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Einspruch!

 

 

 

Eine Frage der Kultur

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

Inhalt dieser Seite

 

 

 

Sedgwick, Marcus:

Weiß wie Schnee, Rot wie Blut

 

 

 

Ob das Wichtigste wirklich die Suche nach ihrem Vater ist?

Edgar Rai: Salto Rückwärts

 

 

 

„Kafkas Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich

Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“

 

 

 

Selbstzerstörung, lustig Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte

 

 

 

Der dunkle Punkt des Unfalls

Jiro Tanguchis „Bis in den Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück.

 

 

 

Gefühlschaos Sara Zarr: “Long-lost friend”

 

 

 

Berauschend!

Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“

 

 

 

Viele verschiedene Arten der Liebe

Jenny Valentine: "Wer ist Violet Park?"

 

 

 

Worüber keiner spricht

 

 

 

Den Kampf des alltäglichen Überlebens

"Worüber keiner spricht" von Alan Stratton

Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids

Allan Stratton: "Chandas Krieg"

 

 

 

Auf abenteuerlicher Spur eines Rätsels – nach sich selbst

Erik L’Homme: „Phaenomen“

 

 

 

Thriller mit psychologischem Tiefgang

Kristina Dunkers "Vogelfänger"

 

 

 

Genau angepasst an das Alter der Sechstklässler

Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“

 

 

 

Verschiedene Definitionen von Liebe

Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“

 

 

 

Von innen heraus - gefühlvoll und informativ

Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“

 

 

 

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert

Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“

 

 

 

Im Test mit jungen Lesern:

Die „Bibel in gerechter Sprache

 

 

 

Erschreckend: Erziehungscamps

Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:

"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot

 

 

 

Alle Register gezogen

Ein neuer Thriller von Ilkka Remes

 

 

 

Durchaus gefährlich Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier

 

 

 

Für unsere Zeit in unserer Welt: "Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik

 

 

 

Wie ein Kleeblatt zerfällt In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“

 

 

 

Blitzableiter der Familie, Modell für einen Maler

Ivy in "Die Göttin aus der. . .

 

 

 

Bedrückende Stimmung Ein Psychothriller der Extraklasse: "Die Farbe der Angst"

 

 

 

Nicht in die Mühle geraten

Dank Turgenev

 

 

 

Kein Girls' Day

Detektivin Maisie Dobbs

„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe" von Jacqueline Winspear

 

 

 

Die Bedeutung des Miteinander-Redens

Josephine Kroetz' Debutroman: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für Scheidungskinder“ von Josephine Kroetz

 

 

 

Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg von Heidi Klum

"Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès!" von Walter Vogel

 

 

 

Der Mond, die Tiere

Silvia Schopf schreibt darüber, wie verschiedene Völker mit dem Tod umgehen: "Wie der Tod in die Welt kam"

 

 

 

Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu glauben: "Schwindel" von Kristina Dunker

 

 

 

Für Meeresfans!

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“

Von Anne Spitzner

 

 

 

„Hab ich genug geschrien?“

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Von Iris Kersten

 

 

 

Weder Held noch Erfolgsstory - ein ungewöhnlicher Entwicklungsroman Oscar Hijuelos: „Runaway“

Von Ada Bieber

 

 

 

Jede der Vier Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Von Julia Schneider

 

 

 

Wenn Auschwitz unabwendbar ist: Ein beeindruckendes Jugendbuch über den Wert des Lebens. Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

Von Ada Bieber

 

 

 

Ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Von Bettina Meinzinger

 

 

 

Roadmovie-Roman mit Gesellschaftskritik Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Von Ada Bieber

 

 

 

 

 

 

 

Roadmovie-Roman mit Gesellschaftskritik

Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Von Ada Bieber

 

Der Jugendroman von Wolfgang Herrndorf ist vielfach gelobt worden, war mehrfach preisverdächtig und wurde im Herbst mit dem deutschen Jugendliteraturpreis 2011 ausgezeichnet. Dass Herrndorf es mit sprachlicher Gewandtheit versteht, sein Publikum in den Bann zu ziehen, ist mehrfach betont worden. Und in der Tat ist es ganz erstaunlich wie authentisch die Jugendsprache der beiden Protagonisten Maik und Tschick daherkommt. Weniger authentisch scheint es gelegentlich um die Handlung bestellt zu sein. Doch – dies gleich vorweg – das ist bei diesem Roman weniger entscheidend als die treffsichere Verarbeitung des altbewährten Reisemotivs. Maik, der wohlstandsverwahrloste Außenseiter, und Tschick, der intelligente, aber am Rande der Gesellschaft stehende Junge aus Russland, geben ein ähnlich überzeugendes Paar ab wie Tom Sawyer und Huck Finn. Die Reise in „Tschick“ ist anders als den Abenteuern von Huckleberry Finn weniger eine Flucht oder existentielle Befreiung, sondern vielmehr ein kurzzeitiges Ausbrechen aus einer kaputten Gesellschaft. Diese scheinbar so verrückte Roadmovie-Reise quer durchs Nirgendwo Ostdeutschlands ist für die beiden Jungen der Versuch, in eine ›normale Welt‹ einzutauchen: „Machen wir einfach Urlaub wie normale Leute.“ (S. 95). Auch wenn sie auf der Reise nicht immer ›normale Leute‹ treffen, so treffen sie doch stets Menschen, die den Jungen ehrliches Interesse entgegen bringen, sich als hilfsbereit erweisen oder aber ein stinknormales Leben führen. Bei aller Skurrilität scheinen die Reiseerlebnisse oft „normaler“ als das einsame und profilorientierte Leben von Maik und Tschick in Berlin.

Die Probleme der beiden Jugendlichen mit der Sehnsucht nach mehr Normalität werden schon dort sichtbar, wo die Reise beginnt: Zuhause. Während Maik zwar in innerfamiliär höchst zerrütteten Familienverhältnissen aufwächst, nach außen aber aus der ›vertrauenswürdigen Mitte der Gesellschaft‹ stammt, ist Tschick von Anfang an gebrandmarkt. Vom ersten Tag an in der neuen Klasse eines Berliner Gymnasiums weiß Tschick – mit vollem Namen Andrej Tschichatschow – um seine Chancenlosigkeit in punkto Anerkennung. Maik fasst es rückblickend folgendermaßen zusammen: „Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Asi, und genau so sah er auch aus.“ (S. 41) Und so weigert sich Tschick erfolgreich, mehr als wenige zwingend notwendige Informationen aus seinem Leben preiszugeben. Denn dass sein Leben mit all den Schwierigkeiten weder wirkliches Interesse noch echte Anerkennung erhielte, scheint er zu wissen. Nur wenige Informationen erhält der Leser – beispielsweise, dass Tschick in Deutschland zunächst wohl aus sprachlichen Gründen auf der Förderschule landete, nun aber Einlass ins Gymnasium erhält. Welchen Kampf der Junge für den schulischen Erfolg kämpfen musste, bleibt ungeklärt und der Leser muss sich fragen, wie aufmerksam und kompetent das Schulsystem mit Schülern wie Tschick tatsächlich umgeht. Während der transkulturelle Migrant aus Russland mit Vorfahren aus der rumänischen Walachei inmitten der nationalen und kulturellen Teilidentitäten recht dennoch selbstsicher scheint – „Aber die Familie ist von überall. Wolgadeutsche. Volksdeutsche. Und Banater Schwaben, Walachen, jüdische Zigeuner “ (S. 98) – reagiert die Umwelt verunsichert und ablehnend. Ist Maik ›nur‹ von den Eltern, Gott und der Welt verlassen (Vgl. S. 71), so ist Tschick tatsächlich im gesellschaftlichen Sinn verlassen. Wenn am Ende des Romans Behörden, Richter und Eltern nach dem Grund für dieses Roadmovie-Abenteuer der beiden Jungen in dem geklauten Auto quer durchs Land fragen, werden die dem Leser prägnant vor Augen geführten Familienverhältnisse Maiks nicht als Ursache gesehen. Viel leichter scheint es, den russischen Einwanderer – auch hier erfährt der Leser nichts über Tschicks nähere Familienverhältnisse (!) – in ein Erziehungsheim mit strenger Abschottung zur Außenwelt zu stecken. Die Verantwortung wird also auf das schwächste gesellschaftliche Glied abgeschoben. Nach außen werden vom zuständigen Richter banale Gemeinplätze bemüht: „Zum Glück hat er uns dann gleich selbst Antworten angeboten. Zum Beispiel, ob wir einfach Fun hätten haben wollen.“ (S. 233)

So unterhaltsam die einzelnen Reisestationen auch sind, die eigentliche Spannung dieses Jugendromans liegt weniger im Weg als im Ausgangspunkt der Reise. Herrndorf bedient zwar die Makroebene einer klassischen Reiseerzählung, doch ist kaum zu übersehen, dass mehr als hundert Seiten für den Ausgangspunkt verwendet werden. Hier wird auch noch wesentlich einlässiger und präziser erzählt, als es dann in der Darstellung der einzelnen Stationen getan wird. Schon der Titel verrät, dass es weniger um die Reise als um die Figur des russischen Einwandererjungen geht. Denn nicht ohne Grund trägt der Roman den schlichten Titel „Tschick“. Auch wenn es Maik ist, der in der Rückschau erzählt, und der Leser diesen Erzähler viel besser kennenlernt als den russischen Freund, so ist doch am Ende kaum mehr zu übersehen, dass der integere Tschick der eigentliche Held (und Verlierer) dieses Romans ist. Denn während Maik ähnlich wie Tom Sawyer mit einem blauen Auge davonkommt, hat Tschick im Unterschied zu Huckleberry Finn weder die Hoffnung auf ein geregeltes, bürgerliches Leben noch auf eine selbstgewählte Freiheit ... !

 

Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Gebunden, 256 S.

Rowohlt Berlin, EUR 16,95

ISBN 978-3871347108

 

Hoch

 

 

Ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser

Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Von Bettina Meinzinger

 

Die Lemeuniers sind eine gutbürgerliche französische Familie wie aus dem Bilderbuch. Segelurlaub in der Bretagne, Vereinsmitgliedschaft im Tennisclub und italienische Lasagne zum Abendbrot inklusive. Doch dann klingelt die Polizei an der Tür ihres Appartements in der „Domaine de SansSouci“, einer Gated Community westlich von Paris. Die Polizei verdächtigt den 19-jährigen Sohn der Familie, Brice, Student an der Filmhochschule, des fünffachen Mordes. Mit seiner Verhaftung endet die scheinbare Sorglosigkeit der Lemeuniers.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Brice' jüngerem Bruder, dem 15-jährigen Martin. Er ist bald der Einzige, der an dessen Unschuld glaubt. Als die Beweislast gegen Brice immer erdrückender wird, beginnt Martin eigene Ermittlungen anzustellen.

Der Roman behandelt zahlreiche ernstzunehmende Themen wie psychische Erkrankungen, die sensationslüsterne Berichterstattung der Presse oder die Debatte um den Einfluss von Videospielen und Horrorfilmen auf jugendliche Gewalttäter. Auch wird Martin, der im Laufe der Geschichte in die Rolle des von ihm und Brice erfundenen Detektivs Fox Lockombo schlüpft, um die Unschuld von Brice zu beweisen, nie als furchtloser Held dargestellt. Auch Jungs haben Angst und weinen.

Das alles gibt „blutsbrüder“ den Anstrich des Authentischen. Das Buch mündet dann allerdings in einer Detektivgeschichte, die schon nicht mehr so glaubwürdig ist. Das ist an sich nicht schlimm, und muss wohl meist so sein, wenn der Ermittler in Frage selbst noch die Mittelstufe besucht. Allerdings will dies nicht so recht zur ansonst so nüchternen, auf Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe bedachten Erzählweise passen.

Das Buch changiert zwischen „nicht richtig gut“ und „nicht wirklich schlecht“ und ist daher ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser. Warum wohl wird solch durchschnittliche Jugendliteratur in Frankreich mehrfach ausgezeichnet?

 

Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Gebunden; 256 S.

Ravensburger Buchverlag; Euro 14,95

ISBN 978-3473352197

 

Hoch

 

 

Wenn Auschwitz unabwendbar ist:

Ein beeindruckendes Jugendbuch über den Wert des Lebens

Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

von Ada Bieber

 

Mit „Eine Handvoll Karten“ hält der Leser die nahe gehende Geschichte über ein niederländisches Mädchens und dessen jüdische Familie in der Hand. Beständig schwebt deren Schicksal, in Auschwitz den Tod zu finden, über dem zu Erzählenden. Erzählt wird von Leny Goldstein, ihrer kleinen Schwester Carry und ihren Eltern Silvain und Rosa. Sie sind eine gutbürgerliche Familie, in der Bildung, Kultur und Respekt die Grundpfeiler des Zusammenlebens bilden. Die Familie lebt in der niederländischen Stadt Breda nahe der belgischen Grenze; sie sind anerkannter Teil der christlichen und jüdischen Gesellschaft. Der Roman erzählt durch fragmentarische Einblicke die allmähliche Wandlung einer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft in ein gnadenloses Ausgestoßensein – bis hin zur Ermordung in Auschwitz-Birkenau. Gerade in dieser Fragmentarisierung liegt die Besonderheit des Romans, denn dadurch wird von einer allzu emotionalen Involviertheit bzw. intendierten Identifikation mit der Hauptfigur zugunsten einer grundsätzlichen Darstellung vom Wert eines jeden Lebens abgesehen. Natürlich bleibt das Mädchen dem Leser dennoch nicht fremd und auch identifikatorische Ansätze sind möglich. Doch gerade durch das Aufrufen wesentlicher Lebensstationen und Wendepunkte im Lebens Lenys kann ein prinzipielles Nachdenken über Schicksalswege und Lebenswege angeregt werden, das bei allzu individuell entworfenen Lebensgeschichten häufig nicht voll entfaltet werden kann.

Die niederländisch-österreichische Autorin Rachel van Kooij stellt der Geschichte Lenys ein Vorwort voran, das nicht nur ein persönliches Interesse an Lenys Schicksal deutlich macht, sondern auch die Ermordung Lenys durch die Nationalsozialisten vorausschickt. Van Kooij gibt in diesem Vorwort an, als Kind Lenys Kartenalbum auf dem Speicher ihrer Großmutter im niederländischen Breda gefunden zu haben. Auf die Frage, wem dieses Album gehöre, habe sie lediglich die verstörende Antwort erhalten: „Dieses Kartenalbum gehörte Leny. Leny war eine Freundin, und sie wurde ermordet.“ (S. 5) Der Leser darf also von Beginn an nicht auf eine Rettung des Mädchens oder ihrer Familie hoffen. So liegt die Motivation zur Geschichte nicht im Erzählen eines Happy Ende, sondern im Nachspüren, im fiktionalisierten Rekonstruieren und im Verstehen eines jüdischen Kinderschicksals.

Aber nicht nur das Vorwort spricht das Schicksal des kleinen Mädchens direkt an. Ein vorausgeschicktes Gedicht mit dem Titel „Das Ende“, das einer Todesanzeige gleich Tag, Jahr und Ort der Ermordung nennt, zeigt ganz unverstellt die Vergasung und Verbrennung aller Opfer Auschwitz-Birkenaus. Rachel van Kooij zeigt mit diesem nur schwer zu ertragenen Gedicht, dass es sehr wohl eine Sprache für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus gibt, noch dazu eine, die Jugendlichen einen Zugang zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen der europäischen Juden ermöglichen kann. Schließlich geht auch das Kapitel „Die letzten Minuten“ am Romananfang auf die Ermordung Lenys ein. Auch dieses Kapitel ist harter Lesestoff, schildert es doch in der vordergründig naiv-einfachen Sprache Lenys die Ankunft in Auschwitz und das umgehende Einpferchen der Menschen in der Gaskammer. Durch diese Sprache wird konsequent die Kindperspektive beibehalten. Sie macht deutlich, dass Leny trotz aller Demütigungen und Schicksalsschläge der letzten Jahre in diesen letzten Lebensminuten ihren Tod nicht vor Augen hat.

Das Ende wird visuell durch eine Zeitleiste am Seitenrand verdeutlich. Diese Zeitleiste zieht sich durch das Buch und markiert die gesamte erzählte Zeit von 1929 bis 1942. Das jeweils thematisierte Jahr ist fett gedruckt, sodass im ersten Kapitel das Todesjahr 1942 den unausweichlichen Tod bestätigt. Das zweite Kapitel springt dann ins Jahr 1929 und erzählt von der Geburt Lenys, von ihren Eltern und deren Hoffnungen, der Tochter eine „wunderbare Zukunft“ (S. 11) geben zu können. Die dann chronologisch folgenden fragmentarischen Einblicke in sehr unterschiedliche Lebensstationen und Erlebnisse Lenys werden immer dann besonders drückend, wenn individuelle Wünsche und persönliche Träume mit der historischen Realität kontrastieren und der Leser nicht nur um das Ausmaß des Holocaust, sondern auch um das grauenhafte Schicksal der kindlichen Hauptfigur weiß. Die Vergangenheit der Mutter als Lehrerin in Indonesien und die gelingenden Fluchten mehrerer Verwandter ins Ausland lassen für Jugendliche das Schicksal der Familie doppelt schrecklich erscheinen, wird dem Leser doch stets vor Augen geführt, dass diese Menschen anderenorts und unter anderen Lebensentscheidungen tatsächlich ihr Leben hätten retten können. Insofern liest sich auch der scheinbar unerschütterliche Glaube der Familie Goldstein an den letztendlichen Sieg der Menschlichkeit besonders dramatisch. Nicht selten nimmt sich die ja historisch vielfach verbürgte duldsame Haltung der Eltern gegenüber verachtender Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung vor der historischen Folie gerade für jugendliche Leserinnen und Leser als besonders irritierend aus. Doch wird im Zusammenspiel mit der Anlage der Figuren gerade dadurch ein Verstehen und ein Miterleben ermöglicht, das Jugendlichen eine intensive literarische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eröffnet. Dadurch, dass die Geschichte nicht im nationalsozialistischen Deutschland, sondern in den besetzten Niederlanden spielt, können deutsche Jugendliche andere, für sie zumeist neue Perspektiven entwickeln und erkennen, dass der Holocaust in ganz Europa und eben nicht nur in Deutschland gewütet hat.

 

Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

Jungbrunnen Verlag 2010

270 S., € 16,90

ISBN 978-3-7026-5817-5

 

Hoch

 

 

Jede der Vier

Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Von Julia Schneider

 

Vier Freundinnen, alle um die 16/17 Jahre alt, jede hat ein eigenes Talent. Alle vier sind auf dem besten Wege berühmt zu werden. Die eine als Designerin, die andere als Bloggerin, die über die neue Mode der Designerin berichtet, die andere, die die Modeshows der Designerin, einer ehemaligen Kindersoldatin, managt, und die vierte, die Schauspielerin und das Model für die neue Kollektion ist. Jede von den Vieren hat ihre eigenen Probleme - und die Autorin Sophia Bennett schafft es, obwohl sie nur aus der Sicht von Nonie (der Managerin) berichtet, dass die Gefühle von keinem Mädchen zu kurz kommen. Eines verbindet alle Protagonistinnen: Sie wirken völlig selbstlos, sie kümmern sich immer und jederzeit um die anderen Freundinnen.

So auch, als Jenny, die Schauspielerin, die Hauptrolle in einem Theaterstück bekommt, bei dem ein sehr überhebliches Hollywood-Starlet mitspielt, die durch Zufall Jennys ehemalige Klassenkameradin ist. Natürlich ist Jenny am Ende der von Hollywood gefeierte Star und wird von Reportern belagert.

Auch Krähe, die Designerin, wird beschuldigt, dass ihre Kollektion durch Kinderarbeit hergestellt worden sei. Prompt sitzen die Freundinnen (ohne Jenny, die noch probt) in einem Flieger nach Indien, um mehr über die Gerüchte herauszubekommen.

Sophia Bennett hat mit „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“ ein Buch geschaffen, das man immer wieder gerne liest und das, obwohl es schon der zweite Band über die Geschichten von Nonie, Krähe, Jenny und Edie ist, völlig eigenständig ist. Die jugendliche Leserin fühlt mit jedem einzelnen Mädchen mit. Und das, selbst wenn manches ab und zu ein bisschen unwirklich daherkommt. Teenager meets Teeanger - gelungen!

(Ab 12)

 

Sophia Bennett:

„Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Chicken House 2011

320 Seiten, Euro 14,95

ISBN 978-3-551-52024-1

 

Hoch

 

 

Weder Held noch Erfolgsstory - ein ungewöhnlicher Entwicklungsroman

Oscar Hijuelos: „Runaway“

Von Ada Bieber

 

Mit „Runaway“ (engl. „Dark Duke“) debutiert Oscar Hijuelos in der Sparte Jugendbuch; bisher schrieb er nur für ein erwachsenes Publikum. In dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Band wird von Rico erzählt, der in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das harte Leben im New Yorker Stadtteil Harlem zu spüren bekommt und der dann seinem Freund Gilberto nach Wisconsin folgt. Rico stammt aus einer kubanischen Einwandererfamilie, doch es fällt ihm schwer, sich auf seine südamerikanische Herkunft zu besinnen. Nicht nur, dass er sich mit der spanischen Sprache schwertut, zu allem Überfluss sieht er äußerlich auch kaum wie ein Kubaner aus. Im wahrsten Sinn des Wortes ist Rico eine transkulturelle Figur, die jedoch diese Anlagen nicht zu nutzen weiß und in der Schule, in der Familie und im Alltag ständig zwischen den Stühlen steht. Als der Vater Rico auf eine Militärschule schicken will, macht sich Rico mit seinem heroinabhängigen Freund Jimmy auf den Weg in den Mittleren Westen.

Mit dieser Reise beginnt allerdings auch das grundlegende Problem des Romans. Denn weder die Reise noch das Leben auf der Farm in Wisconsin werden dazu genutzt, Rico und die anderen Figuren sowie deren Entwicklungen lebendig und spannend zu erzählen. Im Laufe des Romans werden zwar eine Menge Themen und Probleme aufgegriffen – wie beispielsweise die Drogensucht Jimmys, die gesellschaftlichen Phänomene der 1960er Jahre, Kunst- und Bildungsdiskurse und nicht zuletzt die erste Liebe und das Phänomen der Transkulturalität –, doch keines dieser Themen wird wirklich vertiefend dargestellt. So wirken am Ende des Romans alle Figuren blass und seltsam abwesend. Teilweise muten sie sogar unglaubwürdig an, wenn beispielsweise Jimmy aufgrund einer nur flüchtig dargestellten Liebe mir nichts, dir nichts sein Heroinproblem in den Griff bekommt oder Rico am Romanende eine übersteigerte Sehnsucht nach seiner problembeladenen Familie entwickelt, ohne wirklich eigene Zukunftsperspektiven entworfen zu haben. Man könnte sogar sagen, dass Rico träge und inkonsequent scheint, denn trotz seiner Entwicklungszeit in Wisconsin kommt er seiner eigenen Identität nicht wirklich auf die Spur.

Nichtsdestotrotz entwickelt der Roman in vielen Kapiteln eine eigene, ruhige Atmosphäre, die vor allem die Perspektivlosigkeit und Unsicherheit der jungen Protagonisten hervorhebt. Möglicherweise liegt gerade in diesem ergebnislosen Treiben das zentrale Merkmal dieses Jugendromans. Er sei daher all jenen Lesern ans Herz gelegt, die weder Helden noch Erfolgsstorys suchen, sondern ausreichend Muße für einen ungewöhnlichen Entwicklungsroman mitbringen!

(Ab 13)

 

Oscar Hijuelos:

„Runaway“

Aus dem Amerikanischen von Günter Ohnemus

S. Fischer Verlag 2010

350 S., € 19,95

ISBN 978-3-596-85382-3

 

Hoch

 

 

„Hab ich genug geschrien?“

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Von Iris Kersten

 

Leise und poetisch kommt sie daher: Virágs Geschichte. „Virág“ ist ungarisch und bedeutet auf Deutsch „Blume“. Virág ist ein zehnjähriges Mädchen, das mit ihrer Familie in Deutschland lebt. Die Mutter ist Ungarin, der Vater Deutscher. Seitdem er arbeitslos ist, versuchte er, sich mit Alkohol über diesen Zustand hinweg zu trösten. Die Eltern lieben die Tochter, doch miteinander kommen sie nicht klar. Langsam wird der Leser auf die Veränderungen in Virágs Innenleben vorbereitet. „Und da war das Gefühl wieder – dass etwas nicht stimmte.“ Virágs Welt beginnt zu zittern. Dieses sind die ersten Anzeichen einer psychosomatischen Krankheit. Adreas Schendel berichtet feinfühlig. Über Virágs Familienleben und den Schulalltag, ihre beste Freundin und ihre Lieblingsfeindin, und den Lehrer, in den sie sich ein bisschen verliebt hat.Nachdem Virág nun zum zweiten Mal aus der Klasse „geflogen“ ist (das erste Mal wegen eines hysterischen Lachanfalls; das zweite Mal, weil sie sich zittrig fühlte und sich darum so fest an die Wange ihrer Freundin drücken musste, dass diese sich nicht mehr befreien konnte), wird sie zur Untersuchung in ein Kinderkrankenhaus gebracht, Abteilung Psychosomatik. Dort bekommt sie eine Spritze, nach der  sie sich nicht mehr wie sie selbst fühlt. Die Medikamente, die sie nun schlucken muss, verursachen das gleiche Gefühl von Leblosigkeit, und Virág beschließt, die Tabletten nicht mehr zu nehmen – natürlich heimlich. Und dann findet sie die Lösung, damit alles wieder gut wird: „Sie wird die ganze Welt zusammenschreien. […] Sie wird die Welt wieder in Ordnung schreien. Einfach so lange ihre Schreie läuten lassen, bis alles wieder wie früher ist.“ Danach wird Virág in ein Krankenhaus, psychiatrische Kinderabteilung, eingeliefert. Das erste, was sie fragt: „Hab ich genug geschrien?“ Nun begleitet der Leser Virág in die Klinik und lernt dort den Alltag kennen, mit Therapieplan, Bravo undQuasselstunde“ bei Frau Doktor Jäger, die folgenden Standpunkt vertritt: „Wenn das Leben von den Kindern schwer ist, dann müssen die Eltern auch einfach brav sein“. Der Autor stellt hervorragend Virágs Gefühle dar: ihre Scham vor den Eltern und ihr Mitgefühl für die anderen Kinder dort (Virágs magersüchtige Zimmergefährtin Katrin, die schweigenden Zwillinge aus Afghanistan), aber auch ihre Angst (zum Beispiel vor dem Jungen, der sich die Arme blutig beißt) und die Gefühle, die nicht einmal sie selbst versteht: „Dass sie so traurig sein kann, in einem Moment, und im nächsten so lachen muss...“. 

Auch erfährt man so einiges über Ungarn. Der Leser wird zum Beispiel in die ungarischen Gepflogenheiten eingeweiht, wie man einen Kindergeburtstag arrangiert (Virágs elften Geburtstag feiern die Kinder ganz nach ungarischer Tradition) und er erfährt, wie es ist, eine Nagyi (eine Oma) in Budapest zu haben, nach der man eine unendliche Sehnsucht verspürt. Aber es ist nicht nur die Sehnsucht nach der Großmutter und der ungarischen Sprache (in der Virág ihre Gefühle übrigens viel besser ausdrücken kann als auf Deutsch) – es ist vielmehr eine einzige große Sehnsucht, die Sehnsucht nach einer heilen Welt und einem heilen Zuhause.

Andreas Schendels Sprache besteht aus kurzen, aber durchaus poetischen Sätzen, die rhythmisch und fließend zu lesen sind. Der Gebrauch des Ungarischen tut dem Lesefluss keinen Abbruch; im Gegenteil hat man dadurch das Gefühl, Virág noch näher zu sein. „Virág ist traurig und froh und hat die liebe alte Stimme der Nagyi noch in den Ohren (würde sie am liebsten verstopfen, damit der Klang der Stimme drinbleibt).“

Das Buch ist so hervorragend geschrieben, dass der Leser sich wirklich in Virág hineinversetzen kann, mit ihr mitfühlen kann. Es ist eine langsame und leise Geschichte, teilweise mutet sie sogar philosophisch an: „Virág spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Oder vielleicht stimmt sie auch – und nur die Welt um sie herum stimmt nicht.“ oder „Sie würde echt am liebsten wissen, ob das Leben für alle Leute so schwierig ist? Oder ob es besser wird, wenn man erwachsen ist? […] Wenn das Leben für alle schwierig wäre, wäre man weniger allein.“

Das Ende ist offen (alles andere wäre auch unrealistisch): „Sie ahnt [], dass es noch dauern wird mit dem Gesundwerden, dass es noch Zeit braucht.“

Schön aufgemacht ist das Buch durch ein künstlerisches Polaroidfoto von Anne-Theresa Wittmann zu Anfang eines jeden Kapitels. Die Fotos stellen verschiedene Augenblicke aus Virágs Leben dar. Warum ausgerechnet Polaroids? Virág hätte gerne eine Polaroidkamera gehabt. Ihr gefällt es, wie nach jeder Aufnahme das „Bildkind“ aus der Kamera kommt. Man bekommt direkt Lust, den digitalen Fotoapparat zur Seite zu legen, um sich selbst an einer Polaroid zu versuchen.

Literatur für Jung und Alt, ab 12 Jahren

 

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Berlin Verlag 2010

128 Seiten, 12,00 Euro

ISBN-13: 978-3827053831

 

Hoch

 

 

Für Meeresfans!

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“

Von Anne Spitzner

 

Der Jugendroman „Ruf der Tiefe“ ist das Produkt einer ganz besonderen Zusammenarbeit. Hans- Peter Ziemek, der eigentlich Biologiedidaktik an der Universität in Gießen lehrt, und Katja Brandis, eine Jugendbuchautorin, haben gemeinsam einen Science- Fiction- Roman geschrieben, der uns zeigt, wie unsere Zukunft in nur wenigen Jahren aussehen könnte.

Schauplatz ist zu Beginn der Grund der Tiefsee. Hier leben Leon, ein Taucher, der den Boden der Tiefsee nach Mangan und anderen wertvollen Rohstoffen absucht, seine Kollegen - und seine achtarmige Partnerin Lucy. Leon liebt das Leben unter Wasser, die Dunkelheit und das schwerelose Schwimmen. Für seine Zukunft kann er sich nichts Schöneres vorstellen, als auf der Tauchstation „Benthos II“ zu bleiben. Doch als ein Tauchgang für Leon beinahe tödlich endet und die Menschen auf der Benthos II anschließend beginnen, sich merkwürdig zu verhalten, begreift er, dass sein Leben nicht so weitergehen kann wie bisher. Die gesamte Tiefsee scheint in Gefahr zu sein.

Die Faszination von „Ruf der Tiefe“ ist durch einen großen Teil dadurch bedingt, dass die meisten der technischen Errungenschaften sich tatsächlich schon heute abzeichnen. Dass Leon beispielsweise Flüssigkeit atmet, um durch den gewaltigen Druck in der Tiefsee nicht zerquetscht zu werden, wird heute schon erforscht. Und auch die Zerstörungen, die gierige Menschen in der Tiefsee anrichten, sind – leider – nicht der Phantasie der Autoren entsprungen.

„Ruf der Tiefe“ packt den Leser von der ersten Seite an. Man taucht mit Leon und seiner Krake Lucy durch die Weiten der Tiefsee, sieht die Welt durch ihre Augen, man ist hautnah dabei, wenn Leon im Wasser, das keinen Sauerstoff mehr enthält, beinahe erstickt, und erlebt, wie es ist, wie eine Welt, die man für die einzig wahre gehalten hat, um einen herum in Stücke bricht. Doch Leon, der eigentlich ein schüchterner Junge war, wächst in dieser Situation über sich hinaus, weil er weiß, dass es an ihm ist, seine Welt zu beschützen.

Besonders die Krake Lucy, der wichtigste Bestandteil von Lucys Welt, wächst einem mit jeder Seite mehr ans Herz. Lucy ist zusätzlich zur ohnehin nicht geringen Intelligenz von Kopffüßern genetisch manipuliert, und Leon kann über seine Gedanken mit ihr kommunizieren. Zwar versteht Leon meistens, was sie meint, doch manchmal hat er Schwierigkeiten, und die beiden haben auch viele ganz eigene Worte, die nur sie beide verstehen. Lucy steht Leon mit allen acht Armen zur Seite, als es hart auf hart kommt.

„Ruf der Tiefe“ ist also ein großartiges und spannendes Lesevergnügen für jugendliche (und größere) Leser. Leider sind die Ideen allerdings teilweise besser als deren schriftliche Umsetzung, und an manchen Passagen rutscht der Stil ein klein wenig ins Klischeehafte ab. Dass ich der Meinung bin, nicht jeder Jugendroman müsse auch eine Liebesgeschichte enthalten, sei hier nur am Rande erwähnt.

Doch dies sind nur winzig kleine Minuspunkte. Ingesamt erhält „Ruf der Tiefe“ ein sehr, sehr großes Plus – ein absoluter Spaß und ein Muss für jeden Meeresfan!

(Ab 14)

 

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis:

„Der Ruf der Tiefe“

Beltz Verlag 2011

414 S., Euro 16,95

ISBN 978-3407810823

 

Hoch

 

 

Thrillerqualitäten. Auf Russland und seine Revolution angewendet

Marcus Sedgwick: „Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“

Von Susan Müller

 

Mit dem Titel des Buches assoziiert man den Beginn eines Märchens („Schneewittchen" oder „Schneeweißchen und Rosenrot“),  und ein Märchen hat man eigentlich auch vor sich, aber einer gänzlich anderen Art - nicht nur weil es sein Setting in Russland hat. Der Romanheld Arthur Ransome ist britischer Schriftsteller und Journalist, den es nach Russland zieht. Seine Ehe, die ihm einst als das einzig Richtige erschien, ist abgenutzt, und der Verlust seiner Tochter ist die bittere Randerscheinung.

So faszinierend das fremde Land für sich ist, muss Ransome doch am eigenen Leib erfahren, wie man zwischen die Fronten gerät. Er soll für die „Daily News“ schreiben, stellt sich aber weder auf die Seite der Bolschewiken noch auf die der Weißgardisten im gespaltenen Staat. Er schließt hier wie da Freundschaften, und als er Robert Lockhart kennenlernt, der als Agent fungiert, hält man auch ihn streckenweise für einen Spion. Diese Meinung verhärtet sich, als er Trotzkis Sekretärin kennen- und lieben lernt. Ist das jetzt nur Tarnung, um an Informationen über die Leninsche Regierung heranzukommen?

Arthur hat auch Helfer, die es ihm ermöglichen, gewisse Privilegien zu genießen. Nicht nur einmal entrinnt er Gefahren, aber er kann durch seine Art auch Freunden aus brenzligen Situationen heraushelfen. Er lässt sich durch niemanden auf irgendeine Seite ziehen und lehnt in letzter Sekunde die Spitzeltätigkeit für Lockhart ab. Es gelingt ihm trotz allem ein Triumph, er kann mit seiner Geliebten Russland verlassen. Eine gefährliche Reise über Estland, deren Einzelheiten den Begriff Abenteuer weit untertreiben, aber dem Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse gestatten.

Marcus Sedgwick versteht es sehr geschickt, Geschichte der historischen Art und (eine) Geschichte in Form des Märchens zu vereinen. Er belegt Tatsachen mit Hilfe von Belegen aus Archiven (siehe Buchanhang) und kann dem Leser die historischen Zusammenhänge verständlich machen.

Die Spannung des Buches wächst mit jeder Seite und fesselt den Leser. Dieser sollte auf jeden Fall seine Erfahrung mit dem Buch und dessen Details selbst machen. Mit den historischen Hintergründen auch - sollte das Interesse für die russische Revolutionsgeschichte geweckt worden sein durch dieses Buch, kann man sich genauer, wahrheitsgetreuer, weniger romanhaft damit noch einmal genauer auseinandersetzen. Der Brite Marcus Sedgwick, Jahrgang 1968 und bekannter Jugendbuchautor mit Hang zum Gruselbuch, hat Mut bewiesen, sein Buch in dieses komplexen Thema einzubetten. Es gelingt ihm besser als denen, die in Deutschland (dort nehmen sich allerdings ältere Autoren dem an) da ihr Glück versuchen, ist aber doch auf das britische Jugendbuchpublikum mit seinem sehr spezifizierten Geschichtswissen ausgerichtet. Kein Russlandkenner, kein Dostojewski-Interpret. Die Thrillerqualitäten überwiegen. Ein John le Carré und sein Spion, der aus der Kälte kam? Ja! So sollte Marcus Sedgwick, eines dieser Kinder des Kalten Krieges, gelesen werden.

(Ab 12)

 

Marcus Sedgwick:

„Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“

Aus dem Englischen von Renate Weitbrecht

dtv 2009

368 S., Euro 9,95

ISBN: 978-3423623933

 

Hoch

 

 

Ob das Wichtigste wirklich die Suche nach ihrem Vater ist?

Edgar Rai: Salto rückwärts

Von Sarah Wittenberg

 

 

"Salto rückwärts" ist ein Jugendroman  aus dem Jahr 2009. Und was für einer!

Die Protagonistin Frieda macht sich spontan auf eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln.

Einen Tag vor ihrem 14. Geburtstag erfährt Frieda, dass ihre Mutter bei einer Modenschau in Paris gebraucht wird. Anstatt die kommenden drei Tage trostlos mit ihrem Kater Goodbye vor dem Fernseher zu liegen oder Schwarzwälder Kirschtorte mit der ungeliebten Tante zu essen, nimmt Frieda den Nachtzug von München nach Berlin. Ihr Ziel: Ihren Vater finden. Der Weg: Noch unbekannt. Denn von besagtem Vater weiß sie nur, dass er Carlos Simon heißt und vor 14 Jahren mit seiner Band in München gespielt hat, wo Friedas Mutter eine Nacht mit ihm verbrachte.

In Berlin angekommen, beginnt Frieda alle mit Namen C. Simon, die sie im Telefonbuch finden kann, abzuklappern, aber sie hat kein Glück. Unter all den schrägen Gestalten, die sie in Berlin trifft, will keiner ihr Vater sein.

Als Frieda nicht mehr weiter weiß und schon aufgeben will, kommt plötzlich eine Wende.. Sie lernt Nelly kennen, ein patziges Mädchen mit grünen Haaren und (noch viel wichtiger) deren Kumpel Jonas. Auf einmal ist Frieda sich gar nicht mehr sicher, ob das Wichtigste in Berlin ihr unbekannter Vater ist.

Friedas Geschichte ist sehr spannend geschrieben und wirkt nie aufgesetzt oder übertrieben. Man fiebert mit ihr, leidet bei jedem Fehlschlag und bangt um sie, wenn sie nachts auf einer einsamen Parkbank einschläft. Die Figuren der Geschichte sind authentisch aus dem Leben gegriffen, und obgleich ab einer bestimmten Stelle des Buches leise Hoffnungen geweckt werden, bleibt es bis zur letzten Seite spannend, ob und wo Frieda ihren Vater tatsächlich finden wird.

 

Edgar Rai:

"Salto rückwärts"

dtv 2009

240 S., Euro 6.95

ISBN 978-3423782401

 

Hoch

 

 

„Kafkas Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich

Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“

Von Iris Kersten

 

„Was schreibst du denn da die ganze Zeit?“, fragte mich heute morgen mein vierjähriger Sohn.

Ich habe es ihm so erklärt:

„Ich schreibe über ein Buch, in dem ein Mädchen seine Puppe verloren hat. Aber dann kommt ein netter Mann. Der heißt Kafka. Und Kafka sagt dem Mädchen, dass es nicht mehr traurig sein solle. Die Puppe sei nur auf Reisen gegangen und sie werde dem Mädchen Briefe schreiben.

Weil jetzt der Mann die Briefe überbringen muss, treffen sich Kafka und das Mädchen jeden Tag und werden Freunde.“

Und ich habe meinem Sohn gesagt, dass ich auch schreiben werde, dass es ein sehr schönes Buch ist und dass alle Leute es lesen sollen.

Das war die Kurzfassung.

 

Und hier die ausführliche Version:

Kafka steht für das Kafkaeske, aber kafkaesk ist dieser Roman für Jugendliche und Erwachsene ganz und gar nicht. Steht dieses Wort doch für das Undurchschaubare und Geheimnisvolle, das Unheimliche und Bedrohliche. Dieses Werk ist genau das Gegenteil.

Auf geradezu poetische Weise beschreibt der Kafkaexperte Gerd Schneider eine Begegnung zwischen dem Schriftsteller Franz Kafka und einer siebenjährigen Waise, die ihre Puppe verloren hat. Schneider verknüpft Fiktionen mit Kafkas Werken, seiner Biografie und historischen Fakten der Zwanziger Jahre. Er beschreibt die letzten Wochen Kafkas in Berlin, bevor er in ein Sanatorium bei Wien gebracht wird, wo er am 3. Juni 1924 stirbt.

Der seinerzeit vierzigjährige Autor trifft die weinende Lena 1923 in Berlin im Steglitzer Park. Er spricht das Mädchen an. Lena erklärt den Grund ihrer Trauer und schildert das Aussehen der verlorenen Puppe. Kafka reagiert spontan: „Dann habe ich sie gesehen, deine Puppe [...] Sie kam mir entgegen.[...] Ich glaube, sie wollte schreiben.“ Die folgenden Briefe, die Kafka Lena nun täglich überreicht, überzeugen das zuerst skeptische Mädchen, dass es ihrer Puppe gut geht. Die Briefe helfen Lena, ihren Verlust zu überwinden.

Der Briefeschreiber und -überbringer lässt die Puppe zum Leben erwachen und auf Reisen gehen. Er gibt ihr einen Namen: Mira. Auf ihrer Puppenreise fliegt Mira mit einem Heißluftballon, unterhält sich mit Luftgeistern und trifft auf ungewöhnliche Gestalten wie zum Beispiel Don Quijote, den Menschenaffen Rotpeter und sieben singende Wölfe.

Bei der Aufzählung der Reiseabenteuer wird der Kafkaliebhaber aufhorchen. Findet er hier doch die Verknüpfung zu Kafkas Werken. Schneider flicht die Motive aus den Erzählungen Kafkas sowohl in die Puppenreise als auch in die Beschreibungen von Kafkas Lebensumfeld ein.

Kafka selbst stellt er als kinderliebenden, bis zum Lebensende positiven, sogar fröhlichen Menschen dar und nimmt damit dem Autor die geheimnisvolle und rätselhafte Aura.

Der Leser erfährt, wie Kafka – endlich dem väterlichen Haus in Prag entkommen – in ärmlichen Verhältnissen, von der Hauswirtin beäugt, mit seiner Lebensgefährtin Dora in Berlin lebt. Es wird auch auf seine tiefe Verbundenheit zu seiner Schwester Ottla hingewiesen.

Der Roman liefert keine tiefenpsychologischen Details, trotzdem werden Kafkas Kinderjahre und das schwierige Verhältnis zu seinen Elten angeschnitten, ebenso wie sein Unwohlsein über das Unverständnis, das die damaligen Leser seinen Texten entgegenbrachten.

Den Autor und das Mädchen verbindet eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit:

Kafka kann es kaum erwarten, Lena die Neuigkeiten von der Puppenreise zu überbringen. Es ist, als wenn die Begegnungen mit dem Mädchen dem todkranken Schriftsteller neues Leben einhauchten.

Lena wartet täglich auf einen weiteren Brief von ihrer Mira. An jedem ihrer Abenteuer wächst die Puppe. Und mit ihr wächst auch Lena. Mira findet während ihrer Reise eine Familie, bei der sie eine Zeit lang bleibt. Weil aber die Puppe ihre Liebe zum Zirkus entdeckt, verlässt sie ihre neuen Eltern wieder. Sie wird die Seiltänzserchule besuchen und keine Zeit mehr zum Schreiben haben. So hat Kafka die Welt für das Mädchen wieder in Ordnung gebracht. „Sei nicht traurig. Ich habe dich ganz lieb, Lena.“ Damit enden die Briefe.

Letztendlich nimmt das Leben des Mädchens selbst einen ähnlichen Verlauf wie die Entwicklung der Puppe. Auch die Waise Lena bekommt schließlich Eltern. Und sie darf die Zirkusschule besuchen. Sie ist für die Kunst auf dem Seil wie geschaffen. Zehn Jahre lebt sie bei ihren Eltern, dann kommen diese bei einem Autounfall ums Leben. Lena bleibt beim Zirkus und wird – wie Mira – zur Königin der Lüfte. Sie nennt sich Lenotschka.

Der Leser kommt dem Ende näher. Noch vierzehneinhalb Seiten bis zum Schluss. Das Ende Kafkas und das der Puppenreise sind zu erwarten. Der Schluss des Romans trifft den ahnungslosen Leser wie ein Schlag: Er findet zwanzig Jahre später in Theresienstadt im Konzentrationslager statt. Hier schließt sich der Kreis, als Lenotschka ihre Puppe Mira in den Armen eines Kindes entdeckt. Das Kind ist in Begleitung einer Frau, deren Augen Lena an die Augen Kafkas erinnern. Es ist Ottla, Kafkas Schwester.

In einem Nachwort erwähnt Schneider alle zitierten oder angesprochenen Werke Kafkas. Auch gibt er weitere Hintergrundinformationen zu Kafkas Leben, zur Suche nach den Puppenbriefen, die es tatsächlich gegeben hat und zur politischen Situation Deutschlands. Er ist davon überzeugt, dass Kafka durch seinen Tod dem Holocaust, dem die ganze Familie und auch Dora zum Opfer gefallen sind, entgangen ist.

Hat sich wenigstens Lena aus den Klauen der Nazis retten können? Das soll ein Geheimnis bleiben.

Was bleibt, ist eine große Tristesse und ein Hauch von Kafka. Es lässt den Leser auf der Suche nach Kafkas Werken zum Bücherschrank (oder in die Buchhandlung) stürzen, um die Erzählungen mit den von Schneider gegebenen Hintergrundinformationen entweder kennenzulernen oder um sie wieder und dabei neu zu entdecken.

 

Gerd Schneider:

Kafkas Puppe

224 Seiten, Euro 6.50

Arena 2009

ISBN 978-3-401-50148-2

 

(für Jugendliche ab ca.13 Jahren, die Lust haben, Kafka kennenzulernen;

aber auch für Erwachsene, die sich Kafka (wieder)erlesen wollen)

 

Die Rezensentin lebt als Autorin und Kinderbuchautorin in Brüssel. Sie leitet zudem Workshops für Kinder für Kreatives Schreiben.

 

Hoch

 

 

Selbstzerstörung, lustig

Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte

Von Jan Fischer

 

Hideo Azuma steigt aus. Nicht einfach nur ein bisschen, nicht nur halbherzig, nein, Azuma gibt seine Wohnung auf, kampiert mitten im Winter bei Regen und Schnee im Park unter einer Plastikplane, sammelt Zigarettenkippen vom Boden auf und gibt das wenige Geld, das er auf der Straße findet für Sake aus. So beginnt die autobiographische Geschichte des Mangazeichners Hideo Azuma, und die Gründe dafür werden erst nach und nach klar: Azuma ist dem Produktionsdruck nicht mehr gewachsen, schafft es nicht mehr, alle Zeichnungen, die er abzuliefern hat abzuliefern, beginnt zu trinken um schlafen zu können, wird immer mehr zum Alkohol- und Drogenwrack, bis er beschließt: Es ist genug. Unter diesen Bedingungen kann und will er nicht mehr arbeiten. Aber damit ist natürlich nicht alles gut: Auch, wenn das Aussteigerleben zunächst – vergleichsweise – entspannend ist, macht es nichts besser. Alkoholiker ist Azuma immer noch, und als er aus lauter Langeweile beginnt, bei einem Bauunternehmen zu arbeiten, ist sie wieder da, die Schinderei. Die Geschichte endet in einer Entzugsklinik, wo Azuma versucht, sich wieder in Ordnung zu bringen.

Azuma befasst sich in seinem autobiographischen Comic mit der dunklen Seite der Mangaindustrie: Millionen Seiten der japanischen Comics werden Tag für Tag gezeichnet, aus erfolgreichen Zeichnern wird dabei gnadenlos Comicseite um Comicseite herausgemolken. Azuma weiß, wovon er zeichnet: Seit 70er Jahren bis zu seinem Leben als Aussteiger war er selbst ein Teil dieser Industrie, hauptsächlich gefragt wegen seiner leichtekleideten Frauenfiguren, nicht so sehr seiner erzählerischen Ambitionen wegen.

„Der Ausreißer“ ist ein Comic, der nicht nur die die menschlichen Tiefen eines einzelnen Mangazeichners zeigt, sondern das Bild einer Kunstform zeichnet, die ungeschützt einem gnadenlosen kommerziellen Druck ausgeliefert ist.

Dabei klagt Azuma nicht an: Er weiß, dass er gegen das System nicht ankommen kann, und letztendlich hat er sich seine Arbeit ja auch ausgesucht. Selbst in seinem Ausstieg, als Bauarbeiter, nimmt er noch einmal an einem Mangezeichenwettbwerb teil, den er auch prompt gewinnt. Azuma klagt nicht an, er zeichnet nur auf, und übernimmt die volle Verantwortung für alles, was ihm passiert. Er erzählt seine Geschichte in unaufgeregten Bildern, mit verniedlichten, rundköpfigen Figuren. Was da passiert, ist nie tragisch, Azuma wälzt sich nicht in Selbstmitleid, sondern erweist sich als einer, der die komischen Momente seines Aussteigerdaseins hervorkehrt. Und er hat Recht damit: Zuviel Realismus, und die Geschichte verkäme zu einem einzigen Wust aus Alkoholikerselbstmitleid. Mit „Der Ausreißer“ stellt sich Azuma würdig in die Tradition großer Mangaautobiographien wie Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“, aber wo Nakazawa die Tragik hervorkehrt, versteckt Azuma sie hinter seinem Witz. Ernst zu nehmen ist er trotzdem.

 

Hideo Azuma:

„Der Ausreißer“

Schreiber & Leser

192 S., Euro 14,95

ISBN 978-3-937102-70-2

 

Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)

 

Hoch

 

 

Der dunkle Punkt des Unfalls

Jiro Taniguchis „Bis in den Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück.

Von Jan Fischer

 

Es geht alles sehr schnell. Dann sehr langsam. Erst der Unfall: Ein paar Bilder ohne Worte, über die das Auge förmlich fliegt.  Dann die Probleme: Der junge Motoradfahrer Takuya und der alte Angestellte Kubota werden ins Krankenhaus gebracht, der ältere der beiden stirbt, der jüngere erwacht aus dem Koma. Problematisch nur, dass der Geist des älteren im Körper des jüngeren steckt. Noch problematischer, dass der Geist des jüngeren auch noch mit drinsteckt.

Solche mysteriösen Verjüngungen sind vertrautes Terrain für Jiro Taniguchi: In dem in Deutschland 2007 erschienenen Band „Vertraute Fremde“ macht ein Mann nur einen kurzen Umweg über seinen Heimatort, und ist plötzlich 30 Jahre jünger. Aber wenigstens ist er noch er selbst. In „Bis in den Himmel“ stecken zwei unterschiedliche Menschen in einem Körper, und es ist schnell klar: Obwohl sich zwischen Takuya und Kubota eine seltsame Art der Freundschaft entwickelt, ist offenkundig: Einer muss gehen. Kubota sieht ein, dass er tot sein müsste, und nachdem er sich von einer Frau und seinen Kindern verabschiedet hat, ist er es, der geht.

Taniguchi erzählt langsam, ganz behutsam tastet er sich durch die Innenwelten seiner Protagonisten, nicht, als erlebten sie gerade eine mysteriöse Körpertauschgeschichte, eher so, als wäre seine Geschichte ein Autorenfilm. Dass zwei Geister irgendwie in einen Körper gezaubert wurden? Ist halt so. Damit hält er sich nicht weiter auf. Interessanter ist, wie die Witwe des Verstorbenen mit der Trauer klarkommt. Wie Takuyas Freundin und seine Eltern damit umgehen, dass im Körper ihres Sohnes und Freundes ein Vierzigjähriger zur Untermiete wohnt. Oder was genau eigentlich den Unfall verursacht hat. Denn eigentlich ist es das, worum die Protagonisten in „Bis in den Himmel“ die ganze Zeit rotieren: Den dunklen Punkt des Unfalls. Was ist passiert? Warum? Erst, als das geklärt sich, kann Kubota sich verabschieden.

Taniguchi hat sich einen seltsamen stilistischen Hybriden gezüchtet: Seine Handlung, Bildführung und sein Personal hat er aus dem Manga, trotzdem stehen seinen präzisen, schattenlosen Linienwelten klar erkennbar in der belgofranzösischen Comictradion. Die Hintergründe sind gleichzeitig präzise und scheinen ständig im Nebel zu verschwinden, die Figuren, die er davor setzt, sind mit starkem Stift gezeichnet und stechen hervor, als wären sie das einzig Reale, das einzige, was sich nicht ständig verflüchtigt.

Taniguchi ist einer der Mangaautoren, derjenigen Zeichner, die sich eine Namensnennung auf den Umschlägen ihrer Alben erkämpft haben und die sich in anderen, ernsteren Welten bewegen als Manga-Fastfood à la Dragon Ball, noch mehr: er ist einer der Mangaautoren, deren Alben zumindest teilweise auch in Europa, vor allem in Deutschland zu bekommen und einigermaßen erfolgreich sind und dank seiner europäischen Teile das Mangabild, das hierzulande immer noch herrscht – bunt, action, dumm – langsam, Stück für Stück umkrempeln.

 

 

Jiro Taniguchi:

"Bis in den Himmel"

Schreiber und Leser 2009

302 S., Euro 16,95

ISBN 3941239104

 

Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)

 

Hoch

 

 

Gefühlschaos

Sara Zarr:  “Long-lost friend”

Von Susan Müller

 

Jenna hat sich beim Umzug nicht nur vom Namen Jennifer gelöst, sondern damit von ihrem „alten“ Leben. Ihr bester und gleichzeitig einziger Freund Cameron war von einem auf den anderen Tag verschwunden. Immer wirft es bei Jenna die Frage auf, wie er sie ohne Verabschiedung allein lassen konnte und ob es mit seinem Zuhause zu tun hat, denn die verletzende Art seines Vaters hatte auch sie schon zu spüren bekommen. Jenna, damals noch die dicke Jennifer, hatte sie beide damals aus der schrecklichen Situation befreit. Sie hat nie jemandem davon erzählt, nicht ihrer Mutter und auch keinem anderen, doch vergessen hat sie es nie. Als dann in der Schule das Gerücht umgeht, Cameron sei tot und selbst ihre Mutter dies nicht dementiert, fügt sich Jennifer in die unvermeidliche, unverständliche und schmerzhafte, für sie endgültige Tatsache. Sie speckt ab, denn ihre Molligkeit war schließlich außer für ihre Mitschüler auch der Anlass für Camerons Vater zum Spott. Jennifer wird Jenna und ihr Nachname ändert sich durch ihren Stiefvater auf Vaughn statt Harris. Und so versucht sie an der neuen Schule einen kompletten Neubeginn. Selbst ihr Wesen verändert sie durch Anpassung.

Alles scheint gut, beliebt bei der Clique mit einem festen Freund, Ethan, bis Cameron wie aus dem Nichts wieder auftaucht. Fast augenblicklich ist die Vergangenheit zurück. Jenna ist nicht mehr sie selbst oder wer sie in letzter Zeit zu sein glaubte. Cameron will nicht wirklich in die Clique integriert werden, die Jenna ihm als ihre Freunde vorstellt. Auch spricht sie nicht im Detail an, wie gut sich die beiden kennen, nur das sie dies tun. Cameron wird von den Mädels angehimmelt, nur lässt das ihn zu deren Leidwesen kalt. Ethan wiederum überwacht die erstaunliche Vertrautheit der beiden mit Argwohn, bis Jenna klar wird, dass sie ihn nicht liebt und sich von ihm trennt. Sie kehrt mit Cameron noch mal in ihrer beider alten Wohnort zurück, aber ohne wirklichen Erfolg. Doch dann erfährt Jennas Mutter eines Tages von Camerons Rückkehr und er bei Vaughns wohnen soll. Aber er ist und bleibt rastlos. Sein Wunsch, Jenna wiederzusehen, ist erfüllt und nun will er seinen Geschwistern ein liebevolles Zuhause geben, denn seine Mutter hat sich vom Vater noch immer nicht dauerhaft getrennt. Bevor er geht, gesteht ihm Jenna in der Nacht ihre Liebe, in der Hoffnung, dass der Schlafende sie nicht hört. Am nächsten Morgen ist er weg und Jenna bleibt erneut zurück, mit dem Wissen darum, wie sich offenbar die einzig wahre Liebe anfühlt. Bedingungslos, ungeachtet von Entfernungen und scheinbar lebenslang.

Ein tolles Buch ohne greifbares Happyend, aber verständlichen Emotionen, nachvollziehbarem inneren Gefühlschaos und letztlich die Erkenntnis, nicht alles läuft im Leben wie gewünscht. Sara Zarr hat klasse Arbeit geleistet.

(Ab 13)

 

Sara Zarr:  

“Long-lost friend”

Aus dem Englischen von Eva Riekert

272 S., Euro 8,95

dtv junior 2009

ISBN 978-3423713696

 

Hoch

 

 

Berauschend!

Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“

Von Anne Möller

 

Lilys Liebesgeschichte beginnt wie jede Teenager-Geschichte. Lily B. ist 16 Jahre alt und hat keine Ahnung, dass sie in ihren besten Freund verliebt ist. Noch nicht – denn sie merkt es natürlich sofort, sobald sie mit einem anderen Jungen sozusagen liiert ist und ihr einst bester Freund wegen eines großen Fehlers von Lily ihr praktisch die Freundschaft kündigt.

Doch was nur schleppend und langsam beginnt, entpuppt sich als kleines Meisterstück.

Auf inhaltliche Überraschungen kann man verzichten angesichts der literarischen Finesse und der liebevollen Erzählweise.

Jedes Kapitel aus Lilys Geschichte beginnt mit einer kleinen Lebensweisheit, keiner grundlegend neuen, und sie sind das Salz in der erzählerischen Suppe auf der kleinen Zugfahrt zu Lilys Glück. Wie Momentaufnahmen - als würde man während einer Zugfahrt nur alle paar Stunden aus dem Fenster schauen -  werden uns Fragmente aus Lilys Geschichte vor die Füße geworfen, die nie zu wenig, aber auch bei weiten nicht genug verraten.

Diese Liebesgeschichte von Véronique M. Le Normand, französische Journalistin und Autorin, ist 2006 in Frankreich erschienen. Sie geht deutschen Lesern genauso nah wie allen anderen.

Allerdings: Sie müssen dieses Buch wirklich lesen wollen, es baut zu Beginn der Lektüre Hürden auf: Man bekommt kaum Zeit, die Charaktere richtig kennenzulernen; und genau daraus speist sich später wird die besondere Qualität von "Lily und die Liebe". Gerade durch kurze Sequenzen, die uns nie ein ganzes Bild des Geschehens gibt, fühlt man sich nach dem Lesen wie nach einer Fahrt auf der Achterbahn. Vollkommen berauscht von den so plötzlichen auftretenden Bildern!

(Ab 15)

 

Véronique M. Le Normand:

„Lily und die Liebe“

dtv 2009

96 S., Euro 5,95 

ISBN: 978-3-423-78228-9

 

 

Hoch

 

 

 

Viele verschiedene Arten der Liebe

Jenny Valentine:"Wer ist Violet Park?"

Von Susan Müller

 

Der Titel lässt natürlich erst mal den Schluss zu, dass wir es mit dem Portrait eines Menschen zu tun haben...  und das ist auch nicht falsch, nur: Violte Park ist tot.
Als unser Romanheld Lucas eine Urne in einer Taxizentrale findet, ist ihm zuerst nicht wirklich klar, warum er beginnt, sich für das frühere Leben der Toten zu interessieren. Nach einem Gespräch mit seiner Großmutter aber ist klar, er wird Violet (wie er von der Urnenaufschrift weiß) von dem unpersönlichen Platz wegholen.
Lucas fragt sich (und indirekt auch uns) auf lustig-charmante Art, ob vielleicht das Verschwinden seines Vaters vor vielen Jahren an dem Gedanken schuld sei, unbedingt wissen zu wollen, wer Violet Park war.

Sein Vater verschwand einfach so und ließ die Mutter mit drei Kindern allein, das letztgeborene kannte diesen nicht einmal.  Die Mutter leidet und gibt unbewusst den Kindern die Schuld, dass ihr Mann das Weite gesucht hat, nur ist nicht einmal klar, ob er tot ist oder sich einfach nur abgesetzt hat.
Doch Lucas kommt Stück für Stück der Wahrheit ein wenig näher. Er erfährt im Laufe seiner Recherchen zu Violet, dass sein Vater diese zu deren Lebzeiten sogar gekannt hat, und er kommt hinter ein gut gehütetes ziemlich bedrückendes Geheimnis. Sein Vater sollte Violet Sterbehilfe leisten.

Und er „ermittelt“ außerdem, dass Violet einen Sohn in ihrem Testament angibt, den sie nie hatte. Er zählt eins und eins zusammen und ist sich ziemlich sicher, der erfundene Sohn ist sein Vater und das Erbe ist Belohnung für dessen Dienste und war Startkapital für ein neues Leben, damit er aus seinem alten, ungeliebten ausbrechen konnte.

Lucas schreibt ihm einen Brief…. Das ist das Ende des Romans und jetzt obliegt es uns, inwiefern wir unserer Phantasie freien Lauf lassen, ob er ihm wiederbegegnen wird.

Ein tolles Werk über Erfindungsreichtum, Phantasie und ernste Gedanken eines Jungen, der seinen Vater unterschwellig derart vermisst, dass er ihn mit dessen Sachen zu imitieren versucht oder Dinge tut, die die Mutter sehr an ihren Mann erinnern und sie verletzen. Es zeigt uns aber auch, wie ein selbstgeschaffenes idyllisches Bild des Vaters langsam verblasst, das Verständnis der Mutter gegenüber größer wird.

Und es zeigt uns, auf wie viel verschiedene Arten man Liebe ausdrücken kann.

(Ab 13)

 

Jenny Valentine

„Wer ist Violet Park?“

dtv 2009

208 S., Euro 8,95

ISBN: 978-3423623926

 

 

Hoch

 

 

Der Kampf des alltäglichen Überlebens

"Worüber keiner spricht" von Alan Stratton

Von Susan Müller

 

Chanda ist das älteste von drei Geschwistern. Sie versucht ihre Mutter zu trösten, als die jüngste Schwester, Sara, plötzlich mit nicht einmal 2 Jahren stirbt.

Die Mutter hat ihre Familie gegen sich aufgebracht, als sie Chandas Vater heiratete und nicht den für sie vorgesehenen Mann. Die anderen Geschwister haben einen anderen Vater als Chanda; sie ist Halbwaise. Saras Vater wohnt mit der Familie unter einem Dach, ist nur selten zuhause. Lieber betrinkt der sich, und das nach Saras Tod noch öfter und mehr als vorher und ist so der Mutter keine Stütze. Bruder Soli und Schwester Iris verstehen den Zustand der Mutter wenig und Chanda ist bemüht, zu trösten, zu erklären und zu helfen - denn den beiden klar zu machen, dass die Mutter sie noch liebt, ist nicht einfach.

Eine Bezugsperson hat Chanda allerdings noch, Esther, ihre Freundin. Deren Eltern starben plötzlich, und die Todesursachen unterscheiden sich in offiziellen und inoffiziellen Aussagen. Esther muss Geld verdienen, um ihre Geschwister zu sich holen und aus dem Haushalt der ungeliebten Verwandtschaft verschwinden zu können. Doch erst, als Esther eines Tages entstellt aus einem Auto geworfen wird, wird Chanda klar, dass diese das Geld nicht nur mit Touristenbegleitung und –fotos verdient.

Chanda hat immer mehr mit ihrer eigenen Familie zu tun, die Mutter kränkelt.

Die extra herangeholte „Kräuterhexe“ kann auch nicht helfen, und allein mit dem Schmerz übers Saras Tod hängt die Erkrankung nicht zusammen. Chandas Mutter fährt schweren Herzens nach Tiro zu ihrer Familie, um eventuell Hilfe zu erfahren.

Chanda bleibt mit den Geschwistern unter der Obhut der besserwisserischen Nachbarin zurück. Ab und zu wird im Ort das Thema AIDS erwähnt, der Krankheit, an der möglicherweise Esthers Eltern starben.

Darüber verstärkt sich Chandas Angst um die Mutter und deren unerklärlichen Gesundheitszustand noch. Sie fährt kurzerhand nach Tiro, denn die Mutter hinterlässt nicht, wie ausgemacht, Nachrichten bei der Nachbarin. Dort angekommen, muss sie erfahren, dass die Familie ihre Mutter in den hintersten Winkel außerhalb des Ortes in eine Hütte verbannt hat, weil die Krankheit der Mutter argwöhnisch betrachtet und als gerechte Strafe für ein Verhalten angesehen wird.

Chanda kommt gerade noch rechtzeitig, um ihre Mutter im Sterben nicht allein zu lassen. Das es sich um AIDS gehandelt hat, muss die Familie geheim halten und diese Schande weit von sich weisen. Chanda hat trotz ihrer Jugend viel über die Menschen und deren nicht nur guten Eigenschaften gelernt, aber sie gibt nicht auf, sie wird ja gebraucht.

Der Stiefvater hat sich aus dem Staub gemacht. Gemeinsam mit Esther und der Nachbarin und dem Häuschen, das ihr gehört, nimmt Chanda den Kampf des alltäglichen (Über)Lebens auf.

(Ab 14)

 

Alan Stratton:

„Worüber keiner spricht“

Aus dem Englischen von Heike Brandt

dtv pocket 2005

272 S., Euro 7,95

ISBN 978-3423782043

 

Hoch

 

 

 

Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids

Allan Strattons "Chandas Krieg"

Von Susan Müller

 

"Chandas Krieg" - ein düsterer Titel. Und Chanda führt einen Krieg. Sie und ihre Geschwister erleiden ein hartes Schicksal, auf das sie ihre eigenen Antworten finden müssen. Der kanadische Autor Allan Stratton kommt aus dem dramatischen Fach, er war Schauspieler am Theater und hat zahlreiche Stücke verfasst. Und er ist Aids-Aktivist in Afrika. So merkt man sein großes Engagement und sein Können, Realitäten dramaturgisch für jugendliche Leser aufzubereiten, schon in seinem ersten Buch über Chanda, "Worüber keiner spricht" (2005). In der Fortsetzung ist Chanda ein Jahr älter, siebzehn, und kämpft um ein menschenwürdiges Leben.

Chandas Krieg ist eher ein Gegenkrieg. Ihre Mutter stirbt an Aids, einsam und verlassen. Mit Aids will keiner, auch niemand in der Verwandtschaft etwas zu tun haben. Da die Mutter sich gegen die Traditionen verhalten und sich selber einen Mann gesucht hat, anstatt den vorausgewählten zu nehmen, sind sich alle sicher: Aids war die Strafe.

Doch Chanda liebte ihre Mutter, und dem Versprechen, dass sie ihr gab, sich um die kleineren Geschwister zu kümmern, kommt sie mit ihren jungen Jahren so gut es geht nach. 

Aber ihre Schutzlosigkeit ist offensichtlich. Als eine Nachbarn vorschlägt, sie sollten zu ihren Verwandten ins entfernte Tiro gehen, willigt Chanda ein. Während sich die Kleinen sofort und gut mit der Großmutter verstehen, kann Chanda nicht ganz vergessen, wie es ihrer Mutter erging. Sie bleibt distanziert.

Da geschieht das Unfassbare. Chanda ist nicht daheim, als ein brutale Mörder zuschlägt und die Tante und den Großvater töten und die Kinder verschleppen, die als Kindersoldaten eingesetzt werden sollen. Paco, dem kleinsten der Nachbarsjungen, ergeht es ebenso.

Chanda nimmt das Verschwinden ihrer Geschwister nicht hin. Sie macht sich, zusammen mit Pacos Bruder Nelson, auf, um sie zu finden und zu befreien. Die beiden lesen Fährten und machen sich ihr Wissen über die Tiere und die Natur zunutze, um den Soldaten, aber auch Löwen und Krokodilen zu entgehen.

Es ist alles andere als leicht, aber Chanda gibt nicht auf, und sie gewinnt diesen, ihren Krieg, denn mit Mut, Hartnäckigkeit, List und nicht zuletzt der Liebe zu ihren Geschwistern schafft sie es gemeinsam mit Nelson, die beiden und Paco  zu befreien.

Dieses Buch sorgt immer wieder für Gänsehaut, es ist nicht nur die Spannung, sondern auch die Fassungslosigkeit über das Unmenschliche, das hier so selbstverständlich durch die Fehllenkung einzelner um sich greift. Das Thema "Kindersoldaten" ist, auch durch mehrere ins Deutsche übersetzte Erlebnisberichte, in die Diskussion gekommen, und es ist gut, Jugendlichen diesen mitreißenden Roman dazu in die Hände geben zu können. Grundlagen, um die Debatten zu verstehen, sind damit gelegt.

"Chandas Krieg" hinterlässt noch mehr, auch ein gutes Gefühl nämlich: Welche Kräfte man entwickelt, wenn die Liebe stärker ist als jede Vernunft. Chanda überlässt ihre Geschwister nicht kampf- oder schutzlos einfach der Macht des Bösen, und ihr „Dagegenankämpfen“ ist mehr als bewundernswert.

(Ab 14)

 

Allan Stratton:

„Chandas Krieg“

Aus dem Englischen von Heike Brandt

dtv 2007

336 S., Euro 7,95

ISBN: 978-3423782180

 

Hoch

 

 

 

Auf abenteuerlicher Spur eines Rätsels –  nach sich selbst

Erik L’Homme: „Phaenomen“

Von Clelia Klapp

 

Endstation: Klinik für hoffnungslose Fälle: Claire stolpert gegen Türen und Wände, sieht ihre wahre Natur als Elfe verkörpert, Arthur schweigt, will von der Welt nichts hören und sehen, malt Affen an die Wand, Violaine hat Angstträume, in denen sie von beängstigenden Drachen umgeben ist, Nicolas verliert die Kontrolle über seine Augen und nimmt die Welt in Farbflecken wahr.

Vier Jugendliche fühlen sich einsam, unverstanden, von einer als bedrohlich empfundenen Außenwelt abgeschoben, die für sie lediglich das Prädikat „verrückt“ und hoffnungslos übrig hat. Welch „normaler“ Mensch würde sich da nicht verschließen, zurückziehen und in farbige Bilderwelten abtauchen, die umso wertvoller sind, als sie ihnen Halt und Schutz spenden. Auch für Ihren Arzt Doktor Barthélemy sind es fremdartige Welten, und doch nimmt er sie so an, wie sie sind, was ihnen Mut macht, sich zu öffnen, sich selbst und dem anderen zu vertrauen, der anderes erlebt, und es gibt Kraft, der Klinik den Rücken zu kehren, um sich auf die Suche nach ihrem plötzlich entführten Arzt zu begeben, ferne Länder und Kontinente zu durchqueren, als Mitwisser geheimer Dokumente ihr Leben zu riskieren.

Ganz lebendig und wissbegierig sind sie, Jugendliche, die sich ihrer selbst erstaunlich bewusst sind, bewusster und selbstreflektierender als manch durchschnittlicher „normaler“ Mensch - und mutig hinzuschauen, sich den eigenen Ängsten zu stellen und sie so zu überwinden, gar zu Stärken zu entwickeln - und hier kommt der gelungene Kunstgriff des Autors, die seelischen Leiden der Jugendlichen in ganz besondere, übersinnliche Fähigkeiten zu verwandeln: Aus Claires Gleichgewichtsstörung wird die Gabe, Distanzen in kürzester Zeit zu überwinden, Arthur zeichnet ein außergewöhnlicher Verstand und ein fotographisches Gedächtnis aus, Nicolas erfährt, dass er mit seiner Farbsicht durch Körper blicken kann und Violaine versteht es, das Verhalten anderer Menschen zu manipulieren: Kräfte, die sie bewusst zu aktivieren lernen, durch die sie ihre Verfolger fassungslos hinter sich lassen.

Schön, wie hier der Autor aus gesellschaftlichen Außenseitern „Phänomene“ entwickelt und zeigt, dass sich aus vermeintlichen Handycaps Qualitäten gewinnen lassen.

Nicht zuletzt dadurch, dass Erik L’Homme in seiner abenteuerlichen Geschichte modernste Überwachungs- und Kontrollapparate als unzuverlässig bloßstellt, macht er darauf aufmerksam, wie lohnenswert es ist, Gespür und Intuition zu folgen: Und so kommen die Jugendlichen auf ihrer Reise nicht nur der Lösung des Rätsels auf die Spur, sondern auch ihrer selbst.

Schön auch, wie dieser Roman Grenzen überwindet und durch das Moment des Übersinnlichen die Kategorien von verrückt und normal sein aufhebt.

Eine Geschichte, die Spannung und die Suche nach sich selbst miteinander vereint und Mut zum Anders-Sein macht. Hier möchte man verrückt sein!

(Ab 14)

 

Erik L’Homme:

„Phaenomen“

Verlagshaus Jacoby & Stuart 2009

528 S., Euro 19,95

ISBN: 978-3-941087-39-2

 

Hoch

 

 

Thriller mit psychologischem Tiefgang

Kristina Dunkers "Vogelfänger"

Von Susan Müller

 

Nele und Ida, zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein können - und doch werden sie Freundinnen. Beide tragen eine Last mit sich, mit der sie mal besser, mal schlechter fertigwerden. Nele, eher pummelig und mit roten Haaren, hat damit zu kämpfen, dass viele sie beschuldigen, ihren Freund Tobias nach einem Unfall hilflos liegen gelassen zu haben. Ida hingegen ist eine psychische Belastung nur anzumerken, doch woher die rührt, damit rückt Ida nicht heraus. Nele fragt sie immer wieder, aber alles läuft ins Leere. Mehr als: „Ich kann nicht darüber sprechen – später“ lässt sie nicht verlauten

An einem gemeinsamen Campingausflug hindert sie das nicht. Doch bald merken sie, dass irgendetwas nicht. Kleine Ereignisse wie ein Handyklingeln mitten im Wald oder das Knurren von Neles  Hund, der sonst eher friedfertig ist, versetzen die beiden in Unruhe. Die steigt, als klar wird, dass keiner der Jungen, die sich mit auf dem Campingplatz befinden, dafür verantwortlich ist. Die Vorfälle häufen sich, die Mädchen geraten in Angst. Als dann auch noch dem nahen Umfeld der beiden ein Unfall passiert und Neles Hund verschwindet, ist die Panik perfekt. Nun bricht Ida ihr Schweigen und erzählt von ihrem Exfreund, der sie verfolgt und mit einer „düsteren“ Geschichte, bei der ein kleiner Junge zu Schaden kommt, erpresst. Sie wollen nun weg von hier; Idas Vater wird verständigt, sie abzuholen, doch zu spät: Nele gerät in die Hände des „Vogelfängers“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ida, sein Vögelchen, zurückzugewinnen und nur für sich und seine Zwecke zu haben. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Nele erfährt dessen Grausamkeit, bis Ida sich ihrem Ex-Freund „ergibt“. Nele wird stinksauer, kann sie den Verrat, wie es sich für sie anfühlt, nicht verstehen. Ihre Gefühle überschlagen sich. Doch dann erfährt Nele Idas ganze Geschichte, und wieder einmal zahlt sich wahre Freundschaft aus.

Kristina Dunker hat mit „Vogelfänger“ einen Thriller mit psychologischem Tiefgang vorgelegt, der genau die Gefühlswelt junger Leser trifft. Die beiden Hauptfiguren, zwei völlig unterschiedliche Charaktere, können trotzdem zueinander und füreinander (ein)stehen. Offenheit und Ehrlichkeit sind nicht nur Worte, sondern verbinden Menschen wirklich - das wird durch dieses Buch eindrücklich vermittelt. Kristina Dunker wird immer mehr zu einer festen Größe in der deutschen Kriminalliteratur. Sie trifft den Ton jugendlicher Leser perfekt. Kristina Dunker schreibt seit Jahren für junge Leser und hat nie das Einfühlungsvermögen in deren Themen verloren. Diese Begabung ist keine schöne Dreingabe, sondern ein Teil ihres Könnens. Einfühlsam und fesselnd: „Vogelfänger“ ist ein Lesegenuss, der Gedanken anstößt.

(Ab 14)

 

Kristina Dunker:

„Vogelfänger“

dtv 2009

224 S., Euro 6,95

ISBN 978-3423782296

 

Hoch

 

 

Genau angepasst an das Alter der Sechstklässler

Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“

Von Susan Müller

 

Jana ist mit ihrer Familie umgezogen, dabei musste sie ihre bisher beste Freundin zurücklassen. Diesen Verlust empfindet sie in den ersten Wochen in ihrer neuen Schule nicht minder, denn die neuen Klassenkameraden schikanieren die „Neue“.

Jil gehört auch in diese Klasse, treibt den Unfug um Jana zwar nicht immer mit und ist ganz sicher nicht damit einverstanden, aber unternimmt auch nichts dagegen. Sie hat im Moment andere, eigene Probleme, denn Ihre bisher beste Freundin Martina hat sich im Sommer der Klassenkameradin Annika zugewandt, unternimmt mit ihr mehr und lästert mit dieser beispielsweise über Jils Angst vor Pferden, was diese wiederum sehr kränkt.

Ihre Gleichgültigkeit hat aber Grenzen, denn eines Tages gehen die Klassenkameraden zu weit, sie übergießen Janas neues Teleskop mit Farbe. Das ist auch für Jil zu viel und da sie ja bisher wenig eingegriffen hat, versucht sie Schadensbegrenzung und hilft Jana den Apparat zu reinigen und wieder nutzbar zu machen.

Nach einigen klärenden Worten steht einer Freundschaft der beiden nichts mehr im Wege, Jil lässt Martina ziehen und Jana hat nun eine echte Freundin in der neuen Klasse.

Als die Klassenfahrt ins Haus steht, sind die beiden schon unzertrennlich und bekommen ein gemeinsames Zimmer, wenn sie es auch mit der weinerlichen Sarah und der etwas „lockeren“ Monika aus der Parallelklasse teilen müssen. Ganz vergessen sind die Machenschaften um Jana noch nicht, aber sie wird in der Klasse akzeptiert.

Bei einem Ausflug erfahren die Schüler von einem Künstler über dessen Verlust einer wertvollen Statue, was sie zwar interessiert verfolgen, aber vorerst nicht nachhaltig beeindruckt. Doch dann stoßen Jana und Jil auf eine kindesähnliche Gestalt im Wasser. Jana meint, es sei eine Puppe, nur die etwas ängstliche Jil möchte den Fundort sofort verlassen. Allerdings lässt es beide nicht los, und als Jana zu der Überzeugung kommt, es könne sich um die wertvolle Statue handeln, ziehen sie ihre Freunde ins Vertrauen und wollen den „Schatz“ bergen, auf den ja Finderlohn steht. Sarah, die ja nun mal bei jeder Gelegenheit weinen muss, soll Wache auf dem Zimmer schieben. Um diese machen sich unsere beiden Heldinnen auch verdient, denn als auf Sarah eine Wette läuft, wielange sie braucht, um anzufangen zu weinen, erinnern sich die beiden an Janas Einstieg und wollen helfen. Sie werden das „Nicht-mit-uns-Team“.

Der wertvolle Fund entpuppt sich tatsächlich als die verschwundene Statue und unsere Freunde verhandeln den Finderlohn, eine Ballonfahrt. Die Klassenfahrt selbst ist ein weiterer stärkender, haltbarer Stein in der Freundschaft zwischen Jana und Jil.

Damit aber nicht genug, denn Kristina Dunker wählt mit viel Geschick noch eine weitere Abenteuerkulisse, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Jil und Jana wollen Theater spielen. Als sie einen Referendar in der Lehrerschaft finden und die Freunde sich der Schauspielerei anschließen, bilden sie eine Theatergruppe.

Doch bei der Rollenverteilung treten plötzlich Probleme auf. Kristina Dunker versteht es wieder prima, die pubertären Gefühle einzuarbeiten, wenn eben ein Mädchen aufgibt, weil einem anderen der Vorzug für die Rolle gegeben wird.
Das ist aber nicht alles, denn vor und hinter der Bühne geschehen seltsame Dinge, die dem Zusammenhalt der Gruppe gefährlich werden, denn jeder ist misstrauisch dem anderen gegenüber. Schließlich konzentrieren sich alle auf das Mädchen mit der verlorenen Rolle. Nur stellt sich heraus, dass diese es nicht gewesen sein kann. Jana und Jil, also unser „Nicht-mit-uns-Team“ legen sich gemeinsam mit den Freunden einen Tag vor der Premiere auf nächtliche Lauer, als kurz vorher ihre Requisiten zerstört wurden. Nachdem sie nämlich in mühevoller und rekordartiger Kleinarbeit diese nur hergerichtet haben, soll nun nichts mehr schief gehen. Die Verwunderung ist groß, als sich herausstellt, dass das „Phantom“ des Theaters gar kein Schüler, sondern der Kollege ihres Lehrers ist, der auf diesen wegen dessen Freundin eifersüchtig ist und ihm nun das Stück vereiteln will. Er hatte aber seinen Plan ohne die Pfiffigkeit und den Mut der Kids gemacht und wird letztendlich überführt.

Ich bin überzeugt: Keiner der Leser möchte bei jedem einzelnen Abenteuer das Lesen unterbrechen. Fesselnd und genau angepasst an das Alter der Sechstklässler gelingt Kristina Dunker wieder eine tolle Mischung aus Spannung, Humor und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Charaktere.

(Ab 11)

 

Kristina Dunker:

"Gemeinsam gegen den Rest der Welt"

Arena 2005

382 S., antiquarisch erhältlich

ISBN: 978-3401023762

 

Hoch

 

Verschiedene Definitionen von Liebe

Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“

Von Susan Müller

 

Nichts deutet darauf hin, dass Sabine und Inga Freundinnen werden könnten. Die eine denkt über die andere ebenso wenig Gutes wie umgekehrt. Als Inga aber ein schluchzendes unglückliches Häufchen Elend namens Sabine in der Kirche hocken sieht, derweil sie sich selbst vorm Regen schützen will, lässt es sich nicht vermeiden, dass Inga beginnt, sich der traurigen Gestalt anzunehmen. Erst nur gedanklich, dann intensiver.

 Beide Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein, und hier bestätigt sich der Spruch „Gegensätze zieh´n sich an!“ Sabine leidet unter ihrem besitzergreifenden Freund, weil ihr die Kraft fehlt sich zu wehren. Inga dagegen wechselt nicht nur ständig ihre Haarfarbe, sondern auch die Freunde, frei nach dem Motto: Liebe gibt’s nicht! Vollkommen resistent ist sie dann doch nicht, denn da ist dieser süße Typ, der immer im Bus mitfährt und ihr Glühwürmchen verschafft. Nur fehlt ihr anfangs der Mut, ihn anzusprechen, aber sie geht für sich so weit zu behaupten, verliebt zu sein. Inga leidet mit Sabine mit, die es nicht schafft, sich vom herrschsüchtigen Alex zu trennen und möchte ihr eigentlich ihre eigenen Gefühle mitteilen und gar mit ihr teilen: „Sabine hat was Besonderes an sich ... Ich möchte mir alle Glühwürmchen raustanzen ... Sabine würde das auch mal gut tun!“

Inga vermag es, Sabine zu unterstützen und hilft ihr, den selbstherrlichen Alex loszuwerden. Leider nur vorübergehend, denn eines Tages geht dieser eindeutig zu weit. Er ignoriert einfach, dass Schluss ist und erzwingt sich Liebe – körperliche Liebe. Inga ist für Sabine da, obwohl sie nicht versteht, dass diese Alex nicht anzeigen will. Aber die Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen hält das aus. Sie treffen sich weiterhin: „Sabine ich reite nach Süden“ – „Gut, ich komme mit!“

Und wieder einmal schafft es Kristina Dunker, Freundschaft anders zu beleuchten und auch die verschiedenen Definitionen für Liebe, wie man an Sabine und Inga deutlich sieht. Aber sie vermittelt uns ebenso, dass auch verschiedene Charaktere einander viel geben können. Einfach lesenswert.   

(Ab 13)

 

Kristina Dunker:

"Liebe gibt's nicht"

Beltz 1997

Antiquarisch erhältlich

ISBN 978-3407787590

 

Hoch

 

 

 

Von innen heraus - gefühlvoll und informativ

Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“

Von Susan Müller 

 

Wir wissen zwar, dass in unserem Land Ausländer leben aus den verschiedensten Regionen der Welt, außerdem ist es uns bekannt, dass diese nicht immer wohlwollend akzeptiert werden. Haben wir uns aber schon mal die Mühe gemacht, die andere Seite, also die Heime der Asylbewerber, eingehender zu betrachten?

Die Aufenthaltgenehmigungen werden immer kürzer, den Menschen signalisiert: Sie sind nur geduldet. Ganz schwierig wird es, wenn sie kaum deutsch sprechen. Im Laufe der Zeit halten sie sich selbst nur noch für „Primitivlinge“, wie in diesem Buch „Freddy“ konkret auch seine Gefühlslage beschreibt. Er schließt weibliche Bekanntschaften, macht aber die Erfahrung, dass er als Afrikaner besser die Meinung seiner Partnerin zu akzeptieren hat, schließlich wurde er aus dem unpersönlichen Asylbewohnerheim „gerettet“ und in ihrer Wohnung aufgenommen. Nur: So entsteht eine dauerhafte Beziehung natürlich nicht.

Als Freddy aber die wahre Liebe kennen lernt, gibt es zwar immer noch kleinere Steine wegzuräumen, aber prinzipiell steht einer Zukunft in Deutschland nichts mehr im Wege, er wird Vater und heiratet die Mutter seines Kindes.

Gefühlvoll und informativ - sehr lesenswert, wenn auch trotz der Erklärungen manchmal schwerer verständlich, was die Gepflogenheiten der afrikanischstämmigen Protagonisten betrifft. Das soll aber nur heißen, dass es nicht für überfliegendes Lesen geeignet ist!    

(Ab 13)

 

Mouchi Blaise Ahua:

"Auf der Suche nach Asyl in Deutschland"

Aus dem Französischen von Benjamin Weber

Books on Demand 2008

152 S., Euro 9,90

ISBN 978-3837068795

 

Hoch

 

 

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert

Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“

Von Anne Möller

 

„Only for Girls“ lässt nichts aus, von den heutigen Schönheitsidealen, den Geschlechtsorganen, über hin zur Verhütung und zum großem Thema Frauenarzt wird alles angesprochen und präzise, sogar mit historischen Hintergründen, erklärt und einfühlsam vermittelt. An manchen Stellen vielleicht sogar etwas zu einfühlsam. Zwar deckt das Buch das ganze Thema Aufklärung komplett ab und bietet sogar für den verunsicherten Jugendlichen hinten im Buch ein Register mit Internetseiten und Telefonnummern von Beratungsstellen für die großen und kleinen Probleme, und auch sind besonders die Ansichten der anderen Jugendlichen sicherlich hilfreich, um festzustellen, dass man sich nicht als einziger so fühlt, jedoch wird sich ein annähernd aufgeklärter Jugendlicher schnell verunsichert fühlen, dass dauernd davon gesprochen wird, dass es nicht schlimm ist und er sich nicht verunsichert fühlen muss.

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert, um sich dem Thema zu nähern. Aber natürlich ist ein Aufklärungsbuch kein Sexratgeber - einiges muss der junge Mensch schon alleine herausfinden. Jedoch für bereits Voraufgeklärte oder selbstsichere Persönlichkeiten nicht so gut geeignet: Es könnte der Eindruck entstehen, dass - obwohl im Buch immer wieder erwähnt wird, dass sie normal sind – gerade sie nicht normal sind, weil sie nicht vor Panik alles falsch machen und dem Thema offen und schamlos gegenüberstehen.

„Only for Girls“, das sei trotz des Buchtitels angemerkt, ist ein Aufklärungsbuch, das auch ruhig die Jungs lesen sollten, um allgemeine Bildungslücken über den Zyklus der Frauen zu füllen und um das angebliche schwächere Geschlecht besser zu verstehen.

 

Elisabeth Raffauf:

„Only for Girls – alles über Liebe und Sex“

264 S., Euro 12,90

Beltz 2008

ISBN 978-3-407-75340-3

 

Hoch

 

 

 

Im Test mit jungen Lesern:

Die „Bibel in gerechter Sprache“

 

 (librikon) Natürlich haben wir die großen theologischen und übersetzerischen Fragen ignoriert und  uns beim Lesen ganz darauf konzentriert, ob junge Leser etwas anfangen können mit der „Bibel in gerechter Sprache“. Sofort natürlich war es ein Vergleich: Können sie mehr damit anfangen als mit dem, was sie sonst als Bibel kennen?

„Jeder Tag hat seine eigene Belastung.“ – sprach das mehr an als „Plage“? Ja, so war es. Der Einstieg ist für junge Leser denkbar günstig, wenn sie die Worte aus ihrem Leben wiedererkennen und nicht erst Bilder aus einer fernen Vergangenheit entstehen lassen müssen. Der Schwerpunkt auf „Gender“, auf Geschlechtergerechtigkeit, das ist ein Thema für Ergraute, sagten unsere Teenager-Testleser, aber wir fanden alle: Das Thema muss man gar nicht beständig im Hinterkopf haben.

Vor allem bringt dieser Bibeltext die Dramatik zurück. Die Heranwachsenden sehen ihre Fragen widergespiegelt. Beim Testlesen langer Passagen fanden sie, dass der Text plötzlich ganz genügt und konnten nicht verstehen, dass Predigende, um sich Jugendlichen zuzuwenden, anderes als die Bibel zitieren (Grönemeyer-Songs gehören da wohl gern ins Repertoire). Plötzlich ist zu erkennen: Die Bibel genügt ja vollauf! Stereotypen –auch von den Kirchen gut gepflegte – lösten sich zugunsten der Verständlichkeit auf.

Barrierefrei für junge Leser, so empfanden wir die „Bibel in gerechter Sprache“. Unser Testergebnis für Menschen ab 13: Eine wertvolle Horizonterweiterung.

 

Bibel in gerechter Sprache

Gütersloher Verlagsanstalt 2007

2400 Seiten, Euro 29,95

ISBN 978-3579055008

 

Hoch

 

 

Erschreckend: Erziehungscamps

Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:

"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot

Von Susan Müller

 

Lou ist alles andere als ein pflegeleichter Teenager. Gerade 15 Jahre alt, hat sie nicht nur flüchtig oder zufällig die Bekanntschaft mit Drogen gemacht, sondern dröhnt sich regelmäßig zu, und sie ist auch nicht sonderlich zuverlässig oder fleißig. Das veranlasst Lous Eltern zu einer drastischen Maßnahme, nämlich einem Erziehungscamp.

Schnell wird Lou bewusst, dass sie dort nicht bleiben will, ihr verursacht nicht nur das Essen Übelkeit, sondern auch die Art des „Ausbilders“ Patrik mit seinem selbstgefälligem fortwährenden Grinsen. Eine ihrer ersten Begegnungen hat sie mit Erwan, der ebenfalls ein Campinsasse, aber in Hungerstreik getreten ist, ob der Umstände im Camp, deren Hinterhältigkeit Lou noch nicht alle durchschaut hat. Klar ist nur: Bleiben will sie auf keinen Fall. Doch ihr Fluchtversuch misslingt. Den Campmitgliedern ist ein Chip implantiert, der sie immer und überall aufspürt. Lou versucht, sich danach zum Schein an die Gegebenheiten anzupassen, bleibt aber hellwach und auf der Hut.

Die Wanderung in einer Art Überlebenstraining kommt ihr zu Hilfe, um erneut mögliche Fluchtwege auszuspähen. Das Team, welches eigentlich aus den Schwestern Joanna und Samia, Erwan (der sich allerdings immer noch im Streik befindet)  und ihr besteht, muss sich als erstes seine Verpflegung selbst sichern, die von den Ausbildern irgendwo versteckt wurde. Es ist besser, man kommt den anderen Teams zuvor, denn es gibt keine Garantieansprüche. Lou und die Schwestern aber finden eine große Menge. Die Erleichterung darüber währt nicht lange, denn ein anderes Team versucht, ihnen gewaltsam die Essensrationen abzunehmen. Da naht unerwartet Hilfe, ausgerechnet durch Erwan. Er hat es sich angeblich anders überlegt, und sie gehen zu viert weiter, als es zu einem folgenschweren Unfall von Samia kommt, die an einer schmalen Wegstelle rutscht und den Abhang hinunter fällt. 

Die Ausbilder haben plötzlich alle Hände voll zu tun, damit das ja nicht publik wird, so dass sie auf nichts anderes achten. Die Aufregung legt sich auch nicht so schnell, denn der Absturz mit seinen Folgen endet für Samia tödlich. Das ermöglicht Erwan und Lou einen erneuten Fluchtversuch; vorher entfernen sie sich unter Schmerzen, aber sehr tapfer ihre Chips. Als Erwan Lou gesteht, dass er Samia am Abhang gestoßen hat, um von ihnen beiden abzulenken, ist Lou derart befremdet, dass sie ihn einfach stehen lässt und allein weitergeht. Während sie Schutz vor einem Gewitter sucht, beobachtet sie, wie Erwan von den „Alten“ geschnappt  wird und daraufhin vor aller Augen Selbstmord begeht. Total geschockt, aber mit beneidenswertem Willen schleppt sie sich weiter und trifft glücklicherweise  auf einen älteren Mann, der Lou ohne große Fragen  ins Krankenhaus bringt.

Das ruft Muna, einen Journalisten, auf den Plan, der sie sofort besucht und ihre Hilfe braucht, um die dunklen Machenschaften im Camp aufzudecken. Er berichtet ihr von seinen bisherigen Recherchen über das Camp und dessen Verwalter. Das überzeugt Lou schließlich, und sie tut sich mit ihm zusammen und eine nicht ungefährliche Jagd um die Aufdeckung der Geschehnisse im Camp beginnt.

Sie kommt vielen Geheimnissen auf die Spur, die das, was sie vorher im Camp erlebt hat, in einem anderen Licht zeigen. Lous mutiger Einsatz hat viele Folgen für alle Beteiligten.

Aufregend, spannend und doch erschreckend wird uns vor Augen geführt, welche Manipulationsmöglichkeiten es in der Zukunft geben könnte, und zu welchen erzieherischen Maßnahmen man greifen kann (bzw. bereits, wie aus den USA bekannt, tut). Es verschlägt einem regelrecht die Sprache, welche Methoden angewandt werden sollen, um Kinder aus einfachen und ärmeren Elternhäusern, die von vornherein als potentielle Straftäter eingeschätzt werden, zu "erziehen".

Dieses Buch regt zum Nachdenken an, denn wie der Autor sagt: „Eine verantwortungsvolle Gesellschaft hat die Pflicht, ihre schwächsten Mitglieder nach Kräften zu unterstützen...“ und nicht mit unzulässigen Mitteln deren Gedanken den eigenen, auch nicht sehr viel schöneren, anzupassen oder deren Persönlichkeiten zu unterdrücken. Und genau das versucht uns Johan Heliot, wunderbar umschrieben, durch sein Buch mitzuteilen.

(Ab 15)

 

Johan Heliot:

kaltgestellt - Kontrolle wider Willen

Aus dem Französischen von Maren Partzsch

Terzio 2008

223 S., 10,90.-

ISBN: 978-3898358835

 

Hoch

 

 

 

 

Alle Register gezogen

Ein neuer Thriller von Ilkka Remes

Von Andreas Drouve

 

Aaro, 14, besitzt ein sicheres Gespür dafür, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Der Fund eines Ausweises führt ihn auf das Kreuzfahrtschiff "Ocean Emerald", das im Hafen von Helsinki festgemacht hat. In der Hoffnung auf Finderlohn will er das Dokument seiner Besitzerin zurückgeben, doch die gehört zu einer Gruppe von Entführern, die den Luxusliner und auch Aaro in ihre Gewalt bringen. Die Kriminellen haben Sprengstoff an Bord versteckt, ändern auf hoher See den Kurs und folgen ihrem ausgeklügelten Plan. Die Rechnung haben sie allerdings ohne Aaro gemacht, den Sohn eines Anti-Terror-Spezialisten, der mit Technik und Tricks bestens vertraut ist.

Thrill und Action lassen keine Ruhe. Der finnische Autor Ilkka Remes zieht alle Register und hält den Spannungsbogen durchgehend zum Zerreißen hoch. "Operation Ocean Emerald" ist ein echter Pageturner mit überraschenden Wendungen und hohem Gefahrengrad: Die Nächte könnten kurz werden für junge Leser ...

 

Ilkka Remes:

"Operation Ocean Emerald"

Aus dem Finnischen von Stefan Moster

dtv 2008

313 S., Euro 8,95

ISBN 978-3423713030

Ab 14  

 

Hoch

 

 

Durchaus gefährlich

Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier

Von Susan Müller

 

OMNIA 3 – für unsere Romanheldin, die Polizistin Logicelle, der Inbegriff perfekter Computertechnik - doch von ihm soll eine tödliche Gefahr ausgehen. Ein bestimmtes Programm, das nur auf ihm läuft, forderte bereits 6 Todesopfer. Logicelles Kollege und väterlicher Freund eines anderen Departments bittet sie um Hilfe. Eine spannende, nicht ungefährliche Suche nach dem todbringenden Faktor, der zweifellos von dem Programm, das von den Opfern bedient wurde, ausgeht, beginnt. Mit viel Geschick und der Suche im Detail startet Logicelle ihre Ermittlungen. Die Computerfirma, die großes Interesse an der Aufklärung der Fälle hat, da sie einen Gerätefehler ausschließen möchte, stellt Logicelle einen OMNIA zur Verfügung. Ihr jugendlicher Kollege Max, der nicht nur an der Arbeit mit Logicelle interessiert ist, hilft ihr ebenso wie ihr älterer Mitstreiter. Schnell wird klar, dass auch Aufputschmittel eine Rolle spielen, die die Opfer zu längerer Konzentration benötigen.

Eindrucksvoll wird dem Leser beschrieben, welche aufregenden und phantasievollen  Darstellungsmethoden der Computer ermöglicht und Logicelle behutsam Schritt für Schritt vorwärts bringen. Die Sache ist durchaus gefährlich, bis sich der Lösungsansatz erschließt, dass die Opfer mit der Plünderung des virtuell dargestellten Schlosses in der Realität zu tun hatten. Ihre Gier nach einem Schatz sollte ihnen zum Verhängnis werden, denn derjenige, der dieses Programm verschlüsselt hat, will genau diese Habgierigen seine Rache verbüßen lassen.

Logicelle selbst konnte bisher den Risiken ausweichen, aber als sie auf das letzte Mosaiksteinchen der Lösung stößt und Max aus der Ferne um Hilfe bittet, der dafür an ihren Computer muss, schwebt auch Max in höchster Gefahr. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, bevor Max dem Computerspiel nicht mehr gewachsen ist, denn der Bediener wird mit Geräusch- und Lichteffekten in eine Art Ausnahmezustand des Körpers versetzt, dem dieser nichts mehr entgegenzusetzen hat und zusammenbricht. So wie es den Opfern ergangen ist.

Der Fall ist gelöst, der Täter, der sich für die Plünderung des real existierenden Schlosses rächen wollte, überführt. Dem Leser bleibt die Aufregung der so bildlich beschriebenen Aktionen auch nach Beendigung des Buches erhalten. Er wird Zeuge dessen, was die moderne Technik  über den Tod hinaus bewerkstelligen kann, denn der Täter ist selbst bereits vor einiger Zeit verstorben.

Für alle Computerfans ist dieses Buch ein phantasievoller Ausflug hinter die Kulissen, die ein Computer eigens seiner Technik und Programmierung möglich macht. Aufregend, faszinierend und spannend zugleich erzählt Christian Grenier die ungewöhnliche Bestrafung einer Ungerechtigkeit.

 

Christian Grenier:

"Drei & achtzig Gigabyte"

Aus dem Französischen von Maren Partzsch

Terzio 2008

190 S., Euro 10,90

ISBN 978-3898358804

 

Hoch

 

 

Für unsere Zeit in unserer Welt:

"Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik

Von Susan Müller

 

Semin ist 15 Jahre alt und verhält sich eher „untürkisch“: Kopftuch und ewige Gebete sind nichts für sie und machen sie manchmal sogar schläfrig. Eine Diskussion im Unterricht, die sie mit Canan, einer „Kopftuchträgerin“ führt, gibt den Ausschlag für eine Wendung in Semins Denken - Canan ist am Tag danach verschwunden. War Semin mit ihrer unerbittlichen Meinung daran schuld? Sie beginnt Canan zu suchen, ohne sich dass bewusst einzugestehen.

Vergangene Tage werden in die Erinnerung zurückgerufen: Früher waren Semin und Canan Freundinnen, das ist lange her. und doch ist es Semin unangenehm, dass sie Fragen von Canans Familie, die ihr freundlich gegenüber stehen, nur ausweichend beantworten kann. Nach dem Besuch vom Koranunterricht, von dem sie sich Auskunft erhofft, trifft sie auf eine ruhig und sachlich argumentierende Lehrerin und ein nettes Mädchen. Sie öffnet sich ein wenig der anderen Kultur, die ja auch die ihrer Familie ist. Als sie mit der Koranklasse auf einen Mitschüler trifft, mit dem sie sich in einen Disput verwickelt, steht für Semin fest, sie probiert das Kopftuchtragen aus. Ihr Vater versteht die Welt nicht mehr „Seidenhaar“, wie er immer zu Semin sagt: ´wenn das wieder einer deiner Scherze ist´, doch Semin macht keinen Spaß, sie geht damit zur Schule, was nun auch für Meli, ihre beste Freundin, Grund genug ist, sich von ihr abzuwenden. All das führt dazu, dass sich Semin mit ihren Wurzeln und dem Glauben auseinandersetzt.

Eine faszinierende Beschreibung über das Für und Wider, und wie sich Semin damit beschäftigt. Ebenso eindrucksvoll ist Canans Rolle, die sich hin- und hergerissen und dabei unverstanden und nicht ernst genommen fühlt, weder von den Klassenkameraden noch von ihren Eltern. In diesem Zustand taucht sie bei der Koranlehrerin unter.

Die Charaktere von Senim und Canan sind wunderbar einfühlsam mit ihren Denkweisen wiedergegeben, jede für sich ihrem Wesen entsprechend und verständlich.

Schlussendlich wird wieder einmal klar: Miteinander reden, ohne auf seinem eigenen Standpunkt zu beharren, ist ungeheuer wichtig und richtig. Die Autorin hat es verstanden, dem Leser neue Erkenntnisse ohne eine billige Gut-oder-Schlecht-Wertung zu vermitteln. Eine tolle Geschichte für unsere Zeit in unserer Welt.

 

Aygen-Sibel Çelik:

"Seidenhaar"

Ueberreuter 2007
144 S., EUR: 9,95

ISBN: 978-3-8000-5288-2

 

Hoch

 

 

Wie ein Kleeblatt zerfällt

In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“

Von Susan Müller 

 

Annika ist 16 und hatte es sich so schön vorgestellt, wenn ihre Cousine Gini mit ihrem Vater zu ihnen zieht - obwohl sie sie lange nicht gesehen hat und nicht viel von ihr weiß. Aber Gini wird Annikas Freunden schon gefallen! Ihre Freunde sind Steffi, Rüdiger und Jonas und gemeinsam sind sie als unzertrennlich: Als das Kleeblatt bekannt.

Gini verhält sicher aber bis auf ein Lächeln ab und zu sehr zurückhaltend. Sie interessiert sich auch nicht für den Baggersee, zu dem die Freunde bei der Hitze aufbrechen. Einzig die Geschichte, die mit einer hier ertrunkenen Frau zusammenhängt, lässt Gini aufhorchen. Deshalb ist sie am Baggersee dabei.

Ein heißer Tag. Als Gini mal in die Büsche verschwinden will, verzichtet Annika auf belehrende Bemutterung - und wird es bitter bereuen, denn Gini kehrt nicht zurück.

Eine verzweifelte Suche beginnt. Treibt sich ein Spanner am See herum? Ist sie vielleicht doch zur Abkühlung schwimmen gegangen? Kann sie schwimmen oder hat Annikas Onkel so heftig auf den Ausflug zum Baggersee reagiert, weil sie es nicht kann?

Kristina Dunker versteht es wie schon in „Schwindel“ prächtig, die Spannung über Ginis Verschwinden aufzubauen und zu halten. Wie viele quälende Gedanken kann ein „Kleeblatt“ ertragen, bis er sich gegenseitig zerfleischt? Steffis schwache Nerven suchen einen Zusammenhang zu Rüdigers Verhalten, der zurückhaltender ist als der Mädchenschwarm Jonas und öfter auch mal die Einsamkeit sucht. Hat er sich an Gini vergangen, weil er sonst zu schüchtern ist und manchmal Liebespärchen bespannt? Annika erfährt an diesem Nachmittag noch mehr über ihre besten Freund, und manches macht sie betroffen. Doch die Sorge um Gini lässt jetzt keine Zeit; und die Erschütterung durch eine Ausnahmesituation zeigt die Menschen blitzartig von einer ganz anderen Seite, ohne dass gleich Konsequenezn gezogen werden können. Das Spiel muss weitergehen, auch ohne Glauben an eine Zukunft. Beste Thrillermanier!

Einfühlsam und nachvollziehbar erfährt der Leser, wie schnell falsche Verdächtigungen in losen Zusammenhängen eine Freundschaft zerstören, die bisher für unverwüstlich gehalten wurde. In Krimistimmung spüren wir, was Vertrauen und Versprechen bedeuten. Denn Rüdiger konnte nur derart ins Kreuzfeuer geraten, weil er Gini versprochen hatte, nichts über ihr Weggehen zu sagen, und dieses Vertrauen wollte er nicht missbrauchen.

Die Aufregung und die Geschichte selbst nehmen insofern ein gutes Ende, dass … jetzt verarten wir nichts, aber doch so viel: Die langjährige Freundschaft des Kleeblattes verträgt die Unterstellungen während der letzten Stunden nicht. Ginis erleichterter Vater muss eine Bedingung erfüllen, er muss die Wahrheit über den Tod seiner Frau, Ginis Mutter, und den Zusammenhang zu der ertrunkenen Frau klären.

Atemlos fiebern wir dem Geheimnis entgegen, das die Erwachsenen bisher nicht lüfteten.

Und die Moral von dem Thriller: Nicht nur ein Sommergewitter reinigt die Luft, sondern auch ein klärendes Gespräch. Würden junge Erwachsene nicht immer und angeblich zu ihrem eigenen Schutz wie Kinder behandelt, blieben manche Angst, Aufregung und Unsicherheit erspart, und sie kämen nicht auf die Idee, falsche Schlüsse zu ziehen.

Wenn auch ein Kleeblatt zerfallen ist und kein glückbringendes vierblättriges mehr ist, ist in dieser Gemeinschaft doch endlich gesagt worden, was sich schon länger angestaut hat und wohl gesagt werden musste.

Wieder ein absolut gelungenes und empfehlenswertes Werk mit vielen Facetten zu dem Thema, wie ein Kind geformt und zum Erwachsenen wird.

(Ab 14)

 

Kristina Dunker:

Sommergewitter
dtv 2008
176 Seiten, Euro 6,50
ISBN 978-3-423-78197-8
 

Hoch

 

 

Blitzableiter der Familie, Modell für einen Maler

Ivy in "Die Göttin aus der Paradise Row"

Von Susan Müller

 

„Göttin“ – ein Begriff bereits im Titel des Romans, der neugierig macht. Ich verbinde diesen Begriff mit etwas wunderbarem, außergewöhnlichem, schönem, vielleicht auch geheimnisvollem, eben etwas Göttlichem. Doch von göttlich ist die Romanfigur Ivy weit entfernt (anfangs), weder ihr Leben noch ihr Äußeres sind wirklich göttlich. Wäre sie einigermaßen gepflegt, ließe ihre Erscheinung eventuell darauf schließen, denn sie hat flammendrote Haare und einen blassen, vornehmen Teint.

Ivy wächst in einem ärmlichen Haushalt von Tante und Onkel mit Cousins und Cousinen auf, die wie sie, die ja erst 5 ist, alle zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Sie trägt deren abgelegte Sachen und isst kein Fleisch, besser gesagt, nichts, was einmal ein Gesicht hatte. Sie ist für die meisten der Familie der Blitzableiter.

Doch eines Tages verläuft sie sich und fasst Vertrauen zu der rothaarigen Frau, die ihr begegnet und ihr Orange anbietet, so dass sie ihr schließlich folgt. Die Frau, Rotkopf-Kate genannt, aber benutzt Ivy, um sie zum Stehlen anzuleiten und missbraucht sie ab sofort für den „ungeheuren großen Plan“. Manche dieser Raubzüge bereiten Ivy schlaflose Nächte. Rotkopf-Kate gewöhnt Ivy an Laudanum, einen Opiumsaft, der Ivy in Zukunft begleiten wird.

Da uns manche Veränderungen in Ivys Leben verborgen bleiben, finden wir uns nach einem abrupten Kapitelschluss in einer neuen Kulisse wieder. Der Übergang bleibt uns zwar versagt, aber wir finden uns plötzlich gemeinsam mit Ivy wieder im Kreis ihrer Familie und deren Fängen wieder, als der entscheidende Wandel in Ivys Leben bevorsteht.

Oscar Frostwick, ein Maler, frustriert, kein geeigneteres Modell für seine Künste zu haben als seine Mutter, rennt gerade aufgebracht einem Marktjungen hinterher, als er fasziniert innehalten muss. Seine Suche scheint eine Ende zu haben, als er sie sieht: „Eine Göttin. Ein Engel. Eine Perle vor den Säuen.“ Ivy wird, nicht zuletzt durch das Drängeln ihrer Familie, das Modell des Malers Frostwick. Nicht ahnend, damit die Eifersucht von dessen Mutter derart anzustacheln, dass diese Ivys Laudanumsucht nicht nur durchschaut, sondern gegen sie einsetzen wird, um sie ein für alle mal loszuwerden. Es ist schon erstaunlich, zu welchen Taten, die von überfreundlich bis gefährlich reichen, eine Mutter fähig ist, die mit geradezu Affenliebe an ihrem Sohn hängt.

Was aus Ivy wird? Sie hat jetzt einen „ungeheuer großen Plan“. Das Nachwort lässt Raum für Phantasie: „Einige der Malermodelle waren normale Mädchen, die von der Straße kamen und deren Aussehen ihnen dazu verhalf „Göttinnen“ genannt zu werden. Ihr Äußeres war bekannt, aber „ihr Leben können wir uns nur ausmalen.“

Ein empfehlenswertes Buch mit historischem, nachdenklichem und humorvollem Hintergrund.

(Ab 13)

 

Julie Hearn:

"Die Göttin aus der Paradise Row"

Aus dem Englischen von Christa Holtei

dtv 2007

432 S., Euro 11, 95

ISBN 978-3423712415

 

Hoch

 

 

Bedrückende Stimmung

Ein Psychothriller der Extraklasse

Von Andreas Drouve

 

Die Leiche eines Schülers in einer Bauruine, ein mysteriöses Tagebuch auf dem Bauch. Ist Felix erniedrigt, gequält, zu Tode geprügelt worden? Für die Kommissarin, deren Name unbekannt bleibt, ist der Fall alles andere als Routine. Sie weiß, dass Felix' Freunde Tobias, Heiko und Marc die Wahrheit wissen, doch die drei streiten alles ab - bis sich die Schlinge immer fester zuzieht. Autor Christoph Wortberg setzt schnelle Schnitte an, verzichtet auf sprachliche Schnörkel und transportiert über die eingestreuten Tagebucheinträge eine bedrückende Stimmung. Ein Psychothriller der Extraklasse, samt überraschender Wendung kurz vor Schluss. Ab 13 Jahre, vorausgesetzt, man hat starke Nerven!

 

Christoph Wortberg:

"Die Farbe der Angst"

Thienemann Verlag 2008

140 S, Euro 9,90

978-3522180788

 

Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

 

Hoch

 

 

Nicht in die Mühle geraten

Dank Turgenev

 

(librikon jeunesse) Derweil die Strategen in den Kinderbuchverlagen bei jedem Cover überlegen, ob es denn auch für „junge Erwachsene“ (sie meinen natürlich „verblödete Kids“) geeignet ist, derweil sie einen Fantasy-Schrott nach dem anderen so wahnsinnig klug verpacken, sind wir doch längst bei den manesse-Büchern angekommen. Wem die Umschläge noch zu poppig sind, der nimmt sie ab und hat ein kleines, graues Buch in der Hand – sagen wir und empfehlen wir heiß: Ivan Turgenev: „Aufzeichnungen eines Jägers“. Das ist Understatement und Angeberei zugleich. Aber absetzen müssen wir uns ja von den fehlgeleiteten Interessen der Blitzmerkersociety mit ihren lächerlich niedrigen Bildungsansprüchen. Wir haben ja bemerkt, dass die G-8-und anderes Durchprügler nicht einmal den Schimmer einer Ahnung haben, wer Turgenev gewesen sein könnte. Zweifeln Sie dran? Na also.

Dass Turgenev auf dem Buch nicht Turgenjew geschrieben wird, liegt an den Freaks unter den älteren Übersetzern, die auf „wissenschaftlicher Transkription“ bestehen, d.h. die kyrillischen Buchstaben möglichst genau in lateinische übertragen. Ausgesprochen wird er Turgenjew (für die, die in einer Buchhandlung bestellen wollen). Die „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind ganz kurze Erzählungen, in denen Turgenev versucht, Typisches der einfachen russischen Bauern festzuhalten. Das war zugleich auch Kritik an den herrschenden Verhältnissen; die Adligen lebten gut damit, die Bauern als ungehobelte Halbprimaten anzusehen, um sie gewissenloser ausbeuten zu können – ganz nach dem Muster, wie es die Pensionisten heute mit uns machen.

Doch Zorn beiseite: Turgenevs Jäger in dem Buch ist ständig auf Achse, ein road movie der Extraklasse. Aus dem Staub machen, in alle Himmelsrichtungen verwehen. Nicht in die Mühle geraten: „Uns unterdrücken heute andere Herren; aber ohne das geht es ja offenbar nicht. Wo es Mehl gibt, muß gemahlen werden.“ Schulhof? Bachelor? Rentenkasse? Turgenev!

(Ab 15)

 

Ivan Turgenev:

"Aufzeichnungen eines Jägers"

Aus dem Russischen, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Peter Urban

manesse Verlag 2007

704 S., Euro 24, 90

ISBN-13: 978-3717520580

 

Hoch

 

 

Kein Girls' Day

Detektivin Maisie Dobbs

 

(librikon) Die meisten Krimihelden sind verstaubt, die neueren etwas für Weinglasschwenker, die am Feierabend entspannen wollen. Häuschen mit Garten und so, und sonntags den „Tatort“, am besten noch in einem Lokal mit Gleichgesinnten….Aber da gibt es „Maisie Dobbs“ – es ist ihr zweiter Fall, aber eigentlich der, der zum Einstieg gut ist. Weil man etwas von Maisie Dobbs’ Vergangenheit erfährt, wie sie aufgewachsen ist im London um 1910 und wie sie dann vom Hausmädchen zu einer Detektivin mit eigener Detektei wurde. Da kann man eine Frau kennenlernen, die wirklich einen selbständigen Weg gegangen ist und nicht einen, der ihr von einer von amtswegen ernannten Emanzipationsbeauftragten vorgeschrieben wurde. Maisie Dobbs’ Leben ist kein Girls’ Day. Ein reicher Herr –Christopher Davenham-  will seine Frau beschatten lassen, er wittert Ehebruch (das gab es damals noch), Maisie Dobbs nimmt die Ermittlungen auf, indem sie der Ehefrau folgt – eine Frauenfreundschaft erwächst daraus, so dass der Fall sich schnell lösen lässt. Es geht nämlich um Unglück und Einsamkeit. Maisie Dobbs’ Methoden sind klassisch und sehr exakt geschildert: Notizblock, alles genau notieren, Querverbindungen herstellen. Gute Kinderkrimis kann man gut im Hinterkopf haben, und jetzt werden sie zusammen mit einem selber erwachsen.

Maisie Dobbs’ Grips wird durch Billy Beales Handfestigkeit ergänzt, ein Mann, gröber als Miss Marples Mr Stringer, aber genauso treu. Maisie Dobbs’ Welt ist vom Ersten Weltkrieg beherrscht, und das hilft, auch in Zeiten der als notwendig gepredigten Kriege (wie immer alle Kriege zur Notwendigkeit erklärt werden) zu merken, wie zerstörerisch Krieg in Wahrheit ist. Wer verspricht den Typen, die zur Bundeswehr gehen und dann nach Afghanistan, dass sie nicht wie Mrs Davenhams Ex-Geliebter, Vincent Weathershaw, halbtot und mit zerfetztem Gesicht aus dem Krieg zurückkommen? „Maisie Dobbs – Das Haus zur letzten Ruhe“ ist auch ein Anti-Kriegsbuch. Zwischen all den gescheiterten Helden tut eine wie Maisie Dobbs doppelt gut. Sie stellt sich nicht nur hin und nennt Täter, sie übernimmt Verantwortung. Das Gegenteil von den meisten, die im Moment die Fahnen schwenken. Mehr Maisie Dobbs’, mehr von Maisie Dobbs!              

 

Jacqueline Winspear:

„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe"

Wunderlich 2007

416 S., Euro 12,90

ISBN-13: 978-3805208192 

 

Hoch

 

 

Die Bedeutung des Miteinander-Redens

Josephine Kroetz' Debutroman

Von Susan Müller

 

"Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich bloß in ihr zurechtfinden" - ein anspruchsvoller Titel für ein Buch, das Seite um Seite bestätigt: Der Mut zu einem so vielsagenden Satz ist gerechtfertigt, und wie absolut zutreffend er ist, wird vor den Lesern auf erzählerisch kunstvolle Art entfaltet.

Wir befinden uns in dieser „Geschichte für Scheidungskinder“ (so der Untertitel) in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das nicht nur ihres Zeitalters wegen, sondern hauptsächlich in Bezug auf die Art, wie die Menschen in ihnen leben. Eindrücklich wird genau dies geschildert; ein spannendes Unterfangen, das der Autorin Josephine Kroetz gelingt. Und wie: Dem häufigen Dilemma literarischer Werke, die auf zwei Ebenen spielen, erliegt der Roman nicht. Man muss nicht ständig geistig hin und her springen, in Sorge, den Faden zu verlieren und irgendwann die Lust, dem Ganzen noch zu folgen. Nein: Josephine Kroetz versteht es wunderbar, einerseits die Zeit im Alten Griechenland und das Heute zu teilen, aber andererseits auch verschmelzen zu lassen.

Unsere Romanheldin Lü ist eigentlich mit dem Leben in der Antike gar nicht zufrieden. Der Vater ist streng, und Frauen haben keine Rechte, sondern eine Menge an Pflichten, und Vergnügungen, wie vielleicht Theaterbesuche, sollen ihnen gleich gar nicht vergönnt sein. Was aber, wenn genau das – ins Theater zu gehen! - das junge Mädchen furchtbar reizvoll findet? Mit Phantasie und Einfallsreichtum kann sich Lü, verkleidet als junger Mann, ins Theater schleichen, nur leider kommt eines Tages der Vater dahinter. Die Strafe lässt Lü krank werden, und ihr einziger Ausweg ist Zeus, dem sie ursprünglich nur ihr Herz ausschütten will, der sie aber direkt als geeignet für eine Aufgabe im 21.Jahrhundert befindet. Und ehe Lü sich versieht, findet sie sich in dem fremden Zeitalter wieder. Sie hat Eltern, einen Bruder und eine beste Freundin. Dass sie sich erst zurechtfinden muss, schieben die Menschen an ihrer Seite auf einen Sturz mit Kopfverletzung, den sie in „dieser“ Welt gerade erlitten hatte. Mit ihrem kleinen Bruder Davinci hat sie jemanden, der sich geduldig um Erklärungen für Lü bemüht. So fängt sie an, sich im 21. Jahrhundert wohlzufühlen … denn das allerbeste ist, dass das Theater hier nicht verboten ist!! Lü kann es besuchen, wann sie will, und sie lernt dort auch noch den süßen Patrick kennen.

Leider hält die anfängliche Familienidylle dem Alltag nicht stand, ihr Vater als Lehrer versucht einem „Problemfall“ zu helfen, das geht für ihn nach hinten los und kostet ihn letztendlich seinen Job. Ihre Mutter kümmert sich um die häuslichen Belange, ihr Mann bezieht sie aber kaum ein in seinen Berufsalltag, sie wird immer unzufriedener in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Die Streitereien zwischen beiden werden häufiger, was sich auf die allgemeine Stimmung daheim überträgt. Jeder versucht für sich die Situation zu meistern. Lü hat Glück, sie bekommt für ihr Seelenheil Hilfe der Götter. Die kümmern sich darum, dass Patrick und Lü sich ineinander verlieben.

Lüs Mutter kehrt wieder in ihren Beruf als Journalistin zurück. Keine Lösung, im Gegenteil. Neue Reibungspunkte, noch mieser Stimmung. Als Lü sich ihren Kummer von der Seele schreibt, scheinen auch die Eltern zu verstehen. Sie entschließen sich zur Trennung, entdecken neue Werte, und auch miteinander können sie plötzlich wieder umgehen. Lüs Aufgabe scheint erfüllt. Und damit ist eigentlich auch klar, dass sie ins Alte Griechenland zurückkehren muss. Ihr wird immer mulmiger, denn sie möchte sich von niemandem hier trennen. Schon gar nicht von Patrick. Alles ist programmiert, meint man, aber Lü wird von dem für sie verantwortlichen Gott nicht im Stich gelassen. Als alles zu Ende scheint und ihre Aufgabe gemeistert, ermöglicht er ihr mit einem Trick das Verbleiben im 21.Jahrhundert.

Josephine Kroetz vermag es, den Leser zu fesseln und ihm bildlich die Gegensätze zweier Welten zu vermitteln. Sie schiebt die Bedeutung der Kommunikation - des Miteinander-Redens -, in den Mittelpunkt und verdeutlicht sie in den beiden, obschon so weit voneinander getrennten Epochen. Schlussendlich ist es so einleuchtend: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden“

(Ab 15)

 

Josephine Kroetz:

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für Scheidungskinder“

Rowohlt 2008

204 S., Euro 7,95

ISBN-13: 978-3499623264

 

Hoch

 

 

Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg von Heidi Klum

 

(librikon) Das Leben hält so viel Wunderbares bereit, von dem man dringend träumen sollte. Es hält so viel Echtes bereit, wenn man ihm mit Persönlichkeit begegnet. Also ganz weit weg von Heidi Klum und dem Ausverkauf aller Träume… ganz nah daran, was das Leben wirklich goldener machen könnte: „Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès“, ein Buch mit Photos (schwarzweiß natürlich) von Walter Vogel. Zum In-die-Bilder-Hineindenken. Dabei sind in dem Buch noch kurze Texte von Dichtern, die es Spaß macht zu kennen. Was eben wirklich schön ist am Leben!   

 

Walter Vogel:

„Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès“

ars vivendi 2007

128 S., Euro 16,90

ISBN-13: 978-3897165076

 

Hoch

 

 

Der Mond, die Tiere

Silvia Schopf schreibt darüber, wie verschiedene Völker mit dem Tod umgehen

Von Andreas Drouve

 

Eine Lesereise in den Tod ist das Buch "Wie der Tod in die Welt kam" und richtig etwas für Leser ab 14! In einer sorgsam zusammengestellten Auswahl an nacherzählten Stoffen reißt uns die Journalistin Sylvia Schopf mit ins Jenseits, in jene andere Welt, vor der man eigentlich gerne die Augen verschließt. Dabei sieht es dort gar nicht so schlecht aus, wie die aus Bolivien überlieferte Erzählung "Im Haus der Toten" nahe legt: ein Haus, aus dem Lachen und fröhliches Rufen dringt, wo man Maisbier trinkt und es auch sonst an nichts mangelt. Und "Bei den Totenseelen" aus Chile lässt man es nachts so richtig krachen mit ausgelassenen Festen. Schade, dass man als Lebender einen fürchterlichen Geruch verströmt, nicht so recht mitfeiern kann und beim verstorbenen Partner ins Leere greift. Da freut man sich richtig auf die Anderswelt ... "Wie der Tod in die Welt kam" ist ein Kleinod der Kulturgeschichte, das den Zauber der alten Mythen und Legenden verdichtet. Ingesamt acht der etwa 50 Geschichten hat Sylvia Schopf aus Lateinamerika ausgewählt, darunter "Der getötete Tod" aus Brasilien, der mit dem Fluch von Wubá, dem Herrscher des Todes, endet. Ebenso lesenswert sind "Die Grille war zu schwer" (aus Ecuador), "Die Verlockungen der Welt" (aus Brasilien) und "Wie die fünfte Sonne entstand" aus dem reichen Erzählschatz der Azteken. Gleichnischarakter trägt die brasilianische Überlieferung "Der Falsche wird begrüßt", bei dem der Große Geist, der alles erschaffen hat, den Menschen ewiges Leben schenken will. Diese jedoch sind zu ungeduldig. Sie empfangen und bewirten den Tod in trügerischer Menschengestalt, während sie den Großen Geist mit Nichtbeachtung strafen. Und damit ist das Schicksal des Menschengeschlechtes besiegelt.

Die Lesehappen kommen wohl dosiert daher und schmecken nach mehr. Interessant sind auch die mit den märchenhaften Erzählstoffen verwobenen Sachblöcke, in denen Autorin Schopf mit Themen wie Tieren als Todesboten, dem Schlaf als kleinen Todesbruder und dem Mond als Sinnbild für Leben und Tod vertraut macht. Religionsethnologe Josef Franz Thiel, vormals Direktor des Museums für Völkerkunde in Frankfurt am Main, beschließt den sorgsam illustrierten Band mit Betrachtungen zum "Leben danach". Was auf das irdische Dasein folgt, ist letztendlich Glaubenssache ...

 

Autorin: Silvia Schopf

Titel: Wie der Tod in die Welt kam. Mythen und Legenden der Völker

Verlag: Herder 2007

191 S., Euro 16,90

Bestellnummer: ISBN 978-3451296055

Lesealter: Ab 14

 

Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

 

Hoch

 

 

Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu glauben

Kristina Dunker hat den Thriller "Schwindel" geschrieben

Von Susan Müller

 

Die erste Liebe mit Schmetterlingen im Bauch und diese Freude, die man eigentlich immer nach außen hin zeigen möchte. Und dann die Erlaubnis der Eltern, einige freie Tage mit dem Jungen seines Herzens zu verbringen. Das ist für unsere Romanheldin gar nicht so selbstverständlich, nicht weil sie zu jung wäre, sondern weil sie unter Panikattacken leidet, die sich als Schwindelanfälle äußern und wegen denen sie auch behandelt wird.

Für alle Fälle hat sie immer ihr Tagebuch dabei, dem sie sich in allen Lebenslagen anvertraut.

Doch was traumhaft werden soll, beginnt schon katastrophal mit der Verspätung des Zuges, was für unsere Titelfigur bedeutet, alle Anschlusszüge sind auf und davon. Sie redet sich gut zu und versucht auch die Ruhe zu bewahren, als ihr Freund ihr erklärt, sie nicht abholen zu können, da er sich verletzt hat. Mit viel Mut und sich selbst gut zuredend, steuert sie den Weg zu Fuß an, durch den Wald und im Dunkeln. Bei einer kurzen Rast wird sie Zeugin einer Schlägerei, d.h. wie ein Junge verprügelt wird. Sie versteckt sich und in ihrer Angst eilt sie auch nicht zu Hilfe, sondern hofft, nicht entdeckt zu werden. Sofort, als die Schläger verschwunden sind, Begibt sie sich zum Opfer und bietet ihre Hilfe an. Dies wird aber abgelehnt und so geht sie weiter. Ihre innere Unruhe lässt sie aber nicht los, und sie muss sich ihrem Freund mitteilen. Dessen Stimmung schlägt aber sofort um und beunruhigt sie. Zu allem Überfluss hat sie jetzt noch ihren Halt, das Tagebuch verloren, aber selbst als ihr Freund mit ihr sucht als Wiedergutmachung für sein abweisendes Verhalten, bleibt es verschwunden.

Sie lernt die Clique ihres Freundes kennen und erkennt in ihnen die Täter, außerdem liest sie in der Zeitung vom Verschwinden eines Mädchens. Ihr wird das alles unheimlich, aber sie will durchhalten und erinnert sich an die Worte ihres Psychologen, der auch eine Art Freund und Vertrauensperson für sie ist und besiegt ihre Angst immer wieder aufs Neue. Bis ihr Tagebuch in Form von Auszügen auftaucht und sie sich fragen muss, wem sie vertrauen kann. Steckt gar einer aus der Clique dahinter? Wer will sie vertreiben? Und welchen Zusammenhang gibt es zum Opfer der Schlägerei? Ist dieses gar nicht so unschuldig? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie eines Abends über die Leiche der Vermissten stolpert und selbst in Gefahr schwebt.

Ein unheimlich packendes Buch, von Freundschaft, Wahrheit, Lüge und einer Reihe von Verkettungen unglücklicher Umstände. Es ist schwer für den Leser, es aus der Hand zu legen, bis er alle Hintergründe kennt, denn ständig geraten andere unter Verdacht. Die Romanheldin zeigt, was in ihr steckt, wie sie ihre eigenen Ängste besiegt und wie schnell sich die große Liebe in ein Strohfeuer verwandeln kann. Und wie viel es bedeutet, an sich selbst zu glauben!

Sobald sie das tut und stark ist, braucht sie die Hilfe von dritten schon bald nicht mehr so oft.

 

Autorin: Kristina Dunker

Titel: Schwindel

Verlag: dtv 2007

237 S., Euro 6,95

Bestellnummer: ISBN 978-3423782197

Lesealter: Ab 15

 

Hoch

 

 

   
 

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