Trypsal ist ein kleines Dorf, dem alle
Farbe und Freude verloren gegangen ist. Die Bewohner Trypsals sind
ständig in Eile und haben keinen Sinn mehr für das Schöne im Leben.
Daran sind nicht zuletzt die griesgrämigen Bürgermeister, die
Barlo-Brüder, schuld. Nur zwei Einwohner fallen in dem grauen Einerlei
auf: Marie und ihre Großmutter Frida Lupidou. Marie hat nämlich sehr
rosige Wangen und steckt voller Fantasie. Frida, die eigentlich gar
nicht Maries richtige Großmutter ist, trägt immer die schönsten und
buntesten Stoffe und jeden Tag einen anderen gewagten Hut. Marie hat
noch eine besondere Eigenschaft. Sie summt ständig eine liebliche
Melodie, von der niemand weiß, woher sie stammt. Außerdem hat sie einen
ganz besonderen Freund, den Baum Krondick. Dieser große Baum hat ein
Geheimnis, dass nur Marie kennt. Da dieses Geheimnis, ein
geheimnisvoller Schatz, aber eine Last für den alten Baum ist, muss sich
Marie zusammen mit ihrer Großmutter Frida etwas überlegen, um die
Dorfbewohner darauf aufmerksam zu machen. Doch die eigensinnigen und
habsüchtigen Bürgermeister hören auch von dem Rätsel um Schatz, sodass
die Dorfbewohner eine List anwenden müssen, um die Bürgermeister
abzulenken. Dann können sie endlich versuchen, das Rätsel gemeinsam zu
lösen und den Baum von seiner Last zu befreien.
Lisa Seltmann gelingt es mit ihrer in
übersichtliche Kapitel unterteilte Geschichte, eine detailreiche kleine
Welt zu erschaffen, die voller Fantasie steckt. Sie zeichnet genaue und
sehr liebevolle Portraits des Dorfes und der auftretenden Personen,
sodass der Leser sie förmlich vor Augen hat. Da ist zum Beispiel der
alte Mann, der hoffnungslos in Frida verliebt, obwohl er immer noch mit
seiner verstorbenen Frau spricht. Auch Frida selbst wird in allen
Facetten ihrer Persönlichkeit dargestellt und man bekommt schnell das
Gefühl, sie schon lange zu kennen. Viele Personen bekommen sprechende
Namen wie der riesige Metzger, der von allen nur der Berg genannt
wird. Und auch scheinbare Nebenfiguren finden durch eine schöne
Beschreibung Beachtung. Trotz, oder gerade wegen der Detailfülle, lässt
Lisa Seltmann dem Leser noch genügend Freiräume, um die Geschichte in
alle Richtungen weiter zu denken. Eine weitere Stärke ist die „Krondicks
Geheimnis“ innewohnende Moral, die für die Kindlichkeit und
Wertschätzung der kleinen Dinge plädiert und auch so manchen Erwachsenen
zum Nachdenken bringen kann. Diese Moral wird jedoch nie vordergründig.
Untermalt wird die Geschichte durch
ebenso gefühlvoll gezeichnete Graphiken, die der Fantasie jedoch nur
einen Anstoß liefern und nichts vorweg nehmen.
Geeignet ist die Geschichte sowohl für
Jungen und Mädchen in der Grundschule als auch zum Vorlesen für jüngere
Kindern, wobei auch der Vorlesende Gefallen daran finden wird.
Stefanie Taschinski: „Die kleine Dame“ mit
Illustrationen von Nina Dullek
Von Iris Kersten
Lilly ist acht Jahre als sie mit ihrer Familie (Vater, Mutter und
kleiner Schwester Karlchen) in das Brezelhaus einzieht. Eigentlich
interessiert sie sich gar nicht für den Hinterhof, der für Kinder zu
betreten verboten ist. Doch an ihrem Glückstag, an dem sie einen
Fotoapparat gewonnen hat, für den sich aber niemand aus der Familie
interessiert, beschließt sie, sich in eben diesem Hinterhof zu
verstecken. Dort stellt sie dann fest, dass der Hof viel größer ist als
sie gedacht hatte: Verborgen hinter einer Hecke liegt eine Blumenwiese.
Und genau dort wohnt die kleine Dame in einem Gartenzelt. Die kleine
Dame ist sogar noch kleiner als Lilly. Sie trägt einen Tropenhelm,
spricht Vorwärtzisch und Rückwärtzisch und besitzt einen Regenschirm, in
dem ein tausendjähriges Chamäleon wohnt. Wenn der Regenschirm
aufgespannt ist, ermöglicht er kleinen Dame ebenfalls zu „chamäleonisieren“
(ihre Farben der Gegend anzupassen) und sich so unsichtbar zu machen.
Auch interessiert sie sich sehr für Lillys Kamera. Das Mädchen und die
kleine Dame werden Freunde. Auf ihrer gemeinsamen „Salafari“ (Erkundung
des Gartens) entdecken sie das Geheimnis des Brezelhauses. Dabei müssen
sie stets auf der Hut sein vor dem Hausmeister, der weder Tiere noch
Kinder mag und daher mit allen Mitteln versucht, diese aus dem Hinterhof
zu vertreiben.
Stefanie Taschinski schreibt sehr bildhaft und es ist die reinste
Freude, die Abenteuer von Lilly und der kleinen Dame zu lesen. Die
Kapitel enden allerdings immer so spannend, dass es nicht unbedingt als
Bettlektüre zu empfehlen ist. Denn es ist bestimmt nicht einfach dieses
märchenhaft schöne Buch zur Seite zu legen, um in Ruhe schlafen gehen zu
können.
Ein literarisch wertvolles und spannendes (Vor)Lesevergnügen mit
farbenfrohen und liebevoll gestalteten Illustrationen für Kinder ab 6
Jahren.
Stefanie
Taschinski und Nina Dullek (Illustratorin): „Die kleine Dame“
Guy Helminger, Manuela Olten: „Eine Tasse
für Nofretete Nilpferd“
Von Iris Kersten
Guy
Helminger, Manuela Olten: „Eine Tasse für Nofretete Nilpferd“
Berlin Verlag 2010
40 Seiten, 13,90 Euro
ISBN 978-3827053534
Nofretete ist eine 4000 Kilo schwere, gemütliche, aber todschicke
Nilpferddame, die sich sowohl beim Aufstehen als auch beim Baden Zeit
nimmt. Sie isst wie ein Flusspferd (278 Eiskugeln, serviert in einem
Elefantenhörnchen von Tibor Tintenfisch, sind ein Klacks, 40 Reibekuchen
verspeist sie ohne zu kauen), liest gerne Zeitung und braucht morgens
ihre neun Liter Multivitaminsaft. Gesellschaft leistet ihr dabei ein
Wecker, der ihr Treiben kommentiert und nicht wirklich immer mit
Nofretetes Tun einverstanden ist.
Da sie nicht allzu ordentlich ist, kann sie eines Morgens ihre Tasse
nicht mehr finden und muss nun ihren Saft aus einem Eimer trinken.
Folglich macht sie sich auf den Weg zu Herbert Henkel, dem Ladenbesitzer
von „Tassen aller Art“.
Auf ihrem Weg dorthin wird sie stets von ihren Mitmenschen und -tieren
wegen ihrer massigen Körperfülle kritisiert. Dennoch lässt Nofretete
sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie bleibt freundlich, hat für alles
eine Erklärung und versucht es dabei allen recht zu machen. Aber das
ist gar nicht so einfach, denn: Geht sie auf dem Bürgersteig, behindert
sie die Fußgänger, geht sie auf der Straße, stauen sich die Autos hinter
ihr. Trotz allem verliert sie nie den Blick für das Schöne, wie zum
Beispiel die musizierenden Faultiere oder das Bilder-spuckende Lama.
Im Porzellanladen, dann, kommt es zum Desaster. Sie reißt den Türrahmen
aus den Angeln (er bleibt einfach an ihr hängen) und haut sämtliche
Regale und Tassen um. Um das Nilpferd endlich loszuwerden, schenkt
Herbert Henkel ihr ihre Herzenswunsch-Tasse: eine kleine Tasse aus dem
Regal hinter der Theke.
Gerührt von der Großzügigkeit des Verkäufers bekommt Nofretete gar nicht
mit, dass dieser kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. „Werden Sie
heute ein Glück haben, bei so viel Scherben!“ Vorsichtig nimmt sie ihre
Tasse in Empfang und geht froh gesinnt nach Hause. Es ist einfach
herrlich mit anzusehen, dass, wie groß der Schaden auch sei, Nofretete
immer das Positive im Leben sieht.
Der Wecker, unterdessen, erwartet schon seit langem Nofretetes Rückkehr.
Diese schenkt sich nun ihren Saft in die neue kleine Tasse ein und
erzählt von ihren Erlebnissen, während sie die kleinen Schlucke genießt,
„als habe sie noch nie in ihrem Leben Saft getrunken“.
Guy Helminger schreibt diesen fantasievollen Text, gespickt mit
reichlich Dialog, in einer bunten und lebhaften Sprache, die sofort Lust
macht, in die Geschichte einzusteigen.
Die liebevollen Farbillustration von Manuela Olten runden des Autors
Erzählung ab – nur so können wir sehen, wie elegant die Nilpferddame
wirklich ist. Außerdem sind die Bilder sehr detailliert, so dass bei
jedem Betrachten wieder etwas neues zu entdecken sein wird. Vor allem
gefällt mir der Wecker mit Gesicht und seinen menschlichen Eigenschaften
(erinnert ein wenig an Pimpa und seine Freunde, ein Comic des
italienischen Zeichners Francesco Tullio Altan). Letztendlich ist der
Wecker wohl als Nofretetes Gewissen anzusehen, doch wer will sich schon
von einem Wecker etwas vorschreiben lassen?
Ein Vorlesevergnügen für Eltern und Kinder ab 4 Jahren
Andrej
Usatschow: „Es lebte einmal eine Igelfamilie“
Vorlesegeschichten
Von
Brigitte Bjarnason, Hafnarfjördur
Andrej
Usatschow:
"Es lebte
einmal eine Igelfamilie in einem nicht besonders dunklen Wald", aus dem
Russischen von Simone Peil. Mit Illustrationen von Sonia Bougaeva
Herder
2008
76 S.,
14,95
ISBN:
978-3-451-70851-0
Ab 3
Der
Igeljunge Joscha lebt mit seinen Eltern, seiner frechen kleinen
Schwester und anderen Tieren in einem nicht besonders dunklen Wald.
Joscha ist
nicht dumm. Da Igel nicht schwimmen können, nimmt er Schwimmunterricht
bei einem Frosch, geht mit einer Angel zum Nüssepflücken und besorgt
sich bei den Eichhörnchen Kiefernkaugummi zum Bäumeklettern!
Immer
wieder überrascht Andrej Usatschow in seinen Geschichten mit lustigen
Pointen und lässt den Leser des Dichters Freude am Fabulieren spüren.
Und auch an der Tradition der Fabeln: Menschliche Verhaltensweisen
spiegeln sich -hier allerdings auf humorvolle Art- in den Charakteren
der Waldbewohner wieder.
Die
Übersetzerin Simone Peil hat den Text des in Russland sehr bekannten
Kinderbuchautors in eine kindgerechte Sprache übersetzt. Dazu Sonja
Bougaevas Illustrationen: Sie sind phantasievoll und einfallsreich.
Allein das farbenfrohe Cover weckt schon das Interesse an dem Buch.
Der
Igeljunge Joscha erinnert ein wenig an die Romanfigur von Michel aus
Lönneberga von Astrid Lindgren. Und so ist sind auch die Igelschichten,
frech und unterhaltsam, ein Vorlesevergnügen für Eltern und Kinder.
Ursel Scheffler: „Alle Geschichten von der Maus für die Katz“
Von
Brigitte Bjarnason, Hafnarfjördur
Ursel
Scheffler
"Alle
Geschichten von der Maus für die Katz"
Herder
Verlag 2008
172 S.,
12,95
ISBN
978-3-451-70904-3
Ab 3
In dieser
Sonderausgabe, die zwei Bände in einem enthält, gelingt es der kleinen
listigen Maus, ihr Leben durch Geschichtenerzählen zu retten. Im ersten
Teil schläft die Katze nach der letzten Geschichte tief und fest, und
die Maus kann in ihr Mauseloch verschwinden. Im zweiten Teil wird klar,
dass die Katze inzwischen süchtig nach Geschichten ist. Die dreiste Maus
kann ihr sogar kleine Geschenke entlocken, und am Ende werden sie
Freunde.
Nach einer
cleveren Einführung der beiden Hauptfiguren folgt eine Geschichte nach
der anderen. Die Themen sind vielfältig: Im ersten Teil überwiegen
Tiergeschichten, im zweiten Teil originelle Märchen von Königen,
Prinzessinnen, Räubern und Gespenstern. Den Übergang zu den Geschichten
bildet jeweils ein kurzes anregendes Gespräch zwischen Katz und Maus,
welches dem Buch einen stabilen Rahmen verschafft und die Spannung auf
die nächste Geschichte erhöht.
Die Titel
der Geschichten wecken Interesse, der Stil ist klar und verständlich.
Die Erzählungen sind unterschiedlich lang. Im ersten Band sind eher
kurze Geschichten zu finden, die manchmal etwas abgebrochen wirken.
Trotz der phantasievollen Themenpalette mangelt es stellenweise an Witz
und Leichtigkeit.
Die
Illustrationen von Barbara Mossmann und Wolf Mond geben dem Buch einen
fröhlichen Charakter und versuchen dieses Defizit auszugleichen. Ein
paar großformatige Bilder in der Art des Covers wären dabei noch besser
gewesen.
Die
Geschichten von der Maus für die Katz ist ein ansprechendes Vorlesebuch
mit vielen bunten Geschichten.
Die Rezensentin gehört als Kritikerin und
Island-Korrespondentin der Librikon-Redaktion an.