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Roadmovie-Roman mit Gesellschaftskritik Wolfgang Herrndorf: "Tschick" Von Ada Bieber
Die Probleme der beiden Jugendlichen mit der Sehnsucht nach mehr Normalität werden schon dort sichtbar, wo die Reise beginnt: Zuhause. Während Maik zwar in innerfamiliär höchst zerrütteten Familienverhältnissen aufwächst, nach außen aber aus der ›vertrauenswürdigen Mitte der Gesellschaft‹ stammt, ist Tschick von Anfang an gebrandmarkt. Vom ersten Tag an in der neuen Klasse eines Berliner Gymnasiums weiß Tschick – mit vollem Namen Andrej Tschichatschow – um seine Chancenlosigkeit in punkto Anerkennung. Maik fasst es rückblickend folgendermaßen zusammen: „Keiner konnte ihn leiden. Tschick war ein Asi, und genau so sah er auch aus.“ (S. 41) Und so weigert sich Tschick erfolgreich, mehr als wenige zwingend notwendige Informationen aus seinem Leben preiszugeben. Denn dass sein Leben mit all den Schwierigkeiten weder wirkliches Interesse noch echte Anerkennung erhielte, scheint er zu wissen. Nur wenige Informationen erhält der Leser – beispielsweise, dass Tschick in Deutschland zunächst wohl aus sprachlichen Gründen auf der Förderschule landete, nun aber Einlass ins Gymnasium erhält. Welchen Kampf der Junge für den schulischen Erfolg kämpfen musste, bleibt ungeklärt und der Leser muss sich fragen, wie aufmerksam und kompetent das Schulsystem mit Schülern wie Tschick tatsächlich umgeht. Während der transkulturelle Migrant aus Russland mit Vorfahren aus der rumänischen Walachei inmitten der nationalen und kulturellen Teilidentitäten recht dennoch selbstsicher scheint – „Aber die Familie ist von überall. Wolgadeutsche. Volksdeutsche. Und Banater Schwaben, Walachen, jüdische Zigeuner “ (S. 98) – reagiert die Umwelt verunsichert und ablehnend. Ist Maik ›nur‹ von den Eltern, Gott und der Welt verlassen (Vgl. S. 71), so ist Tschick tatsächlich im gesellschaftlichen Sinn verlassen. Wenn am Ende des Romans Behörden, Richter und Eltern nach dem Grund für dieses Roadmovie-Abenteuer der beiden Jungen in dem geklauten Auto quer durchs Land fragen, werden die dem Leser prägnant vor Augen geführten Familienverhältnisse Maiks nicht als Ursache gesehen. Viel leichter scheint es, den russischen Einwanderer – auch hier erfährt der Leser nichts über Tschicks nähere Familienverhältnisse (!) – in ein Erziehungsheim mit strenger Abschottung zur Außenwelt zu stecken. Die Verantwortung wird also auf das schwächste gesellschaftliche Glied abgeschoben. Nach außen werden vom zuständigen Richter banale Gemeinplätze bemüht: „Zum Glück hat er uns dann gleich selbst Antworten angeboten. Zum Beispiel, ob wir einfach Fun hätten haben wollen.“ (S. 233) So unterhaltsam die einzelnen Reisestationen auch sind, die eigentliche Spannung dieses Jugendromans liegt weniger im Weg als im Ausgangspunkt der Reise. Herrndorf bedient zwar die Makroebene einer klassischen Reiseerzählung, doch ist kaum zu übersehen, dass mehr als hundert Seiten für den Ausgangspunkt verwendet werden. Hier wird auch noch wesentlich einlässiger und präziser erzählt, als es dann in der Darstellung der einzelnen Stationen getan wird. Schon der Titel verrät, dass es weniger um die Reise als um die Figur des russischen Einwandererjungen geht. Denn nicht ohne Grund trägt der Roman den schlichten Titel „Tschick“. Auch wenn es Maik ist, der in der Rückschau erzählt, und der Leser diesen Erzähler viel besser kennenlernt als den russischen Freund, so ist doch am Ende kaum mehr zu übersehen, dass der integere Tschick der eigentliche Held (und Verlierer) dieses Romans ist. Denn während Maik ähnlich wie Tom Sawyer mit einem blauen Auge davonkommt, hat Tschick im Unterschied zu Huckleberry Finn weder die Hoffnung auf ein geregeltes, bürgerliches Leben noch auf eine selbstgewählte Freiheit ... !
Wolfgang Herrndorf: "Tschick" Gebunden, 256 S. Rowohlt Berlin, EUR 16,95 ISBN 978-3871347108
Ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“ Von Bettina Meinzinger
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Brice' jüngerem Bruder, dem 15-jährigen Martin. Er ist bald der Einzige, der an dessen Unschuld glaubt. Als die Beweislast gegen Brice immer erdrückender wird, beginnt Martin eigene Ermittlungen anzustellen. Der Roman behandelt zahlreiche ernstzunehmende Themen wie psychische Erkrankungen, die sensationslüsterne Berichterstattung der Presse oder die Debatte um den Einfluss von Videospielen und Horrorfilmen auf jugendliche Gewalttäter. Auch wird Martin, der im Laufe der Geschichte in die Rolle des von ihm und Brice erfundenen Detektivs Fox Lockombo schlüpft, um die Unschuld von Brice zu beweisen, nie als furchtloser Held dargestellt. Auch Jungs haben Angst und weinen. Das alles gibt „blutsbrüder“ den Anstrich des Authentischen. Das Buch mündet dann allerdings in einer Detektivgeschichte, die schon nicht mehr so glaubwürdig ist. Das ist an sich nicht schlimm, und muss wohl meist so sein, wenn der Ermittler in Frage selbst noch die Mittelstufe besucht. Allerdings will dies nicht so recht zur ansonst so nüchternen, auf Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe bedachten Erzählweise passen. Das Buch changiert zwischen „nicht richtig gut“ und „nicht wirklich schlecht“ und ist daher ein Tipp für zukünftige Bestsellerlisten-Leser. Warum wohl wird solch durchschnittliche Jugendliteratur in Frankreich mehrfach ausgezeichnet?
Mikaël Ollivier: „blutsbrüder“ Gebunden; 256 S. Ravensburger Buchverlag; Euro 14,95 ISBN 978-3473352197
Wenn Auschwitz unabwendbar ist: Ein beeindruckendes Jugendbuch über den Wert des Lebens Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten von Ada Bieber
Die niederländisch-österreichische Autorin Rachel van Kooij stellt der Geschichte Lenys ein Vorwort voran, das nicht nur ein persönliches Interesse an Lenys Schicksal deutlich macht, sondern auch die Ermordung Lenys durch die Nationalsozialisten vorausschickt. Van Kooij gibt in diesem Vorwort an, als Kind Lenys Kartenalbum auf dem Speicher ihrer Großmutter im niederländischen Breda gefunden zu haben. Auf die Frage, wem dieses Album gehöre, habe sie lediglich die verstörende Antwort erhalten: „Dieses Kartenalbum gehörte Leny. Leny war eine Freundin, und sie wurde ermordet.“ (S. 5) Der Leser darf also von Beginn an nicht auf eine Rettung des Mädchens oder ihrer Familie hoffen. So liegt die Motivation zur Geschichte nicht im Erzählen eines Happy Ende, sondern im Nachspüren, im fiktionalisierten Rekonstruieren und im Verstehen eines jüdischen Kinderschicksals. Aber nicht nur das Vorwort spricht das Schicksal des kleinen Mädchens direkt an. Ein vorausgeschicktes Gedicht mit dem Titel „Das Ende“, das einer Todesanzeige gleich Tag, Jahr und Ort der Ermordung nennt, zeigt ganz unverstellt die Vergasung und Verbrennung aller Opfer Auschwitz-Birkenaus. Rachel van Kooij zeigt mit diesem nur schwer zu ertragenen Gedicht, dass es sehr wohl eine Sprache für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus gibt, noch dazu eine, die Jugendlichen einen Zugang zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen der europäischen Juden ermöglichen kann. Schließlich geht auch das Kapitel „Die letzten Minuten“ am Romananfang auf die Ermordung Lenys ein. Auch dieses Kapitel ist harter Lesestoff, schildert es doch in der vordergründig naiv-einfachen Sprache Lenys die Ankunft in Auschwitz und das umgehende Einpferchen der Menschen in der Gaskammer. Durch diese Sprache wird konsequent die Kindperspektive beibehalten. Sie macht deutlich, dass Leny trotz aller Demütigungen und Schicksalsschläge der letzten Jahre in diesen letzten Lebensminuten ihren Tod nicht vor Augen hat. Das Ende wird visuell durch eine Zeitleiste am Seitenrand verdeutlich. Diese Zeitleiste zieht sich durch das Buch und markiert die gesamte erzählte Zeit von 1929 bis 1942. Das jeweils thematisierte Jahr ist fett gedruckt, sodass im ersten Kapitel das Todesjahr 1942 den unausweichlichen Tod bestätigt. Das zweite Kapitel springt dann ins Jahr 1929 und erzählt von der Geburt Lenys, von ihren Eltern und deren Hoffnungen, der Tochter eine „wunderbare Zukunft“ (S. 11) geben zu können. Die dann chronologisch folgenden fragmentarischen Einblicke in sehr unterschiedliche Lebensstationen und Erlebnisse Lenys werden immer dann besonders drückend, wenn individuelle Wünsche und persönliche Träume mit der historischen Realität kontrastieren und der Leser nicht nur um das Ausmaß des Holocaust, sondern auch um das grauenhafte Schicksal der kindlichen Hauptfigur weiß. Die Vergangenheit der Mutter als Lehrerin in Indonesien und die gelingenden Fluchten mehrerer Verwandter ins Ausland lassen für Jugendliche das Schicksal der Familie doppelt schrecklich erscheinen, wird dem Leser doch stets vor Augen geführt, dass diese Menschen anderenorts und unter anderen Lebensentscheidungen tatsächlich ihr Leben hätten retten können. Insofern liest sich auch der scheinbar unerschütterliche Glaube der Familie Goldstein an den letztendlichen Sieg der Menschlichkeit besonders dramatisch. Nicht selten nimmt sich die ja historisch vielfach verbürgte duldsame Haltung der Eltern gegenüber verachtender Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung vor der historischen Folie gerade für jugendliche Leserinnen und Leser als besonders irritierend aus. Doch wird im Zusammenspiel mit der Anlage der Figuren gerade dadurch ein Verstehen und ein Miterleben ermöglicht, das Jugendlichen eine intensive literarische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eröffnet. Dadurch, dass die Geschichte nicht im nationalsozialistischen Deutschland, sondern in den besetzten Niederlanden spielt, können deutsche Jugendliche andere, für sie zumeist neue Perspektiven entwickeln und erkennen, dass der Holocaust in ganz Europa und eben nicht nur in Deutschland gewütet hat.
Rachel van Kooij: Eine Handvoll Karten Jungbrunnen Verlag 2010 270 S., € 16,90 ISBN 978-3-7026-5817-5
Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“ Von Julia Schneider
So auch, als Jenny, die Schauspielerin, die Hauptrolle in einem Theaterstück bekommt, bei dem ein sehr überhebliches Hollywood-Starlet mitspielt, die durch Zufall Jennys ehemalige Klassenkameradin ist. Natürlich ist Jenny am Ende der von Hollywood gefeierte Star und wird von Reportern belagert. Auch Krähe, die Designerin, wird beschuldigt, dass ihre Kollektion durch Kinderarbeit hergestellt worden sei. Prompt sitzen die Freundinnen (ohne Jenny, die noch probt) in einem Flieger nach Indien, um mehr über die Gerüchte herauszubekommen. Sophia Bennett hat mit „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“ ein Buch geschaffen, das man immer wieder gerne liest und das, obwohl es schon der zweite Band über die Geschichten von Nonie, Krähe, Jenny und Edie ist, völlig eigenständig ist. Die jugendliche Leserin fühlt mit jedem einzelnen Mädchen mit. Und das, selbst wenn manches ab und zu ein bisschen unwirklich daherkommt. Teenager meets Teeanger - gelungen! (Ab 12)
Sophia Bennett: „Wie Marshmallows mit Seidenglitzer“ Aus dem Englischen von Sophie Zeitz Chicken House 2011 320 Seiten, Euro 14,95 ISBN 978-3-551-52024-1
Oscar Hijuelos: „Runaway“ Von Ada Bieber
Mit „Runaway“ (engl. „Dark Duke“) debutiert Oscar Hijuelos in der Sparte Jugendbuch; bisher schrieb er nur für ein erwachsenes Publikum. In dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Band wird von Rico erzählt, der in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das harte Leben im New Yorker Stadtteil Harlem zu spüren bekommt und der dann seinem Freund Gilberto nach Wisconsin folgt. Rico stammt aus einer kubanischen Einwandererfamilie, doch es fällt ihm schwer, sich auf seine südamerikanische Herkunft zu besinnen. Nicht nur, dass er sich mit der spanischen Sprache schwertut, zu allem Überfluss sieht er äußerlich auch kaum wie ein Kubaner aus. Im wahrsten Sinn des Wortes ist Rico eine transkulturelle Figur, die jedoch diese Anlagen nicht zu nutzen weiß und in der Schule, in der Familie und im Alltag ständig zwischen den Stühlen steht. Als der Vater Rico auf eine Militärschule schicken will, macht sich Rico mit seinem heroinabhängigen Freund Jimmy auf den Weg in den Mittleren Westen. Mit dieser Reise beginnt allerdings auch das grundlegende Problem des Romans. Denn weder die Reise noch das Leben auf der Farm in Wisconsin werden dazu genutzt, Rico und die anderen Figuren sowie deren Entwicklungen lebendig und spannend zu erzählen. Im Laufe des Romans werden zwar eine Menge Themen und Probleme aufgegriffen – wie beispielsweise die Drogensucht Jimmys, die gesellschaftlichen Phänomene der 1960er Jahre, Kunst- und Bildungsdiskurse und nicht zuletzt die erste Liebe und das Phänomen der Transkulturalität –, doch keines dieser Themen wird wirklich vertiefend dargestellt. So wirken am Ende des Romans alle Figuren blass und seltsam abwesend. Teilweise muten sie sogar unglaubwürdig an, wenn beispielsweise Jimmy aufgrund einer nur flüchtig dargestellten Liebe mir nichts, dir nichts sein Heroinproblem in den Griff bekommt oder Rico am Romanende eine übersteigerte Sehnsucht nach seiner problembeladenen Familie entwickelt, ohne wirklich eigene Zukunftsperspektiven entworfen zu haben. Man könnte sogar sagen, dass Rico träge und inkonsequent scheint, denn trotz seiner Entwicklungszeit in Wisconsin kommt er seiner eigenen Identität nicht wirklich auf die Spur. Nichtsdestotrotz entwickelt der Roman in vielen Kapiteln eine eigene, ruhige Atmosphäre, die vor allem die Perspektivlosigkeit und Unsicherheit der jungen Protagonisten hervorhebt. Möglicherweise liegt gerade in diesem ergebnislosen Treiben das zentrale Merkmal dieses Jugendromans. Er sei daher all jenen Lesern ans Herz gelegt, die weder Helden noch Erfolgsstorys suchen, sondern ausreichend Muße für einen ungewöhnlichen Entwicklungsroman mitbringen! (Ab 13)
Oscar Hijuelos: „Runaway“ Aus dem Amerikanischen von Günter Ohnemus S. Fischer Verlag 2010 350 S., € 19,95 ISBN 978-3-596-85382-3
„Hab ich genug geschrien?“ Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“ Von Iris Kersten
Auch erfährt man so einiges über Ungarn. Der Leser wird zum Beispiel in die ungarischen Gepflogenheiten eingeweiht, wie man einen Kindergeburtstag arrangiert (Virágs elften Geburtstag feiern die Kinder ganz nach ungarischer Tradition) und er erfährt, wie es ist, eine Nagyi (eine Oma) in Budapest zu haben, nach der man eine unendliche Sehnsucht verspürt. Aber es ist nicht nur die Sehnsucht nach der Großmutter und der ungarischen Sprache (in der Virág ihre Gefühle übrigens viel besser ausdrücken kann als auf Deutsch) – es ist vielmehr eine einzige große Sehnsucht, die Sehnsucht nach einer heilen Welt und einem heilen Zuhause. Andreas Schendels Sprache besteht aus kurzen, aber durchaus poetischen Sätzen, die rhythmisch und fließend zu lesen sind. Der Gebrauch des Ungarischen tut dem Lesefluss keinen Abbruch; im Gegenteil hat man dadurch das Gefühl, Virág noch näher zu sein. „Virág ist traurig und froh und hat die liebe alte Stimme der Nagyi noch in den Ohren (würde sie am liebsten verstopfen, damit der Klang der Stimme drinbleibt).“ Das Buch ist so hervorragend geschrieben, dass der Leser sich wirklich in Virág hineinversetzen kann, mit ihr mitfühlen kann. Es ist eine langsame und leise Geschichte, teilweise mutet sie sogar philosophisch an: „Virág spürt, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Oder vielleicht stimmt sie auch – und nur die Welt um sie herum stimmt nicht.“ oder „Sie würde echt am liebsten wissen, ob das Leben für alle Leute so schwierig ist? Oder ob es besser wird, wenn man erwachsen ist? […] Wenn das Leben für alle schwierig wäre, wäre man weniger allein.“ Das Ende ist offen (alles andere wäre auch unrealistisch): „Sie ahnt [], dass es noch dauern wird mit dem Gesundwerden, dass es noch Zeit braucht.“ Schön aufgemacht ist das Buch durch ein künstlerisches Polaroidfoto von Anne-Theresa Wittmann zu Anfang eines jeden Kapitels. Die Fotos stellen verschiedene Augenblicke aus Virágs Leben dar. Warum ausgerechnet Polaroids? Virág hätte gerne eine Polaroidkamera gehabt. Ihr gefällt es, wie nach jeder Aufnahme das „Bildkind“ aus der Kamera kommt. Man bekommt direkt Lust, den digitalen Fotoapparat zur Seite zu legen, um sich selbst an einer Polaroid zu versuchen. Literatur für Jung und Alt, ab 12 Jahren
Andreas Schendel: „Virág oder Wenn die Welt verrutscht“ Berlin Verlag 2010 128 Seiten, 12,00 Euro ISBN-13: 978-3827053831
Für Meeresfans! Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“ Von Anne Spitzner
Schauplatz ist zu Beginn der Grund der Tiefsee. Hier leben Leon, ein Taucher, der den Boden der Tiefsee nach Mangan und anderen wertvollen Rohstoffen absucht, seine Kollegen - und seine achtarmige Partnerin Lucy. Leon liebt das Leben unter Wasser, die Dunkelheit und das schwerelose Schwimmen. Für seine Zukunft kann er sich nichts Schöneres vorstellen, als auf der Tauchstation „Benthos II“ zu bleiben. Doch als ein Tauchgang für Leon beinahe tödlich endet und die Menschen auf der Benthos II anschließend beginnen, sich merkwürdig zu verhalten, begreift er, dass sein Leben nicht so weitergehen kann wie bisher. Die gesamte Tiefsee scheint in Gefahr zu sein. Die Faszination von „Ruf der Tiefe“ ist durch einen großen Teil dadurch bedingt, dass die meisten der technischen Errungenschaften sich tatsächlich schon heute abzeichnen. Dass Leon beispielsweise Flüssigkeit atmet, um durch den gewaltigen Druck in der Tiefsee nicht zerquetscht zu werden, wird heute schon erforscht. Und auch die Zerstörungen, die gierige Menschen in der Tiefsee anrichten, sind – leider – nicht der Phantasie der Autoren entsprungen. „Ruf der Tiefe“ packt den Leser von der ersten Seite an. Man taucht mit Leon und seiner Krake Lucy durch die Weiten der Tiefsee, sieht die Welt durch ihre Augen, man ist hautnah dabei, wenn Leon im Wasser, das keinen Sauerstoff mehr enthält, beinahe erstickt, und erlebt, wie es ist, wie eine Welt, die man für die einzig wahre gehalten hat, um einen herum in Stücke bricht. Doch Leon, der eigentlich ein schüchterner Junge war, wächst in dieser Situation über sich hinaus, weil er weiß, dass es an ihm ist, seine Welt zu beschützen. Besonders die Krake Lucy, der wichtigste Bestandteil von Lucys Welt, wächst einem mit jeder Seite mehr ans Herz. Lucy ist zusätzlich zur ohnehin nicht geringen Intelligenz von Kopffüßern genetisch manipuliert, und Leon kann über seine Gedanken mit ihr kommunizieren. Zwar versteht Leon meistens, was sie meint, doch manchmal hat er Schwierigkeiten, und die beiden haben auch viele ganz eigene Worte, die nur sie beide verstehen. Lucy steht Leon mit allen acht Armen zur Seite, als es hart auf hart kommt. „Ruf der Tiefe“ ist also ein großartiges und spannendes Lesevergnügen für jugendliche (und größere) Leser. Leider sind die Ideen allerdings teilweise besser als deren schriftliche Umsetzung, und an manchen Passagen rutscht der Stil ein klein wenig ins Klischeehafte ab. Dass ich der Meinung bin, nicht jeder Jugendroman müsse auch eine Liebesgeschichte enthalten, sei hier nur am Rande erwähnt. Doch dies sind nur winzig kleine Minuspunkte. Ingesamt erhält „Ruf der Tiefe“ ein sehr, sehr großes Plus – ein absoluter Spaß und ein Muss für jeden Meeresfan! (Ab 14)
Hans- Peter Ziemek und Katja Brandis: „Der Ruf der Tiefe“ Beltz Verlag 2011 414 S., Euro 16,95 ISBN 978-3407810823
Thrillerqualitäten. Auf Russland und seine Revolution angewendet Marcus Sedgwick: „Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“ Von Susan Müller
So faszinierend das fremde Land für sich ist, muss Ransome doch am eigenen Leib erfahren, wie man zwischen die Fronten gerät. Er soll für die „Daily News“ schreiben, stellt sich aber weder auf die Seite der Bolschewiken noch auf die der Weißgardisten im gespaltenen Staat. Er schließt hier wie da Freundschaften, und als er Robert Lockhart kennenlernt, der als Agent fungiert, hält man auch ihn streckenweise für einen Spion. Diese Meinung verhärtet sich, als er Trotzkis Sekretärin kennen- und lieben lernt. Ist das jetzt nur Tarnung, um an Informationen über die Leninsche Regierung heranzukommen? Arthur hat auch Helfer, die es ihm ermöglichen, gewisse Privilegien zu genießen. Nicht nur einmal entrinnt er Gefahren, aber er kann durch seine Art auch Freunden aus brenzligen Situationen heraushelfen. Er lässt sich durch niemanden auf irgendeine Seite ziehen und lehnt in letzter Sekunde die Spitzeltätigkeit für Lockhart ab. Es gelingt ihm trotz allem ein Triumph, er kann mit seiner Geliebten Russland verlassen. Eine gefährliche Reise über Estland, deren Einzelheiten den Begriff Abenteuer weit untertreiben, aber dem Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse gestatten. Marcus Sedgwick versteht es sehr geschickt, Geschichte der historischen Art und (eine) Geschichte in Form des Märchens zu vereinen. Er belegt Tatsachen mit Hilfe von Belegen aus Archiven (siehe Buchanhang) und kann dem Leser die historischen Zusammenhänge verständlich machen. Die Spannung des Buches wächst mit jeder Seite und fesselt den Leser. Dieser sollte auf jeden Fall seine Erfahrung mit dem Buch und dessen Details selbst machen. Mit den historischen Hintergründen auch - sollte das Interesse für die russische Revolutionsgeschichte geweckt worden sein durch dieses Buch, kann man sich genauer, wahrheitsgetreuer, weniger romanhaft damit noch einmal genauer auseinandersetzen. Der Brite Marcus Sedgwick, Jahrgang 1968 und bekannter Jugendbuchautor mit Hang zum Gruselbuch, hat Mut bewiesen, sein Buch in dieses komplexen Thema einzubetten. Es gelingt ihm besser als denen, die in Deutschland (dort nehmen sich allerdings ältere Autoren dem an) da ihr Glück versuchen, ist aber doch auf das britische Jugendbuchpublikum mit seinem sehr spezifizierten Geschichtswissen ausgerichtet. Kein Russlandkenner, kein Dostojewski-Interpret. Die Thrillerqualitäten überwiegen. Ein John le Carré und sein Spion, der aus der Kälte kam? Ja! So sollte Marcus Sedgwick, eines dieser Kinder des Kalten Krieges, gelesen werden. (Ab 12)
Marcus Sedgwick: „Weiß wie Schnee, Rot wie Blut“ Aus dem Englischen von Renate Weitbrecht dtv 2009 368 S., Euro 9,95 ISBN: 978-3423623933
Ob das Wichtigste wirklich die Suche nach ihrem Vater ist? Edgar Rai: Salto rückwärts Von Sarah Wittenberg
Die Protagonistin Frieda macht sich spontan auf eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln. Einen Tag vor ihrem 14. Geburtstag erfährt Frieda, dass ihre Mutter bei einer Modenschau in Paris gebraucht wird. Anstatt die kommenden drei Tage trostlos mit ihrem Kater Goodbye vor dem Fernseher zu liegen oder Schwarzwälder Kirschtorte mit der ungeliebten Tante zu essen, nimmt Frieda den Nachtzug von München nach Berlin. Ihr Ziel: Ihren Vater finden. Der Weg: Noch unbekannt. Denn von besagtem Vater weiß sie nur, dass er Carlos Simon heißt und vor 14 Jahren mit seiner Band in München gespielt hat, wo Friedas Mutter eine Nacht mit ihm verbrachte. In Berlin angekommen, beginnt Frieda alle mit Namen C. Simon, die sie im Telefonbuch finden kann, abzuklappern, aber sie hat kein Glück. Unter all den schrägen Gestalten, die sie in Berlin trifft, will keiner ihr Vater sein. Als Frieda nicht mehr weiter weiß und schon aufgeben will, kommt plötzlich eine Wende.. Sie lernt Nelly kennen, ein patziges Mädchen mit grünen Haaren und (noch viel wichtiger) deren Kumpel Jonas. Auf einmal ist Frieda sich gar nicht mehr sicher, ob das Wichtigste in Berlin ihr unbekannter Vater ist. Friedas Geschichte ist sehr spannend geschrieben und wirkt nie aufgesetzt oder übertrieben. Man fiebert mit ihr, leidet bei jedem Fehlschlag und bangt um sie, wenn sie nachts auf einer einsamen Parkbank einschläft. Die Figuren der Geschichte sind authentisch aus dem Leben gegriffen, und obgleich ab einer bestimmten Stelle des Buches leise Hoffnungen geweckt werden, bleibt es bis zur letzten Seite spannend, ob und wo Frieda ihren Vater tatsächlich finden wird.
Edgar Rai: "Salto rückwärts" dtv 2009 240 S., Euro 6.95 ISBN 978-3423782401
„Kafkas Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“ Von Iris Kersten
„Was schreibst du denn da die ganze Zeit?“, fragte mich heute morgen mein vierjähriger Sohn. Ich habe es ihm so erklärt: „Ich schreibe über ein Buch, in dem ein Mädchen seine Puppe verloren hat. Aber dann kommt ein netter Mann. Der heißt Kafka. Und Kafka sagt dem Mädchen, dass es nicht mehr traurig sein solle. Die Puppe sei nur auf Reisen gegangen und sie werde dem Mädchen Briefe schreiben. Weil jetzt der Mann die Briefe überbringen muss, treffen sich Kafka und das Mädchen jeden Tag und werden Freunde.“ Und ich habe meinem Sohn gesagt, dass ich auch schreiben werde, dass es ein sehr schönes Buch ist und dass alle Leute es lesen sollen. Das war die Kurzfassung.
Kafka steht für das Kafkaeske, aber kafkaesk ist dieser Roman für Jugendliche und Erwachsene ganz und gar nicht. Steht dieses Wort doch für das Undurchschaubare und Geheimnisvolle, das Unheimliche und Bedrohliche. Dieses Werk ist genau das Gegenteil. Auf geradezu poetische Weise beschreibt der Kafkaexperte Gerd Schneider eine Begegnung zwischen dem Schriftsteller Franz Kafka und einer siebenjährigen Waise, die ihre Puppe verloren hat. Schneider verknüpft Fiktionen mit Kafkas Werken, seiner Biografie und historischen Fakten der Zwanziger Jahre. Er beschreibt die letzten Wochen Kafkas in Berlin, bevor er in ein Sanatorium bei Wien gebracht wird, wo er am 3. Juni 1924 stirbt. Der seinerzeit vierzigjährige Autor trifft die weinende Lena 1923 in Berlin im Steglitzer Park. Er spricht das Mädchen an. Lena erklärt den Grund ihrer Trauer und schildert das Aussehen der verlorenen Puppe. Kafka reagiert spontan: „Dann habe ich sie gesehen, deine Puppe [...] Sie kam mir entgegen.[...] Ich glaube, sie wollte schreiben.“ Die folgenden Briefe, die Kafka Lena nun täglich überreicht, überzeugen das zuerst skeptische Mädchen, dass es ihrer Puppe gut geht. Die Briefe helfen Lena, ihren Verlust zu überwinden. Der Briefeschreiber und -überbringer lässt die Puppe zum Leben erwachen und auf Reisen gehen. Er gibt ihr einen Namen: Mira. Auf ihrer Puppenreise fliegt Mira mit einem Heißluftballon, unterhält sich mit Luftgeistern und trifft auf ungewöhnliche Gestalten wie zum Beispiel Don Quijote, den Menschenaffen Rotpeter und sieben singende Wölfe. Bei der Aufzählung der Reiseabenteuer wird der Kafkaliebhaber aufhorchen. Findet er hier doch die Verknüpfung zu Kafkas Werken. Schneider flicht die Motive aus den Erzählungen Kafkas sowohl in die Puppenreise als auch in die Beschreibungen von Kafkas Lebensumfeld ein. Kafka selbst stellt er als kinderliebenden, bis zum Lebensende positiven, sogar fröhlichen Menschen dar und nimmt damit dem Autor die geheimnisvolle und rätselhafte Aura. Der Leser erfährt, wie Kafka – endlich dem väterlichen Haus in Prag entkommen – in ärmlichen Verhältnissen, von der Hauswirtin beäugt, mit seiner Lebensgefährtin Dora in Berlin lebt. Es wird auch auf seine tiefe Verbundenheit zu seiner Schwester Ottla hingewiesen. Der Roman liefert keine tiefenpsychologischen Details, trotzdem werden Kafkas Kinderjahre und das schwierige Verhältnis zu seinen Elten angeschnitten, ebenso wie sein Unwohlsein über das Unverständnis, das die damaligen Leser seinen Texten entgegenbrachten. Den Autor und das Mädchen verbindet eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit: Kafka kann es kaum erwarten, Lena die Neuigkeiten von der Puppenreise zu überbringen. Es ist, als wenn die Begegnungen mit dem Mädchen dem todkranken Schriftsteller neues Leben einhauchten. Lena wartet täglich auf einen weiteren Brief von ihrer Mira. An jedem ihrer Abenteuer wächst die Puppe. Und mit ihr wächst auch Lena. Mira findet während ihrer Reise eine Familie, bei der sie eine Zeit lang bleibt. Weil aber die Puppe ihre Liebe zum Zirkus entdeckt, verlässt sie ihre neuen Eltern wieder. Sie wird die Seiltänzserchule besuchen und keine Zeit mehr zum Schreiben haben. So hat Kafka die Welt für das Mädchen wieder in Ordnung gebracht. „Sei nicht traurig. Ich habe dich ganz lieb, Lena.“ Damit enden die Briefe. Letztendlich nimmt das Leben des Mädchens selbst einen ähnlichen Verlauf wie die Entwicklung der Puppe. Auch die Waise Lena bekommt schließlich Eltern. Und sie darf die Zirkusschule besuchen. Sie ist für die Kunst auf dem Seil wie geschaffen. Zehn Jahre lebt sie bei ihren Eltern, dann kommen diese bei einem Autounfall ums Leben. Lena bleibt beim Zirkus und wird – wie Mira – zur Königin der Lüfte. Sie nennt sich Lenotschka. Der Leser kommt dem Ende näher. Noch vierzehneinhalb Seiten bis zum Schluss. Das Ende Kafkas und das der Puppenreise sind zu erwarten. Der Schluss des Romans trifft den ahnungslosen Leser wie ein Schlag: Er findet zwanzig Jahre später in Theresienstadt im Konzentrationslager statt. Hier schließt sich der Kreis, als Lenotschka ihre Puppe Mira in den Armen eines Kindes entdeckt. Das Kind ist in Begleitung einer Frau, deren Augen Lena an die Augen Kafkas erinnern. Es ist Ottla, Kafkas Schwester. In einem Nachwort erwähnt Schneider alle zitierten oder angesprochenen Werke Kafkas. Auch gibt er weitere Hintergrundinformationen zu Kafkas Leben, zur Suche nach den Puppenbriefen, die es tatsächlich gegeben hat und zur politischen Situation Deutschlands. Er ist davon überzeugt, dass Kafka durch seinen Tod dem Holocaust, dem die ganze Familie und auch Dora zum Opfer gefallen sind, entgangen ist. Hat sich wenigstens Lena aus den Klauen der Nazis retten können? Das soll ein Geheimnis bleiben. Was bleibt, ist eine große Tristesse und ein Hauch von Kafka. Es lässt den Leser auf der Suche nach Kafkas Werken zum Bücherschrank (oder in die Buchhandlung) stürzen, um die Erzählungen mit den von Schneider gegebenen Hintergrundinformationen entweder kennenzulernen oder um sie wieder und dabei neu zu entdecken.
Gerd Schneider: Kafkas Puppe 224 Seiten, Euro 6.50 Arena 2009 ISBN 978-3-401-50148-2
(für Jugendliche ab ca.13 Jahren, die Lust haben, Kafka kennenzulernen; aber auch für Erwachsene, die sich Kafka (wieder)erlesen wollen)
Die Rezensentin lebt als Autorin und Kinderbuchautorin in Brüssel. Sie leitet zudem Workshops für Kinder für Kreatives Schreiben.
Selbstzerstörung, lustig Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte Von Jan Fischer
Azuma befasst sich in seinem autobiographischen Comic mit der dunklen Seite der Mangaindustrie: Millionen Seiten der japanischen Comics werden Tag für Tag gezeichnet, aus erfolgreichen Zeichnern wird dabei gnadenlos Comicseite um Comicseite herausgemolken. Azuma weiß, wovon er zeichnet: Seit 70er Jahren bis zu seinem Leben als Aussteiger war er selbst ein Teil dieser Industrie, hauptsächlich gefragt wegen seiner leichtekleideten Frauenfiguren, nicht so sehr seiner erzählerischen Ambitionen wegen. „Der Ausreißer“ ist ein Comic, der nicht nur die die menschlichen Tiefen eines einzelnen Mangazeichners zeigt, sondern das Bild einer Kunstform zeichnet, die ungeschützt einem gnadenlosen kommerziellen Druck ausgeliefert ist. Dabei klagt Azuma nicht an: Er weiß, dass er gegen das System nicht ankommen kann, und letztendlich hat er sich seine Arbeit ja auch ausgesucht. Selbst in seinem Ausstieg, als Bauarbeiter, nimmt er noch einmal an einem Mangezeichenwettbwerb teil, den er auch prompt gewinnt. Azuma klagt nicht an, er zeichnet nur auf, und übernimmt die volle Verantwortung für alles, was ihm passiert. Er erzählt seine Geschichte in unaufgeregten Bildern, mit verniedlichten, rundköpfigen Figuren. Was da passiert, ist nie tragisch, Azuma wälzt sich nicht in Selbstmitleid, sondern erweist sich als einer, der die komischen Momente seines Aussteigerdaseins hervorkehrt. Und er hat Recht damit: Zuviel Realismus, und die Geschichte verkäme zu einem einzigen Wust aus Alkoholikerselbstmitleid. Mit „Der Ausreißer“ stellt sich Azuma würdig in die Tradition großer Mangaautobiographien wie Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“, aber wo Nakazawa die Tragik hervorkehrt, versteckt Azuma sie hinter seinem Witz. Ernst zu nehmen ist er trotzdem.
Hideo Azuma: „Der Ausreißer“ Schreiber & Leser 192 S., Euro 14,95 ISBN 978-3-937102-70-2
Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)
Der dunkle Punkt des Unfalls Jiro Taniguchis „Bis in den Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück. Von Jan Fischer
Solche mysteriösen Verjüngungen sind vertrautes Terrain für Jiro Taniguchi: In dem in Deutschland 2007 erschienenen Band „Vertraute Fremde“ macht ein Mann nur einen kurzen Umweg über seinen Heimatort, und ist plötzlich 30 Jahre jünger. Aber wenigstens ist er noch er selbst. In „Bis in den Himmel“ stecken zwei unterschiedliche Menschen in einem Körper, und es ist schnell klar: Obwohl sich zwischen Takuya und Kubota eine seltsame Art der Freundschaft entwickelt, ist offenkundig: Einer muss gehen. Kubota sieht ein, dass er tot sein müsste, und nachdem er sich von einer Frau und seinen Kindern verabschiedet hat, ist er es, der geht. Taniguchi erzählt langsam, ganz behutsam tastet er sich durch die Innenwelten seiner Protagonisten, nicht, als erlebten sie gerade eine mysteriöse Körpertauschgeschichte, eher so, als wäre seine Geschichte ein Autorenfilm. Dass zwei Geister irgendwie in einen Körper gezaubert wurden? Ist halt so. Damit hält er sich nicht weiter auf. Interessanter ist, wie die Witwe des Verstorbenen mit der Trauer klarkommt. Wie Takuyas Freundin und seine Eltern damit umgehen, dass im Körper ihres Sohnes und Freundes ein Vierzigjähriger zur Untermiete wohnt. Oder was genau eigentlich den Unfall verursacht hat. Denn eigentlich ist es das, worum die Protagonisten in „Bis in den Himmel“ die ganze Zeit rotieren: Den dunklen Punkt des Unfalls. Was ist passiert? Warum? Erst, als das geklärt sich, kann Kubota sich verabschieden. Taniguchi hat sich einen seltsamen stilistischen Hybriden gezüchtet: Seine Handlung, Bildführung und sein Personal hat er aus dem Manga, trotzdem stehen seinen präzisen, schattenlosen Linienwelten klar erkennbar in der belgofranzösischen Comictradion. Die Hintergründe sind gleichzeitig präzise und scheinen ständig im Nebel zu verschwinden, die Figuren, die er davor setzt, sind mit starkem Stift gezeichnet und stechen hervor, als wären sie das einzig Reale, das einzige, was sich nicht ständig verflüchtigt. Taniguchi ist einer der Mangaautoren, derjenigen Zeichner, die sich eine Namensnennung auf den Umschlägen ihrer Alben erkämpft haben und die sich in anderen, ernsteren Welten bewegen als Manga-Fastfood à la Dragon Ball, noch mehr: er ist einer der Mangaautoren, deren Alben zumindest teilweise auch in Europa, vor allem in Deutschland zu bekommen und einigermaßen erfolgreich sind und dank seiner europäischen Teile das Mangabild, das hierzulande immer noch herrscht – bunt, action, dumm – langsam, Stück für Stück umkrempeln.
Jiro Taniguchi: "Bis in den Himmel" Schreiber und Leser 2009 302 S., Euro 16,95 ISBN 3941239104
Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein kurzer Überblick von innen" erschienen. (ISBN 978-3-938531-60-0)
Gefühlschaos Sara Zarr: “Long-lost friend” Von Susan Müller
Alles scheint gut, beliebt bei der Clique mit einem festen Freund, Ethan, bis Cameron wie aus dem Nichts wieder auftaucht. Fast augenblicklich ist die Vergangenheit zurück. Jenna ist nicht mehr sie selbst oder wer sie in letzter Zeit zu sein glaubte. Cameron will nicht wirklich in die Clique integriert werden, die Jenna ihm als ihre Freunde vorstellt. Auch spricht sie nicht im Detail an, wie gut sich die beiden kennen, nur das sie dies tun. Cameron wird von den Mädels angehimmelt, nur lässt das ihn zu deren Leidwesen kalt. Ethan wiederum überwacht die erstaunliche Vertrautheit der beiden mit Argwohn, bis Jenna klar wird, dass sie ihn nicht liebt und sich von ihm trennt. Sie kehrt mit Cameron noch mal in ihrer beider alten Wohnort zurück, aber ohne wirklichen Erfolg. Doch dann erfährt Jennas Mutter eines Tages von Camerons Rückkehr und er bei Vaughns wohnen soll. Aber er ist und bleibt rastlos. Sein Wunsch, Jenna wiederzusehen, ist erfüllt und nun will er seinen Geschwistern ein liebevolles Zuhause geben, denn seine Mutter hat sich vom Vater noch immer nicht dauerhaft getrennt. Bevor er geht, gesteht ihm Jenna in der Nacht ihre Liebe, in der Hoffnung, dass der Schlafende sie nicht hört. Am nächsten Morgen ist er weg und Jenna bleibt erneut zurück, mit dem Wissen darum, wie sich offenbar die einzig wahre Liebe anfühlt. Bedingungslos, ungeachtet von Entfernungen und scheinbar lebenslang. Ein tolles Buch ohne greifbares Happyend, aber verständlichen Emotionen, nachvollziehbarem inneren Gefühlschaos und letztlich die Erkenntnis, nicht alles läuft im Leben wie gewünscht. Sara Zarr hat klasse Arbeit geleistet. (Ab 13)
Sara Zarr: “Long-lost friend” Aus dem Englischen von Eva Riekert 272 S., Euro 8,95 dtv junior 2009 ISBN 978-3423713696
Berauschend! Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“ Von Anne Möller
Doch was nur schleppend und langsam beginnt, entpuppt sich als kleines Meisterstück. Auf inhaltliche Überraschungen kann man verzichten angesichts der literarischen Finesse und der liebevollen Erzählweise. Jedes Kapitel aus Lilys Geschichte beginnt mit einer kleinen Lebensweisheit, keiner grundlegend neuen, und sie sind das Salz in der erzählerischen Suppe auf der kleinen Zugfahrt zu Lilys Glück. Wie Momentaufnahmen - als würde man während einer Zugfahrt nur alle paar Stunden aus dem Fenster schauen - werden uns Fragmente aus Lilys Geschichte vor die Füße geworfen, die nie zu wenig, aber auch bei weiten nicht genug verraten. Diese Liebesgeschichte von Véronique M. Le Normand, französische Journalistin und Autorin, ist 2006 in Frankreich erschienen. Sie geht deutschen Lesern genauso nah wie allen anderen. Allerdings: Sie müssen dieses Buch wirklich lesen wollen, es baut zu Beginn der Lektüre Hürden auf: Man bekommt kaum Zeit, die Charaktere richtig kennenzulernen; und genau daraus speist sich später wird die besondere Qualität von "Lily und die Liebe". Gerade durch kurze Sequenzen, die uns nie ein ganzes Bild des Geschehens gibt, fühlt man sich nach dem Lesen wie nach einer Fahrt auf der Achterbahn. Vollkommen berauscht von den so plötzlichen auftretenden Bildern! (Ab 15)
Véronique M. Le Normand: „Lily und die Liebe“ dtv 2009 96 S., Euro 5,95 ISBN: 978-3-423-78228-9
Viele verschiedene Arten der Liebe Jenny Valentine:"Wer ist Violet Park?" Von Susan Müller
Sein Vater verschwand einfach so und ließ
die Mutter mit drei Kindern allein, das letztgeborene kannte diesen nicht
einmal. Die Mutter leidet und gibt unbewusst den Kindern die Schuld,
dass ihr Mann das Weite gesucht hat, nur ist nicht einmal klar, ob er
tot ist oder sich einfach nur abgesetzt hat. Und er „ermittelt“ außerdem, dass Violet einen Sohn in ihrem Testament angibt, den sie nie hatte. Er zählt eins und eins zusammen und ist sich ziemlich sicher, der erfundene Sohn ist sein Vater und das Erbe ist Belohnung für dessen Dienste und war Startkapital für ein neues Leben, damit er aus seinem alten, ungeliebten ausbrechen konnte. Lucas schreibt ihm einen Brief…. Das ist das Ende des Romans und jetzt obliegt es uns, inwiefern wir unserer Phantasie freien Lauf lassen, ob er ihm wiederbegegnen wird. Ein tolles Werk über Erfindungsreichtum, Phantasie und ernste Gedanken eines Jungen, der seinen Vater unterschwellig derart vermisst, dass er ihn mit dessen Sachen zu imitieren versucht oder Dinge tut, die die Mutter sehr an ihren Mann erinnern und sie verletzen. Es zeigt uns aber auch, wie ein selbstgeschaffenes idyllisches Bild des Vaters langsam verblasst, das Verständnis der Mutter gegenüber größer wird. Und es zeigt uns, auf wie viel verschiedene Arten man Liebe ausdrücken kann. (Ab 13)
Jenny Valentine „Wer ist Violet Park?“ dtv 2009 208 S., Euro 8,95 ISBN: 978-3423623926
Der Kampf des alltäglichen Überlebens "Worüber keiner spricht" von Alan Stratton Von Susan Müller
Die Mutter hat ihre Familie gegen sich aufgebracht, als sie Chandas Vater heiratete und nicht den für sie vorgesehenen Mann. Die anderen Geschwister haben einen anderen Vater als Chanda; sie ist Halbwaise. Saras Vater wohnt mit der Familie unter einem Dach, ist nur selten zuhause. Lieber betrinkt der sich, und das nach Saras Tod noch öfter und mehr als vorher und ist so der Mutter keine Stütze. Bruder Soli und Schwester Iris verstehen den Zustand der Mutter wenig und Chanda ist bemüht, zu trösten, zu erklären und zu helfen - denn den beiden klar zu machen, dass die Mutter sie noch liebt, ist nicht einfach. Eine Bezugsperson hat Chanda allerdings noch, Esther, ihre Freundin. Deren Eltern starben plötzlich, und die Todesursachen unterscheiden sich in offiziellen und inoffiziellen Aussagen. Esther muss Geld verdienen, um ihre Geschwister zu sich holen und aus dem Haushalt der ungeliebten Verwandtschaft verschwinden zu können. Doch erst, als Esther eines Tages entstellt aus einem Auto geworfen wird, wird Chanda klar, dass diese das Geld nicht nur mit Touristenbegleitung und –fotos verdient. Chanda hat immer mehr mit ihrer eigenen Familie zu tun, die Mutter kränkelt. Die extra herangeholte „Kräuterhexe“ kann auch nicht helfen, und allein mit dem Schmerz übers Saras Tod hängt die Erkrankung nicht zusammen. Chandas Mutter fährt schweren Herzens nach Tiro zu ihrer Familie, um eventuell Hilfe zu erfahren. Chanda bleibt mit den Geschwistern unter der Obhut der besserwisserischen Nachbarin zurück. Ab und zu wird im Ort das Thema AIDS erwähnt, der Krankheit, an der möglicherweise Esthers Eltern starben. Darüber verstärkt sich Chandas Angst um die Mutter und deren unerklärlichen Gesundheitszustand noch. Sie fährt kurzerhand nach Tiro, denn die Mutter hinterlässt nicht, wie ausgemacht, Nachrichten bei der Nachbarin. Dort angekommen, muss sie erfahren, dass die Familie ihre Mutter in den hintersten Winkel außerhalb des Ortes in eine Hütte verbannt hat, weil die Krankheit der Mutter argwöhnisch betrachtet und als gerechte Strafe für ein Verhalten angesehen wird. Chanda kommt gerade noch rechtzeitig, um ihre Mutter im Sterben nicht allein zu lassen. Das es sich um AIDS gehandelt hat, muss die Familie geheim halten und diese Schande weit von sich weisen. Chanda hat trotz ihrer Jugend viel über die Menschen und deren nicht nur guten Eigenschaften gelernt, aber sie gibt nicht auf, sie wird ja gebraucht. Der Stiefvater hat sich aus dem Staub gemacht. Gemeinsam mit Esther und der Nachbarin und dem Häuschen, das ihr gehört, nimmt Chanda den Kampf des alltäglichen (Über)Lebens auf. (Ab 14)
Alan Stratton: „Worüber keiner spricht“ Aus dem Englischen von Heike Brandt dtv pocket 2005 272 S., Euro 7,95 ISBN 978-3423782043
Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids Allan Strattons "Chandas Krieg" Von Susan Müller
Chandas Krieg ist eher ein Gegenkrieg. Ihre Mutter stirbt an Aids, einsam und verlassen. Mit Aids will keiner, auch niemand in der Verwandtschaft etwas zu tun haben. Da die Mutter sich gegen die Traditionen verhalten und sich selber einen Mann gesucht hat, anstatt den vorausgewählten zu nehmen, sind sich alle sicher: Aids war die Strafe. Doch Chanda liebte ihre Mutter, und dem Versprechen, dass sie ihr gab, sich um die kleineren Geschwister zu kümmern, kommt sie mit ihren jungen Jahren so gut es geht nach. Aber ihre Schutzlosigkeit ist offensichtlich. Als eine Nachbarn vorschlägt, sie sollten zu ihren Verwandten ins entfernte Tiro gehen, willigt Chanda ein. Während sich die Kleinen sofort und gut mit der Großmutter verstehen, kann Chanda nicht ganz vergessen, wie es ihrer Mutter erging. Sie bleibt distanziert. Da geschieht das Unfassbare. Chanda ist nicht daheim, als ein brutale Mörder zuschlägt und die Tante und den Großvater töten und die Kinder verschleppen, die als Kindersoldaten eingesetzt werden sollen. Paco, dem kleinsten der Nachbarsjungen, ergeht es ebenso. Chanda nimmt das Verschwinden ihrer Geschwister nicht hin. Sie macht sich, zusammen mit Pacos Bruder Nelson, auf, um sie zu finden und zu befreien. Die beiden lesen Fährten und machen sich ihr Wissen über die Tiere und die Natur zunutze, um den Soldaten, aber auch Löwen und Krokodilen zu entgehen. Es ist alles andere als leicht, aber Chanda gibt nicht auf, und sie gewinnt diesen, ihren Krieg, denn mit Mut, Hartnäckigkeit, List und nicht zuletzt der Liebe zu ihren Geschwistern schafft sie es gemeinsam mit Nelson, die beiden und Paco zu befreien. Dieses Buch sorgt immer wieder für Gänsehaut, es ist nicht nur die Spannung, sondern auch die Fassungslosigkeit über das Unmenschliche, das hier so selbstverständlich durch die Fehllenkung einzelner um sich greift. Das Thema "Kindersoldaten" ist, auch durch mehrere ins Deutsche übersetzte Erlebnisberichte, in die Diskussion gekommen, und es ist gut, Jugendlichen diesen mitreißenden Roman dazu in die Hände geben zu können. Grundlagen, um die Debatten zu verstehen, sind damit gelegt. "Chandas Krieg" hinterlässt noch mehr, auch ein gutes Gefühl nämlich: Welche Kräfte man entwickelt, wenn die Liebe stärker ist als jede Vernunft. Chanda überlässt ihre Geschwister nicht kampf- oder schutzlos einfach der Macht des Bösen, und ihr „Dagegenankämpfen“ ist mehr als bewundernswert. (Ab 14)
Allan Stratton: „Chandas Krieg“ Aus dem Englischen von Heike Brandt dtv 2007 336 S., Euro 7,95 ISBN: 978-3423782180
Auf abenteuerlicher Spur eines Rätsels – nach sich selbst Erik L’Homme: „Phaenomen“ Von Clelia Klapp
Vier Jugendliche fühlen sich einsam, unverstanden, von einer als bedrohlich empfundenen Außenwelt abgeschoben, die für sie lediglich das Prädikat „verrückt“ und hoffnungslos übrig hat. Welch „normaler“ Mensch würde sich da nicht verschließen, zurückziehen und in farbige Bilderwelten abtauchen, die umso wertvoller sind, als sie ihnen Halt und Schutz spenden. Auch für Ihren Arzt Doktor Barthélemy sind es fremdartige Welten, und doch nimmt er sie so an, wie sie sind, was ihnen Mut macht, sich zu öffnen, sich selbst und dem anderen zu vertrauen, der anderes erlebt, und es gibt Kraft, der Klinik den Rücken zu kehren, um sich auf die Suche nach ihrem plötzlich entführten Arzt zu begeben, ferne Länder und Kontinente zu durchqueren, als Mitwisser geheimer Dokumente ihr Leben zu riskieren. Ganz lebendig und wissbegierig sind sie, Jugendliche, die sich ihrer selbst erstaunlich bewusst sind, bewusster und selbstreflektierender als manch durchschnittlicher „normaler“ Mensch - und mutig hinzuschauen, sich den eigenen Ängsten zu stellen und sie so zu überwinden, gar zu Stärken zu entwickeln - und hier kommt der gelungene Kunstgriff des Autors, die seelischen Leiden der Jugendlichen in ganz besondere, übersinnliche Fähigkeiten zu verwandeln: Aus Claires Gleichgewichtsstörung wird die Gabe, Distanzen in kürzester Zeit zu überwinden, Arthur zeichnet ein außergewöhnlicher Verstand und ein fotographisches Gedächtnis aus, Nicolas erfährt, dass er mit seiner Farbsicht durch Körper blicken kann und Violaine versteht es, das Verhalten anderer Menschen zu manipulieren: Kräfte, die sie bewusst zu aktivieren lernen, durch die sie ihre Verfolger fassungslos hinter sich lassen. Schön, wie hier der Autor aus gesellschaftlichen Außenseitern „Phänomene“ entwickelt und zeigt, dass sich aus vermeintlichen Handycaps Qualitäten gewinnen lassen. Nicht zuletzt dadurch, dass Erik L’Homme in seiner abenteuerlichen Geschichte modernste Überwachungs- und Kontrollapparate als unzuverlässig bloßstellt, macht er darauf aufmerksam, wie lohnenswert es ist, Gespür und Intuition zu folgen: Und so kommen die Jugendlichen auf ihrer Reise nicht nur der Lösung des Rätsels auf die Spur, sondern auch ihrer selbst. Schön auch, wie dieser Roman Grenzen überwindet und durch das Moment des Übersinnlichen die Kategorien von verrückt und normal sein aufhebt. Eine Geschichte, die Spannung und die Suche nach sich selbst miteinander vereint und Mut zum Anders-Sein macht. Hier möchte man verrückt sein! (Ab 14)
Erik L’Homme: „Phaenomen“ Verlagshaus Jacoby & Stuart 2009 528 S., Euro 19,95 ISBN: 978-3-941087-39-2
Thriller mit psychologischem Tiefgang Kristina Dunkers "Vogelfänger" Von Susan Müller
An einem gemeinsamen Campingausflug hindert sie das nicht. Doch bald merken sie, dass irgendetwas nicht. Kleine Ereignisse wie ein Handyklingeln mitten im Wald oder das Knurren von Neles Hund, der sonst eher friedfertig ist, versetzen die beiden in Unruhe. Die steigt, als klar wird, dass keiner der Jungen, die sich mit auf dem Campingplatz befinden, dafür verantwortlich ist. Die Vorfälle häufen sich, die Mädchen geraten in Angst. Als dann auch noch dem nahen Umfeld der beiden ein Unfall passiert und Neles Hund verschwindet, ist die Panik perfekt. Nun bricht Ida ihr Schweigen und erzählt von ihrem Exfreund, der sie verfolgt und mit einer „düsteren“ Geschichte, bei der ein kleiner Junge zu Schaden kommt, erpresst. Sie wollen nun weg von hier; Idas Vater wird verständigt, sie abzuholen, doch zu spät: Nele gerät in die Hände des „Vogelfängers“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ida, sein Vögelchen, zurückzugewinnen und nur für sich und seine Zwecke zu haben. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Nele erfährt dessen Grausamkeit, bis Ida sich ihrem Ex-Freund „ergibt“. Nele wird stinksauer, kann sie den Verrat, wie es sich für sie anfühlt, nicht verstehen. Ihre Gefühle überschlagen sich. Doch dann erfährt Nele Idas ganze Geschichte, und wieder einmal zahlt sich wahre Freundschaft aus. Kristina Dunker hat mit „Vogelfänger“ einen Thriller mit psychologischem Tiefgang vorgelegt, der genau die Gefühlswelt junger Leser trifft. Die beiden Hauptfiguren, zwei völlig unterschiedliche Charaktere, können trotzdem zueinander und füreinander (ein)stehen. Offenheit und Ehrlichkeit sind nicht nur Worte, sondern verbinden Menschen wirklich - das wird durch dieses Buch eindrücklich vermittelt. Kristina Dunker wird immer mehr zu einer festen Größe in der deutschen Kriminalliteratur. Sie trifft den Ton jugendlicher Leser perfekt. Kristina Dunker schreibt seit Jahren für junge Leser und hat nie das Einfühlungsvermögen in deren Themen verloren. Diese Begabung ist keine schöne Dreingabe, sondern ein Teil ihres Könnens. Einfühlsam und fesselnd: „Vogelfänger“ ist ein Lesegenuss, der Gedanken anstößt. (Ab 14)
Kristina Dunker: „Vogelfänger“ dtv 2009 224 S., Euro 6,95 ISBN 978-3423782296
Genau angepasst an das Alter der Sechstklässler Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“ Von Susan Müller
Jil gehört auch in diese Klasse, treibt den Unfug um Jana zwar nicht immer mit und ist ganz sicher nicht damit einverstanden, aber unternimmt auch nichts dagegen. Sie hat im Moment andere, eigene Probleme, denn Ihre bisher beste Freundin Martina hat sich im Sommer der Klassenkameradin Annika zugewandt, unternimmt mit ihr mehr und lästert mit dieser beispielsweise über Jils Angst vor Pferden, was diese wiederum sehr kränkt. Ihre Gleichgültigkeit hat aber Grenzen, denn eines Tages gehen die Klassenkameraden zu weit, sie übergießen Janas neues Teleskop mit Farbe. Das ist auch für Jil zu viel und da sie ja bisher wenig eingegriffen hat, versucht sie Schadensbegrenzung und hilft Jana den Apparat zu reinigen und wieder nutzbar zu machen. Nach einigen klärenden Worten steht einer Freundschaft der beiden nichts mehr im Wege, Jil lässt Martina ziehen und Jana hat nun eine echte Freundin in der neuen Klasse. Als die Klassenfahrt ins Haus steht, sind die beiden schon unzertrennlich und bekommen ein gemeinsames Zimmer, wenn sie es auch mit der weinerlichen Sarah und der etwas „lockeren“ Monika aus der Parallelklasse teilen müssen. Ganz vergessen sind die Machenschaften um Jana noch nicht, aber sie wird in der Klasse akzeptiert. Bei einem Ausflug erfahren die Schüler von einem Künstler über dessen Verlust einer wertvollen Statue, was sie zwar interessiert verfolgen, aber vorerst nicht nachhaltig beeindruckt. Doch dann stoßen Jana und Jil auf eine kindesähnliche Gestalt im Wasser. Jana meint, es sei eine Puppe, nur die etwas ängstliche Jil möchte den Fundort sofort verlassen. Allerdings lässt es beide nicht los, und als Jana zu der Überzeugung kommt, es könne sich um die wertvolle Statue handeln, ziehen sie ihre Freunde ins Vertrauen und wollen den „Schatz“ bergen, auf den ja Finderlohn steht. Sarah, die ja nun mal bei jeder Gelegenheit weinen muss, soll Wache auf dem Zimmer schieben. Um diese machen sich unsere beiden Heldinnen auch verdient, denn als auf Sarah eine Wette läuft, wielange sie braucht, um anzufangen zu weinen, erinnern sich die beiden an Janas Einstieg und wollen helfen. Sie werden das „Nicht-mit-uns-Team“. Der wertvolle Fund entpuppt sich tatsächlich als die verschwundene Statue und unsere Freunde verhandeln den Finderlohn, eine Ballonfahrt. Die Klassenfahrt selbst ist ein weiterer stärkender, haltbarer Stein in der Freundschaft zwischen Jana und Jil. Damit aber nicht genug, denn Kristina Dunker wählt mit viel Geschick noch eine weitere Abenteuerkulisse, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Jil und Jana wollen Theater spielen. Als sie einen Referendar in der Lehrerschaft finden und die Freunde sich der Schauspielerei anschließen, bilden sie eine Theatergruppe.
Doch bei der
Rollenverteilung treten plötzlich Probleme auf. Kristina Dunker versteht
es wieder prima, die pubertären Gefühle einzuarbeiten, wenn eben ein
Mädchen aufgibt, weil einem anderen der Vorzug für die Rolle gegeben
wird. Ich bin überzeugt: Keiner der Leser möchte bei jedem einzelnen Abenteuer das Lesen unterbrechen. Fesselnd und genau angepasst an das Alter der Sechstklässler gelingt Kristina Dunker wieder eine tolle Mischung aus Spannung, Humor und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Charaktere. (Ab 11)
Kristina Dunker: "Gemeinsam gegen den Rest der Welt" Arena 2005 382 S., antiquarisch erhältlich ISBN: 978-3401023762
Verschiedene Definitionen von Liebe Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“ Von Susan Müller
Beide Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein, und hier bestätigt sich der Spruch „Gegensätze zieh´n sich an!“ Sabine leidet unter ihrem besitzergreifenden Freund, weil ihr die Kraft fehlt sich zu wehren. Inga dagegen wechselt nicht nur ständig ihre Haarfarbe, sondern auch die Freunde, frei nach dem Motto: Liebe gibt’s nicht! Vollkommen resistent ist sie dann doch nicht, denn da ist dieser süße Typ, der immer im Bus mitfährt und ihr Glühwürmchen verschafft. Nur fehlt ihr anfangs der Mut, ihn anzusprechen, aber sie geht für sich so weit zu behaupten, verliebt zu sein. Inga leidet mit Sabine mit, die es nicht schafft, sich vom herrschsüchtigen Alex zu trennen und möchte ihr eigentlich ihre eigenen Gefühle mitteilen und gar mit ihr teilen: „Sabine hat was Besonderes an sich ... Ich möchte mir alle Glühwürmchen raustanzen ... Sabine würde das auch mal gut tun!“ Inga vermag es, Sabine zu unterstützen und hilft ihr, den selbstherrlichen Alex loszuwerden. Leider nur vorübergehend, denn eines Tages geht dieser eindeutig zu weit. Er ignoriert einfach, dass Schluss ist und erzwingt sich Liebe – körperliche Liebe. Inga ist für Sabine da, obwohl sie nicht versteht, dass diese Alex nicht anzeigen will. Aber die Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen hält das aus. Sie treffen sich weiterhin: „Sabine ich reite nach Süden“ – „Gut, ich komme mit!“ Und wieder einmal schafft es Kristina Dunker, Freundschaft anders zu beleuchten und auch die verschiedenen Definitionen für Liebe, wie man an Sabine und Inga deutlich sieht. Aber sie vermittelt uns ebenso, dass auch verschiedene Charaktere einander viel geben können. Einfach lesenswert. (Ab 13)
Kristina Dunker: "Liebe gibt's nicht" Beltz 1997 Antiquarisch erhältlich ISBN 978-3407787590
Von innen heraus - gefühlvoll und informativ Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“ Von Susan Müller
Die Aufenthaltgenehmigungen werden immer kürzer, den Menschen signalisiert: Sie sind nur geduldet. Ganz schwierig wird es, wenn sie kaum deutsch sprechen. Im Laufe der Zeit halten sie sich selbst nur noch für „Primitivlinge“, wie in diesem Buch „Freddy“ konkret auch seine Gefühlslage beschreibt. Er schließt weibliche Bekanntschaften, macht aber die Erfahrung, dass er als Afrikaner besser die Meinung seiner Partnerin zu akzeptieren hat, schließlich wurde er aus dem unpersönlichen Asylbewohnerheim „gerettet“ und in ihrer Wohnung aufgenommen. Nur: So entsteht eine dauerhafte Beziehung natürlich nicht. Als Freddy aber die wahre Liebe kennen lernt, gibt es zwar immer noch kleinere Steine wegzuräumen, aber prinzipiell steht einer Zukunft in Deutschland nichts mehr im Wege, er wird Vater und heiratet die Mutter seines Kindes. Gefühlvoll und informativ - sehr lesenswert, wenn auch trotz der Erklärungen manchmal schwerer verständlich, was die Gepflogenheiten der afrikanischstämmigen Protagonisten betrifft. Das soll aber nur heißen, dass es nicht für überfliegendes Lesen geeignet ist! (Ab 13)
Mouchi Blaise Ahua: "Auf der Suche nach Asyl in Deutschland" Aus dem Französischen von Benjamin Weber Books on Demand 2008 152 S., Euro 9,90 ISBN 978-3837068795
Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert
Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“
Von
Anne Möller
Für
jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert, um sich dem Thema zu
nähern. Aber natürlich ist ein Aufklärungsbuch kein Sexratgeber -
einiges muss der junge Mensch schon alleine herausfinden. Jedoch für
bereits Voraufgeklärte oder selbstsichere Persönlichkeiten nicht so gut
geeignet: Es könnte der Eindruck entstehen, dass - obwohl im Buch immer
wieder erwähnt wird, dass sie normal sind – gerade sie nicht normal
sind, weil sie nicht vor Panik alles falsch machen und dem Thema offen
und schamlos gegenüberstehen.
„Only
for Girls“, das sei trotz des Buchtitels angemerkt, ist ein
Aufklärungsbuch, das auch ruhig die Jungs lesen sollten, um allgemeine
Bildungslücken über den Zyklus der Frauen zu füllen und um das
angebliche schwächere Geschlecht besser zu verstehen.
Elisabeth Raffauf:
„Only
for Girls – alles über Liebe und Sex“
264
S., Euro 12,90
Beltz 2008
ISBN
978-3-407-75340-3
Im Test mit jungen Lesern:
Die „Bibel in gerechter Sprache“
„Jeder Tag hat seine eigene Belastung.“ – sprach das mehr an als
„Plage“? Ja, so war es. Der Einstieg ist für junge Leser denkbar günstig,
wenn sie die Worte aus ihrem Leben wiedererkennen und nicht erst Bilder
aus einer fernen Vergangenheit entstehen lassen müssen. Der Schwerpunkt
auf „Gender“, auf Geschlechtergerechtigkeit, das ist ein Thema für
Ergraute, sagten unsere Teenager-Testleser, aber wir fanden alle: Das
Thema muss man gar nicht beständig im Hinterkopf haben.
Vor allem bringt
dieser Bibeltext die Dramatik zurück. Die Heranwachsenden sehen ihre
Fragen widergespiegelt. Beim Testlesen langer Passagen fanden sie, dass der Text plötzlich ganz genügt
und konnten nicht verstehen, dass Predigende, um sich Jugendlichen
zuzuwenden, anderes als die Bibel zitieren (Grönemeyer-Songs gehören da
wohl gern ins Repertoire). Plötzlich ist zu erkennen: Die Bibel genügt
ja vollauf! Stereotypen –auch von den Kirchen gut gepflegte – lösten
sich zugunsten der Verständlichkeit auf.
Barrierefrei für junge Leser,
so empfanden wir die „Bibel in gerechter Sprache“. Unser Testergebnis
für Menschen ab 13: Eine wertvolle Horizonterweiterung.
Bibel in gerechter
Sprache
Gütersloher
Verlagsanstalt 2007
2400 Seiten, Euro
29,95
ISBN 978-3579055008
Erschreckend: Erziehungscamps
Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:
"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot
Von Susan Müller
Schnell wird Lou bewusst, dass sie dort nicht bleiben will, ihr
verursacht nicht nur das Essen Übelkeit, sondern auch die Art des
„Ausbilders“ Patrik mit seinem selbstgefälligem fortwährenden Grinsen. Eine
ihrer ersten Begegnungen hat sie mit Erwan, der ebenfalls ein
Campinsasse, aber in Hungerstreik getreten ist, ob der Umstände im Camp,
deren Hinterhältigkeit Lou noch nicht alle durchschaut hat. Klar ist
nur: Bleiben will sie auf keinen Fall. Doch ihr Fluchtversuch misslingt.
Den Campmitgliedern ist ein Chip implantiert, der sie immer und überall
aufspürt. Lou versucht, sich danach zum Schein an die Gegebenheiten
anzupassen, bleibt aber hellwach und auf der Hut.
Die Wanderung in einer
Art Überlebenstraining kommt ihr zu Hilfe, um erneut mögliche Fluchtwege
auszuspähen. Das Team, welches eigentlich aus den Schwestern Joanna und Samia, Erwan (der sich allerdings immer noch im Streik befindet) und
ihr besteht, muss sich als erstes seine Verpflegung selbst sichern, die
von den Ausbildern irgendwo versteckt wurde. Es ist besser, man kommt
den anderen Teams zuvor, denn es gibt keine Garantieansprüche. Lou und
die Schwestern aber finden eine große Menge. Die Erleichterung
darüber währt nicht lange, denn ein anderes Team versucht, ihnen
gewaltsam die Essensrationen abzunehmen. Da naht unerwartet Hilfe,
ausgerechnet durch Erwan. Er hat es sich angeblich anders überlegt, und
sie gehen zu viert weiter, als es zu einem folgenschweren Unfall von
Samia kommt, die an einer schmalen Wegstelle rutscht und den Abhang
hinunter fällt.
Die Ausbilder haben plötzlich alle Hände voll zu tun,
damit das ja nicht publik wird, so dass sie auf nichts anderes achten. Die Aufregung legt sich auch nicht so schnell, denn der Absturz mit
seinen Folgen endet für Samia tödlich. Das ermöglicht Erwan und Lou
einen erneuten Fluchtversuch; vorher entfernen sie sich unter Schmerzen,
aber sehr tapfer ihre Chips. Als Erwan Lou gesteht, dass er Samia am
Abhang gestoßen hat, um von ihnen beiden abzulenken, ist Lou derart
befremdet, dass sie ihn einfach stehen lässt und allein weitergeht.
Während sie Schutz vor einem Gewitter sucht, beobachtet sie, wie Erwan
von den „Alten“ geschnappt wird und daraufhin vor aller Augen
Selbstmord begeht. Total geschockt, aber mit beneidenswertem Willen
schleppt sie sich weiter und trifft glücklicherweise auf einen älteren
Mann, der Lou ohne große Fragen ins Krankenhaus bringt.
Das ruft Muna,
einen Journalisten, auf den Plan, der sie sofort besucht und ihre Hilfe
braucht, um die dunklen Machenschaften im Camp aufzudecken. Er berichtet
ihr von seinen bisherigen Recherchen über das Camp und dessen Verwalter.
Das überzeugt Lou schließlich, und sie tut sich mit ihm zusammen und eine
nicht ungefährliche Jagd um die Aufdeckung der Geschehnisse im Camp
beginnt.
Sie kommt vielen Geheimnissen auf die Spur, die das, was sie vorher im
Camp erlebt hat, in einem anderen Licht zeigen. Lous
mutiger Einsatz hat viele Folgen für alle Beteiligten.
Aufregend, spannend und doch erschreckend wird uns vor Augen
geführt, welche Manipulationsmöglichkeiten es in der Zukunft geben
könnte, und zu welchen erzieherischen Maßnahmen man greifen kann (bzw.
bereits, wie aus den USA bekannt, tut). Es verschlägt einem
regelrecht die Sprache, welche Methoden angewandt werden sollen, um
Kinder aus einfachen und ärmeren Elternhäusern, die von vornherein als
potentielle Straftäter eingeschätzt werden, zu "erziehen".
Dieses Buch regt zum Nachdenken an, denn
wie der Autor sagt: „Eine verantwortungsvolle Gesellschaft hat
die Pflicht, ihre schwächsten Mitglieder nach Kräften zu
unterstützen...“ und nicht mit unzulässigen Mitteln deren Gedanken
den eigenen, auch nicht sehr viel schöneren, anzupassen oder deren
Persönlichkeiten zu unterdrücken. Und genau das versucht uns Johan Heliot, wunderbar umschrieben, durch
sein Buch mitzuteilen.
(Ab 15)
Johan
Heliot:
kaltgestellt - Kontrolle wider Willen
Aus dem Französischen von
Maren
Partzsch
Terzio 2008
223 S.,
10,90.-
ISBN:
978-3898358835
Alle Register gezogen
Ein neuer Thriller von Ilkka Remes
Von
Andreas Drouve
Thrill und Action lassen keine Ruhe. Der finnische Autor Ilkka Remes
zieht alle Register und hält den Spannungsbogen durchgehend zum
Zerreißen hoch. "Operation Ocean Emerald" ist ein echter Pageturner mit
überraschenden Wendungen und hohem Gefahrengrad: Die Nächte könnten kurz
werden für junge Leser ...
Ilkka
Remes:
"Operation Ocean Emerald"
Aus
dem Finnischen von Stefan Moster
dtv
2008
313
S., Euro 8,95
ISBN
978-3423713030
Ab 14
Durchaus gefährlich
Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier
Von Susan Müller
Eindrucksvoll wird dem Leser beschrieben, welche aufregenden und
phantasievollen Darstellungsmethoden der Computer ermöglicht und
Logicelle behutsam Schritt für Schritt vorwärts bringen. Die Sache ist
durchaus gefährlich, bis sich der Lösungsansatz erschließt, dass die
Opfer mit der Plünderung des virtuell dargestellten Schlosses in der
Realität zu tun hatten. Ihre Gier nach einem Schatz sollte ihnen zum
Verhängnis werden, denn derjenige, der dieses Programm verschlüsselt
hat, will genau diese Habgierigen seine Rache verbüßen lassen.
Logicelle selbst konnte bisher den Risiken ausweichen, aber als sie auf
das letzte Mosaiksteinchen der Lösung stößt und Max aus der Ferne um
Hilfe bittet, der dafür an ihren Computer muss, schwebt auch Max in
höchster Gefahr. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, bevor Max dem
Computerspiel nicht mehr gewachsen ist, denn der Bediener wird mit
Geräusch- und Lichteffekten in eine Art Ausnahmezustand des Körpers
versetzt, dem dieser nichts mehr entgegenzusetzen hat und
zusammenbricht. So wie es den Opfern ergangen ist.
Der
Fall ist gelöst, der Täter, der sich für die Plünderung des real
existierenden Schlosses rächen wollte, überführt. Dem Leser bleibt die
Aufregung der so bildlich beschriebenen Aktionen auch nach Beendigung
des Buches erhalten. Er wird Zeuge dessen, was die moderne Technik über
den Tod hinaus bewerkstelligen kann, denn der Täter ist selbst bereits
vor einiger Zeit verstorben.
Für
alle Computerfans ist dieses Buch ein phantasievoller Ausflug hinter die
Kulissen, die ein Computer eigens seiner Technik und Programmierung
möglich macht. Aufregend, faszinierend und spannend zugleich erzählt
Christian Grenier die ungewöhnliche Bestrafung einer Ungerechtigkeit.
Christian Grenier:
"Drei
& achtzig Gigabyte"
Aus
dem Französischen von Maren Partzsch
Terzio 2008
190
S., Euro 10,90
ISBN
978-3898358804
Für
unsere Zeit in unserer Welt:
"Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik
Von Susan Müller
Vergangene Tage werden in die Erinnerung zurückgerufen: Früher waren
Semin und Canan Freundinnen, das ist lange her. und doch ist es Semin
unangenehm, dass sie Fragen von Canans Familie, die ihr freundlich
gegenüber stehen, nur ausweichend beantworten kann. Nach dem Besuch vom
Koranunterricht, von dem sie sich Auskunft erhofft, trifft sie auf eine
ruhig und sachlich argumentierende Lehrerin und ein nettes Mädchen. Sie
öffnet sich ein wenig der anderen Kultur, die ja auch die ihrer Familie
ist. Als sie mit der Koranklasse auf einen Mitschüler trifft, mit dem
sie sich in einen Disput verwickelt, steht für Semin fest, sie probiert
das Kopftuchtragen aus. Ihr Vater versteht die Welt nicht mehr
„Seidenhaar“, wie er immer zu Semin sagt: ´wenn das wieder einer deiner
Scherze ist´, doch Semin macht keinen Spaß, sie geht damit zur Schule,
was nun auch für Meli, ihre beste Freundin, Grund genug ist, sich von
ihr abzuwenden. All das führt dazu, dass sich Semin mit ihren Wurzeln
und dem Glauben auseinandersetzt.
Eine
faszinierende Beschreibung über das Für und Wider, und wie sich Semin
damit beschäftigt. Ebenso eindrucksvoll ist Canans Rolle, die sich hin-
und hergerissen und dabei unverstanden und nicht ernst genommen fühlt,
weder von den Klassenkameraden noch von ihren Eltern. In diesem Zustand
taucht sie bei der Koranlehrerin unter.
Die
Charaktere von Senim und Canan sind wunderbar einfühlsam mit ihren
Denkweisen wiedergegeben, jede für sich ihrem Wesen entsprechend und
verständlich.
Schlussendlich wird wieder einmal klar: Miteinander reden, ohne auf
seinem eigenen Standpunkt zu beharren, ist ungeheuer wichtig und
richtig. Die Autorin hat es verstanden, dem Leser neue Erkenntnisse ohne
eine billige Gut-oder-Schlecht-Wertung zu vermitteln. Eine tolle
Geschichte für unsere Zeit in unserer Welt.
"Seidenhaar"
Ueberreuter 2007
ISBN:
978-3-8000-5288-2
Wie ein Kleeblatt zerfällt
In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“
Von
Susan Müller
Gini
verhält sicher aber bis auf ein Lächeln ab und zu sehr zurückhaltend.
Sie interessiert sich auch nicht für den Baggersee, zu dem die Freunde
bei der Hitze aufbrechen. Einzig die Geschichte, die mit einer hier
ertrunkenen Frau zusammenhängt, lässt Gini aufhorchen. Deshalb ist sie
am Baggersee dabei.
Ein
heißer Tag. Als Gini mal in die Büsche verschwinden will, verzichtet
Annika auf belehrende Bemutterung - und wird es bitter bereuen, denn
Gini kehrt nicht zurück.
Eine
verzweifelte Suche beginnt. Treibt sich ein Spanner am See herum? Ist
sie vielleicht doch zur Abkühlung schwimmen gegangen? Kann sie schwimmen
oder hat Annikas Onkel so heftig auf den Ausflug zum Baggersee reagiert,
weil sie es nicht kann?
Kristina Dunker versteht es wie schon in „Schwindel“ prächtig, die
Spannung über Ginis Verschwinden aufzubauen und zu halten. Wie viele
quälende Gedanken kann ein „Kleeblatt“ ertragen, bis er sich gegenseitig
zerfleischt? Steffis schwache Nerven suchen einen Zusammenhang zu
Rüdigers Verhalten, der zurückhaltender ist als der Mädchenschwarm Jonas
und öfter auch mal die Einsamkeit sucht. Hat er sich an Gini vergangen,
weil er sonst zu schüchtern ist und manchmal Liebespärchen bespannt?
Annika erfährt an diesem Nachmittag noch mehr über ihre besten Freund,
und manches macht sie betroffen. Doch die Sorge um Gini lässt jetzt
keine Zeit; und die Erschütterung durch eine Ausnahmesituation zeigt die
Menschen blitzartig von einer ganz anderen Seite, ohne dass gleich
Konsequenezn gezogen werden können. Das Spiel muss weitergehen, auch
ohne Glauben an eine Zukunft. Beste Thrillermanier!
Einfühlsam und nachvollziehbar erfährt der Leser, wie schnell falsche
Verdächtigungen in losen Zusammenhängen eine Freundschaft zerstören, die
bisher für unverwüstlich gehalten wurde. In Krimistimmung spüren wir,
was Vertrauen und Versprechen bedeuten. Denn Rüdiger konnte nur derart
ins Kreuzfeuer geraten, weil er Gini versprochen hatte, nichts über ihr
Weggehen zu sagen, und dieses Vertrauen wollte er nicht missbrauchen.
Die
Aufregung und die Geschichte selbst nehmen insofern ein gutes Ende, dass
… jetzt verarten wir nichts, aber doch so viel: Die langjährige
Freundschaft des Kleeblattes verträgt die Unterstellungen während der
letzten Stunden nicht. Ginis erleichterter Vater muss eine Bedingung
erfüllen, er muss die Wahrheit über den Tod seiner Frau, Ginis Mutter,
und den Zusammenhang zu der ertrunkenen Frau klären.
Atemlos fiebern wir dem Geheimnis entgegen, das die Erwachsenen bisher
nicht lüfteten.
Und
die Moral von dem Thriller: Nicht nur ein Sommergewitter reinigt die
Luft, sondern auch ein klärendes Gespräch. Würden junge Erwachsene nicht
immer und angeblich zu ihrem eigenen Schutz wie Kinder behandelt,
blieben manche Angst, Aufregung und Unsicherheit erspart, und sie kämen
nicht auf die Idee, falsche Schlüsse zu ziehen.
Wenn
auch ein Kleeblatt zerfallen ist und kein glückbringendes vierblättriges
mehr ist, ist in dieser Gemeinschaft doch endlich gesagt worden, was
sich schon länger angestaut hat und wohl gesagt werden musste.
Wieder ein absolut gelungenes und empfehlenswertes Werk mit vielen
Facetten zu dem Thema, wie ein Kind geformt und zum Erwachsenen wird.
(Ab
14)
Kristina Dunker:
Sommergewitter
Blitzableiter der Familie, Modell für
einen Maler
Ivy in "Die Göttin aus der Paradise Row"
Von Susan Müller
Ivy wächst in einem ärmlichen Haushalt von
Tante und Onkel mit Cousins und Cousinen auf, die wie sie,
die ja erst 5 ist, alle zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Sie trägt deren
abgelegte Sachen und isst kein Fleisch, besser gesagt, nichts, was
einmal ein Gesicht hatte. Sie ist für die meisten der Familie der
Blitzableiter.
Doch eines Tages verläuft sie sich und
fasst Vertrauen zu der rothaarigen Frau, die ihr begegnet und ihr Orange
anbietet, so dass sie ihr schließlich folgt. Die Frau, Rotkopf-Kate
genannt, aber benutzt Ivy, um
sie zum Stehlen anzuleiten und missbraucht sie ab sofort für den
„ungeheuren großen Plan“. Manche dieser Raubzüge bereiten Ivy schlaflose
Nächte. Rotkopf-Kate gewöhnt Ivy an Laudanum, einen Opiumsaft, der
Ivy in Zukunft begleiten wird.
Da uns manche Veränderungen in Ivys Leben
verborgen bleiben, finden wir uns nach einem abrupten Kapitelschluss in
einer neuen Kulisse wieder. Der Übergang bleibt uns zwar versagt, aber
wir finden uns plötzlich gemeinsam mit Ivy wieder im Kreis ihrer Familie
und deren Fängen wieder, als der entscheidende Wandel in Ivys Leben
bevorsteht.
Oscar Frostwick, ein Maler, frustriert,
kein geeigneteres Modell für seine Künste zu haben als seine Mutter,
rennt gerade aufgebracht einem Marktjungen hinterher, als er fasziniert
innehalten muss. Seine Suche scheint eine Ende zu haben, als er sie
sieht: „Eine Göttin. Ein Engel. Eine Perle vor den Säuen.“ Ivy wird,
nicht zuletzt durch das Drängeln ihrer Familie, das Modell des Malers Frostwick. Nicht ahnend, damit die Eifersucht
von dessen Mutter derart
anzustacheln, dass diese Ivys Laudanumsucht nicht nur durchschaut,
sondern gegen sie einsetzen wird, um sie ein für alle mal loszuwerden.
Es ist schon erstaunlich, zu welchen Taten, die von überfreundlich bis
gefährlich reichen, eine Mutter fähig ist, die mit geradezu Affenliebe
an ihrem Sohn hängt.
Was aus Ivy
wird? Sie hat jetzt einen „ungeheuer großen Plan“. Das Nachwort lässt
Raum für Phantasie: „Einige der Malermodelle waren normale
Mädchen, die von der Straße kamen und deren Aussehen ihnen dazu verhalf
„Göttinnen“ genannt zu werden. Ihr Äußeres war bekannt, aber „ihr Leben
können wir uns nur ausmalen.“
Ein empfehlenswertes Buch mit historischem, nachdenklichem und
humorvollem Hintergrund.
(Ab 13)
Julie Hearn:
"Die Göttin aus der Paradise Row"
Aus dem Englischen von Christa Holtei
dtv 2007
432 S., Euro 11, 95
ISBN 978-3423712415
Bedrückende Stimmung
Ein Psychothriller der Extraklasse
Von Andreas Drouve
Christoph Wortberg:
"Die Farbe der Angst"
Thienemann Verlag 2008
140 S, Euro 9,90
978-3522180788
Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und
Lateinamerika.
Nicht
in die Mühle geraten
Dank Turgenev
Dass Turgenev auf dem Buch nicht Turgenjew
geschrieben wird, liegt an den Freaks unter den älteren Übersetzern, die
auf „wissenschaftlicher Transkription“ bestehen, d.h. die kyrillischen
Buchstaben möglichst genau in lateinische übertragen. Ausgesprochen wird
er Turgenjew (für die, die in einer Buchhandlung bestellen wollen). Die
„Aufzeichnungen eines Jägers“ sind ganz kurze Erzählungen, in denen
Turgenev versucht, Typisches der einfachen russischen Bauern
festzuhalten. Das war zugleich auch Kritik an den herrschenden
Verhältnissen; die Adligen lebten gut damit, die Bauern als ungehobelte
Halbprimaten anzusehen, um sie gewissenloser ausbeuten zu können – ganz
nach dem Muster, wie es die Pensionisten heute mit uns machen.
Doch Zorn beiseite: Turgenevs Jäger in dem
Buch ist ständig auf Achse, ein road movie der Extraklasse. Aus dem
Staub machen, in alle Himmelsrichtungen verwehen. Nicht in die Mühle
geraten: „Uns unterdrücken heute andere Herren; aber ohne das geht es ja
offenbar nicht. Wo es Mehl gibt, muß gemahlen werden.“ Schulhof?
Bachelor? Rentenkasse? Turgenev!
(Ab 15)
Ivan Turgenev:
"Aufzeichnungen eines Jägers"
Aus dem Russischen, mit Anmerkungen und
einem Nachwort versehen von Peter Urban
manesse Verlag 2007
704 S., Euro 24, 90
ISBN-13: 978-3717520580
Kein
Girls' Day
Detektivin Maisie Dobbs
Maisie Dobbs’ Grips wird durch Billy
Beales Handfestigkeit ergänzt, ein Mann, gröber als Miss Marples Mr
Stringer, aber genauso treu. Maisie Dobbs’ Welt ist vom Ersten Weltkrieg
beherrscht, und das hilft, auch in Zeiten der als notwendig gepredigten
Kriege (wie immer alle Kriege zur Notwendigkeit erklärt werden) zu
merken, wie zerstörerisch Krieg in Wahrheit ist. Wer verspricht den
Typen, die zur Bundeswehr gehen und dann nach Afghanistan, dass sie
nicht wie Mrs Davenhams Ex-Geliebter, Vincent Weathershaw, halbtot und
mit zerfetztem Gesicht aus dem Krieg zurückkommen? „Maisie Dobbs – Das
Haus zur letzten Ruhe“ ist auch ein Anti-Kriegsbuch. Zwischen all den
gescheiterten Helden tut eine wie Maisie Dobbs doppelt gut. Sie stellt
sich nicht nur hin und nennt Täter, sie übernimmt Verantwortung. Das
Gegenteil von den meisten, die im Moment die Fahnen schwenken. Mehr
Maisie Dobbs’, mehr von Maisie Dobbs!
Jacqueline Winspear:
„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe"
Wunderlich 2007
416 S., Euro 12,90
ISBN-13: 978-3805208192
Die
Bedeutung des Miteinander-Redens
Josephine Kroetz' Debutroman
Von Susan Müller
Wir befinden uns in dieser „Geschichte für
Scheidungskinder“ (so der Untertitel) in zwei Welten, die
unterschiedlicher nicht sein könnten. Das nicht nur ihres Zeitalters
wegen, sondern hauptsächlich in Bezug auf die Art, wie die Menschen in
ihnen leben. Eindrücklich wird genau dies geschildert; ein spannendes
Unterfangen, das der Autorin Josephine Kroetz gelingt. Und wie: Dem
häufigen Dilemma literarischer Werke, die auf zwei Ebenen spielen,
erliegt der Roman nicht. Man muss nicht ständig geistig hin und her
springen, in Sorge, den Faden zu verlieren und irgendwann die Lust, dem
Ganzen noch zu folgen. Nein: Josephine Kroetz versteht es wunderbar,
einerseits die Zeit im Alten Griechenland und das Heute zu teilen, aber
andererseits auch verschmelzen zu lassen.
Unsere Romanheldin Lü ist eigentlich mit
dem Leben in der Antike gar nicht zufrieden. Der Vater ist streng, und
Frauen haben keine Rechte, sondern eine Menge an Pflichten, und
Vergnügungen, wie vielleicht Theaterbesuche, sollen ihnen gleich gar
nicht vergönnt sein. Was aber, wenn genau das – ins Theater zu gehen! -
das junge Mädchen furchtbar reizvoll findet? Mit Phantasie und
Einfallsreichtum kann sich Lü, verkleidet als junger Mann, ins Theater
schleichen, nur leider kommt eines Tages der Vater dahinter. Die Strafe
lässt Lü krank werden, und ihr einziger Ausweg ist Zeus, dem sie
ursprünglich nur ihr Herz ausschütten will, der sie aber direkt als
geeignet für eine Aufgabe im 21.Jahrhundert befindet. Und ehe Lü sich
versieht, findet sie sich in dem fremden Zeitalter wieder. Sie hat
Eltern, einen Bruder und eine beste Freundin. Dass sie sich erst
zurechtfinden muss, schieben die Menschen an ihrer Seite auf einen Sturz
mit Kopfverletzung, den sie in „dieser“ Welt gerade erlitten hatte. Mit
ihrem kleinen Bruder Davinci hat sie jemanden, der sich geduldig um
Erklärungen für Lü bemüht. So fängt sie an, sich im 21. Jahrhundert
wohlzufühlen … denn das allerbeste ist, dass das Theater hier nicht
verboten ist!! Lü kann es besuchen, wann sie will, und sie lernt dort
auch noch den süßen Patrick kennen.
Leider hält die anfängliche Familienidylle
dem Alltag nicht stand, ihr Vater als Lehrer versucht einem
„Problemfall“ zu helfen, das geht für ihn nach hinten los und kostet ihn
letztendlich seinen Job. Ihre Mutter kümmert sich um die häuslichen
Belange, ihr Mann bezieht sie aber kaum ein in seinen Berufsalltag, sie
wird immer unzufriedener in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Die
Streitereien zwischen beiden werden häufiger, was sich auf die
allgemeine Stimmung daheim überträgt. Jeder versucht für sich die
Situation zu meistern. Lü hat Glück, sie bekommt für ihr Seelenheil
Hilfe der Götter. Die kümmern sich darum, dass Patrick und Lü sich
ineinander verlieben.
Lüs Mutter kehrt wieder in ihren Beruf als
Journalistin zurück. Keine Lösung, im Gegenteil. Neue Reibungspunkte,
noch mieser Stimmung. Als Lü sich ihren Kummer von der Seele schreibt,
scheinen auch die Eltern zu verstehen. Sie entschließen sich zur
Trennung, entdecken neue Werte, und auch miteinander können sie
plötzlich wieder umgehen. Lüs Aufgabe scheint erfüllt. Und damit ist
eigentlich auch klar, dass sie ins Alte Griechenland zurückkehren muss.
Ihr wird immer mulmiger, denn sie möchte sich von niemandem hier
trennen. Schon gar nicht von Patrick. Alles ist programmiert, meint man,
aber Lü wird von dem für sie verantwortlichen Gott nicht im Stich
gelassen. Als alles zu Ende scheint und ihre Aufgabe gemeistert,
ermöglicht er ihr mit einem Trick das Verbleiben im 21.Jahrhundert.
Josephine Kroetz vermag es, den Leser zu
fesseln und ihm bildlich die Gegensätze zweier Welten zu vermitteln. Sie
schiebt die Bedeutung der Kommunikation - des Miteinander-Redens -,
in den Mittelpunkt und verdeutlicht sie in den beiden, obschon so weit voneinander
getrennten Epochen. Schlussendlich ist es so einleuchtend: „Man muss
die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden“
(Ab 15)
Josephine Kroetz:
„Man muss die Welt nicht verstehen, man
muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für
Scheidungskinder“
Rowohlt 2008
204 S., Euro 7,95
ISBN-13: 978-3499623264
Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg
von Heidi Klum
Walter Vogel:
„Caffè, per favore! Die Welt des
italienischen Caffès“
ars vivendi 2007
128 S., Euro 16,90
ISBN-13: 978-3897165076
Der Mond, die Tiere
Silvia Schopf schreibt darüber, wie
verschiedene Völker mit dem Tod umgehen
Von Andreas Drouve
Die Lesehappen kommen wohl dosiert daher
und schmecken nach mehr. Interessant sind auch die mit den märchenhaften
Erzählstoffen verwobenen Sachblöcke, in denen Autorin Schopf mit Themen
wie Tieren als Todesboten, dem Schlaf als kleinen Todesbruder und dem
Mond als Sinnbild für Leben und Tod vertraut macht. Religionsethnologe
Josef Franz Thiel, vormals Direktor des Museums für Völkerkunde in
Frankfurt am Main, beschließt den sorgsam illustrierten Band mit
Betrachtungen zum "Leben danach". Was auf das irdische Dasein folgt, ist
letztendlich Glaubenssache ...
Autorin: Silvia Schopf
Titel: Wie der Tod in die Welt kam. Mythen
und Legenden der Völker
Verlag: Herder 2007
191 S., Euro 16,90
Bestellnummer: ISBN 978-3451296055
Lesealter: Ab 14
Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und
Lateinamerika.
Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu
glauben
Kristina Dunker hat den Thriller
"Schwindel" geschrieben
Von Susan Müller
Für alle Fälle hat sie immer ihr Tagebuch
dabei, dem sie sich in allen Lebenslagen anvertraut.
Doch was traumhaft werden soll, beginnt
schon katastrophal mit der Verspätung des Zuges, was für unsere
Titelfigur bedeutet, alle Anschlusszüge sind auf und davon. Sie redet
sich gut zu und versucht auch die Ruhe zu bewahren, als ihr Freund ihr
erklärt, sie nicht abholen zu können, da er sich verletzt hat. Mit viel
Mut und sich selbst gut zuredend, steuert sie den Weg zu Fuß an, durch
den Wald und im Dunkeln. Bei einer kurzen Rast wird sie Zeugin einer
Schlägerei, d.h. wie ein Junge verprügelt wird. Sie versteckt sich und
in ihrer Angst eilt sie auch nicht zu Hilfe, sondern hofft, nicht
entdeckt zu werden. Sofort, als die Schläger verschwunden sind, Begibt
sie sich zum Opfer und bietet ihre Hilfe an. Dies wird aber abgelehnt
und so geht sie weiter. Ihre innere Unruhe lässt sie aber nicht los, und
sie muss sich ihrem Freund mitteilen. Dessen Stimmung schlägt aber
sofort um und beunruhigt sie. Zu allem Überfluss hat sie jetzt noch
ihren Halt, das Tagebuch verloren, aber selbst als ihr Freund mit ihr
sucht als Wiedergutmachung für sein abweisendes Verhalten, bleibt es
verschwunden.
Sie lernt die Clique ihres Freundes kennen
und erkennt in ihnen die Täter, außerdem liest sie in der Zeitung vom
Verschwinden eines Mädchens. Ihr wird das alles unheimlich, aber sie
will durchhalten und erinnert sich an die Worte ihres Psychologen, der
auch eine Art Freund und Vertrauensperson für sie ist und besiegt ihre
Angst immer wieder aufs Neue. Bis ihr Tagebuch in Form von Auszügen
auftaucht und sie sich fragen muss, wem sie vertrauen kann. Steckt gar
einer aus der Clique dahinter? Wer will sie vertreiben? Und welchen
Zusammenhang gibt es zum Opfer der Schlägerei? Ist dieses gar nicht so
unschuldig? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie eines Abends über
die Leiche der Vermissten stolpert und selbst in Gefahr schwebt.
Ein unheimlich packendes Buch, von
Freundschaft, Wahrheit, Lüge und einer Reihe von Verkettungen
unglücklicher Umstände. Es ist schwer für den Leser, es aus der Hand zu
legen, bis er alle Hintergründe kennt, denn ständig geraten andere unter
Verdacht. Die Romanheldin zeigt, was in ihr steckt, wie sie ihre eigenen
Ängste besiegt und wie schnell sich die große Liebe in ein Strohfeuer
verwandeln kann. Und wie viel es bedeutet, an sich selbst zu glauben!
Sobald sie das tut und stark ist, braucht
sie die Hilfe von dritten schon bald nicht mehr so oft.
Autorin: Kristina Dunker
Titel: Schwindel
Verlag: dtv 2007
237 S., Euro 6,95
Bestellnummer: ISBN 978-3423782197
Lesealter: Ab 15
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