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„Kafkas Puppe“ oder Franz
Kafka einmal ganz menschlich
Gerd Schneider: „Kafkas
Puppe“ |
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Selbstzerstörung, lustig
Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen autobiographischen
Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte |
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Der dunkle Punkt des
Unfalls
Jiro Tanguchis „Bis in den
Himmel“ ist ein Autorenmanga. Zum Glück. |
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Gefühlschaos Sara Zarr:
“Long-lost friend” |
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Berauschend!
Véronique M. Le Normand:
„Lily und die Liebe“ |
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Der goldene Löffel |
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Der Wiskeyflaschenbaum |
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Viele verschiedene Arten
der Liebe
Jenny Valentine: "Wer ist
Violet Park?" |
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Worüber keiner spricht |
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Den Kampf des alltäglichen
Überlebens
"Worüber keiner spricht"
von Alan Stratton
Gebeutelt, aber stark:
Chanda, 17, in einer Welt von Kindersoldaten und Aids
Allan Stratton: "Chandas
Krieg" |
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Nachhernachher |
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Auf abenteuerlicher Spur
eines Rätsels – nach sich selbst
Erik L’Homme: „Phaenomen“ |
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Thriller mit
psychologischem Tiefgang
Kristina Dunkers
"Vogelfänger" |
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Genau angepasst an das
Alter der Sechstklässler
Kristina Dunker: „Gemeinsam
gegen den Rest der Welt“ |
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Verschiedene Definitionen
von Liebe
Kristina Dunker: „Liebe
gibt’s nicht“ |
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Von innen heraus -
gefühlvoll und informativ
Mouchi Blaise Ahua: „Auf
der Suche nach Asyl in Deutschland“ |
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Für jeden ahnungslosen
Teenager absolut empfehlenswert
Ein Aufklärungsbuch: „Only
for Girls“ |
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Du dachtest du hättest ... |
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Im Test mit jungen Lesern:
Die „Bibel in gerechter
Sprache |
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Erschreckend:
Erziehungscamps
Nicht nur spannend, auch
eine Anregung zum Nachdenken:
"Kaltgestellt – Kontrolle
wider Willen" von Johan Heliot |
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Ein Königreich für ein Grab |
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Alle Register gezogen
Ein neuer Thriller von
Ilkka Remes |
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Durchaus gefährlich
Spannend: "83Gigabyte" von
Christian Grenier |
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Für unsere Zeit in unserer Welt:
"Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik |
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Wie ein Kleeblatt zerfällt
In bester Thrillermanier:
Kristina Dunkers „Sommergewitter“ |
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Blitzableiter der Familie,
Modell für einen Maler
Ivy in "Die Göttin aus der
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Bedrückende Stimmung
Ein Psychothriller der
Extraklasse: "Die Farbe der Angst" |
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Nicht in die Mühle geraten
Dank Turgenev |
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Kein Girls' Day
Detektivin Maisie Dobbs
„Maisie Dobbs - das Haus
zur letzten Ruhe" von Jacqueline Winspear |
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Die Bedeutung des
Miteinander-Redens
Josephine Kroetz'
Debutroman: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss
sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für
Scheidungskinder“ von Josephine Kroetz |
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Was eben wirklich schön
ist- ganz weit weg von Heidi Klum
"Caffè, per favore! Die
Welt des italienischen Caffès!" von Walter Vogel |
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Der Mond, die Tiere
Silvia Schopf schreibt
darüber, wie verschiedene Völker mit dem Tod umgehen: "Wie
der Tod in die Welt kam" |
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Wieviel es bedeutet, an
sich selbst zu glauben: "Schwindel" von Kristina Dunker |
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Ohne Klischees: Bei Naber ermittelt
eine Hard-boiled- Frau |
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„Kafkas
Puppe“ oder Franz Kafka einmal ganz menschlich
Gerd Schneider: „Kafkas Puppe“
Von Iris Kersten
„Was schreibst du denn da die ganze
Zeit?“, fragte mich heute morgen mein vierjähriger Sohn.
Ich habe es ihm so erklärt:
„Ich schreibe über ein Buch, in dem ein
Mädchen seine Puppe verloren hat. Aber dann kommt ein netter Mann. Der
heißt Kafka. Und Kafka sagt dem Mädchen, dass es nicht mehr traurig sein
solle. Die Puppe sei nur auf Reisen gegangen und sie werde dem Mädchen
Briefe schreiben.
Weil jetzt der Mann die Briefe überbringen
muss, treffen sich Kafka und das Mädchen jeden Tag und werden Freunde.“
Und ich habe meinem Sohn gesagt, dass ich
auch schreiben werde, dass es ein sehr schönes Buch ist und dass alle
Leute es lesen sollen.
Das war die Kurzfassung.
Und
hier die ausführliche Version:
Kafka steht für das Kafkaeske, aber
kafkaesk ist dieser Roman für Jugendliche und Erwachsene ganz und gar
nicht. Steht dieses Wort doch für das Undurchschaubare und
Geheimnisvolle, das Unheimliche und Bedrohliche. Dieses Werk ist genau
das Gegenteil.
Auf geradezu poetische Weise beschreibt
der Kafkaexperte Gerd Schneider eine Begegnung zwischen dem
Schriftsteller Franz Kafka und einer siebenjährigen Waise, die ihre
Puppe verloren hat. Schneider verknüpft Fiktionen mit Kafkas Werken,
seiner Biografie und historischen Fakten der Zwanziger Jahre. Er
beschreibt die letzten Wochen Kafkas in Berlin, bevor er in ein
Sanatorium bei Wien gebracht wird, wo er am 3. Juni 1924 stirbt.
Der seinerzeit vierzigjährige Autor trifft
die weinende Lena 1923 in Berlin im Steglitzer Park. Er spricht das
Mädchen an. Lena erklärt den Grund ihrer Trauer und schildert das
Aussehen der verlorenen Puppe. Kafka reagiert spontan: „Dann habe ich
sie gesehen, deine Puppe [...] Sie kam mir entgegen.[...] Ich glaube,
sie wollte schreiben.“ Die folgenden Briefe, die Kafka Lena nun täglich
überreicht, überzeugen das zuerst skeptische Mädchen, dass es ihrer
Puppe gut geht. Die Briefe helfen Lena, ihren Verlust zu überwinden.
Der Briefeschreiber und -überbringer lässt
die Puppe zum Leben erwachen und auf Reisen gehen. Er gibt ihr einen
Namen: Mira. Auf ihrer Puppenreise fliegt Mira mit einem Heißluftballon,
unterhält sich mit Luftgeistern und trifft auf ungewöhnliche Gestalten
wie zum Beispiel Don Quijote, den Menschenaffen Rotpeter und sieben
singende Wölfe.
Bei der Aufzählung der Reiseabenteuer wird
der Kafkaliebhaber aufhorchen. Findet er hier doch die Verknüpfung zu
Kafkas Werken. Schneider flicht die Motive aus den Erzählungen Kafkas
sowohl in die Puppenreise als auch in die Beschreibungen von Kafkas
Lebensumfeld ein.
Kafka selbst stellt er als kinderliebenden,
bis zum Lebensende positiven, sogar fröhlichen Menschen dar und nimmt
damit dem Autor die geheimnisvolle und rätselhafte Aura.
Der Leser erfährt, wie Kafka – endlich dem
väterlichen Haus in Prag entkommen – in ärmlichen Verhältnissen, von der
Hauswirtin beäugt, mit seiner Lebensgefährtin Dora in Berlin lebt. Es
wird auch auf seine tiefe Verbundenheit zu seiner Schwester Ottla
hingewiesen.
Der Roman liefert keine
tiefenpsychologischen Details, trotzdem werden Kafkas Kinderjahre und
das schwierige Verhältnis zu seinen Elten angeschnitten, ebenso wie sein
Unwohlsein über das Unverständnis, das die damaligen Leser seinen Texten
entgegenbrachten.
Den Autor und das Mädchen verbindet eine
gewisse gegenseitige Abhängigkeit:
Kafka kann es kaum erwarten, Lena die
Neuigkeiten von der Puppenreise zu überbringen. Es ist, als wenn die
Begegnungen mit dem Mädchen dem todkranken Schriftsteller neues Leben
einhauchten.
Lena wartet täglich auf einen weiteren
Brief von ihrer Mira. An jedem ihrer Abenteuer wächst die Puppe. Und mit
ihr wächst auch Lena. Mira findet während ihrer Reise eine Familie, bei
der sie eine Zeit lang bleibt. Weil aber die Puppe ihre Liebe zum Zirkus
entdeckt, verlässt sie ihre neuen Eltern wieder. Sie wird die
Seiltänzserchule besuchen und keine Zeit mehr zum Schreiben haben. So
hat Kafka die Welt für das Mädchen wieder in Ordnung gebracht. „Sei
nicht traurig. Ich habe dich ganz lieb, Lena.“ Damit enden die Briefe.
Letztendlich nimmt das Leben des Mädchens
selbst einen ähnlichen Verlauf wie die Entwicklung der Puppe. Auch die
Waise Lena bekommt schließlich Eltern. Und sie darf die Zirkusschule
besuchen. Sie ist für die Kunst auf dem Seil wie geschaffen. Zehn Jahre
lebt sie bei ihren Eltern, dann kommen diese bei einem Autounfall ums
Leben. Lena bleibt beim Zirkus und wird – wie Mira – zur Königin der
Lüfte. Sie nennt sich Lenotschka.
Der Leser kommt dem Ende näher. Noch
vierzehneinhalb Seiten bis zum Schluss. Das Ende Kafkas und das der
Puppenreise sind zu erwarten. Der Schluss des Romans trifft den
ahnungslosen Leser wie ein Schlag: Er findet zwanzig Jahre später in
Theresienstadt im Konzentrationslager statt. Hier schließt sich der
Kreis, als Lenotschka ihre Puppe Mira in den Armen eines Kindes
entdeckt. Das Kind ist in Begleitung einer Frau, deren Augen Lena an die
Augen Kafkas erinnern. Es ist Ottla, Kafkas Schwester.
In einem Nachwort erwähnt Schneider alle
zitierten oder angesprochenen Werke Kafkas. Auch gibt er weitere
Hintergrundinformationen zu Kafkas Leben, zur Suche nach den
Puppenbriefen, die es tatsächlich gegeben hat und zur politischen
Situation Deutschlands. Er ist davon überzeugt, dass Kafka durch seinen
Tod dem Holocaust, dem die ganze Familie und auch Dora zum Opfer
gefallen sind, entgangen ist.
Hat sich wenigstens Lena aus den Klauen
der Nazis retten können? Das soll ein Geheimnis bleiben.
Was bleibt, ist eine große Tristesse und
ein Hauch von Kafka. Es lässt den Leser auf der Suche nach Kafkas Werken
zum Bücherschrank (oder in die Buchhandlung) stürzen, um die Erzählungen
mit den von Schneider gegebenen Hintergrundinformationen entweder
kennenzulernen oder um sie wieder und dabei neu zu entdecken.
Gerd Schneider:
Kafkas Puppe
224 Seiten, Euro 6.50
Arena 2009
ISBN 978-3-401-50148-2
(für Jugendliche ab ca.13 Jahren, die Lust
haben, Kafka kennenzulernen;
aber auch für Erwachsene, die sich Kafka (wieder)erlesen
wollen)
Die Rezensentin lebt als Autorin und
Kinderbuchautorin in Brüssel. Sie leitet zudem Workshops für Kinder für
Kreatives Schreiben.
Hoch

Selbstzerstörung,
lustig
Der Mangazeichner Hideo Azuma wirft einen
autobiographischen Blick auf seine Arbeit, die ihn fast zerstört hätte
Von Jan Fischer
Hideo
Azuma steigt aus. Nicht einfach nur ein bisschen, nicht nur halbherzig,
nein, Azuma gibt seine Wohnung auf, kampiert mitten im Winter bei Regen
und Schnee im Park unter einer Plastikplane, sammelt Zigarettenkippen
vom Boden auf und gibt das wenige Geld, das er auf der Straße findet für
Sake aus. So beginnt die autobiographische Geschichte des Mangazeichners
Hideo Azuma, und die Gründe dafür werden erst nach und nach klar: Azuma
ist dem Produktionsdruck nicht mehr gewachsen, schafft es nicht mehr,
alle Zeichnungen, die er abzuliefern hat abzuliefern, beginnt zu trinken
um schlafen zu können, wird immer mehr zum Alkohol- und Drogenwrack, bis
er beschließt: Es ist genug. Unter diesen Bedingungen kann und will er
nicht mehr arbeiten. Aber damit ist natürlich nicht alles gut: Auch,
wenn das Aussteigerleben zunächst – vergleichsweise – entspannend ist,
macht es nichts besser. Alkoholiker ist Azuma immer noch, und als er aus
lauter Langeweile beginnt, bei einem Bauunternehmen zu arbeiten, ist sie
wieder da, die Schinderei. Die Geschichte endet in einer Entzugsklinik,
wo Azuma versucht, sich wieder in Ordnung zu bringen.
Azuma befasst sich in seinem
autobiographischen Comic mit der dunklen Seite der Mangaindustrie:
Millionen Seiten der japanischen Comics werden Tag für Tag gezeichnet,
aus erfolgreichen Zeichnern wird dabei gnadenlos Comicseite um
Comicseite herausgemolken. Azuma weiß, wovon er zeichnet: Seit 70er
Jahren bis zu seinem Leben als Aussteiger war er selbst ein Teil dieser
Industrie, hauptsächlich gefragt wegen seiner leichtekleideten
Frauenfiguren, nicht so sehr seiner erzählerischen Ambitionen wegen.
„Der Ausreißer“ ist ein Comic, der nicht
nur die die menschlichen Tiefen eines einzelnen Mangazeichners zeigt,
sondern das Bild einer Kunstform zeichnet, die ungeschützt einem
gnadenlosen kommerziellen Druck ausgeliefert ist.
Dabei klagt Azuma nicht an: Er weiß, dass
er gegen das System nicht ankommen kann, und letztendlich hat er sich
seine Arbeit ja auch ausgesucht. Selbst in seinem Ausstieg, als
Bauarbeiter, nimmt er noch einmal an einem Mangezeichenwettbwerb teil,
den er auch prompt gewinnt. Azuma klagt nicht an, er zeichnet nur auf,
und übernimmt die volle Verantwortung für alles, was ihm passiert. Er
erzählt seine Geschichte in unaufgeregten Bildern, mit verniedlichten,
rundköpfigen Figuren. Was da passiert, ist nie tragisch, Azuma wälzt
sich nicht in Selbstmitleid, sondern erweist sich als einer, der die
komischen Momente seines Aussteigerdaseins hervorkehrt. Und er hat Recht
damit: Zuviel Realismus, und die Geschichte verkäme zu einem einzigen
Wust aus Alkoholikerselbstmitleid. Mit „Der Ausreißer“ stellt sich Azuma
würdig in die Tradition großer Mangaautobiographien wie Nakazawas „Barfuß
durch Hiroshima“, aber wo Nakazawa die Tragik hervorkehrt, versteckt
Azuma sie hinter seinem Witz. Ernst zu nehmen ist er trotzdem.
Hideo Azuma:
„Der Ausreißer“
Schreiber & Leser
192 S., Euro 14,95
ISBN 978-3-937102-70-2
Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum
Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein
kurzer Überblick von innen" erschienen.
(ISBN 978-3-938531-60-0)
Hoch

Der dunkle Punkt des Unfalls
Jiro Taniguchis „Bis in den Himmel“ ist
ein Autorenmanga. Zum Glück.
Von Jan Fischer
Es
geht alles sehr schnell. Dann sehr langsam. Erst der Unfall: Ein paar
Bilder ohne Worte, über die das Auge förmlich fliegt. Dann die
Probleme: Der junge Motoradfahrer Takuya und der alte Angestellte
Kubota werden ins Krankenhaus gebracht, der ältere der beiden stirbt,
der jüngere erwacht aus dem Koma. Problematisch nur, dass der Geist des
älteren im Körper des jüngeren steckt. Noch problematischer, dass der
Geist des jüngeren auch noch mit drinsteckt.
Solche mysteriösen Verjüngungen sind
vertrautes Terrain für Jiro Taniguchi: In dem in Deutschland 2007
erschienenen Band „Vertraute Fremde“ macht ein Mann nur einen kurzen
Umweg über seinen Heimatort, und ist plötzlich 30 Jahre jünger. Aber
wenigstens ist er noch er selbst. In „Bis in den Himmel“ stecken zwei
unterschiedliche Menschen in einem Körper, und es ist schnell klar:
Obwohl sich zwischen Takuya und Kubota eine seltsame Art der
Freundschaft entwickelt, ist offenkundig: Einer muss gehen. Kubota sieht
ein, dass er tot sein müsste, und nachdem er sich von einer Frau und
seinen Kindern verabschiedet hat, ist er es, der geht.
Taniguchi erzählt langsam, ganz behutsam
tastet er sich durch die Innenwelten seiner Protagonisten, nicht, als
erlebten sie gerade eine mysteriöse Körpertauschgeschichte, eher so, als
wäre seine Geschichte ein Autorenfilm. Dass zwei Geister irgendwie in
einen Körper gezaubert wurden? Ist halt so. Damit hält er sich nicht
weiter auf. Interessanter ist, wie die Witwe des Verstorbenen mit der
Trauer klarkommt. Wie Takuyas Freundin und seine Eltern damit umgehen,
dass im Körper ihres Sohnes und Freundes ein Vierzigjähriger zur
Untermiete wohnt. Oder was genau eigentlich den Unfall verursacht hat.
Denn eigentlich ist es das, worum die Protagonisten in „Bis in den
Himmel“ die ganze Zeit rotieren: Den dunklen Punkt des Unfalls. Was ist
passiert? Warum? Erst, als das geklärt sich, kann Kubota sich
verabschieden.
Taniguchi hat sich einen seltsamen
stilistischen Hybriden gezüchtet: Seine Handlung, Bildführung und sein
Personal hat er aus dem Manga, trotzdem stehen seinen präzisen,
schattenlosen Linienwelten klar erkennbar in der belgofranzösischen
Comictradion. Die Hintergründe sind gleichzeitig präzise und scheinen
ständig im Nebel zu verschwinden, die Figuren, die er davor setzt, sind
mit starkem Stift gezeichnet und stechen hervor, als wären sie das
einzig Reale, das einzige, was sich nicht ständig verflüchtigt.
Taniguchi ist einer der Mangaautoren,
derjenigen Zeichner, die sich eine Namensnennung auf den Umschlägen
ihrer Alben erkämpft haben und die sich in anderen, ernsteren Welten
bewegen als Manga-Fastfood à la Dragon Ball, noch mehr: er ist einer der
Mangaautoren, deren Alben zumindest teilweise auch in Europa, vor allem
in Deutschland zu bekommen und einigermaßen erfolgreich sind und dank
seiner europäischen Teile das Mangabild, das hierzulande immer noch
herrscht – bunt, action, dumm – langsam, Stück für Stück umkrempeln.
Jiro Taniguchi:
"Bis in den Himmel"
Schreiber und Leser 2009
302 S., Euro 16,95
ISBN
3941239104
Der Rezensent ist Kulturjournalist. Zum
Thema ist von ihm das Essay "Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Manga und Anime, Jugendliche und Kinder. Ein
kurzer Überblick von innen" erschienen.
(ISBN 978-3-938531-60-0)
Hoch

Gefühlschaos
Sara Zarr: “Long-lost friend”
Von Susan Müller
Jenna hat sich beim Umzug nicht nur vom
Namen Jennifer gelöst, sondern damit von ihrem „alten“ Leben. Ihr bester
und gleichzeitig einziger Freund Cameron war von einem auf den anderen
Tag verschwunden. Immer wirft es bei Jenna die Frage auf, wie er sie
ohne Verabschiedung allein lassen konnte und ob es mit seinem Zuhause zu
tun hat, denn die verletzende Art seines Vaters hatte auch sie schon zu
spüren bekommen. Jenna, damals noch die dicke Jennifer, hatte sie beide
damals aus der schrecklichen Situation befreit. Sie hat nie jemandem
davon erzählt, nicht ihrer Mutter und auch keinem anderen, doch
vergessen hat sie es nie. Als dann in der Schule das Gerücht umgeht,
Cameron sei tot und selbst ihre Mutter dies nicht dementiert, fügt sich
Jennifer in die unvermeidliche, unverständliche und schmerzhafte, für
sie endgültige Tatsache. Sie speckt ab, denn ihre Molligkeit war
schließlich außer für ihre Mitschüler auch der Anlass für Camerons Vater
zum Spott. Jennifer wird Jenna und ihr Nachname ändert sich durch ihren
Stiefvater auf Vaughn statt Harris. Und so versucht sie an der neuen
Schule einen kompletten Neubeginn. Selbst ihr Wesen verändert sie durch
Anpassung.
Alles scheint gut, beliebt bei der Clique
mit einem festen Freund, Ethan, bis Cameron wie aus dem Nichts wieder
auftaucht. Fast augenblicklich ist die Vergangenheit zurück. Jenna ist
nicht mehr sie selbst oder wer sie in letzter Zeit zu sein glaubte.
Cameron will nicht wirklich in die Clique integriert werden, die Jenna
ihm als ihre Freunde vorstellt. Auch spricht sie nicht im Detail an, wie
gut sich die beiden kennen, nur das sie dies tun. Cameron wird von den
Mädels angehimmelt, nur lässt das ihn zu deren Leidwesen kalt. Ethan
wiederum überwacht die erstaunliche Vertrautheit der beiden mit Argwohn,
bis Jenna klar wird, dass sie ihn nicht liebt und sich von ihm trennt.
Sie kehrt mit Cameron noch mal in ihrer beider alten Wohnort zurück,
aber ohne wirklichen Erfolg. Doch dann erfährt Jennas Mutter eines Tages
von Camerons Rückkehr und er bei Vaughns wohnen soll. Aber er ist und
bleibt rastlos. Sein Wunsch, Jenna wiederzusehen, ist erfüllt und nun
will er seinen Geschwistern ein liebevolles Zuhause geben, denn seine
Mutter hat sich vom Vater noch immer nicht dauerhaft getrennt. Bevor er
geht, gesteht ihm Jenna in der Nacht ihre Liebe, in der Hoffnung, dass
der Schlafende sie nicht hört. Am nächsten Morgen ist er weg und Jenna
bleibt erneut zurück, mit dem Wissen darum, wie sich offenbar die einzig
wahre Liebe anfühlt. Bedingungslos, ungeachtet von Entfernungen und
scheinbar lebenslang.
Ein tolles Buch ohne greifbares Happyend,
aber verständlichen Emotionen, nachvollziehbarem inneren Gefühlschaos
und letztlich die Erkenntnis, nicht alles läuft im Leben wie gewünscht.
Sara Zarr hat klasse Arbeit geleistet.
(Ab 13)
Sara Zarr:
“Long-lost friend”
Aus dem Englischen von Eva Riekert
272 S., Euro 8,95
dtv junior 2009
ISBN 978-3423713696
Hoch

Berauschend!
Véronique M. Le Normand: „Lily und die
Liebe“
Von Anne Möller
Lilys
Liebesgeschichte beginnt wie jede Teenager-Geschichte. Lily B. ist 16
Jahre alt und hat keine Ahnung, dass sie in ihren besten Freund verliebt
ist. Noch nicht – denn sie merkt es natürlich sofort, sobald sie mit
einem anderen Jungen sozusagen liiert ist und ihr einst bester Freund
wegen eines großen Fehlers von Lily ihr praktisch die Freundschaft
kündigt.
Doch was nur schleppend und langsam
beginnt, entpuppt sich als kleines Meisterstück.
Auf inhaltliche Überraschungen kann man
verzichten angesichts der literarischen Finesse und der liebevollen Erzählweise.
Jedes Kapitel aus Lilys Geschichte beginnt
mit einer kleinen Lebensweisheit, keiner grundlegend neuen, und sie sind
das Salz in der erzählerischen Suppe auf der kleinen
Zugfahrt zu Lilys Glück. Wie Momentaufnahmen - als würde man während
einer Zugfahrt nur alle paar Stunden aus dem Fenster schauen - werden uns
Fragmente aus Lilys Geschichte vor die Füße geworfen, die nie zu wenig,
aber auch bei weiten nicht genug verraten.
Diese Liebesgeschichte von Véronique M. Le Normand,
französische Journalistin und Autorin, ist 2006 in Frankreich
erschienen. Sie geht deutschen Lesern genauso nah wie allen anderen.
Allerdings: Sie müssen dieses Buch
wirklich lesen wollen, es baut zu Beginn der Lektüre Hürden auf: Man
bekommt kaum Zeit, die Charaktere richtig
kennenzulernen; und genau daraus speist sich später wird die besondere
Qualität von "Lily und die Liebe". Gerade durch kurze Sequenzen, die uns nie ein ganzes Bild des Geschehens gibt,
fühlt man sich nach dem Lesen wie nach einer Fahrt auf der Achterbahn.
Vollkommen berauscht von den so plötzlichen auftretenden Bildern!
(Ab 15)
Véronique M. Le Normand:
„Lily und die Liebe“
dtv 2009
96 S., Euro 5,95
ISBN: 978-3-423-78228-9
Hoch

Viele verschiedene Arten der
Liebe
Jenny Valentine:"Wer
ist Violet Park?"
Von Susan Müller
Der
Titel lässt natürlich erst mal den Schluss zu, dass wir es mit dem
Portrait eines Menschen zu tun haben... und das ist auch nicht falsch, nur:
Violte Park ist tot.
Als unser Romanheld Lucas eine Urne in einer Taxizentrale findet, ist
ihm zuerst nicht wirklich klar, warum er beginnt, sich für das frühere
Leben der Toten zu interessieren. Nach einem Gespräch mit seiner
Großmutter aber ist klar, er wird Violet (wie er von der Urnenaufschrift
weiß) von dem unpersönlichen Platz wegholen.
Lucas fragt sich (und indirekt auch uns) auf lustig-charmante Art, ob
vielleicht das Verschwinden seines Vaters vor vielen Jahren an dem
Gedanken schuld sei, unbedingt wissen zu wollen, wer Violet Park war.
Sein Vater verschwand einfach so und ließ
die Mutter mit drei Kindern allein, das letztgeborene kannte diesen nicht
einmal. Die Mutter leidet und gibt unbewusst den Kindern die Schuld,
dass ihr Mann das Weite gesucht hat, nur ist nicht einmal klar, ob er
tot ist oder sich einfach nur abgesetzt hat.
Doch Lucas kommt Stück für Stück der Wahrheit ein wenig näher. Er
erfährt im Laufe seiner Recherchen zu Violet, dass sein Vater diese zu
deren Lebzeiten sogar gekannt hat, und er kommt hinter ein gut gehütetes
ziemlich bedrückendes Geheimnis. Sein Vater sollte Violet Sterbehilfe
leisten.
Und er „ermittelt“ außerdem, dass Violet einen Sohn in ihrem
Testament angibt, den sie nie hatte. Er zählt eins und eins zusammen und
ist sich ziemlich sicher, der erfundene Sohn ist sein Vater und das Erbe
ist Belohnung für dessen Dienste und war Startkapital für ein neues
Leben, damit er aus seinem alten, ungeliebten ausbrechen konnte.
Lucas schreibt ihm einen Brief…. Das ist
das Ende des Romans und jetzt obliegt es uns, inwiefern wir unserer
Phantasie freien Lauf lassen, ob er ihm wiederbegegnen wird.
Ein tolles
Werk über Erfindungsreichtum, Phantasie und ernste Gedanken eines
Jungen, der seinen Vater unterschwellig derart vermisst, dass er ihn mit
dessen Sachen zu imitieren versucht oder Dinge tut, die die Mutter sehr
an ihren Mann erinnern und sie verletzen. Es zeigt uns aber auch, wie
ein selbstgeschaffenes idyllisches Bild des Vaters langsam verblasst,
das Verständnis der Mutter gegenüber größer wird.
Und es zeigt uns, auf
wie viel verschiedene Arten man Liebe ausdrücken kann.
(Ab 13)
Jenny Valentine
„Wer ist Violet Park?“
dtv 2009
208 S., Euro 8,95
ISBN: 978-3423623926
Hoch

Der Kampf des
alltäglichen Überlebens
"Worüber keiner
spricht" von Alan Stratton
Von Susan Müller
Chanda
ist das älteste von drei Geschwistern. Sie versucht ihre Mutter zu
trösten, als die jüngste Schwester, Sara, plötzlich mit nicht einmal 2
Jahren stirbt.
Die Mutter hat ihre Familie gegen
sich aufgebracht, als sie Chandas Vater heiratete und nicht den für sie
vorgesehenen Mann. Die anderen Geschwister haben einen anderen Vater als
Chanda; sie ist Halbwaise. Saras Vater wohnt mit der Familie unter einem
Dach, ist nur selten zuhause. Lieber betrinkt der sich, und das nach
Saras Tod noch öfter und mehr als vorher und ist so der Mutter keine
Stütze. Bruder Soli und Schwester Iris verstehen den Zustand der Mutter
wenig und Chanda ist bemüht, zu trösten, zu erklären und zu helfen -
denn den beiden klar zu machen, dass die Mutter sie noch liebt, ist
nicht einfach.
Eine Bezugsperson hat Chanda
allerdings noch, Esther, ihre Freundin. Deren Eltern starben plötzlich,
und die Todesursachen unterscheiden sich in offiziellen und
inoffiziellen Aussagen. Esther muss Geld verdienen, um ihre Geschwister
zu sich holen und aus dem Haushalt der ungeliebten Verwandtschaft
verschwinden zu können. Doch erst, als Esther eines Tages entstellt aus
einem Auto geworfen wird, wird Chanda klar, dass diese das Geld nicht
nur mit Touristenbegleitung und –fotos verdient.
Chanda hat immer mehr mit ihrer
eigenen Familie zu tun, die Mutter kränkelt.
Die extra herangeholte „Kräuterhexe“
kann auch nicht helfen, und allein mit dem Schmerz übers Saras Tod hängt
die Erkrankung nicht zusammen. Chandas Mutter fährt schweren Herzens
nach Tiro zu ihrer Familie, um eventuell Hilfe zu erfahren.
Chanda bleibt mit den Geschwistern
unter der Obhut der besserwisserischen Nachbarin zurück. Ab und zu wird
im Ort das Thema AIDS erwähnt, der Krankheit, an der möglicherweise
Esthers Eltern starben.
Darüber verstärkt sich Chandas Angst
um die Mutter und deren unerklärlichen Gesundheitszustand noch. Sie
fährt kurzerhand nach Tiro, denn die Mutter hinterlässt nicht, wie
ausgemacht, Nachrichten bei der Nachbarin. Dort angekommen, muss sie
erfahren, dass die Familie ihre Mutter in den hintersten Winkel
außerhalb des Ortes in eine Hütte verbannt hat, weil die Krankheit der
Mutter argwöhnisch betrachtet und als gerechte Strafe für ein Verhalten
angesehen wird.
Chanda kommt gerade noch rechtzeitig,
um ihre Mutter im Sterben nicht allein zu lassen. Das es sich um AIDS
gehandelt hat, muss die Familie geheim halten und diese Schande weit von
sich weisen. Chanda hat trotz ihrer Jugend viel über die Menschen und
deren nicht nur guten Eigenschaften gelernt, aber sie gibt nicht auf,
sie wird ja gebraucht.
Der Stiefvater hat sich aus dem Staub
gemacht. Gemeinsam mit Esther und der Nachbarin und dem Häuschen, das
ihr gehört, nimmt Chanda den Kampf des alltäglichen (Über)Lebens auf.
(Ab 14)
Alan Stratton:
„Worüber keiner spricht“
Aus dem Englischen von Heike Brandt
dtv pocket 2005
272 S., Euro 7,95
ISBN 978-3423782043
Hoch

Gebeutelt, aber stark: Chanda, 17,
in einer Welt von Kindersoldaten und Aids
Allan Strattons "Chandas
Krieg"
Von Susan Müller
"Chandas
Krieg" - ein düsterer Titel. Und Chanda führt einen Krieg. Sie und ihre
Geschwister erleiden ein hartes Schicksal, auf das sie ihre eigenen
Antworten finden müssen. Der kanadische Autor Allan Stratton kommt aus
dem dramatischen Fach, er war Schauspieler am Theater und hat zahlreiche
Stücke verfasst. Und er ist Aids-Aktivist in Afrika. So merkt man sein
großes Engagement und sein Können, Realitäten dramaturgisch für
jugendliche Leser aufzubereiten, schon in seinem ersten Buch über Chanda,
"Worüber keiner spricht" (2005). In der Fortsetzung ist Chanda ein Jahr
älter, siebzehn, und kämpft um ein menschenwürdiges Leben.
Chandas Krieg ist eher ein
Gegenkrieg. Ihre Mutter stirbt an Aids, einsam und verlassen. Mit Aids
will keiner, auch niemand in der Verwandtschaft etwas zu tun haben. Da
die Mutter sich gegen die Traditionen verhalten und sich selber einen Mann gesucht hat,
anstatt den vorausgewählten zu nehmen, sind sich alle sicher: Aids war
die Strafe.
Doch Chanda liebte ihre Mutter, und dem Versprechen, dass sie ihr gab, sich um
die kleineren Geschwister zu kümmern, kommt sie mit ihren jungen Jahren
so gut es geht nach.
Aber ihre Schutzlosigkeit ist
offensichtlich. Als eine Nachbarn vorschlägt, sie sollten zu ihren
Verwandten ins entfernte Tiro gehen, willigt Chanda ein. Während sich die Kleinen sofort und
gut mit der Großmutter verstehen, kann Chanda nicht ganz vergessen, wie es ihrer
Mutter erging. Sie bleibt distanziert.
Da geschieht das Unfassbare. Chanda
ist nicht daheim, als ein brutale Mörder zuschlägt und die
Tante und den Großvater töten und die Kinder verschleppen, die als
Kindersoldaten eingesetzt werden sollen. Paco, dem kleinsten der Nachbarsjungen,
ergeht es ebenso.
Chanda nimmt das Verschwinden ihrer
Geschwister nicht hin. Sie macht sich, zusammen mit Pacos Bruder Nelson,
auf, um sie zu finden und zu befreien. Die beiden lesen Fährten und machen
sich ihr Wissen über die Tiere und die Natur zunutze, um
den Soldaten, aber auch Löwen und Krokodilen zu
entgehen.
Es ist alles andere als leicht, aber Chanda
gibt nicht auf, und sie gewinnt diesen, ihren Krieg,
denn mit Mut, Hartnäckigkeit, List und nicht zuletzt der Liebe zu ihren
Geschwistern schafft sie es gemeinsam mit Nelson, die beiden und Paco zu befreien.
Dieses Buch sorgt immer wieder für
Gänsehaut, es ist nicht nur die Spannung, sondern auch die
Fassungslosigkeit über das Unmenschliche, das hier so selbstverständlich
durch die Fehllenkung einzelner um sich greift. Das Thema
"Kindersoldaten" ist, auch durch mehrere ins Deutsche übersetzte
Erlebnisberichte, in die Diskussion gekommen, und es ist gut,
Jugendlichen diesen mitreißenden Roman dazu in die Hände geben zu
können. Grundlagen, um die Debatten zu verstehen, sind damit gelegt.
"Chandas Krieg" hinterlässt
noch mehr, auch ein gutes Gefühl nämlich: Welche Kräfte man entwickelt, wenn die Liebe stärker
ist als jede Vernunft. Chanda überlässt ihre Geschwister nicht kampf-
oder schutzlos einfach der Macht des Bösen, und ihr „Dagegenankämpfen“
ist mehr als bewundernswert.
(Ab 14)
Allan Stratton:
„Chandas
Krieg“
Aus dem Englischen von Heike Brandt
dtv 2007
336 S., Euro 7,95
ISBN: 978-3423782180
Hoch

Auf abenteuerlicher Spur
eines Rätsels – nach sich selbst
Erik L’Homme: „Phaenomen“
Von Clelia Klapp
Endstation:
Klinik für hoffnungslose Fälle: Claire stolpert gegen Türen und Wände,
sieht ihre wahre Natur als Elfe verkörpert, Arthur schweigt, will von
der Welt nichts hören und sehen, malt Affen an die Wand, Violaine hat
Angstträume, in denen sie von beängstigenden Drachen umgeben ist,
Nicolas verliert die Kontrolle über seine Augen und nimmt die Welt in
Farbflecken wahr.
Vier Jugendliche fühlen sich einsam, unverstanden, von einer als
bedrohlich empfundenen Außenwelt abgeschoben, die für sie lediglich das
Prädikat „verrückt“ und hoffnungslos übrig hat. Welch „normaler“ Mensch
würde sich da nicht verschließen, zurückziehen und in farbige
Bilderwelten abtauchen, die umso wertvoller sind, als sie ihnen Halt und
Schutz spenden. Auch für Ihren Arzt Doktor Barthélemy sind es
fremdartige Welten, und doch nimmt er sie so an, wie sie sind, was ihnen
Mut macht, sich zu öffnen, sich selbst und dem anderen zu vertrauen, der
anderes erlebt, und es gibt Kraft, der Klinik den Rücken zu kehren, um
sich auf die Suche nach ihrem plötzlich entführten Arzt zu begeben,
ferne Länder und Kontinente zu durchqueren, als Mitwisser geheimer
Dokumente ihr Leben zu riskieren.
Ganz lebendig und wissbegierig sind sie, Jugendliche, die sich ihrer
selbst erstaunlich bewusst sind, bewusster und selbstreflektierender als
manch durchschnittlicher „normaler“ Mensch - und mutig hinzuschauen,
sich den eigenen Ängsten zu stellen und sie so zu überwinden, gar zu
Stärken zu entwickeln - und hier kommt der gelungene Kunstgriff des
Autors, die seelischen Leiden der Jugendlichen in ganz besondere,
übersinnliche Fähigkeiten zu verwandeln: Aus Claires
Gleichgewichtsstörung wird die Gabe, Distanzen in kürzester Zeit zu
überwinden, Arthur zeichnet ein außergewöhnlicher Verstand und ein
fotographisches Gedächtnis aus, Nicolas erfährt, dass er mit seiner
Farbsicht durch Körper blicken kann und Violaine versteht es, das
Verhalten anderer Menschen zu manipulieren: Kräfte, die sie bewusst zu
aktivieren lernen, durch die sie ihre Verfolger fassungslos hinter sich
lassen.
Schön, wie hier der Autor aus gesellschaftlichen Außenseitern
„Phänomene“ entwickelt und zeigt, dass sich aus vermeintlichen Handycaps
Qualitäten gewinnen lassen.
Nicht zuletzt dadurch, dass Erik L’Homme in seiner abenteuerlichen
Geschichte modernste Überwachungs- und Kontrollapparate als
unzuverlässig bloßstellt, macht er darauf aufmerksam, wie lohnenswert es
ist, Gespür und Intuition zu folgen: Und so kommen die Jugendlichen auf
ihrer Reise nicht nur der Lösung des Rätsels auf die Spur, sondern auch
ihrer selbst.
Schön auch, wie dieser Roman Grenzen überwindet und durch das Moment des
Übersinnlichen die Kategorien von verrückt und normal sein aufhebt.
Eine Geschichte, die Spannung und die Suche nach sich selbst miteinander
vereint und Mut zum Anders-Sein macht. Hier möchte man verrückt sein!
(Ab 14)
Erik L’Homme:
„Phaenomen“
Verlagshaus Jacoby & Stuart 2009
528 S., Euro 19,95
ISBN: 978-3-941087-39-2
Hoch

Thriller mit psychologischem Tiefgang
Kristina Dunkers
"Vogelfänger"
Von Susan Müller
Nele
und Ida, zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein können - und
doch werden sie Freundinnen. Beide tragen eine Last mit sich, mit der
sie mal besser, mal schlechter fertigwerden. Nele, eher pummelig und mit
roten Haaren, hat damit zu kämpfen, dass viele sie beschuldigen, ihren
Freund Tobias nach einem Unfall hilflos liegen gelassen zu haben. Ida
hingegen ist eine psychische Belastung nur anzumerken, doch woher die
rührt, damit rückt Ida nicht heraus. Nele fragt sie immer wieder, aber
alles läuft ins Leere. Mehr als: „Ich kann nicht darüber sprechen –
später“ lässt sie nicht verlauten
An einem gemeinsamen Campingausflug
hindert sie das nicht. Doch bald merken sie, dass irgendetwas nicht.
Kleine Ereignisse wie ein Handyklingeln mitten im Wald oder das Knurren
von Neles Hund, der sonst eher friedfertig ist, versetzen die beiden in
Unruhe. Die steigt, als klar wird, dass keiner der Jungen, die sich mit
auf dem Campingplatz befinden, dafür verantwortlich ist. Die Vorfälle
häufen sich, die Mädchen geraten in Angst. Als dann auch noch dem nahen
Umfeld der beiden ein Unfall passiert und Neles Hund verschwindet, ist
die Panik perfekt. Nun bricht Ida ihr Schweigen und erzählt von ihrem
Exfreund, der sie verfolgt und mit einer „düsteren“ Geschichte, bei der
ein kleiner Junge zu Schaden kommt, erpresst. Sie wollen nun weg von
hier; Idas Vater wird verständigt, sie abzuholen, doch zu spät: Nele
gerät in die Hände des „Vogelfängers“, der es sich zur Aufgabe gemacht
hat, Ida, sein Vögelchen, zurückzugewinnen und nur für sich und seine
Zwecke zu haben. Dafür ist ihm jedes Mittel recht. Nele erfährt dessen
Grausamkeit, bis Ida sich ihrem Ex-Freund „ergibt“. Nele wird
stinksauer, kann sie den Verrat, wie es sich für sie anfühlt, nicht
verstehen. Ihre Gefühle überschlagen sich. Doch dann erfährt Nele Idas
ganze Geschichte, und wieder einmal zahlt sich wahre Freundschaft aus.
Kristina Dunker hat mit „Vogelfänger“
einen Thriller mit psychologischem Tiefgang vorgelegt, der genau die
Gefühlswelt junger Leser trifft. Die beiden Hauptfiguren, zwei völlig
unterschiedliche Charaktere, können trotzdem zueinander und füreinander
(ein)stehen. Offenheit und Ehrlichkeit sind nicht nur Worte, sondern
verbinden Menschen wirklich - das wird durch dieses Buch eindrücklich
vermittelt. Kristina Dunker wird immer mehr zu einer festen Größe in der
deutschen Kriminalliteratur. Sie trifft den Ton jugendlicher Leser
perfekt. Kristina Dunker schreibt seit Jahren für junge Leser und hat
nie das Einfühlungsvermögen in deren Themen verloren. Diese Begabung ist
keine schöne Dreingabe, sondern ein Teil ihres Könnens. Einfühlsam und
fesselnd: „Vogelfänger“ ist ein Lesegenuss, der Gedanken anstößt.
(Ab 14)
Kristina Dunker:
„Vogelfänger“
dtv 2009
224 S., Euro 6,95
ISBN 978-3423782296
Hoch

Genau angepasst an das Alter der
Sechstklässler
Kristina Dunker: „Gemeinsam gegen den Rest der Welt“
Von Susan Müller
Jana ist mit ihrer
Familie umgezogen, dabei musste sie ihre bisher beste Freundin
zurücklassen. Diesen Verlust empfindet sie in den ersten Wochen in ihrer
neuen Schule nicht minder, denn die neuen Klassenkameraden schikanieren
die „Neue“.
Jil gehört auch in
diese Klasse, treibt den Unfug um Jana zwar nicht immer mit und ist ganz
sicher nicht damit einverstanden, aber unternimmt auch nichts dagegen.
Sie hat im Moment andere, eigene Probleme, denn Ihre bisher beste
Freundin Martina hat sich im Sommer der Klassenkameradin Annika
zugewandt, unternimmt mit ihr mehr und lästert mit dieser beispielsweise
über Jils Angst vor Pferden, was diese wiederum sehr kränkt.
Ihre Gleichgültigkeit
hat aber Grenzen, denn eines Tages gehen die Klassenkameraden zu weit,
sie übergießen Janas neues Teleskop mit Farbe. Das ist auch für Jil zu
viel und da sie ja bisher wenig eingegriffen hat, versucht sie
Schadensbegrenzung und hilft Jana den Apparat zu reinigen und wieder
nutzbar zu machen.
Nach einigen klärenden
Worten steht einer Freundschaft der beiden nichts mehr im Wege, Jil
lässt Martina ziehen und Jana hat nun eine echte Freundin in der neuen
Klasse.
Als die Klassenfahrt
ins Haus steht, sind die beiden schon unzertrennlich und bekommen ein
gemeinsames Zimmer, wenn sie es auch mit der weinerlichen Sarah und der
etwas „lockeren“ Monika aus der Parallelklasse teilen müssen. Ganz
vergessen sind die Machenschaften um Jana noch nicht, aber sie wird in
der Klasse akzeptiert.
Bei einem Ausflug
erfahren die Schüler von einem Künstler über dessen Verlust einer
wertvollen Statue, was sie zwar interessiert verfolgen, aber vorerst
nicht nachhaltig beeindruckt. Doch dann stoßen Jana und Jil auf eine
kindesähnliche Gestalt im Wasser. Jana meint, es sei eine Puppe, nur die
etwas ängstliche Jil möchte den Fundort sofort verlassen. Allerdings
lässt es beide nicht los, und als Jana zu der Überzeugung kommt, es
könne sich um die wertvolle Statue handeln, ziehen sie ihre Freunde ins
Vertrauen und wollen den „Schatz“ bergen, auf den ja Finderlohn steht.
Sarah, die ja nun mal bei jeder Gelegenheit weinen muss, soll Wache auf
dem Zimmer schieben. Um diese machen sich unsere beiden Heldinnen auch
verdient, denn als auf Sarah eine Wette läuft, wielange sie braucht, um
anzufangen zu weinen, erinnern sich die beiden an Janas Einstieg und
wollen helfen. Sie werden das „Nicht-mit-uns-Team“.
Der wertvolle Fund
entpuppt sich tatsächlich als die verschwundene Statue und unsere
Freunde verhandeln den Finderlohn, eine Ballonfahrt. Die Klassenfahrt
selbst ist ein weiterer stärkender, haltbarer Stein in der Freundschaft
zwischen Jana und Jil.
Damit aber nicht
genug, denn Kristina Dunker wählt mit viel Geschick noch eine weitere
Abenteuerkulisse, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Jil und
Jana wollen Theater spielen. Als sie einen Referendar in der
Lehrerschaft finden und die Freunde sich der Schauspielerei anschließen,
bilden sie eine Theatergruppe.
Doch bei der
Rollenverteilung treten plötzlich Probleme auf. Kristina Dunker versteht
es wieder prima, die pubertären Gefühle einzuarbeiten, wenn eben ein
Mädchen aufgibt, weil einem anderen der Vorzug für die Rolle gegeben
wird.
Das ist aber nicht alles, denn vor und hinter der Bühne geschehen
seltsame Dinge, die dem Zusammenhalt der Gruppe gefährlich werden, denn
jeder ist misstrauisch dem anderen gegenüber. Schließlich konzentrieren
sich alle auf das Mädchen mit der verlorenen Rolle. Nur stellt sich
heraus, dass diese es nicht gewesen sein kann. Jana und Jil, also unser
„Nicht-mit-uns-Team“ legen sich gemeinsam mit den Freunden einen Tag vor
der Premiere auf nächtliche Lauer, als kurz vorher ihre Requisiten
zerstört wurden. Nachdem sie nämlich in mühevoller und rekordartiger
Kleinarbeit diese nur hergerichtet haben, soll nun nichts mehr schief
gehen. Die Verwunderung ist groß, als sich herausstellt, dass das
„Phantom“ des Theaters gar kein Schüler, sondern der Kollege ihres
Lehrers ist, der auf diesen wegen dessen Freundin eifersüchtig ist und
ihm nun das Stück vereiteln will. Er hatte aber seinen Plan ohne die
Pfiffigkeit und den Mut der Kids gemacht und wird letztendlich
überführt.
Ich bin überzeugt:
Keiner der Leser möchte bei jedem einzelnen Abenteuer das Lesen
unterbrechen. Fesselnd und genau angepasst an das Alter der
Sechstklässler gelingt Kristina Dunker wieder eine tolle Mischung aus
Spannung, Humor und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Charaktere.
(Ab 11)
Kristina
Dunker:
"Gemeinsam
gegen den Rest der Welt"
Arena 2005
382 S.,
antiquarisch erhältlich
ISBN: 978-3401023762
Hoch

Verschiedene Definitionen von Liebe
Kristina Dunker: „Liebe gibt’s nicht“
Von Susan Müller
Nichts deutet darauf
hin, dass Sabine und Inga Freundinnen werden könnten. Die eine denkt
über die andere ebenso wenig Gutes wie umgekehrt. Als Inga aber ein
schluchzendes unglückliches Häufchen Elend namens Sabine in der Kirche
hocken sieht, derweil sie sich selbst vorm Regen schützen will, lässt es
sich nicht vermeiden, dass Inga beginnt, sich der traurigen Gestalt
anzunehmen. Erst nur gedanklich, dann intensiver.
Beide Mädchen könnten
unterschiedlicher nicht sein, und hier bestätigt sich der Spruch
„Gegensätze zieh´n sich an!“ Sabine leidet unter ihrem
besitzergreifenden Freund, weil ihr die Kraft fehlt sich zu wehren. Inga
dagegen wechselt nicht nur ständig ihre Haarfarbe, sondern auch die
Freunde, frei nach dem Motto: Liebe gibt’s nicht! Vollkommen resistent
ist sie dann doch nicht, denn da ist dieser süße Typ, der immer im Bus
mitfährt und ihr Glühwürmchen verschafft. Nur fehlt ihr anfangs der Mut,
ihn anzusprechen, aber sie geht für sich so weit zu behaupten, verliebt
zu sein. Inga leidet mit Sabine mit, die es nicht schafft, sich vom
herrschsüchtigen Alex zu trennen und möchte ihr eigentlich ihre eigenen
Gefühle mitteilen und gar mit ihr teilen: „Sabine hat was Besonderes an
sich ... Ich möchte mir alle Glühwürmchen raustanzen ... Sabine würde
das auch mal gut tun!“
Inga vermag es, Sabine
zu unterstützen und hilft ihr, den selbstherrlichen Alex loszuwerden.
Leider nur vorübergehend, denn eines Tages geht dieser eindeutig zu
weit. Er ignoriert einfach, dass Schluss ist und erzwingt sich Liebe –
körperliche Liebe. Inga ist für Sabine da, obwohl sie nicht versteht,
dass diese Alex nicht anzeigen will. Aber die Freundschaft der beiden
ungleichen Mädchen hält das aus. Sie treffen sich weiterhin: „Sabine ich
reite nach Süden“ – „Gut, ich komme mit!“
Und wieder einmal
schafft es Kristina Dunker, Freundschaft anders zu beleuchten und auch
die verschiedenen Definitionen für Liebe, wie man an Sabine und Inga
deutlich sieht. Aber sie vermittelt uns ebenso, dass auch verschiedene
Charaktere einander viel geben können. Einfach lesenswert.
(Ab 13)
Kristina
Dunker:
"Liebe gibt's nicht"
Beltz 1997
Antiquarisch
erhältlich
ISBN 978-3407787590
Hoch

Von innen heraus - gefühlvoll und informativ
Mouchi Blaise Ahua: „Auf der Suche nach Asyl in Deutschland“
Von Susan
Müller
Wir wissen
zwar, dass in unserem Land Ausländer leben aus den verschiedensten
Regionen der Welt, außerdem ist es uns bekannt, dass diese nicht immer
wohlwollend akzeptiert werden. Haben wir uns aber schon mal die Mühe
gemacht, die andere Seite, also die Heime der Asylbewerber, eingehender
zu betrachten?
Die
Aufenthaltgenehmigungen werden immer kürzer, den Menschen signalisiert:
Sie sind nur geduldet. Ganz schwierig wird es, wenn sie kaum deutsch
sprechen. Im Laufe der Zeit halten sie sich selbst nur noch für
„Primitivlinge“, wie in diesem Buch „Freddy“ konkret auch seine
Gefühlslage beschreibt. Er schließt weibliche Bekanntschaften, macht
aber die Erfahrung, dass er als Afrikaner besser die Meinung seiner
Partnerin zu akzeptieren hat, schließlich wurde er aus dem
unpersönlichen Asylbewohnerheim „gerettet“ und in ihrer Wohnung
aufgenommen. Nur: So entsteht eine dauerhafte Beziehung natürlich nicht.
Als Freddy
aber die wahre Liebe kennen lernt, gibt es zwar immer noch kleinere
Steine wegzuräumen, aber prinzipiell steht einer Zukunft in Deutschland
nichts mehr im Wege, er wird Vater und heiratet die Mutter seines
Kindes.
Gefühlvoll
und informativ - sehr lesenswert, wenn auch trotz der Erklärungen
manchmal schwerer verständlich, was die Gepflogenheiten der
afrikanischstämmigen Protagonisten betrifft. Das soll aber nur heißen,
dass es nicht für überfliegendes Lesen geeignet ist!
(Ab 13)
Mouchi
Blaise Ahua:
"Auf der Suche nach Asyl in Deutschland"
Aus dem Französischen von Benjamin Weber
Books on Demand 2008
152 S., Euro 9,90
ISBN 978-3837068795
Hoch

Für jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert
Ein Aufklärungsbuch: „Only for Girls“
Von
Anne Möller
„Only
for Girls“ lässt nichts aus, von den heutigen Schönheitsidealen, den
Geschlechtsorganen, über hin zur Verhütung und zum großem Thema
Frauenarzt wird alles angesprochen und präzise, sogar mit historischen
Hintergründen, erklärt und einfühlsam vermittelt. An manchen Stellen
vielleicht sogar etwas zu einfühlsam. Zwar deckt das Buch das ganze
Thema Aufklärung komplett ab und bietet sogar für den verunsicherten
Jugendlichen hinten im Buch ein Register mit Internetseiten und
Telefonnummern von Beratungsstellen für die großen und kleinen Probleme,
und auch sind besonders die Ansichten der anderen Jugendlichen
sicherlich hilfreich, um festzustellen, dass man sich nicht als einziger
so fühlt, jedoch wird sich ein annähernd aufgeklärter Jugendlicher
schnell verunsichert fühlen, dass dauernd davon gesprochen wird, dass es
nicht schlimm ist und er sich nicht verunsichert fühlen muss.
Für
jeden ahnungslosen Teenager absolut empfehlenswert, um sich dem Thema zu
nähern. Aber natürlich ist ein Aufklärungsbuch kein Sexratgeber -
einiges muss der junge Mensch schon alleine herausfinden. Jedoch für
bereits Voraufgeklärte oder selbstsichere Persönlichkeiten nicht so gut
geeignet: Es könnte der Eindruck entstehen, dass - obwohl im Buch immer
wieder erwähnt wird, dass sie normal sind – gerade sie nicht normal
sind, weil sie nicht vor Panik alles falsch machen und dem Thema offen
und schamlos gegenüberstehen.
„Only
for Girls“, das sei trotz des Buchtitels angemerkt, ist ein
Aufklärungsbuch, das auch ruhig die Jungs lesen sollten, um allgemeine
Bildungslücken über den Zyklus der Frauen zu füllen und um das
angebliche schwächere Geschlecht besser zu verstehen.
Elisabeth Raffauf:
„Only
for Girls – alles über Liebe und Sex“
264
S., Euro 12,90
Beltz 2008
ISBN
978-3-407-75340-3
Hoch

Im Test mit jungen Lesern:
Die „Bibel in gerechter Sprache“
(librikon)
Natürlich haben wir die großen theologischen und übersetzerischen Fragen
ignoriert und uns beim Lesen ganz darauf konzentriert, ob junge Leser
etwas anfangen können mit der „Bibel in gerechter Sprache“. Sofort
natürlich war es ein Vergleich: Können sie mehr damit anfangen als mit
dem, was sie sonst als Bibel kennen?
„Jeder Tag hat seine eigene Belastung.“ – sprach das mehr an als
„Plage“? Ja, so war es. Der Einstieg ist für junge Leser denkbar günstig,
wenn sie die Worte aus ihrem Leben wiedererkennen und nicht erst Bilder
aus einer fernen Vergangenheit entstehen lassen müssen. Der Schwerpunkt
auf „Gender“, auf Geschlechtergerechtigkeit, das ist ein Thema für
Ergraute, sagten unsere Teenager-Testleser, aber wir fanden alle: Das
Thema muss man gar nicht beständig im Hinterkopf haben.
Vor allem bringt
dieser Bibeltext die Dramatik zurück. Die Heranwachsenden sehen ihre
Fragen widergespiegelt. Beim Testlesen langer Passagen fanden sie, dass der Text plötzlich ganz genügt
und konnten nicht verstehen, dass Predigende, um sich Jugendlichen
zuzuwenden, anderes als die Bibel zitieren (Grönemeyer-Songs gehören da
wohl gern ins Repertoire). Plötzlich ist zu erkennen: Die Bibel genügt
ja vollauf! Stereotypen –auch von den Kirchen gut gepflegte – lösten
sich zugunsten der Verständlichkeit auf.
Barrierefrei für junge Leser,
so empfanden wir die „Bibel in gerechter Sprache“. Unser Testergebnis
für Menschen ab 13: Eine wertvolle Horizonterweiterung.
Bibel in gerechter
Sprache
Gütersloher
Verlagsanstalt 2007
2400 Seiten, Euro
29,95
ISBN 978-3579055008
Hoch

Erschreckend: Erziehungscamps
Nicht nur spannend, auch eine Anregung zum Nachdenken:
"Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen" von Johan Heliot
Von Susan Müller
Lou
ist alles andere als ein pflegeleichter Teenager. Gerade 15 Jahre alt,
hat sie nicht nur flüchtig oder zufällig die Bekanntschaft mit Drogen
gemacht, sondern dröhnt sich regelmäßig zu, und sie ist auch nicht
sonderlich zuverlässig oder fleißig. Das veranlasst Lous
Eltern zu einer drastischen Maßnahme, nämlich einem Erziehungscamp.
Schnell wird Lou bewusst, dass sie dort nicht bleiben will, ihr
verursacht nicht nur das Essen Übelkeit, sondern auch die Art des
„Ausbilders“ Patrik mit seinem selbstgefälligem fortwährenden Grinsen. Eine
ihrer ersten Begegnungen hat sie mit Erwan, der ebenfalls ein
Campinsasse, aber in Hungerstreik getreten ist, ob der Umstände im Camp,
deren Hinterhältigkeit Lou noch nicht alle durchschaut hat. Klar ist
nur: Bleiben will sie auf keinen Fall. Doch ihr Fluchtversuch misslingt.
Den Campmitgliedern ist ein Chip implantiert, der sie immer und überall
aufspürt. Lou versucht, sich danach zum Schein an die Gegebenheiten
anzupassen, bleibt aber hellwach und auf der Hut.
Die Wanderung in einer
Art Überlebenstraining kommt ihr zu Hilfe, um erneut mögliche Fluchtwege
auszuspähen. Das Team, welches eigentlich aus den Schwestern Joanna und Samia, Erwan (der sich allerdings immer noch im Streik befindet) und
ihr besteht, muss sich als erstes seine Verpflegung selbst sichern, die
von den Ausbildern irgendwo versteckt wurde. Es ist besser, man kommt
den anderen Teams zuvor, denn es gibt keine Garantieansprüche. Lou und
die Schwestern aber finden eine große Menge. Die Erleichterung
darüber währt nicht lange, denn ein anderes Team versucht, ihnen
gewaltsam die Essensrationen abzunehmen. Da naht unerwartet Hilfe,
ausgerechnet durch Erwan. Er hat es sich angeblich anders überlegt, und
sie gehen zu viert weiter, als es zu einem folgenschweren Unfall von
Samia kommt, die an einer schmalen Wegstelle rutscht und den Abhang
hinunter fällt.
Die Ausbilder haben plötzlich alle Hände voll zu tun,
damit das ja nicht publik wird, so dass sie auf nichts anderes achten. Die Aufregung legt sich auch nicht so schnell, denn der Absturz mit
seinen Folgen endet für Samia tödlich. Das ermöglicht Erwan und Lou
einen erneuten Fluchtversuch; vorher entfernen sie sich unter Schmerzen,
aber sehr tapfer ihre Chips. Als Erwan Lou gesteht, dass er Samia am
Abhang gestoßen hat, um von ihnen beiden abzulenken, ist Lou derart
befremdet, dass sie ihn einfach stehen lässt und allein weitergeht.
Während sie Schutz vor einem Gewitter sucht, beobachtet sie, wie Erwan
von den „Alten“ geschnappt wird und daraufhin vor aller Augen
Selbstmord begeht. Total geschockt, aber mit beneidenswertem Willen
schleppt sie sich weiter und trifft glücklicherweise auf einen älteren
Mann, der Lou ohne große Fragen ins Krankenhaus bringt.
Das ruft Muna,
einen Journalisten, auf den Plan, der sie sofort besucht und ihre Hilfe
braucht, um die dunklen Machenschaften im Camp aufzudecken. Er berichtet
ihr von seinen bisherigen Recherchen über das Camp und dessen Verwalter.
Das überzeugt Lou schließlich, und sie tut sich mit ihm zusammen und eine
nicht ungefährliche Jagd um die Aufdeckung der Geschehnisse im Camp
beginnt.
Sie kommt vielen Geheimnissen auf die Spur, die das, was sie vorher im
Camp erlebt hat, in einem anderen Licht zeigen. Lous
mutiger Einsatz hat viele Folgen für alle Beteiligten.
Aufregend, spannend und doch erschreckend wird uns vor Augen
geführt, welche Manipulationsmöglichkeiten es in der Zukunft geben
könnte, und zu welchen erzieherischen Maßnahmen man greifen kann (bzw.
bereits, wie aus den USA bekannt, tut). Es verschlägt einem
regelrecht die Sprache, welche Methoden angewandt werden sollen, um
Kinder aus einfachen und ärmeren Elternhäusern, die von vornherein als
potentielle Straftäter eingeschätzt werden, zu "erziehen".
Dieses Buch regt zum Nachdenken an, denn
wie der Autor sagt: „Eine verantwortungsvolle Gesellschaft hat
die Pflicht, ihre schwächsten Mitglieder nach Kräften zu
unterstützen...“ und nicht mit unzulässigen Mitteln deren Gedanken
den eigenen, auch nicht sehr viel schöneren, anzupassen oder deren
Persönlichkeiten zu unterdrücken. Und genau das versucht uns Johan Heliot, wunderbar umschrieben, durch
sein Buch mitzuteilen.
(Ab 15)
Johan
Heliot:
kaltgestellt - Kontrolle wider Willen
Aus dem Französischen von
Maren
Partzsch
Terzio 2008
223 S.,
10,90.-
ISBN:
978-3898358835
Hoch

Alle Register gezogen
Ein neuer Thriller von Ilkka Remes
Von
Andreas Drouve
Aaro,
14, besitzt ein sicheres Gespür dafür, zur falschen Zeit am falschen Ort
zu sein. Der Fund eines Ausweises führt ihn auf das Kreuzfahrtschiff
"Ocean Emerald", das im Hafen von Helsinki festgemacht hat. In der
Hoffnung auf Finderlohn will er das Dokument seiner Besitzerin
zurückgeben, doch die gehört zu einer Gruppe von Entführern, die den
Luxusliner und auch Aaro in ihre Gewalt bringen. Die Kriminellen haben
Sprengstoff an Bord versteckt, ändern auf hoher See den Kurs und folgen
ihrem ausgeklügelten Plan. Die Rechnung haben sie allerdings ohne Aaro
gemacht, den Sohn eines Anti-Terror-Spezialisten, der mit Technik und
Tricks bestens vertraut ist.
Thrill und Action lassen keine Ruhe. Der finnische Autor Ilkka Remes
zieht alle Register und hält den Spannungsbogen durchgehend zum
Zerreißen hoch. "Operation Ocean Emerald" ist ein echter Pageturner mit
überraschenden Wendungen und hohem Gefahrengrad: Die Nächte könnten kurz
werden für junge Leser ...
Ilkka
Remes:
"Operation Ocean Emerald"
Aus
dem Finnischen von Stefan Moster
dtv
2008
313
S., Euro 8,95
ISBN
978-3423713030
Ab 14
Hoch

Durchaus gefährlich
Spannend: "83Gigabyte" von Christian Grenier
Von Susan Müller
OMNIA
3 – für unsere Romanheldin, die Polizistin Logicelle, der Inbegriff
perfekter Computertechnik - doch von ihm soll eine tödliche Gefahr
ausgehen. Ein bestimmtes Programm, das nur auf ihm läuft, forderte
bereits 6 Todesopfer. Logicelles Kollege und väterlicher Freund eines
anderen Departments bittet sie um Hilfe. Eine spannende, nicht
ungefährliche Suche nach dem todbringenden Faktor, der zweifellos von
dem Programm, das von den Opfern bedient wurde, ausgeht, beginnt. Mit
viel Geschick und der Suche im Detail startet Logicelle ihre
Ermittlungen. Die Computerfirma, die großes Interesse an der Aufklärung
der Fälle hat, da sie einen Gerätefehler ausschließen möchte, stellt
Logicelle einen OMNIA zur Verfügung. Ihr jugendlicher Kollege Max, der
nicht nur an der Arbeit mit Logicelle interessiert ist, hilft ihr ebenso
wie ihr älterer Mitstreiter. Schnell wird klar, dass auch
Aufputschmittel eine Rolle spielen, die die Opfer zu längerer
Konzentration benötigen.
Eindrucksvoll wird dem Leser beschrieben, welche aufregenden und
phantasievollen Darstellungsmethoden der Computer ermöglicht und
Logicelle behutsam Schritt für Schritt vorwärts bringen. Die Sache ist
durchaus gefährlich, bis sich der Lösungsansatz erschließt, dass die
Opfer mit der Plünderung des virtuell dargestellten Schlosses in der
Realität zu tun hatten. Ihre Gier nach einem Schatz sollte ihnen zum
Verhängnis werden, denn derjenige, der dieses Programm verschlüsselt
hat, will genau diese Habgierigen seine Rache verbüßen lassen.
Logicelle selbst konnte bisher den Risiken ausweichen, aber als sie auf
das letzte Mosaiksteinchen der Lösung stößt und Max aus der Ferne um
Hilfe bittet, der dafür an ihren Computer muss, schwebt auch Max in
höchster Gefahr. Sie kommt gerade noch rechtzeitig, bevor Max dem
Computerspiel nicht mehr gewachsen ist, denn der Bediener wird mit
Geräusch- und Lichteffekten in eine Art Ausnahmezustand des Körpers
versetzt, dem dieser nichts mehr entgegenzusetzen hat und
zusammenbricht. So wie es den Opfern ergangen ist.
Der
Fall ist gelöst, der Täter, der sich für die Plünderung des real
existierenden Schlosses rächen wollte, überführt. Dem Leser bleibt die
Aufregung der so bildlich beschriebenen Aktionen auch nach Beendigung
des Buches erhalten. Er wird Zeuge dessen, was die moderne Technik über
den Tod hinaus bewerkstelligen kann, denn der Täter ist selbst bereits
vor einiger Zeit verstorben.
Für
alle Computerfans ist dieses Buch ein phantasievoller Ausflug hinter die
Kulissen, die ein Computer eigens seiner Technik und Programmierung
möglich macht. Aufregend, faszinierend und spannend zugleich erzählt
Christian Grenier die ungewöhnliche Bestrafung einer Ungerechtigkeit.
Christian Grenier:
"Drei
& achtzig Gigabyte"
Aus
dem Französischen von Maren Partzsch
Terzio 2008
190
S., Euro 10,90
ISBN
978-3898358804
Hoch

Für
unsere Zeit in unserer Welt:
"Seidenhaar" von Aygen-Sibel Celik
Von Susan Müller
Semin
ist 15 Jahre alt und verhält sich eher „untürkisch“: Kopftuch und ewige
Gebete sind nichts für sie und machen sie manchmal sogar schläfrig. Eine
Diskussion im Unterricht, die sie mit Canan, einer „Kopftuchträgerin“
führt, gibt den Ausschlag für eine Wendung in Semins Denken - Canan ist
am Tag danach verschwunden. War Semin mit ihrer unerbittlichen Meinung
daran schuld? Sie beginnt Canan zu suchen, ohne sich dass bewusst
einzugestehen.
Vergangene Tage werden in die Erinnerung zurückgerufen: Früher waren
Semin und Canan Freundinnen, das ist lange her. und doch ist es Semin
unangenehm, dass sie Fragen von Canans Familie, die ihr freundlich
gegenüber stehen, nur ausweichend beantworten kann. Nach dem Besuch vom
Koranunterricht, von dem sie sich Auskunft erhofft, trifft sie auf eine
ruhig und sachlich argumentierende Lehrerin und ein nettes Mädchen. Sie
öffnet sich ein wenig der anderen Kultur, die ja auch die ihrer Familie
ist. Als sie mit der Koranklasse auf einen Mitschüler trifft, mit dem
sie sich in einen Disput verwickelt, steht für Semin fest, sie probiert
das Kopftuchtragen aus. Ihr Vater versteht die Welt nicht mehr
„Seidenhaar“, wie er immer zu Semin sagt: ´wenn das wieder einer deiner
Scherze ist´, doch Semin macht keinen Spaß, sie geht damit zur Schule,
was nun auch für Meli, ihre beste Freundin, Grund genug ist, sich von
ihr abzuwenden. All das führt dazu, dass sich Semin mit ihren Wurzeln
und dem Glauben auseinandersetzt.
Eine
faszinierende Beschreibung über das Für und Wider, und wie sich Semin
damit beschäftigt. Ebenso eindrucksvoll ist Canans Rolle, die sich hin-
und hergerissen und dabei unverstanden und nicht ernst genommen fühlt,
weder von den Klassenkameraden noch von ihren Eltern. In diesem Zustand
taucht sie bei der Koranlehrerin unter.
Die
Charaktere von Senim und Canan sind wunderbar einfühlsam mit ihren
Denkweisen wiedergegeben, jede für sich ihrem Wesen entsprechend und
verständlich.
Schlussendlich wird wieder einmal klar: Miteinander reden, ohne auf
seinem eigenen Standpunkt zu beharren, ist ungeheuer wichtig und
richtig. Die Autorin hat es verstanden, dem Leser neue Erkenntnisse ohne
eine billige Gut-oder-Schlecht-Wertung zu vermitteln. Eine tolle
Geschichte für unsere Zeit in unserer Welt.
:
"Seidenhaar"
Ueberreuter 2007
144 S., EUR: 9,95
ISBN:
978-3-8000-5288-2
Hoch

Wie ein Kleeblatt zerfällt
In bester Thrillermanier: Kristina Dunkers „Sommergewitter“
Von
Susan Müller
Annika
ist 16 und hatte es sich so schön vorgestellt, wenn ihre Cousine Gini
mit ihrem Vater zu ihnen zieht - obwohl sie sie lange nicht gesehen hat
und nicht viel von ihr weiß. Aber Gini wird Annikas Freunden schon
gefallen! Ihre Freunde sind Steffi, Rüdiger und Jonas und gemeinsam sind
sie als unzertrennlich: Als das Kleeblatt bekannt.
Gini
verhält sicher aber bis auf ein Lächeln ab und zu sehr zurückhaltend.
Sie interessiert sich auch nicht für den Baggersee, zu dem die Freunde
bei der Hitze aufbrechen. Einzig die Geschichte, die mit einer hier
ertrunkenen Frau zusammenhängt, lässt Gini aufhorchen. Deshalb ist sie
am Baggersee dabei.
Ein
heißer Tag. Als Gini mal in die Büsche verschwinden will, verzichtet
Annika auf belehrende Bemutterung - und wird es bitter bereuen, denn
Gini kehrt nicht zurück.
Eine
verzweifelte Suche beginnt. Treibt sich ein Spanner am See herum? Ist
sie vielleicht doch zur Abkühlung schwimmen gegangen? Kann sie schwimmen
oder hat Annikas Onkel so heftig auf den Ausflug zum Baggersee reagiert,
weil sie es nicht kann?
Kristina Dunker versteht es wie schon in „Schwindel“ prächtig, die
Spannung über Ginis Verschwinden aufzubauen und zu halten. Wie viele
quälende Gedanken kann ein „Kleeblatt“ ertragen, bis er sich gegenseitig
zerfleischt? Steffis schwache Nerven suchen einen Zusammenhang zu
Rüdigers Verhalten, der zurückhaltender ist als der Mädchenschwarm Jonas
und öfter auch mal die Einsamkeit sucht. Hat er sich an Gini vergangen,
weil er sonst zu schüchtern ist und manchmal Liebespärchen bespannt?
Annika erfährt an diesem Nachmittag noch mehr über ihre besten Freund,
und manches macht sie betroffen. Doch die Sorge um Gini lässt jetzt
keine Zeit; und die Erschütterung durch eine Ausnahmesituation zeigt die
Menschen blitzartig von einer ganz anderen Seite, ohne dass gleich
Konsequenezn gezogen werden können. Das Spiel muss weitergehen, auch
ohne Glauben an eine Zukunft. Beste Thrillermanier!
Einfühlsam und nachvollziehbar erfährt der Leser, wie schnell falsche
Verdächtigungen in losen Zusammenhängen eine Freundschaft zerstören, die
bisher für unverwüstlich gehalten wurde. In Krimistimmung spüren wir,
was Vertrauen und Versprechen bedeuten. Denn Rüdiger konnte nur derart
ins Kreuzfeuer geraten, weil er Gini versprochen hatte, nichts über ihr
Weggehen zu sagen, und dieses Vertrauen wollte er nicht missbrauchen.
Die
Aufregung und die Geschichte selbst nehmen insofern ein gutes Ende, dass
… jetzt verarten wir nichts, aber doch so viel: Die langjährige
Freundschaft des Kleeblattes verträgt die Unterstellungen während der
letzten Stunden nicht. Ginis erleichterter Vater muss eine Bedingung
erfüllen, er muss die Wahrheit über den Tod seiner Frau, Ginis Mutter,
und den Zusammenhang zu der ertrunkenen Frau klären.
Atemlos fiebern wir dem Geheimnis entgegen, das die Erwachsenen bisher
nicht lüfteten.
Und
die Moral von dem Thriller: Nicht nur ein Sommergewitter reinigt die
Luft, sondern auch ein klärendes Gespräch. Würden junge Erwachsene nicht
immer und angeblich zu ihrem eigenen Schutz wie Kinder behandelt,
blieben manche Angst, Aufregung und Unsicherheit erspart, und sie kämen
nicht auf die Idee, falsche Schlüsse zu ziehen.
Wenn
auch ein Kleeblatt zerfallen ist und kein glückbringendes vierblättriges
mehr ist, ist in dieser Gemeinschaft doch endlich gesagt worden, was
sich schon länger angestaut hat und wohl gesagt werden musste.
Wieder ein absolut gelungenes und empfehlenswertes Werk mit vielen
Facetten zu dem Thema, wie ein Kind geformt und zum Erwachsenen wird.
(Ab
14)
Kristina Dunker:
Sommergewitter
dtv 2008
176 Seiten, Euro 6,50
ISBN 978-3-423-78197-8
Hoch

Blitzableiter der Familie, Modell für
einen Maler
Ivy in "Die Göttin aus der Paradise Row"
Von Susan Müller
„Göttin“ – ein Begriff bereits im Titel
des Romans, der neugierig macht. Ich verbinde diesen Begriff
mit etwas wunderbarem, außergewöhnlichem, schönem, vielleicht auch
geheimnisvollem, eben etwas Göttlichem. Doch von göttlich ist die
Romanfigur Ivy weit entfernt (anfangs), weder ihr Leben noch ihr Äußeres
sind wirklich göttlich. Wäre sie einigermaßen gepflegt, ließe ihre
Erscheinung eventuell darauf schließen, denn sie hat flammendrote Haare
und einen blassen, vornehmen Teint.
Ivy wächst in einem ärmlichen Haushalt von
Tante und Onkel mit Cousins und Cousinen auf, die wie sie,
die ja erst 5 ist, alle zum Lebensunterhalt beitragen müssen. Sie trägt deren
abgelegte Sachen und isst kein Fleisch, besser gesagt, nichts, was
einmal ein Gesicht hatte. Sie ist für die meisten der Familie der
Blitzableiter.
Doch eines Tages verläuft sie sich und
fasst Vertrauen zu der rothaarigen Frau, die ihr begegnet und ihr Orange
anbietet, so dass sie ihr schließlich folgt. Die Frau, Rotkopf-Kate
genannt, aber benutzt Ivy, um
sie zum Stehlen anzuleiten und missbraucht sie ab sofort für den
„ungeheuren großen Plan“. Manche dieser Raubzüge bereiten Ivy schlaflose
Nächte. Rotkopf-Kate gewöhnt Ivy an Laudanum, einen Opiumsaft, der
Ivy in Zukunft begleiten wird.
Da uns manche Veränderungen in Ivys Leben
verborgen bleiben, finden wir uns nach einem abrupten Kapitelschluss in
einer neuen Kulisse wieder. Der Übergang bleibt uns zwar versagt, aber
wir finden uns plötzlich gemeinsam mit Ivy wieder im Kreis ihrer Familie
und deren Fängen wieder, als der entscheidende Wandel in Ivys Leben
bevorsteht.
Oscar Frostwick, ein Maler, frustriert,
kein geeigneteres Modell für seine Künste zu haben als seine Mutter,
rennt gerade aufgebracht einem Marktjungen hinterher, als er fasziniert
innehalten muss. Seine Suche scheint eine Ende zu haben, als er sie
sieht: „Eine Göttin. Ein Engel. Eine Perle vor den Säuen.“ Ivy wird,
nicht zuletzt durch das Drängeln ihrer Familie, das Modell des Malers Frostwick. Nicht ahnend, damit die Eifersucht
von dessen Mutter derart
anzustacheln, dass diese Ivys Laudanumsucht nicht nur durchschaut,
sondern gegen sie einsetzen wird, um sie ein für alle mal loszuwerden.
Es ist schon erstaunlich, zu welchen Taten, die von überfreundlich bis
gefährlich reichen, eine Mutter fähig ist, die mit geradezu Affenliebe
an ihrem Sohn hängt.
Was aus Ivy
wird? Sie hat jetzt einen „ungeheuer großen Plan“. Das Nachwort lässt
Raum für Phantasie: „Einige der Malermodelle waren normale
Mädchen, die von der Straße kamen und deren Aussehen ihnen dazu verhalf
„Göttinnen“ genannt zu werden. Ihr Äußeres war bekannt, aber „ihr Leben
können wir uns nur ausmalen.“
Ein empfehlenswertes Buch mit historischem, nachdenklichem und
humorvollem Hintergrund.
(Ab 13)
Julie Hearn:
"Die Göttin aus der Paradise Row"
Aus dem Englischen von Christa Holtei
dtv 2007
432 S., Euro 11, 95
ISBN 978-3423712415
Hoch

Bedrückende Stimmung
Ein Psychothriller der Extraklasse
Von Andreas Drouve
Die Leiche eines Schülers in einer
Bauruine, ein mysteriöses Tagebuch auf dem Bauch. Ist Felix erniedrigt,
gequält, zu Tode geprügelt worden? Für die Kommissarin, deren Name
unbekannt bleibt, ist der Fall alles andere als Routine. Sie weiß, dass
Felix' Freunde Tobias, Heiko und Marc die Wahrheit wissen, doch die drei
streiten alles ab - bis sich die Schlinge immer fester zuzieht. Autor
Christoph Wortberg setzt schnelle Schnitte an, verzichtet auf
sprachliche Schnörkel und transportiert über die eingestreuten
Tagebucheinträge eine bedrückende Stimmung. Ein Psychothriller der
Extraklasse, samt überraschender Wendung kurz vor Schluss. Ab 13 Jahre,
vorausgesetzt, man hat starke Nerven!
Christoph Wortberg:
"Die Farbe der Angst"
Thienemann Verlag 2008
140 S, Euro 9,90
978-3522180788
Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und
Lateinamerika.
Hoch

Nicht
in die Mühle geraten
Dank Turgenev
(librikon jeunesse) Derweil die Strategen
in den Kinderbuchverlagen bei jedem Cover überlegen, ob es denn auch für
„junge Erwachsene“ (sie meinen natürlich „verblödete Kids“) geeignet
ist, derweil sie einen Fantasy-Schrott nach dem anderen so wahnsinnig
klug verpacken, sind wir doch längst bei den manesse-Büchern angekommen.
Wem die Umschläge noch zu poppig sind, der nimmt sie ab und hat ein
kleines, graues Buch in der Hand – sagen wir und empfehlen wir heiß:
Ivan Turgenev: „Aufzeichnungen eines Jägers“. Das ist Understatement und
Angeberei zugleich. Aber absetzen müssen wir uns ja von den
fehlgeleiteten Interessen der Blitzmerkersociety mit ihren lächerlich
niedrigen Bildungsansprüchen. Wir haben ja bemerkt, dass die G-8-und
anderes Durchprügler nicht einmal den Schimmer einer Ahnung haben, wer
Turgenev gewesen sein könnte. Zweifeln Sie dran? Na also.
Dass Turgenev auf dem Buch nicht Turgenjew
geschrieben wird, liegt an den Freaks unter den älteren Übersetzern, die
auf „wissenschaftlicher Transkription“ bestehen, d.h. die kyrillischen
Buchstaben möglichst genau in lateinische übertragen. Ausgesprochen wird
er Turgenjew (für die, die in einer Buchhandlung bestellen wollen). Die
„Aufzeichnungen eines Jägers“ sind ganz kurze Erzählungen, in denen
Turgenev versucht, Typisches der einfachen russischen Bauern
festzuhalten. Das war zugleich auch Kritik an den herrschenden
Verhältnissen; die Adligen lebten gut damit, die Bauern als ungehobelte
Halbprimaten anzusehen, um sie gewissenloser ausbeuten zu können – ganz
nach dem Muster, wie es die Pensionisten heute mit uns machen.
Doch Zorn beiseite: Turgenevs Jäger in dem
Buch ist ständig auf Achse, ein road movie der Extraklasse. Aus dem
Staub machen, in alle Himmelsrichtungen verwehen. Nicht in die Mühle
geraten: „Uns unterdrücken heute andere Herren; aber ohne das geht es ja
offenbar nicht. Wo es Mehl gibt, muß gemahlen werden.“ Schulhof?
Bachelor? Rentenkasse? Turgenev!
(Ab 15)
Ivan Turgenev:
"Aufzeichnungen eines Jägers"
Aus dem Russischen, mit Anmerkungen und
einem Nachwort versehen von Peter Urban
manesse Verlag 2007
704 S., Euro 24, 90
ISBN-13: 978-3717520580
Hoch

Kein
Girls' Day
Detektivin Maisie Dobbs
(librikon) Die meisten Krimihelden sind
verstaubt, die neueren etwas für Weinglasschwenker, die am Feierabend
entspannen wollen. Häuschen mit Garten und so, und sonntags den
„Tatort“, am besten noch in einem Lokal mit Gleichgesinnten….Aber da
gibt es „Maisie Dobbs“ – es ist ihr zweiter Fall, aber eigentlich der,
der zum Einstieg gut ist. Weil man etwas von Maisie Dobbs’ Vergangenheit
erfährt, wie sie aufgewachsen ist im London um 1910 und wie sie dann vom
Hausmädchen zu einer Detektivin mit eigener Detektei wurde. Da kann man
eine Frau kennenlernen, die wirklich einen selbständigen Weg gegangen
ist und nicht einen, der ihr von einer von amtswegen ernannten
Emanzipationsbeauftragten vorgeschrieben wurde. Maisie Dobbs’ Leben ist
kein Girls’ Day. Ein reicher Herr –Christopher Davenham- will seine
Frau beschatten lassen, er wittert Ehebruch (das gab es damals noch),
Maisie Dobbs nimmt die Ermittlungen auf, indem sie der Ehefrau folgt –
eine Frauenfreundschaft erwächst daraus, so dass der Fall sich schnell
lösen lässt. Es geht nämlich um Unglück und Einsamkeit. Maisie Dobbs’
Methoden sind klassisch und sehr exakt geschildert: Notizblock, alles
genau notieren, Querverbindungen herstellen. Gute Kinderkrimis kann man
gut im Hinterkopf haben, und jetzt werden sie zusammen mit einem selber
erwachsen.
Maisie Dobbs’ Grips wird durch Billy
Beales Handfestigkeit ergänzt, ein Mann, gröber als Miss Marples Mr
Stringer, aber genauso treu. Maisie Dobbs’ Welt ist vom Ersten Weltkrieg
beherrscht, und das hilft, auch in Zeiten der als notwendig gepredigten
Kriege (wie immer alle Kriege zur Notwendigkeit erklärt werden) zu
merken, wie zerstörerisch Krieg in Wahrheit ist. Wer verspricht den
Typen, die zur Bundeswehr gehen und dann nach Afghanistan, dass sie
nicht wie Mrs Davenhams Ex-Geliebter, Vincent Weathershaw, halbtot und
mit zerfetztem Gesicht aus dem Krieg zurückkommen? „Maisie Dobbs – Das
Haus zur letzten Ruhe“ ist auch ein Anti-Kriegsbuch. Zwischen all den
gescheiterten Helden tut eine wie Maisie Dobbs doppelt gut. Sie stellt
sich nicht nur hin und nennt Täter, sie übernimmt Verantwortung. Das
Gegenteil von den meisten, die im Moment die Fahnen schwenken. Mehr
Maisie Dobbs’, mehr von Maisie Dobbs!
Jacqueline Winspear:
„Maisie Dobbs - das Haus zur letzten Ruhe"
Wunderlich 2007
416 S., Euro 12,90
ISBN-13: 978-3805208192
Hoch

Die
Bedeutung des Miteinander-Redens
Josephine Kroetz' Debutroman
Von Susan Müller
"Man muss die Welt nicht verstehen, man
muss sich bloß in ihr zurechtfinden" - ein anspruchsvoller Titel für
ein Buch, das Seite um Seite bestätigt: Der Mut zu einem so vielsagenden
Satz ist gerechtfertigt, und wie absolut zutreffend er ist, wird vor den
Lesern auf erzählerisch kunstvolle Art entfaltet.
Wir befinden uns in dieser „Geschichte für
Scheidungskinder“ (so der Untertitel) in zwei Welten, die
unterschiedlicher nicht sein könnten. Das nicht nur ihres Zeitalters
wegen, sondern hauptsächlich in Bezug auf die Art, wie die Menschen in
ihnen leben. Eindrücklich wird genau dies geschildert; ein spannendes
Unterfangen, das der Autorin Josephine Kroetz gelingt. Und wie: Dem
häufigen Dilemma literarischer Werke, die auf zwei Ebenen spielen,
erliegt der Roman nicht. Man muss nicht ständig geistig hin und her
springen, in Sorge, den Faden zu verlieren und irgendwann die Lust, dem
Ganzen noch zu folgen. Nein: Josephine Kroetz versteht es wunderbar,
einerseits die Zeit im Alten Griechenland und das Heute zu teilen, aber
andererseits auch verschmelzen zu lassen.
Unsere Romanheldin Lü ist eigentlich mit
dem Leben in der Antike gar nicht zufrieden. Der Vater ist streng, und
Frauen haben keine Rechte, sondern eine Menge an Pflichten, und
Vergnügungen, wie vielleicht Theaterbesuche, sollen ihnen gleich gar
nicht vergönnt sein. Was aber, wenn genau das – ins Theater zu gehen! -
das junge Mädchen furchtbar reizvoll findet? Mit Phantasie und
Einfallsreichtum kann sich Lü, verkleidet als junger Mann, ins Theater
schleichen, nur leider kommt eines Tages der Vater dahinter. Die Strafe
lässt Lü krank werden, und ihr einziger Ausweg ist Zeus, dem sie
ursprünglich nur ihr Herz ausschütten will, der sie aber direkt als
geeignet für eine Aufgabe im 21.Jahrhundert befindet. Und ehe Lü sich
versieht, findet sie sich in dem fremden Zeitalter wieder. Sie hat
Eltern, einen Bruder und eine beste Freundin. Dass sie sich erst
zurechtfinden muss, schieben die Menschen an ihrer Seite auf einen Sturz
mit Kopfverletzung, den sie in „dieser“ Welt gerade erlitten hatte. Mit
ihrem kleinen Bruder Davinci hat sie jemanden, der sich geduldig um
Erklärungen für Lü bemüht. So fängt sie an, sich im 21. Jahrhundert
wohlzufühlen … denn das allerbeste ist, dass das Theater hier nicht
verboten ist!! Lü kann es besuchen, wann sie will, und sie lernt dort
auch noch den süßen Patrick kennen.
Leider hält die anfängliche Familienidylle
dem Alltag nicht stand, ihr Vater als Lehrer versucht einem
„Problemfall“ zu helfen, das geht für ihn nach hinten los und kostet ihn
letztendlich seinen Job. Ihre Mutter kümmert sich um die häuslichen
Belange, ihr Mann bezieht sie aber kaum ein in seinen Berufsalltag, sie
wird immer unzufriedener in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Die
Streitereien zwischen beiden werden häufiger, was sich auf die
allgemeine Stimmung daheim überträgt. Jeder versucht für sich die
Situation zu meistern. Lü hat Glück, sie bekommt für ihr Seelenheil
Hilfe der Götter. Die kümmern sich darum, dass Patrick und Lü sich
ineinander verlieben.
Lüs Mutter kehrt wieder in ihren Beruf als
Journalistin zurück. Keine Lösung, im Gegenteil. Neue Reibungspunkte,
noch mieser Stimmung. Als Lü sich ihren Kummer von der Seele schreibt,
scheinen auch die Eltern zu verstehen. Sie entschließen sich zur
Trennung, entdecken neue Werte, und auch miteinander können sie
plötzlich wieder umgehen. Lüs Aufgabe scheint erfüllt. Und damit ist
eigentlich auch klar, dass sie ins Alte Griechenland zurückkehren muss.
Ihr wird immer mulmiger, denn sie möchte sich von niemandem hier
trennen. Schon gar nicht von Patrick. Alles ist programmiert, meint man,
aber Lü wird von dem für sie verantwortlichen Gott nicht im Stich
gelassen. Als alles zu Ende scheint und ihre Aufgabe gemeistert,
ermöglicht er ihr mit einem Trick das Verbleiben im 21.Jahrhundert.
Josephine Kroetz vermag es, den Leser zu
fesseln und ihm bildlich die Gegensätze zweier Welten zu vermitteln. Sie
schiebt die Bedeutung der Kommunikation - des Miteinander-Redens -,
in den Mittelpunkt und verdeutlicht sie in den beiden, obschon so weit voneinander
getrennten Epochen. Schlussendlich ist es so einleuchtend: „Man muss
die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden“
(Ab 15)
Josephine Kroetz:
„Man muss die Welt nicht verstehen, man
muss sich nur in ihr zurechtfinden. Eine Geschichte für
Scheidungskinder“
Rowohlt 2008
204 S., Euro 7,95
ISBN-13: 978-3499623264
Hoch

Was eben wirklich schön ist- ganz weit weg
von Heidi Klum
(librikon) Das Leben hält so viel
Wunderbares bereit, von dem man dringend träumen sollte. Es hält so viel
Echtes bereit, wenn man ihm mit Persönlichkeit begegnet. Also ganz weit
weg von Heidi Klum und dem Ausverkauf aller Träume… ganz nah daran, was
das Leben wirklich goldener machen könnte: „Caffè, per favore! Die Welt
des italienischen Caffès“, ein Buch mit Photos (schwarzweiß natürlich)
von Walter Vogel. Zum In-die-Bilder-Hineindenken. Dabei sind in dem Buch
noch kurze Texte von Dichtern, die es Spaß macht zu kennen. Was eben
wirklich schön ist am Leben!
Walter Vogel:
„Caffè, per favore! Die Welt des
italienischen Caffès“
ars vivendi 2007
128 S., Euro 16,90
ISBN-13: 978-3897165076
Hoch

Der Mond, die Tiere
Silvia Schopf schreibt darüber, wie
verschiedene Völker mit dem Tod umgehen
Von Andreas Drouve
Eine Lesereise in den Tod ist das Buch
"Wie der Tod in die Welt kam" und richtig etwas für Leser ab 14! In
einer sorgsam zusammengestellten Auswahl an nacherzählten Stoffen reißt
uns die Journalistin Sylvia Schopf mit ins Jenseits, in jene andere
Welt, vor der man eigentlich gerne die Augen verschließt. Dabei sieht es
dort gar nicht so schlecht aus, wie die aus Bolivien überlieferte
Erzählung "Im Haus der Toten" nahe legt: ein Haus, aus dem Lachen und
fröhliches Rufen dringt, wo man Maisbier trinkt und es auch sonst an
nichts mangelt. Und "Bei den Totenseelen" aus Chile lässt man es nachts
so richtig krachen mit ausgelassenen Festen. Schade, dass man als
Lebender einen fürchterlichen Geruch verströmt, nicht so recht mitfeiern
kann und beim verstorbenen Partner ins Leere greift. Da freut man sich
richtig auf die Anderswelt ... "Wie der Tod in die Welt kam" ist ein
Kleinod der Kulturgeschichte, das den Zauber der alten Mythen und
Legenden verdichtet. Ingesamt acht der etwa 50 Geschichten hat Sylvia
Schopf aus Lateinamerika ausgewählt, darunter "Der getötete Tod" aus
Brasilien, der mit dem Fluch von Wubá, dem Herrscher des Todes, endet.
Ebenso lesenswert sind "Die Grille war zu schwer" (aus Ecuador), "Die
Verlockungen der Welt" (aus Brasilien) und "Wie die fünfte Sonne
entstand" aus dem reichen Erzählschatz der Azteken. Gleichnischarakter
trägt die brasilianische Überlieferung "Der Falsche wird begrüßt", bei
dem der Große Geist, der alles erschaffen hat, den Menschen ewiges Leben
schenken will. Diese jedoch sind zu ungeduldig. Sie empfangen und
bewirten den Tod in trügerischer Menschengestalt, während sie den Großen
Geist mit Nichtbeachtung strafen. Und damit ist das Schicksal des
Menschengeschlechtes besiegelt.
Die Lesehappen kommen wohl dosiert daher
und schmecken nach mehr. Interessant sind auch die mit den märchenhaften
Erzählstoffen verwobenen Sachblöcke, in denen Autorin Schopf mit Themen
wie Tieren als Todesboten, dem Schlaf als kleinen Todesbruder und dem
Mond als Sinnbild für Leben und Tod vertraut macht. Religionsethnologe
Josef Franz Thiel, vormals Direktor des Museums für Völkerkunde in
Frankfurt am Main, beschließt den sorgsam illustrierten Band mit
Betrachtungen zum "Leben danach". Was auf das irdische Dasein folgt, ist
letztendlich Glaubenssache ...
Autorin: Silvia Schopf
Titel: Wie der Tod in die Welt kam. Mythen
und Legenden der Völker
Verlag: Herder 2007
191 S., Euro 16,90
Bestellnummer: ISBN 978-3451296055
Lesealter: Ab 14
Der Rezensent ist Buchautor und Journalist mit Schwerpunkt Spanien und
Lateinamerika.
Hoch

Wieviel es bedeutet, an sich selbst zu
glauben
Kristina Dunker hat den Thriller
"Schwindel" geschrieben
Von Susan Müller
Die erste Liebe mit Schmetterlingen im
Bauch und diese Freude, die man eigentlich immer nach außen hin zeigen
möchte. Und dann die Erlaubnis der Eltern, einige freie Tage mit dem
Jungen seines Herzens zu verbringen. Das ist für unsere Romanheldin gar
nicht so selbstverständlich, nicht weil sie zu jung wäre, sondern weil
sie unter Panikattacken leidet, die sich als Schwindelanfälle äußern und
wegen denen sie auch behandelt wird.
Für alle Fälle hat sie immer ihr Tagebuch
dabei, dem sie sich in allen Lebenslagen anvertraut.
Doch was traumhaft werden soll, beginnt
schon katastrophal mit der Verspätung des Zuges, was für unsere
Titelfigur bedeutet, alle Anschlusszüge sind auf und davon. Sie redet
sich gut zu und versucht auch die Ruhe zu bewahren, als ihr Freund ihr
erklärt, sie nicht abholen zu können, da er sich verletzt hat. Mit viel
Mut und sich selbst gut zuredend, steuert sie den Weg zu Fuß an, durch
den Wald und im Dunkeln. Bei einer kurzen Rast wird sie Zeugin einer
Schlägerei, d.h. wie ein Junge verprügelt wird. Sie versteckt sich und
in ihrer Angst eilt sie auch nicht zu Hilfe, sondern hofft, nicht
entdeckt zu werden. Sofort, als die Schläger verschwunden sind, Begibt
sie sich zum Opfer und bietet ihre Hilfe an. Dies wird aber abgelehnt
und so geht sie weiter. Ihre innere Unruhe lässt sie aber nicht los, und
sie muss sich ihrem Freund mitteilen. Dessen Stimmung schlägt aber
sofort um und beunruhigt sie. Zu allem Überfluss hat sie jetzt noch
ihren Halt, das Tagebuch verloren, aber selbst als ihr Freund mit ihr
sucht als Wiedergutmachung für sein abweisendes Verhalten, bleibt es
verschwunden.
Sie lernt die Clique ihres Freundes kennen
und erkennt in ihnen die Täter, außerdem liest sie in der Zeitung vom
Verschwinden eines Mädchens. Ihr wird das alles unheimlich, aber sie
will durchhalten und erinnert sich an die Worte ihres Psychologen, der
auch eine Art Freund und Vertrauensperson für sie ist und besiegt ihre
Angst immer wieder aufs Neue. Bis ihr Tagebuch in Form von Auszügen
auftaucht und sie sich fragen muss, wem sie vertrauen kann. Steckt gar
einer aus der Clique dahinter? Wer will sie vertreiben? Und welchen
Zusammenhang gibt es zum Opfer der Schlägerei? Ist dieses gar nicht so
unschuldig? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie eines Abends über
die Leiche der Vermissten stolpert und selbst in Gefahr schwebt.
Ein unheimlich packendes Buch, von
Freundschaft, Wahrheit, Lüge und einer Reihe von Verkettungen
unglücklicher Umstände. Es ist schwer für den Leser, es aus der Hand zu
legen, bis er alle Hintergründe kennt, denn ständig geraten andere unter
Verdacht. Die Romanheldin zeigt, was in ihr steckt, wie sie ihre eigenen
Ängste besiegt und wie schnell sich die große Liebe in ein Strohfeuer
verwandeln kann. Und wie viel es bedeutet, an sich selbst zu glauben!
Sobald sie das tut und stark ist, braucht
sie die Hilfe von dritten schon bald nicht mehr so oft.
Autorin: Kristina Dunker
Titel: Schwindel
Verlag: dtv 2007
237 S., Euro 6,95
Bestellnummer: ISBN 978-3423782197
Lesealter: Ab 15
Hoch
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