"Sisyphos und
Sphinx: Ein Ratespiel rund um die Sagen der griechischen Mythologie"
Von Wenzel Nieß
Diese
Schachtel ist ein Schmuckkästchen, das Liebhaber geschmackvoller
Gestaltung begeistern wird. In gediegenem Rot und leichtem Gold
schmeichelt es dem Auge. Man öffnet den stabilen Karton und lässt den
Deckel, der von zwei schwarzen Bändern gehalten wird, los, und das
Deckelinnere lädt zum Zugreifen ein: Ein Buch in handlichem Format ist
darin. Das Cover greift das Bild des Außendeckels wieder auf. „Sisyphus
und Sphinx. Sagen der griechischen Mythologie. Ein Ratespiel“. In dem
Buch-mit 200 Seiten auch eine eigene Lektüre wert- finden sich nach
Alphabet geordnet die Helden der Sagen. Auf drei, vier Seiten wird zu
jedem erzählt –spannend erzählt! (aus Schwab und Stoll sind die
Texte)-, welche Rolle die jeweilige Gestalt wo spielt. Vorn finden sich
die Spielregeln: Da gibt’s nicht viel zu verstehen; Bild auf Karte
anschauen, raten, wer dort zu sehen ist, umdrehen, nachlesen. Das kann
man zu vielen und in Teams spielen, und wer bereit ist zu erklären und
vorzulesen, der kann es auch mit der ganzen Familie. Erstaunlicherweise
braucht man gar nicht so viele Vorkenntnisse, wie man meinen könnte.
Das Ratespiel macht Spaß!
Im
Schachtelkasten also finden sie sich, die Ratekarten, mit den Fragen,
den Antwortvorschlägen (a, b ,c oder d) und auf den Kopf gedruckten
Antwort. Jede für sich ein zauberhaftes Kunstwerk! Die genaue
Betrachtung, die zum Spiel gehört, bringt die Spieler dazu, die
Illustrationen nicht nur flüchtig wahrzunehmen, und die Illustratorin
Eleanor Marston nimmt den Betrachter, seine Zeit, seinen Geschmack ernst
und bietet ihm diesen ästhetischen Hochgenuss. So sollte die wundervolle
Schachtel jeder, der das Besondere liebt, sein eigen nennen.
Eleanor
Marston:
"Sisyphos und Sphinx: Ein Ratespiel rund um die
Sagen der griechischen Mythologie"
Edition Buechergilde 2012
Euro 19,95, ASIN:B006JW2NTO
Aus
Marias Sicht
"Atempausen im Advent"
Von Anne Spitzner
Die
Adventszeit ist besonders für Mütter sehr hektisch. Plätzchen müssen
gebacken, Geschenke ausgesucht, Feiertage organisiert werden. Dieser
Hektik will Judith Dimke-Schrader mit ihrem „Adventskalender für Mütter“
einen Gegenpol setzen. Jeden Tag für ein paar Minuten sollen Mütter mit
diesem Adventskalender entspannen, ganz da sein und nur für sich da
sein. Mit Hilfe von weihnachtlichen Bildern, Gedichten und Denkanstößen
wirft Dimke-Schrader einen Blick auf die Weihnachtsgeschichte, wie sie
sich aus Sicht von Maria, der werdenden Mutter, abgespielt haben muss:
Die Reise nach Bethlehem, die Geburt ihres Kindes im Stall. Die
Vorbereitung auf Weihnachten und die Vorbereitung auf die Geburt des
Jesus-Kindes werden so zu ein und derselben Geschichte. Diesen Ansatz
erlebt man zwar in so mancher Heiligabendpredigt in der Kirche, aber
deshalb verliert er nichts von der Nachdenklichkeit, die er auslöst: Wie
war das eigentlich, damals, mit Maria?
Trotz des
besonders für Mütter schönen Ansatzes, den Adventskalender auf Marias
Sicht zu richten, stolperte ich über das ein oder andere: Die Gedichte
klingen manchmal etwas holprig, manchmal etwas pathetisch, und die
einzelnen Zeilen, die die Gesamtaussage der Gedichte betonen sollen,
wiederholen sich für meinen Geschmack manchmal etwas zu oft; aber die
Denkanstöße sind gut, haben auch mich als Noch-Nicht-Mutter zum
Nachdenken gebracht: „Wann habe ich eigentlich zum letzten Mal…?“
Dass sich
auch einzelne Inhalte der Tage wiederholen und nicht nur die Zeilen
innerhalb der Gedichte, fällt, wenn man tatsächlich jeden Tag nur eine
Seite umblättert, wahrscheinlich gar nicht auf. Und einen großen Vorteil
hat dieser Adventskalender sicherlich: Man kann ihn nicht aufessen, und
im nächsten Jahr denkt man über manche Inhalte vielleicht ganz anders
nach als in diesem.
Judith
Dimke-Schrader:
"Atempausen im Advent"
Matthias Grünewald Verlag 2012
52 Seiten, Euro 9,99
ISBN 978-3786729549
Wider verstörende Erziehungsliteratur
Wilfried von Bredow: „Lola rast und andere schreckliche Geschichten“
Von
Ada Bieber
Es
verwundert schon sehr, dass ein Bilderbuch wie „Lola rast und andere
schreckliche Geschichten“ von Wilfried von Bredow, mit „drolligen
Bildern von Anke Kuhl“, in der Kritik auf soviel Zuspruch stößt. Denn
bei den tatsächlich schrecklichen Bildergeschichten im Comicstil handelt
es sich um brutale Erziehungsgeschichten. Ob es da wirklich ein
Qualitätsmerkmal ist, dass es sich hierbei um „das schlimmste Bilderbuch
seit ›Struwwelpeter‹“ handelt, wie der Verlag stolz auf seiner
Internetseite verkündet? Was der Verlag als schmissige Geschichten
jenseits des Mainstreams propagiert, kann durchaus als Angst machende
Erziehungsliteratur unter dem Deckmantel von Witzigkeit verstanden
werden.
Denn trotz gekonnten Reimen und modernen Zeichnungen ist der autoritäre,
rücksichtslose Ton nicht zu übersehen, und es stellt sich einem die
Frage, ob das die Art von Bilderbüchern ist, die sich eine überforderte
Gesellschaft heute wünscht. Auch wenn es angeblich die Kinder
selbst sind, die die dargestellten Katastrophen lieben, so beschleicht
einen die Ahnung, dass sich dies Erwachsene einreden, die nicht mehr
recht wissen, wie sie angemessen auf Phänomene der Gegenwart reagieren
sollen. Denn den insgesamt sieben Geschichten ist eines gemeinsam: Alle
handeln von unartigen Kindern, die sich in Gesellschafts- und
Erziehungsproblemen der Gegenwart verlieren und dafür auf brutale Weise
bestraft werden – durch Einsamkeit, Verschwinden oder Tod. Alle
Erzählungen gehen daher wie der längst in die Kritik geratene
„Struwwelpeter“ davon aus, dass schon kleinste Kinder vernunftorientiert
handeln können und daher im vollen Maße für ihr eigenes Handeln
verantwortlich sind. Wollen sie einmal nicht auf die belehrenden Worte
der Erwachsenen hören, so müssen sie selbst die schlimmsten Konsequenzen
erleiden!
Können Erwachsene mit der notwendigen Distanz vielleicht noch an der
einen oder anderen Stelle in diesem Bilderbuch befreit lachen, so bleibt
Kindern vor lauter Angst und Schrecken das Lachen wohl eher im Halse
stecken, und nicht wenige werden unsicher sein, welche schicksalhaften
Strafen ihnen noch bevorstehen. Jungen Lesern sollte man allerdings
weniger Angst und Schrecken als vielmehr eine Literatur gönnen, die auf
ästhetische Weise positive Weltsichten und angemessene Wege im Umgang
mit Problemen – explizit oder implizit – vermittelt. Dabei darf eines
nicht vergessen werden: Kinderliteratur ist keine reine
Erziehungsliteratur, sondern folgt in erster Linie künstlerischen
Ansprüchen. Verstörende Erziehungsliteratur im Schafspelz von
comicartiger Witzigkeit fällt nicht in diese Kategorie!
Wilfred von Bredow:
"Lola rennt und andere schreckliche Geschichten"
Mit
drolligen Bildern von Anke Kuhl
Klett Kinderbuch 2009
32 Seiten, Euro 13,90
ISBN
978-3-9414411-01-2
Des Menschen Dinge, vom Kleinkind aufwärts
Annette Schäfer:
„Wir sind, was wir haben – Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser
Leben“
Von Sarah Kassem
Annette Schäfer, langjährige freie Journalistin mit dem
Arbeitsschwerpunkt Psychologie und Wirtschaft, ist also vom Fach, wenn
sie ein Sachbuch über die menschlichen Beziehungen zu Objekten vorlegt.
In „Wir sind, was wir haben – Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser
Leben“ behandelt sie in neun Kapiteln einen Randbereich der Forschung,
der bisher als ‚Object Studies’ ein Schattendasein fristete. Schäfer
kompiliert alle bisherigen Forschungsergebnisse und versucht, einen
eigenen Beitrag zu diesem Thema zu leisten.
Sie startet in ihr Buch
mit einem Extrem, indem sie auf den Verlust von Objekten nach
Katastrophen eingeht. Interviews mit Opfern von Feuer, Flut, Lawinen
oder Raub werfen fundamentale Fragen auf: Machen Menschen Dinge, oder
machen Dinge den Menschen? Wer beeinflusst wen? Welche Dinge würde ich
bei einer anstehenden Katastrophe mitnehmen? Welche Dinge würde ich
vermissen?
Daraus entwickelt die
Autorin Überlegungen zu der identitätsstiftenden Bedeutung von Dingen,
um das ‚erweiterte Selbst’ (eigentliches Selbst + Besitztümer) und um
die Schutz- und Brückenfunktion von Besitztümern. Was sagen unsere
Lieblingsdinge über uns aus? Lieblingsobjekte können Instrumente (z. B.
Möbel, Fernseher, Sport- & Musikgeräte) oder Symbole (Ehering,
Judogürtel, Erbstücke, Geschenke etc.) sein. Somit gibt unser Besitz
Auskunft über unser Selbstbild versus unser Selbstideal, und über die
symbolische Selbstergänzung, die wir durch Objekte anstreben und
erfahren.
Die Beziehung zu Besitztümern verändert sich im Laufe des Lebens. Für
Kleinkinder sind Dinge physisches Feedback und Übergangsobjekte, die den
Werksinn ausprägen und eine Art von Entwicklungshilfe zur Bereicherung
des Selbstkonzeptes darstellen. Bei Teenagern werden materielle Objekte
zu Dingen, die die soziale Zugehörigkeit und Selbstdarstellung bedienen.
Für Erwachsene werden Objekte mehr und mehr zu einem Symbol der
Generativität: etwas von Wert zu schaffen, das nicht nur für das eigene
Leben, sondern auch für andere Menschen Bedeutung hat, ebenso das
Bedürfnis, zeigen zu müssen, dass man im Leben etwas geleistet hat. Die
Unterschiede zwischen Mann und Frau: Dinge, die Autonomie,
Freiheitsstreben, Aktivität und Funktionalität symbolisieren, gegenüber
Dingen als Ausdruck von Häuslichkeit und Attraktivität. Die Besitztümer
im Alter erleben einen Wandel: sie werden zu einem Archiv für die eigene
Existenz (‚autobiographische Souvenirs’)
Nach diesem generativen
Fokus wendet sich Schäfer weiteren Bereichen der Object Studies zu: dem
Habseligkeitentest der CIA, der Snoopology und der ‚belgischen Methode’,
Opportunitätskosten, der Analyse des Phänomens des Sammelns, den
Schattenseiten der menschlichen Beziehungen zu Dingen, der
Materialismus-Forschung, der Analyse des Zusammenhangs zwischen Besitz
und Glück und schließlich dem freiwilligen Abschied von Dingen, was
einen Bogen zum ersten Kapitel zurückspannt. Am Ende wird auf den sehr
spannenden Bereich eingegangen, der sich mit der Frage beschäftigt:
Besitze ich eine Sache, weil sie mir etwas bedeutet, oder bedeutet sie
mir etwas, weil ich sie besitze?
Annette Schäfer ist
keine Psychologin, sondern Journalistin. Dementsprechend bereichert sie
mit „Wir sind, was wir haben“ nicht die Object Studies. Sie führt
lediglich Interviews und stützt ihr Buch auf die Forschungsergebnisse
anderer. Ihre Sprache ist streckenweise von einer angenehmen bis
irritierenden Laienhaftigkeit. Sie erzählt sympathisch und
locker-flockig von ihrem eigenen Leben und ihren Freunden, kommentiert
das Gesagte ihrer Interviewpartner und sorgt so für guten Lesefluss.
Allerdings ist „Afrikanische Nigrer“ ein Pleonasmus. Ornithologisch
korrekt hat ein Pfau keinen ‚Schwanz’, sondern eine ‚Schleppe’. Es ist
verwunderlich, dass Ärzte und Anwälte pauschal und ohne jeden
Zusammenhang als zuverlässige Menschen betitelt werden. Und dass Amazon
ganz zufällig und völlig zusammenhangslos – Schäfer wird auf ein Buch
aufmerksam und bestellt es bei Amazon, prompt hat sie es in ihrem
Briefkasten – einen Auftritt hat, grenzt an Schleichwerbung.
Die Object Studies sind,
wenn man sich näher damit beschäftigt, ein Forschungsbereich, der einen
Paradigmenwechsel im eigenen Denken verursachen kann. „Wir sind, was wir
haben“ von Annette Schäfer ist ein gutes Buch, um einen Einstieg zu
finden. Gekonnt macht sie einen Rundumschlag und fasst die bisherigen
Forschungsergebnisse auf verständliche und angenehme Weise zusammen. Der
Leser bekommt eine gute Einführung in die bisherigen Studien und erfährt
die wichtigsten Namen (Fromm, Beaglehole, Csikszentmihalyi, Habermas)
sowie Details über weniger bekannte, aber hochspannende und originelle
Studien. Auch für das Nicht-Wissenschaftliche ist Platz: John Steinbeck,
Leonore Doolans sehr originelles Bilderbuch ‚Bedeutende Objekte und
persönliche Besitztümer aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold
Morris. Darunter Bücher, Mode und Schmuck’, Karl Rabeders erstaunliche
Metamorphose, die atemberaubenden Werke des Fotographen Peter Menzel
(‚Material World’) und Rabbi Schachtel.
Das sehr ausführliche
Literaturverzeichnis am Ende des Buches ist ein sehr guter Wegweiser für
die Fortsetzung der Reise in die Tiefen der Object Studies.
Ein leicht verdauliches
und verständliches Werk für absolute Anfänger, das das Interesse weckt,
tiefer in die Materie einzusteigen.
Annette
Schäfer:
"Wir sind, was wir
haben: Die tiefere Bedeutung der Dinge für unser Leben"
Deutsche
Verlagsanstalt 2012
252 Seiten, Euro 19,99
ISBN 978-3421044938
In
der eigenen Seele stöbern. Und das mit Spaß!
Roswitha Moralic:
"Die Kidnapper und die
Mär vom Himmelrot"
Von Julia Schneider
Was könnte Kindheit
alles sein! Zeit haben, der Phantasie freien Lauf lassen, in der eigenen
Seele stöbern und die Suche beginnen, die dann das Leben später erst
lebenswert macht! Stattdessen propagiert eine kindentfremdete
Erwachsenenwelt sofortiges Funktionieren der Kinder, eine korsettartige
Frühbildung, in Ganztagseinrichtungen institutionalisierte Kindheit und
natürlich Mütter, die angeblich nichts lieber möchten, als ihre Kinder
von anderen erziehen zu lassen. Der halbe Weg in diese schöne neue Welt
ist schon zurückgelegt und die ersten Auswirkungen zu spüren: Familien
unter ständigem Zeitmangel, gehetzte Mütter und keine Muße, miteinander
auch einfach mal Spielerisches zu teilen.
In solche
Atemlosigkeit bricht ein Buch wie ein Statement herein: „Die Kidnapper
und die Mär vom Himmelrot“, verfasst und mit Collagen versehen von der
Autorin und Künstlerin Roswitha Moralic. Ein ganzer bunter Strauß an
Spielstücken lädt endlich einmal wieder alle miteinander dazu ein, Ideen
zu haben, Freude zu empfinden, aus sich herauszukommen und dabei sich zu
entdecken. Das witzige Wechselspiel von Bezügen zu alten Märchen und zur
Gegenwart, das auch sprachlich vollführt wird, ist eine Brücke zwischen
den Generationen. Mit dem (übrigens herrlich gestalteten) Buch, das
Collagen, die weit mehr als Kostümvorschläge sind, und viel Raum für
eigene Notizen hat, erhält das Familienleben neue Anstöße. Die
Überwindung, wieder gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, wird
erleichtert durch Singspiele (mit Noten und Text im Anhang). Wie nah die
Autorin an echten Kindergefühlen ist, spürt man in jeder Szene. Und so
ist „Die Kidnapper“ natürlich auch etwas für das Aufführen im
Kindergarten. Aber immer gilt: Nur für die, die noch die innere Freiheit
haben!
Roswitha
Moralic:
Die Kidnapper und die
Mär vom Himmelrot
Pandora Verlag 2012
289 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-9814260-1-4
Einfallslos
Und darum an die Erziehungsberechtigten
gerichtet: "Streng verboten" und "Frau Hoppes erster Schultag"
Von Bettina Meinzinger
Kindern wird oft
verboten, was ihnen eigentlich Spaß macht. Doch wie ist es, wenn man
selbst einmal Verantwortung für andere übernehmen muss?
So ergeht es in
„Streng verboten“ dem Erpel, dem von der Gans, die verreist, die
Aufsicht über den Teich und seine Bewohner erteilt wird. Übereifrig
will der Erpel alles richtig machen, stellt, wo es nur geht,
Verbotsschilder auf: Wettrennen verboten, hüpfen verboten, tauchen
verboten.
Frösche, Libellen und
Vögel suchen bald das Weite und siedeln auf die Wiese über, wo sie
gemeinsam toben – ohne Vorschriften und Maßregelungen. Der Erpel, der
allein zurückbleibt, hat schließlich ein Einsehen, entfernt seine
Verbotsschilder und stellt fest, dass es darauf ankommt, dass sich ein
jeder wohlfühlt und gerne mit den anderen Tieren am Teich ist und nicht
darauf, möglichst viele Regeln aufzustellen. Richtet sich diese
Geschichte nicht vielmehr an die Erziehungsberechtigten als an die
Kinder?
Wie dem auch sei, die
Geschichte ist eher flach und unoriginell erzählt, die Illustrationen
sind anspruchslos und höchstens mittelmäßig.
Ein ähnliches Problem
hat auch „Frau Hoppes erster Schultag“. Die Geschichte der Lehrerin
Henriette Hoppe, einer Hasenfrau, zeigt, dass auch Erwachsene Angst vor
Neuem haben, es aber am Ende meist halb so schlimm wird wie erwartet.
Eine schöne, positive Message, trotzdem enttäuscht das Buch, etwa durch
zu nette Zeichnungen und Quatschsätze wie „Eine Lehrerin sollte am
ersten Tag hübsch aussehen“ (ihre Freundin Mathilde rät ihr zu dem roten
Kleid, da es so „toll zu [ihren] braunen Augen“ passt), oder durch die
Darstellung einer idealisierten, heilen Schulwelt, in der gesungen,
gemalt und Ball gespielt wird und alle Kinder „brav auf ihren Plätzen“
sitzen.
Beide Bücher sind
leider zu harmlos und einfallslos, als dass sie einen bleibenden
Eindruck hinterlassen könnten.
Alison Ritchie:
"Streng verboten"
Mit Bildern von Hannah
George
Aus dem Englischen von Linde Zwerg
Loewe 2012
32 Seiten, Euro 12,95
ISBN 978-3785574683
Axel Scheffler/Agnès
Bertron:
"Frau Hoppes erster
Schultag"
32 Seiten, Euro 12,95
Beltz & Gelberg 2012
ISBN 978-3407794512
Es
gibt (mindestens) zwei Oster-Feste, aber nur eines davon ist pädagogisch
wertvoll
Grigorij Oster: „101 lustige Matheaufgaben“
Von Daniel Ableev
Als
mir ein Freund vor einigen Jahren zwei Bücher von Grigorij Oster
dauerlieh (ich habe sie noch immer nicht zurückgegeben), wurde mir
plötzlich bewusst, dass ich von diesem Autor schon mal gehört hatte, und
zwar sehr Gutes. Bald stellte sich heraus, dass Osters Mathe- und
Physikaufgaben für Kinder tatsächlich ganz schön großartig waren. Was
kann schließlich toller sein als ein bunt bebildertes Buch mit lustigen,
oft schwarzhumorigen Textaufgaben, die unterhaltsam und lehrreich sind?
Lehrreich auch insofern, als eine gewisse Abstraktionsleistung
vollzogen werden muss, um die für die Lösung der jeweiligen Aufgabe
wesentlichen Informationen aus dem ganzen augenzwinkernden
Albernheitsbeiwerk zu extrahieren.
Oster schafft
sympathische, meist familiäre oder schulische Alltagssituationen, mit
denen sich Kinder sofort identifizieren können. In diese sind dann
geschickt einfache arithmetische Probleme eingewoben.
Das Einzige, was mir
an Oster gar nicht gefällt, ist der leidige Umstand, dass ich bis zum
Alter von 18 Jahren blöderweise das krasse Gegenteil einer Leseratte
(also etwa ein analphabetisches Ai) war und daher erst in Deutschland
ankommen, die vierte Klasse wiederholen, Jura abbrechen und achtmal Müll
herausbringen musste, um endlich einen klaren Klassiker der russischen
Kinderliteratur kennenzulernen.
(Von 8 bis 10 J.)
Grigorij Oster:
„101 lustige
Matheaufgaben“ Band 1
Mit Illustrationen von
Alexander Strohmaier
Aus dem Russischen von
Erich Liaunigg
Edition Launigg 2009
56 Seiten, Euro 15,50
ISBN 978-3902712011
Der Rezensent ist als Kulturjournalist und Autor in Bonn tätig. Von ihm
liegt ein Roman mit Bildern vor: „Alu“ (Autumnus Verlag)
Flüchtlingsdrama auf Lampedusa
Robert Klement: „70 Meilen bis zum Paradies“
Von Frauke Gehrau
70
Meilen sind es vom afrikanischen Festland bis zur italienischen Insel
Lampedusa. Siad und Shara wollen vor dem Bürgerkrieg in Somalia in das
vermeintliche Paradies Europa flüchten, genauso wie Stany aus Nigeria,
der dort auf ein besseres Leben hofft. Gemeinsam mit anderen
verzweifelten Flüchtlingen wagen sie die Überfahrt über das Mittelmeer
in einem überfüllten Kutter. Doch als sich herausstellt, dass der
vermeintliche Kapitän auch nur ein weiterer Flüchtling ist, hängt ihr
Leben in einer dramatischen Irrfahrt am seidenen Faden.
Die Lager in Lampedusa, seit Jahren viel zu eng, wurde
vor kurzem geräumt - die Menschen sind nun auf Schiffen interniert
(Stand: November 2011). Die Flüchtlinge Viele haben großes Leid erlebt,
sind vor dem Elend ihrer Heimat geflohen, um am Ende – schon in Europa
angekommen – wieder zurückgeschickt zu werden. Nur die wenigsten kommen
durch und müssen feststellen: Ein Paradies ist Europa nicht.
Robert Klement hat für seinen Jugendroman „70 Meilen zum
Paradies“ an Originalschauplätzen recherchiert. Obwohl das Buch bereits
2007 in der zweiten Auflage erschienen ist, bleibt das Thema aktuell.
Die fiktive Handlung (nach realen Berichten geschrieben) ist abwechselnd
aus der Perspektive der jugendlichen Shara und ihrem Vater Siad erzählt.
Das Buch zeigt Menschen, die ihre Träume verwirklichen wollen. Sie
verlassen ihre Heimat nicht aus freiwilligen Stücken. Diese Leute lassen
sich nicht aufhalten, scheitern dennoch und geben trotzdem nicht auf.
Das Buch kann ab 14 Jahren gelesen werden. Zumindest ein
wenig Interesse am Thema sollte bestehen, denn Robert Klement hat auch
von Sprache und Stil nichts geschrieben, was der Unterhaltung diente.
Anfangs erinnert die Geschichte mehr an eine Zeitungsreportage. Die
Zahlen und Fakten strengen an, da sie zuweilen die Handlung aufhalten,
aber etwa ab der Hälfte des Buches konzentriert sich der Autor auf den
Plot. Das Geschehen ist im Groben vorraussehbar (wozu sicherlich auch
der Buchrücktext beiträgt), im Detail aber spannend und informativ. Ein
Pluspunkt ist auch, dass es nicht mit der Bewilligung des Asylantrages
von Siad endet, sondern auch von dem schwierigen neuen Leben in Italien
erzählt.
(Ab 14)
Robert Klement
70 Meilen zum Paradies
Jungbrunnen Verlag 2007
143 S., Euro 13.90
ISBN: 978-3-7026-5779-6
Im
Halbdunkel
Thomas Spiegler:
Home Education in Deutschland: Hintergründe - Praxis - Entwicklung
Von Miriam Schneider
Licht
ins Dunkel zu bringen, Ordnung ins Wirre, dafür gibt es
wissenschaftliche Parameter. Das gilt sogar für ein Fach wie die
Soziologie, die zwar große Möglichkeiten hat, ihre Ergebnisse
populärwissenschaftlich unters Volk zu bringen, aber sich nicht immer
ihres konkreten Gegenstands bewusst zu sein scheint Dass sie ein echtes umrissenes
Arbeitsgebiet hat, merkt man allerdings an ihren besten Ergebnissen. Zu
ihnen gehört eine Dissertation, die sich des schwierigen Themas „Home
Education in Deutschland“ (so auch der Titel der Studie) annimmt. In der
alltäglichen Praxis ist es kein komplizierter Fall, mit Überlegungen zu
Pädagogik und Wissenserwerb wäre man schnell in medias res. Aber in
Deutschland ist das Phänomen, das Kinder nicht zur Schule gehen, nur in
wenigen Familien unter die Lupe zu nehmen, und es ist -vor allem-
gesetzlich untersagt; es herrscht Schulpflicht für alle, die auch mit
einem wie auch immer gearteten Homeschooling nicht abgedeckt ist.
Also wird im
Halbschatten operiert. Familien, die das tun, sind eher scheu und lassen
sich ungern auf Öffentlichkeit ein. Thomas Spiegler, Autor der
wegweisenden Dissertation zum Thema, hat solche Familien kennengelernt.
Er ist auch Theologe, und da liegt der Schlüssel zum Zugang zu den
Familien. Viele von ihnen sind tiefgläubig, und daher entspringt ihr
Unwille, die Kinder mit anderen Kindern in Kontakt bringen zu wollen.
Spiegler geht sehr genau und kundig auf die Beweggründe ein, er ist
objektiv und doch bringt er genug Sympathie für diese von den Behörden
verfolgte, zu Unrecht kriminalisierte und oft zur Verzweiflung gebrachte Menschen auf, um sie nicht
mit einem „Verrücktheitsstempel“ zu versehen. Hier wird versucht -und das
ist eine einzigartige Chance auch für die öffentliche Wahrnehmung-, am
Rande stehende Menschen nicht mit dem Minderheits-Malus abzutun, sondern
sie als normale Mitglieder der Gesellschaft und als deren
selbstverständlichen Bestandteil zu nehmen. Anhand von konkreten
Beispielen legt Spiegler dar, welche Motivation die Familien zu ihrem
speziellen Weg führte und wie sie ihn täglich in die Praxis umsetzen.
Ein Ausblick auf die weitere Entwicklung fehlt von diesem, einem der
ganz wenigen Experten in Deutschland, nicht. Die Ungewissheiten -Zahlen
und Fakten, Familien mit ganz anderem Hintergrund- kann auch er
naturgemäß nicht beseitigen. Der Autor bewahrt in seiner Studie den
Überblick und bei allem Zugang zum Thema auch immer die
wissenschaftliche Objektivität.
Dass es wünschenswert
wäre, Homeschooling zu legalisieren, um die Familien nicht ganz von der
Gesellschaft abzukoppeln, wäre eine naheliegende und auch den Gegnern
einsichtige Argumentation. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem
Thema bringt also unter Umständen nicht nur die Forschung voran.
Thomas Spiegler:
Home Education in
Deutschland: Hintergründe - Praxis - Entwicklung
286 Seiten, Euro 34,90
VS Verlag für
Sozialwissenschaften 2008
ISBN 978-3531157290
Was das Leben bereichert hat Gunda Maintz:
Das Großmütterbuch
Von Susan Müller
Wenn
sich Großmütter einig sind und zusammentragen, was ihr Leben bereichert
hat, um das schriftlich zu fixieren und für die Nachkommen und in dem
Fall nicht nur für die eigenen, festzuhalten, dann entsteht dieses
großartige Werk.
Liebevoll wird
beschrieben, was tut gut, wenn der Hals schmerzt und vor allem was
hilft dabei, ohne dass viel Geld in die Apotheke geschafft werden muss.
Welche Hausmittelchen lindern Blessuren? Wir erfahren aber in Form von
Interviews mehr zu den Großmüttern, nämlich was sie gern essen und wann
und warum sie eigentlich damals den Großvater geheiratet haben. Denn
ohne die jeweils beiden gäbe es ja keinen der jüngeren Generation.
Sie erzählen von
Dummheiten, die eigentlich keine waren, weil sie es wieder tun würden
und von Dingen, die dann schon eher eine Eselei waren und auf keinen
Fall wiederholungswürdig.
Eine kleine
Lieblingsspeisen-Rezeptkunde ist auch dabei und alles ist mit so viel
Liebe niedergeschrieben, dass das Großmütterbuch nicht nur von den
eigenen Kindern und Enkeln sowie anderen Kindern und Enkelkindern
gelesen werden kann, sondern auch jedes andere Großmutterherz höher
schlägt, wenn ihm daraus Erinnerungen entstehen.
Gunda Maintz:
Das
Großmütterbuch
prignitz pur Verlag
2009
96 S., Euro 12,95
ISBN
978-3000270925
Von den Freuden und Leiden einer (Pflege)Mutter
Ute Mings: „Said – Unser Kind von
fremden Eltern“
Von Iris Kersten
Ute
Mings ist freie Autorin für verschiedene Rundfunkanstalten und (Pflege)Mutter
von Said. In ihrem Erfahrungsbericht erzählt sie von der Motivation und
der Suche nach einem Adoptivkind und den daraus folgenden ersten zwölf
Jahren mit ihrem afghanischen Pflegesohn (Said war sieben Jahre als er
zu ihnen kam, heute ist er 23). Sie berichtet über die ersten
Annäherungsversuche und ihre damit entstehende Zuneigung und Mutterliebe
für den Jungen, über die Unsicherheiten der Pflegeeltern und über das
Gefühlschaos und die Sorgen eines Kindes, dessen afghanischer Vater
aufgrund eines Unfalls im Wachkoma liegt und dessen indische Mutter
verschwand, als es drei war. (Von da an wurde er von einer afghanischen
Familie -Verwandte des Vaters- zur nächsten weitergereicht.) Ute Mings
schildert ihren Versuch, Brücken zu schlagen zwischen zwei Kulturen, und
ihre Schwierigkeiten mit den Behörden.
Said lebt sich ein in seinem neuen Zuhause
(Kontakt zum Rest der afghanischen Familie besteht nur zu Geburtstagen),
hat aber wenig Freunde. Am liebsten spielt er Fußball. In der Schule
fällt er durch sein unsoziales Verhalten auf (stiehlt zum Beispiel als
Kind ein Rad und versenkt es im Weiher, als Jugendlicher dann fährt er
mit seinem Fußballtrainer zusammen Autos zu Schrott). Die Autorin fasst
es in einem Abschnitt passend zusammen: „ Said ist ein gewöhnlicher
Junge, und ein ganz besonderer, wie alle Kinder. Er ist auf
ungewöhnliche Weise zu uns gekommen, und die Schwierigkeiten, die er
macht, gehen nur ein paar Schraubendrehungen weiter als die üblichen in
diesem Alter.“
Dass dies keine gewöhnliche Situation für
alle Beteiligten ist, versteht sich von selbst. Hinzu kommt, dass Said
kein einfaches Kind ist: Keine-Lust-auf-Schule und Stimmungsschwankungen
von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt beziehungsweise kochend vor
Wut (die meistens in Raserei endet) machen das Zusammenleben nicht
einfach.
Dabei zeigt die Autorin eine behutsame,
sehr positive und dem Kind gerecht werdende Vorgehensweise auf, die
anderen Eltern eventuell als Vorbild dienen könnte. Hier ein Beispiel:
Said besucht mit seinen Pflegeeltern seinen Vater im Pflegeheim (Said
ist 16 Jahre): „Ich weiß nicht mehr genau, was passiert ist, nur noch
[…] dass ich mich vorstelle, […], als die andere Mutter seines Sohnes,
die ihm helfen will, erwachsen zu werden. Stellvertretend, nicht als
Ersatz für ihn [den Vater].
Ute Mings fängt das Buch in der Gegenwart
an, als Said 18 ist (seine leibliche Mutter hat Said gerade nach Indien
eingeladen), um einen Rückblick folgen zu lassen, der nicht nur
chronologisch abläuft. Das verleiht der Reportage eine gewisse
literarische Note.
Der Text liest sich leicht und flüssig,
durchzogen mit Bildern wie „Er ist klein […] mit Kugelbauch und runden
Wangen, ein hübscher Bengel, noch verpackt in etwas Babyspeck […]. Die
Hautfarbe zwischen Zimt und Schokolade.“ – eine gute Reportage eben. Die
Autorin erzählt einfach aus dem Leben mit ihrem afghanischen Pflegesohn,
wie sie zum Beispiel versuchen, dem Jungen vor dem Schlafengehen seine
heimatliche Kultur durch afghanische Geschichtserzählungen näher zu
bringen, sie berichtet von der Furcht, das Kind zu verlieren (falls die
leibliche Mutter wieder auftauchen sollte), von den zwei Kindheiten
ihres Sohnes (die erste war mit drei vorbei, die zweite begann, als er
sieben war), von seinem ersten Weihnachten und ihrem Versuch, sich mit
der Lektüre von Broschüren, Studien oder Statistiken über „spätadoptierte
Kinder“ von ihrer Ratlosigkeit über Said zu befreien. Am meisten zu
kämpfen hat sie anscheinend mit den starken Gefühlsschwankungen und
Wutausbrüchen ihres Sohnes.
Zur Ruhe scheint Said und somit die ganze
Familie zu kommen, als er seinen Ausbildungsplatz findet und seine
Freundin Julia bei ihnen einzieht.
Mit den am Ende hinzufügten Informationen
(Links und Buchtipps) ist dieser Erfahrungsbericht bestimmt eine gute
Unterstützung für andere Paare, die Kinder aus fremden Kulturen
aufnehmen wollen oder es schon getan haben. Es zeigt ein Beispiel, einen
Weg des Zusammenlebens und macht Mut, sich nicht unter kriegen zu
lassen. Auch für mich als nicht Betroffene war es ein interessantes
Buch, allerdings hätte ich mir gewünscht, da es zwar bestimmt ganz
hervorragend die Gefühlswelten der Betroffenen darstellt, diese aber
nicht die Handlung vorantreiben, dass es etwa 50 bis 100 Seiten kürzer
gewesen wäre.
Ute Mings: „Said – Unser Kind von fremden
Eltern“
Rütten & Loening Verlag 2011
288 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3352008047
Verkäufer als Verleger
Die Amazon-Buchreihe
Amazon hat sich ein riesiges Stück vom
Buchmarkt ergattert, während in Deutschland Buchhändler den
Online-Markt an sich vorbeiziehen ließen. Nun steht man mit einem
Giganten da, der Daten sammelt und Informationen über die Käufer hat, de
viel aussagen über Interessensgebiete und Kundenwünsche. In den USA
zieht Amazon nun den logischen Schluss: Verleger werden. Es werden
Lizenzen von Erfolgsbüchern gekauft, gedruckt (noch; bald als eBook)
und dann direkt verkauft. Auch deutsche Verlage sind in dieses
Lizenzgeschäft eingestiegen. Damit sind englischsprachige Bücher
deutscher Autoren in einer Amazon-Buchreihe auch in Deutschland
erhältlich. Es hat uns also bald erreicht, und was auf uns wirkt wie die
„Süddeutsche“, „Zeit“ etc.-Buchreihen, birgt ganz andere Risiken. Amazon
wird nun auch das deutsche Verlagswesen aufrollen und mehr und mehr auch
die Produzentenseite bestimmen. Keine goldene Zukunft, aber die
deutschen Verlage sind selber schuld, so wie zuvor die Buchhändler.
In verständlicher Sprache
Erich
Bruckberger: "Die neuen Eltern:
Buch 1: Wie Kinder gesünder, glücklicher, aggressionsfreier werden"
(librikon)
Es ist ein schwieriges Unterfangen und eine große Herausforderung,
wissenschaftliche Erkenntnisse, ökonomische Zwänge, politisches Drängen
zu hinterfragen und eine unabhängige Meinung zu entwickeln. Eine
journalistisch hohe Leistung ist es obendrein, die Überlegungen dann in
eine für die breite Masse verständliche Sprache zu gießen. All dies ist
dem Wiener Autor Erich Bruckberger in seinem dreibändigen Werk „Die
neuen Eltern“ gelungen.
Der Kampf gegen
Ideologie ist, wenn er überhaupt möglich ist, einer der komplexesten
Kämpfe, den es geben kann. Die beste Möglichkeit ist es wohl, Ideologen
mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. So setzt Bruckberger ein
Gegengewicht zu der derzeit allerorten verkündeten Familienpolitik, dass
Väter und Mütter ihre Kinder in Kindertagesstätten geben und möglichst
schnell wieder an die eigene Karriere denken sollen. Der Staat will den
Eltern einen Großteil der Aufgaben abnehmen und suggeriert, er könne
das. Die Wirtschaft meint, sich des Potentials Kind bemächtigen zu
müssen, indem sie es so früh wie möglich aus den Familien herauszieht.
Diese Fehlschlüsse deckt der Autor auf, indem er zunächst die Rolle der
Väter betrachtet. Er verfolgt einen modernen Ansatz, der weit über die
Gegenwart hinausgeht: Er wirft überholte Klischees ab, folgt keinem
rückwärts gewandten Familienbild, sondern betont die Bedeutung des
Vaters für die Entwicklung des Kindes - und umgekehrt! Ein Mann gewinnt
an Leben, wenn er an seinem Kind wächst.
Dafür allerdings
muss die Bereitschaft da sein, sein Kind erleben zu wollen. Bruckberger
weiß die Väter anzusprechen, die da draußen im eisigen Wind der
Marktwirtschaft spüren, dass es nicht alles sein kann, Kinder zu zeugen
und dann, als sei nichts gewesen, weiter dem Mammon nachzujagen.
Miterleben, Mitempfinden, das ist das Credo, das hier -in Band 1: „Die
neuen Eltern. Wie Kinder, gesünder, glücklicher, aggressionsfreier
werden"- in ansprechender, zum aktiven Teilnehmen einladender Gestaltung
vermittelt wird.
Das Buch setzt ein
Gegengewicht zur Atemlosigkeit unserer Gegenwart und ist ein Haltepunkt
für die Getriebenen. Aufbau und Sprache lösen einen Widerspruch
wunderbar auf: Klar formulierte Gedanken, die aber zum Abheben und
Abschweifen geeignet sind. So kann man ein Thema placieren und Menschen
in Bewegung versetzen. Vielen Männern bleibt schlicht keine Zeit, über
sich selbst nachzudenken, ihnen bietet sich die Gelegenheit nicht,
überhaupt weiterreichende Gedanken anzustellen und leiden daran, nicht
ein anderer werdender Vater sein zu können. Sie können im tagtäglichen
Stress ihren Weg nicht sehen. Für diese Vielen ist das Buch von Erich
Bruckberger ein Geschenk, und man sollte es ihnen machen. Man kann es
jeden Morgen als einen Sinnspruch des Tages lesen.
Erich
Bruckberger:
"Die neuen Eltern:
Buch 1: Wie Kinder gesünder, glücklicher, aggressionsfreier werden"
272 Seiten, Euro
43,20 (für die gesamte Kassette mit drei Bänden)
Tantum Media 2010
ISBN 978-3200018877
Die Rezension von
Band 2: "Wie junge Mütter und Väter einen neuen Staat schaffen" folgt
Der Preis des Aufschwungs
Von Lennart Ragmann
Der
Aufschwung in einem einzigen Lande wird auch die Kinder erfassen.
Dauerarbeitende Eltern, Mütter und Väter, die nur für den
Lebensunterhalt da sind und keine Minute für den Lebensinhalt, das ist
schon jetzt der Preis, den Kinder zahlen. Es ist erst der Anfang. Eines
der Rezepte gegen den angeblichen Fachkräftemangel soll die höhere
Erwerbstätigkeit von Müttern sein. Abhängig beschäftigte
Erwerbstätigkeit, wohlgemerkt. Damit sind Mütter den Gepflogenheiten des
Arbeitsmarktes ausgesetzt, und die sind einfach nicht
familienkompatibel. Da wird nichts geändert, nur an den Menschen, die
sich darin zurechtfinden müssen. Kinder, ganztags betreut in Schulen,
die durch Bologna zerstört worden sind, mit ungesundem Schulessen,
Kinder, vorbereitet auf ein Leben in Unselbständigkeit. Die Gesellschaft
wird mit Kindern konfrontiert sein, die umhertreiben und Demokratie
nicht gestalten können. Und damit keine Marktwirtschaft. Der
Fachkräftemangel wird in ein ganz andere Dimension vorstoßen, wenn man
die Zeit und den Respekt für die Beschäftigung mit den eigenen Kindern
nicht aufbringt. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist den
Menschen, die die längste Kindheit, die es je gab, zu verdanken. Mit
ihnen und durch sie geht es. Der Preis des Aufschwungs wird in einem
Abschwung zu zahlen sein. Wir werden dieses Rezept noch verwünschen wie
die Bologna-Reformen. Es ist ein Fehler.
Wirklich reiche
Ausbeute
Nazli Hodaie: “Der Orient in der deutschen
Kinder- und Jugendliteratur“
Von Miriam Schneider
Es
kommt selten vor, dass man sich in einer Doktorarbeit so richtig
festlesen kann. Und dass immer wieder, denn ich habe häufiger zu der
Studie “Der Orient in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur“
gegriffen – ich habe an ihr entlang all die Bücher, die mir so vertraut
sind, nochmal gelesen, und ganz neu gelesen! Dazu platzt das Buch der
Münchner Literaturwissenschaftler Nazli Hodaie in die aktuellen hitzigen
Debatten zum Verhältnis von Migranten und Deutschstämmigen. Soviel
vorweg: Diese hervorragende Arbeit eröffnet auch dem laienhaften Leser
Horizonte.
Wissenschaftlich ist sauber vorgegangen
worden. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Begriff „Orient“, denn
wie so oft geht man sorglos mit Worten um, die von einem determinierten
Weltbild herrühren. Orient, das ist aus europäischer Perspektive ein
riesiges Klischee. Brutaler Islam wurde mit Tausendundeiner Nacht
gemixt, heraus mussten Zerrbilder kommen. Sie drangen in die Schönen
Künste an, die Abbildungen von Bildern und Illustrationen untermauern
dies. Dass dieses Thema virulent ist –leider-, darauf bezieht sich die
Autorin ausdrücklich. Auch Mohammed-Karikaturen stehen in einer
Tradition, und es ist eine schlechte.
Den Schwerpunkt der Studie bilden drei
„Fallbeispiele“ aus der Kinder- und Jugendliteratur: Tausendundeine
Nacht, Karl May und die Migrantenliteratur. Hodaie fasst bei allen
Themenblöcken zunächst zusammen, in welchem Kontext die Werke entstanden
sind. Die Leser gehen daher sattelfest in die Betrachtungen der Bücher,
die dann tiefe Spuren in der deutschen Literatur hinterließen. Allein
die Beziehung von den Märchen aus Tausendundeiner Nacht und Grimms
Märchen öffnet einem die Augen.
Tun sich hier neue Aspekte auf, so fühlt
man sich bei den Ausführungen zu Karl May in dem eigenen auf
Leseerlebnissen basierenden Kopfschütteln bestätigt. Die
Literaturwissenschaft kann – was man bei der Lektüre anderer Studien
leider schnell vergisst – Ordnung ins Denken bringen. Stringent und
dennoch detailreich führt Hodaie durch das Orientbild von Karl May, das
viele deutsche Leser fehlgeleitet hat. Und fehlleitet! Karl May ist
lebendig, und schon darum lohnt es sich, die Ergebnisse dieser Studie
genau zu kennen. Wer Karl May als Leseförderung begreift und im
Unterricht empfiehlt, der sollte sich kritisch mit dem negativen
Orientbild (und verherrlichendem Europabild) des Schmökerautors
beschäftigen. Jede These von Hodaie zu Karl May hält der Überprüfung
statt; für sich selber Kara Ben Nemsi wieder aufleben zu lassen, ist so
ein aufrüttelndes Erlebnis. Wir müssen unsere Beziehung zu Karl May
völlig überdenken! Möchte man ausrufen, und die vielen Diskussionen der
letzten Jahre um diesen heimlichen Liebling vieler Männer, die warme
Kindheitserinnerungen -und wohl auch Allmachtsphantasien, muss man jetzt
sagen- mit Karl May verbinden, werden rückwirkend um starke Argumente
bereichert. Es ist nicht zu spät. Wie es weitergehen soll mit den
Deutschen und Karl May, das ist ein Zukunftsthema.
Etwas schwieriger mitzudenken wird es im
dritten Teil, der sich mit „Migrantenliteratur“ beschäftigt. Denn bis
auf Nasrin Siege (hier untersucht: „Shirin“) sind die Autoren nicht ganz
so populär (auch hier wurde an die Leser gedacht, es gibt kurze
Inhaltszusammenfassungen der Bücher), und Hodaies Ansatz, weniger die
Rezeption zu untersuchen als innerliterarische Kriterien, greift hier
voll. Die wirklich reiche Ausbeute in diesem Teil der Studie –darunter
viele überraschende Erkenntnisse- dient der Vermittlung interkultureller
Kompetenz. Nicht nur einmal möchte man es zur Pflichtlektüre ausrufen.
Dann aber fällt einem der Alltag in deutschen Schulen wieder ein, dieser
bornierte Umgang mit Literatur, diese eingefahrenen Denkstrukturen, und
das Engagement verlässt einen.
Dafür aber kann Nazli Hodaie nichts. Ihre
Studie ist Maßarbeit, absolut lesenswert.
Nazli Hodaie:
Der Orient in der deutschen Kinder- und
Jugendliteratur: Fallstudien aus drei Jahrhunderten
Lang Verlag 2008
344 Seiten, 56,50 Euro
ISBN: 978-3631561447
Standortvorteil Hartz IV
Von Lennart Ragmann
Zwei
Dinge fallen seltsam zusammen: Die Teflon-Merkel, so tituliert von den
USA, und das Durchprügeln einer Hartz-IV-Reform. Für Sachargumente und
Zwischenmenschliches muss man offen sein; die, an denen alles abperlt,
sind die Falschen für Sozialpolitik.
Sozialpolitik? Nein, sie snd die Falschen
für Wirtschaftspolitik. Denn Hartz-IV ist längst Wirtschaftspolitik. Der
Standort Deutschland lebt von seiner gesunden Sozialstruktur, davon,
dass es ein horizontales Netz gibt, damit die Leute in ihren Tätigkeiten
kreativ, mutig und innovativ sein können. Wenn es das nicht gäbe, werden
alle versuchen, beamtig zu sein – sich klammern an das, was man hat. Und
nichts ginge voran mit einer solchen Bevölkerung. Die Liberalen haben,
so weit sie konnten, hemmende vertikale Netze geschaffen, für
Industrien, Branchen, Lobbygruppen. Das ist kontraproduktiv, baut
Konkurrenz ab und: Jeder Hartz IV- Cent kommt dem Staat stärker zugute.
Der Abbau von Subventionen hätte auch
Einfluss auf die Unternehmen gehabt, die unproduktiv vor sich hin
dümpeln und in ihrer Selbstbedienungsmentalität auch die großen
Ausbeuter sind. Solche gepäppelten Firmen zahlen erbärmliche Löhne, da
sie sich bereichern, ohne unternehmerisch gut zu wirtschaften. Durch sie
muss dann angeblich Hartz IV noch niedriger ausfallen, um ein
Lohnabstandsgebot zu erwirken. Ineffektive Betriebswirte bestimmen
plötzlich dann volkswirtschaftliche Fragen und übertragen ihr Versagen
auf sie.
Und schließlich sind da noch die Kinder,
längst zu Humankapital geworden. Eine Gesellschaft, die so aufgebaut
ist, dass die Rentner und die arbeitende Generation von Kindern lebt -
das müsste und wird irgendwann so einberechnet werden, dass die
Anwesenheit eines Kindes schon von Beginn an als Leistung gesehen wird:
Rentner und Beamte zu finanzieren und Schulden zu schultern. Wenn Frau
Merkel von einem warmen Essen für Kinder als Bildungspolitik spricht –
in steuerfinanzierten Werbekampagnen – klingt das nicht nur nach
Entwicklungsland. Die völlig falsche Verteilung ist einem Industrieland
unangemessen. Rentenpolitik, das wäre demnach das warme Essen für
Pensionäre. Dankbar haben sie zu sein für ein Kantinenessen, und das
müsste in den großen Anzeigen der.Regierung stehen: „Wir wollen für
jeden ab 55 ein warmes Essen.“
Sind so viele Käufer
Thilo Sarrazin: "Deutschland schafft sich
ab"
(ms)
Thilo Sarrazin hält viel von genetischer Disposition. Schlaue Frauen
nähmen sich schlaue Männer und kriegten schlaue Kinder. Leider täten sie
das in Deutschland eher nicht, und darum gäbe es immer weniger und immer
dümmere Deutsche. Deutsche? Thilo Sarrazin zählt zusammen und sieht die
Überfremdung kommen. Keine Deutschen und dumme Migranten, das bereitet
ihm Sorgen. Für ihn ist Deutschland deshalb schon in sich krank, und
weil man das nicht aussprechen dürfe, könne man keine Medizin
verabreichen.
Natürlich spricht Sarrazin alles aus, was
er denkt, was ihm im übrigen seit Jahren unbenommen ist. Er spricht das
aus, was wir von allen politischen Seiten hören, wenn wir dem
Berlin-Neuköllner Buschkowsky oder dem Hessen Koch zuhören, wenn wir den
SPD-Bundesgranden folgen oder Frau von der Leyen. Er schildert die
integrationsunwilligen Muslime und die verwahrloste Unterschicht, die
viel zu viel vom Staat bekäme, und er hat sich als Rezept
Ganztagsbetreuung ausgedacht. Längst hoffähig geworden ist sein
rüpelhaftes Gepolter, und keine seiner Thesen ist neu.
Wie also lässt sich erklären, dass
Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ von so vielen Menschen
gekauft wird?
Es ist eine etwas komische Vorstellung,
dass schon rein statistisch gesehen sehr viele Menschen dieses Buch
lesen, deren Lebensführung Sarrazin als Wurzel des Übels sieht. Denn
schließlich wäre ja alles gut, würden die Deutschen mehr Kinder bekommen
haben. Doch ein bis zwei Kinder, das ist seit den sechziger Jahren
normal geworden. Familie Sarrazin sei dabei als statistisches Mittel
herangezogen: Geboren 1945, aufgewachsen mit fünf Geschwistern, hat er
selber zwei Kinder. Das kann nicht gut gehen; die Altersbezüge sind
nicht gesichert (wenn nicht andere Leute mehr Kinder als die Mehrheit
bekommen).
Die ein, zwei Kinder, die das Gros noch
zur Welt gebracht hat, sind ihrerseits –sollten sie gebildet sein-
gleich ganz kinderlos geblieben. Entweder man ist dumm, dann hat man
noch ein Enkelkind, oder man ist schlau und ohne Enkelkinder; in jedem
Fall hat man zur Katastrophe allen Beitrag geleistet. Dieses Buch
beginnt also mit einer umfassenden Publikumsbeschimpfung. Der Autor
selber – Abitur, Studium, Promotion- zählt sich zur schlauen Gruppe.
Statistisch gehört er dahin. „Deutschland schafft sich ab“ dürfte auch
„Ein Autor und seine Leser schaffen sich ab“ heißen.
Beide, Autor und Leser, spüren den
Widerspruch, und das lässt sie rot sehen. Eine Stimmung, die ein wirres
Buch voller Abgrenzungen nach unten braucht. Kritische Analyse, unter
Einbeziehung der eigenen Situation – das würde keinen Bestseller
produzieren. Hochgepeitscht liest sich’s besser, und das Wirre schweißt
Autor und Leser zusammen.
Wirr ist Sarrazins Buch an vielen Stellen,
seine Argumente basieren auf teilweise katastrophalen Denkfehlern
(allein sein Anführen der seiner Meinung nach löblichen Geburtenrate in
den USA und Frankreich; Frankreich mit dem ius soli, dem Recht,
französischer Staatsbürger zu werden, wenn man dort geboren ist,
Frankreich mit den Bürgern aus Nordafrika! Es ist fast unerklärlich, wie
ein Volkswirt so patzen kann. Über viele Zahlenauslegungen nicht zu
sprechen!),
Wirr ist das Buch aber auch in seinen zwei
Grundannahmen. Der Autor hat es versäumt, „Deutschsein“ zu definieren.
Ein Blick in die Umgebung, ein Blick auf den eigenen Stammbaum hätte
verratenb, dass es in einem mitten in Mitteleuropa liegenden Land wie
Deutschland nie Isolation gab. Wir haben alle einen
Migrationshintergrund.
Zum zweiten durchzieht das ganze Buch
natürlicherweise die Frage nach politischen Maßnahmen und nach der Rolle
des Staates. Der Staat mache viel falsch, und seine schützende Hand sei
fatal für die, über die er sie halte. Eigeninitiative und Verantwortung
für sich und seine Kinder würden erstickt, Transferleistungen
abzugreifen als Lebenssinn gesehen. Man könnte das konstatieren. Doch
Sarrazin krempelt die Ärmel hoch und will das Übel beseitigen – durch
Staatsmaßnahmen. Er will Kinder ganztags von den Eltern trennen, er
misstraut der Kraft des Individuums und will kollektive Lösungen, er
will die Staatsinstrumente einsetzen, um diejenigen, die die
Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben haben, durch den Staat zu
füttern. Akademikerinnen sollen 50.000 Euro pro Kind erhalten, das sie
nach Abschluss des Studiums und unter 30 bekommen. Im Gegenzug gibt es
kein Kindergeld mehr. Der Autor merkt nicht, dass er sich in seinem
eigenen gedanklichen Teufelskreis bewegt, und dass er darum zu keinen
klaren Schlüssen kommen kann. Ohne grundsätzliche Überlegungen zum Staat
und dessen Rolle geht es nicht.
Ordnung in die Gedankenstränge
hineinzubringen, ist nicht leicht, aber exemplarisch kann man es tun.
Thema Schüler. Die werden immer schlechter, können immer weniger, sind
aggressiv und faul. So Sarrazin. Auch viele Eltern tun sich schwer mit
den Zuständen in den Schulen. Sie sehen ihren Kindern dabei zu, wie sie
täglich gequält in die Staatsinstitutionen gehen. Eltern wollen das
beste für ihre Kinder, darum sind sie ein so guter Gradmesser für gutes
politisches Handeln. Sie weichen aus, viele auf Privatschulen. Viele
verschaffen sich zeitliche Flexibilität, damit die Kinder nicht ganztags
der Schulatmosphäre ausgesetzt sind. Je höher der Bildungsstand der
Mutter und je höher die Kinderzahl, desto eher übernimmt die Familie
wieder, was der Staat nicht leistet.
Hier müsste Sarrazin einsetzen, bei der
für ihn idealtypischen Familie. Er hat vergessen zu schauen, wie die
Menschen, die er für gesellschaftliche Stützen hält, leben. Von da aus
erst hätte man Überlegungen anstellen können, was vernünftig wäre. Mehr
Vertrauen in die Familie und deren Eigenverantwortung hätte ein auch für
Sarrazin akzeptabler Schluss sein können. Geht nicht, wie so oft in
diesem Buch, und darf nicht sein, denn Familie ist auch (und gerade
dort), wo Migrationshintergrund ist.
Die Kraft des Lebendigen, die vielen
Kinder, gelebte Werte, das alles geht den leer gefegten Siedlungen des
Sechziger- und Siebziger Jahre-Deutschlands ab. Dort sitzen die einen
Sarrazin-Leser, allein gelassen, und die anderen, die sie allein
gelassen haben, sitzen in den Single-Wohnungen. Nun haben sie ein Buch,
das sie von ihrem selbstverschuldeten Schicksal ablenkt. Das ihnen
wieder erzählt, andere seien schuld, nur sie nicht. Der Erfolg des
Buches ist also leicht erklärbar.
Das Verhalten von Frau Merkel und Herrn
Wulff hat natürlich geholfen. Beiden mangelt es in ihren Ämtern an
Legitimation durch das Wahlvolk, und das wird bestraft. Ihr Feldzug
gegen Sarrazin war falsch geführt, aber Frau Merkel hat nicht von
ungefähr die Leo-Baeck-Medaille für deutsch-jüdische Aussöhnung für ihre
Konsequenz im Fall Sarrazin bekommen. Eine Besonderheit ist nämlich
dessen Offenheit gegenüber überwunden geglaubten Rassismen. Die
europäischen Juden seien intelligenter als andere, daher auch
geschäftstüchtiger und wohlhabender; und Sarrazin scheint so begeistert
von seiner Freundlichkeit Juden gegenüber, dass er gar nicht merkt, wie
nah er an den Wurzeln von Antisemitismus ist. Geizig und geldgierig, das
wäre ja nur noch ein kleiner Schritt.
Sarrazin wird seine Horden finden, die
seiner Abneigung gegen Arme, gegen vom Leben nicht verwöhnte, gegen
Flüchtlinge, gegen Hilfsbedürftige, gegen Einwanderer als
Glaubensbekenntnis folgen werden.
Wer sich gegen diese Gruppen richtet, tut
das, weil er Sozialverbünden misstraut. Er richtet sich automatisch
gegen Familien, und je kräftiger diese auftreten, je mehr sie ihre
Bildung in die eigene Hand nehmen und vorankommen, desto mehr ziehen sie
den Hass der Sarrazin-Begeisterten auf sich. Sarrazin-Begeisterte: Sie
sind eine leblose, menschenfeindliche Masse, die gar kein Leben führt,
in das Familien, egal welchen Hintergrundes, sich integrieren könnten.
Dieses Buch und seine Leser sind ein Teil des Problems, nicht der
Lösung.
Vom Kampf geprägt,
vom Nutzen überzeugt
Und selber nützlich: "Impfungen - 99 verblüffende Tatsachen"
(lr)
Nach der Schweinegrippe-Hysterie war es nicht einfach, das Buch „Impfen
– 99 verblüffende Tatsachen“ noch ruhigen Blutes zu lesen. All die
Befürchtungen, dass die Politik mitmischt bei dem Thema Impfen und die
Pharmaindustrie, dass manipuliert und korrumpiert wird, weil es um das
ganz große Geld geht, dass die Ständige Impfkommission, die „Stiko“,
nicht unabhängig und nicht rein nach medizinischen Maßgaben entscheidet
–all das hat der objektiv zu stellenden Frage “Soll ich mein Kind impfen
oder nicht?" nicht gerade eine nüchterne Antwort hinzugesellt.
Hitzige Politik also. Dieser Ratgeber
setzt dagegen: Zunächst seinen Aufbau, der ist einfach und
übersichtlich. Beginnend mit einem Allgemeinteil zum Impfen – welche
Stoffe, was passiert im Körper- geht die Autorin, Ärztin und
Journalistin, Kapitel für Kapitel jede Impfung, die Eltern in der
Kinderarztpraxis empfohlen bekommen, durch.
Das Buch ist ein guter Überblick in klarer
Sprache. Ärztejargon? Nur, wenn es schnell gehen muss (wie etwa beim
Thema „Quecksilber“ in Impfstoffen). Die Leserin wird ernstgenommen,
ihre Unsicherheiten sind der Autorin bekannt und sie beseitigt sie. Aus
einer intelligenten schulmedizinischen Sichtweise ist jede Empfehlung
von Martina Lenzen-Schulte einsichtig, und sie ist der logische Schluss.
„Klartext statt Glauben“ ist der Untertitel des Buches - ist die Autorin
wirklich imstande, alles herauszuschälen und auf den Kern zu bringen.
Was auffällt, ist die
Verteidigungshaltung, die von der ersten Zeile an eingenommen wird. Es
fehlt ein wenig das Selbstbewusstsein eines Impfbefürworters; als Leser
werden nicht unvoreingenommen Informationssuchende vorausgesetzt –
stattdessen die unterschwellige Stimmungslage: Der Feind liest mit.
Allein eine Kapitelüberschrift wie „Wer sind die Drahtzieher?“ spricht
Bände. Dieses ist ein Pro-Impfbuch, der Rezensent ist auch pro Impfen,
und doch muss man sich zugeben, die Kämpfe mit den Gegenargumenten haben
einen über Gebühr geprägt. Oder unmodern auf Eigenverantwortung setzend
gesagt: Ein Arzt, der eine Impfung als sinnvoll erachtet, kann nicht nur
die „Stiko“, die Impfkommission, im Kopf haben, eine Mutter, die impfen
lassen will, auch nicht.
Die Zielgruppe - junge Mütter, die in
Krippe und Kindergarten nur wirres Zeug hören – ist sie auf den Pfad der
vernünftigen Impfungen zurückzuholen? Holt die Autorin sie wirklich dort
ab, wo sie sind? Vielleicht wäre der Weg besser gewesen „Warum Impfen
trotz politischer Einflussnahme, trotz Pharmaindustrie, trotz trotz
trotz?“ anstatt die gegnerischen Argumente immer implizit im Gepäck zu
haben. Aber: Das Thema ist nicht einfach, und es wird nicht einfacher.
Was gilt, ist: Dem kranken Kind hilft Medizin. Dem Kind, das nicht krank
werden soll, helfen Impfungen. Das vermittelt dieses Buch, und es ist
nützlich zum Nachschlagen, wenn beim Kinderarzt die Impfungen anstehen.
Martina Lenzen-Schulte:
Impfungen - 99 verblüffende Tatsachen:
Klartext statt Glauben: Welche Impfungen braucht mein Kind? Den
Impfbetrieb durchschauen: Entscheidungshilfen für Eltern
Trias 2008
127 Seiten, Euro 14,95
ISBN: 978-3830434412
Diese kleinen
Kunstwerke
Seit 1991: Die
„Tollen Hefte“
Von Bettina Meinzinger
Vollmondnacht.
Die Eltern machen sich zurecht zum Ausgehen. Ein letztes Mal winken sie
dem Kind, das bereits bettfertig unter der blumenbedruckten Decke im
Kinderzimmer liegt, zu. Dann steigen sie in ihr Auto, um sich durch die
Dunkelheit, in der sich die Gestalten der Nacht, -Motten, Fledermäuse,
Käfer und anderes Getier- tummeln, auf den Weg zur Party, zum Empfang
oder Theaterbesuch zu machen. In der Ferne grollt schon der Donner und
kündigt das sich nähernde Gewitter an.
Das Kind ist nun allein zuhause. Das vertraute Daheim fühlt sich
plötzlich fremd und leer an. Als Schutz gegen das Ausgeliefertsein an
die Unheil dräuende Atmosphäre des leeren Hauses, holt sich das Kind die
Katze ins Zimmer.
Was nun folgt ist ein Fiebertraum aus Angst, Donnerschall, Blitz und
Feuer.
Die
Kurzgeschichte „Das Kind und die Katze“ der Schriftstellerin Ingrid
Bachér erschien zum ersten Mal bereits 1962 im vom Insel-Verlag
herausgegebenen Insel-Almanach. In atmosphärisch dichter Sprache
beschreibt Bachér die Pein des Erwachsenwerdens, die sowohl körperlich
als auch seelisch erfahren wird. An einer zentralen Stelle der
Geschichte sagt das Kind zur Katze, die sich langsam vom anschmiegsamen
Kätzchen zum riesenhaften, mondgelben Löwen mit einer Mähne aus Blitzen
verwandelt hat: „Hast du Angst davor, so groß zu werden? Doch es hilft
nichts. Wenn ich groß werden muss, sollst du es auch werden und gleich
noch größer.“
Für das „Tolle Heft 33“ nun wurde Bachérs Geschichte nachgedruckt und
mit Illustrationen von Rotraut Susanne Berner versehen, die den
gedruckten Text wirkungsvoll ergänzen. Auf ihren Zeichnungen hat sich
die finstre Nacht mit ihren Bewohnern bereits ins Kinderzimmer
eingeschlichen. Von der Decke baumelt eine Lampe in Form des Mondes,
Insekten krabbeln als Spielzeug durch das Zimmer, auch ein Salamander
hat es sich im Kinderzimmer bequem gemacht. Mythologisch betrachtet
steht dieser nicht nur
für
Wandlungsprozesse, sondern er ist auch Vorbote für Feuer und Blitzschlag
(von dem das Kind später in der Nacht noch heimgesucht werden soll).
Miniaturhäuser und -autos im Zimmer weisen darauf hin, dass das Kind
langsam über das Kindsein hinauswächst. Im Laufe der Nacht gerät das
Kinderzimmer immer mehr aus den Fugen, Spielzeug wirbelt durch den Raum,
dunkle Wolken ziehen auf und die zum Löwen gewordene Katze bleckt
furchteinflößend ihre Zunge. Beruhigung tritt erst dann wieder ein, als
es langsam aufhellt und sich die Eltern nach durchfeierter Nacht dem
Haus nähern. Die Veränderung die stattgefunden hat, wird zunächst nur
für das Kind bemerkbar sein.
Seit 1991 gibt es die „Tollen Hefte“, in denen Texte namhafter
AutorInnen mit wunderbaren
Zeichnungen
von ATAK, Anke Feuchtenberger oder Kitty Kahane und vielen anderen
Künstlerinnen und Künstlern zusammenfinden. Herausgegeben werden diese
kleinen Kunstwerke, von denen noch dazu ein jedes fadengebunden und mit
Flachdruckgrafiken versehen ist, von Armin Abmeier, dessen Liebe zu
Illustration und Comics den Heften anzusehen ist.
Wer diese Liebe teilt, für den sind die „Tollen Hefte“ gemacht,
ungeachtet dessen, ob man bei Blitz und Donner ungeahnte Kräfte entdeckt
oder sich doch lieber unter der Bettdecke verkriecht.
Bettina
Meinzinger ist Amerikanistin und lebt in Berlin.
Die Korruption frisst ihre Kinder
Kinderliteraturkritik braucht vor allem eines: Unabhängigkeit. Egal, wo
sie stattfindet
Von Ricarda Hochländer
Die Kinderliteratur ist seit Bestehen der Bundesrepublik ein ganz
besonderes Fressen für die, die sich von ihr ernähren. Sie bietet
einfach der Vorwände zu viele, hinter denen man seine Eigeninteressen
verstecken kann. In der aktuellen Diskussion um den Abdruckplatz der
Lobeshymnen zu einer monatlichen Ehrung („Luchs“) bricht sich das
besonders sichtbar Bahn, und das wiederum ist sehr gut – denn jede
Bemühung, von außen Licht ins Dunkel der Literaturpreise zu bringen,
scheiterte bisher am Mauern der Beteiligten: Der Verlage, der Juroren
und auch –besonders bitter – auch der Journalisten.
Den beiden ersten Gruppen geht es um Geld und Ansehen (und damit um
berufliche Positionen), aber was ist los mit der Kinderliteraturkritik?
Sie hat mühsam erste Ansätze einer anspruchsvollen Rezeption entwickelt,
es fehlen nun noch einige Schritte zu einer eigenständigen Disziplin,
die dringend vollkommen unabhängige Köpfe braucht. Doch die versteinerte
Print-Elite, in Verflechtung mit öffentlich-rechtlichen Gebühren, hat
sich in Nebentätigkeiten verstrickt: Da gibt es Redakteure, zuständig
für die Kinderliteraturseite, die plötzlich in Jurys sitzen, Redakteure,
die über Bücher aus solchen Verlagen schreiben, für die sie selber
übersetzen, da werden Zeilen in Zeitungen an Bücher vergeben, die der
Redakteur selber herausgibt, da wechseln Redakteure übergangslos in
Verlagslektorate. Das Geflecht ist fast unüberschaubar geworden.
Allein, auch das nützt nichts mehr: Die Verkaufszahlen sind nicht mehr
gut, es wird um jedes verkaufte Buch gestritten, und die Verlage zeigen
ihr wahres Gesicht: Nicht kritische Literaturkritik wollen sie, sondern
Verkaufsempfehlungen an prominenter Stelle. Das ist legitim.
Aber Journalisten, die das sekundieren, sind eben keine unabhängigen
Literaturkritiker (auch daran zu erkennen, dass sie öffentlich ihren
Publikationsplatz anbieten: Zieh doch um, Du Luchs, komm zu uns). Dabei
gäbe es brisante, investigativ zu recherchierende Themen: Über die
Finanzierung des „Luchs“ (hinter dem auch Radio Bremen steckt) wäre auch
dringend zu diskutieren, über die Auswahlkriterien und über einiges
mehr. Aber von welchem Journalismus ist das zu erwarten? Paradox an
diesem Streit ist die Sklerose im Hintergrund: Die Printmedien sind
allenfalls für Großeltern Leitmedien, die Eltern aus dem echten Leben
orientieren sich nicht an ihnen. Warum auch? Schwindende
Meinungsführerschaft - daher auch im journalistischen Bereich das Hauen
und Stechen.
Für die Kinderliteraturkritik wäre ein
Neuanfang die einzige Chance. Es gibt Hoffnung: Die Korruption frisst
ihre Kinder. Und Journalismus findet nur da statt, wo wirklich kritisch
gedacht werden kann. Orte dafür wird es immer geben; die verknöcherte
Nomenklatura wird mit dem Wechsel leben müssen. Der Souverän ist für den
Literaturkritiker der Leser. Niemand sonst.
Hinter die Bastelanleitung für Kastanienmännchen?
Sand im
Getriebe der Kinderliteratur: Die „Zeit“ und der Umzug ihrer
Kinderbuchseite
Von Eva Schichor
Die Entscheidung der „Zeit“, Kinder- und Jugendbuchbesprechungen ab dem
20. Mai 2010 nicht mehr im Feuilleton, sondern in der "Kinder-Zeit"
unterzubringen, hat für einigen Wirbel gesorgt. Mittlerweile wurden drei
Offene Briefe verfasst, in denen die "Zeit" aufgefordert wird, ihren
Entschluss noch einmal zu überdenken. Zunächst empörten sich viele
Jugendbuchautoren, gefolgt von noch mehr Jugendbuchverlagen, und zuletzt
nahmen auch eine Reihe von Institutionen und Bibliotheken Stellung. Ist
diese Aufregung gerechtfertigt?
Zweifellos ist das Feuilleton der "Zeit" ein prestigeträchtiger Ort, der
ein recht großes und überwiegend kaufkräftiges Publikum erreicht.
Letzteres rechtfertigt den Aufschrei der Verlage, die ihre Werke
verständlicherweise an möglichst prominenter Stelle sehen wollen. Deren
Hinweis, dass Jugendliche ihre Bücher ohnehin nicht kaufen
wollen, man also dringend die Eltern erreichen müsse, macht natürlich
betroffen. Aber es ist nun einmal nicht - und das räumen die Verlage
selbst ein - Aufgabe einer unabhängigen Wochenzeitung, dieses
Marketingproblem zu lösen.
Die Autoren dagegen fürchten wohl vor allem den Prestigeverlust, denn
natürlich ist es schöner, auf gleicher Höhe mit Handke und Grass
besprochen zu werden als möglicherweise hinter einer Bastelanleitung für
Kastanienmännchen. Eine alte Wunde, nämlich, dass Jugendbuchautoren von
der Kritik nicht ernst genommen werden, wird wieder aufgerissen.
Alle drei Offenen Briefe unterstellen dem Umzug deshalb eine
gesellschaftliche Relevanz, die in dem Vorwurf mündet, die "Zeit"
betrachte Jugendbücher wohl nicht mehr als Literatur und mache damit
ihre eigene Pionierleistung nach 25 Jahren zunichte.
Das muss nicht unwidersprochen bleiben. Die innere Einstellung zur
Kinder- und Jugendliteratur lässt sich nicht in erster Linie daran
erkennen, wo diese Literatur rezensiert wird, sondern vielmehr
auch daran, wie fundiert und in welchem Umfang man sich mit ihr
auseinandersetzt. Denn selbst, wenn die "Zeit" ihre
Kinderbuchbesprechungen bisher im Feuilleton abdruckte, bedeutete dies
ja noch lange nicht, dass sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandelt
wurden wie die "große Literatur". Vielleicht trauern die Briefschreiber
ja auch den Lobeshymnen hinterher. Schließlich stören sie sich daran,
dass die Empfehlungen der „Luchs“-Jury umziehen sollen. Vom kritischen
Abwägen und Abraten der Bücher ist keine Rede.
Nein, die Entscheidung der "Zeit" ist sicher keine Sternstunde der
Kinderliteratur, und die laute Kritik ist jedenfalls verständlich. Aber
wenn Kinderbücher von nun an in der "Kinder-Zeit" besprochen werden
sollen, so ist das andererseits auch nicht unbedingt "absurd" (so der
Vorwurf im Brief der Bibliotheken). Wenn die "Zeit" ihrem Anspruch
gerecht wird, Kinder- und Jugendbüchern mehr Platz und mehr
Aufmerksamkeit zu verschaffen, könnte der Umzug vielleicht sogar von
Vorteil sein. Auch für die Verlage, denn es ist durchaus denkbar, dass
es mehr Eltern gibt, die die "Kinder-Zeit" lesen als solche, die das
Feuilleton studieren. Was nicht unbedingt gegen die Eltern spricht.
Von der Chance, nicht pathologisiert zu werden
André Stern
über seinen Bildungsweg ohne Schule
(librikon)
Die Bildungsdebatte hat einen Schulhof. Dort spielt, lacht und ruft ein
Haufen Kinder durcheinander, dort wird täglich ausprobiert, wie man
miteinander auskommen kann. Hier ist Spaß und Gemeinschaft zu erleben.
Bis zum Klingeln.
Doch statt sich in der Klasse hinzusetzen, schlägt man für dieses Mal
ein Buch mit dem Titel „…und ich war nie in der Schule“ auf. Der
Franzose André Stern hat es geschrieben, es ist kein subversives Buch,
wenn auch der Untertitel „Geschichte eines glücklichen Kindes“
befürchten lässt, dass es ein Plädoyer ist.
Und das ist es indirekt auch: Für Wahlfreiheit. André Stern lässt sich
für nicht mehr und nicht weniger vereinnahmen. Für abgeschottete
Grüppchen, die im sogenannten Homeschooling ihre geistige Enge leben
wollen, sind Sterns Ausführungen nichts.
Die Bildungsdebatte hat ein eigenes Zimmer. Es ist das Zimmer eines
Kindes, das nicht zur Schule geht. Wer sich darin umsieht, der findet an
der Wand ein großes, selbstgemaltes Plakat: „Mein Traumreitstall“ steht
darauf. Auf dem Schreibtisch findet sich eine Bastelei, im Regal ein
Sammelsurium an Büchern. Eine Nähmaschine, ein Tintenfass für die
Kalligraphiefeder. Hier sind Zeit und Ideen zuhause.
Doch statt nun in Angst zu verfallen, was ohne Prüfungen, ohne Zeugnisse
einmal aus dem Kinde werden soll, kann man sich André Sterns Entwicklung
anschauen. An dieser lässt der 1971 geborene Journalist und Musiker den
Leser unmittelbar teilhaben. „Ich bin kein Hippie, ich halte meine
Vorträge in Anzug und Krawatte, und ich gehöre keiner Bewegung und
keinem Verein an.“ Und so erzählt er frank und frei seine Geschichte.
„Bonjour,
ich heiße André, ich bin ein Junge, esse keine Bonbons und zur Schule
gehe ich nicht!“ Das sagte er als Kind, und dieser Satz ist der
Ausgangspunkt für das Entstehen dieses Buches. Der zuhause lernende
Junge ist für Außenstehende eine Kuriosität. Für sich und seine Familie
ist er Normalität. Von der möchte Stern berichten.
André lernt ohne Hilfe der Eltern, er bringt sich selbst Latein bei, er
baut sich selbst eine Gitarre, und er stellte sich selbst den Wecker auf
6 Uhr - alles von sich aus und nicht, weil es die Eltern wollen. Wie
seine Interessen geweckt werden? Zum Beispiel Hieroglyphen. André sieht
jemanden, der Hieroglyphen lesen kann. Das will er auch! Er geht zu
einer Vorlesung eines Alt-Ägyptologen, er liest Bücher und vergleicht
sorgfältig Sätze miteinander. Die Grundsteine sind gelegt, und André
kann irgendwann darauf aufbauen.
Das ist die Bildungsidee des Freilerners. Dazu gehört die tiefe innere
Ruhe der Eltern. „Und niemand zeigt sich alarmiert, als meine
Lesefähigkeit viele Jahre zu stagnieren zeigt, fünf Jahre, sechs Jahre,
acht Jahre…Andere hätten sich die Haare gerauft und sich gefragt: “Ob
André wohl jemals lesen kann? “ Sie hätten ein Problem daraus gemacht,
mich pathologisiert, das Thema wäre zur Familienobsession geworden. Papa
und Mama dagegen sind voller Zuversicht. Um auch den leisesten Zweifel
auszuräumen, genügen ein Blick auf meinen florierenden Alltag und die
Beobachtung, dass ich auf meinen jeweiligen Interessensgebieten mit
unerschütterlicher Kraft lerne.“
André Stern hat Lesen gelernt, so wie er, dieses Buch beweist es, sehr
gut schreiben gelernt hat. Wer sich für eine andere Herangehensweise an
Lernen interessiert, findet hier viele Anregungen. Auch zum Thema
Rechnen: „Interessanterweise nähere ich mich somit dem Rechnen über das
Dividieren. In der Schule wird Millionen von Kindern - die potenziell
alle einer unterschiedlichen Logik folgen- lediglich ein Einstig über
die Addition geboten.“ Das Individuelle am Wissenserwerb, es ist der
rote Faden in Sterns Lernkarriere.
Er
schließt sein Buch mit einer Zusammenstellung von Fragen, die ihm, der
viel auf Vortragsreisen zum Thema unterwegs ist, besonders oft gestellt
werden. Obwohl „…und ich war nie in der Schule“ tatsächlich bisher nicht
auf französisch, sondern lediglich auf deutsch erschienen ist, sind es
sehr französische Antworten – in Deutschland sind die Bedenken der
Hausunterricht-Gegner etwas anders gelagert. Der Hauptvorwurf bezieht
sich auf die Entstehung von „Parallelgesellschaften“; man sorgt sich um
soziale Durchlässigkeit, um einen gemeinsamen Wissenskodex, um
gesellschaftlichen Zusammenhalt. Hätte André Stern nicht nur seine
Geschichte erzählen, sondern auch die asymmetrische Situation – wer in
Deutschland seine Kinder nicht zur Schule schickt, kann nicht frei mit
den Schulpflicht-Befürwortern diskutieren, da die Gesprächspartner
rechtlich nicht gleich gestellt sind – hätte er das in sein Buch
einbezogen, wäre die Entkräftung der Vorwürfe gehaltvoller ausgefallen.
Denn wer André Sterns wirklich inspirierte Überlegungen auch
intellektuell ins Deutsche transferiert, der findet die Gründe für die
durchaus erstaunliche Erkenntnis, dass unbeschulte Kinder hierzulande
Kinder aus anderen sozialen Schichten als Freunde gewinnen. Frei vom
gesellschaftlichen Präfix, wie es in der Schule unterschwellig gelehrt
wird, durchbrechen gerade die Zuhause Lernenden die von Erwachsenen
errichteten gesellschaftlichen Schranken. Das frei lernende Kind ist
offen auch in Bezug auf Spielkameraden -das erlebt man bei der Lektüre
von André Sterns Buch förmlich mit- und es kann -das sei ergänzt- die
besonders in Deutschland im privaten Rahmen mögliche Spannbreite von
Kontakten ganz ohne Rücksicht auf Herkunft ausschöpfen.
Doch geraten solche Betrachtungen in einem Land, das Unbeschulte geradezu
in den Untergrund drängt, zu ideologisch aufgeladenen Bekenntnissen. Das
ist André Sterns Sache nicht. Und doch: Die Lektüre nährt die Vermutung,
dass Bildung auch ohne Schule gut möglich ist.
André Stern:
„…und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes“
Zabert Sandmann 2009
192 S, Euro 16,95
ISBN: 978-3898832281
Die Zahl wächst
Und nun
sammelt sie Kraft durch Essen: „Das Familiensparkochbuch“
Ein
politisches Buch!
Von Lennart Ragmann
Die Zahl wächst. Schon mal dort gewesen, wo man hinkommt, wenn man Geld
übrig hat? In Hotels? In Restaurants? In der Feinkostabteilung der
großen Kaufhäuser? Dort, wo man gut essen kann? Ich war dort. Man trifft
dort ältere Herrschaften. Außerdem Singles. Und einige Erben um die
vierzig.
Man trifft dort nicht: Kinder. Kinder finden sich hauptsächlich dort, wo
das Essen billig ist. Lassen wir die Gründe einfach außen vor. Das
himmelschreiende Missverhältnis bleibt so deutlicher stehen: Wir
ernähren die Jungen, die in jeder Hinsicht wachsen müssen, mies,
geschmacklos und ungesund. Wir wollen es, dass die Alten Austern
schlürfen und die Kinder Hertasaftschinken aus der Verpackung klauben.
Anderenfalls würden wir ja nicht tatenlos dabei zusehen.
Tatenlos? Nein, wir tun alles dafür, dass die Zahl derer wächst, die
sich so ernähren müssen. Und in diese zornauslösende Situation platzt
dieses Buch: „Das Familiensparkochbuch“. Oben auf dem Cover hat es einen
Stempel, wie sie Ämter verteilen, wenn sie Wohngeld- oder
Kleidergeldanträge ablehnen. Darauf: „Günstig und ausgewogen ernähren
nach dem Regelsatz Hartz IV“
Zwei Seelen schlagen da in der Brust des Rezensenten. Soll man den
Menschenverachtern – nein, es sind Kinderverachter!- nun noch ein
Nachschlagewerk zur Senkung von Hartz-IV-Sätzen geben? Auf dass sie
allen entgegenschleudern können, Ihr habt doch genug fürs Essen? Soll
man nicht! Man soll aufstehen und sagen: Wir brauchen ein
bedingungsloses Grundeinkommen für jeden, oder wir entlassen die
Familien aus ihren Frondiensten an der Gesellschaft, die sie aussperrt.
Aber dafür brauchen wir tatsächlich auch erst Kinder, die wissen, dass
Essen zubereitet werden kann und dann schmeckt. Denn sie brauchen Kraft
für den Kampf gegen die, die sie täglich arm machen. Darum lohnt sich
der Blick in dieses Kochbuch. Da sind keine Hochglanzbilder drin wie in
den Paella-Variationstipps für gelangweilte Großstadt-Singles, kein
Zutaten- und Rotweinbouquetgeschwafel für die ergrauten 68er, da findet
sich deutsche Küche à la 2010.
Margarine taucht dort wieder auf, Früchtetee von Aldi, und das Abend für
Abend. Beim Mittagessen, und da wird es vom Kochstandpunkt her spannend,
erwacht die alte Bauernküche wieder: „Bäuerliche Krautpfanne mit
Fleischwurst“, „Döberitzer gefüllte Paprika“, „Nürnberger Bauzn mit
Apfelmus“. Mit einfachen, im Discounter zu kaufenden Zutaten. Die Eltern
können nun Wochenenden auf die Beine stellen, an denen mit drei
Gerichten und 10 Euro (hinter jeder benötigten Ware steht der genaue
Preis) die Kinder vernünftig ernährt werden. Sie können beginnen, eine
Vorratshaltung anzulegen, so einzukaufen, dass sie für die nächsten
Essen schon die Grundlagen da haben.
Das ist das Schwierigste. Menschen, die Hartz IV erhalten, sind von der
systematisch niederdrückenden Behandlung so ausgelaugt, dass sie nicht
in die Zukunft, nicht mal bis zum nächsten Tag denken können. Es geht
nur von Stunde zu Stunde. Genau hieran ändert das „Familiensparkochbuch“
etwas. Erste Planung beginnt wieder. Erstes Hochrappeln.
Wer reiche Bekannte hat wie ich, der weiß, wie gering ihr
Einfühlungsvermögen ist, wie groß das Vergessen, auf wessen Buckel sie
reich sind. Genau darum weiß ich aber auch, wie groß die Angst ist, die
vor Kraft strotzende Jugend könnte sich zur Wehr setzen. Wer Geld hat,
schläft immer schlecht. Die Idee der flächendeckenden Ganztagsschule,
des Essens auf Rädern schon für Jugendliche, die dann schlecht ernährt
und ohne Fähigkeit, später selber zu kochen, aufwachsen, sie ist eine
Idee der furchtsamen Reichen. Das „Familiensparkochbuch“ macht da einen
gewaltigen Strich durch die Rechnung. Es ist eines der politisch
explosivsten Bücher der letzten Jahre.
Uwe
Glinka, Kurt Meier:
Das Familiensparkochbuch: Günstig und
ausgewogen ernähren nach dem Regelsatz Hartz IV
VGS verlagsgesellschaft 2010
96 Seiten, Euro 8,95
ISBN 978-3802537004
Nicht das, was
man allgemein "normal" nennt
Jacqueline
Otto erzählt von ihrer autistischen Tochter
Von Susan Müller
Der Buchtitel ist "Turboclean,
Scholl und Ruah",
und er ist nicht falsch geschrieben oder enthält Tippfehler. Liest man
ihn, könnte man meinen,
wir hätten es mit Jugendsprache zu tun,
in der man chillt und ähnliches und damit entweder englische Begriffe
oder nicht sofort zuordnungsbare Abkürzungen benutzt. Bis man den
Umschlagtext liest - und schon gespannter wird. Alles ist anders als
gedacht. Und dann auch noch viel besser. Man liest begeistert weiter und
weiter.
Aber ich will nicht vorgreifen…
Zur Geburt von Jasmin ist alles rosarot und wunderbar, alles in Ordnung,
alles stimmt, Größe, Gewicht und überhaupt ist sie für die stolzen
Eltern das schönste Baby weit und breit.
Noch ahnen sie nicht, dass Jasmin sich nicht so entwickeln wird, was man
allgemein normal nennt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Autismus
diagnostiziert wird.
Jasmins Mutter gewöhnt sich an, alltägliche Dinge zeit- und ortsgebunden
in ein festes Ritual zu verwandeln und die wenigen Worte oder besser
Laute ihrer Tochter und dazugehörige Gesten für sich und andere zu
übersetzen, bis Jasmin diese mit kräftigem Nicken bestätigt.
Was Jasmin an Sprachdefiziten aufweist, macht sie mit ihrem
Wahnsinnsgedächtnis teilweise wieder wett. Wehe, wenn ein Elternteil oder
gar beide von einem Buchtext abweicht oder gar von Spielregeln, die
man irgendwann mal aufstellte! Das weiß das Kind noch ein Jahr später
und protestiert lautstark gegen Veränderungen, bis alles nach seinem Plan läuft.
Das wäre ja als solches gar nicht so dramatisch, beunruhigend für die
Eltern sind die Situationen, in denen sich Jasmin unverstanden fühlt
oder ihr kleiner Kopf sich nicht durchsetzen kann, denn dann folgen
wüste Attacken, in denen sie sich selbst verletzt. Mit bewundernswerter Engelsgeduld und Erfindungsreichtum zeigt die
Mutter ihrem kleinen Mädchen auf sanfte Art Grenzen auf.
Es ist ein tolles Lesegefühl, wenn man eingebunden wird in den Alltag
der Familie, den Jaqueline Otto so ruhig beschreibt, zu keinem
Zeitpunkt spürt man unerträgliche Überforderung oder außergewöhnlich
hohe Gereiztheit.
Liebe ist das Zauberwort, denn noch ist Jasmin nicht in der Schule
angekommen und den Eltern und ihr stehen noch schwere Wege bevor, aber
mit der Elternliebe und mit Enthusiasmus wird es gut zu schaffen sein und
mit den Fortschritten, die der Alltag dadurch mit sich bringt und
leichter wird. Farben und Formen sind für Jasmin kein Problem, wenn man
ihr die Zeit dazu gibt und es noch in einer spielerischen Weise von ihr
abverlangt.
Und so werden viele Dinge gehandhabt, zum Beispiel der knurrende
Teppich, der nicht mit schmutzigen Schuhen betreten werden will. Keine
Probleme bereiten Stofftiere und Spielbagger - und jemanden traurig zu
erleben,
erweicht ebenfalls Jasmins kleines Herz.
Wie ein stiller Beobachter in der Diele der Familie kam ich mir beim
Lesen vor und erlebte kleine und große Fortschritte, aber auch
Rückschritte mit.
Großes Kompliment an Jaqueline Otto, die aus ihrer direkten Sicht als
Mutter und damit betroffenen Angehörigen Mut macht, und von dieser Stelle
aus alles Gute!
Jacqueline Otto:
"Turboclean, Scholl und Ruah:
Die Geschichte eines etwas anderen
Mädchens"
Books on Demand 2009
156 S., Euro 12,90
ISBN: 978-3837023503
Wir sind Heidi
Klum
Wir sind kein bisschen Heidi Klum
Von Franz Xaver Ganghofer
Erstaunlich, dass ich mehr als zwei Minuten meines Vaterseins opfern
muss mit dem Thema einer Frau, die weder geistig und von der Art und
ihrem Leben eine Sekunde auf meinem Radarschirm war, dass ich mich
trotzdem damit beschäftigen muss! In allem interessiert sie mich nicht,
dennoch muss ich drüber diskutieren. Das ist das Klum-Phänomen.
Wie schafft die das?
Sie reißt Mädchenträume an sich, und sie macht sich selber zur
allmächtigen Entscheidungsinstanz über Wohl und Wehe. Darum tut es so
gut, wenn Modemacher wie Joop und Lagerfeld ihr die Kompetenz und
Berühmtheit absprechen. Sie hat nicht die Fähigkeit und das Wissen,
Models auszuwählen und ihnen etwas beizubringen.
Heidi Klums Sendung lebt also von etwas anderem, und das ist ein
gesellschaftliches Phänomen. Man will raus aus seinem kleinen Leben,
selbst junge Mädchen spüren schon Enge. Es sind die Jahrgänge 1992,
1993, 1994, wo der Wunsch nach der schichtenfreien Gesellschaft toll
funktioniert. Gymnasiastinnen wie Hauptschülerinnen sind fasziniert von
Heidi Klums Aussiebverfahren. Mit Interesse an Mode hat das nichts zu
tun, zu weit ist schon innerhalb dieser Jahrgänge der Modegeschmack
auseinander. Diesen Mädchen ist das Unerträgliche an dem Rausfischen und
Wegwerfen von Menschen vertraut. Sie fühlen sich seit Ende ihrer
Grundschulzeit nicht anders. Ihr Leben in der Tretmühle ist an nichts
gebunden, was mit den Tiefen ihrer Persönlichkeit verknüpft wäre,
sondern nur an ein Selbstüberwinden bis zur Unkenntlichkeit. Für die
Turboabiturientinnen wie für die bezüglich Ausbildungsplätzen
Chancenlosen ist es ganz normal, dass alle menschlichen Hemmungen
beseitigt werden sollen, um für irgendein nicht hinterfragtes Ziel zu
funktionieren. Bloßgestelltzuwerden vor anderen gehört seit Einführung
von Kopfnoten zum Tagesgeschäft für diese Mädchen. Das die Menschenwürde
und den Jugendschutz verletzende Vorgeführtwerden, von dem andere Kräfte
als das einzelne Kind – und in diesem Fall Heidi Klum - so gut leben,
ist Normalität. Darum ist auch Heidi Klum allein kein Fall für den
Kinderschutzbund. Sie nutzt nur, was schon längst planiert wurde.
Der Traum, aus allem rausgerissen zu werden, er ist erlaubt. Dass er nur
noch über etwas wie Aussehen, das einfach nur mitgegeben ist, geträumt
wird, ist nervig. Heranwachsende haben so viel, mit dem sie sich
herauskämpfen könnten aus der Mühle. Doch solche Casting-Sendungen
nehmen ihnen jede Idee, wie man wirklich die Stirn bietet. Wie schön für
diejenigen, die Angst vor der Kreativität und Energie der Jugend haben!
Doch man kann sie durchschauen, wenn sie ihre Unterdrückungsparolen
herausschreien. Sie haben die Stimme von Heidi Klum.
Spion unter Spionen
Wolfgang Sofsky: „Verteidigung des
Privaten. Eine Streitschrift“
Von Steffen Bollermann
Wolfgang Sofsky ist verzweifelt. Wenn er
um sich sieht, so erblickt er Menschen, die von allen Seiten
ausspioniert werden – und das Schlimmste: sie selbst tragen einen Teil der
Schuld daran. Denn nicht nur der Staat oder die großen Unternehmen versuchen,
über den Bürger und Käufer so viele Informationen wie möglich zu
sammeln, sondern dieser Bürger und Käufer selbst macht bei diesem Spiel
auch noch mit. Doch die Gefahr, die darin liegt, erkennt kaum einer.
Außer Sofsky – so scheint es zuweilen.
Worum geht es in seinem Buch „Verteidigung
des Privaten. Eine Streitschrift“?
Am Anfang schildert Sofsky den Alltag
eines Jedermann, der wie viele andere Mitmenschen auch, zur Arbeit geht,
Kinder hat, ein Telefon besitzt, im Internet surft, mit EC-Karte
bezahlt etc. Doch schnell macht Sofsky klar, dass dieser Jedermann,
genannt „Anton B.“, in jeder dieser Bereiche einem mehr oder weniger
unsichtbaren Auge untersteht. Dieses Auge gehört dem Staat und,
allgemein gesprochen, der kapitalistischen Ökonomie, die von vielen
Unternehmen vertreten wird. Das gemeinsame Ziel dieser Überwachung ist
der gläserne Kunde, der gläserne Bürger.
Das Buch nimmt dies zur Grundlage
und zeigt, auf welche Art und Weise der Mensch untersucht wird, wo die
Gefahren liegen und welche Ideale dadurch zerstört werden.
Doch was bedeutet eigentlich „Privatheit“
im konkreten Sinn? Sofsky ringt nicht wirklich um eine ausgewogene
Definition, sondern schildert konkrete Situationen, denen er Privatheit
zuspricht, oder er gibt Negativ-Definitionen, wodurch der Leser weiß, was Privatheit nun nicht ist. Privat ist nach
Sofsky „die Wohnung,
die Geselligkeit, […] die Vergnügungen, Laster und Ausschweifungen, die
geheimen Schätze und Überzeugungen, der Geschmack und der Glaube.“ (Seite 30)
Außerdem Gedanken und Gefühle, Sexualität, Nacktheit und verschiedene
Körperfunktionen. Man kann im groben sagen, dass Privatheit für Sofsky
also das Eigene oder „Eigentliche“ ist, das anderen unzugänglich bleibt.
Und hier beginnt ein Problem, das im Laufe seiner Streitschrift immer
wieder unweigerlich auftaucht: wenn das Private das Eigene des
Individuums ist, so muss Sofsky in gewisser Weise jede Interaktion oder
äußere Beeinflussung ausschließen. Er wird von Mauern sprechen, die
schützen sollen – doch entweder sind seine Mauern aus Sand, oder der
Eingeschlossene muss verkümmern.
Sieht man einmal von gewissen
Definitionsproblemen ab (die sicherlich behoben werden könnten), so lässt
sich die eigentliche Gefahr, die mit einer Einschränkung der Privatheit
zusammenhängt, erkennen – die enge Verknüpfung mit der Freiheit. Einschränkung der Privatheit
bedeutet auch Einschränkung der Freiheit:
„Die Verteidigung des Privaten ist der erste Schritt zur Rettung der
Freiheit.“ Und genau dieser Punkt lässt Sofsky erschaudern, denn er
sieht, dass durch die Hintertür der lückenhaften Privatheit Staat und
Wirtschaft direkt Einfluss auf die Freiheit nehmen. Sofsky tritt also
nicht nur einen Kampf für die Verteidigung des Privaten an, er
versucht auch, in einer konformistischen Gesellschaft die Stimme, eine
eigene Stimme zu erheben, auf die die meisten ohne größere Bedenken
verzichten.
Es muss kritisch angemerkt werden,
dass Freiheit in diesem Buch nur eindimensional beschrieben wird. Denn
es handelt sich hier vor allem um eine Freiheit, die sich in „Frei-sein-von“
erschöpft und nicht „Frei-sein-um/zu“ sein kann (worauf schon Nietzsche
oder später Isaiah Berlin hingewiesen haben). So verliert sich die
Analyse häufig im Konservieren anstatt im Ausloten neuer Bereiche – ein
wenig wie ein Igel, der sich bei Gefahr in eine Kugel aus Stacheln
verwandelt und der fehlenden äußeren Harmonie die innere Eintracht
vorzieht. Doch bereits Arthur Schopenhauer hat in einem ähnlichen
Beispiel (mit Stachelschweinen) gezeigt, dass Harmonie nicht nur durch
sich selbst, sondern auch durch den anderen gefunden werden muss; denn
der Mensch kann auch nicht ohne den Anderen leben. Dass Sofsky mit
dieser Sichtweise Probleme hat, hat vor allem in seinem
anthropologischen Pessimismus eine Ursache.
Nach einer mehr oder weniger theoretischen
Einführung versucht der Privatgelehrte aus Göttingen eine Analyse
mehrerer konkreter Ebenen, die er mit der Privatheit in Verbindung
bringt. Es fällt hierbei auf, dass er vor allem materielle Ebenen
fokussiert und ideelle -wie die Gedankenfreiheit- erst am Ende des Buches
bringt – jedoch weniger bezüglich des Staates oder der Wirtschaft,
sondern vor allem in Verbindung zur Religion, welcher er besondere
Anfälligkeit für einen Verlust der Gedankenfreiheit attestiert. Im
Grunde sind nun vor allem drei Ebenen tatsächlich von Angriffen seitens
des Staates und der Wirtschaft gefährdet: der Körper (Körperraum), das
Zuhause und das Eigentum.
Nach außen bildet die Haut (und auch
weitere Sinne neben dem taktilen) eine große Kontaktmöglichkeit, die
aber auch einigen Gefahren oder Einschränkungen unterliegt. Sofsky
zeichnet ein Bild, dass er wohl selbst des öfteren erlebt haben muss:
die Ängste und Aggressionen eines Zugreisenden an einem Freitag
nachmittag – überfüllte Züge, laute Gespräche über Handy, unangenehm
riechende Zeitgenossen. Stetig werden die eigenen Körperräume vom
anderen bedrängt, beschränkt und übertreten. Doch gerade diese Räume
bilden einen wichtigen Punkt der Identität eines jeden. So kann schon,
nach Sofsky, eine einfache Zugreise einen einfachen Menschen in eine
Identitätskrise stürzen – Destination Psychiatrie? Wie auch immer man
dazu steht, bietet der ausgebildete Soziologe eine Möglichkeit, diesem
„Ende“ auszuweichen: die Höflichkeit. Seiner Meinung nach wird zumindest
ein gewisses Maß an Privatheit des Körpers – stetig durch den Anderen
bedroht – durch Konventionen und Höflichkeit restituiert.
Einmal abgesehen von den teilweise
absurden Situationen (etwa, wenn nach allgemeinen Thesen Szenen
geschildert werden, die eher an einen Kriminalfilm als an das
alltägliche Leben erinnern), denen Sofsky die Menschen ausgesetzt sieht, muss
man ihm dennoch in gewisser Weise Recht geben. Jeder Mensch, der in der Öffentlichkeit
unterwegs ist und mit Menschen zusammentrifft, kennt es, dass
die Körpergrenzen übertreten werden – sei es schon in der langen,
dichtgedrängten Schlange im Supermarkt. Und auch wenn die Höflichkeit
einen Ausweg bietet, so kann – und, gemäß Sofsky, soll sie
wahrscheinlich auch – in eine gewisse Isolation führen. Es sei noch einmal an
Schopenhauer erinnert.
Der Körper birgt Geheimnisse. Soziale
Entblößung gilt als das Schlimmste für einen Menschen – daher neigt er
zu Täuschung. Dass der Mensch seine Geheimnisse schützen darf und muss,
sollte wohl nicht fraglich sein. Doch Sofsky sieht sehr richtig, dass
stetige Täuschung auch dazu führen kann, dass der Mensch in gewisser
Weise sich selbst verliert. Neuere soziologische Studien zeigen, dass
beispielsweise Flugbegleiterinnen psychische Probleme bekommen, wenn sie
ihren Ärger und Frust nicht abreagieren dürfen. Und so auch Verkäufer
oder anderswie Angestellte, die immer Freundlichkeit wahren müssen, auch
wenn es in ihnen anders aussieht. Es ist vor allem eine Frage der Grenze
zwischen der beruflichen Rolle und dem privaten Ich, die immer mehr
ausfranst. Daher ist es wichtig, dass gerade diese Menschen einen
psychischen Ausgleich und einen Raum zur Verarbeitung bekommen können.
Sofsky steht aber am Ende des Buches mit
sich im Widerspruch: denn zum einen weist er auf Gefahren der Täuschung
hin (Dynamisierung von bisher konstanten Werten), zum anderen fordert er
aber zur Täuschung auf, um für Staat und Wirtschaft gezielt
Desinformationen und Irrwege zu streuen. Ob Rückzug ins Private aber die
beste Lösung für ein Individuum ist, bleibt fraglich.
Wie das Zuhause, ist auch die Psyche vor
äußeren Eingriffen oder Blicken zu schützen. Es wäre hierbei
interessant, wie Sofsky auf Debatten bezüglich des
Datenschutzes -eingeschränkt per Gesetz auf Betreiben des
Bundesinnenministeriums während der großen Koalition, ausgefochten
schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht- reagieren würde, also bezüglich der Frage, ob bei (Terror-)Gefahr
Telefon- und Internetverbindungen von Polizei und Staatsanwaltschaft
aufgezeichnet werden dürfen, was ja alle unter Generalverdacht stellt. Sofsky weiß zwar um die Gefahren, die sein Votum für die
abgeschlossene Privatheit nach sich zieht, jedoch hält er sie, nach
Abwägung der „Vorteile“, für akzeptabel.
Wie abgeriegelt Privatheit sein darf,
damit sie noch lebbar bleibt, damit sie nicht vom Misstrauen gegenüber
den Mitmenschen zerfressen wird, das bleibt nach der Lektüre dieser
Streitschrift offen. Ein äußerst
diskussionswürdiger und problematischer Punkt.
Schwierigkeiten bereitet auch das
Kapitel über das Eigentum. Am Anfang schreibt Sofsky vor allem gegen
sozialistisches und kommunistisches Gedankengut, indem er ihm eine
Identifikation von Mensch und Arbeit unterstellt: „Von alledem ist wenig
wahr. Kein Mensch ist, was er hat.“(Seite 94) – und kann daher auch nicht
entfremdet werden. „Gleichheit oder Gemeineigentum sichern keine
friedliche Grundversorgung.“ (Seite 95) Es sei wie zwischen Brüdern, von denen
der eine das will, was der andere hat – eine anthropologische Konstante
in Sofskys Denken. Und so folgert er aus diesen anfänglichen
Überlegungen, dass „Eigentum […] sozialen Verkehr [stiftet]. Fern davon,
die Menschen einander zu entfremden, schafft es neue Verbindungen.“ (Seite 97)
Denn erst durch das Eigentum weiß der Mensch, in welcher sozialen
Stellung er ist. Eigenheit und Bedürfnisse des Menschen lassen sich
besser in einer freien Marktwirtschaft kultivieren als in der „dumpfen
Wärme der Gemeinschaft“ (Seite 98). Und das heißt: „Einem Volk, das Eigentum
nicht anerkennt, fehlt der Sinn für die Freiheit.“ (Seite 100)
Man muss sagen: Dieses
Kapitel ist das ehrlichste des ganzen Buches ist. Hier wird deutlich, welche
Grundannahmen Sofsky für seine Untersuchung macht: das Materielle des
Individuums weist dem Menschen seinen Platz, den es vor den anderen zu
schützen gilt. (Im Gegensatz zu Marx’ historischem Materialismus würde
dieser Prozess allerdings nicht auf eine klassenlose Gesellschaft
hinauslaufen, sondern in einer gewissen Zirkularität bestehen bleiben.)
Privatheit kann auch mit einem
Personalpronomen übersetzt werden: „mein“. Und hier kommt man wieder zur
Ausgangsdefinition zurück, in der das Private als das Eigene dargestellt
wird. Sofsky ist konservativ, im buchstäblichen Sinne also jemand, der
zu bewahren versucht, was er hat. Es verwundert daher auch nicht, dass
er sich für das Erbrecht ausspricht, indem er die Frage nach der
Gerechtigkeit von Eigentum als eine historische Frage auffasst: es gehe
nicht darum, wie etwas beschafft wurde, sondern woher das Eigentum
komme, das geschützt werden soll. In Kombination mit der Forderung, dass
Spenden und Geschenke an andere immer geheim bleiben sollten, kann dies
eine Rechtfertigung von Lobbyismus und Vetternwirtschaft darstellen (was
Sofsky hier nicht direkt unterstellt werden soll). Denn auch wenn er auf
die fehlende Transparenz der weiterverwendeten Steuern richtig hinweist,
so haben Spendenaffären und Betriebsgeschenke in der Vergangenheit
gezeigt, wie viele Gefahren darin liegen. Zu einfach macht es sich Sofsky hier, wenn er weiterhin behauptet (wie oben zitiert), dass
Eigentum und Freiheit so eng zusammen liegen.
Und so ist das Fazit zu ziehen, dass Sofsky zwar einiges Richtiges sagt, aber auch einiges
Falsches.
Schon Michel Foucault – den Sofsky
unübersehbar, aber ungesagt gelesen hat – hat auf die Komplexe
hingewiesen, die den Staat, die Wissenschaften und bestimmte
Machtpraktiken zu einem strukturell organisierten Gefüge machen – als
Beispiel sei nur bemerkt, wie viel Einfluss der Staat auf die Forschung
hat, allein durch die Zuteilung von Subventionen oder bestimmter
motivierter (lobbyistischer?) Wertezuweisungen. Doch entgegen Foucault
ist Sofsky der Meinung, dass der Mensch reale Rückzugsräume hat, die er
schützen kann. Paradox wird diese Einstellung gerade dann, wenn Sofsky
selbst auf den Zusammenhang von Wirtschaft und Staat, die ja, wie
gezeigt, beide am gläsernen Menschen interessiert sind, hinweist, aber ein paar
Kapitel später das durch eben jene von ihm verdammte Wirtschaft ermöglichte Eigentum als den
Grundgaranten für eine gleichberechtigte, sichere Gesellschaft
darstellt. Auch folgt er Foucault nicht darin, dass gerade die Art und
Weise des Rückzugs selbst nicht unabhängig von der Macht sein kann,
die einen Komplex aus Staat, Wirtschaft und Individuum darstellt. Oder
philosophisch gewendet: wenn Privatheit immer nur „Frei-sein-von“
bedeutet, dann ist sie auf ihren Gegner notwendig angewiesen – es wird
das verteidigt, was der andere will. Damit macht sich Sofsky im
Gegenteil noch abhängiger vom Staat und von der Wirtschaft, als er eigentlich
vorgibt. Denn, stellt man sich einmal einen Zustand vor, in dem es keine
Angriffe mehr gibt, so verliert auch das, was noch vorher beschützt
werden musste, seinen Wert. Und somit instrumentalisiert Sofsky gerade
das, was ihm am Privatesten zu sein scheint: das eigene Selbst. Dies
wäre zumindest ein Grund für die paranoide Litanei, die er in fast jedem
Kapitel über mehrere Seiten hin ausbreitet.
Im Grunde hat Sofsky Recht mit dem Hinweis auf
bestimmte dynamische Strukturen, die sich zwischen den Menschen,
der Wirtschaft und dem Staat abspielen, denn je unsicherer die Lage,
desto sicherer will der Mensch sich durch den Staat fühlen können. Und
dieser Staat reagiert auf die einzig mögliche Weise: er überwacht. Man
sieht diese Bewegungen vor allem zu Zeiten von Terroranschlägen:
plötzlich erscheinen bestimmte Menschen oder Gruppen in einem anderen
Licht, werden verdächtigt und in ihren Grundrechten mindestens
eingeschränkt, zu oft ihrer entledigt – zumindest ist die öffentliche
Bekundung der Zugehörigkeit zum Islam kaum mehr vorurteilsfrei oder voraussetzungslos
möglich.
Doch Überlegungen, dass Eltern ihre Kinder
durch Kameras in Kindergarten und Spielzimmern stets beschatten würden –
es ja insgesamt schon viel zu weit gekommen ist und man einer
permanenten Bespitzelung unterliegt, scheint oft zu weit hergeholt.
Letztendlich möchte Sofsky ein guter
Orwell sein, der vor dem visionierten Jahr 1984 warnt; ist aber selbst
vielmehr Unterstützer dieser Strukturen: denn um sich zu schützen, muss
man die Schritte des Anderen kennen, ihn also letztlich überwachen. Ob
es aber die richtige Lösung sein kann, selbst Spion unter Spionen zu
werden, bleibt zu überlegen.
Wolfgang
Sofsky:
"Verteidigung
des Privaten. Eine Streitschrift"
C. H. Beck 2007
158 S., Euro 14, 90
ISBN: 978-3406562983
Der Rezensent ist Philosoph und nimmt sich
bei Librikon entsprechenden Büchern an.
Die Politik
verschiebt es in die Vergangenheit
Doch Herta
Müllers Thema der Unfreiheit findet jeden Tag in Deutschland statt
Von Ole de Vries
Der Literaturnobelpreis geht mit Herta Müller auch an das Thema
Unfreiheit, Staatsüberwachung und Gängelei. Die deutschen Politiker sind
nur zu gern aufgesprungen, um die Wichtigkeit des Freiheitskampfes und
den Mut der Kämpfer zu betonen. Dann nehmen sie wieder Platz und
schnitzen an neuen Möglichkeiten, Menschen in Deutschland in ihrer
Freiheit einzuschränken.
Am
einfachsten ist das bei Kindern, für die sich nur stellvertretend die
Eltern wehren können, und die sind seit Jahrzehnten stark geschwächt
worden. Kinder werden heute so aggressiv und zeittotalitär in
Staatsinstitutionen gezwungen, wie es in einem freiheitlich gesinnten
Staat nie möglich wäre. Ihnen wird der Lebensraum und jedes Biotop
genommen, sie sollen gesammelt und geschlossen auf eigens dafür
kontrollierbaren Höfen von Staatspersonal, das möglichst gute
Arbeitsbedingungen und Schonung braucht, um diese kriminellen von morgen
zu bewachen. Die Ferien werden in „Lern-Camps“ verbracht, damit die
totale Kontrolle leichter zu bewerkstelligen ist.
Den Zynismus der Mächtigen, man tue das alles ja zum besten der Kinder,
kennt jeder, der Osteuropa vor dem Fall des Eisernen Vorhang erlebt hat.
Seit fast zehn Jahren nun werden die Kinder immer unfreier, an die Kette
eines Staates gelegt, der eine zu allem fähige nächste Generation
heranziehen will. Mit Freiheit umzugehen, sollen diese Staatssoldaten
nicht mehr kennen. Darum betrifft es alle: Die Freiheit muss
eingekesselt werden, damit die krankhaft Kontrollierten sie nicht zum
Nachteil ausnutzen – das ist das Argument der Zukunft.
Die politischen Reaktionen auf den Nobelpreis für Literatur verweisen
das Thema „Freiheitsverlust“ bewusst weit in die Vergangenheit. In
Deutschland sind Staatseingriffe jedoch längst wieder an der
Tagesordnung, jeden Tag. Die eisernen Griffe setzen wie immer zuerst bei
den Wehrlosesten an.
Brutalität und die Mitte der Gesellschaft
Warum Jugendliche zu Totschlägern werden
Von Lennart Ragmann
Der Traum der Reichen , der
Privilegierten, der Bessergestellten, dass man nicht nur auf Kosten
ganzer Bevölkerungsgruppen leben kann, sondern diese Gruppen auch
möglichst aufwandsarm, blöd in ihrem eigenen Saft verrotten zu lassen,
der ist ausgeträumt, seit mindestens einem Jahrhundert, seit der
sogenannte Mob die Feudalstrukturen zerstört hat. Während der russischen
Revolution passierten Greueltaten, aber passiert sind sie nicht, weil
die russischen Arbeiter und Bauern unheimlich brutale Menschen waren,
sondern sie sind passiert, weil die Armen hoffnungslos waren und sich
-jenseits von jeder Bildung und Erziehung - die ganze Wut entlud.
Die Vorstellung, dass man Leute dumm und
arm halten kann, die ist seitdem tot. Und wenn man meint, man könnte
ganze Bevölkerungsschichten so verkommen lassen, in Perspektivlosigkeit,
sind die letzten tödlichen Attacken dieser unvorstellbar enthemmten
Menschen die Antwort auf diesen Irrtum. Die neue Dimension ist ja nicht
ihre Aggressivität, die neue Dimension ist, dass sie sich nicht
untereinander massakrieren, da würden alle die Schultern zucken – nein,
es erreicht die Mitte und damit Menschen, die in einem ganz anderen
Kosmos leben.
Deswegen muss man sich plötzlich die Frage
stellen nach der Wurzel. Die Hoffnung, dass die Brutalität unter den
Brutalen bleibt und sie alles mit sich ausmachen, hat sich zerschlagen.
Wir benötigen nun eine ganz andere, offene Integrationspolitik für
Jugendliche, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Bevor sie
Totschläger sind.
„Ich bin Vinylliebhaber“
Christian Koch, der Vorsitzende der
Niedersächsischen Piratenpartei, über Platten, Vorurteile und die
Zukunft des Buchmarkts
Ein Interview, geführt von Jan
Fischer
Christian Koch biegt um die Ecke und
steuert eilig auf das Hildesheimer „Café Übersee“ zu. Natürlich sieht er
aus, als säße er zuviel vor dem Computer: Langhaarig und ein wenig
bleich. Andererseits sehen alle anderen im Café – die Bedienung
eingeschlossen - auch nicht besser aus. Vielleicht ist es das gelbe
Licht: Der Sommerabend ist zwar warm, aber die Luft riecht nach
Gewitter. „Christian“, stellt der Vorsitzende sich vor, und bestellt
einen Cappucino und ein alkoholfreies Hefeweizen. Seine Stimme ist
leise, aber überzeugt, und er entschuldigt sich schon im Vorhinein
dafür, dass er abschweifen könnte – das sei „so eine Eigenart“ ihm.
Librikon:
Herr Koch, Sie sind Vorsitzender der
Niedersächsischen Piratenpartei. Das hört sich erstmal gut an. Was genau
tun Sie denn da?
Christian Koch:
Im Moment sind es Interviews, ganz klar,
gerade ist viel los. Aber hauptsächlich organisatorisches,
strukturelles. Nach der Europawahl sind wir ja mit Anfragen und
auch neuen
Mitgliedern
überflutet worden. Gerade sammeln wir noch Unterschriften für die
Wahlzulassung bei der Bundestagswahl. Und ich muss natürlich die
Strömungen der Partei beobachten, mich politisch fit halten.
Librikon:
Im Moment muss bei Ihnen große
Aufbruchsstimmung herrschen.
Christian Koch:
Wir haben knapp ein Drittel unserer
Mitglieder in den letzten 4
Wochen dazubekommen. Wir haben einen Zuwachs von bundesweit 50
Mitgliedern pro Tag, und es reißt es nicht ab. Durch den Bundesparteitag
haben wir auch viel Presse gehabt, das war ja wirklich in allen Medien,
Tagesschau, RTL, das war schon interessant zu sehen, dass da plötzlich
mediales I
nteresse da
ist.
Librikon:
Spiegel Online hat Sie ja als
„Raubkopierer“ bezeichnet...
Christian Koch:
(lacht): ...und die Bild als „Gaga-Verein“.
Da sind auch Missverständnisse da, aber das hat sich in den letzten
Wochen sehr geändert. Die Redakteure haben endlich mal nachgefragt, und
nicht nur Falsches
übernommen. Da ist ja auch ein wichtiger Punkt, dass wir eben keine
„Raubkopierer“ sind.
Librikon:
In der Hinsicht ist der Parteiname ein
bisschen unglücklich gewählt. Vom Piraten ist es nicht weit zum
Raubkopierer.
Christian Koch:
Der Name ist ja nicht freiwillig. Auf dem
Bundesparteitag wurde das in den einzelnen Gruppen auch
wieder
heiß diskutiert.
Aber wir können den Namen nicht ablegen. Einmal, weil der uns auferlegt
worden ist, von der Content-Industrie, also denen, die sagen: Die rauben
uns unserer Werke, oder: Werte. Da haben wir gesagt: Gut, dann sind wir
halt Piraten. Wir rauben uns unser Gut zurück. Auf der anderen Seite hat
dieser Name auch eine Änderung erlebt, da geht es nicht mehr ums Klauen,
sondern um Freiheit. Da ist auch in der Partei so. Die Stimmen werden
leiser, was den Namen angeht.
Librikon:
Ich habe hier ja auch zufälligerweise die
„Süddeutsche Zeitung“ von heute dabei. Da geht’s um Ihren Parteitag in
Berlin. „Mit Laptop und Totenkopf“, heißt der Artikel. Dadrin steht „Es
ist wohl kein Spaß, als einer am Rande sagt, dass manche sich lieber per
Mail austauschen als mit ihrem Tischnachbarn“ Stört es Sie eigentlich,
dass Sie als Nerds bezeichnet werden?
Christian Koch:
Ein Computer ist einfach ein
Gebrauchsgegenstand. Natürlich haben viele von uns eine Affinität dazu,
wir haben aber auch unheimlich viele Leute, die damit gar nichts am Hut
haben. Ich bin einer davon. Ein bin ganz einfacher Büromensch. Mich
interessiert das Thema, und das wars. Das Netz, Computer, das ist heute
ein alltägliches Ding. Früher wars Telefon, heute schreibt man eine
Mail. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich heute ein Handy
habe, da habe ich ja einen vollwertigen Computer in der Hand, der auch
noch mit dem Internet verbunden ist. Ich habe nichts dagegen, als Nerd
bezeichnet zu werden. Das ist nur ein bisschen verdreht.
Librikon:
Bei der Bundestagswahl ist ja die Order,
die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken.
Christian Koch:
Es gibt keine Order. Ganz ehrlich: Wir
versuchens. Wir treten an, um da reinzukommen, dafür sind wir eine
Partei. Wir wollen da auch mitmachen. Wenn nicht, dann schaffen wirs
beim nächsten Mal. Oder bei der Landtagswahl in Sachsen. Oder
Schleswig-Holstein.
Librikon:
Die großen Parteien sind kaum in der Lage,
bei Ihnen mitzuziehen. Die haben zu Ihren Themen, vor allem vielleicht
Internet, gar nicht so wirklich nachgedacht. Oder sind nicht in der Lage
dazu.
Christian Koch:
Ich weiß nicht, ob die nicht nachgedacht
haben. Vielleicht haben die einfach nicht daran gedacht, dass es
Interesse geben könnte, oder dass da auf einmal eine Bewegung entsteht.
Etwas anderes ist es ja nicht, es ist eine Bewegung, für Freiheit, für
Datenschutz, für Bürgerrechte im Internet. Das sind so diese
Grundpfeiler. Das sind dann auch Versäumnisse der liberalen Partei. Die
hat das mal vor 10 Jahren vertreten. Die Grünen versuchen seit fünf
Jahren eine Internetpartei zu werden. Sie vergeigen es nur andauernd.
Die CDU hat das noch nie gewollt, und die SPD auch nicht, im Gegenteil,
die wehren sich vehement dagegen.
Librikon:
Ein anderes Lieblingsthema von Ihnen ist
das Urheberrecht. Das Parteiprogramm ist da nicht wirklich detailliert,
aber Sie wollen das von jetzt 70 oder 75 Jahren auf fünf Jahre
verkürzen?
Christian Koch:
Wir wollen das definitiv verkürzen. Ob das
jetzt fünf Jahre, zehn Jahre, oder zwanzig Jahre sind, darüber sind wir
uns uneinig. Wir wollen aber definitiv unter 15 Jahre kommen, darüber
sind wir uns einig. Und ob das jetzt 5 oder 10 Jahre wird, müssen wir
selber noch klar werden. Dann geht das unter CC oder GPL-Lizenz für
freie Nutzung. Wenn wir diese Änderung hinbekommen würde, würde es da
sicher eine Nachänderung geben.
Librikon:
Das sind Lizenzen, die nur die Verwendung
für nicht-kommerzielle Zwecke erlauben?
Christian Koch:
Das ist ganz wichtig, und das verstehen
die meisten auch nicht. Wir wollen nicht das Urheberrecht abschaffen,
wir wollen nur, dass man damit anders umgeht. Dass der Urheber ohne
Probleme mit seinem Werk machen kann, was er möchte, auch Geld damit
machen kann, wie er möchte. Aber dass es danach eben auch für die
Allgemeinheit zugänglich ist, und ohne kommerziellen Hintergedanken
verteilt werden darf.
Librikon:
Wenn ich dann – sagen wir als Verlag – ein
Buch noch einmal rausbringen, noch einmal verkaufen möchte?
Christian Koch:
Dem steht ja nichts im Wege, solange es
auch frei zugänlich ist. Gerade im Printbereich ein Buch in einer
Neuauflage herausbringen, als Taschenbuch, mit einem anderen Umschlag,
oder mit einem anderen Vorwort drin.
Librikon:
Würde das jemand kaufen?
Christian Koch:
Warum nicht? Es wird ja immer Leute geben,
die – wie ich – ihr Bücherregal lieben. Die grade bei Büchern das Gefühl
haben möchten, es zu erleben, auch mal blättern möchten. Es geht auch
viel schneller in einem Buch zu blättern als in einer Datei auf dem
Computer. Da werden Menschen bereit sein, sich das im Original zu
besorgen. Ob das jetzt unbedingt zu dem Preis ist wie im Buchladen – wir
haben ja die Buchpreisbindung - sei mal dahingestellt. Aber es wird mit
Sicherheit ein Markt da sein, der sich auch darauf einstellen wird.
Librikon:
Was schon ein ganz schön radikaler
wirtschaftlicher Umbau wäre.
Christian Koch:
Den haben wir sowieso vor
uns. Wir müssen jetzt
eine Lösung finden, um es allen gerecht zu machen, und möglichst noch
den Künstlern eine Möglichkeit geben, davon zu leben. Wenn es so
weiterläuft wie jetzt werden die
,
die es einfach nutzen, die werden kriminalisiert die haben davon nur
rechtliche Probleme. Der Künstler sieht ja
dann kein Geld, er kann
zwar klagen, aber wer nichts hat, dem kann man auch nichts aus der
Tasche ziehen. Gerade jetzt geht es der Musikindustrie durch den Verkauf
im Internet wieder relativ gut. Aber im Buchbereich ist es so, dass die
E-Books noch nicht so verfügbar sind, also verkaufen sich auch noch sehr
gut Bücher. Und da müssen wir eben jetzt eine Lösung finden, wenn die
Verkäufe vielleicht schwächer werden, aber dass es trotzdem gut für alle
bleibt. Gerade bei der Musikindustrie hat man ja gesehen wie fatal das
war, dass da keine Onlineshops da waren über eine lange Zeit. Inzwischen
gibt es unheimlich viele davon, und es gibt trotzdem immer noch diese
Platten- und CD-Läden. Keiner weiß, wie es für die Buchindustrie laufen
wird. Ob jetzt diese Kindles in ein paar Jahren so gut sein werden, dass
man sagen wird, ich hol mir das
gedruckte
Buch nicht mehr.
Librikon:
Fragt sich, ob ein Künstler dann davon
leben kann.
Christian Koch:
Warum nicht. Ich kann als Autor meine
Werke auf verschiedene Weisen veröffentlichen. Ich habe die Möglichkeit,
das übers Internet zu tun. Ich kanns auf meine Seite stellen, und sagen,
gut, jede Seite kostet 2 Cent. Ich kann auch das gesamte Werk
herunterladbar machen, und man zahlt für jeden Download. Ich kann
genauso gut
aber auch
sagen, was ich schreibe möchte ich der Allgemeinheit zugänglich machen,
ohne, dass dafür bezahlt wird. Das haben wir in den Blogs, in
Onlinezeitungen, wo auch fundiert geschrieben wird, von Journalisten,
die das nebenbei machen. Die verdienen ihr Geld durch Werbung. Es gibt
da sicher noch viele andere Ansätze, ein Werk, wenn man denn davon leben
möchte, zu verkaufen. Es geht nur darum, den richtigen Weg zu finden.
Ein Punkt sind dann auch Verwertergesellschaften, dass der Verleger
sagt: Ich kaufe dir dein Werk ab, und drucke es dafür, und du bekommst
einen kleinen Anteil schonmal als Vorschuss und ich mache das erstmal
auf mein Risiko. Das Problem ist dann nur: Dann sind meine Rechte
erstmal weg. Ich kann es dann auch nicht irgendwo anders
veröffentlichen, wo ich vielleicht eine bessere Möglichkeit gefunden
habe. Es muss eine Möglichkeit geben, das der Erschaffende selber nicht
nur seine Hand auf dieses Werk hat, sondern auch sagen kann: ich möchte
etwas anderes machen damit.
Librikon:
Das klingt alles noch ein bisschen diffus.
Christian Koch:
Wir haben noch kein
fertiges Konzept dazu,
wir haben Ideen, aber ob und wie die tatsächlich durchführbar sind,
müssen wir in der Praxis sehen. Da wird sicherlich auch nachjustiert
werden müssen. Wir haben Ideen, von denen wir glauben, dass sie
funktionieren, aber wir sind auch noch eine junge Partei, kaum drei
Jahre alt. Und eine Kristallkugel haben wir auch nicht.
Librikon:
Außerdem sind die Piraten eine
Nischenpartei, die sich nur bestimmten Themen widmet. Zur Rente, z.B.
hätten Sie nichts zu sagen, oder?
Christian Koch:
Wir hätten gerne zu allem etwas zu sagen,
auch und gerade zum Thema Sozialpolitik. Nur: Wir wollen ja nicht zu
einem Thema etwas sagen, in dem
wir noch nicht kompetent sind. Aber gerade jetzt mit dem
Mitgliederboom akquirieren wir immer mehr Experten, so dass wir auch zu
Themen außerhalb der Nische immer mehr sagen können.
Librikon:
Wenn ich also Mitglied bei der
Piratenpartei werde, und zufällig Ahnung von einem Thema habe, dass Sie
so noch nicht in ihrem Parteiprogramm haben, kann ich schnell zu
Experten dafür aufsteigen?
Christian Koch:
Wir funktionieren nach einem
basisdemokratischem Modell, das im Moment aus vier Säulen besteht: Es
gibt einmal das Forum auf unserer Website, dann gibt es das Piratenwiki,
es gibt Mailinglisten, und es gibt in vielen Städten regelmäßige
Stammtische. Da wird auf verschiedene Arten über unsere Themen
diskutiert. Jedes Parteimitglied, das etwas zu sagen hat, kann auch
gehört werden. Im Moment arbeiten wir daran, diese vier Säulen so
miteinander zu vernetzen, dass jedes Parteimitglied immer Zugriff auf
jede Diskussion hat.
Librikon:
Läuft sich dieses basisdemokratische
Prinzip nicht irgendwann tot, wenn genügend Mitglieder immer zu allem
etwas sagen können?
Christian Koch:
Wir arbeiten daran, dass es funktioniert,
aber natürlich können wir auch nicht genau sagen
ob das dann sicher funktioniert.
Aber diese Diskussionen in den Foren, und an den Stammtischen
undsoweiter sind natürlich unheimlich wichtig, und das kann ja auch eine
Bereicherung sein. Wenn einer einen Vorschlag macht, und der nächste
wieder was dazu sagt, und der
dritte erweitert das, wir machen das ganz anders, dann können
gute Sachen passieren, und etwas ganz anderes dabei rauskommen, als das,
was man sich eigentlich gedacht hat. Davon haben sich die großen
Parteien auch ein bisschen entfernt.
Librikon:
Sind Sie Radikale? Oder Avantgarde?
Christian Koch:
Beides wohl nicht. Wir haben nur, vor
allem was eben die informationelle Selbstbestimmung angeht, Ideen, die
so in der Politik vorher nicht aufgetaucht sind, die auch gar nicht
nötig waren, die jetzt aber sehr aktuell werden, vor allem eben in der
Buchindustrie, damit dort nicht dasselbe passiert wie in der
Musikindustrie.
Librikon:
Und wie sieht ihre Idee zum Buchmarkt aus?
Christian Koch:
Die Autoren müssen mehr Rechte haben. Es
kann doch nicht sein, dass ich alle Rechte an einem Buch an einen Verlag
abtrete, für einen bestimmten Zeitraum, und wenn ich dann eine bessere
Möglichkeit finde, das auf den Markt zu bringen, ich an mein eigenes
Werk nicht rankomme. Vor allem bei Wissenschaftsverlagen ist das
schlimm, da liegen dann die Werke, und kommen entweder nie raus, oder
nur in einer kleinen Auflage, und dann kommt niemand mehr dran. Die
haben da sehr die Hand drauf. Es wäre besser, wenn man an solche Sachen
einfacher drankommen würde, und wenn die Autoren ein größeres
Mitspracherecht hätten.
Librikon:
Und Sie glauben wirklich, dass Leute dann
trotzdem die Bücher lesen würden, obwohl die Texte im Netz frei
zugänglich sind? Das funktioniert doch schon mit der Musik nicht so gut.
Christian Koch:
Das sagt die Musikindustrie immer, aber
iTunes zum Beispiel hat steigende Verkaufszahlen. Das liegt einfach
daran, dass die Musikindustrie da eine entscheidende Entwicklung
verschlafen hat, und jetzt erst in die neuen Vertriebsmöglichkeiten
reinwächst. Was Bücher angeht, glaube ich, dass es immer Leute geben
wird, die lieber ein Buch in der Hand haben wollen, als es digital zu
lesen, es gibt ja auch Bücher, die kann man nur als Bücher lesen.
Belletristik, das könnte digital vielleicht funktionieren, aber ich
selbst nehme auch immer ein Buch mit, wenn ich verreise, auch wenn das
groß ist, und undhandlich und schwer. Ich bin auch großer Vinylfan, wenn
es dann so knackt und rauscht, das mag ich.
Man ist
verantwortlich für das, was in einem deutschen Gerichtssaal geschieht
Die Politik
als Auslöser für den Mord an einer jungen Mutter
(librikon)
Das Ansehen von Müttern ist nicht gut in Deutschland. Nur, wer sein
Muttersein im öffentlichen Leben so weit wie möglich verleugnet, wer
Kinder tags in Ganztagsbetreuungen gibt und abends an Babysitter, gilt
als moderne Frau. Alle anderen stehen im Ruch, rückwartsgewandt zu sein,
der Gesellschaft als unselbständige Menschen ohne eigenes
Arbeitseinkommen zur Last zu fallen. Mit diesem Bild haben in
Deutschland viele Mütter zu kämpfen; solche mit vielen Kindern, solche
mit dem Wunsch, ihre Kinder zuhause zu betreuen und erst recht Mütter,
die auf die vermeintliche Mehrheitsgesellschaft fremd wirken: Zum
Beispiel, wenn sie ein Kopftuch tragen.
In
Dresden ist eine junge Mutter vor den Augen ihres Kindes, ihres Mannes,
des Richters, des Staatsanwaltes und der Polizisten brutal
niedergestochen, erstochen worden. Gegen den Täter hatte sie eine
erfolgreiche Klage wegen Beleidigung angestrengt.
Ein furchtbarer Fall, der allein dadurch, dass er sich in einem
deutschen Gerichtssaal zutrug, das offizielle Deutschland hätte auf den
Plan rufen müssen. Doch die Politiker schwiegen genauso wie die Medien.
Man war überfordert: Auf den ersten Blick griff bei dieser Untat kein
Klischee. Die von deutschen Stellen ständig betonte Gefahr des Terrors
durch islamistische Kreise ließ die junge ägyptische Familie und die ein
Kopftuch tragende Mutter viel eher als Risikofaktor einschätzen als den
russlanddeutschen Täter. Auch die Polizei ist auf eine für einen
Rechtsstaat fragliche Art und Weise auf "Islamismus" eingeschworen - so
fanatisch, dass ein Polizist im Gerichtssaal den seiner Frau zur Hilfe
kommenden Familienvater anschoss, denn dessen Aussehen entsprach dem
zuvorderst gepflegten Feindbild.
Es
war eine Situation verdrehter Weltsicht: Der Täter hatte durch das in Deutschland
geltende Recht des ius sanguinis vor sechs Jahren die deutsche
Staatsbürgerschaft erhalten, weil er deutsche Vorfahren, vor
Jahrhunderten ausgewandert, hatte. Zum Vergleich: In Deutschland
geborene Türken der zweiten, ja dritten Generation müssen eine lange
Prozedur durchlaufen, bevor sie die deutsche Staatsangehörigkeit
beantragen können.
Für die deutsche Bevölkerung bleiben alle gleichermaßen fremd, da das
Land verweigert, sich als Einwanderungsland zu sehen. Im vergangenen
Jahr warf ein Russlanddeutscher einen Holzklotz von einer
Autobahnbrücke, eine Mutter, ebenfalls Russlanddeutsche, starb in dem
Wagen, der zufällig getroffen wurde. Es gab Berichterstattung, aber die
Betroffenen waren doch „die anderen“, keine "echten" Deutschen.
Dasselbe gilt nun auch für den Fall in Dresden – jedoch um einiges
verstärkt. Rassismus im Osten von Deutschland, das ist für die Menschen
etwas ganz Normales, eine schreckliche Begleiterscheinung der
misslungenen Wiedervereinigung. Aber es herrscht Denkverbot; man spricht
darüber mit anderen, aber in die Medien, in die öffentliche Meinung
gelangt das Thema nicht. Und doch ist es jeden Tag Gegenwart.
Dem russlanddeutschern Täter im ostdeutschen Bundesland Sachsen ist
Xenophobie als erlaubte Lebensform in Dresden vorgelebt worden. Sie
wurde durch Desintegration verstärkt. Aufgeklärte Menschen in
Deutschland haben sofort die große Schuld erkannt, die diejenigen, die
die öffentliche Meinung beeinflussen, an dem Mord tragen.
Angela Merkel war mit dieser Sicht des (ihr fremden) intellektuellen
Milieus westdeutscher Prägung von Anfang konfrontiert und hätte an
Ägypten eine offizielle Note richten müssen. Bundesinnenminister
Wolfgang Schäuble betont - allein darum, die gesamte Bevölkerung
kontrollieren und überwachen zu können- beständig die Gefahren des
Islamismus und erschwert damit vielen Menschen arabischer Herkunft in
der Bundesrepublik das Leben. Gerade er hat in dieser Situation den
Dialog mit Ägypten zu suchen. Und schließlich muss Deutschland endlich
eine Diskussion über rassistische Auswüchse führen dürfen, ohne dass
jedes offene Wort als Angriff auf das Selbstverständnis des
wiedervereinigten Landes geächtet wird.
Elternhaus oder Vater Staat?
Rückfragen an einen Paradigmenwechsel
Von Stefan Fuchs
In der deutschen Familienpolitik ist seit
der Amtszeit von Renate Schmidt ein Paradigmenwechsel zu beobachten, der
von ihrer Nachfolgerin im Amt Ursula von der Leyen konsequent weiter
vorangetrieben wird. Dass es sich bei der seit 2003 vorangetriebenen
neuen, als „nachhaltig“ bezeichneten Familienpolitik um einen
grundlegenden Politikwechsel handelt, ist nicht umstritten. Befürworter
wie Kritiker der neuen Familienpolitik sind sich hierin weitgehend
einig. Die Ziele dieser neuen Politik sind von der Bundesregierung mit
Hilfe von (i. d. R. quantifizierbaren) Indikatoren klar definiert
worden. Zu diesen Zielen gehört es insbesondere,
1) die Frauenerwerbsquote und den Umfang
der Erwerbstätigkeit von Müttern zu erhöhen
2) sowie die durchschnittliche
Geburtenrate auf 1,7 Kinder pro Frau anzuheben.
Das Leitbild dieser „nachhaltigen“
Familienpolitik ist die „kontinuierliche“ Erwerbstätigkeit beider
Elternteile. Diese soll ermöglicht werden durch den Ausbau einer
umfassenden Ganztagsbetreuung von Kindern spätestens ab dem zweiten
Lebensjahr. Parallel zum Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung
wird der Druck auf Eltern beiderseitig erwerbstätig zu sein verschärft.
Ein Beispiel hierfür ist die Elterngeldreform, mit der die vergütete
Erziehungszeit für geringverdienende Eltern gekürzt wird, um eine
möglichst frühzeitige Rückkehr von Müttern kleiner Kinder ins
Erwerbsleben zu erzwingen. Dem Ziel, den Erwerbsdruck auf Mütter zu
verschärfen, dient auch das neue Unterhaltsrecht, das die „nacheheliche
Eigenverantwortung“ geschiedener Mütter einfordert. In einer
Gesellschaft mit hoher Scheidungsneigung werden längere „Baby-Pausen“
damit für Mütter noch riskanter. Junge Frauen sind demnach aufgefordert,
künftig möglichst durchgängig in Vollzeit erwerbstätig zu bleiben. Auch
auf (ältere) Mütter in intakten Ehen soll, u. a. durch „Reformen“ des
Ehegattensplittings, mehr Erwerbsdruck ausgeübt werden. Dies fordern
jedenfalls regelmäßig Vertreter internationaler Organisationen (OECD,
EU) und deutsche Politiker(innen).
Das vorrangige Ziel dieses
Paradigmenwechsels ist es gerade nicht, durch den Ausbau von
Betreuungsangeboten mehr Wahlfreiheit für Eltern zu schaffen. Das Ziel
der Wahlfreiheit zwischen Erwerb und Familie kommt in der Stellungnahme
der Bundesregierung zum 7. Familienbericht als zentraler Programmschrift
des Paradigmenwechsels weder dem Wort noch der Sache nach vor. Dasselbe
gilt für den Lastenausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen, der über
Jahrzehnte ein zentrales familienpolitisches Anliegen aller – der SPD-
wie der CDU- geführten – Bundesregierungen war. Für die neue Politik hat
ein Ausbau des „Familienlastenausgleichs“ keine Priorität. Aus ihrer
Perspektive erscheint daher auch das Kindergeld nicht mehr als Mittel, um
unterschiedlich verteilte Lasten für die Kindererziehung auszugleichen,
sondern als sozialpolitische Transferleistung, mithin als Almosen für
Familien. Transfers an Familien werden nicht bloß als nachrangig
betrachtet, sondern sogar grundsätzlich in Frage gestellt: Um eine aus
ihrer Sicht „sinnvolle“ Verwendung der den Familien zufließenden Mittel
zu gewährleisten, fordern Befürworter der neuen Familienpolitik
Kindergeld und Kinderfreibeträge quasi einzufrieren, um mehr Geld für
„Betreuungsinfrastruktur“ und „Sachleistungen“ ausgeben zu können.
Die Prioritäten der betroffenen Eltern
sehen dagegen oft ganz anders aus: So geht aus repräsentativen
Bevölkerungsumfragen wie der „Population Policy Acceptance Study“ (2003)
hervor, dass Eltern, insbesondere wenn sie mehrere Kinder haben,
finanzielle Verbesserungen wie steuerliche Entlastungen oder ein höheres
Kindergeld wichtiger sind als ein Ausbau der Betreuungsinfrastruktur.
Dass die neue Familienpolitik die Bedürfnisse von Familien mit mehreren
Kindern ignoriert, zeigt beispielhaft das neue – als Lohnersatzleistung
– konzipierte – Elterngeld: Etwa drei Viertel der Eltern, die ihr
drittes oder ein weiteres Kind bekommen haben, erhielten 2008 höchstens
500 € Elterngeld. Viele von ihnen sind damit im Vergleich zur
Erziehungsgeldregelung schlechter gestellt worden. Der Grund für die
geringen Elterngeldansprüche ist die mit zunehmender Kinderzahl
abnehmende Erwerbsbeteiligung der Mütter. Diese ist keineswegs nur mit
unzureichenden Betreuungsangeboten zu erklären, sondern entspricht der
Tendenz nach auch den Präferenzen der Eltern: Wie u. a. der
Familiensurvey des Deutschen Jugendinstituts zeigt, befürworten
kinderreiche Eltern deutlich häufiger als Kinderlose und Eltern mit nur
einem Kind eine eher „traditionelle“ Arbeitsteilung in der Familie. Die
Agenda des familienpolitischen Paradigmenwechsels benachteiligt
strukturell kinderreiche Eltern. Ob mit einer solchen Politik die
Geburtenrate auf ein deutlich höheres Niveau von 1,7 Kindern pro Frau
angehoben werden kann, erscheint zumindest fraglich.
Grundsätzlich ist es fragwürdig,
Familienpolitik mit quantitativen Zielen wie einer höheren Geburtenrate
oder Frauenerwerbsquote zu begründen: Zu leicht können exogene Faktoren
–etwa eine Krise der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes – auch die besten
politischen Absichten durchkreuzen. Sehr schnell können dann
Enttäuschungen eintreten und sich der (Kurz-)Schluss aufdrängen, dass
Familienpolitik „wirkungslos“ sei und man sie sich daher „sparen“ könne.
Den Schaden hätten dann die Familien: Sie würden durch die Einsparungen
– sei es bei den Transfers oder in der Infrastruktur – getroffen.
Eine zeitgemäße Familienpolitik sollte
sich deshalb von der Fixierung auf quantitative Ziele lösen. Ihr
Anliegen müsste es sein, Familien gerecht zu behandeln und
unterschiedliche Lebensentwürfe mit Kindern zu ermöglichen. Maßstäbe
hierfür können nicht regierungsamtlich vorgegebene Quoten, zum Beispiel zu
Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung, sondern nur die tatsächlichen
Präferenzen von Eltern und Kindern sein. Zentrale Anliegen einer
wirklich demokratischen und humanen Familienpolitik wären die
Leistungsgerechtigkeit gegenüber den Familien, das Wohlergehen der
Kinder und die – auch ökonomisch abgesicherte – Freiheit von Eltern, ihr
Familienleben eigenverantwortlich gestalten zu können.
Der Autor ist
Diplom-Verwaltungswissenschaftler und schreibt seine Dissertation zum
Thema “Defamilialisierung als Paradigmenwechsel in der (west)deutschen
Sozialpolitik”.
Es ist also
finanzierbar!
Grundeinkommen
ohne Arbeit
Von Ian Orange Ginsborough
Gegen die Gelder, die die Deutschen in ihrer Funktion als Politiker in
Landesbanken und auch in Privatbanken pumpt, ist das Grundeinkommen für
alle: Peanuts. Das erste Mal ist es nun realistisch geworden
darzustellen, es einzuführen und seine Folgen abzuwägen. Vor den
Milliarden für Prämien, Konjunkturpakete und Rettungsschirme war das,
was das Grundeinkommen gekostet hätte, nicht darstellbare Summen, war
das Grundeinkommen per se als nicht-bezahlbar stigmatisiert.
Das Grundeinkommen ist problematisch – für die, die alles so hatten
beibehalten wollen, wie sie es kannten, wie es für sie gut war. Nun ist
der Wandel aus unerwarteter Richtung über uns gekommen. Da schrumpft der
„Problemfall Grundeinkommen“: Die komplette Systemumwälzung. Doch birgt
es mehr Chancen als Risken.
Eine Menge an Reformen, die die Wirtschaftskraft stärken würde, zieht es
automatisch nach sich. Das ist das eine. Zum zweiten –und davon geht die
Marktwirtschaft aus- ist der Mensch bedürfniserzeugend, nie
bedürfnisbefriedigend: Das Grundeinkommen wäre soziale Absicherung,
keine Faulheitsprämie. Es gäbe genug Anreiz weiterzuarbeiten, um sich
mehr zu erarbeiten. Der Staat könnte sämtliche
Sozialversicherungssysteme abschaffen und sich dann im Zuge einer
Steuerreform, bei der die Zusatzeinnnahmen progressiv versteuert werden,
verschlanken: Arbeitsämter, Sozialämter, Beamte ohne Aufgabengebiet,
alles könnte aufgelöst werden, ohne soziale Härte zu bedeuten, da kein
totaler Absturz droht. Arbeitslosigkeit würde nicht mehr vom
überforderten Staat verwaltet.
Der Kündigungsschutz würde verschwinden – der Arbeitsmarkt würde in die
Vertragsfreiheit entlassen werden. Denn sie herrschte dann zwischen
Arbeitnehmern und Arbeitgebern; ein beidseitiger, gleichstarker
Verhandlungsstatus.
Die Innovationskraft stiege enorm, mit einem mit wenig
Verteilungsaufgaben betrauten System und einer Bevölkerung, die wieder
die Freiheit zum Wirtschaften erhielte: Jeder kann eigenständig
marktwirtschaften! Jeder kann sich selbständig machen und am Markt
auftreten. Das ist einzig schlecht für Ausbeuter von Arbeitskraft, da
viele Menschen nur noch als Zubrot arbeiten könnten. Keine Drohkulisse,
kein Angstpotential mehr.
Der Generationenausgleich, der der Unruheherd der kommenden Jahre werden
würde ohne Grundeinkommen, wäre vollbracht. Die Kinderarmut wäre
besiegt, funktionsuntüchtige Rentenformeln beseitigt; jeder erhält das
gleiche Grundeinkommen, auch nach seinen Jahren aktiver Arbeit.
Für alles darüber hinaus muss jeder selber sorgen. Damit würde Reichtum
rasch wieder mit Fleiß gleichgesetzt und wieder zu dem Ideal werden, das
er einmal war. Die Kinder hätten wieder Anreiz für Bildung und
Ausbildung und Arbeit. Sie, die uns ausgegangen ist, würde es durch das
Grundeinkommen wieder geben.
Das könnte nach Utopien, nach Campanilas Sonnenstaat klingen. Aber das
Geld, das die nächsten Jahre in die Konjunkturverzerrungen fließen
müsste, beträgt nur einen Bruchteil dessen, was das Grundeinkommen
kostet. Der wichtigste Vorbehalt ist damit verschwunden, von der
Wirtschaftsgeschichte geschluckt.
Die Forderung nach dem Grundeinkommen ist das Gegenteil einer utopischen
Vision, sie ist eine logische, notwendige und nüchterne Folge der
Finanzkrise, sie ist die mildeste Frucht des Zorns, den die Menschen
hegen und verhindert brutales, wütendes Aufbegehren.
Wir brauchen
ein Rettungspaket für die Demokratie!
Ein
Kurzvortrag zu „Sechzig Jahre Grundgesetz“
Von Reto Geiler
Nach sechzig Jahren lässt sich feststellen: Die deutsche Demokratie
steht schlecht da. Der Niedergang begann vor ca. 25 Jahren. Darum sind
Vorschläge zur Rettung überfällig - insbesondere Jungwähler muss
ermöglicht werden, die Funktionstüchtigkeit der Demokratie zu spüren.
Dazu muss das Wahlrecht reformiert werden. Ich gehe auf die drei
wichtigsten Punkte ein.
Wir haben – zum ersten – den Parteiendespotismus. D.h. die Parteien
bedauern es nicht, junge Wähler und Nicht-Wähler nie mehr gewinnen zu
können. Sie lassen keine neuen politischen Ideen ins öffentliche Leben,
und das geschieht durch Ausschluss. Bespiel Hessen: Ein abgewählter
Ministerpräsident hält sich, erleidet neuen Stimmenverlust und – regiert
weiter. Die Abwendung von der Demokratie durch solche Postenschiebereien
ist von den Parteien gewollt.
Zum zweiten: Die Gerontokratie. Eine Mehrheit verweigert einer
Minderheit die Chancen, indem die alternde Mehrheit der jungen
Minderheit zu viel nimmt. 20 Millionen Wähler bestimmen über das
Geschick der Demokratie. Auch das führt zur Resignation der Jungen, des
Gefühls der Sinnlosigkeit gegenüber Wahlen. Es gehen noch die Alten
wählen, weil sie es immer taten – und weil es für sie immer gut war,
dieses Land. Darum fällt es ja auch so schwer, den Untergang zu
erkennen. Aussetzen der Rentenformel in einem der schwierigsten
wirtschaftlichen Jahre – so verheerend äußert sich das praktisch.
Und drittens: Das Individuum hat keine eigene Entscheidungsfreiheit. Der
Fraktionszwang wird von allen Bürgern genau erlebt: Die
anti-demokratische Bevormundung verbietet dem einzelnen die
Gewissensentscheidung. Aktiv Politik zu betreiben, ist abstoßend, weil
Kritik nicht mehr gefragt ist, weil die Parteien in der Bevölkerung nach
Parteisoldaten suchen.
Aber es gibt Impfseren gegen dieses Unheil.
A.
Nicht-Wähler müssen sichtbar werden, indem man sie sieht: Leere Stühle
im Bundestag, nicht besetzte Mandate – die Parteien müssen anders als
heute ihre Mehrheiten in Angesicht der stillen Mahnung der Nicht-Wähler
finden. Aber man muss auch prozentual zu seinen Stimmen kommen; der
Nicht-Wähler wird wieder ein begehrtes Objekt, um den sich die Parteien
in ihren Programmen zu kümmern haben.
B.
Trennung von Liste und Mandat wird Pflicht; wer über seinen Wahlkreis
nicht gewählt wird, kann nicht dann noch über Liste nachrücken.
C.
Nicht sehr neu, nicht sehr originell: Das Familienwahlrecht. Vätern und
Mütter steht pro Kind eine halbe Wahlstimme zu.
Dieser
Kurzvortrag wurde im Rahmen eines Forums „mondialikon – neuer kritischer
Journalismus im Internet“ im Mai 2009 gehalten.
Schlimmer als im Kindergarten
Der Streit um den Hessischen Kulturpreis
tritt in die Trotzphase ein
Von Jan Fischer
Es ist ein heißes Eisen, dieser Glaube.
Das fasst man so leicht nicht an. Aber zum Glück geht es beim Streit um
den Hessischen Kulturpreis schon längst nicht mehr darum. Es geht darum,
wer sich am längsten die Ohren zuhalten und „Lalala“ schreien kann.
Zur Erinnerung: Kermani sollte eigentlich
den Hessischen Kulturpreis 2009 erhalten, als Auszeichnung für seine
Arbeit im interreligösen Dialog. Dann aber schrieb einen Artikel, in dem
er als Muslim versuchte, das Kreuzsymbol des Christentums zu verstehen.
Darin formuliert er pointiert und leicht polemisch, dass im Christentum
das „Martyrium genauso exzessiv bis hin zum Pornografischen zelebriert
wird“, gegen Ende Artikels allerdings macht er – der Muslim – eine
Bewegung auf das Kreuz zu und schreibt „Erstmals dachte ich: Ich – nicht
nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Vor allem der erste Teil
gefiel den beiden anderen – christlichen – Preisträgern Karl Kardinal
Lehmann und Peter Steinaecker nicht. Zu Ende gelesen hatten sie den
Artikel offenbar nicht: „Wegen der so fundamentalen und unversöhnlichen
Angriffe auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens“,
sagten sie, würden sie „den Preis bei gleichzeitiger Vergabe an Navid
Kermani nicht annehmen“.
Im Kindergarten seiner Tochter, schreib
Navid Kermani in dem Artikel auch, sollten Kinder „Hostien essen, gleich
welchen Glaubens.“ Seiner Tochter wollte er das nicht erlauben, und
offenbar fanden alle im Kindergarten das vollkommen in Ordnung.
Zumindest erwähnt Kermani in seinem Artikel dieses spezielle Problem
nicht weiter.
Was soll man also davon halten? Zunächst
einmal: Im Kindergarten scheinen alle in der Lage zu sein, sich viel
erwachsener zu verhalten, als diese Leute, die eigentlich für ihre
Verdienste im interreligiösen Dialog geehrt werden sollten. Wobei
Kermani sich noch am wenigsten kindisch aufführt: Erst bei der Hostie
sträubt er sich, dass die Tochter hin und wieder die Fürbitte liest und
„unter dem Kreuz“ lernt, akzeptiert er. Immerhin betritt er ihm fremde
Kirchen, macht sich Gedanken zum Kreuz, zum Beten, immerhin macht er
sich – als Vater und als Kinderbuchautor – Gedanken, wie seine Tochter
und wie Kinder mit Religion konfrontiert werden. Auch als Autor von „Ayda,
Bär und Hase“, in dem es auch darum geht kindgerecht
religionsübergreifend zu vermitteln. Womit er vermutlich weitsichtiger
handelt als die christlichen Preisträger, deren Kirchen der Nachwuchs ja
wegläuft, zum einen, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Religion für
jüngere attraktiv zu gestalten, zum anderen, weil Dogmatismus, wie ihn
Lehmann und Steinaecker betreiben, in keinster Weise zeitgemäß ist.
Lehmann und Steinaecker sind – im deutschen Raum - Vorsteher einer
kinderlosen Religion. Irgendetwas haben sie, oder ihre Kirche, also
falsch vermittelt. Kermani hat Kinder und ist sich seiner Verantwortung
gegenüber seinen Töchtern bewusst. Bei Kermani gibt es keine Predigt
über die Verantwortung für die Kinder, sondern das Kreuz bedeutet etwas,
und er fragt sich, was es wohl für seine Tochter bedeuten könnte. Dort –
wenn überhaupt irgendwo – ist es ja auch, wo Religion, egal welche,
überleben muss: In der nächsten Generation. Die Zukunft von Religion
liegt ja nicht bei denen, die in den Feuilletons ihre verhärteten
Fronten pflegen. Es sind nicht die, die schon längst dabei sind, sondern
die, die sich erst noch entscheiden müssen. Statt aber aufzutreten als
Vermittler, als Menschen, deren Beispiel man folgen könnte, wird sich in
der Debatte gegenseitig als Lügner bezeichnet, man schreibt, der jeweils
andere solle sich gefälligst schämen für das, was er getan hat.
Letztendlich sind das alles Trotzreaktionen, die daraus resultieren,
dass jeder seinen eigenen Lebensentwurf schützen will, nicht den Glauben
an sich, sondern seinen eigenen, kleinen Glauben an die persönliche
Erlösung. Es geht vielleicht auch um die Angst, dass vielleicht der
jeweils andere die besseren Argumente hat: Die Religion an sich mag
stark sein, unumstößlich, der eigene Glaube ist es nicht. Glaube ist
nicht Wissen, er ist so fragil, dass er schnell einmal zerbrechen kann:
Überzeugung muss Fakten ersetzten, und Überzeugungen können wanken. Da
unternimmt man lieber erstmal gar nicht den Versuch, sich überzeugen zu
lassen, sondern flüchtet sich in mehr oder weniger kluge
protektionistische Überreaktionen. Nathan der Weise hat es mit seiner
Ringparabel ja vorgemacht: Bloß nicht das heiße Eisen anpacken, lieber
drumrumreden, lieber sich über etwas ganz anderes streiten, lieber alles
erstmal offen halten. Im Kindergarten von Kermanis Tochter verhält man
sich da deutlich klüger: Dort gibt es eine Religion, aber wer nicht
mitmachen will, der macht eben nicht mit, ohne böses Blut. Das ist ja
auch das klügste: Nichts gegen religöse Welterklärungsmuster, aber ob es
nun Jesus ist, Mohammed, Buddha, Ganesch, das fliegende Spaghettimonster
oder was es da noch alles gibt: Die letzte Wahrheit hat keiner. Gute
Argumente haben alle. Man muss sie sich nur einmal anhören.
Der Autor ist Mitarbeiter der
Librikon-Redaktion und leitet das Ressort Kulturpolitik.
Zudem ist er Essaysist. Zuletzt ist vom ihm erschienen: "Als ich jung
war, gab es nur 150 Pokémon" (Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur,
Autumnus Verlag)
Ein hässliches Buch, das man trotzdem
lesen muss!
"Familientreffen" von Anne Enright
Von Verena Zürcher
Die Irin Anne Enright gehört zu den
größten englischsprachigen Schriftstellerinnen. Mit ihrem Roman „Das
Familientreffen“ gelang der Frau ein Welterfolg. In über 30 Sprachen
wurde das Werk bereits übersetzt; alleine in der englischsprachigen Welt
gingen eine Million Bücher über den Ladentisch. Seit einigen Wochen gibt
es das Buch auch auf Deutsch. Logisch, dass man sich den Welterfolg
kauft, und logisch, dass er auch in den deutschen Bestenlisten Plätze
gewinnt.
Wer sich allerdings auf eine hübsche
Geschichte über ein irisches Familienleben gefreut hat, wird bald
enttäuscht. Die Autorin mutet ihrem Leser viel zu, zu viel manchmal. Und
man ist versucht, das Buch bereits nach wenigen Seiten frustriert zur
Seite zu legen. Es ist schwierig, den roten Faden zu behalten, die
Sprache ist wuchtig, hässlich und grauenhaft zuweilen. Nein, nicht
schlecht geschrieben. Im Gegenteil: Anne Enright verfügt über einen
Wortschatz, der einem Freudentränen in die Augen jagen könnte. Da kommen
Worte vor, die schon längst aus unserer Sprache zu verschwinden drohten.
Wunderbar, fantastisch!
Dennoch ist die Sprache auch grauenhaft,
lieblos zeitweise: „In der Schule gab es Mädchen, deren Familien auf
stattliche fünf oder sechs Kinder anwuchsen. Es gab Mädchen mit sieben
oder acht Geschwistern – was bereits als leicht überdreht galt –, und
dann gab es mitleiderregende Fälle wie mich, die Eltern hatten, die
einfach hilflos waren und sich genau so natürlich fortpflanzten, wie sie
schissen“.
Aussagen wie die oben zitierte machen es
zuweilen schwer, nicht angewidert zu sein. Angewidert von einer oft
penetrant angewendeten Fäkalsprache, welche die erzählende Protagonistin
verwendet, wenn sie über ihre Familie, ihre eigenen Eltern spricht.
Eltern, die ein klägliches irisches Dasein mit einem guten Dutzend
Kindern führen, Eltern, die vielleicht mitbekommen haben, dass
Missbrauch der Kinder an der Tagesordnung war, Eltern, die dennoch
scheinbar tatenlos zusahen, wie die Kinder schliesslich selber begannen,
andere zu missbrauchen, den Alkohol zu missbrauchen. Das alles kommt
erst ans Tageslicht, als sich die Familie in Dublin versammelt, um Liam,
das schwarze, respektive schwärzeste Schaf der Familie, zu Grabe zu
tragen. Und nur Veronica, die Ich-Erzählerin, wagt es, die Umstände zu
hinterfragen. Umstände, die ihren Lieblingsbruder in den Tod getrieben
haben.
Es ist ein trostloses Buch. Aber man kommt
als Leser nicht davon los, man muss es lesen, es macht süchtig. Und
genau dieser Effekt wird es sein, der "Das Familientreffen" zum
Welterfolg macht.
Anne
Enright:
"Das
Familientreffen"
Aus dem Englischen von
Hans-Christian Oeser
Deutsche Verlags-Anstalt DVA
2008
343 Seiten, Euro 19,95
ISBN 978-3421043702
Eine Frage der
Konjunktur. Polemische, berechtigte Anmerkung
Von Ian Orange Ginsborough
In seinem System der
Gegenfinanzierung durch die jüngere Generation hat man nie damit
gerechnet, dass Kinder als Kostenfaktor gesehen und daher abzuschaffen
sind. Der Wert von Kindern wurde richtigerweise anders gelagert
angenommen als finanziell ausrechenbar.
Nun, da sind wir nachsichtig:
Die ältere Generation hat auf eine Zukunft hingelebt. Der Presi ist
bekannt: Ein marodes Finanzsystem, ein marodes Stützungssystem. Wir
stehen einem nicht-definierbaren Koloss gegenüber, in dem vertikale
Schutzmechanismen statt erlaubter horizontaler errichtet wurden. Das
beizubehalten, wird jetzt mit Billiarden – entliehen aus der Zukunft -
gestützt.
Warum? Nicht für die jungen Leute, nein,
sondern weil alte Leute ihr Geld in Island und sonstwo verzockt. Schöne
Lebensabende sollen erhalten werden. Daher meine Forderung - die einzig
folgerichtige Forderung: Senken von Renten und Pensionen, Einziehen des
Vermögens von Leuten über 50, bis der Staat schuldenfrei ist. Das ist
keine Polemik, das ist genau das, was jede Bank einfordert, wenn man
Schulden gemacht hat. Marktwirtschaft: Verursachergerechte Rückzahlung.
Individualisierung des Rechts
Gefahr für das
Private
Von Miriam Schneider
Im
Unterhaltsrecht solle der Einzelfall nun genauer geprüft werden. Weg vom
Pauschalurteil, hin zur maßgeschneiderten Antwort auf die jeweiligen
Bedürfnisse. Das klingt zunächst gut. Doch für die Mütter, die vor
Gericht um ihren Lebensunterhalt kämpfen, bedeutet es, die eigene
Privatsphäre auf nie gekannte Weise durchleuchten lassen zu müssen. Die
Richter haben bis zum Küchentisch alles zu inspizieren, sie haben über
das Allerprivateste, nämlich, wie viel Zeit eine Mutter braucht, um zu
ihrem Kind zurückzufinden, es zu ihr zurückfinden zu lassen, zu
befinden, indem Wegzeiten gemessen werden. Die Befürchtung, dass die
Ganztagsbetreuung keine Wohltat ist, die Freiheit ermöglicht,
bewahrheitet sich nun erstmals schwarz auf weiß. Der Staat bietet nicht,
er verlangt, und nun darf keine Mutter mehr entscheiden, welche
Erziehung sie mit ihrem Kind wählt.
Der Freiheitsverlust der Mutter, die Richter über ihr individuelles
Gebaren richten lassen muss, führt zum Freiheitsverlust des Kindes, das
unter der Kontrolle des Staates den Tag verbringen muss und nun auch
seine Trutzburg, das Familienleben, vom Staat protokolliert sieht. Für
Kinder ist Freiheit die Fürsorge der Mutter. Die Konsequenzen daraus
werden alle tragen müssen, auch die, die sich weit weg von Scheidungen
sehen. Auch ihr Privatleben ist nicht mehr sicher in einem Land, in dem
sich über die Freiheit der Schwächsten, der Kinder, hinweggesetzt wird.
Wo
immer sich eine Entgrenzung auftut, wo immer jemand die kleinste
Schwäche zeigt – und das tut jeder irgendwann- wird der Staat in seine
Intimsphäre eindringen. Jede Spaltung, die der Wohlsfahrtstaat seinen
Bürgern aufzwingt – auch die in Kinderlose und Kinderreiche- ist dem
Ziel dienlich, alles zu durchdringen. Bei Unterhaltsrecht spart der
Staat nicht nur finanzielle Unterstützung und nimmt von arbeitende
Müttern Beiträge ein, er spart an dem, was er verspricht: Fürsorge.
Daher hat es gute Symbolwirkung. Dieser Staat will seinen Bürgern nicht
zur Seite stehen, er will sie beherrschen.
Zum neuen
Unterhaltsrecht: Urteil gegen Mütter bei Kindern
Mütter,
erzieht die Kinder zum Umsturz!
Auf dass die
heute Mächtigen in Angst vor der Zukunft leben!
Von Ricarda Hochländer
Wer das Geld hat, hat die Macht. Frauen haben daher weniger Macht, und
Mütter noch viel weniger. Und weil sich die Machtlosen nur etwas
erkämpfen können, wenn sie sich zusammentun, ist das neue Urteil zum
Unterhalt – hübsch unverlässlich, von Fall zu Fall und im Zweifel gegen
die Wünsche der Mütter- ein Freudenfest für alle, die Frauen in Ruhe
weiter schlechter stellen wollen.
Der Spaltpilz kinderlose Frauen gegen Mütter ist das Ende des
Freiheitskampfes für Frauenrechte. Aber er entfaltet seine Wirkung, auch
wieder mit dem Urteil, Mütter haben früher wieder zu arbeiten und nicht
für das Kind dazusein. Es ist Ausdruck des Kinderhasses, den Kinderlose
in die Justiz bringen, er soll die Frauen, die sich noch auf Männer
einlassen und dann sogar auf Kinder, in ihre Schranken weisen.
Kinderlose Frauen entscheiden über andere Frauen, wie diese es schon von
den Männern gewohnt sind; mit eiskalter Miene wird da die Peitsche des
finanziell Überlegenen geschwungen. Freuen tun sich die, die sich nun
der auf die Straße der vernachlässigten Kinder geworfenen menschlichen
Überbleibsel, einmal Familie (ob nun mit oder ohne Vater) genannt,
bemächtigen können.
Die Verantwortung für die Kinder verbleibt aber am Ende doch bei den
Müttern, und zu der werden sie auch gezogen, wenn alles schief geht.
Natürlich soll das Urteil auch verheiratete Mütter verunsichern. Hätte
ja sein können, dass sie zusammen mit den Alleinerziehenden irgendwann
ihre Rechte, die ihnen im Land der Generationenverträge verdammt noch
mal zustehen, eingefordert hätten. Nun müssen sie Wunden lecken, aber
aufgeben sollten sie nicht.
Alle die, die ständig gegen sie entscheiden, sind von der täglich
erbrachten Lebensleitung von Müttern abhängig. Finanziell, sozial,
menschlich. Spätestens im Alter. Die Mütter sollten sie das deutlich und
schmerzhaft spüren lassen. Zunächst mit einer Erziehung, die den Kindern
verdeutlicht, wer Schuld an der Misere ist. Damit sie einst aufstehen
werden und ihrerseits ihre Macht zeigen werden. Schon jetzt sollten alle
Mütter dafür sorgen, dass die, die heute ihre Muskeln spielen lassen, in
Angst leben und nicht sie.
Mütter, nutzt die Macht die Ihr habt! Ohne Skrupel! Anders hat
Freiheitskampf noch nie funktioniert!
Lose Fäden
hängen in der Luft
Marianne
Brentzels Biographie der Nesthäkchen-Autorin Else Ury
Von Jan Fischer
Das Grauen soll in drei Punkten liegen, aber man fragt sich doch, was das
soll - „Mir kann doch nichts geschehen...“, Marianne Brentzels Biographie
der Nesthäkchen-Autorin Else Ury, fügt weder den einschlägigen
Forendiskusssionen zu dem Thema („Ohh, das ist sooo schön. Und
niedlich.“) oder der klassischen Drittreichbetroffenheitsfolklore
(„Schrecklicher Mord an unschuldiger jüdischer Frau. Und dabei hat sie
sooo schöne Bücher geschrieben“) etwas hinzu. Gut, könnte man
einwenden, warum auch? Eine Zusammenfassung ist ja auch etwas wert.
Das Problem ist, dass
sowohl die Forendiskussionen als auch die Drittreichbetroffenheitsfolkore nach oberflächlicher Recherche im
Internet auftauchen, Marianne Brentzel aber darauf beharrt, ihr Buch sei
mehr, sei eine Biographie mit wissenschaftlichem Anspruch und vor allem ehrbarem
Auftrag. Was streckenweise stimmen mag.
Streckenweise aber leider nicht.
Kurz die gebündelten Fakten: Else Ury war eine jüdische Frau,
die zwischen 1905 und 1932 eine ganze Reihe sogenannter Backfisch-Romane
geschrieben hat, in denen meistens ein Mädchen namens Annemarie Braun,
genannt Nesthäkchen, die Hauptrolle spielt. Annemarie Braun ist ganz
trotzig und aufmüpfig, aber eigentlich auch wieder nicht, sondern am
Ende immer ganz nett und vernünftig. Im Laufe der Buchreihe wird
Nesthäkchen erwachsen, heiratet, verliebt sich, bekommt Kinder, wird
Großmutter. In dieser Reihenfolge. Else Ury hat auch noch andere Bücher
geschrieben, die sich vom Mindset her alle ganz ähnlich sind, da aber –
so schreibt Marianne Brentzel – weder das von Else Ury propagierte
Frauenbild noch ihre Religion drittreichkonform waren, wurde sie
verfolgt und ermordet in den Gaskammern.
Marianne Brentzel will Else Ury nachspüren. Es gelingt ihr nicht. Man
kann dabei zuschauen, wie die Autorin ihr eigenes Werk von selber zerschießt. Sie versucht, Else Ury über ihr Frauenbild
zu greifen, sie versucht, sie über die jüdische Gemeinde in Berlin zu
greifen, sie versucht, sie über offizielle Dokumente zu greifen, sie
versucht, sie über ihre Bücher zu greifen, und außerdem gibt es Passagen,
die ganz einfach komplett frei erfunden sind.
Nun ist gegen all das ja nicht prinzipiell etwas einzuwenden. Alles
schon gehabt im Genre der Biographie, alles hat auch
schon ganz ausgezeichnet funktioniert. Marianna Brentzel schafft es nur
nicht, die ganzen lockeren Fäden miteinander zu verweben. Denn genau das
- eben das
Frauenbild, die jüdische Gemeinde, die offiziellen Dokumente - was
Marianne Brentzel über Else Ury zusammengetragen hat, hängt lose in der
Luft herum, und da helfen auch die pathoslastigen, in der Gegenwart
geschriebenen Prosabrocken nichts, die hin und wieder im Text
herumschwimmen: Die aufwändige Recherche, die Arbeit, die Marianne
Brentzel sich gemacht hat, sie finden im Text nicht richtig zusammen.
Die verschiedenen Ansätze und die Puzzleteile setzen sich zu keinem Bild Else Urys zusammen.
Was kein Rechercheproblem ist, im Gegenteil: Marianne Brentzel hat
einiges Material finden können über Else Ury und ihr Umfeld. Das
Problem ist mehr ein dramaturgisches: Marianne Brentzel verknüpft ihre
Fülle an Material nicht richtig, sondern verlässt sich darauf, dass ihr
Gegenstand – Else Ury – den Laden schon zusammenhalten wird. Dabei ist
es der Laden, der Else Ury zusammenhalten soll, der ein Bild dieser Frau
vermitteln soll die – soviel ist dem Buch zu entnehmen – eine spannende
Frau war, deren Intelligenz mit herzzerreißender Blauäugigkeit gepaart
war.
Marianne
Brentzel:
„Mir kann doch nichts geschehen …
Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury“
Edition Ebersbach 2008
239 S., Euro 14,80
ISBN 978-3-869150024
Der Rezensent ist Kulturjournalist und
Essayist. Demnächst erscheint von ihm "Als ich jung war, gab es nur 150
Pokémon" in der "Schriftenreihe Essays zur Kinderliteratur".
Brot und Spiele haben Kinder andauernd
Gegen Museums-Mega-Events
Von Berit Scholz
Paris öffnet über drei Tage und Nächte die
Museen, vor der Kandinsky-Ausstellung in München bilden sich lange
Schlangen, das Moma in New York lässt die Puppen tanzen für Mega-Events,
und irgendwie ist es nur noch in den Museen auszuhalten, in denen die
Bilder still und leise vor sich hin hängen, in stillen Räumen, ganz für
sich allein. Wer Kinder für Museumsbesuche gewinnen will, der tut am
besten daran, sehenswerte Gemälde auszuwählen und sie in dem Bestand des
Museums, dem sie gehören, an einem ganz normalen Tag zu einer ganz
normalen Uhrzeit anzusehen. Denn daran ist dann nur das Äußere ganz
normal – die Vulgarität der Massenveranstaltung umgeht man, und für
Kinder wird das Museum so zu etwas ganz Besonderem. Von Brot und Spielen
sind sie dauernd umgeben.
Projekt durchziehen
Schon in der Schule falsch gelernt
Von Ian Orange Ginsborough
Projekte- das ist ein fest in den Schulen
und Köpfen der Kinder verankerter Begriff. Projekt, das ist eine selbst
begonnene und abzuschließende Aufgabe, in strenger Arbeitsteilung, ohne
Beachtung der Nebenwelt zu erledigen. Pädagogisch eine Sache, die gut zu
bewältigen ist und den Schüler mit dem, was das Projekt beinhaltet,
vertraut macht.
In der Wirklichkeit, außerhalb den
Schulen, aber sind Projekte der Denkansatz, der enorme ökonomische
Probleme hervorruft. „Man zieht sein Projekt durch“, achtet auf nichts
anderes und trägt damit zu der Verselbständigung von unwichtigen
Details, der Vernebelung der Gesamtsituation bei, wie sie jetzt in den
Banken und Konzernen zu sehen ist. Der Projektmitarbeiter ist ein
Fachidiot ohne Spezialgebiet, ein Projektidiot eben, der eine Aufgabe
vielleicht gut erledigt und trotzdem zum Schaden des Ganzen handeln
kann. Natürlich zerstückelt er auch sein Leben irgendwann in lächerliche
kleine Projekte, sogar in lächerliche kleine Ethikeinheiten, und für das
Ganze gibt es bei ihm keinen Platz.
Der Projektschüler wird auf ein solches
Leben vorbereitet, ohne dass ein solches Leben -zumindest als
Wirtschaftsleben- wirklich Zukunft hätte. Es wäre klug, das Wort Projekt
aus dem Sprach- und Denkschatz zu vertreiben.
Keine Angst
vor Krise
Familien
sammeln schon lange Erfahrungen mit dem Staatskapitalismus
Von Miriam Schneider
Wer in einem sozialistischen Land aufgewachsen ist, dem kam es ohnehin
schon bekannt vor, die Suche der Eltern nach der Nische, in der man in
Ruhe seine Kinder zu Freigeistern erziehen konnte.
Familien müssen schon länger im Staatskapitalismus leben, ihnen wird
seit Jahren Eigenständigkeit abgesprochen und – ein ganz
marktwirtschaftliches Instrument zur totalitären Umerziehung – Zeit und
Ruhe geraubt; Kinder sind seit Jahren und immer stärker in den Dienst
von Staat und Wirtschaft gestellt worden. Wer es nicht glaubt, braucht
bloß einen Blick in die Berufberatungszeitungen, die in Gymnasien
verteilt werden, braucht bloß einen Blick in die von Kommerzverlagen
gesponserten und rein mit ihren Produkten gespeisten Verteilungsaktionen
in Deutschlehrstunden, braucht bloß einen Blick in die Schulbücher, die
den klinisch reinen Staatsbürger erzeugen wollen, zu werfen. Das aber
tun ja viel zu wenige, schon mangels Kinder.
Eltern sind ehrlich erstaunt, wenn nun das Geschrei groß ist, der Staat
würde sich plötzlich zum Großkapitalisten mit Kontrollkompetenzen
machen. Was an den Kindern vorbereitet wurde, erreicht nun folgerichtig
die Erwachsenenwelt. Banken in Staatshänden bedeutet Big Brother- jeder
Geldtransfer wird durchgecheckt. Das ist nur ein Beispiel, denn der
Staat nutzt die Finanzkrise wie er die Hoheit über die Familienpolitik
nutzt, um sich in Stellung zu bringen. Die Konsequenzen, längst
Normalität für Familien: Zwangsuntersuchungen beim Arzt, Minimierung von
Raum und Zeit zur individuellen Entwicklung, das Erlernen von „zwei“
Wirklichkeiten, der gelebten und der vor dem Staat behaupteten, ein Netz
an Überwachung, das Feiern von Denunzianten. Undundund.
Die Gegenwart der Kinder ist die Zukunft für alle. Schockiert? Nein,
nein, wir leben schon lange damit. Möchte jemand aus der Welt, denen das
Kinderleben bisher nicht ökonomisch genug sein konnte, Ratschläge haben,
wie man sich nun sein Fleckchen sucht und in dem freihandelt? Da gibt es
eine Menge an Eltern, denen das trotz dieser Umstände gelungen ist. Für
die kommt nichts überraschend.
Familie von innen: Nie liberaler als heute
Nur keiner will Konsequenzen daraus ziehen
Von Ole de Vries
Es ist keine liberale Haltung, wenn man
Kinder und Familien als belastenden Posten im Staatshaushalt sieht.
Liberal wäre es, die Familie in sich als Ursprungsgebiet von Freiheiten
zu sehen und für sie eben darum eine Freiheit im Staate zu erkämpfen.
Doch nach jahrzehntelanger Ausnutzung der schwächeren Position hat auch
das, was sich liberale Partei nennt, vergessen, dass Familien gar nicht
die üblen Schmarotzer, die Nicht-Leistungsträger sind, die man dringend
zu gängeln hat, damit die Besserverdienenden nicht so viel an sie
abzutreten haben. Andersherum wird ein Schuh draus: Es sind die
Familien, gerade die größeren, die notwendigerweise eine andere
Wirtschaftsbilanz –aber eine erfolgreiche- aufmachen müssen, die sich
nicht im Elster-Formular wiederfindet. In der FDP wird über das
Abstandsgebot geredet, darüber, dass Familien arbeiten sollen anstatt
mehr Hartz IV zu kassieren – dabei arbeitet jede Mutter und braucht
keinen Anreiz durch finanzielle Probleme. Wer viele Kinder schlecht
stellen will, weil die Eltern „draußen“ tätig werden sollen, steht kurz
davor, für Kinderarbeit zu plädieren – soll doch jeder für sich
zuständig sein! Was für eine Verdrehung liberaler Positionen ist es,
wenn der Leistungsträger Familie noch mehr für die Sozialstaatskassen
tun soll als ohnehin schon. Niemals waren die Familien von innen her
demokratischer und liberaler als heute (darum passt auch die
Schulpflicht nicht mehr in dieses Jahrhundert!), und wenn die FDP gegen
sie anrennt wie derzeit, zeigt auch sie nur ihre Angst vor wirklich
freiheitlichen Existenzen.
Bildungspolitik unter Laborbedingungen
Über das Anmixen liberaler Denktraditionen
Von Miriam Schneider
Die FDP will nach dem großen Wahlsieg in
Bayern und mit der Regierungsbeteiligung dort mehr werden als nur eine
Wirtschaftspartei. Sie will Volkspartei werden, mit allen Themen, die
dazugehören. Geradezu unter Laborbedingungen kann man nun dabei zusehen,
wie man Standpunkte entwickelt. Derzeit können sie nur auf das alte
Denken der anderen Parteien rekurrieren, mischen alles ein bisschen
durch, und herauskommen soll ein eigenständiges Profil.
Beispiel: Bildungspolitik. Nun wird als
liberal ausgerufen: „Eigenständigkeit der Schulen“, „Curriculum für
Kindergartenkinder“, „Früheinschulung“. Das ist genau aus der Mitte
einer Wirtschaftspartei, und Liberalismus ist grundanders. Denn aus
wirtschaftsliberal wird in der Bildungspolitik für das einzelne Kind
Totalitarismus.
Zuerst also müssten sich die FDP-Politiker
bei jedem Thema auf den Kern liberalen Gedankenguts zurückbesinnen,
müssten ein Bildungsideal entwerfen und den Menschen, den Kindern darin
Freiheit zugestehen, dann lägen die Unterschiede zu den anderen Parteien
für alle offen da. Die FDP würde zu einer wirklichen Alternative und
damit zur Volkspartei. Doch ob sie die Köpfe haben, um die verlorene
Tradition liberalen Denkens neu zu begründen, darf bezweifelt werden.
Nur arme Familien sind gute Familien
Ein Sozialgericht mischt sich ein
Von Lennart Ragmann
Es ist das Herausziehen der einen Dose,
die weit unten den Konservenbüchsenturm hält. Das Bundessozialgericht zweifelt an, dass die Sozialleitungen für Familien
verfassungsgemäß sind. Das Bundesverfassungsgericht wird nun zu
entscheiden haben, ob die Regelsätze von Hartz IV für Kinder zu niedrig
sind, ob – in der Konsequenz – die Freibeträge angehoben werden müssen,
weil sie mit der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde in
Widerspruch stehen.
Zum ersten Mal wird das oberste Gericht
der Bundesrepublik die Frage beantworten müssen, ob Kindern nur die
Hälfte der Welt zusteht. Als Staatsbürger galten sie bisher, wenn an
ihnen zu sparen war, nicht als vollwertig: Sie haben keine Wahlstimme,
sie werden mit maximal 60 Prozent bei allen Regelsätzen beachtet, aber
wenn die Eltern für ihre Kinder günstige, selbstbestimmte Entscheidungen
treffen wollen, dann stellt sich der Staat dazwischen und will Vorgaben
machen.
Das geht bei verarmten Familien natürlich
leichter, darum ist jede arme, destabilisierte Familie gerade recht –
könnte man meinen, wenn man sich verdeutlicht, dass es nicht das
Bundesfamilienministerium ist, dass für eine Verbesserung der
Lebensbedingungen von Kindern kämpft. Das bleibt den Millionen an
Müttern überlassen, in deren Haushaltskasse Kinder einfließen. Dort
findet sich Realität.
Es ist gut, dass nun das
Bundesverfassungsgericht zu klären hat, wie ein Staatswesen
Minderjährige zu berechnen hat. Das Urteil wird weitreichende, für
Eltern klärende Folgen für den Umgang mit Kinderrechten haben.
Dass vieles fehlt, wissen ja alle
Aber doch informativ für Autoren: Die
Broschüre „Kinder- und Jugendbuchverlage von A bis Z“
(librikon) Die verbündeten und
verbändelten Kinderbuchverlage halten sich ganz fest bei den Händen,
tanzen im Kreis und sehen dann nur, was sie sehen wollen: Sich. In ihrer
Mitte hätten sie am liebsten alle Leser mitsamt Preisen und Organen, auf
die sie Einfluss haben. Doch leider ist das nur ein Traum. Draußen in
der Welt kaufen Menschen rücksichtslos Kinderbücher und scheren sich ums
Zunftwesen nicht.
In der Broschüre „Kinder- und
Jugendbuchverlage von A bis Z“, die die Arbeitsgemeinschaften von
Jugendbuchverlagen e.V. herausgibt, werden nur Mitgliedsverlage
aufgelistet – selbstverständlich. Sie zahlen die Mitgliedsbeiträge, sie
gehören da hinein. Das ist allemal informativ, für Presseleute und für
Autoren, die nach dem richtigen Verlag für ihr Manuskript suchen.
Charakterisierung der Programme, Nennung von Ansprechpartnern: Nützlich.
(Natürlich gibt es mindestens dieselbe Anzahl an Verlagen (ca. 80) auch
außerhalb dieser Vereinswelt). Der zweite Teil sind „Tipps & Tricks für
Autoren und Illustratoren“. Die Ratschläge sind an der Realität im
Verlagsalltag orientiert, und die ist so rabiat und ungemütlich wie der
Ton, in dem Tipps formuliert sind. Aber: Nützlich. (Natürlich gibt es
auch einen „Newsletter Kinderbuchschreiben“, vierteljährlich kostenlos
per Mail, in dem versucht wird, wieder zu der gemeinsamen Sprache von
Autoren und Verlagen zurückzufinden; mehr dazu unter www.
autumnus-verlag. de). Im letzten Teil folgen Anschriften von
Institutionen, die sich mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen.
Gibt es hier einen starken Überhang an staatlich finanzierten
Einrichtungen, kann bei den letzten Informationen
–Buchempfehlungslisten, Magazine, Preise und Ausschreibungen – auch
Privatwirtschaftliches dabei sein. (Aber nur manches, anscheinend:
Librikon
wird mit keiner Silbe erwähnt.) Genau deshalb ist die Broschüre für
angehende Autoren zu empfehlen. Sie erhalten viele Informationen und
wissen ja sowieso, dass vieles fehlt, wenn sogar Librikon fehlt.
Die Broschüre „Kinder- und
Jugendbuchverlage von A bis Z ist bei der Arbeitsgemeinschaft von
Jugendbuchverlagen (avj) für Euro 9,90 zu beziehen.
Faust nach
oben!
Und an der
anderen Hand das Kind
Von Ricarda Hochländer
Ein Berliner Gericht hat einer Mutter Zeit für ihr Kind zugesprochen.
Der Vater ist unterhaltspflichtig, obwohl das Kind über drei Jahre alt
ist.
Das ist keine Aussage über die Berliner Ganztagsbetreuung. Ein solches
Urteil stellt sich dem neuen Unterhaltsrecht entgegen.
Mütter sollen schnell wieder arbeiten gehen, Männer weniger zahlen,
Patchwork- und Zweitfamilien gestärkt werden: Klingt alles steil danach,
eine ehemals konservative Gesetzgebung der bunten Wirklichkeit
anzupassen. Doch herausgekommen ist das kinder- und frauenfeindlichste
Gesetz, das man sich denken kann. Es degradiert die Frauen zu Wesen, die
irrational entscheiden müssen – denn ein Kind zu bekommen, ist das
dümmste, was sie machen können. Jede intelligente Frau weiß, dass man
ein Kind ohne finanzielle Unterstützung nicht großziehen kann, sie
weiß, dass eben nicht alles nebeneinander geht. Kinder müssten wie
Roboter funktionieren, aber sie tun es nicht – sie werden immer
komplizierter, sie brauchen immer mehr Zeit, je älter sie werden.
Angesichts des neuen Unterhaltsrecht darf sich nun niemand mehr um sein
Kind kümmern dürfen. Dann ist es natürlich besser, ganz auf ein Kind zu
verzichten. Das genau ist es, was die Nicht-Mütter dieses Gesetzes getan
haben und die tun, die es herbeigeschrien haben, einschließlich der
applaudierenden abwesenden Väter. Es ist eine Errungenschaft, dass
Mütter Zeit für ihre Kinder haben dürfen, und es ist absurd, dass nun
moderne, lässige Frauen auf die alte Richterschaft angewiesen sind, um
ein wenig Frauenrecht zugesprochen zu bekommen. Die Emanzipation gruselt
sich vor Müttern und ist in ihrem Weltbild erstarrt, sie will nicht
sehen, dass Mütter Wesen sind, die sich um andere kümmern und mit denen
trotzdem zu rechnen ist. Aber es recken eben auch Mütter die Faust nach
oben.
Es
zeigt sich wieder: Wo zu wenig gesellschaftlicher Konsens ist, dort ist
noch gar nicht Raum für ein Gesetz. Über die Rolle der Mutter darf in
Deutschland nicht diskutiert werden. Das müsste es aber, denn vorher
treffen gesetzliche Regelungen niemals auf Zustimmung und werden
untergraben. Zu Recht.
Liberale
Partei? Wo?
Von Lennart Ragmann
Nun haben wir die langweilige Wirtschaftspartei FDP wieder wie gehabt im
Boot. Doch nach dem Erfolg, in Hessen einige Wähler (bei erschütternden
60 Prozent Wahlbeteiligung) zum Ankreuzen bewegt zu haben, kam gleich
die Ernüchterung. Wer meinte, eine liberale Partei gewählt zu haben, die
nun um liberale Haltungen kämpft, hat sich schon geirrt. Die FDP freut
sich, ihre Vorstellungen zur frühkindlichen Bildung durchsetzen zu
können. Selbst dort bei den Freunden des freien Marktes merkt keiner,
was für ein Widerspruch es ist, in der Marktwirtschaft dem Staat die
Kindererziehung zu überlassen. Dass Familien in Ruhe ihr Leben leben
wollen, das ist ihre Hoffnung gewesen, sollten sie sich zur FDP
durchgerungen haben. Die Partei könnte sogar noch viel mehr Stimmen
gewinnen, wenn sie in den Themen Bildungs- und Familienpolitik von den
anderen Parteien unterscheidbare Statements abgeben würde. Lasst die
Familien in Ruhe, gebt den Eltern die Freiheit, für ihre Kinder zu
entschieden, ändert Zwang in Wahl. Stattdessen hält sie sich an das, was
ökonomisch jetzt ein paar Jahre der letzte Schrei sein soll. Wer den
Menschen als Wirtschaftssubjekt sieht, sollte wissen, dass er frei und
unausgelaugt am meisten taugt. Das ist die gedankliche Brücke, über die
die FDP gehen müsste. Nun fordert sie wieder ein paar
Steuerleichterungen, die die Bürger gleich wieder darein stecken müssen,
sich den Staat vom Hals zu halten. Die FDP müsste keine ihrer
wirtschaftsliberalen Thesen aufgeben, um von den 40 Prozent Nichtwählern
einige für sich zu gewinnen. Das Potential für ein liberales Übergewicht
ist da, allein, es fehlt die liberale Partei.