Fast hundert Fabeln in
einer Sammlung – da ergibt es sich zwangsläufig, dass viel Bekanntes
einem begegnet. Und genau so soll es bei Fabeln ja sein! All die
sprechenden Tiere haben in diesem Genre ihren festen Platz, und das
Nachdenken über die Fabel schiebt dieses ständige Wiedertreffen sehr an.
In den Schulen gehört die Beschäftigung mit Fabeln zum Deutsch- und zum
Lateinunterricht, und es spricht für die Welt der Fabel, dass sie
trotzdem ihre Freunde hat. Manche sind es ein Leben lang.
Aber die Fabel als
produktive Gattung gibt es nicht mehr. In die Moderne kann auch diese
Sammlung die Fabel nicht führen. Aesop, Lessing, Fontaine, natürlich
alle Namen aus dem aktiven Wortschatz, dazu einige aus dem passiven
Wortschatz (Krylov, Etzel, Bechstein) sind in diesem großformatigen Buch
zu finden. Sprachlich wurden sie geglättet und modernisiert; keine Texte
für Philologen.
Wer noch ein Kind
auftut, dem Fabeln in der Hektik und dem Stress, den die Erwachsenen um
es herum verbreiten, die ruhige, kleine Form etwas sagen könnte, der
weckt mit „Das große Fabelbuch“ sicher schlafende Wünsche. Durch die
Kürze haben Fabeln an sich heutzutage eine Chance, auf junge Leser zu
wirken, denn damit sind sie nah dran an der Häppchenkultur. Das
Bedürfnis, sich über das Leben Gedanken zu machen, ängstigt die, die
Kinder antreiben, aber es ist eben dennoch da. Die Flucht in die
Fantasy-Welt erzählt von dieser Leerstelle, die Heranwachsende dann
durch schlechte Schinken mit, gelinde gesagt, eigentümlichen Werteskalen
füllen. Fabeln zu kennen, kann dieser Schwammigkeit wirksam etwas
entgegensetzen. Fabeln haben Sinn.
Illustriert hat dieses
Buch mit Gerhard Glück ein, nun ja, alter Fuchs im Geschäft. Zu fast
jeder Fabel ein ganzseitiges Bild, keine Spielereien, keine neckischen
Miniillustrationen, die optisch auf den Seiten herumspringen. Intensive
Farben, klare Aussage, in Bildkomposition und –anordung perfekt
modelliert; er kann es. Der Magritte-Anklang macht die Illustrationen
aber auch zur Geschmackssache, keine Jedermannskost, man stolpert auch
über die Bilder und vertieft sich in sie. Das ist sehr passend in einer
Fabelsammlung.
Das Buch in der Hand
zu halten, ist eine Freude. In klassischer, schöner Halbleinenbindung,
wie man sie vom Lappan Verlag kennt. Seit einiger Zeit wird ja jeder
Humbug in edle Hülle gepackt, so dass es einen nach der Lektüre ob der
grotesken Unpassendheit schüttelt: Aber hier passt außen und innen
zusammen.