Aus dem Hebräischen
von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling
Conte 2008
230 S., Euro 16,90
ISBN:
978-3936950786
Amnon sucht nach
seiner wahren Identität: War sein Vater ein Nazi oder nicht? In den
Kriegswirren änderten Juden, wenn möglich, ihre Namen, um untertauchen
zu können. Die Existenz mehrerer Namen seines Vaters
verunsichern Amnon.
Tausend verwirrende
Gedanken drehen sich in seinem Kopf: „Vor wem habe ich Angst? Bin ich
die „zweite Generation“? Wozu ziehe ich durch die ganze Welt zu Treffen
der Kinder Überlebender? Warum kann ich das Getane, das Geschehene, die
Zahlen nicht begreifen? Bin ich Nazi oder Jude? Bin ich der Starke oder
Schwache? Bin ich der Jäger oder der Gejagte? Wer brachte Hitler an die
Macht? Ist jeder Deutsche ein Nazi?“ Auf all diese Fragen
sucht Amnon die Antwort, und dabei trifft er auf viele Personen, auf
ganz unterschiedliche Charaktere, die dieses starke Buch zusätzlich bereichern.
Zwischen den Gedanken derer, denen er begegnet, und seinen eigenen
Gedanken bewegt sich Amnon hin und her. Dass der Autor Itamar Levy, 1956
in Tel Aviv geboren,
mehrere Protagonisten in der „Ich-Form“ erzählen lässt, macht das Lesen
nicht immer einfach. „Die Legende von den
traurigen Seen“ ist ein anspruchsvolles Buch. Es verlangt Interesse am
Thema und Vorkenntnissen zum 2. Weltkrieg sowie dessen Auswirkungen und
Folgen.
Israel und
Deutschland, Juden und Nazis, Erlebnisgeneration und Nachfahren – das
sind Dreh- und Angelpunkt dieser Lektüre. Wenn man sich eingelesen hat,
ist es für junge Leser höchst mitreißend zu erfahren, welche offenen
Fragen den Menschen um seine Herkunft bewegen, warum und vor allem wie
sich Amnon mit der Vergangenheit und deren Bewältigung auseinandersetzt.
(Ab 16)
Eine verlässliche, ergreifende und empfehlenswerte Lektüre
Eine
Freundschaft in der Zeit des Nazi-Terrors
Von Susan Müller
Mirjam
Elias:
Geheimversteck Hotel Atlantic. Eine wahre Geschichte
Aus dem
Niederländischen von Mirjam Pressler
Fischer
Vlg. 2005
384 S.,
Euro 14,90
978-3596851768
„Das
Atlantic ist wie ein Schiff im Ozean des Elends“, so beschreibt ein
Untertauchler in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges das Hotel
Atlantic in den Niederlanden, und so erlebt es der Leser für die ganze
Zeit. Ronni ist
8, als alle faulen Versprechen Hitlers, die Niederlande von seinen
Kriegsspielen zu verschonen, nichtig werden. Sein Heimatland und damit
seine Familie und Freunde geraten mitten hinein. Ronni empfindet es als
schlimm, wenn seine Schulfreunde anders behandelt werden und in Angst
leben müssen, weil sie Juden sind. Er versteht die Welt nicht mehr.
Seine Eltern, die das Hotel Atlantic betreiben, machen den Wahnsinn des
Judenhasses nicht mit, und sein Vater findet Mittel und Wege, nicht
zuletzt unter dem Deckmantel des Hotels, um zu helfen. Es
berührt, wie der Leser erfährt, dass viele Leute unter den ihnen
gegebenen Möglichkeiten und unter Gefährdung der eigenen Sicherheit und
der der Familie Hilfe gewährleisten. Ronnis Schule wird geteilt, Juden
gehören ab sofort auf die Rückseite. Doch selbst oder gerade die Kinder
wollen dem Anspruch nicht genügen, ihre Freunde zu vernachlässigen oder
gar zu verleugnen. Das „Warum“ ist ja auch für die Erwachsenen nicht zu
verstehen. Sehr bewegend wird die Freundschaft zwischen Ronni und Willi
geschildert; Willi ist bei seiner Tante untergetaucht. Er wird Ronnis
bester Freund, und dieser muss dafür seine anderen Freunde
vernachlässigen, denn er darf Willi mit keinem Wort verraten und dessen
Leben gefährden oder das beider Familien. Ronni gibt Willi in dieser
Zeit viel Kraft, sie lesen, sie erzählen sich Geschichten, und immer
wieder reizt es sie, theatralisch den Tod von Wilhelm von Oranje
nachzuspielen.
Es ist
nicht Ronnis Schuld und nicht seine Unvorsichtigkeit, dass Willi eines
Tages abgeholt wird. Es ist ein Abschied für immer, wenn Ronni sich auch
an den Glauben klammert, Willi hätte sich aus den Fängen der Moffen (wie
Deutsche in den Niederlanden genannt wurden) befreien können. Die
Tatsache, nichts über Willis Aufenthalt und sein Befinden zu wissen,
dazu der Hunger, das Misstrauen und vieles mehr, lassen Ronni aggressiv
werden, er macht mit sehr wenigen Ausnahmen kaum noch Unterschiede
zwischen den Moffen und würde sie alle am liebsten totschießen. Als die
Alliierten vorrücken und Ronnis alte Freundin aus den Kindertagen,
Hanni, zurückkommt, hegt Ronni noch einmal die leise Hoffnung, Willi
habe überlebt. Bis er an einer der Aushänge für Ermordete und Vermisste
eines Tages der schrecklichen Gewissheit gegenübersteht – Willi wurde an
seinem Geburtstag in einem Konzentrationslager vergast. Ronni erfasst
eine unbändige Wut und Traurigkeit auf das sinnlose Töten. Diese tiefen
Gefühle spürt man in dem Tatsachenroman mit lebendiger und
ausdrucksstarker Wirkung als Leser mit.
Dieses
Buch aus der Sicht eines kleinen niederländischen Jungen kann den Leser
nachvollziehen lassen, wie schnell man in den Kriegsjahren erwachsen
werden musste, und dass in dieser Zeit zugefügte Wunden nie ganz
verheilen. Nie zuviel sagen und mit Umsicht tun, was man tun konnte zum
eigenen und zum Schutz der anderen. Der Verstand war überlebenswichtig,
Gefühle stauten sich irgendwie und irgendwo auf, mussten aber unter
Kontrolle gehalten werden – sie könnten sonst an der falschen Stelle
ausbrechen. Ronni lernt gute und böse Menschen kennen und mit schneller
kindlicher Auffassungsgabe diese zu unterscheiden. Die
Authentizität dieses Werkes geht nie verloren und ist in allen Details
glaubhaft, da nichts beschönigt wird. Der Leser kann sich selbst seinen
Reim auf die Verhaltensweisen der handelnden Personen machen. Eine
verlässliche, ergreifende und empfehlenswerte Lektüre über die schlimme
Zeit des Krieges, eine Zeit, die sich nie wiederholen darf.