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Einspruch!

 

 

 

Eine Frage der Kultur

 

 

 

Kleiner Simpl

 

 

 

 

 

Inhalt dieser Seite

 

 

 

Sedgwick, Marcus:

Weiß wie Schnee, Rot wie Blut

 

 

 

Ob das Wichtigste wirklich die Suche nach ihrem Vater ist?

Edgar Rai: Salto Rückwärts

 

 

 

„Kafkas Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich

Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“

 

 

 

Selbstzerstörung, lustig Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte

 

 

 

Der dunkle Punkt des Unfalls

Jiro Tanguchis „Bis in den Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück.

 

 

 

Gefühlschaos Sara Zarr: “Long-lost friend”

 

 

 

Berauschend!

Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“

 

 

 

Viele verschiedene Arten der Liebe

Jenny Valentine: "Wer ist Violet Park?"

 

 

 

Worüber keiner spricht

 

 

 

Den Kampf des alltäglichen Überlebens

"Worüber keiner spricht" von Alan Stratton

Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids

Allan Stratton: "Chandas Krieg"

 

 

 

Auf abenteuerlicher Spur eines Rätsels – nach sich selbst

Erik L’Homme: „Phaenomen“

 

 

 

Thriller mit psychologischem Tiefgang

Kristina Dunkers "Vogelfänger"

 

 

 

Genau angepasst an das Alter der Sechstklässler

Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“

 

 

 

Verschiedene Definitionen von Liebe

Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“

 

 

 

Von innen heraus - gefühlvoll und informativ

Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“

 

 

 

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert

Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“

 

 

 

Im Test mit jungen Lesern:

Die „Bibel in gerechter Sprache

 

 

 

Erschreckend: Erziehungscamps

Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:

"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot

 

 

 

Alle Register gezogen

Ein neuer Thriller von Ilkka Remes

 

 

 

Durchaus gefährlich Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier

 

 

 

Für unsere Zeit in unserer Welt: "Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik

 

 

 

Wie ein Kleeblatt zerfällt In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“

 

 

 

Blitzableiter der Familie, Modell für einen Maler

Ivy in "Die Göttin aus der. . .

 

 

 

Bedrückende Stimmung Ein Psychothriller der Extraklasse: "Die Farbe der Angst"

 

 

 

Nicht in die Mühle geraten

Dank Turgenev

 

 

 

Kein Girls' Day

Detektivin Maisie Dobbs

„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe" von Jacqueline Winspear

 

 

 

Die Bedeutung des Miteinander-Redens

Josephine Kroetz' Debutroman: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für Scheidungskinder“ von Josephine Kroetz

 

 

 

Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg von Heidi Klum

"Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès!" von Walter Vogel

 

 

 

Der Mond, die Tiere

Silvia Schopf schreibt darüber, wie verschiedene Völker mit dem Tod umgehen: "Wie der Tod in die Welt kam"

 

 

 

Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu glauben: "Schwindel" von Kristina Dunker

 

 

 

Für Meeresfans!

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“

Von Anne Spitzner

 

 

 

„Hab ich genug geschrien?“

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Von Iris Kersten

 

 

 

Weder Held noch Erfolgsstory - ein ungewöhnlicher Entwicklungsroman Oscar Hijuelos: „Runaway“

Von Ada Bieber

 

 

 

Jede der Vier Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Von Julia Schneider

 

 

 

Wenn Auschwitz unabwendbar ist: Ein beeindruckendes Jugendbuch über den Wert des Lebens. Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

Von Ada Bieber

 

 

 

Ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Von Bettina Meinzinger

 

 

 

Roadmovie-Roman mit Gesellschaftskritik Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Von Ada Bieber

 

 

 

Düstere deutsche Dystopie Daniel Höra: „Das Ende der Welt“ Von Sarah Kassem

 

 

 

Leichte, aber doch ganz hübsche Unterhaltungsliteratur Ali Shaw: "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" Von Bettina Meinzinger

 

 

 

Viel Aktion und unerwartete Wendungen Katja Brandis & Hans-Peter Ziemek: Schatten des Dschungels

Von: Anne Möller

 

 

Darf im Bücherrregal nicht fehlen!

Katrin Bongard: Kissing

Von Susan Müller

 

Emmy hat ein neues Projekt. Sie möchte ihren besten Freund verkuppeln und zwar mit einem Jungen. Denn sie weiß seit langem, dass sie selbst bei ihrem Freund Julian keine Chance hat, er ist homosexuell. Bisher soll es geheim bleiben und so spielen sie und Julian ein verliebtes Paar und knutschen schon mal in aller Öffentlichkeit. Um Julian aber auf die Sprünge zu helfen und sich zu verlieben, veranstalten ihre Freundin Fiona und Emmy eine Party. der Fiona der Meinung war, die Info im Campus ausgehängt zu haben, wo nur die Homosexuellen sie lesen. Sehr zum Leidwesen der beiden Mädels erscheinen unter anderem zwei süße Typen, bei denen es Schade ist, dass sie nicht auf Mädchen stehen. Noah und Leo. Kolja ist auch da, aber bei dem ist seine Vorliebe bekannt. Julian fällt der gutaussehende Typ Noah auch auf. Vielleicht kann es doch etwas werden. Aber da er sich scheut, sich zu outen, und jeder denkt, er und Emmy seien ein Paar, geht es eher langsam los. Fiona wiederum ist ungeheuer traurig, dass Leo schwul sein soll, aber das regelt sich recht schnell. Dafür dauert es seine Zeit bis Emmy erkennt, dass Noah keineswegs auf Jungen steht und sich eher ihr hingezogen fühlt. Emmy bringt es aber nicht übers Herz, Julian die Wahrheit zu sagen. Der hat seinen Eltern reinen Wein eingeschenkt und wohnt vorübergehend bei Emmy und ihrer Mutter. Emmy hingegen möchte ausziehen und bekommt das Zimmer von Ruth, ehemalige Mitbewohnerin in Fionas WG. Der waren die vielen Partys dort ein Dorn im Auge. Emmys Eltern gehen getrennte Wege und ihre Mutter hat Phasen, in denen man merkt, dass sie es noch nicht verdaut hat. Als Emmy mit Noah unterwegs ist und einen wundervollen Abend am See genießt, platz ein Anruf von Julian in diese Romantik. Emmys Mutter ist gestützt und im Krankenhaus, gut, dass Julian bei ihnen wohnt. Julian nichts von Noah erzählt zu haben und nun der Sturz ihrer Mutter, während sie mit Noah zusammen war, sind für Emmy schlechte Omen. Sie trennt sich ohne Erklärung mit dem Satz: „Es war ein Fehler“, noch auf dem Krankenhausflur von Noah.

Noah versucht aber den Kontakt zu halten und gerät an Julian. Dieser erfährt nun von Emmy und Noah als Paar und ist sehr verletzt. Er zieht aus Emmys Elternhaus aus und möchte sie eine Weile nicht sehen. Noah beschließt derweil zurück nach Hamburg zu gehen. Emmy und er treffen sich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung wieder, auf der er den Lover von Julian spielt. Es bleibt eine sehr verzwickte Situation, die nicht gelöst wird. Katrin Bongart beschließt ihren Roman mit der Aussicht auf Versöhnung, in dem Kolja, der schon lange in Julian verliebt ist, Emmy helfen soll und mit ihr nach Hamburg fährt. Im Gegenzug soll Emmy ihm helfen, dass er und Julian sich besser kennenlernen. Der Leser bleibt gespannt und sollte sich schon jetzt auf die Fortsetzung von Kissing, Kissing more, freuen. Beide Bücher dürfen im Bücherregal für junge Erwachsene nicht fehlen.

 

Katrin Bongard:

Kissing

Oetinger 2014

256 Seiten, Euro 8,95

ISBN 978-3423782814

 

 

Hoch

 

 

 

Absolut empfehlenswert

Kristina Dunker: Bevor er es wieder tut

Von Susan Müller

 

 

Vincent hat sich gerade von seinen Freunden verabschiedet, als er mit seinem Rad nach Hause fährt. Er entdeckt dort unten im Wasser ein menschliches Wesen. Ist das Kim? Sie wird seit Tagen vermisst. So schnell er kann ist er bei ihr. Kims Bekleidung ist zerrissen und sie selbst schaut apathisch durch ihn hindurch. Das Einzige, was Vincent in ihren Bewegungen erkennt, ist, dass sie sich eigentlich nicht anfassen lassen will. Vielleicht möchte sie nicht einmal gerettet werden. Bei dem Versuch, sie an Land zu ziehen, rutscht sie ihm unter den Händen weg. Vincent gibt nicht auf. Als er sie endlich am Ufer hat, ruft er den Krankenwagen. Der kommt gleich in Kombination mit der Polizei und Vincents Vater. Vincent hat nichts mit Kims Entführung zu tun, aber die vielen Fragen muss er über sich ergehen lassen. Hauptsache ist ja erstmal, sie ist wieder da.

Johanna wollte nie wieder an die schlimme Zeit in ihrem Leben erinnert werden, aber nun ist diese Kim verschwunden. Soll sie schweigen? Zufällig trifft sie am Ort, wo Kim gefunden wurde, Vincent. Sie traut den Menschen nicht mehr, aber Vincent gibt auch jetzt nicht auf. Sie treffen sich nun häufiger und Johanna kommen immer mehr die Erinnerungen an den Gärtner. Sie hat doch nur das Haus gehütet als die Eigentümer verreisten. War denn ein Bikini im Garten bei äußerster Hitze so falsch?

Je mehr sie mit Vincent zusammen ist und sich vergegenwärtigt, dass ihr Schweigen Kim zum nächsten Opfer gemacht hat, desto öfter will sie reden. Bis sie es dann tatsächlich schafft. Nicht nur sie fühlt sich anschließend wieder freier.

Kristina Dunker hat wieder einen fesselnden Roman geschrieben, den man in einem Zug lesen möchte. Sie beschreibt nicht nur die Tatsache, wie schnell etwas passieren kann, sondern die Scham der Opfer, sich zu öffnen. Absolut empfehlenswert.

 

 

Kristina Dunker:

Bevor er es wieder tut

dtv 2014

256 Seiten, Euro 8,95

ISBN 978-3423782814

 

 

Hoch

 

 

 

Krimi-Kopfkino

Andreas Franz/ Daniel Holbe: "Die Hyäne"

Von Anne Spitzner

 

 

Ein dreizehnjähriges Mädchen verschwindet; ihr Freund wird ermordet aufgefunden. Kommissarin Julia Durant von der Frankfurter Mordkommission und ihre Kollegen ziehen Parallelen zu einem früheren Fall, bei dem eine junge Anhalterin ermordet und mit einem bis heute unerklärlichen Schriftzug gezeichnet wurde. Doch Julia Durant und Frank Hellmer haben beide Schwierigkeiten, sich hundertprozentig auf die Ermittlungen zu konzentrieren: Julias Vater hat vor kurzem einen Schlaganfall erlitten, Prognose noch unklar, und Frank Hellmers dreizehnjährige, pubertierende Tochter Steffi verändert sich plötzlich dramatisch…

Bald stoßen die Ermittler darauf, dass in Frankfurt seit zwei Jahrzehnten ein Serienmörder sein Unwesen treibt, der junge, blonde Frauen ermordet. Sie haben zwei Verdächtige, und Daniel Holbe spielt gekonnt mit den Verdachtsmomenten gegen diese beiden Männer. Die Perspektive der beiden Verdächtigen, die Holbe immer wieder einnimmt, macht mehr als alles andere klar, wie gut er sein Handwerk beherrscht. Während des Lesens hat man das Gefühl, einen völlig anderen Autoren zu lesen: hart, mit zahlreichen nicht jugendfreien Ausdrücken und Gedanken. Dann wieder wechselt er in eine andere Perspektive, die zwar auch nicht unbedingt weich genannt werden kann, aber doch im Vergleich zur Verdächtigenperspektive deutlich an Niveau gewinnt.

Die Szenen im Verlauf der Handlung, die aus der Sicht der „Hyäne“ spielen – wie die Boulevard-Presse den Mörder rasch getauft hat – geben zwar Hinweise auf den Mörder, doch niemals verrät Holbe Endgültiges. Nach allem, was man bis zu den letzten zwanzig Seiten erfährt, könnte es jeder der beiden Verdächtigen sein, und es macht beim Lesen fast wahnsinnig, dass man keine Chance hat, einen auszuschließen. Während man beständig zwischen beiden Optionen hin und her schwankt (genau wie die beiden Kommissare), und sich fragt, was um alles in der Welt mit Steffi los sein mag, hat man gar keine Zeit, „Die Hyäne“ aus der Hand zu legen, und so langt man rascher als erwartet am Ende an.

Dieses Ende ist, wie man es von Daniel Holbe (und von Andreas Franz) gewöhnt ist, ein durchaus logisches, an dem alle Fäden zusammenlaufen und sich ohne eine Lücke oder einen Knoten auflösen. Der Mörder ist der Mörder, und alles, was auf den anderen Verdächtigen hindeutete, ist erklärlich, auch, wenn einige größere Zufälle im Spiel sind – aber das Leben ist nun einmal voller Zufälle.

Über den eigentlichen Mordfall hinaus nimmt sich Holbe in „Die Hyäne“ aber auch noch einiger brandaktueller Themen an, so etwa Stalking und Internet-Mobbing. Sein bewegendes Nachwort nimmt darauf Bezug, was während des Lesens bereits anklang, nämlich dass diese „Nebenthemen“ mindestens denselben Stellenwert haben wie die eigentlichen Mordermittlungen. Der Fall, so Holbe, sei ein „auf den ersten Blick recht simple[r] Mordfall“, wie es ihn leider immer wieder gebe. Stattdessen verdiene eher die Tatsache Beachtung, dass die Anzahl vermisster Menschen immer weiter steige, ebenso die Anzahl der Stalking- und der Mobbing-Opfer. Bei letzteren sei es besonders schlimm, dass sie keine konkrete Möglichkeit hätten, gegen ihre Peiniger vorzugehen. Dieses Nachwort setzt den packenden Krimi noch einmal in ein ganz anderes Licht. Es ist nicht nur Unterhaltung, die Holbe hier betreibt, sondern auch Aufklärung über aktuelle Verbrechens“trends“, denen immer mehr Menschen zum Opfer fallen.

Mit „Die Hyäne“ ist Daniel Holbe ein spannender Kriminalroman gelungen, der Andreas Franz‘ Reihe um Julia Durant würdig fort- und dennoch eigene Akzente setzt. Ganz großes Krimi-Kopfkino bis zum Schluss.

 

 

Andreas Franz/ Daniel Holbe:

"Die Hyäne"

Knaur TB 2014

416 Seiten, Euro 9,9

ISBN 978-3426513750

 

 

Hoch

 

 

 

„Hast du eine Zukunft, wenn du deine Vergangenheit nicht kennst?“

Teri Terry:  Zersplittert

Von Anne Spitzner

 

Das ist die Frage, der sich Kyla Armstrong, die Protagonistin in Teri Terrys Buch „Zersplittert“ stellen muss. „Zersplittert“ ist der zweite Band der Slated-Trilogie und erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen in vollem Umfang, packt den Leser auf der ersten Seite und lässt ihn erst wieder los, wenn man die letzte Seite umgeblättert ist, ganz enttäuscht, dass man noch nicht den dritten Teil in der Hand hält. „Zersplittert“ ist ganz großes Kino für den Kopf. Man sollte den Vorgängerband „Gelöscht“ gelesen haben, wenn man „Zersplittert“ aufschlägt. Zwar werden hin und wieder Hinweise darauf eingestreut, was im ersten Band passiert ist, dennoch sind die Geschehnisse (und viele der Gedankengänge der Protagonistin) klarer, wenn man auch das erste Buch der Reihe gelesen hat. Lobenswerterweise nehmen die Einstreuungen auch nicht überhand, sondern finden sich nur hier und da, sodass Leser, die beide Bände direkt hintereinander lesen, sich nicht langweilen.

Inhaltlich setzt „Zersplittert“ die Handlung genau da fort, wo „Gelöscht“ aufhörte. Kyla findet sich im Wald wieder, plötzlich von Erinnerungen an ihr früheres Leben durchflutet, die nach dem Slating eigentlich für immer verschwunden sein müssten. Jetzt weiß sie, warum sie ihren Lehrer, Mr. Hatten, schon lange zu kennen glaubt, und immer mehr Puzzleteile von ihrem früheren Ich setzen sich zu einem verwirrenden Bild zusammen. Aber entscheidende Teile fehlen Kyla noch. So weiß sie zum Beispiel immer noch nicht, warum sie eigentlich geslated wurde. Außerdem ist ihre große Liebe Ben verschwunden, und auch wenn Kyla glaubt, er müsse tot sein, erfährt sie bald, dass man ihn gesehen hat. Zwischen Ben, Mr. Hatten alias Nico und ihrer neuen Familie hin und her gerissen, muss Kyla ihre Entscheidung treffen. Und es wird nicht bei dieser einen bleiben.

Durch die Erzählperspektive der Ich-Erzählerin sitzt man als Leser direkt in Kylas Kopf, wenn sie versucht, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern. Die unvorstellbaren Grausamkeiten, die nötig waren, um Kyla vor dem völligen Auslöschen ihrer Erinnerungen durch das Slaten zu bewahren, kristallisieren sich zwar erst nach und nach vollständig heraus, zeichnen sich aber von Anfang an ab und lassen einem mehr als einmal die Haare zu Berge stehen. Der Leseempfehlung „ab 14 Jahren“ würde ich deswegen nur bedingt zustimmen, gerade WEIL die Szenen so unglaublich lebendig geschildert sind, dass man glaubt, daneben zu stehen. Ich habe mich selbst beim Lachen und beim Weinen erwischt und dabei, dass ich die Augen zugemacht habe, weil ich das Blut nicht mehr sehen wollte – so wirklich kam mir alles vor. Ich habe die Zeit vergessen beim Lesen, das Essen und dass ich eigentlich etwas ganz anderes machen wollte, und ich kann es kaum abwarten, bis im Juni endlich der dritte Teil rauskommt.

Ob das Konzept von „Zersplittert“ realistisch ist, darüber habe ich, ehrlich gesagt, nicht allzu viel nachgedacht, schon gar nicht während des Lesens. Es ist eine Science-Fiction-Dystopie und als solche nicht unbedingt auf Realismus ausgelegt; die düstere Zukunft, die Teri Terry entwirft, kann man sich allerdings sehr wohl vorstellen. Und auch, dass Hirnchirurgen in absehbarer Zeit einen Weg finden werden, das menschliche Gehirn zu manipulieren, Erinnerungen zu verändern oder gar zu löschen. Man kann nur hoffen, dass sie damit verantwortungsvoller umgehen als die Machthaber in der Slated-Trilogie.

Zusammenfassend bekommt „Zersplittert“ von mir eine genauso klare Leseempfehlung wie „Gelöscht“, und wir dürfen alle gespannt auf den dritten Teil sein!

(Ab 14)

 

Siehe auch die Rezension von "Gelöscht" in www.krimikon.de

 

 

Teri Terry:

„Zersplittert“

Aus dem Englischen von Marion Hertle und Petra Knese

Coppenrath 2014

432 Seiten, Euro 17,95

ISBN 9783649611844

 

 

Hoch

 

 

 

Als erlebe man es gerade selbst!

Kjetil Johnsen: Dark Village – Das Böse vergisst nie

Von Anne Spitzner

 

Nora, Benedicte, Trine und Vilde sind Freundinnen und halten durch dick und dünn zusammen, trotz der Tatsache, dass sie alle vier sehr unterschiedlich sind. Bis sie alle ihre Sexualität entdecken und diese Veränderungen alles auf den Kopf stellen: Benedicte und Nora stehen auf den gleichen Jungen, während Trine und Vilde feststellen, dass sie möglicherweise gar nicht auf Jungen stehen. Und mittendrin eine intrigante Lehrerin, die fies zu Mädchen ist und Jungs bevorzugt, ein neuer Mitschüler mit Geheimnissen und einer dunklen Vergangenheit, ein Online-Stalker und Familien voller Probleme.

Dass all dies zu keinem guten Ende führen kann, erfährt der Leser gleich im ersten Kapitel. Eine der vier Freundinnen findet die Leiche einer anderen Freundin, nackt und in Plastikfolie eingewickelt im See treibend. Man erfährt, dass es vorher einen weiteren Mord gegeben hat, aber man erfährt weder, wer von den vier Freundinnen ermordet wurde, noch, wer die Leiche gefunden hat (und also noch am Leben sein muss).

Nach dem Leichenfund im See blendet die Handlung zurück, zwanzig Tage vor den Mord, und man erfährt, was die vier Freundinnen in diesen Tagen, die für eine von ihnen die letzten Tage ihres Lebens waren, erlebt haben. Allerdings gilt das nur für die ersten fünf von diesen zwanzig Tagen – danach endet der erste Band der Reihe, „Das Böse vergisst nie“, und man muss – will unbedingt – gleich den zweiten aufschlagen, um zu erfahren, wie es mit den vier Freundinnen weitergeht. Nicht nur, welche von ihnen ermordet worden ist, obwohl der ständige Hinweis, der am Ende jedes Tages erfolgt, dass eine der Freundinnen nur noch zwanzig, neunzehn (usw.) Tage zu leben hat, die Spannung in diese Richtung kontinuierlich steigert.

Abgesehen davon fängt Kjetil Johnsen auch so genau die Gefühle heranwachsender Mädchen ein, wie wütend, durcheinander und verwirrt sie sind, dass man sich problemlos hineinfühlen und wiederfinden kann. Die Aufregung der ersten sexuellen Erfahrungen, die unbändige Wut, die plötzlich aus dem Nichts zu kommen scheint – Kjetil schreibt so realistisch davon, dass man das Gefühl hat, man erlebe das gerade alles selbst. Die Gedanken der vier Mädchen sind so plastisch beschrieben, dass man direkt in sie eintaucht und sich ihrer Abfolge nicht entziehen kann, wenn sie aus einem neutraleren, weniger involvierten Blickwinkel auch manchmal nicht besonders logisch erscheinen mögen.

Die Mischung aus Krimi und Psychodrama mit heranwachsenden Mädchen in der Hauptrolle zündet wie ein Silvesterfeuerwerk, wickelt den Leser ein und um den Finger, sodass man sich nicht davon losreißen kann, bis die letzte Seite umgeblättert ist; und dann fängt man sofort an, zu überlegen, wo man den zweiten Band herbekommt.

(Ab 14)

 

Kjetil Johnsen:

Dark Village 01 - Das Böse vergisst nie

Aus dem Englischen von Dagmar Lentz und Anne Bubenzer

Sonderausgabe

Coppenrath 2013

262 Seiten, 5 Euro

ISBN: 9783649615781

 

 

Hoch

 

 

 

Seufzalarm

Aygen-Sibel Celik: "Verrückt war gestern"

Von Susan Müller

 

Neben ihrem Hobby, dem Zeichnen von Comics, was sie intensiv betreibt, hat Mia Mara noch jede Menge andere Marotten. Sie muss ihr Kissen dreimal aufschütteln und dann eine Kerbe hineinschlagen, in die sie dann ihren Kopf zum Schlafen legt. Wenn sie sich ekelt, muss sie bis 30 zählen und wehe sie wird unterbrochen. Dann fängt sie von vorn an bzw. muss sie von vorn anfangen und darf dabei auch nicht sprechen.  Ihr Schülerticket sucht sie morgens und nachmittags bis zu fünf Mal in ihrer Tasche, um sich zu vergewissern, dass es da ist. Und von diesen Ticks darf Finn, der Neue in der Schule, auf keinen Fall erfahren. Der ist so süß. Er geht mit dem Bruder von Mia Maras bester Freundin in die Klasse und der muss alles über ihn rausfinden. Und siehe da, was bringt die beste aller Freundinnen zu Tage, er zeichnet ebenfalls Comics. Nun zeichnet Mia Mara ja Mister No, auf dessen Fortsetzung die halbe Schule jede Woche ungeduldig wartet. Finn zeichnet stiller. Er beteiligt sich aber am Nachwuchswettbewerb der Comiczeichner, zu dessen Teilnahme Mia von ihrer Lehrerin mehr als gedrängelt werden muss. Die Spannung steigt, bis zur Bekanntgabe der Zeichner, die zum großen Finale nach Berlin dürfen. Bis eines Tages der langersehnte, aber kaum erhoffte Brief im Kasten liegt, Mia darf nach Berlin. Ihre Freude ist nur noch zu toppen von Finns Brief, der ihn ebenfalls als Auserwählten nach Berlin schickt. Ausgerechnet zwei aus einer Schule und dann noch Mia und Finn, die inzwischen mehr sind als nur Freunde, sie sich Tricks beim Zeichnen zeigen. Mia schwebt auf Wolke sieben. Egal wie der Wettbewerb ausgeht, Mia hat schon gewonnen, nämlich Finn als ihren Freund und die beste aller Freundinnen hat sie ja schon. Als Finn dann als Drittplatzierter verkündet wird und sie sich unbändig für ihn freut, verpasst sie fast den Aufruf des Platz 2. Den hat sie selbst nämlich gewonnen und das nur, weil sie Mr. No vor Ort ein wenig anders gezeichnet hat als in ihren Comics. Heute sieht er Finn verdammt ähnlich…
Ein Jugendbuch, wie es die jungen Mädchen mögen: Friede, Verliebtsein und Seufzalarm.

 

Aygen-Sibel Celik:

„Verrückt war gestern“

Pink 2014

192 Seiten, Euro 9,99

ISBN: 3-86430-030-4

 

 

Hoch

 

 

 

Versuch über Sieben Leben

Marcus Sedgwick: „ Sieben Monde“

Von Susan Müller

 

Marcus Sedgwick versucht sich in einer Geschichte über viele  Zeitzonen, in denen sich die Protagonisten immer wieder begegnen -  sieben Mal. Am Anfang Eric und Merle genannt, erhalten sie in den anderen Monden andere Namen, aber es handelt sich immer wieder um ihr Wiedersehen. Es beginnt mit dem Blumenmond 2073, als Eric sich auf eine Insel begibt, die ihm bekannt vorkommt, als wäre er schon hier gewesen. Seine Gedanken sind frei. Und so beginnt die Reise in die Monde davor, immer mit seiner Merle.  Die Reise geht zurück ins Jahr 2011, wo vom Heumond die Rede ist. Der nächste Sprung ereignet sich ins Jahr 1944, dem Kornmond, zurück. 1902 erzählt die Begebenheit im Fruchtmond und immer gibt es Feinde und Freunde, alle sind die ähnlich geartet wie in den anderen Jahren oder Monden, nur haben andere Namen oder Funktionen. Weiter zurück geht es zum Jägermond, 1848, gefolgt vom Schneemond im 10.Jahrhundert. Der Blutmond macht seinem Namen alle Ehre und sein Datum ist unbekannt.

Der Kreis schließt sich im Jahre 2073, denn dann sind die sieben Leben gelebt und Eric  ergibt sich seinem Schicksal. In allen sieben Monden respektive Leben suchen sich die beiden, finden sich und lieben sich, ganz egal in welchem Zusammenhang und mit welchen Namen. Merle will ohne ihren Geliebte nicht sein und folgt ihm in die Ewigkeit. Es ist ein mystisches, teilweise brutales Werk, aber es ist ersichtlich: Ohne Liebe geht es auch nicht, um den Lesestoff vollendet zu gestalten.

Bei „Sieben Monde“ ist es schon vonnöten, dass sich der Leser selbst den einzelnen Epochen mit seinen jeweiligen Protagonisten hingibt und selbst das eventuelle Geheimnis der Insel ergründet, welches diese rund um eine Pflanze und den Alterungsprozess umgibt. Vielleicht findet sich dort auch die Antwort auf Sieben Leben.

(Ab 14)

 

Marcus Sedgwick:

„Sieben Monde“

Dtv 2014

240 Seiten, Euro 14,95

ISBN 3-423-65007-9

 

 

Hoch

 

 

 

Ein Buch zur einsetzenden Pubertät

Jenny Han:  „Zitronensüß“

Von Susan Müller

 

Annemaries bester Freund seit Kindertagen ist Mark. Neben Emilia, die erst kürzlich aus New York in den kleineren Ort, in dem Annemarie wohnt, gezogen ist, ist Mark die wichtigste Person aus ihrem Freundeskreis.
Mit den beiden und ihrer Schwester Celia sowie Mutter und Vater hat Annemarie, oder Shug genannt,  sozusagen ausgesorgt. Nur verändert sich in ihrem Umfeld plötzlich einiges - oder ist sie es, die sich verändert? Zuhause wird der Streit mehr, denn ihr Vater arbeitet auswärts und sagt neuerdings die Abende ab, an denen er heimkommen wollte. Ihre Mutter kompensiert das mit Wein und noch mehr Wein. Die große Schwester verzieht sich zu einer Freundin und Shug hat eigentlich Mark, aber der hängt neuerdings mehr mit den Jungs ab.
Gerade deshalb hinterfragt Shug sich selbst und stellt fest, sie ist in Mark verliebt. Ganz im Gegenteil zu Jack, der sie immer nur aufzieht, weil sie leider noch keine markanten Anzeichen einer angehenden Frau aufweist.  Aber wie es der Zufall will, erwischt sie ihn auch noch für die Nachhilfe, die sie ihm geben muss. Ihr Verhältnis entwickelt sich langsam zu einem anderen. Sie schaut hinter die Kulissen seiner Familie und weiß, wenn er schulisch weiterhin Mist baut, was auch ein Eintrag wegen ungebührlichen Verhaltens sein kann, muss er zu seinem Vater ziehen. Seine Mutter kommt nicht mehr an ihn ran.

Shug kann ihn bei den Schulnoten retten, aber nach einer Auseinandersetzung auf dem Pausenhof steht die Entscheidung fest. Shugs fester Rahmen gerät außer Kontrolle, nachdem auch Mark sich mehr und mehr zurückzieht und sogar eine andere küsst. Eine, die nicht zu Shugs auserwählten Freundinnen gehört. Und dann geht auch noch Papa nach einem größeren Streit.

Es ist sehr einfühlsam, wie Jenny Han die verschiedenen Charaktere und den Umgang in den einzelnen Situationen beschreibt. Und die Frage stellt: Verändert sich eine 12-Jährige oder ist es die Welt, die sich verändert? Ein Buch zur angehenden Pubertät.  Junge Leserinnen finden sich darin wieder.

 

 

Jenny Han:

 "Zitronensüß"

dtv 2014

320 Seiten, 8,95 Euro

ISBN 9783423625678

 

Hoch

 

 

 

Romantische Teenagerlektüre

Maike Stein: „Tagebücher lügen nicht“

Von Susan Müller

 

Sophia hat seinen vielen Jahren einen besten Freund, Tim. Phia und Timusch schreiben sich Tagebücher, in denen sie Gedanken, Gefühle,  Ängste und Sorgen teilen. Bis Timusch auf einen Schlag behauptet, das sei Mädchenkram und er habe darauf keine Lust mehr. Sophia ist umso mehr enttäuscht, denn bereits ein anderer, ihr nahestehender Mann, hat sie hintergangen. Ihr Paps hat in den Tagebüchern gelesen, angeblich weil er sich Sorgen gemacht hat, als sie nicht heim kam. Beide Tatsachen sind für Phia ein großer Vertrauensbruch. Timusch ist in der Handballmannschaft und ihr Vater ist der Trainer. Nun ist Handball ziemlich tabu, trotzdem muss sie zum Spiel mit, um einer Strafe zu entgehen, die ihr Wegbleiben nach sich gezogen hätte. Ihre Enttäuschung sitzt so tief, dass sie mit Tim nicht mehr redet.

Dann wird sie eben ohne ihn weitermachen und schreibt das erste Mal über dieses Thema online und nicht nur offline. Sofort meldet sich Leron, der mehr von ihr lesen will und ihre Geschichte lobt. Phia ist hingerissen, obwohl sie ihn nur aus dem Netz kennt. Sie muss sich aber noch um eine andere Geschichte kümmern, denn ihre Freundin Dine ist von Eddy aus dem Handballteam bloßgestellt worden, weil ihre Brüste größer sind als die der anderen Mädchen. Sophia glaubt zwar nicht an Tims Mittäterschaft, aber nun muss das ganze Handballteam bestraft werden. Dine und Phia verteilen rote Armbänder, die signalisieren, dass das Handballteam von den Mädchen geschnitten wird.

Das Blatt wendet sich wieder als Tims Schwester nach einem Streit mit Mutter und dann noch Vater davonläuft. Sie hat sich als lesbisch geoutet und nun schneidet sie ihre Mama. Der Vermittlungsversuch des Vaters scheitert und nun ist Lessa weg. Tim sucht sie bei Sophia, da beide in einem gemeinsamen Forum sind, aber hier ist sie nicht. Beider kommen sich allerdings näher und nun will Tim die Sache um Leron aufklären. Er selbst hat sich als Leron ausgegeben, als er damals Phia so verletzt hatte. Er wollte ihr nur das Tagebuch nicht zeigen, weil seine Gefühle drin stehen, seine echten für Phia.

 Er hat sich ernsthaft in sie verliebt. Da Sophia die Gefühle erwidert, kann alles noch zu einem guten Ende kommen. Hat der Leser zwischenzeitlich schon das Gefühl zu wissen, dass Leron Tim sein könnte, bleibt es dennoch spannend. Es kommt nie das Gefühl auf, man müsse die nächsten Seiten nicht mehr lesen oder der AHA-Effekt bliebe aus. Und was für Erwachsene ein wenig zuviel von allem ist, macht es für Teenager ansprechend.  Geschickt gemacht und eine wunderbare romantische und ehrliche Lektüre für das Teenageralter.

 

Maike Stein: „Tagebücher lügen nicht“

Oetinger 2014

192 S., 8,90.-

ISBN 9783841502810

 

 

Hoch

 

 

 

Doppelt spannend

Jennifer Brown: „Perfect Escape“

Von Susan Müller

 

Kendra ist ein junges Mädchen, das  auf Perfektion achtet. Sie möchte immer die Beste sein, bis sie dem Druck nicht mehr standhält und etwas ziemlich Blödes in der Schule verzapft. Sie droht aufzufliegen und möchte nur noch weg. Ihr Bruder Grayson, der an einer Zwangsstörung leidet, ist natürlich auch nicht immer eine Stütze, denn es dreht sich alles mehr um ihn als um Kendra.

Kendra will unbewusst die Unzulänglichkeiten ihres Bruders ausgleichen und spornt sich daher selbst immer wieder zu Höchstleistungen an. Als ihr dann die ganze Schulgeschichte um die Ohren zu fliegen droht, findet sie ihren Bruder einmal mehr im Steinbruch, in dem er Steine zählt. Das gehört zu seiner Störung, zählen und ja nicht mit einer ungeraden Zahl aufhören. Das bringt nämlich Unglück und dann beginnt er lieber von vorn, nervig nur, wenn er bei 7463 ist. Kendra kommt in den Sinn - wenn sie gemeinsam mit ihrem Bruder flieht, dann kann sie ihn vielleicht von seiner Krankheit befreien.

Er findet sich auch nicht sehr gut zurecht in fremder Umgebung. Grayson belastet das alles, aber er sucht auch das Gespräch mit Kendra und macht ihr klar, dass er sich seine Krankheit nicht ausgesucht hat. Und ob sie sich vorstellen kann, dass er eher wie sie sein wollte. Das erstaunt seine Schwester natürlich, darüber hat sie sich noch nie Gedanken gemacht. Ein weiteres Problem haben die beiden, denn ihre Eltern wissen nicht, wo sie sich aufhalten und machen sich natürlich wahnsinnige Sorgen. 

Jennifer Brown hat wieder ein fesselndes Werk vollbracht mit offenem Ende, aber  hier sind dem Leser keine Grenzen gesetzt, wie er es fortführen würde. Das macht die Geschichte doppelt spannend.

 

Jennifer Brown:

“Perfect Escape”

Aus dem Englischen von Beate Schäfer

dtv 2014

384 Seiten, 9,95 Euro

ISBN 978-3423782791

 

 

Hoch

 

 

 

Graffitti-Worte

Katrin Bongard: "Street Art Love"

Von Susan Müller

 

Sophie ist zeichnerisch sehr begabt und liebt dieses Hobby sehr. Dann kommt Charly in ihre Klasse als neuer Schüler. Er wohnt bei seinem Vater und liebt ebenfalls das Künstlerische, nur anders. Anfangs kann Sophie mit ihm nichts anfangen, denn er scheint ihr leicht arrogant. Seine Art zu zeichnen, unterscheidet sich doch von ihrer. Sophie mag Porträts oder Stillleben, Charly steht auf Graffity Gemälde.

Sophie kommt nicht umhin, sich mit Charly zu beschäftigen und dann landen sie noch im selben Projekt des Kunstunterrichts. Allerdings kann Sophie mit der Aufgabe Street Art nichts anfangen. Im Gegensatz zu ihrem Mitschüler, der kennt sich aus und freut sich über die gemeinsam Aufgabe. Sophie recherchiert und Charly zeigt ihr in der Stadt kleine versteckte Zeichnungen eines bekannten Künstlers. Sie sieht Graffity plötzlich mit anderen Augen und probiert an einer Wand ihre eigene „Unterschrift“. Sophie kommt auf eine Idee, zu der sie ihre Freundin Maja benötigt. Sie versuchen sich an seinem Projekt, was an der Schule seinen Einsatz findet. Sophie setzt Charlys gigantische Zeichnung mit kleinen Kniffen um. Die Schulleitung findet es nicht so witzig, aber Charly ist begeistert, auch wenn  dies nicht auf sein Konto geht.

Es ist leichte Lektüre mit dem Hintergrund von bestehender und sich findender Freundschaft und dem Einlassen auf eine neue Art der Kunst und deren Umsetzung. Schön zu lesen.

 

 

Katrin Bongard:

Street Art Love

Oetinger Verlag 2013

176 Seiten, Euro 9,99

ISBN 978-3864300219

 

Hoch

 

 

 

Ein toller Abschluss

Yves Grevet: "Meto – Die Welt"

Von Susan Müller

 

Alles hätte so schön sein können und war in Metos Augen sehr gut vorbereitet. Doch wo muss er sich wiederfinden? Im Haus –  dort fing doch aber alles erst an.

Meto soll alles ausbreiten, warum, weshalb und vor allem wie es soweit kommen  und wie er so viele Verbündete finden konnte.

Meto ist schlau und so sagt er immer gerade soviel, wie er vertreten kann ohne seine Freunde in Misskredit zu bringen oder sie zu verraten. Er weiß ja teilweise gar nicht, was nach dem Aufstand aus ihnen geworden ist.

Die Cäsaren vertrauen ihm nur wenig, aber Remulus hält mit ihm Kontakt und will seinen Vater loswerden. Das funktioniert in kleinen Etappen, aber er muss auch noch mit Metos Hilfe seinen Bruder ausschalten, um die Nachfolge der Führung anzutreten. Metos Bedingungen sind klar, er will bessere Lebensverhältnisse für alle und hat klare Vorstellungen. Da Remulus das ganze sowieso nicht aufrecht erhalten will, ist ihm die zukünftige Regelung recht egal. Er gewinnt das Duell und sein Bruder stirbt, nun muss es der „Alte“ Jovis ihm nur noch gleich tun.

Meto ist derweil bestrebt, die Welt kennenzulernen und zum Beispiel Marcus seinen Eltern zurückzuführen. Was mit Hilfe des Bootmannes, der regelmäßig zum Haus kommt, gelingt. Nur hat sich Marcus das anders vorgestellt und würde gern zurück, wenn Meto mit seinen Helfern für ein selbstbestimmtes Leben gesorgt hat.

Meto wird viel Verantwortung auch seitens der Cäsaren übertragen und er kann für seinen Plan noch Hieronymus, den Anführer der Soldaten, gewinnen.

Meto gelang es ja bereits, neben der seiner Freunde, auch seine wahre Identität herauszufinden und er schleicht während einer Mission zum Haus seiner Eltern. Nur kennt er da die ganze Geschichte noch nicht, sein Großvater war der Bösewicht der Veränderungen und „Ein-Kind-Reicht-In-Der-Familie“ Vertreter. Sein Großvater Marc und Jovis hatten immer Kontakt und so beschlossen Meto ins Haus zu bringen. Er behielt zwar seinen Namen, aber nicht seine Identität. Seiner Mutter wurde das Gedächtnis gelöscht und sein Vater war verbannt.

Mit Hilfe seiner Freunde und Verbündeten gelingt es Meto, seine Insel mit dem Haus zu einer lebenswerten zu machen und all die „Ausgestoßenen“ mit sich zu ziehen und mit ihnen gemeinsam ein besseres und organisiertes Leben zu führen, an dem alle teilhaben und sich alle auf ihre Art und Weise einbringen.

Ein toller Abschluss der Trilogie rund um Meto und seine Freunde. Durch alle drei führt die Erkenntnis, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und für seine Träume und Ideale zu kämpfen. Ein jedes für sich eine lesenswerte Lektüre, ein wenig mystisch, aber gerade nur soviel, dass es der Handlung keinen Abbruch tut und der Grundgedanke für den Leser gut verfolgt werden kann. Überdies sehr spannend, vor allem, wenn man nach Ende Teil 1 oder 2 auf den entsprechenden Nachfolger warten muss.

(Rezension Band 1 siehe weiter unten)

 

 

Yves Grevet:

"Meto – Die Welt"

Übersetzt von Stephanie Sinqh

dtv 2013

336 Seiten,  14,95 Euro

ISBN 978-3423625166

 

Hoch

 

 

Eine richtig schöne Teenager Geschichte

Usch Luhn: "River Girl"

Von Susan Müller

 

Lio ist verliebt in Jasper und hofft ihrem Ziel näher zu kommen, als er ihr die Titelstory für die Schülerzeitung „reality“ anbietet. Seine anderen Quellen haben ihn versetzt, sei es aus schulischen Gründen oder Unvermögen. Eva schmachtet ihn zwar an, aber hat keine Ahnung vom Schreiben. Lio ist sie eine Dorn im Auge, weil sie sich Jasper vor kurzem „gekrallt“ hat.

Doch Lio hat direkt eine Idee für die Story, denn ihr Vater hat mit seinem Hausboot angelegt und sie soll ihn besuchen, sofern es ihre Mutter erlaubt, beide leben schließlich getrennt.

Papa hat seine Freundin und deren Sohn allerdings mit an Bord. Und Niklas passt erst ganz und gar nicht in Lios Bild und Konzept. Aber Gitarre kann der spielen…

Aus Lios Story wird wirklich reality. Sie erlebt eine Menge ungeahnter Dinge und bringt sie zu Papier. Jasper ist begeistert. Mit Eva hat er inzwischen Schluss gemacht und Lios sollte eigentlich glücklich sein. Wenn da nicht Niklas wäre und sich die, für ihn erwachten, Gefühle abstellen ließen. Dann wird ihr beim bisher ersehnten Kinobesuch mit Jasper auch noch klar, dass dieser ziemlich oberflächlich ist. Ihre Schmetterlinge sind ausgeflogen, sie fliegen jetzt bei Niklas. Jasper verfällt auch nicht in Depressionen, als sie ihm mitteilt, dass aus ihnen beiden nichts werden kann, denn Jasper ist auch noch ziemlich von sich überzeugt. Ganz anders sieht es bei dem Holländer Niklas und ihr aus…

Eine richtig schöne Teenager Geschichte, die so ganz nebenbei deutlich macht, dass man in jungen Jahren lernen kann, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

 

 

Usch Luhn:

"River Girl"

Aus dem Englischen von Ute Mihr

Pink! 2013

186 Seiten,  9,99 Euro

ISBN 978-3864300318

 

 

Hoch

 

 

Gute Schullektüre

Sangu Mandanna: "Lost Girl – Im Schatten der Anderen."

Sabine Planka

 

Sangu Mandanna ist mit ihrem Roman „Lost Girl“ ein Werk gelungen, das den Prozess der Identitätsfindung vor dem Hintergrund des Klonseins entfaltet und die daraus resultierenden Probleme für den Klon thematisiert.

Eva wird in England als Echo der in Indien lebenden Amarra aufgezogen und darauf vorbereitet, Amarra im Todesfall zu ersetzen. Zu diesem Zweck bekommt sie all das zu lesen, was Amarra liest, ihr wird dasselbe Wissen vermittelt und sie bekommt Amarras Tagebuchaufzeichnungen, damit sie Amarras Gefühle ‚lernen‘ kann. Dass das Echo aber nicht nur eine bloße Kopie, ein Klon, Amarras ist, sondern einen eigenen Willen und eigene Gefühle hat, verdeutlicht die Autorin durch die Erzählperspektive des Romans: Das Echo erzählt die Geschichte als erlebendes Ich, so dass der Leser unmittelbar an Emotionen und Gefühlen, aber auch an Taten der Protagonistin beteiligt ist und in deren Inneres Einblick nehmen kann. So erlebt der Leser mit, wie sich das Echo selbst einen Namen gibt – nämlich Eva –, sich Bastelarbeiten widmet und damit Interessen verfolgt, die den Interessen Amarras konträr entgegengestellt sind, und immer häufiger versucht, auszubrechen, um eigene Erfahrungen zu machen. Zur Seite steht Eva dabei ihr Mentor Sean, der nur ein paar Jahre älter ist und ihre Gefühle verstehen kann.

Es kommt im Laufe der Narration, wie es kommen muss: Amarra verstirbt bei einem Unfall und Eva muss Amarras Platz im fernen Indien einnehmen. Der Kulturschock, der sich bei Eva einstellt, als sie aus dem ruhigen England, wo sie abgeschieden aufgezogen wurde, in das lebendige Indien kommt, könnte größer nicht sein. Dementsprechend verunsichert ist Eva, als sie in ihrer neuen Familie eintrifft und ist froh, dass ihre ‚Geschwister‘ Nikhail und Sasha bei ihrem Namen Eva nennen und sie als ganz andere Persönlichkeit wahrnehmen und nicht als Kopie von Amarra. Damit ist der Prozess der eigenen Identitätsfindung, der bereits in England eingesetzt hat, nun nicht mehr aufzuhalten, zumal nun Amarra als direktes Vorbild fehlt und Eva nun eigene Erfahrungen machen kann. Ist ihr Klonwesen anfangs noch unbekannt – in Indien sind Klone im Gegensatz zu England bei Strafe verboten –, so ändert sich ihr Leben radikal, als bekannt wird, dass sie ein Klon ist: Ihre Mitschüler meiden und beschimpfen sie, so dass sie ihrem immer stärker werdenden Wunsch nachgeben will und nach England zurückkehren will. In ihrer Mitschülerin Lekha erhält sie überraschender Weise eine Verbündete, die ihr zusammen mit Sean, der nach Indien gereist ist, um Eva beizustehen, zur Flucht nach England verhilft.

In England flüchten sie und Sean, dem sie inzwischen ihre Liebe gestanden hat, zunächst vor den Meistern, die Eva erschaffen haben, werden aber gefasst und in deren Quartier gebracht. Überraschenderweise wird Eva nicht von den Meistern getötet, sondern verschont, da der sie erschaffende Meister in frühen Jahren in Amarras Mutter verliebt war und versprochen hat, auf Amarras Echo besonders gut aufzupassen. Eva wird bis zu ihrer Volljährigkeit nach Indien zurückgeschickt, danach steht es ihr frei, das Leben zu leben, das sie möchte.

Vor der Folie der Klon-Thematik – Klone werden hier Echos genannt, was keineswegs unüblich ist in der Jugendliteratur, finden sich doch daneben noch Bezeichnungen wie „Blueprint“ (Ch. Kerner: Blueprint – Blaupause) oder „Korollum“ (K. Lasky: 3038 – Staat der Klone) – wird der Prozess der Identitätsfindung dargestellt: Eva als Klon versucht vor der Übermacht ‚ihres Originals‘ Amarra eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und eigenen Interessen nachzugehen, was eigentlich streng verboten ist. Dass das möglich ist, ist ihren Zieheltern und ihrem Mentor zu verdanken, die die Augen zudrücken, wenn Eva heimlich bastelt – was ihren Zieheltern keineswegs verborgen bleibt, wie Eva glaubt – oder sogar zusammen mit Sean den Zoo besucht. Diese kleinen Freiheiten sowie der Akt der eigenen Namensgebung bestärken Eva darin, sich von Amarra abgrenzen zu wollen und schlussendlich eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln – was letztlich nur vollständig gelingt, als Amarra ihr nicht mehr wie ein drohendes Ideal übermächtig vorgehalten wird und Eva nicht mehr wie Amarra zu werden hat.

Die gewählte Ich-Erzählperspektive – wir haben es hier mit einem homodiegetischen Erzähler zu tun – ermöglicht es dem Leser, an Evas Gefühlen teilzuhaben. Das gelingt besonders in den Szenen, in denen sich Wendungen für Eva abzeichnen. So lässt sich Amarra ein Tattoo stechen und Eva muss es Amarra gleich tun, was sie zunächst absolut ablehnt und ihre unangetastete Haut unberührt wissen will. Doch alles Klagen hilft nicht: Sie muss sich das Tattoo stechen lassen, um eine perfekte Kopie Amarras zu werden. Das diese Kopie nur auf optischer Ebene perfekt werden wird, macht der Roman durch die Erzählperspektive schnell deutlich, denn Eva hat durchaus ihren eigenen Kopf und eigene Gedanken, so dass sie sich z.B. in Sean verliebt, obwohl sie eigentlich Amarras Freund lieben ‚muss‘.

Der Roman greift somit einen aktuellen Trend in der Kinder-, v.a. aber der Jugendliteratur auf und verknüpft ihn mit dem Prozess der Identitätsfindung und der Ausbildung und Äußerung eigener Wünsche und Bedürfnisse. Insofern würde sich der Roman in mehrfacher Hinsicht auch als Schullektüre anbieten, um das Thema ‚Klon‘ aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

 

 

Sangu Mandanna:

"Lost Girl – Im Schatten der Anderen."

A.d. Amerik. v. Wolfram Ströle.

Ravensburger Buchverlag 2012.

437 S., 16,99€

ISBN 978-3-473-40080-5,

 

Hoch

 

 

 

Für alle, die mehr von der Vergangenheit erfahren möchten

Gloria Whelan: "Die kleinen Revolten der Rosy James"

Von Carolin Kotsch

 

Rosy lebt, als Kind englischer Einwanderer, ein beschütztes und sorgenfreies Leben inmitten von Indien. Ihre Familie besitzt ein großes Haus mit zahlreichen Angestellten, durch die Rosy erste Kontakte zu den Einheimischen knüpfen kann. Als ihr Vater, der Major in der indisch-britischen Armee ist, in den Krieg zieht und ihre Mutter in Depressionen versinkt, hat das Mädchen viel Zeit, um mit ihrer indischen Freundin die Stadt auf eigenen Faust zu erkunden. Dabei legt sie ein vollkommen unenglisches und damit unerwünschtes Verhalten an den Tag, was auch von den anderen Einwanderern nicht unbemerkt bleibt und ihrem Vater stark missfällt. Nur durch ihre Mutter wird Rosy lange Zeit davor bewahrt, nach England geschickt zu werden, um eine anständige Erziehung, die so in Indien nie möglich wäre, zu erhalten. Als Rosy sich jedoch immer tiefer in das indische Leben stürzt und immer empfänglicher für die politischen Unruhen wird, setzt sich der Vater durch und schickt sie umgehend zu den unterschiedlichen Tanten in die verhasste und fremde Heimat. In England angekommen, trifft Rosy einen Bekannten aus Indien wieder und bringt das Leben ihrer Tanten bald durcheinander. Doch die Sehnsucht nach dem fernen Land ihrer Kindheit bleibt bestehen, sodass sie auf eine baldige Rückkehr hofft.

 Gloria Whelan bietet mit ihrer Geschichte einen tiefsinnigen Einblick in das Leben in Indien zu Gandhis Zeit. Durch farbenfrohe Beschreibungen lässt sie die Buchstaben für den Leser lebendig und Rosys Faszination und Sehnsucht greifbar werden. Whelan schreibt aber nicht nur von der Liebe zu Indien, den dort lebenden Mensch und ihrer Kultur, sondern auch vom Erwachsenwerden. Eine erste zarte Schwärmerei kündigt sich an. Es gilt richtig und falsch zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen, weitgreifende Entscheidungen zu treffen und so seinen eigenen Weg zu finden.

Besonders eingängig ist die Entfaltung von Rosys unerschütterlichem und anteilnehmenden Charakter, der die Handlung des Buchs maßgeblich bestimmt. Aber auch die Personen in Rosys Umfeld sind sehr plastisch gezeichnet.

Whelan gibt ihrer Geschichte mit einer einfühlsamen Sprache einen passenden Rahmen und zieht den Leser sofort in den Bann. Trotzdem scheint es ihr fern zu liegen, sich in Schwärmereien zu verlieren. Vielmehr beschreibt sie eindrücklich  die Härte des Lebens in Indien und die Kälte in England. So hofft der Leser auch auf ein klassisches Happy End vergebens.

Das Buch eignet sich für Leser ab etwa zwölf Jahren und für alle anderen, die mehr von der Vergangenheit Indiens erfahren möchten.

Ab 12
 

 

Gloria Whelan:

"Die kleinen Revolten der Rosy James"

Aus dem Englischen von Ute Mihr

Gabriel Verlag 2012

224 Seiten,  12,95 Euro

ISBN 978-3522302937

 

 

Hoch

 

 

 

Dystopischer Schulroman und rasantes Abenteuer aus Finnland

Seita Parkkola: "Wir können alles verlieren oder gewinnen"

Von Ada Bieber

 

Der dystopische Jugendroman hat Konjunktur. Auf dem Buchmarkt finden sich diese anti-utopischen Szenarien in sämtlichen Spielarten und Genres. Die Schule als Ort dystopischen Geschehens oder zumindest als ein Ort, an welchem ganz und gar inhumanes Verhalten Raum greift, hat Tradition in der Jugendliteratur. Denn nicht nur Musils „Verwirrungen des Zögling Törleß“, Hesses „Unterm Rad“ oder auch die hinlänglich bekannte Verfilmung „Club der toten Dichter“ zeigen den abgründigen und zur Beeinflussung bestens geeigneten Mikrokosmos Schule. Dass das oft brutal verlaufen kann, sowohl von Seiten der Lehrer als auch unter den Schülern selbst, hat beispielsweise der Roman des Schweden Jan Guillou „Evil - Das Böse“ (2005) gezeigt. Da stellt sich fast die Frage, was ein dystopischer Schulroman heute noch Neues erzählen kann?

 

Der 2012 erschienene Roman „Wir können alles verlieren oder gewinnen“ der Finnin Seita Parkkola greift den dystopischen Ort Schule in der Handlung auf, verknüpft diesen jedoch mit Motiven und Entwicklungen, die außerhalb der Schule liegen und schafft damit eine Parabel über Widerstand, Humanität und Toleranz.

Erzählt wird die Geschichte in einem Rückblick aus der Sicht des 12jährigen Taifun. Er erzählt nicht nur seine eigene Schulgeschichte, sondern auch die Geschichte seiner Familie. Taifun lebt abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater. Soweit scheint Taifun also das Schicksal vieler Jugendlicher einer postmodernen Zeit zu teilen. Er leidet scheinbar nicht an diesem fragmentierten Leben, auch wenn ihn die Streitereien der Eltern und das Leben mit seiner Stiefmutter und deren Tochter nicht gerade glücklich machen. Auch sonst scheint er das normale Leben eines Jugendlichen zu führen, der anfängt, seine eigene Wege zu gehen. “Ich bin sicher kein schlechter Junge. Aber ein guter bin ich auch nicht”, sagt Taifun über sich selbst und macht sich damit klar, dass kein Mensch perfekt sein kann. Damit wird auch jede innerfiktionale Rechtfertigung eines rigorosen Bestrafungssystems von vornherein angeprangert. Dem Leser deutlich vor Augen geführt, dass ein schematisiertes Schwarz-Weiß-Denken nicht trägt.

 

Taifun ist Skater und erkundet die Stadt vor allem mit seinem Board, was ihm ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit gibt. Doch damit ist schlagartig Schluss, als seine Eltern ihn aus Angst, er könne aufgrund einiger Ausreißergeschichten auf die schiefe Bahn geraten, in eine scheinbar innovative Schule, das „Haus der Möglichkeiten“, stecken. Dort muss Taifun schnell feststellen, dass das gläserne Gebäude ein Ort der Überwachung und der gnadenlosen Hierarchie ist. Die schulische Welt entpuppt sich sukzessive als ein Überwachungssystem, dem nur sehr wenige Schüler und Eltern kritisch gegenüberstehen. Taifun findet Unterstützung in dem vogelfreien Mädchen India, einer postmodernen roten Zora, die eine ganze Bande Jugendlicher führt und mit ihnen in einer stillgelegten Fabrik lebt. Gemeinsam beginnen die Jugendlichen dem scheinbar übermächtigen System Paroli zu bieten. Auch wenn sie vieles am Ende wieder in Ordnung bringen können, so bleibt doch der Nachklang des dystopischen Szenarios bestehen. Der Autorin gelingt es, an den zentralen Wendepunkten der Handlung parabelhaft zu erzählen, ohne kitschig oder moralisch zu werden. Darin liegt eine ungeheure Stärke des Buches, wie auch in der authentisch jugendlichen Sprache. Es wird hier auf kurzweilige, rasante, bilder- und perspektivenreiche Weise eine Geschichte erzählt, die Jugendliche nicht nur in ihren Bann schlagen wird, sondern zentrale Fragen nach Familie, Freundschaft und Gerechtigkeit aufnimmt. Auch wenn hier ein Buch zu loben ist: es ist “Großes Kino”!

Ab 11

 

Seita Parkkola:

„Wir können alles verlieren oder gewinnen“

Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat

Beltz 2012

334 Seiten,  14,95 Euro

ISBN 978-3-407-82013-6

 

 

Hoch

 

 

 

Zeitmaschine, Teil 1

Julie Cross: "Sturz in die Zeit"

Von Sabine Planka

 

Das Jahr 2009: Jackson Meyer ist Student, glücklich mit Holly liiert und könnte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Wenn da nicht das Phänomen der Zeitreise wäre: Jackson kann in die Vergangenheit reisen. Mit seinem Freund Adam, einem Physik-Nerd und künftigem MIT-Studenten, den er eingeweiht hat, wollen sie seinen Fähigkeiten näher auf den Grund gehen. Sie stellen fest, dass Jackson während seiner Zeitreisen noch mit der Gegenwart verbunden ist: Er ist für ein paar Sekunden bewusstlos, während er in der Vergangenheit wandelt. Jackson ist also noch mit der Gegenwart, seiner „Homebase“, und damit seinem Aufenthaltsort verbunden, zu dem er immer wieder zurückkehren kann. Doch womit alle Beteiligten nicht gerechnet haben: Jackson und Holly werden überfallen und Holly erschossen. Jackson springt erneut durch die Zeit, doch diesmal nicht nur ein paar Stunden, sondern zwei ganze Jahre. Nun steckt er im Jahr 2007 fest und kann nicht mehr zurück zu seiner Homebase. Bis er feststellt, dass er durch den Sprung seine Homebase aus dem Jahr 2009 ins Jahr 2007 verlegt hat, er also einen vollen Sprung und keinen Halbsprung getätigt hat, vergeht viel Zeit, in der er herausfindet, dass seine Fähigkeiten, durch die Zeit reisen zu können, genetisch bedingt sind. Er muss erfahren, dass sein Vater nicht sein leiblicher ist, sondern CIA-Agent, und nicht nur Menschen beobachtet, die durch die Zeit springen können, sondern dass er auch über ein Projekt namens Axelle informiert ist. „Axelle ist ein Projekt, das [die] Forschungen über das Tempus-Gen mit zukünftigen technologischen Entwicklungen, die wir aus verschiedenen Quellen haben, kombiniert. Die Anwendung von Axelle begann im Jahr 1989, als wir einer Leihmutter erfolgreich ein befruchtetes Ei eingepflanzt haben. Mein Team verwendete dabei die Eier einer Feindin der Zeit.“ Dadurch erfährt Jackson auch, dass seine bei der Geburt verstorbene Mutter nicht seine leibliche ist, sondern dass seine wahre Mutter noch lebt und einer Gruppe von Zeitreisenden angehört, die durch ihre Zeitsprünge die Regierung gefährden.

Als wäre das nicht genug, trifft Jackson im Jahr 2007 nicht nur die zwei Jahre jüngere Holly und verliebt sich erneut in sie, sondern auch Adam, der ihm jedoch glaubt und ihm bei seiner Suche nach dem Sprung zurück ins Jahr 2009 helfen will. Doch so leicht ist das nicht. Jackson muss erfahren, dass er bei seinen Zeitreisen in andere Zeitleisten gesprungen ist und seine Aktivitäten dort keine Auswirkungen haben auf seine Gegenwart, in die er zurückspringt.

Jackson schafft den Sprung zurück ins Jahr 2009, allerdings nicht zu dem Zeitpunkt, als Holly erschossen wurde, sondern in den August, als beide zusammen mit Adam Kinder im Feriencamp beaufsichtigt haben. Jackson kann Adam aufklären über die Geschehnisse in der anderen Zeitleiste. Die Geschichte wird allerdings noch verwirrender – und bereitet so auf die noch folgenden zwei Bände der Trilogie vor: Als Jackson mit Holly, die er vor ihrer Erschießung retten will, flüchtet, werden beide von Jacksons Vater und auch den Feinden der Zeit aufgespürt. Jackson und Adam beschließen, der CIA beizutreten und wollen mit Jacksons Vater auf einem Boot alles Weitere besprechen, als sie von einem Unwetter überrascht werden. Plötzlich erscheint ein kleines Mädchen – Emily –, das Jackson retten will, das aber plötzlich mit Jackson in die Zukunft springt um ihm das künftige New York zeigt: Tot, zerstört und von Schutt und Staub übersät: „Soweit ich weiß, versuchen … einige Leute, das hier zu verhindern, und andere wollen unbedingt erreichen, dass es passiert“, klärt Emily Jackson auf. Sie bringt Jackson zurück ins Jahr 2009, wo sich ihre Wege wieder trennen.

Jacksons Vater macht ihm klar, dass er durch die Beziehung zu Holly angreifbar für die Feinde der Zeit ist. Und so beschließt Jackson schweren Herzens, zu dem Zeitpunkt zurückzuspringen – und seine Homebase entsprechend zu verlegen –, als er Holly das erste Mal getroffen hat. Er kann so das Treffen verhindern und ist somit für die Feinde der Zeit nicht mehr angreifbar.

Die Geschichte, die Julie Cross dem Leser präsentiert, ist durchaus unterhaltsam und spannend konstruiert, so dass sie sicherlich zu einem ‚Pageturner‘ werden kann. Jedoch erscheinen die Erklärungen zum Zeitsprung in verschiedene Zeitleisten, genetische Fähigkeiten und die Lösung für Jacksons Angreifbarkeit, in der Zeit zurückzureisen, dabei aber auf seiner Zeitleiste zu bleiben und damit die Ereignisse zu verändern, teilweise verworren und nicht ganz sofort nachzuvollziehen, vor allem nicht für jüngere Leser. Jackson Meyer wird als Ich-Erzähler eingeführt, der über seine Erlebnisse berichtet, gleichzeitig werden Tagebucheinträge in die Erzählung eingestreut, die Jackson für Adams Forschungen notiert. Die so erzeugte Authentizität führt dazu, dass sich der Leser entsprechend in Jacksons Gefühlschaos einfühlen kann, z.B. wenn Jackson erfährt, dass sein Vater ein CIA-Agent und zudem nicht sein leiblicher Vater ist oder dass seine wahre Mutter noch am Leben ist. Auch die Liebe zwischen Jackson und Holly, die hier geschildert wird, wird so für den Leser erfahrbarer.

Thematisch greift Cross auf ein Element zurück, dass traditionell in der Science Fiction-Literatur beheimatet ist: die Zeitreise. Seit H.G. Wells im Jahr 1895 mit seinem Roman „Die Zeitmaschine“ die Möglichkeit der Zeitreise literarisch etablierte und seinen Protagonisten für die Reise durch die Zeit eine Maschine konstruieren ließ, hat sich die Zeitreise sowohl in Literatur und Film geradezu verselbstständigt. Da verwundert es nicht, dass auch die Kinder- und Jugendliteratur sich des Themas angenommen hat und im vorliegenden Fall anscheinend mit Elementen der Dystopie verknüpfen wird – was zumindest das Ende des ersten Bandes suggeriert. Es verwundert auch ebenso wenig, dass man um durch die Zeit zu reisen, nicht mehr unbedingt eine Maschine benötigt, sondern dass Zeitreisen genetisch bedingt sein kann, wie Cross, aber interessanterweise auch Kerstin Gier in ihrer Edelstein-Trilogie aufzeigt.

Neben der Zeitreise wird hier das Genre des Abenteuerromans aufgegriffen und verknüpft mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Erwachsenen, die sich nicht nur alltäglichen, sondern eben auch geradezu unglaublichen und damit phantastischen Problemen stellen müssen. Dass diese Beziehung vor dem Hintergrund, eine künftig zerstörte Welt retten zu müssen, am Ende des ersten Bandes beendet werden muss, erscheint für den Protagonisten Jackson zwar logisch, aber absolut schmerzhaft.

Es wird sich in den angekündigten beiden Folgebänden – leider handelt es sich auch hier wieder um eine Trilogie, wie es bei fast allen zur Zeit erscheinenden Büchern im Bereich der Jugendliteratur der Fall ist, die mitunter nicht nur drei, sondern noch mehr Bände umfassen (man denke an „Percy Jackson“, „Die Tribute von Panem“, die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier, aber auch an die vierbändige Twilight-Reihe Stephenie Meyers oder die jeweils auf 12 Bände angelegten Vampirreihen „The Glass House“ von Rachel Caine und „House of Night“ von P.C. und Kristin Cast) – herausstellen, ob die Trennung zwischen ihm und Holly von Dauer ist, oder ob ihrer Beziehung doch noch eine Chance eingeräumt wird und ob es Jackson gelingen wird, die Welt zu retten und die Geheimnisse um die kleine Emily, die Feinde der Zeit und das Axelle-Programm vollständig zu lösen.

 

Julie Cross:

"Sturz in die Zeit"

Aus dem Amerikanischen von Birgit Schmitz

Fischer Verlag 2012

500 Seiten, Euro 16,99

ISBN 978-3-8414-2209-5

 

 

Die Rezensentin ist Germanistin und an der Universität Siegen tätig.

 

 

Hoch

 

 

 

Ein Lesespaß von der ersten bis zur letzten Seite

C. J. Skuse: "Ziemlich krumme Dinger"

Von Anne Spitzner

 

Die Zwillinge Beau und Paisley haben es nicht leicht. Beau lebt bei seiner Großmutter, Paisley in einer Privatschule, wo sie eine Therapiesitzung nach der anderen über sich ergehen lassen muss. Die Aggression, die in Paisley sitzt, steckt tief: Ihre alkoholkranke Mutter starb, als sie sechs war, und die Zwillinge machten sich auf, ihren Vater zu suchen, von dem sie nicht wussten, dass er im Gefängnis sitzt. Drei Tage lang waren sie im Wald unterwegs und erlangten nationale Berühmtheit, als sie gefunden wurden, da damals ein Kindermörder umging. Doch jetzt sind die Zwillinge sechzehn, von ihrem Vater haben sie nichts mehr gehört, und ihre Großmutter gibt das Geld, das damals für sie gespendet wurde, mit vollen Händen aus. Als Beau einen Brief von ihrem Vater findet, sorgt Paisley für ihren Rauswurf an der Schule, zündet das Haus ihrer Großmutter an und macht sich mit Beau auf den Weg nach Las Vegas, um nach ihrem Vater zu suchen.

Soweit der fulminante Einstieg in „Ziemlich krumme Dinger“ von C. J. Skuse. Es geht ähnlich rasant weiter, denn irgendwie müssen die Zwillinge ihren Vater ja finden, und was Paisley sich überlegt, um das anzustellen, grenzt beinahe an Wahnsinn. Wahrscheinlich ist es gerade deswegen so spannend, amüsant und mitreißend, die ziemlich krummen Dinger zu verfolgen, die Beau und Paisley in Las Vegas drehen.

Die Geschichte wird von Kapitel zu Kapitel abwechselnd von jeweils einem der Zwillinge aus der Ich-Perspektive erzählt, aber identifizieren kann man sich mit beiden: Mit der wütenden Paisley, die alles und jeden angreift, die sich nichts gefallen lässt, die immer stark ist, einzig und allein, um stark zu sein, und mit dem zurückhaltenden Beau, der scheinbar unter dem Pantoffel seiner Schwester steht, der sich entschuldigt, der die Klappe hält, der die Dinge erträgt, einzig und allein, um sie zu ertragen. Ein bisschen von ihnen steckt in jedem von uns, und man ist wahrscheinlich viel zu oft Beau und möchte Paisley sein.

Manchmal greift man sich an den Kopf, wenn man die verrückten Ideen miterlebt, aber es gibt so viele überraschende Wendungen, dass man eigentlich gar keine Zeit dazu hat. Witzig ist es noch dazu, vor allem Paisley, die für jeden einen Spitznamen hat, die schlagfertig ist und frech, auch in ihren eigenen Gedanken, sodass eine Lektüre im Bus nicht zu empfehlen ist, außer man ist ein bisschen wie Paisley und es ist einem egal, wenn man schief angeguckt wird. Und man sollte aufpassen, dass man nicht seine Haltestelle verpasst: Die „Ziemlich krummen Dinger“ sind nämlich nicht nur witzig, tiefsinnig und irre – spannend sind sie auch noch. Ein Lesespaß von der ersten bis zur letzten Seite.

 

C. J. Skuse:

„Ziemlich krumme Dinger“

Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok

Carlsen 2012

368 S., EUR 14,95

ISBN: 978-3551520142

 

Hoch

 

 

 

Silberstreif am Horizont

Marie-Aude Murail:  „Vielleicht sogar wir alle“

Von Anne Spitzner

 

Für Familie Doinel läuft es alles andere als rund: Die Mutter, eine Lehrerin, steht ihrer Klasse mit immer größer werdender Hilflosigkeit gegenüber, der Vater, Niederlassungsleiter eines Speditionsunternehmen, muss nach dem Verkauf an eine internationale Firma mit Umstrukturierungen kämpfen. Charlie, die 14jährige Tochter, kriegt es mit der Treulosigkeit ihrer besten Freundin zu tun und flüchtet sich in eine Traumwelt, in der sie eine Manga-Heldin (oder ein Manga-Held) ist. Und der kleine Esteban, der wegen seiner Intelligenz eine Klasse übersprungen hat, wird von seinen älteren Klassenkameraden gemobbt und ausgegrenzt. Obwohl sie eine Familie sind, reden die Doinels nicht miteinander über ihre Probleme, vielleicht hört niemand zu, weil alle genug eigene haben, vielleicht, weil sie die anderen nicht damit belasten wollen, vielleicht auch, weil sie alle Einzelkämpfer sind.

Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, und die Schlinge scheint sich immer enger um ihren Hals zu ziehen: Madame Doinel hält sich nicht mehr an die Kontrollbögen, die sie sonst immer eingesetzt hat, Monsieur Doinel versucht alles, um seine Untergebenen vor der Entlassung zu bewahren – und steht in ihren Augen trotzdem als der Böse da, der der neuen Leitung in den Hintern kriecht.

Aber es gibt Hoffnung: In kleinen Momenten, und auch in großen, in neuen Freunden, die man kennenlernt, wenn man sich auf sie einlässt, und kleinen Siegen, die man trotz allem immer wieder davontragen kann. Diese Hoffnung bringt Marie-Aude Murail in schönen Bildern unter, aber auch die Hoffnungslosigkeit, die immer wieder kommt, und die die Situation vieler Menschen widerspiegelt. Besonders schön an diesem Buch finde ich, dass es, obwohl es ein Jugendbuch ist, nicht nur die Geschichte der Kinder erzählt, sondern auch die der Eltern, sodass ein ganzes Bild entsteht, in dem man (fast) alles verstehen kann. Ich habe es gern gelesen, obwohl es zwischendurch sehr traurig ist, und ich habe mich gefreut, zu sehen, dass es noch Wege gibt, dem Irrsinn zu entkommen. Man kann ganz in dieses Buch eintauchen, und da die Geschichte abwechselnd aus der Sicht aller Protagonisten erzählt wird, kann man sich der Reihe nach mit ihnen identifizieren. Eine gute Lektüre für alle, die selbst unter Stress stehen (in welcher Form auch immer). Für sie stellt es vielleicht den berühmten Silberstreif am Horizont dar, oder auch nur einen Hauch davon; jedenfalls bedeutet es ein paar Stunden Entspannung. Ganz klare Empfehlung!

(ab  14)

 

Marie-Aude Murail:

„Vielleicht sogar wir alle“

Fischer Schatzinsel 2012

368 S., EUR 12,99

ISBN: 978-3596854448

 

Hoch

 

 

Lässt hoffen

Yves Grevet: "METO – Das Haus"

Von  Susan Müller

 

64 Kinder, nur Jungen, sind in verschiedene Altersgruppen und in unterschiedliche farbige Gruppen eingeteilt, wie rot, dunkelblau, hellblau und violett; damit die Altersklassen und die Ankunft im Haus unterschieden werden.

Alles läuft immer strikt und streng nach Plan, essen, schlafen, lernen und andere Aktivitäten. Alles steht unter Beobachtung von sogenannten Cäsaren. Diese lächeln nach vorn und bestrafen hinten heraus. Selbst Gewalt wird untereinander nach Vorschrift in Spielen ausgeübt. Damit sollen Aggressionen abgebaut werden.

Meto, einer der Älteren, saß zur Strafe wieder einmal im Kühlraum, eine Strafe, die er einem Neuling zu verdanken hat, über den er in dessen Anfangszeit wachen sollte. Ihm wird der Käfig langsam zu eng. Und er ist klug, eins und eins zusammenzählend wird ihm klar, dass die Cäsaren unter den Kindern Spitzel haben. Daher wird er auch leichte Beute für Claudius, der Verbündete sucht, um die Situation zu verändern.

Meto sucht seinerseits noch Verbündete, und auch wenn sein Freund Markus vielleicht aus Angst anfangs nicht für den Plan ist, kann er ihn letztlich vom Mitmachen überzeugen. Die Insassen werden von außen, von den Dienern, versorgt und als auch aus deren Reihen welche zu finden sind, die mit der Situation alles andere als zufrieden sind, kommt es sehr ausgeklügelt zu einem Aufstand.

Er gelingt. Freiheit! Aber bisher haben alle Anwesenden nur verschwommene bis keine Erinnerungen an das Leben vor „dem Haus“. Sie müssen Begrifflichkeiten wie Mutter, Vater, Bruder und Schwester erst lernen. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen, und durch einen Geheimgang verlassen die Auserwählten das Haus. Als diese Tür hinter ihnen zugeht, ist es ein endgültiger Ausbruch.

Fortsetzung folgt… - so steht es auch am Schluss des Buches, das ich niemals für so toll gehalten hätte, als ich das Cover sah. Jetzt freue ich mich auf die Fortsetzung und bin froh, dass es mir empfohlen wurde. Die Lektüre lebt von einer anderen Art Spannung gegenüber einem Krimi, es behandelt ein ungewöhnliches, nicht alltägliches Thema, was auf mehr hoffen lässt.

 

Yves Grevet:

"Meto. Das Haus"

dtv - Reihe Hauser 2012

224 S., EUR 14,95

ISBN: 978-3423625142

 

Hoch

 

 

Viel Aktion und unerwartete Wendungen

Katja Brandis & Hans-Peter Ziemek: Schatten des Dschungels

Von: Anne Möller

 

Der Roman „Schatten des Dschungels“ erzählt die Geschichte von der jugendlichen Naturschützerin Cat, welche zusammen mit ihrem neuen Freund Falk und dessen Freunden die restlichen Bestände des Regenwaldes retten möchten. Dabei muss Cat feststellen, dass die anderen Mitglieder der Forschergruppe einen letzten, sehr radikalen Weg zur Rettung des Regenwaldes in Guyana wählen.

Die Geschichte spielt im Jahr 2025 und amüsiert und inspiriert durchgehend den Leser durch die Banalisierung heutiger Neuerfindungen und möglichen Errungenschaften der Zukunft. Ebenso ist Cats Reise durch den Dschungel und ihren weiteren Weg zur Rettung der Welt in eine interessante Art geschrieben, die stark an einen Roadmovie erinnert. Großes Manko der Geschichte ist jedoch die Liebesgeschichte zwischen Falk und Cat, welche auf eine sehr kindliche Art beschrieben wird und dessen Beschreibung absolut realitätsfern ist. Wäre Cat ohne ihre Beziehung zu Falk eine einfache Heldin des Naturschutzes in diesem Roman, wirkt sie nun eher wie ein absolut naives Mädchen mit stündlichen Stimmungsschwankungen.

Empfehlenswert für jüngere Leser, die sich für den Naturschutz interessieren und gerne etwas mehr - auf eine abenteuerliche Art und Weise - über den Regenwald erfahren möchten. Ist der Spannungsaufbau des Romans auf den ersten 100 Seiten noch sehr schleppend, so verbirgt das Ende der Geschichte doch sehr viel Aktion und unerwartete Wendungen.

 

Katja Brandis & Hans-Peter Ziemek: Schatten des Dschungels

Beltz Verlag, EUR 16,95

Gebunden, 413 S.

ISBN: 978-3-407-81107-3

978-3423625142 978-3423625142 978-3423625142

 

Hoch

 

 

Leichte, aber doch ganz hübsche Unterhaltungsliteratur

Ali Shaw: "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen"

Von Bettina Meinzinger

 

Willkommen in Ali Shaws klirrend-grauer Märchenwelt.

Wir befinden uns auf einer abgelegenen britischen Insel, die nur selten Touristen und Fremde sieht. Schnee, Eis, Sümpfe und Wälder laden nur diejenigen ein, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen. Sonderlinge bevölkern die karge Insel, etwa  der Millionär Hector Stallows, der die Bäume rund um sein Anwesen mit Quarzen und Bernstein behängt, Henry Fuwa, der in einem Haus in den Sümpfen eine seltene Mottenart züchtet, Ochsenmotten, zu denen er ein intimes Verhältnis pflegt, und Midas. Auch er lebt zurückgezogen, fast ohne jegliche Kontakte, vor jeder Berührung schreckt er zurück. Mitten in diesem Szenario eigenbrötlerischer Inselbewohner taucht eine junge Frau auf. Ihr Name ist Ida, sie ist blass und unscheinbar, bis auf ihre übergroßen, klobigen Schuhe. Midas, der die Welt durch die Linse seines Fotoapparats Schwarz-Weiß sieht, wird für Ida, das Mädchen mit den gläsernen Füßen, zu einem Rettungsanker. Während ein seltsames Tier, das mit seinem Blick alles in weiße Farbe tauchen kann durch die Wälder streift, sucht Ida verzweifelt nach Hilfe. Denn langsam verwandelt sie sich zu Glas.

Auffallend ist, dass jeder der männlichen Protagonisten in diesem Buch eine geliebte Frau verloren hat. Auf dieser Insel aus Glas, Eis, Grau und Weiß, dieser Insel ohne Farben, sind sie zu Einsamkeit verdammt, hier kann keine Liebe dauerhaft gedeihen.

Auch wenn die Dialoge in Shaws Erstling oft ungelenk wirken und man keine tiefer gehenden Charakterstudien erwarten sollte, kann das „Mädchen mit den gläsernen Füßen“ ein paar Nachmittage an einem bitter kalten Wintertag oder auf einer brennend heißen Sommerwiese versüßen. Bei der Aufmachung des Buches (silberfarbener Buchschnitt, Zeichnungen an jedem Kapitelbeginn) wäre weniger vielleicht mehr gewesen, aber so spiegelt sie doch recht gut den Buchinhalt wieder –leichte, aber doch ganz hübsche Unterhaltungsliteratur.

 

Ali Shaw: "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen"

Script5, EUR 19,95

Gebunden, 400 S.

ISBN 978-3839001318

 

Hoch

 

 

Düstere deutsche Dystopie

Daniel Höra: „Das Ende der Welt“

Von Sarah Kassem

 

In einer Welt nach der „Großen Katastrophe“ treffen wir Kjell, einen 14-jährigen Elitesoldaten und „Schwarzen Jäger“, gedrillt in der Armee, deren primäre Aufgaben Säuberungsaktionen, die Suche nach Terroristen, die Kontrolle der Zefs (einfache Bürger) und das Beschützen der gehobenen Klasse sind. Wir bekommen durch seine Perspektive ein sehr eindringliches Bild vom Alltag in einem zukünftigen, dystopischen Deutschland: Bücher werden als Wärmequelle genutzt und verbrannt, da sowieso niemand mehr lesen kann. Verschimmeltes Brot, faulige Kartoffeln, übelriechender Getreidebrei und Muschniks – eine undefinierte graue Masse, zu Riegeln gepresst – bilden die Hauptnahrungsmittel, gelegentlich bereichert durch gegrillte Maulwürfe und Insekten als Proteinquelle. Die Zefs, der Großteil der Bevölkerung, sind entweder obdachlos und Crystal-süchtig oder arbeiten als Sklaven in Flüchtlingslagern und Arbeitssiedlungen, oder in Fabriken, die allesamt den Senatsbürgern gehören – eine Kaste, die sich durch wallende weiße Gewänder, Sonnen-Symbole und eine panische Phobie vor Krankheiten auszeichnet. Die Armee steht als Puffer zwischen den aufkeimenden Terrorzellen in der Kaste der Zefs auf der einen und den schutzwürdigen Senatsbürgern, die das Land regieren, auf der anderen Seite und putscht ihre Soldaten mit Ketamin auf, ein Wirkstoff, der emotions- und schmerzunempfindlich macht.

Kjell ist ein untergebener, williger Soldat, der sich vollkommen seiner Aufgabe widmet und eine rasche Beförderung erfährt, als er das Leben des Kanzlers vor einem Anschlag rettet. Er wird als Leibwächter für dessen Tochter Leela eingesetzt. Kurz darauf erfährt Kjell, dass er von der Armee missbraucht wurde: Der Anschlag war nur inszeniert, um die Einflusssphäre des Kanzlers zu infiltrieren und einen Putsch in die Wege zu leiten. Daraufhin nimmt Kjell die Tochter des Kanzlers als Geisel und flieht aus der Hauptstadt. Es folgt eine lange Odyssee durch Deutschland, denn die mittlerweile das Land regierende Armee jagt Kjell als gefährlichen Terroristen.

Daniel Höra ist ein erstaunliches Jugendbuch gelungen. Der gebürtige Hannoveraner, der mittlerweile in Berlin lebt, hat einen Deutschlandroman verfasst, wie es ihn wahrscheinlich bisher noch nie gab. Seinen beiden Städten hat er eine wunderbar düstere Hommage gewidmet: Das apokalyptische Hannover mit dem zerstörten Bahnhof, den Überbleibseln des Reiterdenkmals und den Ruinen der Universität ist sehr beeindruckend, besonders für Leser, die Hannover kennen. Ebenso Berlin: „… eine alte, noch von irgendeinem Krieg übriggebliebene Mauer wieder aufgebaut und erweitert…“ und „… eingefallene Säule, zu deren Füßen eine riesige Statue mit Flügeln, aber ohne Kopf lag…“, dazu ein von Einschusslöchern übersätes Haltestellenschild „Po…Platz“. Andere Städte bekommen auch eine albtraumhafte neue Visage verpasst: Wolfsburg liegt in einer vereisten Kältezone, Magdeburg wurde zu einer Pestkolonie, Köln ist nur noch eine Ruinenstadt, Halle ist eine autonome Freie Republik, und der Rhein wurde versandet, um eine Grenze zu den feindlichen Vereinigten Niederlanden zu schaffen, die zum Großteil überflutet sind. Die Landkarte Deutschlands am Ende des Buches verdeutlicht noch einmal den Zustand nach der Großen Katastrophe: Ein paar vereinzelte Städte und Arbeitersiedlungen, der Rest besteht aus Sümpfen, Kältezonen und Wüsten.

Der Autor hat für den Leser kleine Humor-Oasen in dem ansonsten abgrundtief düsteren Buch hinterlassen; antike Überbleibsel aus der „alten Welt“, mit denen die Protagonisten nichts anfangen können, die beim Leser jedoch witzige Aha-Momente verursachen. Die Soldaten stoßen beispielsweise auf den Begriff „Art déco“ und rätseln über dessen Bedeutung, bis sich einer von ihnen an einer Erklärung versucht: „‚Eine Art ist so etwas wie eine Gruppe, zu der man gehört, und déco ist vielleicht eine Abkürzung für decodieren’, mutmaßte er. Wir nickten. Das klang vernünftig.“ In einem zerstörten Museum finden sie noch ein paar intakte Vitrinen und wundern sich über die Ausstellungsstücke: Sie kommen zum Ergebnis, dass „Disc“ eine Waffe zur Vogeljagd sein könnte, ein „Fußball“ ein Objekt, das zu einer leichten Form von Steinigung genutzt wurde, und ein Föhn wird für eine antike Strahlenpistole gehalten. Kjell findet eine uralte, fast verblichene Schokoladenpackung und wundert sich über den „Kinderkopf mit blendend weißen Zähnen“.

Am Ende des Buches findet sich ein Glossar, in dem der Versuch unternommen wird, unbekannte Begriffe zu erklären. Dieses ist unbedingt lesenswert, denn es ist lustig und bietet wertvolle Erkenntnisse über die Zukunft der Protagonisten und der Politik Deutschlands in dem ansonsten abrupt endenden Buch.

Höras größtes Talent besteht in der wunderbaren Atmosphäre, die er kreieren kann. Der gelbliche Himmel, an dem schorfige Wolken hängen und so aussehen, als könnten sie jederzeit aufplatzen und einen Eiterregen niedergehen lassen, oder Wolken, die an grauen Schleim erinnern. Seine Landschaftsbeschreibungen sind durchgehend bedrückend. Man leidet mit den Protagonisten auf ihrer Reise durch stinkende Städte, verseuchte Moore und unbarmherzige Wüsten. Trotzdem bleibt „Das Ende der Welt“ nicht lediglich ein postapokalyptischer Jugendroman. Der junge Leser identifiziert sich schnell mit Kjell durch die Ich-Erzählperspektive sowie die überwiegend jungen Charaktere im Roman und durchläuft seine Metamorphose von einer Killermaschine mit blindem Gehorsam zu einem denkenden, das System hinterfragenden Individuum, das im Laufe der Zeit lernt, das eigene Schicksal zu lenken. Diese Emanzipation, der Ausbruch aus dem Armee-System, das Hinterfragen der politischen Struktur, die Ambivalenz zwischen „Wir“ und „die Anderen“, zwischen den „Guten“ und den „Bösen“, das Begreifen solcher Konzepte wie „Diktatur“, „Terrorismus“, „Freiheitskämpfer“, „Wahrheit“ etc. stellt Höra sehr gut dar und leitet sie nachvollziehbar in der Gedankenwelt Kjells her.

Und nicht zuletzt ist es ein Freundschaftsroman: Die anfängliche Abneigung zwischen Kjell und Leela wandelt sich im Laufe der Reise zu einer immer engeren Freundschaft, die jedoch niemals ins Kitschig-Süßliche abdriftet, was sehr erfrischend ist.

Es ist zu raten, „Das Ende der Welt“ für ein Lesepublikum ab 14 Jahren freizugeben, da das Buch mehrere starke Gewaltszenen enthält und eine fast erwachsene (jedoch einfache) Sprache benutzt. Ansonsten ist es jedoch uneingeschränkt empfehlenswert.

 

Daniel Höra:

„Das Ende der Welt“

Bloomsbury 2011

384 S., 16,90 Euro

ISBN 978-3827054388

 

Hoch

 

 

Roadmovie-Roman mit Gesellschaftskritik

Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Von Ada Bieber

 

Der Jugendroman von Wolfgang Herrndorf ist vielfach gelobt worden, war mehrfach preisverdächtig und wurde im Herbst mit dem deutschen Jugendliteraturpreis 2011 ausgezeichnet. Dass Herrndorf es mit sprachlicher Gewandtheit versteht, sein Publikum in den Bann zu ziehen, ist mehrfach betont worden. Und in der Tat ist es ganz erstaunlich wie authentisch die Jugendsprache der beiden Protagonisten Maik und Tschick daherkommt. Weniger authentisch scheint es gelegentlich um die Handlung bestellt zu sein. Doch – dies gleich vorweg – das ist bei diesem Roman weniger entscheidend als die treffsichere Verarbeitung des altbewährten Reisemotivs. Maik, der wohlstandsverwahrloste Außenseiter, und Tschick, der intelligente, aber am Rande der Gesellschaft stehende Junge aus Russland, geben ein ähnlich überzeugendes Paar ab wie Tom Sawyer und Huck Finn. Die Reise in „Tschick“ ist anders als den Abenteuern von Huckleberry Finn weniger eine Flucht oder existentielle Befreiung, sondern vielmehr ein kurzzeitiges Ausbrechen aus einer kaputten Gesellschaft. Diese scheinbar so verrückte Roadmovie-Reise quer durchs Nirgendwo Ostdeutschlands ist für die beiden Jungen der Versuch, in eine ›normale Welt‹ einzutauchen: „Machen wir einfach Urlaub wie normale Leute.“ (S. 95). Auch wenn sie auf der Reise nicht immer ›normale Leute‹ treffen, so treffen sie doch stets Menschen, die den Jungen ehrliches Interesse entgegen bringen, sich als hilfsbereit erweisen oder aber ein stinknormales Leben führen. Bei aller Skurrilität scheinen die Reiseerlebnisse oft „normaler“ als das einsame und profilorientierte Leben von Maik und Tschick in Berlin.

Die Probleme der beiden Jugendlichen mit der Sehnsucht nach mehr Normalität werden schon dort sichtbar, wo die Reise beginnt: Zuhause. Während Maik zwar in innerfamiliär höchst zerrütteten Familienverhältnissen aufwächst, nach außen aber aus der ›vertrauenswürdigen Mitte der Gesellschaft‹ stammt, ist Tschick von Anfang an gebrandmarkt. Vom ersten Tag an in der neuen Klasse eines Berliner Gymnasiums weiß Tschick – mit vollem Namen Andrej Tschichatschow – um seine Chancenlosigkeit in punkto Anerkennung. Maik fasst es rückblickend folgendermaßen zusammen: „Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Asi, und genau so sah er auch aus.“ (S. 41) Und so weigert sich Tschick erfolgreich, mehr als wenige zwingend notwendige Informationen aus seinem Leben preiszugeben. Denn dass sein Leben mit all den Schwierigkeiten weder wirkliches Interesse noch echte Anerkennung erhielte, scheint er zu wissen. Nur wenige Informationen erhält der Leser – beispielsweise, dass Tschick in Deutschland zunächst wohl aus sprachlichen Gründen auf der Förderschule landete, nun aber Einlass ins Gymnasium erhält. Welchen Kampf der Junge für den schulischen Erfolg kämpfen musste, bleibt ungeklärt und der Leser muss sich fragen, wie aufmerksam und kompetent das Schulsystem mit Schülern wie Tschick tatsächlich umgeht. Während der transkulturelle Migrant aus Russland mit Vorfahren aus der rumänischen Walachei inmitten der nationalen und kulturellen Teilidentitäten recht dennoch selbstsicher scheint – „Aber die Familie ist von überall. Wolgadeutsche. Volksdeutsche. Und Banater Schwaben, Walachen, jüdische Zigeuner “ (S. 98) – reagiert die Umwelt verunsichert und ablehnend. Ist Maik ›nur‹ von den Eltern, Gott und der Welt verlassen (Vgl. S. 71), so ist Tschick tatsächlich im gesellschaftlichen Sinn verlassen. Wenn am Ende des Romans Behörden, Richter und Eltern nach dem Grund für dieses Roadmovie-Abenteuer der beiden Jungen in dem geklauten Auto quer durchs Land fragen, werden die dem Leser prägnant vor Augen geführten Familienverhältnisse Maiks nicht als Ursache gesehen. Viel leichter scheint es, den russischen Einwanderer – auch hier erfährt der Leser nichts über Tschicks nähere Familienverhältnisse (!) – in ein Erziehungsheim mit strenger Abschottung zur Außenwelt zu stecken. Die Verantwortung wird also auf das schwächste gesellschaftliche Glied abgeschoben. Nach außen werden vom zuständigen Richter banale Gemeinplätze bemüht: „Zum Glück hat er uns dann gleich selbst Antworten angeboten. Zum Beispiel, ob wir einfach Fun hätten haben wollen.“ (S. 233)

So unterhaltsam die einzelnen Reisestationen auch sind, die eigentliche Spannung dieses Jugendromans liegt weniger im Weg als im Ausgangspunkt der Reise. Herrndorf bedient zwar die Makroebene einer klassischen Reiseerzählung, doch ist kaum zu übersehen, dass mehr als hundert Seiten für den Ausgangspunkt verwendet werden. Hier wird auch noch wesentlich einlässiger und präziser erzählt, als es dann in der Darstellung der einzelnen Stationen getan wird. Schon der Titel verrät, dass es weniger um die Reise als um die Figur des russischen Einwandererjungen geht. Denn nicht ohne Grund trägt der Roman den schlichten Titel „Tschick“. Auch wenn es Maik ist, der in der Rückschau erzählt, und der Leser diesen Erzähler viel besser kennenlernt als den russischen Freund, so ist doch am Ende kaum mehr zu übersehen, dass der integere Tschick der eigentliche Held (und Verlierer) dieses Romans ist. Denn während Maik ähnlich wie Tom Sawyer mit einem blauen Auge davonkommt, hat Tschick im Unterschied zu Huckleberry Finn weder die Hoffnung auf ein geregeltes, bürgerliches Leben noch auf eine selbstgewählte Freiheit ... !

 

Wolfgang Herrndorf: "Tschick"

Gebunden, 256 S.

Rowohlt Berlin, EUR 16,95

ISBN 978-3871347108

 

Hoch

 

 

Ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser

Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Von Bettina Meinzinger

 

Die Lemeuniers sind eine gutbürgerliche französische Familie wie aus dem Bilderbuch. Segelurlaub in der Bretagne, Vereinsmitgliedschaft im Tennisclub und italienische Lasagne zum Abendbrot inklusive. Doch dann klingelt die Polizei an der Tür ihres Appartements in der „Domaine de SansSouci“, einer Gated Community westlich von Paris. Die Polizei verdächtigt den 19-jährigen Sohn der Familie, Brice, Student an der Filmhochschule, des fünffachen Mordes. Mit seiner Verhaftung endet die scheinbare Sorglosigkeit der Lemeuniers.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Brice' jüngerem Bruder, dem 15-jährigen Martin. Er ist bald der Einzige, der an dessen Unschuld glaubt. Als die Beweislast gegen Brice immer erdrückender wird, beginnt Martin eigene Ermittlungen anzustellen.

Der Roman behandelt zahlreiche ernstzunehmende Themen wie psychische Erkrankungen, die sensationslüsterne Berichterstattung der Presse oder die Debatte um den Einfluss von Videospielen und Horrorfilmen auf jugendliche Gewalttäter. Auch wird Martin, der im Laufe der Geschichte in die Rolle des von ihm und Brice erfundenen Detektivs Fox Lockombo schlüpft, um die Unschuld von Brice zu beweisen, nie als furchtloser Held dargestellt. Auch Jungs haben Angst und weinen.

Das alles gibt „blutsbrüder“ den Anstrich des Authentischen. Das Buch mündet dann allerdings in einer Detektivgeschichte, die schon nicht mehr so glaubwürdig ist. Das ist an sich nicht schlimm, und muss wohl meist so sein, wenn der Ermittler in Frage selbst noch die Mittelstufe besucht. Allerdings will dies nicht so recht zur ansonst so nüchternen, auf Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe bedachten Erzählweise passen.

Das Buch changiert zwischen „nicht richtig gut“ und „nicht wirklich schlecht“ und ist daher ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser. Warum wohl wird solch durchschnittliche Jugendliteratur in Frankreich mehrfach ausgezeichnet?

 

Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“

Gebunden; 256 S.

Ravensburger Buchverlag; Euro 14,95

ISBN 978-3473352197

 

Hoch

 

 

Wenn Auschwitz unabwendbar ist:

Ein beeindruckendes Jugendbuch über den Wert des Lebens

Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

von Ada Bieber

 

Mit „Eine Handvoll Karten“ hält der Leser die nahe gehende Geschichte über ein niederländisches Mädchens und dessen jüdische Familie in der Hand. Beständig schwebt deren Schicksal, in Auschwitz den Tod zu finden, über dem zu Erzählenden. Erzählt wird von Leny Goldstein, ihrer kleinen Schwester Carry und ihren Eltern Silvain und Rosa. Sie sind eine gutbürgerliche Familie, in der Bildung, Kultur und Respekt die Grundpfeiler des Zusammenlebens bilden. Die Familie lebt in der niederländischen Stadt Breda nahe der belgischen Grenze; sie sind anerkannter Teil der christlichen und jüdischen Gesellschaft. Der Roman erzählt durch fragmentarische Einblicke die allmähliche Wandlung einer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft in ein gnadenloses Ausgestoßensein – bis hin zur Ermordung in Auschwitz-Birkenau. Gerade in dieser Fragmentarisierung liegt die Besonderheit des Romans, denn dadurch wird von einer allzu emotionalen Involviertheit bzw. intendierten Identifikation mit der Hauptfigur zugunsten einer grundsätzlichen Darstellung vom Wert eines jeden Lebens abgesehen. Natürlich bleibt das Mädchen dem Leser dennoch nicht fremd und auch identifikatorische Ansätze sind möglich. Doch gerade durch das Aufrufen wesentlicher Lebensstationen und Wendepunkte im Lebens Lenys kann ein prinzipielles Nachdenken über Schicksalswege und Lebenswege angeregt werden, das bei allzu individuell entworfenen Lebensgeschichten häufig nicht voll entfaltet werden kann.

Die niederländisch-österreichische Autorin Rachel van Kooij stellt der Geschichte Lenys ein Vorwort voran, das nicht nur ein persönliches Interesse an Lenys Schicksal deutlich macht, sondern auch die Ermordung Lenys durch die Nationalsozialisten vorausschickt. Van Kooij gibt in diesem Vorwort an, als Kind Lenys Kartenalbum auf dem Speicher ihrer Großmutter im niederländischen Breda gefunden zu haben. Auf die Frage, wem dieses Album gehöre, habe sie lediglich die verstörende Antwort erhalten: „Dieses Kartenalbum gehörte Leny. Leny war eine Freundin, und sie wurde ermordet.“ (S. 5) Der Leser darf also von Beginn an nicht auf eine Rettung des Mädchens oder ihrer Familie hoffen. So liegt die Motivation zur Geschichte nicht im Erzählen eines Happy Ende, sondern im Nachspüren, im fiktionalisierten Rekonstruieren und im Verstehen eines jüdischen Kinderschicksals.

Aber nicht nur das Vorwort spricht das Schicksal des kleinen Mädchens direkt an. Ein vorausgeschicktes Gedicht mit dem Titel „Das Ende“, das einer Todesanzeige gleich Tag, Jahr und Ort der Ermordung nennt, zeigt ganz unverstellt die Vergasung und Verbrennung aller Opfer Auschwitz-Birkenaus. Rachel van Kooij zeigt mit diesem nur schwer zu ertragenen Gedicht, dass es sehr wohl eine Sprache für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus gibt, noch dazu eine, die Jugendlichen einen Zugang zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen der europäischen Juden ermöglichen kann. Schließlich geht auch das Kapitel „Die letzten Minuten“ am Romananfang auf die Ermordung Lenys ein. Auch dieses Kapitel ist harter Lesestoff, schildert es doch in der vordergründig naiv-einfachen Sprache Lenys die Ankunft in Auschwitz und das umgehende Einpferchen der Menschen in der Gaskammer. Durch diese Sprache wird konsequent die Kindperspektive beibehalten. Sie macht deutlich, dass Leny trotz aller Demütigungen und Schicksalsschläge der letzten Jahre in diesen letzten Lebensminuten ihren Tod nicht vor Augen hat.

Das Ende wird visuell durch eine Zeitleiste am Seitenrand verdeutlich. Diese Zeitleiste zieht sich durch das Buch und markiert die gesamte erzählte Zeit von 1929 bis 1942. Das jeweils thematisierte Jahr ist fett gedruckt, sodass im ersten Kapitel das Todesjahr 1942 den unausweichlichen Tod bestätigt. Das zweite Kapitel springt dann ins Jahr 1929 und erzählt von der Geburt Lenys, von ihren Eltern und deren Hoffnungen, der Tochter eine „wunderbare Zukunft“ (S. 11) geben zu können. Die dann chronologisch folgenden fragmentarischen Einblicke in sehr unterschiedliche Lebensstationen und Erlebnisse Lenys werden immer dann besonders drückend, wenn individuelle Wünsche und persönliche Träume mit der historischen Realität kontrastieren und der Leser nicht nur um das Ausmaß des Holocaust, sondern auch um das grauenhafte Schicksal der kindlichen Hauptfigur weiß. Die Vergangenheit der Mutter als Lehrerin in Indonesien und die gelingenden Fluchten mehrerer Verwandter ins Ausland lassen für Jugendliche das Schicksal der Familie doppelt schrecklich erscheinen, wird dem Leser doch stets vor Augen geführt, dass diese Menschen anderenorts und unter anderen Lebensentscheidungen tatsächlich ihr Leben hätten retten können. Insofern liest sich auch der scheinbar unerschütterliche Glaube der Familie Goldstein an den letztendlichen Sieg der Menschlichkeit besonders dramatisch. Nicht selten nimmt sich die ja historisch vielfach verbürgte duldsame Haltung der Eltern gegenüber verachtender Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung vor der historischen Folie gerade für jugendliche Leserinnen und Leser als besonders irritierend aus. Doch wird im Zusammenspiel mit der Anlage der Figuren gerade dadurch ein Verstehen und ein Miterleben ermöglicht, das Jugendlichen eine intensive literarische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eröffnet. Dadurch, dass die Geschichte nicht im nationalsozialistischen Deutschland, sondern in den besetzten Niederlanden spielt, können deutsche Jugendliche andere, für sie zumeist neue Perspektiven entwickeln und erkennen, dass der Holocaust in ganz Europa und eben nicht nur in Deutschland gewütet hat.

 

Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten

Jungbrunnen Verlag 2010

270 S., € 16,90

ISBN 978-3-7026-5817-5

 

Hoch

 

 

Jede der Vier

Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Von Julia Schneider

 

Vier Freundinnen, alle um die 16/17 Jahre alt, jede hat ein eigenes Talent. Alle vier sind auf dem besten Wege berühmt zu werden. Die eine als Designerin, die andere als Bloggerin, die über die neue Mode der Designerin berichtet, die andere, die die Modeshows der Designerin, einer ehemaligen Kindersoldatin, managt, und die vierte, die Schauspielerin und das Model für die neue Kollektion ist. Jede von den Vieren hat ihre eigenen Probleme - und die Autorin Sophia Bennett schafft es, obwohl sie nur aus der Sicht von Nonie (der Managerin) berichtet, dass die Gefühle von keinem Mädchen zu kurz kommen. Eines verbindet alle Protagonistinnen: Sie wirken völlig selbstlos, sie kümmern sich immer und jederzeit um die anderen Freundinnen.

So auch, als Jenny, die Schauspielerin, die Hauptrolle in einem Theaterstück bekommt, bei dem ein sehr überhebliches Hollywood-Starlet mitspielt, die durch Zufall Jennys ehemalige Klassenkameradin ist. Natürlich ist Jenny am Ende der von Hollywood gefeierte Star und wird von Reportern belagert.

Auch Krähe, die Designerin, wird beschuldigt, dass ihre Kollektion durch Kinderarbeit hergestellt worden sei. Prompt sitzen die Freundinnen (ohne Jenny, die noch probt) in einem Flieger nach Indien, um mehr über die Gerüchte herauszubekommen.

Sophia Bennett hat mit „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“ ein Buch geschaffen, das man immer wieder gerne liest und das, obwohl es schon der zweite Band über die Geschichten von Nonie, Krähe, Jenny und Edie ist, völlig eigenständig ist. Die jugendliche Leserin fühlt mit jedem einzelnen Mädchen mit. Und das, selbst wenn manches ab und zu ein bisschen unwirklich daherkommt. Teenager meets Teeanger - gelungen!

(Ab 12)

 

Sophia Bennett:

„Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Chicken House 2011

320 Seiten, Euro 14,95

ISBN 978-3-551-52024-1

 

Hoch

 

 

Weder Held noch Erfolgsstory - ein ungewöhnlicher Entwicklungsroman

Oscar Hijuelos: „Runaway“

Von Ada Bieber

 

Mit „Runaway“ (engl. „Dark Duke“) debutiert Oscar Hijuelos in der Sparte Jugendbuch; bisher schrieb er nur für ein erwachsenes Publikum. In dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Band wird von Rico erzählt, der in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das harte Leben im New Yorker Stadtteil Harlem zu spüren bekommt und der dann seinem Freund Gilberto nach Wisconsin folgt. Rico stammt aus einer kubanischen Einwandererfamilie, doch es fällt ihm schwer, sich auf seine südamerikanische Herkunft zu besinnen. Nicht nur, dass er sich mit der spanischen Sprache schwertut, zu allem Überfluss sieht er äußerlich auch kaum wie ein Kubaner aus. Im wahrsten Sinn des Wortes ist Rico eine transkulturelle Figur, die jedoch diese Anlagen nicht zu nutzen weiß und in der Schule, in der Familie und im Alltag ständig zwischen den Stühlen steht. Als der Vater Rico auf eine Militärschule schicken will, macht sich Rico mit seinem heroinabhängigen Freund Jimmy auf den Weg in den Mittleren Westen.

Mit dieser Reise beginnt allerdings auch das grundlegende Problem des Romans. Denn weder die Reise noch das Leben auf der Farm in Wisconsin werden dazu genutzt, Rico und die anderen Figuren sowie deren Entwicklungen lebendig und spannend zu erzählen. Im Laufe des Romans werden zwar eine Menge Themen und Probleme aufgegriffen – wie beispielsweise die Drogensucht Jimmys, die gesellschaftlichen Phänomene der 1960er Jahre, Kunst- und Bildungsdiskurse und nicht zuletzt die erste Liebe und das Phänomen der Transkulturalität –, doch keines dieser Themen wird wirklich vertiefend dargestellt. So wirken am Ende des Romans alle Figuren blass und seltsam abwesend. Teilweise muten sie sogar unglaubwürdig an, wenn beispielsweise Jimmy aufgrund einer nur flüchtig dargestellten Liebe mir nichts, dir nichts sein Heroinproblem in den Griff bekommt oder Rico am Romanende eine übersteigerte Sehnsucht nach seiner problembeladenen Familie entwickelt, ohne wirklich eigene Zukunftsperspektiven entworfen zu haben. Man könnte sogar sagen, dass Rico träge und inkonsequent scheint, denn trotz seiner Entwicklungszeit in Wisconsin kommt er seiner eigenen Identität nicht wirklich auf die Spur.

Nichtsdestotrotz entwickelt der Roman in vielen Kapiteln eine eigene, ruhige Atmosphäre, die vor allem die Perspektivlosigkeit und Unsicherheit der jungen Protagonisten hervorhebt. Möglicherweise liegt gerade in diesem ergebnislosen Treiben das zentrale Merkmal dieses Jugendromans. Er sei daher all jenen Lesern ans Herz gelegt, die weder Helden noch Erfolgsstorys suchen, sondern ausreichend Muße für einen ungewöhnlichen Entwicklungsroman mitbringen!

(Ab 13)

 

Oscar Hijuelos:

„Runaway“

Aus dem Amerikanischen von Günter Ohnemus

S. Fischer Verlag 2010

350 S., € 19,95

ISBN 978-3-596-85382-3

 

Hoch

 

 

„Hab ich genug geschrien?“

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Von Iris Kersten

 

Leise und poetisch kommt sie daher: Virágs Geschichte. „Virág“ ist ungarisch und bedeutet auf Deutsch „Blume“. Virág ist ein zehnjähriges Mädchen, das mit ihrer Familie in Deutschland lebt. Die Mutter ist Ungarin, der Vater Deutscher. Seitdem er arbeitslos ist, versuchte er, sich mit Alkohol über diesen Zustand hinweg zu trösten. Die Eltern lieben die Tochter, doch miteinander kommen sie nicht klar. Langsam wird der Leser auf die Veränderungen in Virágs Innenleben vorbereitet. „Und da war das Gefühl wieder – dass etwas nicht stimmte.“ Virágs Welt beginnt zu zittern. Dieses sind die ersten Anzeichen einer psychosomatischen Krankheit. Adreas Schendel berichtet feinfühlig. Über Virágs Familienleben und den Schulalltag, ihre beste Freundin und ihre Lieblingsfeindin, und den Lehrer, in den sie sich ein bisschen verliebt hat.Nachdem Virág nun zum zweiten Mal aus der Klasse „geflogen“ ist (das erste Mal wegen eines hysterischen Lachanfalls; das zweite Mal, weil sie sich zittrig fühlte und sich darum so fest an die Wange ihrer Freundin drücken musste, dass diese sich nicht mehr befreien konnte), wird sie zur Untersuchung in ein Kinderkrankenhaus gebracht, Abteilung Psychosomatik. Dort bekommt sie eine Spritze, nach der  sie sich nicht mehr wie sie selbst fühlt. Die Medikamente, die sie nun schlucken muss, verursachen das gleiche Gefühl von Leblosigkeit, und Virág beschließt, die Tabletten nicht mehr zu nehmen – natürlich heimlich. Und dann findet sie die Lösung, damit alles wieder gut wird: „Sie wird die ganze Welt zusammenschreien. […] Sie wird die Welt wieder in Ordnung schreien. Einfach so lange ihre Schreie läuten lassen, bis alles wieder wie früher ist.“ Danach wird Virág in ein Krankenhaus, psychiatrische Kinderabteilung, eingeliefert. Das erste, was sie fragt: „Hab ich genug geschrien?“ Nun begleitet der Leser Virág in die Klinik und lernt dort den Alltag kennen, mit Therapieplan, Bravo undQuasselstunde“ bei Frau Doktor Jäger, die folgenden Standpunkt vertritt: „Wenn das Leben von den Kindern schwer ist, dann müssen die Eltern auch einfach brav sein“. Der Autor stellt hervorragend Virágs Gefühle dar: ihre Scham vor den Eltern und ihr Mitgefühl für die anderen Kinder dort (Virágs magersüchtige Zimmergefährtin Katrin, die schweigenden Zwillinge aus Afghanistan), aber auch ihre Angst (zum Beispiel vor dem Jungen, der sich die Arme blutig beißt) und die Gefühle, die nicht einmal sie selbst versteht: „Dass sie so traurig sein kann, in einem Moment, und im nächsten so lachen muss...“. 

Auch erfährt man so einiges über Ungarn. Der Leser wird zum Beispiel in die ungarischen Gepflogenheiten eingeweiht, wie man einen Kindergeburtstag arrangiert (Virágs elften Geburtstag feiern die Kinder ganz nach ungarischer Tradition) und er erfährt, wie es ist, eine Nagyi (eine Oma) in Budapest zu haben, nach der man eine unendliche Sehnsucht verspürt. Aber es ist nicht nur die Sehnsucht nach der Großmutter und der ungarischen Sprache (in der Virág ihre Gefühle übrigens viel besser ausdrücken kann als auf Deutsch) – es ist vielmehr eine einzige große Sehnsucht, die Sehnsucht nach einer heilen Welt und einem heilen Zuhause.

Andreas Schendels Sprache besteht aus kurzen, aber durchaus poetischen Sätzen, die rhythmisch und fließend zu lesen sind. Der Gebrauch des Ungarischen tut dem Lesefluss keinen Abbruch; im Gegenteil hat man dadurch das Gefühl, Virág noch näher zu sein. „Virág ist traurig und froh und hat die liebe alte Stimme der Nagyi noch in den Ohren (würde sie am liebsten verstopfen, damit der Klang der Stimme drinbleibt).“

Das Buch ist so hervorragend geschrieben, dass der Leser sich wirklich in Virág hineinversetzen kann, mit ihr mitfühlen kann. Es ist eine langsame und leise Geschichte, teilweise mutet sie sogar philosophisch an: „Virág spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Oder vielleicht stimmt sie auch – und nur die Welt um sie herum stimmt nicht.“ oder „Sie würde echt am liebsten wissen, ob das Leben für alle Leute so schwierig ist? Oder ob es besser wird, wenn man erwachsen ist? […] Wenn das Leben für alle schwierig wäre, wäre man weniger allein.“

Das Ende ist offen (alles andere wäre auch unrealistisch): „Sie ahnt [], dass es noch dauern wird mit dem Gesundwerden, dass es noch Zeit braucht.“

Schön aufgemacht ist das Buch durch ein künstlerisches Polaroidfoto von Anne-Theresa Wittmann zu Anfang eines jeden Kapitels. Die Fotos stellen verschiedene Augenblicke aus Virágs Leben dar. Warum ausgerechnet Polaroids? Virág hätte gerne eine Polaroidkamera gehabt. Ihr gefällt es, wie nach jeder Aufnahme das „Bildkind“ aus der Kamera kommt. Man bekommt direkt Lust, den digitalen Fotoapparat zur Seite zu legen, um sich selbst an einer Polaroid zu versuchen.

Literatur für Jung und Alt, ab 12 Jahren

 

Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“

Berlin Verlag 2010

128 Seiten, 12,00 Euro

ISBN-13: 978-3827053831

 

Hoch

 

 

Für Meeresfans!

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“

Von Anne Spitzner

 

Der Jugendroman „Ruf der Tiefe“ ist das Produkt einer ganz besonderen Zusammenarbeit. Hans- Peter Ziemek, der eigentlich Biologiedidaktik an der Universität in Gießen lehrt, und Katja Brandis, eine Jugendbuchautorin, haben gemeinsam einen Science- Fiction- Roman geschrieben, der uns zeigt, wie unsere Zukunft in nur wenigen Jahren aussehen könnte.

Schauplatz ist zu Beginn der Grund der Tiefsee. Hier leben Leon, ein Taucher, der den Boden der Tiefsee nach Mangan und anderen wertvollen Rohstoffen absucht, seine Kollegen - und seine achtarmige Partnerin Lucy. Leon liebt das Leben unter Wasser, die Dunkelheit und das schwerelose Schwimmen. Für seine Zukunft kann er sich nichts Schöneres vorstellen, als auf der Tauchstation „Benthos II“ zu bleiben. Doch als ein Tauchgang für Leon beinahe tödlich endet und die Menschen auf der Benthos II anschließend beginnen, sich merkwürdig zu verhalten, begreift er, dass sein Leben nicht so weitergehen kann wie bisher. Die gesamte Tiefsee scheint in Gefahr zu sein.

Die Faszination von „Ruf der Tiefe“ ist durch einen großen Teil dadurch bedingt, dass die meisten der technischen Errungenschaften sich tatsächlich schon heute abzeichnen. Dass Leon beispielsweise Flüssigkeit atmet, um durch den gewaltigen Druck in der Tiefsee nicht zerquetscht zu werden, wird heute schon erforscht. Und auch die Zerstörungen, die gierige Menschen in der Tiefsee anrichten, sind – leider – nicht der Phantasie der Autoren entsprungen.

„Ruf der Tiefe“ packt den Leser von der ersten Seite an. Man taucht mit Leon und seiner Krake Lucy durch die Weiten der Tiefsee, sieht die Welt durch ihre Augen, man ist hautnah dabei, wenn Leon im Wasser, das keinen Sauerstoff mehr enthält, beinahe erstickt, und erlebt, wie es ist, wie eine Welt, die man für die einzig wahre gehalten hat, um einen herum in Stücke bricht. Doch Leon, der eigentlich ein schüchterner Junge war, wächst in dieser Situation über sich hinaus, weil er weiß, dass es an ihm ist, seine Welt zu beschützen.

Besonders die Krake Lucy, der wichtigste Bestandteil von Lucys Welt, wächst einem mit jeder Seite mehr ans Herz. Lucy ist zusätzlich zur ohnehin nicht geringen Intelligenz von Kopffüßern genetisch manipuliert, und Leon kann über seine Gedanken mit ihr kommunizieren. Zwar versteht Leon meistens, was sie meint, doch manchmal hat er Schwierigkeiten, und die beiden haben auch viele ganz eigene Worte, die nur sie beide verstehen. Lucy steht Leon mit allen acht Armen zur Seite, als es hart auf hart kommt.

„Ruf der Tiefe“ ist also ein großartiges und spannendes Lesevergnügen für jugendliche (und größere) Leser. Leider sind die Ideen allerdings teilweise besser als deren schriftliche Umsetzung, und an manchen Passagen rutscht der Stil ein klein wenig ins Klischeehafte ab. Dass ich der Meinung bin, nicht jeder Jugendroman müsse auch eine Liebesgeschichte enthalten, sei hier nur am Rande erwähnt.

Doch dies sind nur winzig kleine Minuspunkte. Ingesamt erhält „Ruf der Tiefe“ ein sehr, sehr großes Plus – ein absoluter Spaß und ein Muss für jeden Meeresfan!

(Ab 14)

 

Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis:

„Der Ruf der Tiefe“

Beltz Verlag 2011

414 S., Euro 16,95

ISBN 978-3407810823

 

Hoch

 

 

Thrillerqualitäten. Auf Russland und seine Revolution angewendet

Marcus Sedgwick: „Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“

Von Susan Müller

 

Mit dem Titel des Buches assoziiert man den Beginn eines Märchens („Schneewittchen" oder „Schneeweißchen und Rosenrot“),  und ein Märchen hat man eigentlich auch vor sich, aber einer gänzlich anderen Art - nicht nur weil es sein Setting in Russland hat. Der Romanheld Arthur Ransome ist britischer Schriftsteller und Journalist, den es nach Russland zieht. Seine Ehe, die ihm einst als das einzig Richtige erschien, ist abgenutzt, und der Verlust seiner Tochter ist die bittere Randerscheinung.

So faszinierend das fremde Land für sich ist, muss Ransome doch am eigenen Leib erfahren, wie man zwischen die Fronten gerät. Er soll für die „Daily News“ schreiben, stellt sich aber weder auf die Seite der Bolschewiken noch auf die der Weißgardisten im gespaltenen Staat. Er schließt hier wie da Freundschaften, und als er Robert Lockhart kennenlernt, der als Agent fungiert, hält man auch ihn streckenweise für einen Spion. Diese Meinung verhärtet sich, als er Trotzkis Sekretärin kennen- und lieben lernt. Ist das jetzt nur Tarnung, um an Informationen über die Leninsche Regierung heranzukommen?

Arthur hat auch Helfer, die es ihm ermöglichen, gewisse Privilegien zu genießen. Nicht nur einmal entrinnt er Gefahren, aber er kann durch seine Art auch Freunden aus brenzligen Situationen heraushelfen. Er lässt sich durch niemanden auf irgendeine Seite ziehen und lehnt in letzter Sekunde die Spitzeltätigkeit für Lockhart ab. Es gelingt ihm trotz allem ein Triumph, er kann mit seiner Geliebten Russland verlassen. Eine gefährliche Reise über Estland, deren Einzelheiten den Begriff Abenteuer weit untertreiben, aber dem Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse gestatten.

Marcus Sedgwick versteht es sehr geschickt, Geschichte der historischen Art und (eine) Geschichte in Form des Märchens zu vereinen. Er belegt Tatsachen mit Hilfe von Belegen aus Archiven (siehe Buchanhang) und kann dem Leser die historischen Zusammenhänge verständlich machen.

Die Spannung des Buches wächst mit jeder Seite und fesselt den Leser. Dieser sollte auf jeden Fall seine Erfahrung mit dem Buch und dessen Details selbst machen. Mit den historischen Hintergründen auch - sollte das Interesse für die russische Revolutionsgeschichte geweckt worden sein durch dieses Buch, kann man sich genauer, wahrheitsgetreuer, weniger romanhaft damit noch einmal genauer auseinandersetzen. Der Brite Marcus Sedgwick, Jahrgang 1968 und bekannter Jugendbuchautor mit Hang zum Gruselbuch, hat Mut bewiesen, sein Buch in dieses komplexen Thema einzubetten. Es gelingt ihm besser als denen, die in Deutschland (dort nehmen sich allerdings ältere Autoren dem an) da ihr Glück versuchen, ist aber doch auf das britische Jugendbuchpublikum mit seinem sehr spezifizierten Geschichtswissen ausgerichtet. Kein Russlandkenner, kein Dostojewski-Interpret. Die Thrillerqualitäten überwiegen. Ein John le Carré und sein Spion, der aus der Kälte kam? Ja! So sollte Marcus Sedgwick, eines dieser Kinder des Kalten Krieges, gelesen werden.

(Ab 12)

 

Marcus Sedgwick:

„Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“

Aus dem Englischen von Renate Weitbrecht

dtv 2009

368 S., Euro 9,95

ISBN: 978-3423623933

 

Hoch

 

 

Ob das Wichtigste wirklich die Suche nach ihrem Vater ist?

Edgar Rai: Salto rückwärts

Von Sarah Wittenberg

 

 

"Salto rückwärts" ist ein Jugendroman  aus dem Jahr 2009. Und was für einer!

Die Protagonistin Frieda macht sich spontan auf eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln.

Einen Tag vor ihrem 14. Geburtstag erfährt Frieda, dass ihre Mutter bei einer Modenschau in Paris gebraucht wird. Anstatt die kommenden drei Tage trostlos mit ihrem Kater Goodbye vor dem Fernseher zu liegen oder Schwarzwälder Kirschtorte mit der ungeliebten Tante zu essen, nimmt Frieda den Nachtzug von München nach Berlin. Ihr Ziel: Ihren Vater finden. Der Weg: Noch unbekannt. Denn von besagtem Vater weiß sie nur, dass er Carlos Simon heißt und vor 14 Jahren mit seiner Band in München gespielt hat, wo Friedas Mutter eine Nacht mit ihm verbrachte.

In Berlin angekommen, beginnt Frieda alle mit Namen C. Simon, die sie im Telefonbuch finden kann, abzuklappern, aber sie hat kein Glück. Unter all den schrägen Gestalten, die sie in Berlin trifft, will keiner ihr Vater sein.

Als Frieda nicht mehr weiter weiß und schon aufgeben will, kommt plötzlich eine Wende.. Sie lernt Nelly kennen, ein patziges Mädchen mit grünen Haaren und (noch viel wichtiger) deren Kumpel Jonas. Auf einmal ist Frieda sich gar nicht mehr sicher, ob das Wichtigste in Berlin ihr unbekannter Vater ist.

Friedas Geschichte ist sehr spannend geschrieben und wirkt nie aufgesetzt oder übertrieben. Man fiebert mit ihr, leidet bei jedem Fehlschlag und bangt um sie, wenn sie nachts auf einer einsamen Parkbank einschläft. Die Figuren der Geschichte sind authentisch aus dem Leben gegriffen, und obgleich ab einer bestimmten Stelle des Buches leise Hoffnungen geweckt werden, bleibt es bis zur letzten Seite spannend, ob und wo Frieda ihren Vater tatsächlich finden wird.

 

Edgar Rai:

"Salto rückwärts"

dtv 2009

240 S., Euro 6.95

ISBN 978-3423782401

 

Hoch

 

 

„Kafkas Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich

Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“

Von Iris Kersten

 

„Was schreibst du denn da die ganze Zeit?“, fragte mich heute morgen mein vierjähriger Sohn.

Ich habe es ihm so erklärt:

„Ich schreibe über ein Buch, in dem ein Mädchen seine Puppe verloren hat. Aber dann kommt ein netter Mann. Der heißt Kafka. Und Kafka sagt dem Mädchen, dass es nicht mehr traurig sein solle. Die Puppe sei nur auf Reisen gegangen und sie werde dem Mädchen Briefe schreiben.

Weil jetzt der Mann die Briefe überbringen muss, treffen sich Kafka und das Mädchen jeden Tag und werden Freunde.“

Und ich habe meinem Sohn gesagt, dass ich auch schreiben werde, dass es ein sehr schönes Buch ist und dass alle Leute es lesen sollen.

Das war die Kurzfassung.

 

Und hier die ausführliche Version:

Kafka steht für das Kafkaeske, aber kafkaesk ist dieser Roman für Jugendliche und Erwachsene ganz und gar nicht. Steht dieses Wort doch für das Undurchschaubare und Geheimnisvolle, das Unheimliche und Bedrohliche. Dieses Werk ist genau das Gegenteil.

Auf geradezu poetische Weise beschreibt der Kafkaexperte Gerd Schneider eine Begegnung zwischen dem Schriftsteller Franz Kafka und einer siebenjährigen Waise, die ihre Puppe verloren hat. Schneider verknüpft Fiktionen mit Kafkas Werken, seiner Biografie und historischen Fakten der Zwanziger Jahre. Er beschreibt die letzten Wochen Kafkas in Berlin, bevor er in ein Sanatorium bei Wien gebracht wird, wo er am 3. Juni 1924 stirbt.

Der seinerzeit vierzigjährige Autor trifft die weinende Lena 1923 in Berlin im Steglitzer Park. Er spricht das Mädchen an. Lena erklärt den Grund ihrer Trauer und schildert das Aussehen der verlorenen Puppe. Kafka reagiert spontan: „Dann habe ich sie gesehen, deine Puppe [...] Sie kam mir entgegen.[...] Ich glaube, sie wollte schreiben.“ Die folgenden Briefe, die Kafka Lena nun täglich überreicht, überzeugen das zuerst skeptische Mädchen, dass es ihrer Puppe gut geht. Die Briefe helfen Lena, ihren Verlust zu überwinden.

Der Briefeschreiber und -überbringer lässt die Puppe zum Leben erwachen und auf Reisen gehen. Er gibt ihr einen Namen: Mira. Auf ihrer Puppenreise fliegt Mira mit einem Heißluftballon, unterhält sich mit Luftgeistern und trifft auf ungewöhnliche Gestalten wie zum Beispiel Don Quijote, den Menschenaffen Rotpeter und sieben singende Wölfe.

Bei der Aufzählung der Reiseabenteuer wird der Kafkaliebhaber aufhorchen. Findet er hier doch die Verknüpfung zu Kafkas Werken. Schneider flicht die Motive aus den Erzählungen Kafkas sowohl in die Puppenreise als auch in die Beschreibungen von Kafkas Lebensumfeld ein.

Kafka selbst stellt er als kinderliebenden, bis zum Lebensende positiven, sogar fröhlichen Menschen dar und nimmt damit dem Autor die geheimnisvolle und rätselhafte Aura.

Der Leser erfährt, wie Kafka – endlich dem väterlichen Haus in Prag entkommen – in ärmlichen Verhältnissen, von der Hauswirtin beäugt, mit seiner Lebensgefährtin Dora in Berlin lebt. Es wird auch auf seine tiefe Verbundenheit zu seiner Schwester Ottla hingewiesen.

Der Roman liefert keine tiefenpsychologischen Details, trotzdem werden Kafkas Kinderjahre und das schwierige Verhältnis zu seinen Elten angeschnitten, ebenso wie sein Unwohlsein über das Unverständnis, das die damaligen Leser seinen Texten entgegenbrachten.

Den Autor und das Mädchen verbindet eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit:

Kafka kann es kaum erwarten, Lena die Neuigkeiten von der Puppenreise zu überbringen. Es ist, als wenn die Begegnungen mit dem Mädchen dem todkranken Schriftsteller neues Leben einhauchten.

Lena wartet täglich auf einen weiteren Brief von ihrer Mira. An jedem ihrer Abenteuer wächst die Puppe. Und mit ihr wächst auch Lena. Mira findet während ihrer Reise eine Familie, bei der sie eine Zeit lang bleibt. Weil aber die Puppe ihre Liebe zum Zirkus entdeckt, verlässt sie ihre neuen Eltern wieder. Sie wird die Seiltänzserchule besuchen und keine Zeit mehr zum Schreiben haben. So hat Kafka die Welt für das Mädchen wieder in Ordnung gebracht. „Sei nicht traurig. Ich habe dich ganz lieb, Lena.“ Damit enden die Briefe.

Letztendlich nimmt das Leben des Mädchens selbst einen ähnlichen Verlauf wie die Entwicklung der Puppe. Auch die Waise Lena bekommt schließlich Eltern. Und sie darf die Zirkusschule besuchen. Sie ist für die Kunst auf dem Seil wie geschaffen. Zehn Jahre lebt sie bei ihren Eltern, dann kommen diese bei einem Autounfall ums Leben. Lena bleibt beim Zirkus und wird – wie Mira – zur Königin der Lüfte. Sie nennt sich Lenotschka.

Der Leser kommt dem Ende näher. Noch vierzehneinhalb Seiten bis zum Schluss. Das Ende Kafkas und das der Puppenreise sind zu erwarten. Der Schluss des Romans trifft den ahnungslosen Leser wie ein Schlag: Er findet zwanzig Jahre später in Theresienstadt im Konzentrationslager statt. Hier schließt sich der Kreis, als Lenotschka ihre Puppe Mira in den Armen eines Kindes entdeckt. Das Kind ist in Begleitung einer Frau, deren Augen Lena an die Augen Kafkas erinnern. Es ist Ottla, Kafkas Schwester.

In einem Nachwort erwähnt Schneider alle zitierten oder angesprochenen Werke Kafkas. Auch gibt er weitere Hintergrundinformationen zu Kafkas Leben, zur Suche nach den Puppenbriefen, die es tatsächlich gegeben hat und zur politischen Situation Deutschlands. Er ist davon überzeugt, dass Kafka durch seinen Tod dem Holocaust, dem die ganze Familie und auch Dora zum Opfer gefallen sind, entgangen ist.

Hat sich wenigstens Lena aus den Klauen der Nazis retten können? Das soll ein Geheimnis bleiben.

Was bleibt, ist eine große Tristesse und ein Hauch von Kafka. Es lässt den Leser auf der Suche nach Kafkas Werken zum Bücherschrank (oder in die Buchhandlung) stürzen, um die Erzählungen mit den von Schneider gegebenen Hintergrundinformationen entweder kennenzulernen oder um sie wieder und dabei neu zu entdecken.

 

Gerd Schneider:

Kafkas Puppe

224 Seiten, Euro 6.50

Arena 2009

ISBN 978-3-401-50148-2

 

(für Jugendliche ab ca.13 Jahren, die Lust haben, Kafka kennenzulernen;

aber auch für Erwachsene, die sich Kafka (wieder)erlesen wollen)

 

Die Rezensentin lebt als Autorin und Kinderbuchautorin in Brüssel. Sie leitet zudem Workshops für Kinder für Kreatives Schreiben.

 

Hoch

 

 

Selbstzerstörung, lustig

Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte

Von Jan Fischer

 

Hideo Azuma steigt aus. Nicht einfach nur ein bisschen, nicht nur halbherzig, nein, Azuma gibt seine Wohnung auf, kampiert mitten im Winter bei Regen und Schnee im Park unter einer Plastikplane, sammelt Zigarettenkippen vom Boden auf und gibt das wenige Geld, das er auf der Straße findet für Sake aus. So beginnt die autobiographische Geschichte des Mangazeichners Hideo Azuma, und die Gründe dafür werden erst nach und nach klar: Azuma ist dem Produktionsdruck nicht mehr gewachsen, schafft es nicht mehr, alle Zeichnungen, die er abzuliefern hat abzuliefern, beginnt zu trinken um schlafen zu können, wird immer mehr zum Alkohol- und Drogenwrack, bis er beschließt: Es ist genug. Unter diesen Bedingungen kann und will er nicht mehr arbeiten. Aber damit ist natürlich nicht alles gut: Auch, wenn das Aussteigerleben zunächst – vergleichsweise – entspannend ist, macht es nichts besser. Alkoholiker ist Azuma immer noch, und als er aus lauter Langeweile beginnt, bei einem Bauunternehmen zu arbeiten, ist sie wieder da, die Schinderei. Die Geschichte endet in einer Entzugsklinik, wo Azuma versucht, sich wieder in Ordnung zu bringen.

Azuma befasst sich in seinem autobiographischen Comic mit der dunklen Seite der Mangaindustrie: Millionen Seiten der japanischen Comics werden Tag für Tag gezeichnet, aus erfolgreichen Zeichnern wird dabei gnadenlos Comicseite um Comicseite herausgemolken. Azuma weiß, wovon er zeichnet: Seit 70er Jahren bis zu seinem Leben als Aussteiger war er selbst ein Teil dieser Industrie, hauptsächlich gefragt wegen seiner leichtekleideten Frauenfiguren, nicht so sehr seiner erzählerischen Ambitionen wegen.

„Der Ausreißer“ ist ein Comic, der nicht nur die die menschlichen Tiefen eines einzelnen Mangazeichners zeigt, sondern das Bild einer Kunstform zeichnet, die ungeschützt einem gnadenlosen kommerziellen Druck ausgeliefert ist.

Dabei klagt Azuma nicht an: Er weiß, dass er gegen das System nicht ankommen kann, und letztendlich hat er sich seine Arbeit ja auch ausgesucht. Selbst in seinem Ausstieg, als Bauarbeiter, nimmt er noch einmal an einem Mangezeichenwettbwerb teil, den er auch prompt gewinnt. Azuma klagt nicht an, er zeichnet nur auf, und übernimmt die volle Verantwortung für alles, was ihm passiert. Er erzählt seine Geschichte in unaufgeregten Bildern, mit verniedlichten, rundköpfigen Figuren. Was da passiert, ist nie tragisch, Azuma wälzt sich nicht in Selbstmitleid, sondern erweist sich als einer, der die komischen Momente seines Aussteigerdaseins hervorkehrt. Und er hat Recht damit: Zuviel Realismus, und die Geschichte verkäme zu einem einzigen Wust aus Alkoholikerselbstmitleid. Mit „Der Ausreißer“ stellt sich Azuma würdig in die Tradition großer Mangaautobiographien wie Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“, aber wo Nakazawa die Tragik hervorkehrt, versteckt Azuma sie hinter seinem Witz. Ernst zu nehmen ist er trotzdem.

 

Hideo Azuma:

„Der Ausreißer“

Schreiber & Leser

192 S., Euro 14,95

ISBN 978-3-937102-70-2

 

Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)

 

Hoch

 

 

Der dunkle Punkt des Unfalls

Jiro Taniguchis „Bis in den Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück.

Von Jan Fischer

 

Es geht alles sehr schnell. Dann sehr langsam. Erst der Unfall: Ein paar Bilder ohne Worte, über die das Auge förmlich fliegt.  Dann die Probleme: Der junge Motoradfahrer Takuya und der alte Angestellte Kubota werden ins Krankenhaus gebracht, der ältere der beiden stirbt, der jüngere erwacht aus dem Koma. Problematisch nur, dass der Geist des älteren im Körper des jüngeren steckt. Noch problematischer, dass der Geist des jüngeren auch noch mit drinsteckt.

Solche mysteriösen Verjüngungen sind vertrautes Terrain für Jiro Taniguchi: In dem in Deutschland 2007 erschienenen Band „Vertraute Fremde“ macht ein Mann nur einen kurzen Umweg über seinen Heimatort, und ist plötzlich 30 Jahre jünger. Aber wenigstens ist er noch er selbst. In „Bis in den Himmel“ stecken zwei unterschiedliche Menschen in einem Körper, und es ist schnell klar: Obwohl sich zwischen Takuya und Kubota eine seltsame Art der Freundschaft entwickelt, ist offenkundig: Einer muss gehen. Kubota sieht ein, dass er tot sein müsste, und nachdem er sich von einer Frau und seinen Kindern verabschiedet hat, ist er es, der geht.

Taniguchi erzählt langsam, ganz behutsam tastet er sich durch die Innenwelten seiner Protagonisten, nicht, als erlebten sie gerade eine mysteriöse Körpertauschgeschichte, eher so, als wäre seine Geschichte ein Autorenfilm. Dass zwei Geister irgendwie in einen Körper gezaubert wurden? Ist halt so. Damit hält er sich nicht weiter auf. Interessanter ist, wie die Witwe des Verstorbenen mit der Trauer klarkommt. Wie Takuyas Freundin und seine Eltern damit umgehen, dass im Körper ihres Sohnes und Freundes ein Vierzigjähriger zur Untermiete wohnt. Oder was genau eigentlich den Unfall verursacht hat. Denn eigentlich ist es das, worum die Protagonisten in „Bis in den Himmel“ die ganze Zeit rotieren: Den dunklen Punkt des Unfalls. Was ist passiert? Warum? Erst, als das geklärt sich, kann Kubota sich verabschieden.

Taniguchi hat sich einen seltsamen stilistischen Hybriden gezüchtet: Seine Handlung, Bildführung und sein Personal hat er aus dem Manga, trotzdem stehen seinen präzisen, schattenlosen Linienwelten klar erkennbar in der belgofranzösischen Comictradion. Die Hintergründe sind gleichzeitig präzise und scheinen ständig im Nebel zu verschwinden, die Figuren, die er davor setzt, sind mit starkem Stift gezeichnet und stechen hervor, als wären sie das einzig Reale, das einzige, was sich nicht ständig verflüchtigt.

Taniguchi ist einer der Mangaautoren, derjenigen Zeichner, die sich eine Namensnennung auf den Umschlägen ihrer Alben erkämpft haben und die sich in anderen, ernsteren Welten bewegen als Manga-Fastfood à la Dragon Ball, noch mehr: er ist einer der Mangaautoren, deren Alben zumindest teilweise auch in Europa, vor allem in Deutschland zu bekommen und einigermaßen erfolgreich sind und dank seiner europäischen Teile das Mangabild, das hierzulande immer noch herrscht – bunt, action, dumm – langsam, Stück für Stück umkrempeln.

 

 

Jiro Taniguchi:

"Bis in den Himmel"

Schreiber und Leser 2009

302 S., Euro 16,95

ISBN 3941239104

 

Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)

 

Hoch

 

 

Gefühlschaos

Sara Zarr:  “Long-lost friend”

Von Susan Müller

 

Jenna hat sich beim Umzug nicht nur vom Namen Jennifer gelöst, sondern damit von ihrem „alten“ Leben. Ihr bester und gleichzeitig einziger Freund Cameron war von einem auf den anderen Tag verschwunden. Immer wirft es bei Jenna die Frage auf, wie er sie ohne Verabschiedung allein lassen konnte und ob es mit seinem Zuhause zu tun hat, denn die verletzende Art seines Vaters hatte auch sie schon zu spüren bekommen. Jenna, damals noch die dicke Jennifer, hatte sie beide damals aus der schrecklichen Situation befreit. Sie hat nie jemandem davon erzählt, nicht ihrer Mutter und auch keinem anderen, doch vergessen hat sie es nie. Als dann in der Schule das Gerücht umgeht, Cameron sei tot und selbst ihre Mutter dies nicht dementiert, fügt sich Jennifer in die unvermeidliche, unverständliche und schmerzhafte, für sie endgültige Tatsache. Sie speckt ab, denn ihre Molligkeit war schließlich außer für ihre Mitschüler auch der Anlass für Camerons Vater zum Spott. Jennifer wird Jenna und ihr Nachname ändert sich durch ihren Stiefvater auf Vaughn statt Harris. Und so versucht sie an der neuen Schule einen kompletten Neubeginn. Selbst ihr Wesen verändert sie durch Anpassung.

Alles scheint gut, beliebt bei der Clique mit einem festen Freund, Ethan, bis Cameron wie aus dem Nichts wieder auftaucht. Fast augenblicklich ist die Vergangenheit zurück. Jenna ist nicht mehr sie selbst oder wer sie in letzter Zeit zu sein glaubte. Cameron will nicht wirklich in die Clique integriert werden, die Jenna ihm als ihre Freunde vorstellt. Auch spricht sie nicht im Detail an, wie gut sich die beiden kennen, nur das sie dies tun. Cameron wird von den Mädels angehimmelt, nur lässt das ihn zu deren Leidwesen kalt. Ethan wiederum überwacht die erstaunliche Vertrautheit der beiden mit Argwohn, bis Jenna klar wird, dass sie ihn nicht liebt und sich von ihm trennt. Sie kehrt mit Cameron noch mal in ihrer beider alten Wohnort zurück, aber ohne wirklichen Erfolg. Doch dann erfährt Jennas Mutter eines Tages von Camerons Rückkehr und er bei Vaughns wohnen soll. Aber er ist und bleibt rastlos. Sein Wunsch, Jenna wiederzusehen, ist erfüllt und nun will er seinen Geschwistern ein liebevolles Zuhause geben, denn seine Mutter hat sich vom Vater noch immer nicht dauerhaft getrennt. Bevor er geht, gesteht ihm Jenna in der Nacht ihre Liebe, in der Hoffnung, dass der Schlafende sie nicht hört. Am nächsten Morgen ist er weg und Jenna bleibt erneut zurück, mit dem Wissen darum, wie sich offenbar die einzig wahre Liebe anfühlt. Bedingungslos, ungeachtet von Entfernungen und scheinbar lebenslang.

Ein tolles Buch ohne greifbares Happyend, aber verständlichen Emotionen, nachvollziehbarem inneren Gefühlschaos und letztlich die Erkenntnis, nicht alles läuft im Leben wie gewünscht. Sara Zarr hat klasse Arbeit geleistet.

(Ab 13)

 

Sara Zarr:  

“Long-lost friend”

Aus dem Englischen von Eva Riekert

272 S., Euro 8,95

dtv junior 2009

ISBN 978-3423713696

 

Hoch

 

 

Berauschend!

Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“

Von Anne Möller

 

Lilys Liebesgeschichte beginnt wie jede Teenager-Geschichte. Lily B. ist 16 Jahre alt und hat keine Ahnung, dass sie in ihren besten Freund verliebt ist. Noch nicht – denn sie merkt es natürlich sofort, sobald sie mit einem anderen Jungen sozusagen liiert ist und ihr einst bester Freund wegen eines großen Fehlers von Lily ihr praktisch die Freundschaft kündigt.

Doch was nur schleppend und langsam beginnt, entpuppt sich als kleines Meisterstück.

Auf inhaltliche Überraschungen kann man verzichten angesichts der literarischen Finesse und der liebevollen Erzählweise.

Jedes Kapitel aus Lilys Geschichte beginnt mit einer kleinen Lebensweisheit, keiner grundlegend neuen, und sie sind das Salz in der erzählerischen Suppe auf der kleinen Zugfahrt zu Lilys Glück. Wie Momentaufnahmen - als würde man während einer Zugfahrt nur alle paar Stunden aus dem Fenster schauen -  werden uns Fragmente aus Lilys Geschichte vor die Füße geworfen, die nie zu wenig, aber auch bei weiten nicht genug verraten.

Diese Liebesgeschichte von Véronique M. Le Normand, französische Journalistin und Autorin, ist 2006 in Frankreich erschienen. Sie geht deutschen Lesern genauso nah wie allen anderen.

Allerdings: Sie müssen dieses Buch wirklich lesen wollen, es baut zu Beginn der Lektüre Hürden auf: Man bekommt kaum Zeit, die Charaktere richtig kennenzulernen; und genau daraus speist sich später wird die besondere Qualität von "Lily und die Liebe". Gerade durch kurze Sequenzen, die uns nie ein ganzes Bild des Geschehens gibt, fühlt man sich nach dem Lesen wie nach einer Fahrt auf der Achterbahn. Vollkommen berauscht von den so plötzlichen auftretenden Bildern!

(Ab 15)

 

Véronique M. Le Normand:

„Lily und die Liebe“

dtv 2009

96 S., Euro 5,95 

ISBN: 978-3-423-78228-9

 

 

Hoch

 

 

 

Viele verschiedene Arten der Liebe

Jenny Valentine:"Wer ist Violet Park?"

Von Susan Müller

 

Der Titel lässt natürlich erst mal den Schluss zu, dass wir es mit dem Portrait eines Menschen zu tun haben...  und das ist auch nicht falsch, nur: Violte Park ist tot.
Als unser Romanheld Lucas eine Urne in einer Taxizentrale findet, ist ihm zuerst nicht wirklich klar, warum er beginnt, sich für das frühere Leben der Toten zu interessieren. Nach einem Gespräch mit seiner Großmutter aber ist klar, er wird Violet (wie er von der Urnenaufschrift weiß) von dem unpersönlichen Platz wegholen.
Lucas fragt sich (und indirekt auch uns) auf lustig-charmante Art, ob vielleicht das Verschwinden seines Vaters vor vielen Jahren an dem Gedanken schuld sei, unbedingt wissen zu wollen, wer Violet Park war.

Sein Vater verschwand einfach so und ließ die Mutter mit drei Kindern allein, das letztgeborene kannte diesen nicht einmal.  Die Mutter leidet und gibt unbewusst den Kindern die Schuld, dass ihr Mann das Weite gesucht hat, nur ist nicht einmal klar, ob er tot ist oder sich einfach nur abgesetzt hat.
Doch Lucas kommt Stück für Stück der Wahrheit ein wenig näher. Er erfährt im Laufe seiner Recherchen zu Violet, dass sein Vater diese zu deren Lebzeiten sogar gekannt hat, und er kommt hinter ein gut gehütetes ziemlich bedrückendes Geheimnis. Sein Vater sollte Violet Sterbehilfe leisten.

Und er „ermittelt“ außerdem, dass Violet einen Sohn in ihrem Testament angibt, den sie nie hatte. Er zählt eins und eins zusammen und ist sich ziemlich sicher, der erfundene Sohn ist sein Vater und das Erbe ist Belohnung für dessen Dienste und war Startkapital für ein neues Leben, damit er aus seinem alten, ungeliebten ausbrechen konnte.

Lucas schreibt ihm einen Brief…. Das ist das Ende des Romans und jetzt obliegt es uns, inwiefern wir unserer Phantasie freien Lauf lassen, ob er ihm wiederbegegnen wird.

Ein tolles Werk über Erfindungsreichtum, Phantasie und ernste Gedanken eines Jungen, der seinen Vater unterschwellig derart vermisst, dass er ihn mit dessen Sachen zu imitieren versucht oder Dinge tut, die die Mutter sehr an ihren Mann erinnern und sie verletzen. Es zeigt uns aber auch, wie ein selbstgeschaffenes idyllisches Bild des Vaters langsam verblasst, das Verständnis der Mutter gegenüber größer wird.

Und es zeigt uns, auf wie viel verschiedene Arten man Liebe ausdrücken kann.

(Ab 13)

 

Jenny Valentine

„Wer ist Violet Park?“

dtv 2009

208 S., Euro 8,95

ISBN: 978-3423623926

 

 

Hoch

 

 

Der Kampf des alltäglichen Überlebens

"Worüber keiner spricht" von Alan Stratton

Von Susan Müller

 

Chanda ist das älteste von drei Geschwistern. Sie versucht ihre Mutter zu trösten, als die jüngste Schwester, Sara, plötzlich mit nicht einmal 2 Jahren stirbt.

Die Mutter hat ihre Familie gegen sich aufgebracht, als sie Chandas Vater heiratete und nicht den für sie vorgesehenen Mann. Die anderen Geschwister haben einen anderen Vater als Chanda; sie ist Halbwaise. Saras Vater wohnt mit der Familie unter einem Dach, ist nur selten zuhause. Lieber betrinkt der sich, und das nach Saras Tod noch öfter und mehr als vorher und ist so der Mutter keine Stütze. Bruder Soli und Schwester Iris verstehen den Zustand der Mutter wenig und Chanda ist bemüht, zu trösten, zu erklären und zu helfen - denn den beiden klar zu machen, dass die Mutter sie noch liebt, ist nicht einfach.

Eine Bezugsperson hat Chanda allerdings noch, Esther, ihre Freundin. Deren Eltern starben plötzlich, und die Todesursachen unterscheiden sich in offiziellen und inoffiziellen Aussagen. Esther muss Geld verdienen, um ihre Geschwister zu sich holen und aus dem Haushalt der ungeliebten Verwandtschaft verschwinden zu können. Doch erst, als Esther eines Tages entstellt aus einem Auto geworfen wird, wird Chanda klar, dass diese das Geld nicht nur mit Touristenbegleitung und –fotos verdient.

Chanda hat immer mehr mit ihrer eigenen Familie zu tun, die Mutter kränkelt.

Die extra herangeholte „Kräuterhexe“ kann auch nicht helfen, und allein mit dem Schmerz übers Saras Tod hängt die Erkrankung nicht zusammen. Chandas Mutter fährt schweren Herzens nach Tiro zu ihrer Familie, um eventuell Hilfe zu erfahren.

Chanda bleibt mit den Geschwistern unter der Obhut der besserwisserischen Nachbarin zurück. Ab und zu wird im Ort das Thema AIDS erwähnt, der Krankheit, an der möglicherweise Esthers Eltern starben.

Darüber verstärkt sich Chandas Angst um die Mutter und deren unerklärlichen Gesundheitszustand noch. Sie fährt kurzerhand nach Tiro, denn die Mutter hinterlässt nicht, wie ausgemacht, Nachrichten bei der Nachbarin. Dort angekommen, muss sie erfahren, dass die Familie ihre Mutter in den hintersten Winkel außerhalb des Ortes in eine Hütte verbannt hat, weil die Krankheit der Mutter argwöhnisch betrachtet und als gerechte Strafe für ein Verhalten angesehen wird.

Chanda kommt gerade noch rechtzeitig, um ihre Mutter im Sterben nicht allein zu lassen. Das es sich um AIDS gehandelt hat, muss die Familie geheim halten und diese Schande weit von sich weisen. Chanda hat trotz ihrer Jugend viel über die Menschen und deren nicht nur guten Eigenschaften gelernt, aber sie gibt nicht auf, sie wird ja gebraucht.

Der Stiefvater hat sich aus dem Staub gemacht. Gemeinsam mit Esther und der Nachbarin und dem Häuschen, das ihr gehört, nimmt Chanda den Kampf des alltäglichen (Über)Lebens auf.

(Ab 14)

 

Alan Stratton:

„Worüber keiner spricht“

Aus dem Englischen von Heike Brandt

dtv pocket 2005

272 S., Euro 7,95

ISBN 978-3423782043

 

Hoch

 

 

 

Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids

Allan Strattons "Chandas Krieg"

Von Susan Müller

 

"Chandas Krieg" - ein düsterer Titel. Und Chanda führt einen Krieg. Sie und ihre Geschwister erleiden ein hartes Schicksal, auf das sie ihre eigenen Antworten finden müssen. Der kanadische Autor Allan Stratton kommt aus dem dramatischen Fach, er war Schauspieler am Theater und hat zahlreiche Stücke verfasst. Und er ist Aids-Aktivist in Afrika. So merkt man sein großes Engagement und sein Können, Realitäten dramaturgisch für jugendliche Leser aufzubereiten, schon in seinem ersten Buch über Chanda, "Worüber keiner spricht" (2005). In der Fortsetzung ist Chanda ein Jahr älter, siebzehn, und kämpft um ein menschenwürdiges Leben.

Chandas Krieg ist eher ein Gegenkrieg. Ihre Mutter stirbt an Aids, einsam und verlassen. Mit Aids will keiner, auch niemand in der Verwandtschaft etwas zu tun haben. Da die Mutter sich gegen die Traditionen verhalten und sich selber einen Mann gesucht hat, anstatt den vorausgewählten zu nehmen, sind sich alle sicher: Aids war die Strafe.

Doch Chanda liebte ihre Mutter, und dem Versprechen, dass sie ihr gab, sich um die kleineren Geschwister zu kümmern, kommt sie mit ihren jungen Jahren so gut es geht nach. 

Aber ihre Schutzlosigkeit ist offensichtlich. Als eine Nachbarn vorschlägt, sie sollten zu ihren Verwandten ins entfernte Tiro gehen, willigt Chanda ein. Während sich die Kleinen sofort und gut mit der Großmutter verstehen, kann Chanda nicht ganz vergessen, wie es ihrer Mutter erging. Sie bleibt distanziert.

Da geschieht das Unfassbare. Chanda ist nicht daheim, als ein brutale Mörder zuschlägt und die Tante und den Großvater töten und die Kinder verschleppen, die als Kindersoldaten eingesetzt werden sollen. Paco, dem kleinsten der Nachbarsjungen, ergeht es ebenso.

Chanda nimmt das Verschwinden ihrer Geschwister nicht hin. Sie macht sich, zusammen mit Pacos Bruder Nelson, auf, um sie zu finden und zu befreien. Die beiden lesen Fährten und machen sich ihr Wissen über die Tiere und die Natur zunutze, um den Soldaten, aber auch Löwen und Krokodilen zu entgehen.

Es ist alles andere als leicht, aber Chanda gibt nicht auf, und sie gewinnt diesen, ihren Krieg, denn mit Mut, Hartnäckigkeit, List und nicht zuletzt der Liebe zu ihren Geschwistern schafft sie es gemeinsam mit Nelson, die beiden und Paco  zu befreien.

Dieses Buch sorgt immer wieder für Gänsehaut, es ist nicht nur die Spannung, sondern auch die Fassungslosigkeit über das Unmenschliche, das hier so selbstverständlich durch die Fehllenkung einzelner um sich greift. Das Thema "Kindersoldaten" ist, auch durch mehrere ins Deutsche übersetzte Erlebnisberichte, in die Diskussion gekommen, und es ist gut, Jugendlichen diesen mitreißenden Roman dazu in die Hände geben zu können. Grundlagen, um die Debatten zu verstehen, sind damit gelegt.

"Chandas Krieg" hinterlässt noch mehr, auch ein gutes Gefühl nämlich: Welche Kräfte man entwickelt, wenn die Liebe stärker ist als jede Vernunft. Chanda überlässt ihre Geschwister nicht kampf- oder schutzlos einfach der Macht des Bösen, und ihr „Dagegenankämpfen“ ist mehr als bewundernswert.

(Ab 14)

 

Allan Stratton:

„Chandas Krieg“

Aus dem Englischen von Heike Brandt

dtv 2007

336 S., Euro 7,95

ISBN: 978-3423782180

 

Hoch

 

 

 

Auf abenteuerlicher Spur eines Rätsels –  nach sich selbst

Erik L’Homme: „Phaenomen“

Von Clelia Klapp

 

Endstation: Klinik für hoffnungslose Fälle: Claire stolpert gegen Türen und Wände, sieht ihre wahre Natur als Elfe verkörpert, Arthur schweigt, will von der Welt nichts hören und sehen, malt Affen an die Wand, Violaine hat Angstträume, in denen sie von beängstigenden Drachen umgeben ist, Nicolas verliert die Kontrolle über seine Augen und nimmt die Welt in Farbflecken wahr.

Vier Jugendliche fühlen sich einsam, unverstanden, von einer als bedrohlich empfundenen Außenwelt abgeschoben, die für sie lediglich das Prädikat „verrückt“ und hoffnungslos übrig hat. Welch „normaler“ Mensch würde sich da nicht verschließen, zurückziehen und in farbige Bilderwelten abtauchen, die umso wertvoller sind, als sie ihnen Halt und Schutz spenden. Auch für Ihren Arzt Doktor Barthélemy sind es fremdartige Welten, und doch nimmt er sie so an, wie sie sind, was ihnen Mut macht, sich zu öffnen, sich selbst und dem anderen zu vertrauen, der anderes erlebt, und es gibt Kraft, der Klinik den Rücken zu kehren, um sich auf die Suche nach ihrem plötzlich entführten Arzt zu begeben, ferne Länder und Kontinente zu durchqueren, als Mitwisser geheimer Dokumente ihr Leben zu riskieren.

Ganz lebendig und wissbegierig sind sie, Jugendliche, die sich ihrer selbst erstaunlich bewusst sind, bewusster und selbstreflektierender als manch durchschnittlicher „normaler“ Mensch - und mutig hinzuschauen, sich den eigenen Ängsten zu stellen und sie so zu überwinden, gar zu Stärken zu entwickeln - und hier kommt der gelungene Kunstgriff des Autors, die seelischen Leiden der Jugendlichen in ganz besondere, übersinnliche Fähigkeiten zu verwandeln: Aus Claires Gleichgewichtsstörung wird die Gabe, Distanzen in kürzester Zeit zu überwinden, Arthur zeichnet ein außergewöhnlicher Verstand und ein fotographisches Gedächtnis aus, Nicolas erfährt, dass er mit seiner Farbsicht durch Körper blicken kann und Violaine versteht es, das Verhalten anderer Menschen zu manipulieren: Kräfte, die sie bewusst zu aktivieren lernen, durch die sie ihre Verfolger fassungslos hinter sich lassen.

Schön, wie hier der Autor aus gesellschaftlichen Außenseitern „Phänomene“ entwickelt und zeigt, dass sich aus vermeintlichen Handycaps Qualitäten gewinnen lassen.

Nicht zuletzt dadurch, dass Erik L’Homme in seiner abenteuerlichen Geschichte modernste Überwachungs- und Kontrollapparate als unzuverlässig bloßstellt, macht er darauf aufmerksam, wie lohnenswert es ist, Gespür und Intuition zu folgen: Und so kommen die Jugendlichen auf ihrer Reise nicht nur der Lösung des Rätsels auf die Spur, sondern auch ihrer selbst.

Schön auch, wie dieser Roman Grenzen überwindet und durch das Moment des Übersinnlichen die Kategorien von verrückt und normal sein aufhebt.

Eine Geschichte, die Spannung und die Suche nach sich selbst miteinander vereint und Mut zum Anders-Sein macht. Hier möchte man verrückt sein!

(Ab 14)

 

Erik L’Homme:

„Phaenomen“

Verlagshaus Jacoby & Stuart 2009

528 S., Euro 19,95

ISBN: 978-3-941087-39-2

 

Hoch

 

 

Thriller mit psychologischem Tiefgang

Kristina Dunkers "Vogelfänger"

Von Susan Müller

 

Nele und Ida, zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein können - und doch werden sie Freundinnen. Beide tragen eine Last mit sich, mit der sie mal besser, mal schlechter fertigwerden. Nele, eher pummelig und mit roten Haaren, hat damit zu kämpfen, dass viele sie beschuldigen, ihren Freund Tobias nach einem Unfall hilflos liegen gelassen zu haben. Ida hingegen ist eine psychische Belastung nur anzumerken, doch woher die rührt, damit rückt Ida nicht heraus. Nele fragt sie immer wieder, aber alles läuft ins Leere. Mehr als: „Ich kann nicht darüber sprechen – später“ lässt sie nicht verlauten

An einem gemeinsamen Campingausflug hindert sie das nicht. Doch bald merken sie, dass irgendetwas nicht. Kleine Ereignisse wie ein Handyklingeln mitten im Wald oder das Knurren von Neles  Hund, der sonst eher friedfertig ist, versetzen die beiden in Unruhe. Die steigt, als klar wird, dass keiner der Jungen, die sich mit auf dem Campingplatz befinden, dafür verantwortlich ist. Die Vorfälle häufen sich, die Mädchen geraten in Angst. Als dann auch noch dem nahen Umfeld der beiden ein Unfall passiert und Neles Hund verschwindet, ist die Panik perfekt. Nun bricht Ida ihr Schweigen und erzählt von ihrem Exfreund, der sie verfolgt und mit einer „düsteren“ Geschichte, bei der ein kleiner Junge zu Schaden kommt, erpresst. Sie wollen nun weg von hier; Idas Vater wird verständigt, sie abzuholen, doch zu spät: Nele gerät in die Hände des „Vogelfängers“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ida, sein Vögelchen, zurückzugewinnen und nur für sich und seine Zwecke zu haben. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Nele erfährt dessen Grausamkeit, bis Ida sich ihrem Ex-Freund „ergibt“. Nele wird stinksauer, kann sie den Verrat, wie es sich für sie anfühlt, nicht verstehen. Ihre Gefühle überschlagen sich. Doch dann erfährt Nele Idas ganze Geschichte, und wieder einmal zahlt sich wahre Freundschaft aus.

Kristina Dunker hat mit „Vogelfänger“ einen Thriller mit psychologischem Tiefgang vorgelegt, der genau die Gefühlswelt junger Leser trifft. Die beiden Hauptfiguren, zwei völlig unterschiedliche Charaktere, können trotzdem zueinander und füreinander (ein)stehen. Offenheit und Ehrlichkeit sind nicht nur Worte, sondern verbinden Menschen wirklich - das wird durch dieses Buch eindrücklich vermittelt. Kristina Dunker wird immer mehr zu einer festen Größe in der deutschen Kriminalliteratur. Sie trifft den Ton jugendlicher Leser perfekt. Kristina Dunker schreibt seit Jahren für junge Leser und hat nie das Einfühlungsvermögen in deren Themen verloren. Diese Begabung ist keine schöne Dreingabe, sondern ein Teil ihres Könnens. Einfühlsam und fesselnd: „Vogelfänger“ ist ein Lesegenuss, der Gedanken anstößt.

(Ab 14)

 

Kristina Dunker:

„Vogelfänger“

dtv 2009

224 S., Euro 6,95

ISBN 978-3423782296

 

Hoch

 

 

Genau angepasst an das Alter der Sechstklässler

Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“

Von Susan Müller

 

Jana ist mit ihrer Familie umgezogen, dabei musste sie ihre bisher beste Freundin zurücklassen. Diesen Verlust empfindet sie in den ersten Wochen in ihrer neuen Schule nicht minder, denn die neuen Klassenkameraden schikanieren die „Neue“.

Jil gehört auch in diese Klasse, treibt den Unfug um Jana zwar nicht immer mit und ist ganz sicher nicht damit einverstanden, aber unternimmt auch nichts dagegen. Sie hat im Moment andere, eigene Probleme, denn Ihre bisher beste Freundin Martina hat sich im Sommer der Klassenkameradin Annika zugewandt, unternimmt mit ihr mehr und lästert mit dieser beispielsweise über Jils Angst vor Pferden, was diese wiederum sehr kränkt.

Ihre Gleichgültigkeit hat aber Grenzen, denn eines Tages gehen die Klassenkameraden zu weit, sie übergießen Janas neues Teleskop mit Farbe. Das ist auch für Jil zu viel und da sie ja bisher wenig eingegriffen hat, versucht sie Schadensbegrenzung und hilft Jana den Apparat zu reinigen und wieder nutzbar zu machen.

Nach einigen klärenden Worten steht einer Freundschaft der beiden nichts mehr im Wege, Jil lässt Martina ziehen und Jana hat nun eine echte Freundin in der neuen Klasse.

Als die Klassenfahrt ins Haus steht, sind die beiden schon unzertrennlich und bekommen ein gemeinsames Zimmer, wenn sie es auch mit der weinerlichen Sarah und der etwas „lockeren“ Monika aus der Parallelklasse teilen müssen. Ganz vergessen sind die Machenschaften um Jana noch nicht, aber sie wird in der Klasse akzeptiert.

Bei einem Ausflug erfahren die Schüler von einem Künstler über dessen Verlust einer wertvollen Statue, was sie zwar interessiert verfolgen, aber vorerst nicht nachhaltig beeindruckt. Doch dann stoßen Jana und Jil auf eine kindesähnliche Gestalt im Wasser. Jana meint, es sei eine Puppe, nur die etwas ängstliche Jil möchte den Fundort sofort verlassen. Allerdings lässt es beide nicht los, und als Jana zu der Überzeugung kommt, es könne sich um die wertvolle Statue handeln, ziehen sie ihre Freunde ins Vertrauen und wollen den „Schatz“ bergen, auf den ja Finderlohn steht. Sarah, die ja nun mal bei jeder Gelegenheit weinen muss, soll Wache auf dem Zimmer schieben. Um diese machen sich unsere beiden Heldinnen auch verdient, denn als auf Sarah eine Wette läuft, wielange sie braucht, um anzufangen zu weinen, erinnern sich die beiden an Janas Einstieg und wollen helfen. Sie werden das „Nicht-mit-uns-Team“.

Der wertvolle Fund entpuppt sich tatsächlich als die verschwundene Statue und unsere Freunde verhandeln den Finderlohn, eine Ballonfahrt. Die Klassenfahrt selbst ist ein weiterer stärkender, haltbarer Stein in der Freundschaft zwischen Jana und Jil.

Damit aber nicht genug, denn Kristina Dunker wählt mit viel Geschick noch eine weitere Abenteuerkulisse, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Jil und Jana wollen Theater spielen. Als sie einen Referendar in der Lehrerschaft finden und die Freunde sich der Schauspielerei anschließen, bilden sie eine Theatergruppe.

Doch bei der Rollenverteilung treten plötzlich Probleme auf. Kristina Dunker versteht es wieder prima, die pubertären Gefühle einzuarbeiten, wenn eben ein Mädchen aufgibt, weil einem anderen der Vorzug für die Rolle gegeben wird.
Das ist aber nicht alles, denn vor und hinter der Bühne geschehen seltsame Dinge, die dem Zusammenhalt der Gruppe gefährlich werden, denn jeder ist misstrauisch dem anderen gegenüber. Schließlich konzentrieren sich alle auf das Mädchen mit der verlorenen Rolle. Nur stellt sich heraus, dass diese es nicht gewesen sein kann. Jana und Jil, also unser „Nicht-mit-uns-Team“ legen sich gemeinsam mit den Freunden einen Tag vor der Premiere auf nächtliche Lauer, als kurz vorher ihre Requisiten zerstört wurden. Nachdem sie nämlich in mühevoller und rekordartiger Kleinarbeit diese nur hergerichtet haben, soll nun nichts mehr schief gehen. Die Verwunderung ist groß, als sich herausstellt, dass das „Phantom“ des Theaters gar kein Schüler, sondern der Kollege ihres Lehrers ist, der auf diesen wegen dessen Freundin eifersüchtig ist und ihm nun das Stück vereiteln will. Er hatte aber seinen Plan ohne die Pfiffigkeit und den Mut der Kids gemacht und wird letztendlich überführt.

Ich bin überzeugt: Keiner der Leser möchte bei jedem einzelnen Abenteuer das Lesen unterbrechen. Fesselnd und genau angepasst an das Alter der Sechstklässler gelingt Kristina Dunker wieder eine tolle Mischung aus Spannung, Humor und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Charaktere.

(Ab 11)

 

Kristina Dunker:

"Gemeinsam gegen den Rest der Welt"

Arena 2005

382 S., antiquarisch erhältlich

ISBN: 978-3401023762

 

Hoch

 

Verschiedene Definitionen von Liebe

Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“

Von Susan Müller

 

Nichts deutet darauf hin, dass Sabine und Inga Freundinnen werden könnten. Die eine denkt über die andere ebenso wenig Gutes wie umgekehrt. Als Inga aber ein schluchzendes unglückliches Häufchen Elend namens Sabine in der Kirche hocken sieht, derweil sie sich selbst vorm Regen schützen will, lässt es sich nicht vermeiden, dass Inga beginnt, sich der traurigen Gestalt anzunehmen. Erst nur gedanklich, dann intensiver.

 Beide Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein, und hier bestätigt sich der Spruch „Gegensätze zieh´n sich an!“ Sabine leidet unter ihrem besitzergreifenden Freund, weil ihr die Kraft fehlt sich zu wehren. Inga dagegen wechselt nicht nur ständig ihre Haarfarbe, sondern auch die Freunde, frei nach dem Motto: Liebe gibt’s nicht! Vollkommen resistent ist sie dann doch nicht, denn da ist dieser süße Typ, der immer im Bus mitfährt und ihr Glühwürmchen verschafft. Nur fehlt ihr anfangs der Mut, ihn anzusprechen, aber sie geht für sich so weit zu behaupten, verliebt zu sein. Inga leidet mit Sabine mit, die es nicht schafft, sich vom herrschsüchtigen Alex zu trennen und möchte ihr eigentlich ihre eigenen Gefühle mitteilen und gar mit ihr teilen: „Sabine hat was Besonderes an sich ... Ich möchte mir alle Glühwürmchen raustanzen ... Sabine würde das auch mal gut tun!“

Inga vermag es, Sabine zu unterstützen und hilft ihr, den selbstherrlichen Alex loszuwerden. Leider nur vorübergehend, denn eines Tages geht dieser eindeutig zu weit. Er ignoriert einfach, dass Schluss ist und erzwingt sich Liebe – körperliche Liebe. Inga ist für Sabine da, obwohl sie nicht versteht, dass diese Alex nicht anzeigen will. Aber die Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen hält das aus. Sie treffen sich weiterhin: „Sabine ich reite nach Süden“ – „Gut, ich komme mit!“

Und wieder einmal schafft es Kristina Dunker, Freundschaft anders zu beleuchten und auch die verschiedenen Definitionen für Liebe, wie man an Sabine und Inga deutlich sieht. Aber sie vermittelt uns ebenso, dass auch verschiedene Charaktere einander viel geben können. Einfach lesenswert.   

(Ab 13)

 

Kristina Dunker:

"Liebe gibt's nicht"

Beltz 1997

Antiquarisch erhältlich

ISBN 978-3407787590

 

Hoch

 

 

 

Von innen heraus - gefühlvoll und informativ

Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“

Von Susan Müller 

 

Wir wissen zwar, dass in unserem Land Ausländer leben aus den verschiedensten Regionen der Welt, außerdem ist es uns bekannt, dass diese nicht immer wohlwollend akzeptiert werden. Haben wir uns aber schon mal die Mühe gemacht, die andere Seite, also die Heime der Asylbewerber, eingehender zu betrachten?

Die Aufenthaltgenehmigungen werden immer kürzer, den Menschen signalisiert: Sie sind nur geduldet. Ganz schwierig wird es, wenn sie kaum deutsch sprechen. Im Laufe der Zeit halten sie sich selbst nur noch für „Primitivlinge“, wie in diesem Buch „Freddy“ konkret auch seine Gefühlslage beschreibt. Er schließt weibliche Bekanntschaften, macht aber die Erfahrung, dass er als Afrikaner besser die Meinung seiner Partnerin zu akzeptieren hat, schließlich wurde er aus dem unpersönlichen Asylbewohnerheim „gerettet“ und in ihrer Wohnung aufgenommen. Nur: So entsteht eine dauerhafte Beziehung natürlich nicht.

Als Freddy aber die wahre Liebe kennen lernt, gibt es zwar immer noch kleinere Steine wegzuräumen, aber prinzipiell steht einer Zukunft in Deutschland nichts mehr im Wege, er wird Vater und heiratet die Mutter seines Kindes.

Gefühlvoll und informativ - sehr lesenswert, wenn auch trotz der Erklärungen manchmal schwerer verständlich, was die Gepflogenheiten der afrikanischstämmigen Protagonisten betrifft. Das soll aber nur heißen, dass es nicht für überfliegendes Lesen geeignet ist!    

(Ab 13)

 

Mouchi Blaise Ahua:

"Auf der Suche nach Asyl in Deutschland"

Aus dem Französischen von Benjamin Weber

Books on Demand 2008

152 S., Euro 9,90

ISBN 978-3837068795

 

Hoch

 

 

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert

Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“

Von Anne Möller

 

„Only for Girls“ lässt nichts aus, von den heutigen Schönheitsidealen, den Geschlechtsorganen, über hin zur Verhütung und zum großem Thema Frauenarzt wird alles angesprochen und präzise, sogar mit historischen Hintergründen, erklärt und einfühlsam vermittelt. An manchen Stellen vielleicht sogar etwas zu einfühlsam. Zwar deckt das Buch das ganze Thema Aufklärung komplett ab und bietet sogar für den verunsicherten Jugendlichen hinten im Buch ein Register mit Internetseiten und Telefonnummern von Beratungsstellen für die großen und kleinen Probleme, und auch sind besonders die Ansichten der anderen Jugendlichen sicherlich hilfreich, um festzustellen, dass man sich nicht als einziger so fühlt, jedoch wird sich ein annähernd aufgeklärter Jugendlicher schnell verunsichert fühlen, dass dauernd davon gesprochen wird, dass es nicht schlimm ist und er sich nicht verunsichert fühlen muss.

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert, um sich dem Thema zu nähern. Aber natürlich ist ein Aufklärungsbuch kein Sexratgeber - einiges muss der junge Mensch schon alleine herausfinden. Jedoch für bereits Voraufgeklärte oder selbstsichere Persönlichkeiten nicht so gut geeignet: Es könnte der Eindruck entstehen, dass - obwohl im Buch immer wieder erwähnt wird, dass sie normal sind – gerade sie nicht normal sind, weil sie nicht vor Panik alles falsch machen und dem Thema offen und schamlos gegenüberstehen.

„Only for Girls“, das sei trotz des Buchtitels angemerkt, ist ein Aufklärungsbuch, das auch ruhig die Jungs lesen sollten, um allgemeine Bildungslücken über den Zyklus der Frauen zu füllen und um das angebliche schwächere Geschlecht besser zu verstehen.

 

Elisabeth Raffauf:

„Only for Girls – alles über Liebe und Sex“

264 S., Euro 12,90

Beltz 2008

ISBN 978-3-407-75340-3

 

Hoch

 

 

 

Im Test mit jungen Lesern:

Die „Bibel in gerechter Sprache“

 

 (librikon) Natürlich haben wir die großen theologischen und übersetzerischen Fragen ignoriert und  uns beim Lesen ganz darauf konzentriert, ob junge Leser etwas anfangen können mit der „Bibel in gerechter Sprache“. Sofort natürlich war es ein Vergleich: Können sie mehr damit anfangen als mit dem, was sie sonst als Bibel kennen?

„Jeder Tag hat seine eigene Belastung.“ – sprach das mehr an als „Plage“? Ja, so war es. Der Einstieg ist für junge Leser denkbar günstig, wenn sie die Worte aus ihrem Leben wiedererkennen und nicht erst Bilder aus einer fernen Vergangenheit entstehen lassen müssen. Der Schwerpunkt auf „Gender“, auf Geschlechtergerechtigkeit, das ist ein Thema für Ergraute, sagten unsere Teenager-Testleser, aber wir fanden alle: Das Thema muss man gar nicht beständig im Hinterkopf haben.

Vor allem bringt dieser Bibeltext die Dramatik zurück. Die Heranwachsenden sehen ihre Fragen widergespiegelt. Beim Testlesen langer Passagen fanden sie, dass der Text plötzlich ganz genügt und konnten nicht verstehen, dass Predigende, um sich Jugendlichen zuzuwenden, anderes als die Bibel zitieren (Grönemeyer-Songs gehören da wohl gern ins Repertoire). Plötzlich ist zu erkennen: Die Bibel genügt ja vollauf! Stereotypen –auch von den Kirchen gut gepflegte – lösten sich zugunsten der Verständlichkeit auf.

Barrierefrei für junge Leser, so empfanden wir die „Bibel in gerechter Sprache“. Unser Testergebnis für Menschen ab 13: Eine wertvolle Horizonterweiterung.

 

Bibel in gerechter Sprache

Gütersloher Verlagsanstalt 2007

2400 Seiten, Euro 29,95

ISBN 978-3579055008

 

Hoch

 

 

Erschreckend: Erziehungscamps

Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:

"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot

Von Susan Müller

 

Lou ist alles andere als ein pflegeleichter Teenager. Gerade 15 Jahre alt, hat sie nicht nur flüchtig oder zufällig die Bekanntschaft mit Drogen gemacht, sondern dröhnt sich regelmäßig zu, und sie ist auch nicht sonderlich zuverlässig oder fleißig. Das veranlasst Lous Eltern zu einer drastischen Maßnahme, nämlich einem Erziehungscamp.

Schnell wird Lou bewusst, dass sie dort nicht bleiben will, ihr verursacht nicht nur das Essen Übelkeit, sondern auch die Art des „Ausbilders“ Patrik mit seinem selbstgefälligem fortwährenden Grinsen. Eine ihrer ersten Begegnungen hat sie mit Erwan, der ebenfalls ein Campinsasse, aber in Hungerstreik getreten ist, ob der Umstände im Camp, deren Hinterhältigkeit Lou noch nicht alle durchschaut hat. Klar ist nur: Bleiben will sie auf keinen Fall. Doch ihr Fluchtversuch misslingt. Den Campmitgliedern ist ein Chip implantiert, der sie immer und überall aufspürt. Lou versucht, sich danach zum Schein an die Gegebenheiten anzupassen, bleibt aber hellwach und auf der Hut.

Die Wanderung in einer Art Überlebenstraining kommt ihr zu Hilfe, um erneut mögliche Fluchtwege auszuspähen. Das Team, welches eigentlich aus den Schwestern Joanna und Samia, Erwan (der sich allerdings immer noch im Streik befindet)  und ihr besteht, muss sich als erstes seine Verpflegung selbst sichern, die von den Ausbildern irgendwo versteckt wurde. Es ist besser, man kommt den anderen Teams zuvor, denn es gibt keine Garantieansprüche. Lou und die Schwestern aber finden eine große Menge. Die Erleichterung darüber währt nicht lange, denn ein anderes Team versucht, ihnen gewaltsam die Essensrationen abzunehmen. Da naht unerwartet Hilfe, ausgerechnet durch Erwan. Er hat es sich angeblich anders überlegt, und sie gehen zu viert weiter, als es zu einem folgenschweren Unfall von Samia kommt, die an einer schmalen Wegstelle rutscht und den Abhang hinunter fällt. 

Die Ausbilder haben plötzlich alle Hände voll zu tun, damit das ja nicht publik wird, so dass sie auf nichts anderes achten. Die Aufregung legt sich auch nicht so schnell, denn der Absturz mit seinen Folgen endet für Samia tödlich. Das ermöglicht Erwan und Lou einen erneuten Fluchtversuch; vorher entfernen sie sich unter Schmerzen, aber sehr tapfer ihre Chips. Als Erwan Lou gesteht, dass er Samia am Abhang gestoßen hat, um von ihnen beiden abzulenken, ist Lou derart befremdet, dass sie ihn einfach stehen lässt und allein weitergeht. Während sie Schutz vor einem Gewitter sucht, beobachtet sie, wie Erwan von den „Alten“ geschnappt  wird und daraufhin vor aller Augen Selbstmord begeht. Total geschockt, aber mit beneidenswertem Willen schleppt sie sich weiter und trifft glücklicherweise  auf einen älteren Mann, der Lou ohne große Fragen  ins Krankenhaus bringt.

Das ruft Muna, einen Journalisten, auf den Plan, der sie sofort besucht und ihre Hilfe braucht, um die dunklen Machenschaften im Camp aufzudecken. Er berichtet ihr von seinen bisherigen Recherchen über das Camp und dessen Verwalter. Das überzeugt Lou schließlich, und sie tut sich mit ihm zusammen und eine nicht ungefährliche Jagd um die Aufdeckung der Geschehnisse im Camp beginnt.

Sie kommt vielen Geheimnissen auf die Spur, die das, was sie vorher im Camp erlebt hat, in einem anderen Licht zeigen. Lous mutiger Einsatz hat viele Folgen für alle Beteiligten.

Aufregend, spannend und doch erschreckend wird uns vor Augen geführt, welche Manipulationsmöglichkeiten es in der Zukunft geben könnte, und zu welchen erzieherischen Maßnahmen man greifen kann (bzw. bereits, wie aus den USA bekannt, tut). Es verschlägt einem regelrecht die Sprache, welche Methoden angewandt werden sollen, um Kinder aus einfachen und ärmeren Elternhäusern, die von vornherein als potentielle Straftäter eingeschätzt werden, zu "erziehen".

Dieses Buch regt zum Nachdenken an, denn wie der Autor sagt: „Eine verantwortungsvolle Gesellschaft hat die Pflicht, ihre schwächsten Mitglieder nach Kräften zu unterstützen...“ und nicht mit unzulässigen Mitteln deren Gedanken den eigenen, auch nicht sehr viel schöneren, anzupassen oder deren Persönlichkeiten zu unterdrücken. Und genau das versucht uns Johan Heliot, wunderbar umschrieben, durch sein Buch mitzuteilen.

(Ab 15)

 

Johan Heliot:

kaltgestellt - Kontrolle wider Willen

Aus dem Französischen von Maren Partzsch

Terzio 2008

223 S., 10,90.-

ISBN: 978-3898358835

 

Hoch

 

 

 

 

Alle Register gezogen

Ein neuer Thriller von Ilkka Remes

Von Andreas Drouve

 

Aaro, 14, besitzt ein sicheres Gespür dafür, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Der Fund eines Ausweises führt ihn auf das Kreuzfahrtschiff "Ocean Emerald", das im Hafen von Helsinki festgemacht hat. In der Hoffnung auf Finderlohn will er das Dokument seiner Besitzerin zurückgeben, doch die gehört zu einer Gruppe von Entführern, die den Luxusliner und auch Aaro in ihre Gewalt bringen. Die Kriminellen haben Sprengstoff an Bord versteckt, ändern auf hoher See den Kurs und folgen ihrem ausgeklügelten Plan. Die Rechnung haben sie allerdings ohne Aaro gemacht, den Sohn eines Anti-Terror-Spezialisten, der mit Technik und Tricks bestens vertraut ist.

Thrill und Action lassen keine Ruhe. Der finnische Autor Ilkka Remes zieht alle Register und hält den Spannungsbogen durchgehend zum Zerreißen hoch. "Operation Ocean Emerald" ist ein echter Pageturner mit überraschenden Wendungen und hohem Gefahrengrad: Die Nächte könnten kurz werden für junge Leser ...

 

Ilkka Remes:

"Operation Ocean Emerald"

Aus dem Finnischen von Stefan Moster

dtv 2008

313 S., Euro 8,95

ISBN 978-3423713030

Ab 14  

 

Hoch

 

 

Durchaus gefährlich

Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier

Von Susan Müller

 

OMNIA 3 – für unsere Romanheldin, die Polizistin Logicelle, der Inbegriff perfekter Computertechnik - doch von ihm soll eine tödliche Gefahr ausgehen. Ein bestimmtes Programm, das nur auf ihm läuft, forderte bereits 6 Todesopfer. Logicelles Kollege und väterlicher Freund eines anderen Departments bittet sie um Hilfe. Eine spannende, nicht ungefährliche Suche nach dem todbringenden Faktor, der zweifellos von dem Programm, das von den Opfern bedient wurde, ausgeht, beginnt. Mit viel Geschick und der Suche im Detail startet Logicelle ihre Ermittlungen. Die Computerfirma, die großes Interesse an der Aufklärung der Fälle hat, da sie einen Gerätefehler ausschließen möchte, stellt Logicelle einen OMNIA zur Verfügung. Ihr jugendlicher Kollege Max, der nicht nur an der Arbeit mit Logicelle interessiert ist, hilft ihr ebenso wie ihr älterer Mitstreiter. Schnell wird klar, dass auch Aufputschmittel eine Rolle spielen, die die Opfer zu längerer Konzentration benötigen.

Eindrucksvoll wird dem Leser beschrieben, welche aufregenden und phantasievollen  Darstellungsmethoden der Computer ermöglicht und Logicelle behutsam Schritt für Schritt vorwärts bringen. Die Sache ist durchaus gefährlich, bis sich der Lösungsansatz erschließt, dass die Opfer mit der Plünderung des virtuell dargestellten Schlosses in der Realität zu tun hatten. Ihre Gier nach einem Schatz sollte ihnen zum Verhängnis werden, denn derjenige, der dieses Programm verschlüsselt hat, will genau diese Habgierigen seine Rache verbüßen lassen.

Logicelle selbst konnte bisher den Risiken ausweichen, aber als sie auf das letzte Mosaiksteinchen der Lösung stößt und Max aus der Ferne um Hilfe bittet, der dafür an ihren Computer muss, schwebt auch Max in höchster Gefahr. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, bevor Max dem Computerspiel nicht mehr gewachsen ist, denn der Bediener wird mit Geräusch- und Lichteffekten in eine Art Ausnahmezustand des Körpers versetzt, dem dieser nichts mehr entgegenzusetzen hat und zusammenbricht. So wie es den Opfern ergangen ist.

Der Fall ist gelöst, der Täter, der sich für die Plünderung des real existierenden Schlosses rächen wollte, überführt. Dem Leser bleibt die Aufregung der so bildlich beschriebenen Aktionen auch nach Beendigung des Buches erhalten. Er wird Zeuge dessen, was die moderne Technik  über den Tod hinaus bewerkstelligen kann, denn der Täter ist selbst bereits vor einiger Zeit verstorben.

Für alle Computerfans ist dieses Buch ein phantasievoller Ausflug hinter die Kulissen, die ein Computer eigens seiner Technik und Programmierung möglich macht. Aufregend, faszinierend und spannend zugleich erzählt Christian Grenier die ungewöhnliche Bestrafung einer Ungerechtigkeit.

 

Christian Grenier:

"Drei & achtzig Gigabyte"

Aus dem Französischen von Maren Partzsch

Terzio 2008

190 S., Euro 10,90

ISBN 978-3898358804

 

Hoch

 

 

Für unsere Zeit in unserer Welt:

"Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik

Von Susan Müller

 

Semin ist 15 Jahre alt und verhält sich eher „untürkisch“: Kopftuch und ewige Gebete sind nichts für sie und machen sie manchmal sogar schläfrig. Eine Diskussion im Unterricht, die sie mit Canan, einer „Kopftuchträgerin“ führt, gibt den Ausschlag für eine Wendung in Semins Denken - Canan ist am Tag danach verschwunden. War Semin mit ihrer unerbittlichen Meinung daran schuld? Sie beginnt Canan zu suchen, ohne sich dass bewusst einzugestehen.

Vergangene Tage werden in die Erinnerung zurückgerufen: Früher waren Semin und Canan Freundinnen, das ist lange her. und doch ist es Semin unangenehm, dass sie Fragen von Canans Familie, die ihr freundlich gegenüber stehen, nur ausweichend beantworten kann. Nach dem Besuch vom Koranunterricht, von dem sie sich Auskunft erhofft, trifft sie auf eine ruhig und sachlich argumentierende Lehrerin und ein nettes Mädchen. Sie öffnet sich ein wenig der anderen Kultur, die ja auch die ihrer Familie ist. Als sie mit der Koranklasse auf einen Mitschüler trifft, mit dem sie sich in einen Disput verwickelt, steht für Semin fest, sie probiert das Kopftuchtragen aus. Ihr Vater versteht die Welt nicht mehr „Seidenhaar“, wie er immer zu Semin sagt: ´wenn das wieder einer deiner Scherze ist´, doch Semin macht keinen Spaß, sie geht damit zur Schule, was nun auch für Meli, ihre beste Freundin, Grund genug ist, sich von ihr abzuwenden. All das führt dazu, dass sich Semin mit ihren Wurzeln und dem Glauben auseinandersetzt.

Eine faszinierende Beschreibung über das Für und Wider, und wie sich Semin damit beschäftigt. Ebenso eindrucksvoll ist Canans Rolle, die sich hin- und hergerissen und dabei unverstanden und nicht ernst genommen fühlt, weder von den Klassenkameraden noch von ihren Eltern. In diesem Zustand taucht sie bei der Koranlehrerin unter.

Die Charaktere von Senim und Canan sind wunderbar einfühlsam mit ihren Denkweisen wiedergegeben, jede für sich ihrem Wesen entsprechend und verständlich.

Schlussendlich wird wieder einmal klar: Miteinander reden, ohne auf seinem eigenen Standpunkt zu beharren, ist ungeheuer wichtig und richtig. Die Autorin hat es verstanden, dem Leser neue Erkenntnisse ohne eine billige Gut-oder-Schlecht-Wertung zu vermitteln. Eine tolle Geschichte für unsere Zeit in unserer Welt.

 

Aygen-Sibel Çelik:

"Seidenhaar"

Ueberreuter 2007
144 S., EUR: 9,95

ISBN: 978-3-8000-5288-2

 

Hoch

 

 

Wie ein Kleeblatt zerfällt

In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“

Von Susan Müller 

 

Annika ist 16 und hatte es sich so schön vorgestellt, wenn ihre Cousine Gini mit ihrem Vater zu ihnen zieht - obwohl sie sie lange nicht gesehen hat und nicht viel von ihr weiß. Aber Gini wird Annikas Freunden schon gefallen! Ihre Freunde sind Steffi, Rüdiger und Jonas und gemeinsam sind sie als unzertrennlich: Als das Kleeblatt bekannt.

Gini verhält sicher aber bis auf ein Lächeln ab und zu sehr zurückhaltend. Sie interessiert sich auch nicht für den Baggersee, zu dem die Freunde bei der Hitze aufbrechen. Einzig die Geschichte, die mit einer hier ertrunkenen Frau zusammenhängt, lässt Gini aufhorchen. Deshalb ist sie am Baggersee dabei.

Ein heißer Tag. Als Gini mal in die Büsche verschwinden will, verzichtet Annika auf belehrende Bemutterung - und wird es bitter bereuen, denn Gini kehrt nicht zurück.

Eine verzweifelte Suche beginnt. Treibt sich ein Spanner am See herum? Ist sie vielleicht doch zur Abkühlung schwimmen gegangen? Kann sie schwimmen oder hat Annikas Onkel so heftig auf den Ausflug zum Baggersee reagiert, weil sie es nicht kann?

Kristina Dunker versteht es wie schon in „Schwindel“ prächtig, die Spannung über Ginis Verschwinden aufzubauen und zu halten. Wie viele quälende Gedanken kann ein „Kleeblatt“ ertragen, bis er sich gegenseitig zerfleischt? Steffis schwache Nerven suchen einen Zusammenhang zu Rüdigers Verhalten, der zurückhaltender ist als der Mädchenschwarm Jonas und öfter auch mal die Einsamkeit sucht. Hat er sich an Gini vergangen, weil er sonst zu schüchtern ist und manchmal Liebespärchen bespannt? Annika erfährt an diesem Nachmittag noch mehr über ihre besten Freund, und manches macht sie betroffen. Doch die Sorge um Gini lässt jetzt keine Zeit; und die Erschütterung durch eine Ausnahmesituation zeigt die Menschen blitzartig von einer ganz anderen Seite, ohne dass gleich Konsequenezn gezogen werden können. Das Spiel muss weitergehen, auch ohne Glauben an eine Zukunft. Beste Thrillermanier!

Einfühlsam und nachvollziehbar erfährt der Leser, wie schnell falsche Verdächtigungen in losen Zusammenhängen eine Freundschaft zerstören, die bisher für unverwüstlich gehalten wurde. In Krimistimmung spüren wir, was Vertrauen und Versprechen bedeuten. Denn Rüdiger konnte nur derart ins Kreuzfeuer geraten, weil er Gini versprochen hatte, nichts über ihr Weggehen zu sagen, und dieses Vertrauen wollte er nicht missbrauchen.

Die Aufregung und die Geschichte selbst nehmen insofern ein gutes Ende, dass … jetzt verarten wir nichts, aber doch so viel: Die langjährige Freundschaft des Kleeblattes verträgt die Unterstellungen während der letzten Stunden nicht. Ginis erleichterter Vater muss eine Bedingung erfüllen, er muss die Wahrheit über den Tod seiner Frau, Ginis Mutter, und den Zusammenhang zu der ertrunkenen Frau klären.

Atemlos fiebern wir dem Geheimnis entgegen, das die Erwachsenen bisher nicht lüfteten.

Und die Moral von dem Thriller: Nicht nur ein Sommergewitter reinigt die Luft, sondern auch ein klärendes Gespräch. Würden junge Erwachsene nicht immer und angeblich zu ihrem eigenen Schutz wie Kinder behandelt, blieben manche Angst, Aufregung und Unsicherheit erspart, und sie kämen nicht auf die Idee, falsche Schlüsse zu ziehen.

Wenn auch ein Kleeblatt zerfallen ist und kein glückbringendes vierblättriges mehr ist, ist in dieser Gemeinschaft doch endlich gesagt worden, was sich schon länger angestaut hat und wohl gesagt werden musste.

Wieder ein absolut gelungenes und empfehlenswertes Werk mit vielen Facetten zu dem Thema, wie ein Kind geformt und zum Erwachsenen wird.

(Ab 14)

 

Kristina Dunker:

Sommergewitter
dtv 2008
176 Seiten, Euro 6,50
ISBN 978-3-423-78197-8
 

Hoch

 

 

Blitzableiter der Familie, Modell für einen Maler

Ivy in "Die Göttin aus der Paradise Row"

Von Susan Müller

 

„Göttin“ – ein Begriff bereits im Titel des Romans, der neugierig macht. Ich verbinde diesen Begriff mit etwas wunderbarem, außergewöhnlichem, schönem, vielleicht auch geheimnisvollem, eben etwas Göttlichem. Doch von göttlich ist die Romanfigur Ivy weit entfernt (anfangs), weder ihr Leben noch ihr Äußeres sind wirklich göttlich. Wäre sie einigermaßen gepflegt, ließe ihre Erscheinung eventuell darauf schließen, denn sie hat flammendrote Haare und einen blassen, vornehmen Teint.

Ivy wächst in einem ärmlichen Haushalt von Tante und Onkel mit Cousins und Cousinen auf, die wie sie, die ja erst 5 ist, alle zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Sie trägt deren abgelegte Sachen und isst kein Fleisch, besser gesagt, nichts, was einmal ein Gesicht hatte. Sie ist für die meisten der Familie der Blitzableiter.

Doch eines Tages verläuft sie sich und fasst Vertrauen zu der rothaarigen Frau, die ihr begegnet und ihr Orange anbietet, so dass sie ihr schließlich folgt. Die Frau, Rotkopf-Kate genannt, aber benutzt Ivy, um sie zum Stehlen anzuleiten und missbraucht sie ab sofort für den „ungeheuren großen Plan“. Manche dieser Raubzüge bereiten Ivy schlaflose Nächte. Rotkopf-Kate gewöhnt Ivy an Laudanum, einen Opiumsaft, der Ivy in Zukunft begleiten wird.

Da uns manche Veränderungen in Ivys Leben verborgen bleiben, finden wir uns nach einem abrupten Kapitelschluss in einer neuen Kulisse wieder. Der Übergang bleibt uns zwar versagt, aber wir finden uns plötzlich gemeinsam mit Ivy wieder im Kreis ihrer Familie und deren Fängen wieder, als der entscheidende Wandel in Ivys Leben bevorsteht.

Oscar Frostwick, ein Maler, frustriert, kein geeigneteres Modell für seine Künste zu haben als seine Mutter, rennt gerade aufgebracht einem Marktjungen hinterher, als er fasziniert innehalten muss. Seine Suche scheint eine Ende zu haben, als er sie sieht: „Eine Göttin. Ein Engel. Eine Perle vor den Säuen.“ Ivy wird, nicht zuletzt durch das Drängeln ihrer Familie, das Modell des Malers Frostwick. Nicht ahnend, damit die Eifersucht von dessen Mutter derart anzustacheln, dass diese Ivys Laudanumsucht nicht nur durchschaut, sondern gegen sie einsetzen wird, um sie ein für alle mal loszuwerden. Es ist schon erstaunlich, zu welchen Taten, die von überfreundlich bis gefährlich reichen, eine Mutter fähig ist, die mit geradezu Affenliebe an ihrem Sohn hängt.

Was aus Ivy wird? Sie hat jetzt einen „ungeheuer großen Plan“. Das Nachwort lässt Raum für Phantasie: „Einige der Malermodelle waren normale Mädchen, die von der Straße kamen und deren Aussehen ihnen dazu verhalf „Göttinnen“ genannt zu werden. Ihr Äußeres war bekannt, aber „ihr Leben können wir uns nur ausmalen.“

Ein empfehlenswertes Buch mit historischem, nachdenklichem und humorvollem Hintergrund.

(Ab 13)

 

Julie Hearn:

"Die Göttin aus der Paradise Row"

Aus dem Englischen von Christa Holtei

dtv 2007

432 S., Euro 11, 95

ISBN 978-3423712415

 

Hoch

 

 

Bedrückende Stimmung

Ein Psychothriller der Extraklasse

Von Andreas Drouve

 

Die Leiche eines Schülers in einer Bauruine, ein mysteriöses Tagebuch auf dem Bauch. Ist Felix erniedrigt, gequält, zu Tode geprügelt worden? Für die Kommissarin, deren Name unbekannt bleibt, ist der Fall alles andere als Routine. Sie weiß, dass Felix' Freunde Tobias, Heiko und Marc die Wahrheit wissen, doch die drei streiten alles ab - bis sich die Schlinge immer fester zuzieht. Autor Christoph Wortberg setzt schnelle Schnitte an, verzichtet auf sprachliche Schnörkel und transportiert über die eingestreuten Tagebucheinträge eine bedrückende Stimmung. Ein Psychothriller der Extraklasse, samt überraschender Wendung kurz vor Schluss. Ab 13 Jahre, vorausgesetzt, man hat starke Nerven!

 

Christoph Wortberg:

"Die Farbe der Angst"

Thienemann Verlag 2008

140 S, Euro 9,90

978-3522180788

 

Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

 

Hoch

 

 

Nicht in die Mühle geraten

Dank Turgenev

 

(librikon jeunesse) Derweil die Strategen in den Kinderbuchverlagen bei jedem Cover überlegen, ob es denn auch für „junge Erwachsene“ (sie meinen natürlich „verblödete Kids“) geeignet ist, derweil sie einen Fantasy-Schrott nach dem anderen so wahnsinnig klug verpacken, sind wir doch längst bei den manesse-Büchern angekommen. Wem die Umschläge noch zu poppig sind, der nimmt sie ab und hat ein kleines, graues Buch in der Hand – sagen wir und empfehlen wir heiß: Ivan Turgenev: „Aufzeichnungen eines Jägers“. Das ist Understatement und Angeberei zugleich. Aber absetzen müssen wir uns ja von den fehlgeleiteten Interessen der Blitzmerkersociety mit ihren lächerlich niedrigen Bildungsansprüchen. Wir haben ja bemerkt, dass die G-8-und anderes Durchprügler nicht einmal den Schimmer einer Ahnung haben, wer Turgenev gewesen sein könnte. Zweifeln Sie dran? Na also.

Dass Turgenev auf dem Buch nicht Turgenjew geschrieben wird, liegt an den Freaks unter den älteren Übersetzern, die auf „wissenschaftlicher Transkription“ bestehen, d.h. die kyrillischen Buchstaben möglichst genau in lateinische übertragen. Ausgesprochen wird er Turgenjew (für die, die in einer Buchhandlung bestellen wollen). Die „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind ganz kurze Erzählungen, in denen Turgenev versucht, Typisches der einfachen russischen Bauern festzuhalten. Das war zugleich auch Kritik an den herrschenden Verhältnissen; die Adligen lebten gut damit, die Bauern als ungehobelte Halbprimaten anzusehen, um sie gewissenloser ausbeuten zu können – ganz nach dem Muster, wie es die Pensionisten heute mit uns machen.

Doch Zorn beiseite: Turgenevs Jäger in dem Buch ist ständig auf Achse, ein road movie der Extraklasse. Aus dem Staub machen, in alle Himmelsrichtungen verwehen. Nicht in die Mühle geraten: „Uns unterdrücken heute andere Herren; aber ohne das geht es ja offenbar nicht. Wo es Mehl gibt, muß gemahlen werden.“ Schulhof? Bachelor? Rentenkasse? Turgenev!

(Ab 15)

 

Ivan Turgenev:

"Aufzeichnungen eines Jägers"

Aus dem Russischen, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Peter Urban

manesse Verlag 2007

704 S., Euro 24, 90

ISBN-13: 978-3717520580

 

Hoch

 

 

Kein Girls' Day

Detektivin Maisie Dobbs

 

(librikon) Die meisten Krimihelden sind verstaubt, die neueren etwas für Weinglasschwenker, die am Feierabend entspannen wollen. Häuschen mit Garten und so, und sonntags den „Tatort“, am besten noch in einem Lokal mit Gleichgesinnten….Aber da gibt es „Maisie Dobbs“ – es ist ihr zweiter Fall, aber eigentlich der, der zum Einstieg gut ist. Weil man etwas von Maisie Dobbs’ Vergangenheit erfährt, wie sie aufgewachsen ist im London um 1910 und wie sie dann vom Hausmädchen zu einer Detektivin mit eigener Detektei wurde. Da kann man eine Frau kennenlernen, die wirklich einen selbständigen Weg gegangen ist und nicht einen, der ihr von einer von amtswegen ernannten Emanzipationsbeauftragten vorgeschrieben wurde. Maisie Dobbs’ Leben ist kein Girls’ Day. Ein reicher Herr –Christopher Davenham-  will seine Frau beschatten lassen, er wittert Ehebruch (das gab es damals noch), Maisie Dobbs nimmt die Ermittlungen auf, indem sie der Ehefrau folgt – eine Frauenfreundschaft erwächst daraus, so dass der Fall sich schnell lösen lässt. Es geht nämlich um Unglück und Einsamkeit. Maisie Dobbs’ Methoden sind klassisch und sehr exakt geschildert: Notizblock, alles genau notieren, Querverbindungen herstellen. Gute Kinderkrimis kann man gut im Hinterkopf haben, und jetzt werden sie zusammen mit einem selber erwachsen.

Maisie Dobbs’ Grips wird durch Billy Beales Handfestigkeit ergänzt, ein Mann, gröber als Miss Marples Mr Stringer, aber genauso treu. Maisie Dobbs’ Welt ist vom Ersten Weltkrieg beherrscht, und das hilft, auch in Zeiten der als notwendig gepredigten Kriege (wie immer alle Kriege zur Notwendigkeit erklärt werden) zu merken, wie zerstörerisch Krieg in Wahrheit ist. Wer verspricht den Typen, die zur Bundeswehr gehen und dann nach Afghanistan, dass sie nicht wie Mrs Davenhams Ex-Geliebter, Vincent Weathershaw, halbtot und mit zerfetztem Gesicht aus dem Krieg zurückkommen? „Maisie Dobbs – Das Haus zur letzten Ruhe“ ist auch ein Anti-Kriegsbuch. Zwischen all den gescheiterten Helden tut eine wie Maisie Dobbs doppelt gut. Sie stellt sich nicht nur hin und nennt Täter, sie übernimmt Verantwortung. Das Gegenteil von den meisten, die im Moment die Fahnen schwenken. Mehr Maisie Dobbs’, mehr von Maisie Dobbs!              

 

Jacqueline Winspear:

„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe"

Wunderlich 2007

416 S., Euro 12,90

ISBN-13: 978-3805208192 

 

Hoch

 

 

Die Bedeutung des Miteinander-Redens

Josephine Kroetz' Debutroman

Von Susan Müller

 

"Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich bloß in ihr zurechtfinden" - ein anspruchsvoller Titel für ein Buch, das Seite um Seite bestätigt: Der Mut zu einem so vielsagenden Satz ist gerechtfertigt, und wie absolut zutreffend er ist, wird vor den Lesern auf erzählerisch kunstvolle Art entfaltet.

Wir befinden uns in dieser „Geschichte für Scheidungskinder“ (so der Untertitel) in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das nicht nur ihres Zeitalters wegen, sondern hauptsächlich in Bezug auf die Art, wie die Menschen in ihnen leben. Eindrücklich wird genau dies geschildert; ein spannendes Unterfangen, das der Autorin Josephine Kroetz gelingt. Und wie: Dem häufigen Dilemma literarischer Werke, die auf zwei Ebenen spielen, erliegt der Roman nicht. Man muss nicht ständig geistig hin und her springen, in Sorge, den Faden zu verlieren und irgendwann die Lust, dem Ganzen noch zu folgen. Nein: Josephine Kroetz versteht es wunderbar, einerseits die Zeit im Alten Griechenland und das Heute zu teilen, aber andererseits auch verschmelzen zu lassen.

Unsere Romanheldin Lü ist eigentlich mit dem Leben in der Antike gar nicht zufrieden. Der Vater ist streng, und Frauen haben keine Rechte, sondern eine Menge an Pflichten, und Vergnügungen, wie vielleicht Theaterbesuche, sollen ihnen gleich gar nicht vergönnt sein. Was aber, wenn genau das – ins Theater zu gehen! - das junge Mädchen furchtbar reizvoll findet? Mit Phantasie und Einfallsreichtum kann sich Lü, verkleidet als junger Mann, ins Theater schleichen, nur leider kommt eines Tages der Vater dahinter. Die Strafe lässt Lü krank werden, und ihr einziger Ausweg ist Zeus, dem sie ursprünglich nur ihr Herz ausschütten will, der sie aber direkt als geeignet für eine Aufgabe im 21.Jahrhundert befindet. Und ehe Lü sich versieht, findet sie sich in dem fremden Zeitalter wieder. Sie hat Eltern, einen Bruder und eine beste Freundin. Dass sie sich erst zurechtfinden muss, schieben die Menschen an ihrer Seite auf einen Sturz mit Kopfverletzung, den sie in „dieser“ Welt gerade erlitten hatte. Mit ihrem kleinen Bruder Davinci hat sie jemanden, der sich geduldig um Erklärungen für Lü bemüht. So fängt sie an, sich im 21. Jahrhundert wohlzufühlen … denn das allerbeste ist, dass das Theater hier nicht verboten ist!! Lü kann es besuchen, wann sie will, und sie lernt dort auch noch den süßen Patrick kennen.

Leider hält die anfängliche Familienidylle dem Alltag nicht stand, ihr Vater als Lehrer versucht einem „Problemfall“ zu helfen, das geht für ihn nach hinten los und kostet ihn letztendlich seinen Job. Ihre Mutter kümmert sich um die häuslichen Belange, ihr Mann bezieht sie aber kaum ein in seinen Berufsalltag, sie wird immer unzufriedener in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Die Streitereien zwischen beiden werden häufiger, was sich auf die allgemeine Stimmung daheim überträgt. Jeder versucht für sich die Situation zu meistern. Lü hat Glück, sie bekommt für ihr Seelenheil Hilfe der Götter. Die kümmern sich darum, dass Patrick und Lü sich ineinander verlieben.

Lüs Mutter kehrt wieder in ihren Beruf als Journalistin zurück. Keine Lösung, im Gegenteil. Neue Reibungspunkte, noch mieser Stimmung. Als Lü sich ihren Kummer von der Seele schreibt, scheinen auch die Eltern zu verstehen. Sie entschließen sich zur Trennung, entdecken neue Werte, und auch miteinander können sie plötzlich wieder umgehen. Lüs Aufgabe scheint erfüllt. Und damit ist eigentlich auch klar, dass sie ins Alte Griechenland zurückkehren muss. Ihr wird immer mulmiger, denn sie möchte sich von niemandem hier trennen. Schon gar nicht von Patrick. Alles ist programmiert, meint man, aber Lü wird von dem für sie verantwortlichen Gott nicht im Stich gelassen. Als alles zu Ende scheint und ihre Aufgabe gemeistert, ermöglicht er ihr mit einem Trick das Verbleiben im 21.Jahrhundert.

Josephine Kroetz vermag es, den Leser zu fesseln und ihm bildlich die Gegensätze zweier Welten zu vermitteln. Sie schiebt die Bedeutung der Kommunikation - des Miteinander-Redens -, in den Mittelpunkt und verdeutlicht sie in den beiden, obschon so weit voneinander getrennten Epochen. Schlussendlich ist es so einleuchtend: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden“

(Ab 15)

 

Josephine Kroetz:

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für Scheidungskinder“

Rowohlt 2008

204 S., Euro 7,95

ISBN-13: 978-3499623264

 

Hoch

 

 

Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg von Heidi Klum

 

(librikon) Das Leben hält so viel Wunderbares bereit, von dem man dringend träumen sollte. Es hält so viel Echtes bereit, wenn man ihm mit Persönlichkeit begegnet. Also ganz weit weg von Heidi Klum und dem Ausverkauf aller Träume… ganz nah daran, was das Leben wirklich goldener machen könnte: „Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès“, ein Buch mit Photos (schwarzweiß natürlich) von Walter Vogel. Zum In-die-Bilder-Hineindenken. Dabei sind in dem Buch noch kurze Texte von Dichtern, die es Spaß macht zu kennen. Was eben wirklich schön ist am Leben!   

 

Walter Vogel:

„Caffè, per favore! Die Welt des italienischen Caffès“

ars vivendi 2007

128 S., Euro 16,90

ISBN-13: 978-3897165076

 

Hoch

 

 

Der Mond, die Tiere

Silvia Schopf schreibt darüber, wie verschiedene Völker mit dem Tod umgehen

Von Andreas Drouve

 

Eine Lesereise in den Tod ist das Buch "Wie der Tod in die Welt kam" und richtig etwas für Leser ab 14! In einer sorgsam zusammengestellten Auswahl an nacherzählten Stoffen reißt uns die Journalistin Sylvia Schopf mit ins Jenseits, in jene andere Welt, vor der man eigentlich gerne die Augen verschließt. Dabei sieht es dort gar nicht so schlecht aus, wie die aus Bolivien überlieferte Erzählung "Im Haus der Toten" nahe legt: ein Haus, aus dem Lachen und fröhliches Rufen dringt, wo man Maisbier trinkt und es auch sonst an nichts mangelt. Und "Bei den Totenseelen" aus Chile lässt man es nachts so richtig krachen mit ausgelassenen Festen. Schade, dass man als Lebender einen fürchterlichen Geruch verströmt, nicht so recht mitfeiern kann und beim verstorbenen Partner ins Leere greift. Da freut man sich richtig auf die Anderswelt ... "Wie der Tod in die Welt kam" ist ein Kleinod der Kulturgeschichte, das den Zauber der alten Mythen und Legenden verdichtet. Ingesamt acht der etwa 50 Geschichten hat Sylvia Schopf aus Lateinamerika ausgewählt, darunter "Der getötete Tod" aus Brasilien, der mit dem Fluch von Wubá, dem Herrscher des Todes, endet. Ebenso lesenswert sind "Die Grille war zu schwer" (aus Ecuador), "Die Verlockungen der Welt" (aus Brasilien) und "Wie die fünfte Sonne entstand" aus dem reichen Erzählschatz der Azteken. Gleichnischarakter trägt die brasilianische Überlieferung "Der Falsche wird begrüßt", bei dem der Große Geist, der alles erschaffen hat, den Menschen ewiges Leben schenken will. Diese jedoch sind zu ungeduldig. Sie empfangen und bewirten den Tod in trügerischer Menschengestalt, während sie den Großen Geist mit Nichtbeachtung strafen. Und damit ist das Schicksal des Menschengeschlechtes besiegelt.

Die Lesehappen kommen wohl dosiert daher und schmecken nach mehr. Interessant sind auch die mit den märchenhaften Erzählstoffen verwobenen Sachblöcke, in denen Autorin Schopf mit Themen wie Tieren als Todesboten, dem Schlaf als kleinen Todesbruder und dem Mond als Sinnbild für Leben und Tod vertraut macht. Religionsethnologe Josef Franz Thiel, vormals Direktor des Museums für Völkerkunde in Frankfurt am Main, beschließt den sorgsam illustrierten Band mit Betrachtungen zum "Leben danach". Was auf das irdische Dasein folgt, ist letztendlich Glaubenssache ...

 

Autorin: Silvia Schopf

Titel: Wie der Tod in die Welt kam. Mythen und Legenden der Völker

Verlag: Herder 2007

191 S., Euro 16,90

Bestellnummer: ISBN 978-3451296055

Lesealter: Ab 14

 

Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

 

Hoch

 

 

Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu glauben

Kristina Dunker hat den Thriller "Schwindel" geschrieben

Von Susan Müller

 

Die erste Liebe mit Schmetterlingen im Bauch und diese Freude, die man eigentlich immer nach außen hin zeigen möchte. Und dann die Erlaubnis der Eltern, einige freie Tage mit dem Jungen seines Herzens zu verbringen. Das ist für unsere Romanheldin gar nicht so selbstverständlich, nicht weil sie zu jung wäre, sondern weil sie unter Panikattacken leidet, die sich als Schwindelanfälle äußern und wegen denen sie auch behandelt wird.

Für alle Fälle hat sie immer ihr Tagebuch dabei, dem sie sich in allen Lebenslagen anvertraut.

Doch was traumhaft werden soll, beginnt schon katastrophal mit der Verspätung des Zuges, was für unsere Titelfigur bedeutet, alle Anschlusszüge sind auf und davon. Sie redet sich gut zu und versucht auch die Ruhe zu bewahren, als ihr Freund ihr erklärt, sie nicht abholen zu können, da er sich verletzt hat. Mit viel Mut und sich selbst gut zuredend, steuert sie den Weg zu Fuß an, durch den Wald und im Dunkeln. Bei einer kurzen Rast wird sie Zeugin einer Schlägerei, d.h. wie ein Junge verprügelt wird. Sie versteckt sich und in ihrer Angst eilt sie auch nicht zu Hilfe, sondern hofft, nicht entdeckt zu werden. Sofort, als die Schläger verschwunden sind, Begibt sie sich zum Opfer und bietet ihre Hilfe an. Dies wird aber abgelehnt und so geht sie weiter. Ihre innere Unruhe lässt sie aber nicht los, und sie muss sich ihrem Freund mitteilen. Dessen Stimmung schlägt aber sofort um und beunruhigt sie. Zu allem Überfluss hat sie jetzt noch ihren Halt, das Tagebuch verloren, aber selbst als ihr Freund mit ihr sucht als Wiedergutmachung für sein abweisendes Verhalten, bleibt es verschwunden.

Sie lernt die Clique ihres Freundes kennen und erkennt in ihnen die Täter, außerdem liest sie in der Zeitung vom Verschwinden eines Mädchens. Ihr wird das alles unheimlich, aber sie will durchhalten und erinnert sich an die Worte ihres Psychologen, der auch eine Art Freund und Vertrauensperson für sie ist und besiegt ihre Angst immer wieder aufs Neue. Bis ihr Tagebuch in Form von Auszügen auftaucht und sie sich fragen muss, wem sie vertrauen kann. Steckt gar einer aus der Clique dahinter? Wer will sie vertreiben? Und welchen Zusammenhang gibt es zum Opfer der Schlägerei? Ist dieses gar nicht so unschuldig? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie eines Abends über die Leiche der Vermissten stolpert und selbst in Gefahr schwebt.

Ein unheimlich packendes Buch, von Freundschaft, Wahrheit, Lüge und einer Reihe von Verkettungen unglücklicher Umstände. Es ist schwer für den Leser, es aus der Hand zu legen, bis er alle Hintergründe kennt, denn ständig geraten andere unter Verdacht. Die Romanheldin zeigt, was in ihr steckt, wie sie ihre eigenen Ängste besiegt und wie schnell sich die große Liebe in ein Strohfeuer verwandeln kann. Und wie viel es bedeutet, an sich selbst zu glauben!

Sobald sie das tut und stark ist, braucht sie die Hilfe von dritten schon bald nicht mehr so oft.

 

Autorin: Kristina Dunker

Titel: Schwindel

Verlag: dtv 2007

237 S., Euro 6,95

Bestellnummer: ISBN 978-3423782197

Lesealter: Ab 15

 

Hoch

 

 

   
 

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