gefangen und bei ihrer
Verwandlung zugesehen. Er weiß, wo es welche Schmetterlinge und Käfer
gibt und kann anhand von Vogelstimmen bzw. ihrer Flugbewegung die
jeweilige Art ausmachen.
Zensuren und Noten sind Fremdwörter bei
uns, da wir es nicht nötig finden, die Kinder an allgemeinen Standards
zu messen. Jeder Mensch ist so individuell. Außerdem merkt man in so
einem kleinen Rahmen wie hier bei uns zuhause schnell, worin man gut ist
und wo die Schwächen liegen, ob man sich anstrengt bzw. worin andere
gleichaltrige Kinder besser sind als man selbst.
Da die Kinder nicht ständig mit vielen
Menschen zusammenkommen, sind sie offen für Kontakte und Begegnungen,
wobei es keine große Rolle spielt, wie alt die Person ist, mit der sie
auf Tuchfühlung gehen. Sie haben keine Hemmungen, sich mit Erwachsenen
zu unterhalten und anzufreunden, schätzen es aber auch, wenn sie
Gleichaltrige als Freunde gewinnen, und besonders gefragt sind natürlich
ältere Vorbilder, die meine Kinder vor allem in unserer recht
umfangreichen Großfamilie und im näheren Bekanntenkreis finden.
Da nicht so viel Zeit- und Termindruck
herrscht, haben wir Zeit, viele Dinge zu tun, die andere kaum schaffen
wie an Wettbewerben teilnehmen (wir mögen gern „erlebter Frühling“ von
der NABU), an Naturführungen und Besichtigungen teilnehmen, ausgedehnte
Besuche machen und spontane Gelegenheiten nutzen. Wenn ein Mähdrescher
vor unserem Haus arbeitet, stehen die Kinder selbstverständlich daneben
und schauen zu, werden Nymphensittichbabys geboren, passen die Jungen
einen Moment ab, wo weder Weibchen noch Männchen auf dem Gelege sitzen,
um einen Blick auf die wunderschönen kleinen Eier zu werfen.
Homeschooling ist also kinderleicht. Wir
fühlen uns wie geschaffen dafür, aber natürlich gibt es auch Tage, an
denen man sich in etwas hineinknien muss, an denen nichts läuft und wir
uns alle gegenseitig neu motivieren müssen. Das lernende Leben mit den
eigenen Kindern ist eine sehr erfüllende Angelegenheit. Man kann alle
eigenen Gaben und Fähigkeiten einsetzen und selber haufenweise
dazulernen. Dinge, die falsch laufen, kann man berichtigen. Man ist
verantwortlich für alles - muss aber nicht alles selber wissen oder
können - das ist befreiend und antreibend zugleich.
Leider mussten wir dafür unsere
schulfreien Lern- und Lebensbeziehungen in Deutschland verlassen und
hier in Dänemark erst neue Kooperationen mit gleichgesinnten Familien
aufbauen. In unserem Heimatland mangelt es ganz offensichtlich an
Toleranz. Für die Freiheit - jedenfalls hat sich das Auswandern gelohnt.
*alle Namen geändert
Unterstützung für Homeschooling findet man
beim Verein Schulbildung in Familieninitiative (im WorldWideWeb:
homeschooling.de)
“Welche Farbe hat das A?”
Der Zugang zur synästhetischen
Wahrnehmungswelt kommt nicht ganz automatisch
Ein Interview mit Marc Jacques Mächler,
Experte für Synästhesie
Librikon:
Was versteht man unter Synästhesie? Wie
äußert sie sich, woran und wann erkennen Synästhetiker diese Fähigkeit
bei sich selber? Wie individuell ist Synästhesie? Haben Synästhetiker
das Gefühl anders zu sein?
Marc Jacques Mächler:
Das Wort Synästhesie kommt aus dem
Griechischen und bedeutet: Zusammen wahrnehmen. Synästhetische Aspekte
findet man in der Musik, Literatur oder auch in der Architektur. Im
psychologischen Zusammenhang redet man von genuiner Synästhesie, welche
angeboren ist und von welcher ich nun sprechen werde.
Wenn jemand Musik hört, dann gelangt der
akkustische Stimulus durchs Ohr ins Gehirn und wird dort ans
“Hörzentrum” gesendet und die Person nimmt einen Klang wahr.
Bei einem Synnie (umgangssprachlich für
Synästhetiker) läuft das ein wenig anders: Zwischen dem “Hörzentrum” und
anderen Sinnesarealen wie sehen, riechen, tasten oder schmecken können
neurologische Verbindungen bestehen, welche diese Zentren aktivieren
können. Wenn ein Synästhetiker etwas hört, entstehen beispielsweise
Sinnesverschmelzungen wie “Hören ruft Farben hervor”.
Synästhesie hat verschiedene Facetten:
Farbige Buchstaben, Zahlen, Wochentage, welche auch ein Geschlecht oder
einen Charakter haben können; farbige Musik mit spezifischen Formen und
Gerüchen; oder auch Gerüche, die Farben hervorrufen. Es sind alle
möglichen Verbindungen der Sinne denkbar.
Synästhesie ist aber eher etwas Subtiles.
Die synästhetischen Farben stören im Alltag nicht, da sie mit dem
geistigen Auge wahrgenommen werden. Es gibt viele Menschen, die
Synästhesie haben, die das aber gar nicht wissen oder nicht bemerkt
haben:
Manche Menschen wissen, dass bei ihnen
etwas anders ist, sie getrauen sich aber nicht, jemanden davon zu
erzählen. Andere denken, dass das mit den Farben bei allen so ist.
Wiederum andere haben sich einfach noch nie bewusst mit Fragestellungen
wie “Welche Farbe hat das A?” auseinander gesetzt.
Meistens braucht es einen Input von
Freunden oder durch einen Bericht in den Medien, dass Synnies diese
Fähigkeit erkennen. Meistens sind sie sehr erleichtert, wenn sie
erfahren, dass es dafür einen Namen gibt.
Die synästhetische Wahrnehmung ist im
Allgemeinen sehr individuell. So sieht der eine die Zahl 3 immer grün,
ein anderer immer rot. Es wurde aber gezeigt, dass gewisse Farben in
Kombination zu Buchstaben häufiger genannt werden als andere. So sehen
Synnies das A am häufigsten rot.
Manche Menschen mit Synästhesie haben sehr
wohl das Gefühl anders zu sein. Manche fühlen sich dabei sehr speziell.
Meiner Meinung nach sind Synästhetiker Menschen wie alle anderen auch.
Sich wegen Synästhesie als “etwas besseres zu fühlen“ sehe ich als total
falsch an. Leider wird Synästhesie in den Medien oft übertrieben
dargestellt und das ganze Thema aufgebauscht. Neuere Studien zeigen,
dass Synästhesie relativ häufig vorkommt. Von einem seltenen Phänomen zu
reden, ist eine überholte Vorstellung. Für mich selber ist es normal,
Synästhesie zu haben. Gewiss genieße ich meine Wahrnehmung, doch fühle
mich nicht anders.
Librikon:
Wie sollten sich Eltern, deren Kind die
Fähigkeit der Synästhesie besitzt, dazu stellen. Sollten sie sie als
Gabe erkennen, die man sogar fördern kann?
Marc Jacques Mächler:
Eltern, die Synästhesie bei ihren Kindern
feststellen, sollten sich zuerst selber mal überlegen, ob sie nicht auch
Synästhetiker sein könnten. Synästhesie ist vererblich, oft von der
Mutter auf die Kinder.
Danach sollte man immerfort den Dialog
suchen und die Kinder mit Fragen wie “Wie nimmst du das wahr?” oder
“Welche Farbe hat diese Wahrnehmung für dich?” fördern. Außerdem sollte
man den Kindern klarmachen, dass das etwas ganz Normales ist, was andere
auch haben. Der Zugang zur synästhetischen Wahrnehmungswelt kommt nicht
ganz automatisch. Kinder sind noch speziell offen für ihre Umwelt und
wenn sie in dieser Zeit offen mit Synästhesie umgehen und befreit
darüber nachdenken können, ist das sicherlich ein Vorteil.
Librikon:
Kann aus Unkenntnis Synästhesie
unterdrückt werden und dann verkümmern? Kann es durch Nicht-Erkennen von
Synästhesie zu Problemen in der Entwicklung des Kindes kommen?
Marc Jacques Mächler:
Durch Unkenntnis kann Synästhesie sehr
wohl unterdrückt werden. Speziell, wenn ein Kind beim Versuch, über die
synästhetische Farbenwelt zu sprechen, auf Ablehnung oder Unverständnis.
Synästhesie an sich verschwindet nicht einfach so, aber der Zugang dazu
kann erschwert werden, wenn damit negative Erlebnisse assoziiert werden.
Ich bin überzeugt, dass eine Förderung der
Synästhesie bei Kindern deren Entwicklung sehr positiv beeinflussen
kann. Dies kann sich in verschiedenen Bereichen wie Lernen, Kreativität
oder einfach in der Fähigkeit, verschiedene Wahrnehmungen bewusst zu
erleben, ausdrücken.
Librikon:
Gibt es spezifische Schullaufbahnen und
Interessensgebiete, die sich für Synästhetiker empfehlen?
Marc Jacques Mächler:
Es hat sich gezeigt, dass der Anteil an
Synästhetikern in Universitäten oder Kunstschulen überdurchschnittlich
hoch sein kann. Es ist aber nicht möglich, Interessensgebiete oder
Fähigkeiten von Synästhetikern zu verallgemeinern. Manche sind
ausgesprochen kreativ, andere überhaupt nicht; manche sind sehr gut in
Mathe, andere haben ihre liebe Mühe mit diesem Fach. Deswegen ist eine
Empfehlung für eine Schullaufbahn oder einen Beruf an dieser Stelle
nicht angebracht.
Librikon:
Gibt es Literatur zu diesem Thema? Welche
Lektüre empfehlen sie Eltern von Synästhetikern?
Marc Jacques Mächler:
Es gibt reichlich Literatur zu diesem
Thema. Diese finden sich in diversen Büchern und wissenschaftlichen
Publikationen. Leider gibt es (noch) kein Buch für Kinder, das die
genuine Synästhesie behandelt. An neuerer Literatur empfehle ich
Alexandra Dittmar (Hrsg.) - Synästhesien. Roter Faden durchs Leben?
Sachbuch, Patricia Duffy - Jeder blaue Buchstabe duftet nach Zimt
Sachbuch, Jamie Ward (einer meiner Lieblingssynästhesieforscher) - The
Frog who Croaked Blue: Synesthesia and the Mixing of the Senses (August
2008) oder synaesthesia.com
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
Marc Jacques Mächler betreibt die Webseite
synaesthesie.ch
Nicht untertan sein
Ein Blick in die Tradition des Berufes
„Grundschullehrerin“
Von Martina Müller
Der Beruf „Grundschullehrerin“ hat eine
lange Tradition als wichtige gesellschaftliche Stütze. Die
Grundschullehrerin galt als eine der „sitzengebliebenen“ Frauen, die
mann- und kinderlos waren und sich selber durchbringen mussten. In
männlicher Außensicht war sie unglücklich und altjungferlicher.
Unter Frauen jedoch war die Sicht anders.
Mütter schätzten hoch, dass jemand seine Zeit aufwenden konnte, um die
Kinderschar mit mehr als dem Notwendigen auszustatten. Dass die
Grundschullehrerin arbeiten musste, bedeutete auch auch, dass sie
arbeiten durfte. Verheiratete Frauen erkannten das auch als
Freiheit, die sie nicht hatten. Natürlich stand kein emanzipatorisches
Bestreben hinter der Lehrerinnentätigkeit, und das gerade verband die
Frauen miteinander. Sie ordneten sich einander zu, nicht über. Zwischen
Lehrerinnen und Müttern gab es ein gutes Gleichgewicht, dessen Grundlage
gemeinsame Ziele waren. Wer auf der Suche nach einer Zukunft ist,
braucht sich dieser Tradition nicht zu schämen. Sie kann helfen, die
heutigen Probleme zu lösen.
Der Übergang zu einer
Dienstleistungsgesellschaft, in der sich der Mensch als gut
behandelnder, weil bezahlender Kunde fühlt, hat in Deutschland in den
letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen stattgefunden. Da sticht alles
andere -wie eben das Schulwesen- für die Familien unangenehm hervor. Man
möchte sich gut behandelt fühlen, nicht untertan sein. Mütter und
Grundschullehrerinnen könnten da auf gute historische Zusammenhänge
verweisen und betonen, dass sie ein Miteinander schaffen können, wenn
man sie ließe.
Die Grundschullehrerin braucht vor allem
eine Eigenschaft – sie muss das Herz am rechten Fleck haben. Die
Forderung nach stärkerer Akademisierung der Ausbildung wird ähnlich wie
der Numerus clausus wirken; die charakterlich Ungeeignetsten ergreifen
den Beruf. Was in der Geburtshilfe vor Jahrhunderten geschehen ist, wird
nun auch im Grundschulbereich durchexerziert – die menschlich enge
Verbindung von Müttern und Lehrerinnen wird durchschnitten zugunsten von
männlich geprägtem und staatlich determiniertem Behördenwildwuchs.
Je mehr Zwänge und Störungen, desto
schwieriger wird es, sich gemeinsam dagegenzustemmen. Der Boom von
Privatschulen ist Ausdruck des Verlangens nach einem friedlichen,
vernünftigen Umgang, der Wunsch vieler Familien nach einem gemeinsam mit
Lehrkräften organisierten Lernalltag zuhause, das Kämpfen gegen
Überbelastung der Schüler und Stress der Lehrer in öffentlichen Schulen,
das alles weist in die Zukunft eines
Berufes, der gegenwärtig seiner Wurzeln beraubt wird.
Suchmaschine für
Kinder: fragnichtfinn.de
Ein Kommentar von Martina Müller
Eine Suchmaschine, die für Kinder
geeignete Seiten filtert und nur solche anbietet, ist mit „fragfinn.de“
ins Netz gegangen. Sie ist unter Getöse von Regierungsvertretern freigeschaltet worden und hat damit einen Vertrauensvorschuss, besonders
auch für den Schulunterricht. Die Staatsbeteiligung suggeriert
Qualitätssicherung – in Wahrheit können Medienkonzerne ungehindert
Einfluss auf "fragfinn.de" ausüben. Erst ein Blick auf die Namen, die
diese Seite ermöglicht und unterstützt haben, lässt Zweifel an dem
Vorhaben aufkommen.
Jedem privaten Suchmaschinenbetreiber
würde es davor grauen, sich eine Phalanx von Computerfirmen und
Zeitschriftenverlagen an Bord zu holen. Die Bundesregierung jedoch setzt
fröhlich ihr Logo neben die Werbung gewinnmaximierender Wirtschaftler.
Doch dass dort nicht Ethik, sondern geldwerte Interesse im Vordergrund
stehen, kann auch ohne viel Recherche bemerkt werden. Ein
Wirtschaftsunternehmen darf selbstverständlich nicht bei der
Entscheidung daran beteiligt sein, welche Seiten Kinder besuchen dürfen,
wenn die Bundesregierung dafür ihren Namen gibt.
Statt der Gewaltkontrolle, die wünschenswert wäre, gibt es so
Gedankenkontrolle. Denn natürlich werden nur Seiten mit erwünschten
politischen bzw. unternehmenspolitischen Meinungen angezeigt. Bei „fragfinn.de“
geht es gar nicht um einen Inhaltsfilter, hier ist damit zu rechnen,
dass vor allem Konkurrenzprodukte unterdrückt werden.
Unfassbar: Konzerne an einer
unabhängigen Suchmaschine zu beteiligen! Die Erzeugnisse der Konzerne
entsprechen nicht den Vorstellungen, was unter Jugendschutz zu rechnen
ist. Der direkte Zugriff auf Schülerinnen und Schüler darf nur der
Schule obliegen.
Lehrer und Eltern sollten dem guten Grundsatz folgen, nur mit den
Kindern gemeinsam am Computer zu surfen. Und die Bundesregierung muss
sofort ihre aus Steuergeldern mitfinanzierte Unterstützung entziehen. „Fragnichtfinn.de“
ist die einige Antwort auf diese
mindestens dümmliche Ungeheuerlichkeit.
Nicht das, was der Staat will
Ein Interview über Tagesmütter
Librikon:
Sie betreiben eine Webseite, mit der Sie
Tagesmütter und interessierte Familien zusammenbringen möchten. Welche
Berufe haben Ihrer Erfahrung nach Tagesmütter gelernt? Spielt das eine
Rolle für die Bücher, mit denen die Kinder bei Tagesmüttern aufwachsen?
Laufstall:
Diese Frage lässt sich nur schwer
beantworten. Klar ist, dass die Lebensläufe der Tagespflegepersonen so
verschieden sind, wie es eigentlich breit gefächerter schon nicht mehr
geht. Viele Mütter (es gibt auch einige Väter, die Anzahl ist jedoch
fast vernachlässigbar) gehen ab der Geburt meist ihres ersten Kindes,
der Tätigkeit als Tagespflegeperson nach, um einerseits zu Hause bei
ihrem Kind bleiben zu können, was oft ohne einem kleinen Zubrot nicht
möglich ist, andererseits um auf diese Weise ihrem Kind
geschwisterähnliche Gesellschaft zukommen zu lassen. Somit reicht der
soziale Status bei Tagesmüttern von der pausierenden Studentin über
Frauen mit den üblichen mittelständigen Berufen bis hin zur Ärztin oder
Richterin. Oft sind es natürlich Frauen mit einer erzieherisch-
pädagogischen Ausbildung die auf diese Weise ihrem Wunsch mit Kindern zu
arbeiten, ohne sich dabei jedoch in eine Abhängigkeit eines Arbeitgebers
zu begeben, nachkommen können. In diesem Umfeld sind auch die Personen
zu finden, die wirklich ganz professionelle, fast Kita-ähnliche
Tagespflegestellen einrichten. Wir können natürlich nur vermuten, dass
die Ausbildung und das soziale Umfeld der Tagesmütter Einfluss darauf
nimmt, was und ob überhaupt in der Tagespflege „vor“-gelesen wird.
Librikon:
Bei Tagesmüttern stehen die
Erziehungsideale, die sie von sich aus mitbringen, im Vordergrund. Gibt
es eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen der Eltern und der
Tagesmütter?
Laufstall:
Diese Frage betrifft nicht nur die
Tagespflege, sondern man erkennt bei allen Institutionen, die sich mit
Kindern beschäftigen, wie unterschiedlich sich die Eltern um die
Entwicklung ihres Kindes kümmern. Da ist es für manche Tagesmutter
manchmal schon recht frustrierend, wenn sie den ganzen Tag mit
Ausflügen, Basteln und Singen sich wirklich aufopfernd für die Kleinen
bemüht hat und abends beim Abholen die Eltern noch nicht mal
interessiert, was es zum Mittagessen gab, geschweige denn, ob es
irgendwelche Entwicklungssprünge bei ihrem Kind gab. Gott sei dank sind
nicht alle Eltern so, aber wir beobachten eine Diskrepanz, die leider
eher in entgegen gesetzte Richtung zeigt. D.h. viele Eltern möchten
eigentlich nur eine Beaufsichtigung ihres Kindes, die Tagespflegeperson
dagegen muss (und will) jedoch dem inzwischen gesetzlich geforderten
erzieherischen Förderauftrag nachkommen.
Librikon:
Kinder, selbst Kleinkinder, werden einem -
wenn auch für sie zukünftigen- marktwirtschaftlichem Druck ausgesetzt.
Glauben Sie, Tagesmütter können als eine Art Insel der ruhigen,
konkurrenzfreien Kindheit fungieren?
Laufstall:
Wir hoffen, dass sich die Tagespflege zu
mehr als nur einer Insel für eine ruhige und konkurrenzfreien Kindheit
entwickelt, sondern neben allen staatlichen Einrichtungen, als
gleichberechtigtes Betreuungsangebot, wirklich allen Eltern zur
Verfügung steht, ohne dass bei der Auswahl die Kosten für die Eltern
eine Rolle spielt. Es darf kein Privileg der Reichen sein, sein Kind
individuell von einer Tagesmutter betreuen zu lassen, um es vor der
„Massenabfertigung“ zu verschonen.
Librikon:
Staatliche Einrichtungen unterliegen
verstärkt dem Druck, Kinder zu kontrollieren und die Eltern nicht mehr
als ersten Ansprechpartner anzunehmen. Das stört viele Eltern und hat
nichts mit einem „Freibrief zu Vernachlässigung“ zu tun. Sehen Sie in
den Tagesmüttern die Chance, dem Kinderleben Privatheit zurückzugeben?
Laufstall:
Unbedingt! Wir verstehen gar nicht, warum
die Familienministerin den Schwerpunkt der Kinderbetreuung für
Unterdreijährige so sehr auf Krippenplätze und Tageseinrichtungen
fixiert hat. Sämtliche Argumente, die in den erhitzten Pro- und Kontra-
Diskussionen gegen eine außerhäusliche Betreuung ins Feld geführt
wurden, werden in der Kinderbetreuung in häuslicher Tagespflege null und
nichtig. Da die Tagespflege inmitten eines ganz normalen Haushalts, mit
in der Regel maximal 5 Tageskindern stattfindet, geht es privater ja
schon gar nicht mehr. Aber ganz offensichtlich ist das nicht das, was
der Staat will. Eltern sollten sich viel stärker gegen diese Entwicklung
zur Wehr setzen.
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
Die Fragen beantwortete Jörg Mielczarek
von laufstall.de
Mein prämierter Herd
Ein Nachruf von Franz Xaver Ganghofer
Mit "Unworten" sollen ja wohl Denkweisen
gegeißelt werden, die sich in Sprache niederschlagen. Da hat’s nun für
diesmal meinen Herd und mich erwischt. Ich bin Vater, widme mich der
Hausarbeit und nebenbei bin ich für Librikon zuständig für
Alltagsberichte in Sachen Hausfrau (als die ich mich bezeichne; das
gönne ich mir). Mein Herd also, der strahlt Wärme aus, wäre ja auch noch
schöner. Dazu kommt Geborgenheit, weil ich am Herd stehe und gutes Essen
zubereite, und zusammen sorgen mein Herd und ich dann für lustige
Geselligkeit. „Herd“ ist also schon etwas Wunderbares, und was soll an
dem Wort „Prämie“ schlecht sein? Prämiert sind mein Herd und ich nämlich
auch, jeden Abend wieder, wenn ich beim Lammrücken sitze und mit meiner
Familie ratsche. Also, „Herdprämie“ – das passte von Anfang an gut zu
unserem Leben. Für mich war die nunmehr zum Unwort des Jahres ernannte
„Herdprämie“ ein guter Grund zu sagen: Danke für das Kompliment für
meine Küche und mein Familienleben!
Aber – Geld dafür nehmen möcht’ ich noch
lange nicht! Das sollen die tun, die staatstreu sind und dem Staat gern
die Kinder geben, als Schüler, Kanonenfutter, Rentenzahler, was auch
immer. Ich will mein Leben leben, ohne dass mir Staat und Bürokratie
hineinpfuschen. Ich weiß, was mir mein privates Glück, das meine Kinder
mir diktieren und niemand sonst, wert ist. Subversiv ist die Hausfrau!
Deswegen mochte ich ja das Wort „Herdprämie“. Schade. Ich hätte es gern
weiterbenützt.
Fünfe grade sein lassen
Nicht pochen, beharren, versteifen: Aber
manierlich essen
Ein Interview mit Franziska von Au,
Knigge-Autorin
Librikon:
In Ihrem Buch „Der kulinarische Knigge.
Gute Umgangsformen bei Tisch“ sind auch Stichpunkte aufgelistet, was ein
Kind in welchem Alter können sollte. Viele Eltern kämpfen beim
Abendessen gegen verfallende Tischsitten durch die Ganztagsschulspeisung
an und bei Kindern ab 12 gegen die Gepflogenheiten in der Clique. Nicht
viel Zeit fürs Benimmlernen! Worauf sollten Eltern auf jeden Fall
pochen?
Franziska von Au:
„Auf etwas pochen“ halte ich für
grundfalsch. Nennen wir es besser „vorleben“ – denn wenn die Eltern das
nicht tun und ihrem Nachwuchs damit spielerisch und ganz
selbstverständlich gute Tischmanieren beibringen, steht das Ganze auf
sehr unsicheren Beinen. Mit Zwang erreicht man gar nichts. Woher sollen
es die Kleinen denn lernen – wenn nicht vom Vorbild der Eltern (und das
ist auch bei Alleinerziehenden der Fall)?! Und das übrigens schon von
klein auf, also lange vor Kindergarten und Schule.
Bitte und Danke sind ein absolutes Muss,
ebenso wie Entschuldigen, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Der Umgang
mit Messer und Gabel sollte etwa im Schulkindalter selbstverständlich
sein. Dass man nicht rülpst und pupst und nicht schlürft und schmatzt,
dass man sich nicht mit ungewaschenen Fingern an den Tisch setzt, sich
beim Husten und Niesen die Hand vor den Mund hält, dass man eine
Serviette benutzt – all dies sollte für Kinder ab Abc-Schützen-Alter der
Normalfall sein.
Klar: Ab beginnender Pubertät kann es
(muss es aber nicht) zu Revoluzzerverhalten kommen. Andererseits kann man
Kindern von Anfang an Gelegenheit geben zu erkennen, und zwar auf ganz
praktische Weise, warum Tischmanieren eine gute Sache sind. Wer hin und
wieder als Eltern mal ein „Essen ohne Benimm“ veranstaltet, macht seinem
Nachwuchs schnell klar: Manierliches Essen hat seine Vorteile. Und das
Gegenteil – also Essen mal nur mit den Händen, Soße vom Teller lecken,
„Essen wie der Familienhund“ – ist eine gute Lernmethode. Auch wenn man
nachher die Kleinen erst mal in die Wanne stecken und die Waschmaschine
anwerfen muss. Selbst „Essen à la Knigge“, also auf „extra feine Art“
macht Kindern Riesenspaß: wenn man es spielerisch herüber bringt. Es
liegt also in der Hand der Eltern – und zwar von klein auf, da
entsprechendes Vorbild zu sein.
Ich kann das durchaus beurteilen: Meine
beiden Neffen (jetzt 18 und 20 Jahre) haben von klein auf gelernt,
„manierlich“ zu essen. Durch das Vorleben der Eltern bzw. der allein
erziehenden Mutter und innerhalb der Familie. Weder Schule noch
Peergroup konnten das ausmerzen. Wobei ich nicht ausschließen will, dass
innerhalb der Gruppe, bei McDonald oder beim Pizzaessen nicht so ganz
„fein“ gespeist wird. Zuhause bei Tisch und im Restaurant aber immer.
Librikon:
Nicht immer, aber oft korrelieren
Bildungsstand und Manieren. Weniger Kinder und noch weniger mit
„gepflegtem Bürgertumshintergrund“, das trägt schon heute zu Tischsitten
im Sinkflug bei. Wird in Deutschland in einigen Jahren das gehobene
Speisen, das von Kindesbeinen an beherrscht werden muss, ausgestorben
sein?
Franziska von Au:
Das denke ich nicht. Ich finde auch nicht,
dass man ganz allgemein von weniger guten Tischsitten sprechen kann. Zum
einen werden „gute Manieren“ ja gerade seit einigen Jahren wieder
„modern“ (es gibt Seminare mittlerweile auch für Kinder und Jugendliche)
und zum anderen kann man alles noch als Erwachsener nachholen und
lernen. Entweder durch Lektüre, durch Seminare – oder hin und wieder
auch durch Abschauen von anderen. Wobei das durchaus Gefahren birgt:
Denn viele Erwachsene wissen nämlich auch nicht, wie man sich bei Tisch
gesittet benimmt. Da genügt ein aufmerksamer Blick in die Runde oder an
den Nachbartisch im Restaurant.
Was verstehen Sie außerdem unter
„gehobenem Speisen“? Dass man bereits als Kind mit Hummerzange und
Kaviarlöffel umgehen können muss? Muss man nämlich nicht. Muss man auch
als Erwachsener nicht unbedingt. Man muss (oder besser: sollte)
allerdings so viel Selbstbewusstsein haben, ohne Scheu den Kellner ums
Filetieren eines Fischs oder der Wachtel zu bieten, bevor man ein
Schlachtfeld auf dem Teller hinterlässt. Dasselbe gilt übrigens fürs
Aufbrechen von Austern und Hummer, für das Verspeisen einer Languste
oder von anderen „schwierigen“ Gerichten.
Librikon:
Wer in den 70er Jahren Kind war, erinnert
sich: Familien mit vier, fünf Kindern gehörten durchaus zum gewohnten
Bild in feinen Restaurants und guten Hotels. Heutzutage gleicht es einem
Spießrutenlauf, überhaupt mit vielen Kindern in einem Speiselokal mit
weißen Tischdecken Platz zu nehmen. Stattdessen setzen sich als
Benimmhöllen angelegte Familienrestaurants durch. Raubt nicht die
Handlung der anderen, sich tipptopp benehmenden Gäste dem Nachwuchs die
Chance, am lebendigen Gourmettisch zu lernen. Sollte ein Essknigge nicht
gar darum ergänzt werden, wie man sich Müttern und Kindern gegenüber im
Restaurant respektvoll verhält?
Franziska von Au:
Ich bin nicht der Meinung (und kann mich
auch nicht daran erinnern), dass in den 70er Jahren Familien mit vier
oder fünf Kindern in gehobenen Restaurants und Hotels „der Normalfall“
waren. Zu dieser Zeit waren die Auswirkungen des Pillenknicks schon
deutlich spürbar – und außerdem, denke ich, ist es für eine sechs-,
siebenköpfige Familie auch zu dieser Zeit nicht gerade einfach gewesen,
sich ständigen Aufenthalt in feinen Restaurants und guten Hotels leisten
zu können.
Wenn Kinder gute Tischmanieren haben, wird
auch ein Besuch im feinen Speiselokal nicht zum Spießrutenlauf! In
Deutschland nicht, und im Ausland sowieso nicht: Denn in vielen Ländern
gibt es bei Tisch eben keine Unterschiede zwischen Erwachsenen und
Kindern. Ein Familienessen – auch und vor allem im Restaurant – mag zwar
oft ein festliches Ritual sein. Aber niemals eine steife Angelegenheit,
bei der man immer ängstlich nach dem Nachbartisch schielt, ob sich auch
ja nur kein anderer Gast durch die eigenen Kinder belästigt fühlt. Wie
Sie vielleicht wissen, lebe ich in Portugal; hier ist es – wie in allen
südlichen Ländern – absolut üblich, dass Kinder sowohl mittags wie
abends bei Tisch im Restaurant dabei sind. Kinder von klein auf, und
auch Teenager. Das ist hier eine absolut akzeptierte Sache, da gab es
auch niemals irgendwelche Diskussionen darüber.
Wenn Sie den „Neuen Knigge“ und auch den
„Kulinarischen Knigge“ lesen, wissen Sie: Gegenseitiger Respekt und
gegenseitige Achtung sind meine Grundanliegen. Und eben nicht das
unbedingte Beharren auf steifen, althergebrachten und vielleicht
überholt scheinenden Regeln, die für ein Kind nicht nachvollziehbar
sind. Das bedeutet eben auch, dass Gäste, die meinen sich bei Tisch
tipptopp benehmen zu können (was aber oft gar nicht unbedingt der Fall
ist), Verständnis dafür haben müssen, dass ein Drei- oder Vierjähriger
nicht unbedingt ein 10-Gänge-Menü durchsteht, ohne mal zu quengeln. Und
das heißt außerdem, dass Eltern nicht ständig in Habachtstellung
verharren müssen, wenn ihr Kind mal unruhig ist und vielleicht auf
Entdeckungsreise geht.
Ich darf Ihnen eine Szene schildern, die
ich selbst hier in Portugal erlebt habe: Eines der Kinder im Restaurant
am Nebentisch war ziemlich wild, still sitzen konnte die vielleicht
Sechsjährige einfach nicht. Also räumte die Kleine den Tisch ab. Zuerst
die Teller, dann die Bestecke, dann die leeren Schüsseln. Alles trug sie
zum Abwasch direkt in die Küche. Keiner fühlte sich gestört, die Gäste
an den Nachbartischen freuten sich und sahen zu, wie das Mädchen die
Welt entdeckte und sich eroberte. „Pass auf,“ sagte sogar einer der
Kellner, „du hast die Servietten vergessen, minha filha!“ Dasselbe in
Deutschland? Kaum vorstellbar, dass sich nicht etliche Gäste gestört
gefühlt hätten, dass sich nicht einige beschweren würden…
Librikon:
In Kinderbüchern ist das steife Essen bei
Tisch ein Symbol für Qual und Ausbruchswunsch. Man denke nur an Erich
Kästners Pünktchen, wenn sie mit dem Direktor, ihrem Vater, zu Tische
sitzt! Stattdessen – sich frei und schnell was reinschieben, das steht
für Unabhängigkeit und Spaß. Was wäre Ihr Traum von Tischsitten im
Kinderbuch?
Franziska von Au:
Früher lernte man Tischsitten, indem man
mit Büchern unterm Arm aufrecht und mit angelegten Ellbogen saß, indem
man Kinder strafte und kujonierte. Kinder mussten bei Tisch stehen oder
saßen an einem extra Tisch, um nur ja nicht die Erwachsenen zu stören.
Dass dies eine falsche – weil eben zu Ablehnung und zum Empfinden von
Qual führende – Methode war, ist wohl jedem einsichtig, der so
aufwachsen musste. Ich selbst bin nicht mehr so aufgewachsen, und ich
denke auch nicht, dass das heute noch üblich und vor allem praktikabel
ist. Kinder lernen von Klein auf vom „Abschauen“, also vom Vorbild der
Eltern, von der Familie. Wenn es da also im Argen liegt ...
Ich habe Erich Kästners Buch nicht mehr
komplett in Erinnerung, aber glauben Sie wirklich, dass es heute noch zu
den allgemein von Kindern gelesenen Büchern gehört?
Nehmen Sie lieber „Pippi Langstrumpf“ als
Vorbild – auch hier lernen die Kinder, und zwar „vom Gegenteil“. So
sehr sie fasziniert sind von der wilden Pippi, die alles darf und alles
kann – im Grunde sind Kinder (und übrigens auch Jugendliche) heilfroh,
wenn sie Grenzen gesteckt und aufgezeigt bekommen. Gegen die kann (und
muss) man zwar rebellieren – aber das ist gut so. Denn nur wer Grenzen
kennt und sie hin und wieder überschreitet, weiß, was sie wert sind.
Dasselbe gilt für Tischmanieren. Wer das
gute Benehmen bei Tisch kennt – und hin und wieder mal alle Fünfe gerade
sein lassen darf (siehe meine Beispiele oben), wird um so eher erkennen,
dass manierliches Speisen seinen Sinn hat. Und dass es eben nicht nur
starre unsinnige und nicht nachvollziehbare Regeln sind, sondern dass
sie ihren Sinn haben. Und fürs das Zusammenleben, für gegenseitige
Rücksichtnahme eben unerlässlich sind. Ich habe dies übrigens alles in
meinem “Knigge für Kinder“ auch niedergeschrieben. Im reinen
„Kulinarischen Knigge“ war da einfach zu wenig Platz dafür. Der kurze
Anriss, den Sie jedoch erwähnten, war mir gerade deshalb wichtig.
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
Von
Franziska von Au ist "Der kulinarische Knigge. Gute Umgangsformen bei
Tisch" im Südwest Verlag erschienen. Der Ratgeber hat 144 Seiten und
kostet 12,95.-
Ausgleichssport
Im unrepräsentativen Text: Das
Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“
(jw) Bisweilen sitzen selbst junge Reiter
nicht nur auf Pferden, sondern auch einmal vor Bildschirmen. Bei dem
Ausgleichssport zu verteidigen! Das Interesse an dem Vierbeiner mit
dem Schweif daran lässt deswegen noch lange nicht nach, und da beginnt
das Computerspiel „Lucinda Green’s Welt der Pferde“ in den Fokus zu
rücken. Pferdenarr bleibt Pferdenarr: Bei dieser CD-Rom besteht eine
gewisse Suchtgefahr, weil das Spiel echt Spaß macht. Die Animation ist
gut, der Ehrgeiz wird geweckt. Nicht alles konnte ich testen: Die
Funktion, mit Freunden zu reiten, zum Beispiel nicht, weil ich, sollte
ich Freunde haben, sie den Stall ja nicht verlassen.
Doch zurück zum Spiel: Sehr
verbesserungswürdig sind die Übersetzungen aus dem Englischen. Zum Teil
wird gar nicht übersetzt, was aber ja modern und im allgemeinen
Sprachgebrauch mittlerweile üblich ist. Zum Teil wird einfach der totale
Schrott übersetzt. Beispiele für Pferdekennerinnen: Statt
Rückwärtsrichten Zurückhalten, statt starkem Trab gestreckter Trab.
Die Kommentare (gesprochen und
geschrieben) von Lucinda Green kommen anfangs noch abwechslungsreich
daher, im weiteren Spielverlauf geht einem das Gerede auf den Geist,
weil es nichts nützt und nur nach dem Zufallsprinzip abgewechselt wird.
Ein paar Aspekte sind leider
realitätsfern, aber technisch wahrscheinlich sonst zu aufwendig. So kann
man zum Beispiel auch nach der hundertsten Verweigerung immer noch
weiter reiten. Mein Gott!
Ein bißchen Pädagogik ist auch dabei,
weil man sein Pferd regelmäßig pflegen und streicheln muß, sonst
funktioniert es einfach nicht. Und durch fleißiges Üben verbessert man
sein Pferd und natürlich die eigene Fingerfertigkeit (bei der Dressur
muß man auf den Pfeiltasten virtuos herumkloppen, beim Springen und im
Gelände auf A für links und D für rechts, gelegentlich W für vorwärts
und schneller und S für rückwärts und langsamer).
Im Librikon Korrespondentenbüro, das
die Experten für Pferdethemen beherbergt, wird das Spiel über den
beruflich notwendigen Elchtest hinaus und weit nach Dienstschluß
gespielt und gespielt und gespielt.
Die CD-Rom kostet 19 Euro und hat keine
Altersbeschränkung.
Ohne Vorbehalte, voller Vertrauen
Ein Interview mit Dr. med. Brigitte
Holzgreve von der swissmom-Redaktion
Librikon:
Auf Ihrer Website werden –
anspruchsvoll aufbereitet – monatlich Themen rund um Schwangerschaft und
Geburt behandelt. Wie kommen Sie zu den Themen bzw. die Themen zu Ihnen?
Dr. med. Brigitte Holzgreve:
Auf zweierlei Wegen: Erstens haben
unsere UserInnen die Möglichkeit, ein Mail an info @ swissmom.ch zu
schicken, wenn sie die Antwort auf ihre Frage nicht finden konnten. So
erfahren wir sehr direkt, wo unsere Informationen noch Lücken haben oder
nicht eindeutig genug ausgedrückt sind. Zweitens gibt es das
swissmom-Forum (www. swissmomforum.ch), in dem täglich tausende von
Beiträgen geschrieben werden. Wenn man die Themen dort verfolgt, sieht
man auch sehr schnell, was Schwangere und junge Eltern interessiert.
Unsere „Monatsthemen“ auf der Startseite sind so gewählt, dass sie für
die Mehrzahl der UserInnen relevant sind. Ca. alle 15 Monate kann sich
dann auch einmal ein sehr wichtiges Thema wiederholen.
Librikon:
Nehmen Sie auch kontrovers diskutierte
Fragen auf? In Deutschland werden derzeit die „Technisierung“ der Geburt
und die steigende Zahl an Kaiserschnitten debattiert. Wie stehen Sie,
wie steht swissmom dazu?
Dr. med. Brigitte Holzgreve:
swissmom ist in der Schweiz die einzige
Informationsplattform, die von allen Fachgesellschaften (d.h.
Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen, Mütterberaterinnen,
Stillberaterinnen, Apothekern usw.) vorbehaltlos empfohlen wird. Bei
kontroversen Fragen versuchen wir, die Meinung der Fachleute zu
vertreten - was nicht immer einfach ist, denn auch dort gibt es
unterschiedliche Meinungen.
Librikon:
Die Beiträge in swissmom.ch sind
fachmännisch, aber nicht unverständlich für Laien. Wer sind Ihre
Autoren?
Dr. med. Brigitte Holzgreve:
Unser Redaktionsteam besteht aus
Fachleuten, die viel Erfahrung in der Beratung von werdenden und jungen
Eltern mitbringen und unterschiedlichste Berufsgruppen umfassen. Das
reicht von der Ärztin über die Hebamme bis zur Lehrerin und Juristin.
Librikon:
Glauben Sie, dass in den Arztpraxen und
Krankenhäusern „an den Frauen vorbeigeredet“ wird?
Dr. med. Brigitte Holzgreve:
Ich glaube, das grösste Problem ist oft
der Zeitmangel in der Praxis und auch eine gewisse Einschüchterung durch
die Autorität der Fachleute. Da traut man sich gar nicht, „dumme“ Fragen
zu stellen – was im Schutze des anonymen Internets aber gar kein Problem
ist.
Librikon:
In Kinderbüchern wird das Thema
„Kinderkriegen“ oft behandelt. Welche Aspekte werden Sie für kleine
Leser in den Vordergrund rücken?
Dr. med. Brigitte Holzgreve:
Kinder wissen genau, wieviel sie wissen
wollen und blocken ab, wenn sie überfordert sind. Wichtig ist, dass sie
immer vertrauensvoll fragen können, wenn sie wieder neugierig geworden
sind. Es gibt viele sehr gute „Aufklärungsbücher“, die dies ganz
behutsam erfassen. In Kinderbüchern sehe ich ausserdem den wichtigen
Aspekt, ein älteres Kind darauf vorzubereiten, dass ein Geschwisterkind
in die Familie kommt, mit allen Auswirkungen auf seine eigene Stellung
in der Familie.
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
swissmom.ch ist die größte Schweizer
Internetplattform für alles rund ums Kinderkriegen und Kinderhaben,
bietet ca. 2500 informative Seiten und verzeichnet pro Monat fast eine
Million Besucher.
Wie Milch zu
Kakao wird
Im
unrepräsentativen Test: Der Sipahh-Trinkhalm
(librikon)
Dem Text des Sipahh-Trinkhalmes war einiges vorausgegangen. Diskussionen
um den Zusammenhang von Bildung und Nahrung zum Beispiel. Diskussionen
darüber, wie industriegesteuert auch gesunder Genuss sein darf.
Diskussionen darüber, ob Kindern „umerzogen“ oder mit dem Wissen um ihre
„Soft-Drink-Welt“ erzogen werden sollten (siehe dazu untenstehendes
Interview). Nicht allen in der Librikon-Redaktion war der
Sipahh-Trinkhalm unbekannt. In Frankreich gibt es ihn in den großen
Supermärkten bereits zu kaufen. Bald kommt wohl auch in Deutschland mit
Sipahh ein Trinkhalm in die Läden, der eine Geschmacksrichtung (unter anderem zur
Auswahl: Erdbeer, Banane, Schokolade), intensiv und süß, bereits
integriert hat: Trinkt man mit diesem Halm Milch, wird die normale
Kuhmilch zu Erdbeer- oder Bananenmilch. Unsere (zugegebenermaßen: im
normalen Leben reichlich Milch trinkenden) Test-Kinder schüttelte es.
Was wurde nur aus der schönen Milch? Also fragten wir an Fanta, Cola und
Sprite gewöhnte Kinder. Es funktionierte. Sie mochten das Süßgetränk.
Die Test-Eltern –in Ernährungsfragen streng- bevorzugten nur die Sorte
„Schokoladenmilch“. Richtig: Kakao also. Da erweist sich der
Sipahh-Trinkhalm als praktischer, bequemer Kakaospender. Ideal für
unterwegs, oder wenn man es leid ist, das Nesquik-Pulver vom Boden
aufzufegen.
Aufgeweichte Konsumgewohnheiten: Milch und Lebensstil
Ein
Interview mit der Ernährungsberaterin Regula Thut Borner vom
Kompetenzzentrum Milch in Bern
Librikon:
Milch hat
für Kinder unbestreitbare Vorteile, aber die Konkurrenz bei der
Getränkewahl ist größer geworden. Nun gibt es einen Trinkhalm aus
Plastik, in den Geschmackskügelchen (Erdbeere, Banane, Schokolade etc.)
integriert sind, so dass man ein Glas Milch trinkt, es aber nach
Bananenmilch schmeckt. Sollte man Soft-Drink-gewöhnte Kinder mit so
etwas dort abholen, wo sie geschmacklich sind, oder sollte man sie
„umerziehen“?
Regula
Thut Borner:
Es gibt
Kinder, die Milch nur aromatisiert mögen, andere wiederum lieben vor
allem die Abwechslung. Nichts ist für den Kindermund so langweilig wie
das ewig Gleiche.
Am besten
sind natürlich frisch gemixte Milchdrinks mit Vollmilch oder Buttermilch
und Saisonobst. Mit einem Stabmixer geht die Zubereitung ganz schnell.
Süssen kann man mit Zucker, Birnendicksaft oder Honig nach Belieben.
Schneller
geht es mit Fertigprodukten: zum Frühstück eignen sich vor allem
Milchzusätze auf Malzbasis oder mit Kakao. Pulver hat den Vorteil, dass
die Eltern die Dosierung vorgeben können.
Als
Zwischenmahlzeit am Nachmittag kann zur Abwechslung auch ein Erdbeer-,
Bananen- oder Schokoladen-Shake angeboten werden. Dazu passen Obststücke
oder eine Scheibe Vollkornbrot mit Butter. Die Trinkhalme mit den
Aromakügelchen kommen bei den Kindern sehr gut an. Die Basis ist Zucker,
hinzu kommen Aromastoffe und Hilfsstoffe. Die Menge Zucker, die in einem
solchen Trinkhalm steckt, ist im Vergleich zum hohen Nährstoffvorteil,
den die Milch bietet, durchaus akzeptierbar. Ob solche Produkte auch
ökologisch sinnvoll sind, müssen die Eltern selber entscheiden.
Librikon:
Wir haben
Kinder befragt: Es gibt einen (wenn auch nur sehr kleinen und
vermuteten) Zusammenhang zwischen Buchnähe und Milchtrinken. Glauben
Sie, dass Milch ein Getränk ist, das in bestimmten Zirkeln mehr als in
anderen getrunken wird?
Regula
Thut Borner:
Es gibt
Konsumstudien, die zeigen, dass Milchtrinkerinnen und Milchtrinker
tendenziell gesünder essen, weniger Genussmittel konsumieren und mehr
Sport treiben. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Familien, die
auf eine gesunde Ernährung Wert legen, sich auch bei anderen
Lebensstilfaktoren gesundheitsbewusster verhalten.
Librikon:
Milch
kommt in modernen Kinderbüchern selten vor, in älteren hingegen schon.
Milch gehörte in das Leben der Kinder, weil ihre Herstellung im Alltag
der Kinder gegenwärtig war. Glauben Sie, dass durch die
industrialisierte Milchproduktion Milch aus dem Erleben und dann als
Folge aus dem Geschmackserleben verschwunden ist?
Regula
Thut Borner:
Die Nähe
zu einem Produkt hat bestimmt einen Einfluss auf die Verwendung.
Trotzdem hat nicht die Industrialisierung der Milchproduktion
hauptsächlich die Konsumgewohnheiten verändert, sondern das gewachsene
Lebensmittel- beziehungsweise Getränkeangebot, und die veränderten,
hedonistischen Lebens- und Berufsgewohnheiten. Noch vor 50 Jahren
kannte man als Frühstücksgetränk für Kinder nur Milch. Die Familie
frühstückte zusammen an einem Tisch, die Eltern bestimmten, was auf den
Teller kam. Heute sind die Frühstücksgewohnheiten völlig anders:
Orangensaft, Limonaden und Energy-Drinks verdrängen die Milch vom
Frühstückstisch, viele Kinder essen morgens alleine oder gar nichts, die
Eltern bestimmen häufig nicht mehr über den Speiseplan, sondern kaufen,
was die Kinder essen wollen. Feste Konsumgewohnheiten, die früher
Bestandteil einer ganz normalen Ernährungserziehung waren, sind
aufgeweicht worden und haben einer "Laisser-faire"-Haltung Platz
gemacht. Das hat dort Vorteile, wo früher Zwang ausgeübt wurde, aber
auch Nachteile, weil Eltern ihre Vorbildfunktion nicht mehr oder zu
wenig wahrnehmen wollen.
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
Regula
Thut Borner ist diplomierte Ernährungsberaterin HF und ist für die
Schweizer Milchproduzenten SMP im Kompetenzzentrum Milch in Bern tätig.
Lasst die Kinder in Ruhe!
Ein
freizeitpädagogisches Statement für das freie Spiel
Von Martin
Baud, Bern
Es ist
bekannt: Die starke Zunahme des Strassenverkehrs, der Missbrauch der
Strasse als Parkraum, die Verdichtung der städtischen Ballungsgebiete,
die Abnahme der Kinderzahlen und die Entdeckung der Kinder als
Konsumenten (s. Kasten) haben in den letzten 30 Jahren dazu geführt,
dass sich die Lebens- und Entwicklungsbedingungen für viele Kinder
massiv verändert haben.
Freizeit ist ein Produkt der industriell-bürgerlichen
Epoche. Alle Versuche, sie nicht negativ zu definieren (als
Nicht-Arbeitszeit) scheitern an der Tatsache, dass Nicht-Arbeitende
durch Konsum für die Produktion tätig bleiben müssen.
Kinder (und auch Jugendliche) sind Nicht-Arbeitende und also zum
Konsum verdammt. Ein Augenschein in Kinderzimmer bestätigt es.
Gerade wohl die stärkste Veränderung für die Kinder betrifft die
Möglichkeit, sich in ihrem Wohnumfeld selbständig und unbeaufsichtigt zu
bewegen, zu spielen und andere Kinder zu treffen. Das "freie Spiel",
jenes Spiel, welches in sich und aus sich selber seine Regeln definiert,
ist kaum noch zu finden.
Die Folgen sind Bewegungsmangel, Mangel an Kontakt mit
Gleichaltrigen, exzessiver Fernseh- und Computerkonsum,
Unselbständigkeit und Phantasielosigkeit.
Unsere Gesellschaft hat es geschafft: Kindheit ist keine
Subkultur mehr. Wir organisieren die Kindheit.
Es geht also nicht darum, die Freizeit der Kinder (noch
mehr) zu "verplanen", sondern ihnen den Raum für ihr eigenes Spiel zur
Verfügung zu stellen.
Wo sind sie geblieben
Naturschutz statt Kindergetrampel?
Ein Interview mit Claudia Günther,
Jugendbildungsreferentin der Naturschutzjugend Brandenburg ( NAJU)
Librikon:
Ein Spaziergang durch den Wald mit Kindern
ist oft erschütternd: Keine andere Familie, kein Kind, das über Stock
und Stein und querfeldein tollt, kein Kindergeschrei. Für die Eltern der
heutigen Kindergeneration war der Wald noch ein normaler Spielort. Haben
die Umweltschützer, hat die Ökobewegung über allen Naturschutz hin
vergessen, den Kindern die Natur zum Spielen zu lassen?
Claudia Günther:
Da
ich mehrere Male in der Woche im Wald unterwegs bin, kann ich leider nur
bestätigen, dass Wälder für Familien und Kinder scheinbar nicht mehr zu
den Orten gehören, die man für Freizeitaktivitäten oft und gerne nutzt.
Die Familien findet man am Wochenende oder nach Feierabend in den großen
Einkaufscentern, in Freizeitparks und auf Jahrmärkten, in Spaßbädern
oder in den Wohnungen und Häusern vor der Glotze oder Playstation. Ich
glaube nicht, dass in irgendeiner Weise die Umwelt- und Naturschützer
daran Schuld haben, dass es zu solcher Naturentfremdung gekommen ist.
Ganz im Gegenteil- sie sind heute, gemeinsam mit einigen Förstern, wohl
die Einzigen, die versuchen den Kindern den Lebensraum Wald mit allen
Sinnen nahe zu bringen, ihn kennen zu lernen, zu erforschen und zu
verstehen und natürlich zu schützen. Ich weiß auch nicht, ob der Wald
früher begehrter und bespielter war als heute. Auf jeden Fall hat es die
von Ihnen beschriebene Elterngeneration nicht geschafft, die in der
Kindheit gemachten Erfahrungen und Erlebnisse in der Natur ausreichend
an ihre Kinder weiterzugeben. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das
die Sorge vor den vielen möglichen Gefahren, die im Walde auf Kinder
lauern könnten und die sind leider oft nicht unberechtigt. Die Angst
geht um - nicht nur vor dem bösen Mann, sondern vor freilaufenden
Hunden, vor Zecken und dem Fuchsbandwurm. So wird der Waldspaziergang
zur Tortur. Man darf die Blau- und Himbeeren nicht mehr vom Wegesrand
naschen, Pilze werden seit Tschernobyl nur noch ungern und wenig
gegessen, Büsche und Sträucher meidet man, weil man in ihnen Zecken
vermutet, die Wege sind von Pferden zerritten und man muss sich, genau
wie auf der Straße, ständig vor Hundehaufen und Pferdeäpfeln in Acht
nehmen. Meist kommt noch dazu, dass die Wälder von Straßen zerschnitten
sind und man ständig irgendeine Autobahn oder Straße als Begleitgeräusch
bei sich hat. So verlieren nicht nur die Eltern schnell die Lust am
Waldspaziergang. Und es ist doch auch so viel einfacher, die Kinder zu
Hause vor den Fernseher oder Computer zu setzten. Denn auch dort laufen
ja vereinzelt Sendungen über den Wald, da können sich die Kleinen alles
genau ansehen. Die Zeit ist schneller und lauter geworden. Viele Eltern
sind mit Job, Haushalt und Kindern völlig überfordert. In ihrer freien
Zeit fehlt ihnen die Kraft, sich aufzurappeln und in den Wald zu gehen.
Oft ist dieser auch noch ein gutes Stück vom Wohnort entfernt. Wozu soll
man sich also noch selber auf die Socken machen. Leider ist auch viel
Wissen um die Natur verloren gegangen und die meisten Eltern können auf
den Fragen der Kinder im Wald gar nicht antworten. Das Schulwissen
allein reicht dazu meist nicht aus oder ist längst vergessen. Das
gleiche beobachte ich bei Kindergärtnerinnen. Auch sie scheuen sich oft
vor Ausflügen in die freie Natur, da sie selbst nicht gut Bescheid
wissen und oft die einfachsten Fragen nicht oder nur falsch beantworten
können. (Wie heißt diese Blume? Ist der Pilz giftig? Was ist das für ein
Baum? Wie lebt dieser Käfer? usw.) Und da es im Wald jede Menge zu
entdecken gibt, gibt es auch dementsprechend viele Fragen. Wir
Naturschützer lassen Kindern im Wald jede Menge Freiräume zum Spielen,
lernen ihnen aber, dass man Rücksicht auf die Waldbewohner zu nehmen hat
und den Wald auch immer so verlassen soll, wie man ihn vorfand oder
gerne vorfinden möchte. Dazu gibt es ein paar Regeln, die aber den
Kindern in keiner Weise den Spaß verderben.
Librikon:
Man kennt das bei Kindern: Dreimal,
viermal wird eine Blume gepflückt, zuhause in ein Glas gestellt, das
Kind sieht beim Verwelken zu und ist dann traurig, wenn die Blume
weggeworfen wird. Beim nächsten Pflücken denkt es darüber nach. Werden
Menschen, die keine Blumen und Tiere in der freien Natur kennen, sie
auch nicht schützen können?
Claudia Günther:
Da
ist sicher etwas Wahres dran. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die
Regel. Ich denke, dass Menschen, die die Wunder der intakten Natur
einmal kennen gelernt haben, sich persönlich ganz anders um den Schutz
und Erhalt kümmern und dafür einsetzten. Gerade im Natur- und
Umweltschutz kann man ja auch vieles falsch machen und so ist es
wichtig, gut Bescheid zu wissen. Nehmen wir nur das Beispiel der
Entenfütterungen an den Seen und Teichen mit Brot. Sicher denken viele
Leute, dass sie den Tieren damit etwas Gutes tun. Das Gegenteil ist der
Fall. Nicht nur die Gewässer werden vom absinkenden Brot stark
verunreinigt, auch die Population der Wasservögel kommt durcheinander.
Das Ergebnis sind dann meist viel zu viele Tiere an zu kleinen
Gewässern. Oder denken wir an den kleinen Igel im Herbst, der gut
gemeint im Keller eine Kiste zum überwintern bekommt. Dadurch kann er im
nächsten Frühling erst mit der Quartiersuche beginnen, wenn sich die
anderen Igel, die in ihrem Quartier überwintern, bereits paaren. Unser
Igel wird auch wieder sehr spät Junge bekommen, die dann im Herbst zu
klein sind und Hilfe brauchen usw. Es ist wichtig, dass wir an Hand der
Natur ganz praktisch den Kindern die Naturkreisläufe beibringen und sie
so lernen, dass der Tod zum Leben dazugehört und einer vom anderen
abhängig ist. Leben entsteht und Leben vergeht und da sind wir dann noch
mal bei dem Beispiel mit der Blume. Da habe ich ganz andere Erfahrungen
gemacht. Ich denke, dass gerade Blumen auch zu unserer Freude wachsen
und dass es zu jedem fröhlichen Menschenleben dazugehört, hin und
wieder Blumensträuße in der Natur zu pflücken. Ich glaube, dass Kinder
gar nicht so traurig sind, wenn ihre Blume dann nach einigen Tagen
verwelkt. Dazu ist unsere Gesellschaft zu kurzlebig. Wichtig ist es, den
Kindern beizubringen, nur das abzupflücken, was man wirklich braucht.
Das ist wohl eher ein Problem, dass heute oft achtlos was abgerissen und
dann gleich wieder weggeworfen wird. Leider leben wir in einer
Wegwerfgesellschaft und so haben wir Naturschützer alle Hände voll zu
tun, Zeichen dagegen zu setzen.
Librikon:
Indoor-Spielplätze, Freizeitparks,
Events, Ganztagsunterbringung – bleibt nicht viel Zeit und Raum für
Kinder, die wohl ganz aus dem Stadtbild - und den Wäldern - verschwinden
werden. Was würden Sie Eltern empfehlen, um bei Kindern die Liebe zu
Tieren und Pflanzen zu wecken?
Claudia Günther:
„Gute Vorbilder sind die besten Wegweiser“
Fast alle Kinder sind von Natur aus tierlieb und gerne in der freien
Natur. Ich kenne kaum ein Kind, das sich nicht irgendwann einmal ein
eignes Haustier gewünscht hat und dafür gerne sorgen würde.
Ich weiß auch, dass Kinder schnell und leicht für gute Aktionen in der
Natur zu begeistern sind und dann auch den Fernseher und das Handy
völlig vergessen. Aber sie brauchen jemand, der sie auf die Spur
schickt, ihnen die Welt und die Zusammenhänge kindgerecht erklärt und
sie begleitet und anleitet. Leider sind viele Eltern dazu nicht in der
Lage. Deshalb gibt es z.B. die Naturschutzjugend (NAJU). Ich würde
diesen Eltern empfehlen, ihr Kinder zur NAJU zu schicken. In unseren
Gruppen lernt man die Natur besser kennen, wird in ihr aktiv und hilft
mit sie zu schützen, denn wir verstehen uns als Sprachrohr für Tiere und
Pflanzen, deren Lebensräume bedroht sind.
Librikon:
Für viele Eltern beginnt die Gymnasialzeit
des Kindes mit dem Schreck, dass auf dem Lehrplan das Fach „Biologie“
nicht mehr auftaucht. „Naturwissenschaften“ heißt es jetzt, und das wird
häufig zusätzlich noch für „Computer“ genutzt. Was könnten Eltern tun,
um ihren Kindern trotzdem die Grundlagen zu vermitteln? Zu welchen
Büchern sollten sie greifen?
Claudia Günther:
Das ist nicht so ganz leicht zu beantworten. Es gibt sehr viele gute
Bücher, aber das hängt ja auch immer mit der Interessenlage des
einzelnen Kindes ab. Gerade in dem Alter gibt es schon richtig kleine
Spezialisten, die sich z.B. gezielt für Schmetterlinge oder Fledermäuse
interessieren. Die Fachbücher sind jedoch oft so speziell, dass Kinder
schnell die Lust verlieren, darin zu lesen. Wenn Eltern ihren Kindern
Grundlagen vermitteln wollen, dann müssten sie zuerst zum Buch greifen
und alters- und entwicklungsgerechte Literatur raussuchen. Dafür gibt es
Büchereien und das Internet. Aber auch hier kann die NAJU helfen.
Wichtig ist es, dass in Naturgeschichten die Fakten stimmen und Kinder
nicht irgendwelche komischen Dinge beigebracht bekommen, die sie sich
ein ganzes Leben falsch einprägen. Das ist immer dann der Fall, wenn
Tiere und Pflanzen vermenschlicht werden und plötzlich Bienenvater und
Bienenmutter gemeinsam ihr Bienenkind in der Wiege schaukeln.
Librikon:
„Leseförderung“ ist zur Zeit das große
Schlagwort. Die Kinder sollen um der Zukunft willen lesen, nicht um
ihrer Kindheit willen. Würden Sie sagen: Es gibt Wichtigeres für Kinder?
Wald, Wiese, Vögel?
Claudia Günther:
Ich finde schon, dass Lesen für Kinder ganz wichtig und schön ist.
Kinder sollen aber auch um ihrer Kindheit willen lesen, damit sie die
Welt und das Leben kennen lernen, Abenteuer bestehen und ihren
Sprachschatz und ihr Wissen erweitern. Aber lesen ist eben nicht alles.
Man kann seine Phantasie durch das Lesen anregen, man kann sich Wissen
aneignen, aber dann kommt der Zeitpunkt, wo man aus der Lese- und
Traumwelt in die Realität muss. Hier erst kann man all das selber kennen
lernen und umsetzten, was in den Büchern halt nur beschrieben wird. Es
ist wohl die gute Mischung von Lesen und praktischem Umsetzten und
handeln. Sobald der Mensch einseitig wird, fehlt ihm ein wichtiger Teil.
Auf jeden Fall sind Wald und Wiese, Vögel und Schmetterlinge, Regen und
Sonne live erlebt für Kinder und für jeden Menschen spannender und
schöner als das allerbeste Buch.
„Und horch, die Amsel singt so leicht,
sie predigt jedem Hörer:
komm in der Wirklichkeit Bereich.
Natur- sie sei dein Lehrer!“
Librikon:
Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns
genommen haben!
Der Naturjugendschutzbund hat ca.3000 Mitglieder
in Brandenburg, die zwischen 6 und 27 Jahre alt sind.
Weiter Infos: www.naju-brandenburg.de
Wie man isst und
trinkt, daran zweifelt niemand, ist eine Frage der Kultiviertheit –
genau wie Lesen. Kinder, die von ihrer Ernährung her vernachlässigt
werden, können nur schlecht zu Lesefutter finden. In den aktuellen
Diskussionen werden einzelne Aspekte herausgegriffen, die man in größere
Zusammenhänge setzen müsste. Zum Essen wie zu Lesen gehört Zeit, Ruhe,
Gelassenheit, Freude, Ehrlichkeit sich selbst und seinem Geschmack
gegenüber. Fünf Fragen an die Ernährungswissenschaftlerin Frau Dr. Anne
Hatalak-Rauscher.
Librikon:
Die flächendeckende Ganztagsschule wird, so steht zu befürchten, eine
ganze Generation von Kindern an eilig eingenommene vorgekochte
Fertigkost gewöhnen. Welche Folgen hat das? Was können Eltern tun?
Dr. Anne
Hatalak-Rauscher:
Fast Food und Hektik lassen unseren Geschmackssinn abstumpfen, auch der
übermäßige Verzehr von Zucker, Salz und zugesetzten Aromastoffen lässt
diesen verkümmern. Dazu kommt, dass industriell vorgefertigte
Nahrungsmittel die Geschmacksvielfalt drastisch einschränken. Oft
enthalten diese hochverarbeiteten Fertigprodukte weniger oder nur
künstlich zugesetzte Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre
Pflanzeninhaltsstoffe und machen sie damit ernährungsphysiologisch
weniger wertvoll. Hektik, Lärm und eine ungemütliche Atmosphäre lassen
Kinder schnell essen. Eltern können gemeinsam mit den Kindern und
Lehrkräften der Schule Konzepte entwickeln, wie dies alles verbessert
werden kann, durch die Gestaltung des Raumes, durch ansprechendes
Geschirr und natürlich bei der Auswahl des Zulieferers der Mahlzeiten.
Zu Hause kann eine unausgewogene Schul-Mahlzeit mit hochwertigen
Lebensmitteln, viel Frischkost, liebevoll gekochten Gerichten und einer
entspannten Atmosphäre ausgeglichen werden. Durch Zeit und Muße beim
Essen werden alle Sinne angesprochen, die Sättigung wird bewusst erlebt,
eine Esskultur mit Gesprächen und der Verfestigung der sozialen Kontakte
ist erlebbar.
Librikon:
Sie fordern, beim Essen „alle Sinne“ anzusprechen. Warum und wie soll
das geschehen?
Dr. Anne
Hatalak-Rauscher:
Essen ist mehr als reine Nahrungsaufnahme. Essen und Trinken hat sehr
viel mit Gefühl und sich wohlfühlen zu tun. Es dient der Befriedigung
einer Vielzahl von Gefühlen und Bedürfnissen, nicht nur des Hungers und
Durstes. Wenn mit allen Sinnen gegessen und getrunken wird, können diese
Bedürfnisse eher befriedigt werden. Nicht umsonst heißt es: Das Auge
isst mit! Zeit und Muße sind Grundvoraussetzungen dafür. Intensives
Riechen und Erschmecken der Mahlzeit fördert den Genuss. Schmecken und
Tasten mit verbundenen Augen, Duftmemories oder das gemeinsame
Zubereiten von Mahlzeiten sprechen alle Sinne an und ermöglichen einen
ganzheitlichen Umgang mit Lebensmitteln. Auch bei Genussreisen können
diese Sinne erlebbar gemacht werden.
Librikon:
Wenig Geld für eine möglichst große Menge: Die Quantität steht bei
vielen Einkäufen im Vordergrund, sparen und dabei mehr bekommen ist „common
sense“ in der Konsumgesellschaft. Wie könnte man bei seinem
Einkaufsverhalten ganz praktisch umsteuern?
Dr. Anne
Hatalak-Rauscher:
Gutes Essen hat seinen Preis, bei der Nahrungsmittelproduktion kann
nicht endlos gespart werden, ohne dass die Qualität leidet. Aber auch
mit kleinem Budget können hochwertige Lebensmittel erstanden werden. Ein
Einkaufszettel kann bei der Planung helfen, damit nicht zu viel erworben
wird, das dann doch nur in den Müll wandert. Einkäufe von Großpackungen,
Sonderangeboten, oder Lebensmittel, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen,
schonen den Geldbeutel. Oft bietet sich ein Preisvergleich an, der
erleichtert wird, durch die Preisangaben pro 100g oder 1kg, die auf den
Preisschildern am Lebensmittel im Supermarkt vermerkt sein müssen. Beim
Einkauf direkt beim Erzeuger fällt der Profit für den Zwischenhändler
weg. Auch der Verzehr von saisonalen Produkten strapaziert den
Geldbeutel nicht zu sehr, Erdbeeren im Winter sind einfach zu teuer.
Zusammenfassen könnte man das mit dem Slogan: Qualität statt Quantität.
Librikon:
Geschmack ist etwas sehr Individuelles. Wie können bei Kindern die
Grundlagen gelegt werden, sich und die eigenen Vorlieben kennenzulernen?
Dr. Anne
Hatalak-Rauscher:
Die Geschmacksvorlieben werden schon in frühester Kindheit geprägt. Wer
mit Fertigprodukten aufwächst, dem schmecken die frischen Varianten
nicht. Dies sollte man sich klar machen und sein eigenes Essverhalten
unter die Lupe nehmen. Aber auch später kann die Verknüpfung von
Schmecken und Riechen mit Genuss und Wohlbefinden zu einem gewissen Grad
erlernt werden. Sinnesschulungen, auch in Kita und Schule, unterstützen
die Veränderungen bei den Nahrungspräferenzen. Außerdem sollte der
Genuss von gesunden Lebensmitteln immer von positiven Gefühlen begleitet
sein, also der Spaß und die Lust im Vordergrund stehen, nicht der
erhobene Zeigefinger. Beim selbständigen Werkeln mit Brötchenteig oder
Salatzutaten entwickelt sich ein gutes Verhältnis zu den Lebensmitteln,
das Selbstgeschaffene will auch verzehrt werden. Entdeckergeist und
Experimentierfreude muss gefördert werden.
Librikon:
Gibt es Nahrungsmittel, die Kinder grundsätzlich nicht zu sich nehmen
sollten?
Dr. Anne
Hatalak-Rauscher:
Außer Alkohol, schwarzem Tee und Bohnenkaffee, gibt es eigentlich
nichts, was Kindern nicht auch probieren können. Auf Grund von Allergien
müssen natürlich individuell manche Lebensmittel ausgeschlossen werden.
Nach der Stillzeit empfiehlt es sich jeweils ein neues Lebensmittel
einzuführen, um gleich eventuelle Intoleranzen feststellen zu können. Es
ist nicht notwendig alle Geschmacksvariationen bei Babybrei
durchzuprobieren, das verwirrt nur die Sinne. Salz und Zucker, Gewürze
und Kräuter sind anfangs überflüssig, damit wird der eigentliche
Geschmack überdeckt oder verfälscht.
Völlig unnötig sind spezielle Kinderlebensmittel, von den
Milchschnitten, über Kinderbonbons oder Kinderwurst. Die Werbung möchte
uns glauben machen, unseren Sprösslingen damit etwas Gutes zu tun.
Leider sind sie oft reich an Fetten und isoliertem Zucker. Auch die
Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist oft zu viel des
Guten., die Versorgung damit wäre durch frische Lebensmittel vollständig
gedeckt. Kinderlebensmittel müssen nicht unbedingt an die Bedürfnisse
der Kinder angepasst sein; ein Kinderlebensmittel ist, was sich der
Hersteller darunter vorstellt.
Was jedoch wichtiger als das „was“ ist, ist das „wie viel“. Obst und
Gemüse, auch Brot und Kartoffeln, Reis oder Nudeln, am besten in
Vollkornvariation, dürfen öfter und in größeren Portionen auf den Tisch
kommen; Fettes und Süßes, auch die süßen Limonaden dürfen als kleine
Zugabe durchaus auch sein, aber eben nicht zum Sattessen. Das heißt eine
Kugel Eis oder eine Hand voll Chips oder ein kleines Glas Limo am Tag
sind erlaubt.
Die
Diplom-Oecotrophologin Dr. Anne Hatalak-Rauscher, Jahrgang 1965,
promovierte als EU-Stipendiatin in Norwich, Großbritannien.Mit einer
Praxis für Ernährungsberatung machte sie sich 1997 in Lohr am Main
selbständig. Ein besonderes Anliegen ist ihr die ganzheitliche,
genussbetonte Ernährungserziehung, vor allem von Kindern. Weitere
Schwerpunkte sind Esskultur, Ernährungsberatung bei Übergewichtigen und
Allergikern, und Vorträge zu allgemeinen Ernährungsthemen.
"Der verlorene Kampf um die Wörter.
Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt" Ein Interview mit
Monika Gerstendörfer
Librikon:
Ihr Buch
„Der verlorene Kampf um die Wörter“ ist ein Plädoyer für einen
feinfühligeren Umgang mit Sprache bei Ausdrücken aus dem Bereich
sexualisierter Gewalt. Solche Forderungen können, gerade in Bezug auf
Wortwahl in Kinder- und Jugendbüchern, Erfolg haben, man denke nur an
"Negerküsse", "Zigeuner" oder "Eskimos". Verlage und Autoren, die
schwierige Themen in Büchern für Jugendliche angehen, sollten bemüht
sein, eine angemessene Sprache zu verwenden. Bei welchen Begriffen
empfehlen Sie genaues Hinsehen?
Monika Gerstendörfer:
Bei allen Begriffen, die rassistische und sexistische Inhalte
transportieren. Dies gilt auch für den allgemeinen Umgangston, den ich
ebenfalls zur Sprachführung zähle. Bekanntlich macht der Ton die
Musik... Ebenfalls würde ich stereotype Szenen vermeiden. Wenn ich einen
Satz lese wie „Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause“, dann frage
ich mich, in welcher Zeit und auf welchem Planeten der Autor lebt? Es
reicht eben nicht, eine feine literarische Feder schwingen zu können.
Man muss von Autor/innen erwarten dürfen, dass sie politisch und
gesellschaftlich bestens informiert sind. Das ist heutzutage einfacher
denn je. Newsletter-Abos kommen kostenlos in den elektronischen
Briefkasten. Es gibt eine Fülle ausgezeichneter Webseiten, die man
regelmäßig besuchen sollte; Mailinglisten, wo man sich austauschen kann
u.v.m. Je besser man informiert ist, desto wacher wird man, desto eher
fallen Unwörter und sprachliche Entgleisungen auf. Natürlich erfordert
das Zeit und Mühen. Aber so viel sollten uns Kinder und Jugendliche
schon wert sein. Auch die Initiative „Unwort des Jahres“ von Professor
Schlosser kann helfen; sowie die Lektüre von Songtexten der so
gefeierten deutschen Skandal-Rapper, die vor Gewalt nur so strotzen. Um
es metaphorisch auszudrücken: Ich verlange von Autor/innen, dass sie die
Sprache nicht benutzen wie der Landschaftsmaler den mit Farbe getränkten
Pinsel. Ich möchte, dass sie hinter die Leinwand schauen.
Librikon:
Die Grenze
zwischen Jugend- und Erwachsenenbüchern zerfließt immer mehr. Das
beeinflusst den Inhalt der eigentlich für Kinder bestimmten Bücher. In
Karla Schneiders „Die Geschwister Apraksin“ wird, neben vielen
Gewalterfahrungen, am Rande und ohne drastische Worte eine
Vergewaltigung mit Schwangerschaft als Folge bei einem 15-Jährigen
Mädchen erwähnt. Pauschal gefragt: Sollte man das überhaupt
thematisieren? Wenn ja, welche Begriffe und Sichtweisen sollte man
meiden?
Monika Gerstendörfer:
Zunächst zu den sich auflösenden Grenzen. Das halte ich für ein ganz
großes Problem unserer Zeit. Es ist nicht zufällig, dass dann
Grenzüberschreitungen der unterschiedlichsten Art immer „normaler“
werden. Spontan dachte ich bei dieser Frage auch an das bereits 1982
erschienene Buch von Neil Postman „Das Verschwinden der Kindheit“, und
ich füge hinzu: ein Verlust der Jugendphase ist ebenfalls zu beobachten.
Entwicklungspsycholog/innen müssten hier eigentlich laut „Stopp!“
schreien. Man darf Kinder in bestimmten Entwicklungsphasen nicht mit
Themen oder Problemen konfrontieren, die sie überfordern. Überforderung
ist das Gegenteil von Förderung. Ich gebe einem Kleinkind ja auch kein
scharfes Chili con carne zu essen, weil das sein Verdauungssystem mehr
als nur überfordern würde.
Zu dem von Ihnen
erwähnten Buch. Ich denke, Kinder und Jugendliche haben das Recht auf
Träume, auf Entspannung beim Lesen. Wir Erwachsenen lesen ja auch nicht
nur Bücher über Gewalt oder all die Probleme dieser Welt. Träumen ist
wichtig für die Entwicklung der Phantasie. An der mangelt es in unserer
Zeit mehr denn je. Neil Postman sagte übrigens vor 25 Jahren bereits
dies: „... es ist für die elektronischen Medien unmöglich, irgendwelche
Geheimnisse zu bewahren. Ohne Geheimnisse aber kann es so etwas wie
Kindheit nicht geben.“ Da hat er Recht. Ich finde, dass Bücher mit
Problemthemen eher pädagogisch und fachlich korrekt aufbereitet werden
sollten. Also in ein anderes Genre platziert gehören.
Belletristik-Autor/innen haben in der Regel keine Ahnung von Triggern
(engl. Abzugshahn, Auslösereiz für die Erinnerung an Gewalterlebnisse);
ja, sie wissen noch nicht einmal, wie viele Trigger sie über Begriffe
oder Beschreibungen in ihre Bücher „einbauen“. Das kann fatal sein. Wenn
nämlich ein Kind, das zu Hause Gewalt erdulden muss, so etwas liest,
dann kann ein Wort, ein Satz, eine Episode des Buches all die
traumatischen Erinnerungen über es geradezu hereinbrechen lassen. Und da
man nicht davon ausgehen kann, dass sofort eine Traumatherapeutin zum
Fenster hereinschwebt, um das Schlimmste abzuwenden, wird dieses Kind
re-traumatisiert werden, wie wir das nennen. Das darf man nicht tun.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin dafür, dass auch Kinder
informiert sind. Doch das ist meines Erachtens eine andere „Baustelle“.
Auch hier werden also Grenzüberschreitungen vorgenommen. Wenn Kinder
solche Bücher lesen, von denen sie eigentlich erwartet haben, dass sie
sich daran erfreuen können, dann jedoch in seelische Nöte gestürzt
werden, nehmen sie vielleicht nie wieder ein Buch zur Hand.
Und noch ein Wort zur
Thematisierung einer Vergewaltigung ohne drastische Worte. Das Problem
dabei ist, dass es kaum etwas Drastischeres gibt als eine
Vergewaltigung. Die „Botschaft“ dieser Tat lautet zusammengefasst so:
„Du existierst nicht!“ Unabhängig davon, ob kindliche oder jugendliche
Leser/innen solches bereits erdulden mussten, muss die „eine Wahrheit“
angesprochen werden: eine Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt an sich,
ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann. Es ist ein
Frontalangriff auf unser Energiezentrum, ein lebensbedrohliches Trauma.
Nichts, aber auch gar nichts, wird „danach“ wieder so sein wie es vorher
war. Diese Tatsache wird über die Medien höchst selten vermittelt.
Librikon:
Sie sprechen
von der „Abwertung von Weiblichkeit“ und „Sexualisierung der Kindheit“
und schreiben: „Immer mehr Mädchen versuchen, mit Make-up und Kleidung
möglichst erwachsen auszusehen“. Mich selber erstaunt immer wieder, wie
sehr Mode schon bei 11-Jährigen von öffentlichen Abbildern, wie es Kika-Moderatorinnen (zum Beispiel bei Piercings) oder auch Buchcover
sind, bestimmt wird. Was halten Sie bei Jugendbüchern für eine gute
Cover-, was für eine von Unbedachtheiten geprägte Cover-Gestaltung?
Monika Gerstendörfer:
Unbedacht ist, wenn man nicht mehr erkennen kann, ob das nun eine Frau,
ein Mädchen oder ein Kind ist. Da haben wir erneut die Vermischungen und
Verwischung von Grenzen. Bei manchen Mädchen hat man aufgrund der
Schminke und der Kleidung das Gefühl, die kämen direkt vom
Straßenstrich. So etwas macht mich traurig; und wenn es noch so „trendy“
ist. Das muss man auf Buchcovern nicht nachmachen, also nochmals
abbilden und damit verstärken. Es ist auch nicht „cool“, sondern
schlicht unverantwortlich. Meine Nichte erzählte mir im Alter zwischen
12 und 14 Jahren immer wieder, dass sie echt nicht wüsste, was noch
lesen! Dabei ist sie eine Leseratte. „Da ist immer Sex oder was mit
Verliebtsein drin. Aber das ist langweilig. Ich will das nicht lesen.
Die zwingen das auf. Dürfen die das eigentlich? Warum gibt es nicht mehr
Geschichten über Tiere?“ Da habe ich die Ohren gespitzt! Und wenn ich
mich an meine eigene Kindheit erinnere, kann ich das nachvollziehen.
Abenteuer- und Freundschaftsgeschichten waren meine Lieblingsthemen.
Damals gab es noch genügend Titel dazu. Heutzutage bekommen sie als
Autorin sofort eine Absage, wenn in ihrem Buch ein Kasperle, sprechende
Bienen und Ameisen vorkommen. Das kann noch so spannend, lustig und
phantasievoll sein. Die Lektor/innen werfen das sofort in den
Papierkorb. Nicht realistisch genug...
Librikon:
Der
abwesende Vater, der als „Spotlight“ im Kinderleben auftaucht, ist in
der Kinderliteratur wie in der Wirklichkeit das normale. Langsam aber
ändert sich das: In der „Vinni“-Reihe eines schwedischen Autors steht
der Blick auf den Vater, den seine Tochter Vinni oft sieht (die Eltern
sind geschieden, sie lebt bei der Mutter), im Vordergrund. Ebenso bei
den „Willi Wiberg“-Bilderbüchern. Alle Bände dieser Reihen sind
Bestseller. Wie aber soll man damit umgehen, wenn doch, wie Sie
schreiben, das Böse, häufig von Männern ausgehend, aus unserer Mitte
kommt und dort auch ständig existiert? Ist es nicht besser, Männer aus
dem Kinderleben zu verbannen (wie etwa auch keine männlichen
Kindergärtner zuzulassen)? Werden Kinder nicht noch wehrloser, wenn
Männer auch noch die Kinderbücher dominieren und so Handlungsmaximen
vorgeben?
Monika Gerstendörfer:
Grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Väter endlich mal auftauchen.
Wenn die wirkliche Welt da zu „langsam“ ist, spricht nichts dagegen,
wenn Väter in Kinder- und Jugendliteratur vermehrt auftreten. Das kann
den Kindern nur gut tun. Dann ist es im von Ihnen erwähnten,
spezielleren Fall aber so, dass Scheidungskinder in der Regel
traumatisiert sind. Die Trennung der Personen, von denen sie abhängig
sind, ist für sie ein ungeheuer einschneidendes Erlebnis, das sie ihr
Leben lang begleitet. Insbesondere, wenn die Eltern einen Rosenkrieg
führen. Von daher dürften positive Gegenbeispiele bei betroffenen
Kindern, von denen es wegen der hohen Scheidungsrate ja immer mehr gibt,
gut ankommen. Das gilt nicht für die Kinder, wo der Vater während der
Ehe Gewalt gegen die Mutter und/oder gegen sie selbst ausgeübt hat. Für
solche Kinder ist es unglaublich erleichternd, wenn der Vater eben nicht
mehr auftaucht, denn das ist ja der Mann, vor dem sie schreckliche Angst
haben. Gleichwohl wünschen sich alle Kinder einen liebevollen Vater und
natürlich eine liebevolle Mutter. Manche träumen ihre ganze Kindheit
diesen Traum, und ich finde, dass Träumen erlaubt sein muss. Wenn man es
durch Kinderbücher schaffen könnte, dass Kinder den Wunsch entwickeln,
später eine Familie aufzubauen, in der alle respektvoll miteinander
umgehen, dann wäre das wunderbar! Damit ist Ihre zweite Frage
angesprochen: Männer dürfen nicht „verbannt“ werden. Im Gegenteil. Die
Frage ist jedoch: welche Männer(vorbilder)?
Librikon:
Es erscheint
demnächst ein Buch zum Thema Stalking: „Du gehörst mir allein“ von der
deutschen Redakteurin Patricia Mennen. Dort wird ein Lehrer von einer
Schülerin verfolgt. Halten Sie diese Konstellation für „aus dem Leben
gegriffen“?
Monika Gerstendörfer:
Ja und nein. Ja, weil es vorkommen kann. Nein - aus diesem Grund: Wenn
man solch ein brisantes – zugleich noch nicht etabliertes – Thema
angeht, dann sollte man genügend Hintergrundwissen haben. Dazu gehört
auch die Kenntnis über die Statistiken. Also wer betreibt Stalking
hauptsächlich? M.a.W.: die Täter-Opfer-Verteilung bzgl. Geschlechts-
Alterszugehörigkeit usw. Um es provokant auszudrücken: Ich kann auch das
allererste Buch über Schwäne schreiben, in dem ausschließlich schwarze
Schwäne vorkommen... Wenn sich Autor/innen vorgenommen haben, reale
Probleme zum Inhalt ihrer Bücher zu machen, dann sollten sie auch die
realen Verhältnisse widerspiegeln. Wohlgemerkt! Ich spreche hier nicht
von „political correctness“ o.ä. Ich meine diesen Trend zur
(unbewussten) Verfälschung, zur Ungleichgewichtigkeit – wie wir es aus
den Medien ja gewohnt sind. Das halte ich definitiv für Hirnwäsche.
Librikon:
Zur Zeit
haben Jugendbücher mit Geschichten über Magersucht Bestselleraussichten.
Sollten sich die Autoren vorab mit Gewalterfahrungen
auseinandersetzen?
Monika Gerstendörfer:
Auf jeden Fall! Ich habe als Studentin der Psychologie – das dürfte um
die 30 Jahre her sein – eine Untersuchung zu Anorexie und Bulimie
gemacht und dazu Therapeut/innen dieser Klientel interviewt. Eine
Psychotherapeutin und Ärztin sagte mir allen Ernstes: „Ach, ich finde es
ja eigentlich toll und beneidenswert, dass die so dünn sind.“ Ich war
fassungslos. Wie soll diese Frau eine solch lebensbedrohliche Krankheit
heilen können? Ähnliches gilt für Autor/innen. Sie müssen haarscharf
aufpassen, was sie da für Botschaften verbreiten. Es ist eine
Gratwanderung, die sorgfältig bedacht sein sollte. Ich würde ein solches
Buch Testleser/innen meiner Zielgruppen geben und mir ihre Meinung
anhören. Ich mache das mit allen meinen Büchern, Artikeln und
Kurzgeschichten so. Meine Nichte war in jungen Jahren schon eine höchst
nützliche und kritische Testleserin. Sie weiß längst, was ein Manuskript
ist. Das habe ich ihr erklärt, und dann sagte sie manchmal: „Aber auf
Seite x hast Du ganz schön viele Tippfehler drin.“ Oder Inhaltliches:
„Also ich finde das ja nicht besonders logisch, was Du auf Seite y
geschrieben hast. Kannst Du das nicht besser schreiben?“
Und wenn ich darf,
dann würde ich am Schluss noch gerne eine Sache ansprechen. Ich meine
das schöne Wort ‚Muße’. Dieses Wort kennen viele schon gar nicht mehr;
geschweige denn das Gefühl... Ich wünschte mir, dass gerade in der
Belletristik für Kinder und Jugendliche die Muße wieder eine Chance zur
Heimkehr bekommt.
Monika Gerstendörfer,
Jahrgang 1956, ist Diplompsychologin, Menschenrechtlerin und freie
Autorin. Sie studierte angewandte Sprachwissenschaft, Psychologie und
Psycholinguistik; arbeitete zunächst in der Wissenschaft (IBM Science
Center, Universität Heidelberg) und seit nunmehr 15 Jahren in
Menschenrechtsorganisationen (Terre des Femmes e.V., Deutscher
Akademikerinnenbund, Forum Menschenrechte. Lobby für Menschenrechte
e.V.), im "Observatory against Violence on Women" der EWL (Europäische
Frauenlobby, Brüssel), im Europarat (Straßburg); und als Sachverständige
bei Anhörungen auf EU-, Bundes- und Landesebene. 2005 wurde sie mit den
"1000 Women for Peace" für den Friedensnobelpreis nominiert.
Das Buch: Gerstendörfer,
Monika: Der verlorene Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei
sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere
Sprachführung, Junfermann 2007. ISBN: 3-87387-641-8
19,50.-
Es ist für jeden zu
empfehlen, der mit Bedacht Begriffe verwenden möchte - und für jeden,
der für eine breitere Öffentlichkeit spricht oder schreibt.